Gravir les Alpes

Ein neues, interdisziplinäres Buch zur Alpinismusgeschichte. A ne pas rater!

«Dent Blanche, 1ère ascension par versant ouest – grand couloir»

Eintrag im «Carnet de courses II» von André Roch. In diesem Tourenbuch, das im Archiv des Alpinen Museum der Schweiz aufbewahrt wird, hat der Bergführer und Lawinenforscher vorne hineingeschrieben: „Les premières tout marquées en rouge“. Eine solch rot markierte Erstbegehung machte Roch am 3. August 1944 an der Dent Blanche. Aussergewöhnlich aber die Umstände, wie es dazu kam. Der Romancier und Alpinhistoriker Charles Gos beschrieb in seinem 1947 publizierten Altersroman „Notre-Dame des Neiges“ eine fast geglückte Erstdurchsteigung des Ferpècle-Couloirs in der Westwand der Dent Blanche durch die Romanhelden. Im Frühling 1944 zeigte er das Kapitel seinem Freund André Roch, der sich von dieser imaginierten Linie faszinieren liess – und sie zusammen mit Robert Gréloz und Jean Weiglé erstmals durchstieg. Wie heisst es doch: Quand la réalité dépasse la fiction – hier kletterte die Fiktion der Realität voraus.

Diese Geschichte inklusive Abbildung der Doppelseite aus dem Tourenbuch von Roch findet sich in meinem Beitrag „Les archives du Club alpin suisse ainsi que d’autres institutions et associations d’alpinisme en Suisse“, der im fast druckfrischen Buch „Gravir les Alpes du XIXe siècle à nos jours. Pratiques, émotions, imaginaires“ enthalten ist. Darin gebe ich eine Übersicht, wo was gelagert wird, wo sich neue Ansätze und Geschichten finden lassen. Touren-, Führer-, Hütten- und Gipfelbücher – ein noch kaum gehobener Fundus zum Bergsteigen an sich, zur Tourentätigkeit. Mitgliederverzeichnisse, Protokolle, Festzeitungen, Korrespondenz, Flugblätter, Fotoalben, Menukarten usw. betreffen mehr die Vereinsgeschichte. All das schlummert kaum entdeckt in den Archiven und harrt der Bestandsaufnahme.

Das clever illustrierte Buch, das auf einen zweitägigen Kongress in Salvan im Unterwallis zurückgeht, gliedert sich sechs Seillängen. Nach dem Zustieg folgen:

▲ Peinture, poésie et photographie (mit John Ruskin und Henry Wadsworth Longfellow, dem Dichter des einst vielbejubelten „Excelsior“),
▲ Entre risque et discours sur l‘authenticité (mit Touristen vs. Alpinisten),
▲ Ces femmes et ces guides qui on fait l’alpinisme (mit der Blüemlisap-Heldin Hermine Tauscher-Geduly sowie den Naturfreuden und dem Wandervogel),
▲ Alpinisme, patriotisme, fascisme (mit Schweizer Alpinisten in Bergamo),
▲ Mutations du climat, mutations des pratiques (mit einer Untersuchung, wie sich das Bergsteigen im Klimawandel in den Walliser Alpen und anderswo radikal ändert),
▲ Archives, patrimoine et mémoire de l’alpinisme (mit André Roch und Charles Gos).

Am Gipfel dann, wir kennen das, der Überblick: De l’histoire de l’alpinisme l’histoire mondiale des ascensionnismes. Sehr lesenswert wie die insgesamt 21 Beiträge.

Bref: ein kurzweiliger, hochspannender, überraschender, vielfältiger Reader zur Geschichte des Bergsteigens. Avec une légère réserve – damit ist aber nicht eine Seilreserve gemeint. Bonne lecture et bonnes courses!

Gravir les Alpes du XIXe siècle à nos jours. Pratiques, émotions, imaginaires. Sous la direction de Patrick Clastres, Delphine Debons, Jean-François Pitteloud et Grégory Quin. Presses universitaires de Rennes, Société d’Histoire de la Suisse Romande et Institut des Sciences du Sport de l’Université de Lausanne, Rennes/Lausanne 2020, € 29.-

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