Davos

Als man unbestiegene Gipfel noch Jungfrauen nannte und den «Sieg» der Erstbesteigung mit Flaschenwein begoss – Geschichten von den Bergen und Zauberbergen rund um Davos und von illustren Gästen, Sportlern und einheimischen Alpinheroen wie der «Reiss-Dynastie» finden sich in den vorgestellten Publikationen.

„Hier nun sahen wir mit einem Male unsern gefährlichen Gegner, den gewaltigen cover-davoser-revue-der-gipfelFelscoloss in seiner ganzen wilderhabenen, majestätischen Schönheit, und mit Bangen dachte ich daran, wie diesem unheimlichen Gesellen beizukommen wäre. Kaum dass Devouasond den Kegel ansichtig wurde, rief er Flury zu: «Floury! c’est impossible de monter par ce côté», worauf ihm Flury lachend zur Antwort gab: «Ha, ha, ha, ce n’est rien ça». Freshfield konnte sich nicht enthalten, auszurufen: «C’est un petit Matterhorn».“

Voilà. Schon wieder ein Matterhorn. Dasjenige von Davos: Corn da Tinizung auf Romanisch, Tinzenhorn auf Deutsch, 3173 Meter hoch. Der mittlere Gipfel im Dreigestirn der Bergüner Stöcke: Piz Ela, Corn da Tinizung, Piz Mitgel. Am 7. August 1866 erstmals bestiegen worden von zwei Seilschaften, die das gleiche Ziel vor Augen hatten: der Engländer Douglas William Freshfield mit seinem Führer François Devouassoud aus Chamonix, der Schweizer Emil Hauser, Mitglied der SAC-Sektion Rätia, mit den Führern Alexander Flury und Peter Jenny aus Pontresina. Im vierten Jahrgang des „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1867-68 hielt Huber die „Ersteigung des Tinzenhorns“ fest.

Unter dem Titel „C’est un petit Matterhorn“ ist von dieser internationalen Erstbesteigung die Rede in der „Davoser Revue“, die sich in der Frühlingsausgabe 2016 den Gipfeln und den Geschichten vom Berg widmet. Schöne Geschichten, zum frühen Bergtourismus, zu pfarrherrlichen Bergfahrten (wo das Tinzenhorn in einer Karikatur nochmals herausfordernd wirkt), zur Alpinistendynastie Reiss (mit ihrem berühmtesten Spross, dem Lhotse-Erstbesteiger Ernst). Und mit einem Porträt des aus Davos stammenden Kunstmalers Conrad Jon Godly – majestätisch wirken seine schwungvollen Bergbilder.

cover-davosAber Davos hat ja nicht nur ein Matterhorn zu bieten, sondern noch viel, viel mehr. Ein von Franco Item herausgegebenes, reichhaltig illustriertes Buch widmet sich auf 336 Seiten dem Kur- und Sportort, dem Kongress- und Forschungsplatz von 1865 bis 2015. Da steht alles drin, von den ersten Gästen bis zum letzten Pokal des HCD, von der Pionierskitour Arthur Conan Doyles bis zu den Kuraufenthalten bekannter und unbekannter Künstler und Dichter. Kirchner und Thomas Mann fixierten je das Tinzenhorn, der eine mit dem Pinsel, der andere mit dem Stift. Bereits auf der siebten Seite des „Zauberberg“ sagt der lungenkranke Joachim Ziemßen zum Vetter Hans Castorp, kaum dass dieser im Ort angekommen ist: „Piz Michel und Tinzenhorn in der Lücke, du kannst sie von hier aus nicht sehen, liegen auch immer im Schnee, das ganze Jahr.“

Der wird bald fallen am Tinzenhorn. Gesellen wir uns noch rasch zu den fünf Erstbesteigern, die schon fast seine allerhöchste Spitze erreicht haben. Nochmals Originalton Emil Hauser: „Auf der vierten lagerte bereits Freshfield mit seinem Führer, mich auf die fünfte, nicht weit entfernte Spitze verweisend und in etwas gebrochenem Deutsch bemerkend: «Ich habe nur die zweithöchste Spitze in Besitz genommen, die höchste gehört Ihnen.» Noch ein kurzer Moment, und die stolze Jungfrau liegt besiegt zu unsern Füssen. Ein heller fröhlicher Jauchzer verkündet das glückliche Resultat. Mittlerweile hatte sich auch Freshfield zu uns herangezogen, und lagerten wir uns bestmöglichst. Es war nahezu halb zwölf, die Kletterpartie hatte demnach gegen 4 Stunden gedauert. Unserm Proviant wurde nun ohne Schonung zu Leibe gegangen und die dritte Flasche Wein auf das bisherige Gelingen des Unternehmens geleert.“

Davoser Revue: Der Gipfel – Geschichten vom Berg. 91. Jahrgang, Nr. 1., Frühling 2016. Fr. 11.- davoser.revue@7270.ch, www.davoser-revue.ch

Franco Item (Hrsg.): Davos – zwischen Bergzauber und Zauberberg. Kurort, Sportort, Kongress- und Forschungsplatz, 1865–2015. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2015, Fr. 58.- www.nzz-libro.ch

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