Storie di montagne

Bergsport- und Hüttengeschichte(n) aus dem Ticino. Insbesondere von seinem Dach, der Adula.

«Ce refuge ne sera jamais, ne pourra jamais être le rendez-vous des membres du C.A.S. Et pourtant nous ne pouvons pas renoncer aux beautés du massif de l’Adula.»

Klare Worte von Antonio Solari, Präsident der Sektion Ticino des Schweizer Alpen-Clubs, im November-Heft 1923 der SAC-Zeitschrift „Alpina“ zur frisch eingeweihten Capanna Adula. Das Problem: Ausgerechnet an der Adula (3402 m), dem höchsten Gipfel des Tessins und auf der Alpennordseite besser bekannt als Rheinwaldhorn, war die 1886 gegründete SAC-Sektion Ticino von der Konkurrenz überholt und deklassiert worden! Schlimmer noch: Von einem linken Bergsteigerverein, der sich erst am 12. April 1919 in Bellinzona gegründet hatte: von der Unione Ticinese Operai Escursionisti (UTOE). Dass die UTOE das finanzielle Geschenk eines Mannes annahm, der in der Zeitschrift „Adula“ den Anschluss des Tessins an Italien propagandierte, während der Club Alpino Svizzero ein solches abgelehnt hatte, machte die verzwickte Sache auch nicht besser.

Am 9. September 1923 weihten die Tessiner Arbeiter Bergsportler ihre Capanna Adula ein, am 28. September 1924 die eher bürgerlich gesinnten Mitglieder des CAS Ticino. Nur: Die „linke“ Hütte liegt genau 380 Höhenmeter über der „rechten“. Sonst ist es ja meistens umgekehrt: Die SAC-Hütten befinden sich weiter oben als die Naturfreunde-Häuser, viel weiter oben. Im Tessin verlief die Geschichte des Alpinismus halt anders als in der übrigen Schweiz.

Das von Marco Marcacci herausgegebene Jubiläumsbuch „Storie di montagna – 100 anni UTOE Bellinzona“ beleuchtet diese Geschichte. Die Gründung der UTOE, die Zusammenkünfte, die Touren. Und natürlich die Hütten: nicht nur an der Adula, sondern ebenfalls am Corno di Gesero (dort wird an einem neuen Ort, am Westgrat der Cima delle Cicogne, zur Zeit eine neue Hütte gebaut, weiter oben als die alte), am Monte Tamaro. Und dann ist da noch die Capanna Albagno am Weg zur Cima dell’Uomo, schwierig zugänglich im Winter. Aber das Titelbild des Buches zeigt einen einsamen Skifahrer bei der Hütte, hoch über Alltag und Politik.

Andere Kapitel im fein illustrierten Buch beleuchten allgemeine Fragen des Bergsportes. So den Wandel des Hüttenbaus, den Einfluss des Alpintourimus auf die Biodiversität. Und Mario Casella geht unter dem Titel „Dal piombo al cinguettio“ (Vom Bleisatz zum Twitterknopf) der Frage der Mediatisierung der Berge nach. Druckerschwärze verursachten verständlicherweise auch die Capanne Adula. Im November 1924 berichtete die „Alpina“ über neue, umgebaute und geplante SAC-Hütten, darunter auf zwei Seiten über ihre Capanna Adula. Sie wird genau beschrieben, inklusive Lage und Aussicht. Aber kein Wort, dass weiter oben eine andere Adulahütte den Aufstieg aufs Dach des Tessins um eine Stunde verkürzt.

Marco Marcacci (a cura di): Storie di montagna – 100 anni UTOE Bellinzona. Salvioni Edizioni/UTOE Bellinzona, 2019, Fr. 38.-

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