Wasser

Wasser ist bekanntlich zum Waschen da, aber nicht nur. Zum Beispiel auch zum Fotografieren und Philosophieren. Rechtzeitig zum strömenden Herbstregen hat es drei Wasserbücher auf den Tisch unseres Rezensenten geregnet. Da hilft kein Schirm, sie müssen besprochen sein.

„Hinter einer langsam die Schweiz überquerenden Kaltfront ist heute kühlere Meeresluft in den Alpenraum eingeflossen. In der Höhe bleibt die feuchtmilde Südströmung erhalten, nimmt aber an Stärke ab. Dadurch dauern zwar die Niederschläge in den Alpen noch an, nehmen aber an Intensität ab.“

Soweit der Bericht von MeteoSchweiz zur allgemeinen Lage vom 5. November 2014, 17.50 Uhr. Niederschläge also, in Form von Wasser und Schnee: „Schneefallgrenze bei 600 bis 900 Metern, lokal auch bis in tiefe Lagen möglich.“ Das wundermilde und blauhimmlische Herbstwetter ist weggewaschen, was bleibt sind nasse und weisse Flecken und Felder, Bäume und Berge.

Niederschläge aber nicht nur draussen, sondern auch drinnen. In Form von Büchern. Schwer wie nasse Schneeflocken. Grad rechtzeitig zum Winterbeginn. Zur Vorweihnachtszeit. Wenn die Spielwaren- und Warenhauskataloge die Briefkasten verstopfen, fast so wie die von den Bäumen gewehten Blätter die Abflussrohre. Fotobände, meist grossformatig. Nicht ganz billig, aber doch kaufbar, als Geschenk für sich selbst oder für Freunde. Präsentierbar auf dem Sofatisch, angenehm durchblätterbar, wenn das Cheminéefeuer knistert und die Regentropfen an den Fenstern kullern.

Zufall oder nicht: Wasser ist in diesem Spätherbst angesagt. Nicht nur beim Wetterbericht. Sondern auch bei der Bücherschau. Drei Bände liegen vor mir auf dem Tisch.

Cover WasserBeginnen wir unten. Unter Wasser. Michel Roggo zeigt mit vielen seiner Farbfotos eine schweizerische Wasserwelt, welche die meisten von uns kaum kennen werden, es sei denn, sie tauchten. Wir brauchen jedoch nicht auf die Malediven oder ans Rote Meer zu reisen. Auch bei uns gibt es eine faszinierende Unterwelt zu entdecken, mit Pflanzen und Tieren, Steinen und Holzstämmen. Für Karpfen Alltag, für uns Traumwelten. Wenigstens auf dem Sofa. Den Fuss oder den Arm in dieses helvetische Nass zu strecken – nur für Aqua-Erprobte.

Cover AquaAqua: So nennt Beat Presser seine jüngste Publikation. Vom Eis und Schnee in den Bergen oben bis zum Eis und Schnee am See unten. Dann nämlich, wenn die winterliche Bise den Lac Léman aufpeitscht und die Ufer mit einer Schicht gefrorenem Wasser verziert hat. Konsequent breitformatige Bilder zeigen das Wasserschloss Schweiz auf ungewohnte Art, in jedem Aggregatszustand, zu jeder Jahreszeit. In der Einführung erzählt der Fotograf, wie sein Grossvater Eduard Presser mit dem Wasser zu kämpfen hatte, als er am 1. Augst 1896 auf der Jungfrau oben Panoramafotos machen wollte – doch es war gefroren, so dass er die Bilder gar nicht hätte entwickeln können. Schade! Ein kleiner Wehmutstropfen übrigens, dass dem Enkel bei alpinhistorischen Anmerkungen ein paar Kratzer unterlaufen sind. Aber Schwamm darüber.

Cover SeeMit einem Lappen wischt ein Matrose die Bank trocken und sauber auf dem Deck eines Kursschiffes auf dem Vierwaldstättersee, in Sicht weder Passagiere noch blauen Himmel. Eine von 70 schwarzweissen, quadratischen Aufnahmen von Franz Troxler für seinen 30 x 32 cm grossen Bildband „Der geheimnisvolle See“. Was bei Roggo unter dem Wasserspiegel geheimnisvoll erscheint, bleibt bei Troxler an der Oberfläche und am Ufer, an Bord und bei den Menschen. Den Arbeitern und Touristen, ihren Maschinen und Maschen. Wunderbare Kompositionen und Schnappschüsse. Die erste Foto: aufgewühlt der See, ein paar verlorene Schilfstängel. Die letzte: spiegelglatt nun, sechs Schiffspfähle in zwei Reihen, verschwommen auch hier die Ufer, weit weg. Im Zentrum: Wasser.

Michel Roggo: wasser.schweiz – water.switzerland – eau.suisse. Vorwort von Thomas Vellacott. Werd Verlag, Zürich 2014, Fr. 59.-
Beat Presser: Aqua. Vorwort von Jürg Steiner. Till Schaap Edition, Bern 2014, Fr. 58.-
Franz Troxler: Der geheimnisvolle See. Mit einem Essay von Vera Heuberger. Till Schaap Edition, Bern 2014, Fr. 68.-

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