Üetliberg

Der Züricher Hausberg ist kein grosses alpinistisches Ziel – und doch gibt es Alpinhistorisches zu berichten. Ein kleiner Spaziergang über vereiste Wege.

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Heute den Üetliberg bestiegen, keine grosse alpinistische Leistung, aber doch nicht ganz ungefährlich wegen der dick vereisten Wege. War einst unser Hausberg und ist es seit zwei Wochen wieder. Der direkte Aufstieg durch den Laternenweg ist steil, eine gute Trainingsstrecke. Endet beim Dürlerstein auf dem Grat, der dokumentiert, dass der Üetliberg, auch wenn nur ein besserer Hügel, doch alpinhistorisch von einiger Bedeutung ist.
Hier stürzte hinab und starb
Friedrich von Dürler
den VIII März MDCCCXL
Trauernde Freunde
setzten ihm diesen Stein.

Es war am 8. März 1840, als sich der Armensekretär Dürler an dieser Stelle seinen Alpenstock zwischen die Beine klemmte und durch die Holzschleife neben dem Weg hinunterbrauste, sein Hündchen hinterher, um eine Wette mit seinen angeheiterten Freunden einzulösen, wer zuerst unten in der Stadt im Stammcafé sein. Dürler, der «erste Tourist auf dem Tödi» endete unter einem Felsabsatz «mit eingestürzter Hirnschale». Die Taten des kühnen Junggesellen und sein Schicksal haben mich schon mehrfach literarisch beschäftigt. Ich erspare mir hier das Aufzählen von Titeln. Jedenfalls wurde auch ihm das Eis am Üetliberg zum Verhängnis an jenem kalten Märzsonntag – vielleicht auch der Wein, den er mit seinen Kumpanen im neu eröffneten Gasthaus auf dem Kulm genossen hatte.
Den Namen «Uto Kulm» übrigens haben die Zürcher damals von der Rigi entlehnt, die kleine Hochstapelei hatte den Zweck, den Üetliberg touristisch zu positionieren, sozusagen etwas höher erscheinen zu lassen als seine 869.2 Meer über Meer. Gleichfalls von der Rigi stammt der Name «Uto Staffel», wo wir im Restaurant einkehren, den lärmigen, touristisch übernutzten und zu teuren Kulm umgehen wir.
Und dabei kommen wir an einer zweiten alpinhistorischen Gedenkstätte vorbei, dem Klettergarten. Ein paar Nagelfluhzapfen, an denen sich im Sommer prächtig bouldern lässt. Neue Haken und kleine rote Pfeile zeigen, dass da noch immer Freaks am Werk sind. In den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts gab es den legendären KCÜ, den Kletterclub Üetliberg, mit so prominenten Mitgliedern wie Martin Scheel oder Roland Heer, der mir schreibt: «die damalige haupt-bedingung für einen eintritt in das klübli war seilfrei den üetlibergturm hochzuklettern.» Der heutige Turm wäre in wohl schwieriger zu meistern, aber die damaligen Freaks hätten auch das wohl geschafft. Sie stammten aus der anarcho-dadaistischen Szene der Achtziger-Jugenbewegung, die so schöne Slogans schaffte wie «Macht aus dem Staat Gurkensalat» (inzwischen verwirklicht) oder «Nieder mit den Alpen – freie Sicht aufs Mittelmeer». Allerdings war dann Scheel einer der ersten, der Routen von Sportkletterniveau in den Alpen erschloss, etwa den «Supertramp» im Bockmattli. Die legendäre Route wurde letztes Jahr auf seine Anregung hin wieder «rücksaniert» um ihren ursprünglichen kühnen Charakter wiederherzustellen. (Ich durfte sie in ihrem historischen Zustand wenigstens einmal nachsteigen.)
Das Training auf dem Üetliberg hat jedenfalls eine Szene von starken Kletterern hervorgebracht, auch von Hans Howald, dem Erschliesser der Handeck und anderer grosser Routen, weiss ich dass man ihn gelegentlich da oben an den Fingern hängend antraf.
Der KCÜ ist Geschichte, doch Roland Heer versprach mir, wiedermal mit mir heraufzukommen «und z.b. die schnudernäsli-direkte im müllerwändli zu klettern probieren (ohne mir dabei den linken mittelfinger zu zerren), oder den rollstuhlüberhang, das matterhörnli oder nur schon die normale im spinnnenwändli.» Ich freue mich drauf und werde über die Expedition berichten.
Übrigens gibt es auch direkt unter dem Gipfel Einseillängenrouten in ziemlich steiler Nagelfluh, die an der Mauer des Restaurants enden, etwa dort wo früher das Abwasser über die Felsen floss.
Bestimmt gäbe es über unsern Üetli noch mehr Bergsteigerlatein zu berichten, ich weiss von Extremkletter-Versuchen in den Sandsteinwänden der Fallätsche, und alle paar Jahre gibt es auch mal eine Bergrettung zu melden, wenn japanische Studenten oder ein Schweizer Autor (nicht ich) den Abstieg in der Dunkelheit verpassen und aus unwegsamem Gelände zu Tal geführt werden müssen. Jener Autor verbrachte mit Begleiterin offenbar eine ganze Nacht im Biwak.
Der Üetliberg ist nicht hoch, aber doch ein Hoger mit Geschichte. Im Abstieg hätten wir heute ganz gut Steigeisen brauchen können, einmal rutsche ich aus und wäre beinahe den Abhang hinabgekollert. Hätte ich dann noch den Kopf angeschlagen, hätten vielleicht auch mir trauernde Freunde einen Stein setzen müssen.
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3 Kommentare to “Üetliberg”

  1. Michi Seger sagt:

    Das Üetli-Topo. Die Nagelfluh-Routen sind mit der Zeit nicht einfacher geworden…
    http://www.jo-uto.ch/Archiv/uetliberg.html

  2. Anker sagt:

    Amici, habt ihr gesehen auf skitouren.ch?
    Ski heil, D.

    Üetliberg, 870 m.ü.M. 
    Art der Tour
    Skitour / Snowboardtour
    Region
    CH – Andere Region
    Datum der Tour
    02.02.2010
    Kartenmaterial
    LK 1091
    Gruppengrösse
    1 Person(en)
    Höhenmeter
    400 m
    Gipfel erreicht
    ja
    Routenbeschreibung
    Mit dem 13er bis Albisgüetli und von da auf dem Föhrenweg zum Gratweg hoch. Diesem nordwärts folgend bis kurz unter den Gipfel, Skidepot. Kurzer und steiler Fussaufstieg zum Gipfel.

    Dem Gratweg entlang, später parallel dazu südwärts bis zum Höcklerweg. Auf diesem in toller Powder-Abfahrt bis zum Sihlwehr auf der Allmend Brunau (P.425).
    Verhältnisse
    Die Bedingungen sind top. Genug Schnee überall, Pulver weit und breit. Schöner Winterwald.

  3. Roger Knecht sagt:

    Ab 1995 gab es für ein paar Jahre eine Renaissance auf dem Üetliberg, die von damals jungen KletterInnen mitgeprägt wurde, die auch heute noch gut im Schuss sind…
    http://jo-uto.ch/Archiv/Fotos_uetli_95.htm

    Roger

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