Zu Fuss

Geht wirklich alles besser, wenn man geht? Zwei Bücher geben uns Antworten: Ob es den armen Bündner Kindern im Schwabenland wirklich besser ging als Zuhause. Oder dem Homo erectus aus Ostafrika, nachdem er bis China gewandert war. Das Gehen auf zwei Extremitäten scheint übrigens wieder aus der Mode zu kommen. Wer geht denn noch ohne Wanderstöcke – ob’s damit besser geht, ist allerdings umstritten.

ZuFuss„Die weite Teile Afrikas besiedelnden Clan-Mitglieder der Art Homo ergaster und der Art Homo erectus, waren offenbar nicht nur gewohnheitsmäßige Fußgeher, sie erweisen sich rückblickend auch als ausdauernde Wanderer und Langstreckenläufer. Vor ca. 1,9 bis 1,5 Mio. Jahren entschlossen sich Gruppen dieser beiden Spezies, die wohl bereits mit dem Feuer umgehen konnten, ihre angestammten Lebensräume in Ostafrika zu verlassen und andere Gegenden zu erkunden. Zwar wissen wir nicht warum, wissen nicht, ob sie wirklich die ersten Migranten, und auch nicht, wie viele sie waren; aber wie enorm weit ihre Füβe trugen, ist hinlänglich erforscht: bis nach Indonesien, Zentralasien und China – eine Strecke von mindestens 13‘000 km. In einem Höhlenkomplex bei Beijing geborgene, ca. 780‘000 Jahre alte Knochen von mehr als 50 Angehörigen der Art Homo erectus zeugen davon.“

Das sind also unsere Vorgänger, wenn wir weitwandern. Heute meist freiwillig. Aber damals? Einst ging man zu Fuss, weil man musste. Weil es ganz einfach kein anderes Transportmittel gab. Ausser vielleicht Flosse und Schiffe. Doch das war später. Früher hingegen war der Übergang vom Vier- zum Zweibeiner passiert. Der Homo erectus, der Name sagt es ja, ging schon aufrecht. Seine Vorgänger wiederum hatten die Vorteile des Gehens auf zwei Extremitäten gelernt. So weit sind wir fast schon wieder, dass wir das Gehen lernen müssen. Der im Büro arbeitende Homo sedens bringt es gerade mal auf 500 bis 600 Schritte täglich, macht umgerechnet ungefähr 400 m. Wie schrieb doch Johann Gottfried Seume, bekannt geworden durch seinen „Spaziergang nach Syrakus“, im Reisebericht „Mein Sommer 1805“: „Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste (…) und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge.“

Gehen also. Wer sich dafür interessiert, wird in Johann-Günther Königs Geschichte des Gehens viel erfahren. Der Titel des Taschenbuches ist ganz simpel: „Zu Fuß.“ Von der Frage, wie das Zufußgehen überhaupt geht, bis zur Feststellung der heutigen festgesessenen Zeit werden einige Jahrtausende Menschheitsgeschichte erzählt, mit Schwergewicht auf „1900 Jahre fast nur zu Fuß“, das heisst auf die Zeit von den Römern bis zu den Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg, die kilometerweit marschieren mussten, wenn sie nicht in den Schützengräben festsassen. Etwas zu kurz kommt das freiwillige Gehen, die Geschichte des Wanderns um seiner selbst willen. Dazu gibt es freilich schon einige gute Untersuchungen. Und wir dürfen uns freuen auf weitere Werke: Die Strollology, auch Spaziergangswissenschaft oder Promenadologie genannt, beschäftigt sich „mit der Wahrnehmung der Umgebung während eines Spaziergangs und untersucht u.a. die aus geographischen Kenntnissen, Werbematerialen und Lesefrüchten gebildeten Konstrukte, die während eines Spaziergangs im Kopf abgerufen werden.“

Cover Schwabenkinder-WegeKein Spazieren, kein fröhliches Wandern war das Gehen der sogenannten Schwabenkinder. Über Jahrhunderte hinweg zogen sie zu Tausenden aus Vorarlberg, Süd- und Nordtirol, Liechtenstein und Graubünden ins Schwabenland. Kinder armer Familien wanderten jeweils im Frühling in die Gebiete nördlich des Bodensees aus, um dem Hunger daheim zu entrinnen und um als billige Knechte und Mägde auf den grossen Betrieben zu arbeiten. Wie Elmar Bereuter, Autor des Wanderführers „Schwabenkinder-Wege Schweiz und Liechtenstein“, schreibt, kannten „die Begleitpersonen der Schwabenkinder keine Landkarten oder gar Navigationssysteme, sondern hatten die Routen ‚im Kopf‘, hielten sich an Wegbeschreibungen oder fragten sich notfalls durch.“ Mit seinem Werk haben wir Nachgänger nun ein vorbildliches Buch in Händen, mit dem wir gleich Dreierlei kennenlernen. Die lange Zeit verdrängte, oftmals traurige Geschichte der Schwabenkinder, ihre Wege von der Surselva, dem Rheinwald und Oberhalbstein bis nach Bregenz, sowie Sehens- und Wissenswertes am Wegrand. Gehen, wir ahnen es, ist nämlich mehr als einen Fuss vor den andern setzen.

Johann-Günther König: Zu Fuß. Eine Geschichte des Gehens, Reclam, Stuttgart 2013, Fr. 17.90.
Elmar Bereuter: Schwabenkinder-Wege Schweiz und Liechtenstein, Rother Wanderführer 2014, Fr. 20.90.

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