Zindelspitz

Am 6. Juli 1919 wurde die Sektion Zindelspitz des Schweizer Alpen-Club gegründet. Zur Feier eine kleine Erinnerung.

Zindelspitz. (Bild aus Internet)

Der Zindelspitz oder Zindlenspitz ist ein beeindruckener Berg. Matterhorn Nummer 17 auf der Liste des Berner Alpinhistorikers Daniel Anker, der weltweit Matterhörner sammelt. Eine schöne Auszeichnung also und zudem: Der Zindelspitz war Ziel meiner ersten privaten Klettertour – genau in diesem Sommer vor 60 Jahren. Ich kann also sagen, dass nicht nur die Sektion Zindelspitz ein Jubiläum feiert, sondern auch ich mein ganz privates Zindel- oder Zindlenspitz-Gedenkjahr.
Es war also im Sommer 1959, mein Freund Hansruedi Horisberger und ich strampelten an einem Samstag mit dem Velo ins Wägital. Zum ersten Mal, unendlich viele weitere würden folgen. Aber das wussten wir ja noch nicht.
Hansruedi und ich kennen uns seit dem ersten Schultag der ersten Klasse in Gibswil im Zürcher Oberland. Ich erinnere mich gut, da sass ein Fremder Bub, sprach eine seltsame Sprache, die keiner so richtig verstand. Es war Berndeutsch. Bis zur zweiten Sek gingen wir in die gleiche Klasse, verstanden uns bestens, waren dicke Freunde geworden. Dann trennten sich unsere Wege – und fanden sich wieder zu unserer ersten Expedition ins Wägital zum Zindelspitz.
Beide hatten wir einen Kletterkurs besucht, er bei der IO Zimmerberg, ich bei der IO Bachtel. Das Leben hatte uns geografisch getrennt, aber die aufkeimende Leidenschaft für die Berge hatte uns wieder zusammengeführt. Wir waren Lehrlinge, wir hatten kein Geld und auch sonst nicht viel.
Auf der Alp Hofläsch krochen wir ins pampige Heu, so wie später unzählige Male auf der Schwarzenegg, wir froren, bekamen vielleicht ein bisschen Milch von den Älplern zum Frühstück, am Morgen lag dichter Nebel. Das störte uns aber überhaupt nicht, und ich wundere mich noch heute, wie wir den Nordgrat des Brünnelistocks fanden. Denn nicht bloss der Zindelspitz sollte es sein, sondern eine Überschreitung, so wie wir das von den zünftigen Alpinisten in den Bergsteiger-Abenteuerbüchern gelesen hatten. Brünnelistock Nordgrat, Schwierigkeitsgrad 1, dann über den Rossälplispitz zum Zindelspitz. Nicht gerade der Peutereygrat, aber alle Grossen haben schliesslich klein angefangen.
Hansruedi hatte ein Hanfseil aufgetrieben, wir banden uns um den Bauch an mit dem im Kletterkurs gelernten Spirenstich, sicherten über die Schulter ohne Selbstsicherung. Ich kletterte mit Vaters Militärschuhen aus dem Aktivdienst, Hansruedi mit ähnlich abenteuerlichem Schuhwerk. Schwer kam uns der Grat nicht vor, vor dem Tiefblick bewahrte uns der Nebel. Hinüber zum Rossälplispitz gab es dann glaube ich ein Weglein, und auch auf den Zindelspitz wanderten wir am kurzen Seil, wie im Kletterkurs gelernt.
Der spitze Gipfel des Zindlen war in dichten grauen Nebel gehüllt, Aussicht unter Null. Ein paar Leute sassen oben und ich erinnere mich noch, dass einer ein seltsames blechiges Gerät dabei hatte. Er behauptete, das sei ein Lauschgerät und sie hätten uns damit belauscht durch den dicken Nebel hindurch. Jedes Wort und jeden Furz hätten sie gehört. Wir machten verdutzte Gesichter und die Gruppe lachte uns aus. Später habe ich einmal Miltitärdienst mit den Wettersoldaten gemacht, da sah ich, dass das so genannte Lauschgerät der Sender eines Wetterballons war, den die feinen Kerle gefunden hatten. Die machten sich auch noch lustig über unser Hanfseil, das vielleicht nicht gerade der aktuellen Sicherheitsnorm entsprach. Beleidigt zogen wir ab und beschlossen, in Zukunft nur noch auf Berge zu klettern, auf die kein Weg führt, dort würden wir bestimmt nicht mehr so blöden Typen begegnen.
Als nächstes Ziel bot sich das Bockmattli an. Wir begannen mit der Südwestverschneidung am kleinen Turm, der Normalroute am Grossen, dann Westriss-Westkante und am Ende kletterten wir fast alle Routen, die es damals gab. Nur auf dem Zindelspitz war ich nie mehr.
Bald gab es Ärger mit der IO. Dass wir nur noch privat kletterten, passte meinem Leiter nicht. Die ausgeliehene Ausrüstung, Seil und Pickel, musste ich abgeben. In einem Sommer, wir waren ja schon Extremkletterer mit Nordwanderfahrung, hiess es dann: entweder kommst du jetzt mit auf IO-Touren, oder wir schmeissen dich raus.
Ich meldete mich also an für den Ringelspitz, Matterhorn Nummer 249 auf der Ankers Liste. Eine schöne Tour bei prächtigem Wetter, auf der wir einer Bündner Kletterfamilie mit einer netten Tochter begegneten. Aber das ist eine andere Geschichte. In der IO jedenfalls konnte ich bleiben.

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