Alte und neue Wege in den Alpen

Zwei Wanderbildbandführer mit überraschenden Inhalten. Auf geht’s, Mädels und Jungs!

«An der Mündung des Val Maroz öffnet sich der Blick auf die graue Betonsperre des Albignasees und die schroffen Granitzacken der Bergeller Berge. Drunten in Casaccia warten wir aufs Postauto, das mit dem Dreiklanghorn. Hoffentlich hält sich der Chauffeur an die in zwei Sprachen formulierte Aufforderung an einer Hauswand im Ort: „Al passo – Schritt fahren!“. Bei Nichtbeachtung droht eine Buβe von „Fr. 2 a 5“. Gute alte Zeit!»

Der Septimerpass zwischen Bivio im Oberhalbstein und Casaccia im Bergell ist einer der vier Römerwege, die Eugen E. Hüsler für seinen jüngsten Bildbandführer ausgewählt hat. In „Alte Wege in den Alpen. Auf den Spuren von Ötzi, Säumern, Kriegsherren und Pionieren“ geht der im bayerischen Dietramszell lebende Zürcher 59 Wegen und Strassen aus sechs Epochen nach, immer mit einem fundierten Einführungsteil und dann mit verlockenden, oft überraschenden Touren zum Nachwandern und Nachfahren. Fein illustriert, teils auch mit historischen Abbildungen. Und wie immer souverän, der Eugen kann halt schreiten und schreiben.

In der Frühzeit nimmt uns Hüsler mit zum Ötzi: Achteinhalb Stunden dauert die Rundtour von Vernagt im Schnalstal zum Ötzi-Gedenkstein (Fundstelle), aber zum Glück wartet unterwegs die Similaunhütte. Die Römerzeit erleben wir auch auf dem Col de Clapier (wenn denn Hannibal mit seinen Elefanten wirklich dort die Alpen überquerte – doch die Wanderung lohnt sich allemal). Im Mittelalter warten in der Schweiz bekannte Pässe, eine Wallfahrtskapelle und die Bisse du Ro, in der Neuzeit der historische Klettersteig Pinut am Flimserstein. Der Erste Weltkrieg findet mit dem Giro del Braulio am Stilfser Joch ein paar Schritte ennet Helvetia statt. Und dann ist da noch die moderne Zeit mit Touristen und Ingenieuren. Und mit Major Gianola, der in den 1940er Jahren die abenteuerliche Via della Variante in die Westflanke des Monte Generoso bauen liess.

63 Bergwanderungen und drei Skitouren in den Schweizer Alpen stellen The Alpinists vor. Das ist „ein Kollektiv von elf jungen Freunden, die ihre Leidenschaft für Natur und Abenteuer verbindet“, wie es in der Einleitung ihres gemeinsam herausgegebenen Bildbandführers heisst. Und fürs Fotografieren! Denn das Besondere an „Lost in the Alps. Wanderungen durch atemberaubende Schweizer Bergwelten“ sind weniger die ausgewählten Touren, obwohl es durchaus mehr als eine Handvoll Geheimtipps gibt. Sondern die oft wirklich atemberaubenden Fotos, die uns auch abgelaufene Routen wie den Fünf-Seen-Weg ob Zermatt in neuem Licht erscheinen lassen. Denn erstens sind die Jungs nicht einfach bei wolkenlosem Himmel tagsüber unterwegs, nein, sie bevorzugen ungewöhnliche Verhältnisse im Tagesverlauf, beim Wetter und im Gelände. Zudem können The Alpinists auch mit Drohnen umgehen. Das Ergebnis lässt sich bestens sehen. Im Graubünden warten 19 Touren, im Berner Oberland 12, im St. Gallerland und Alpstein 11, im Wallis 7, im Tessin 5, in den Freiburger Alpen 1 und in den Waadtländer Alpen keine. Damit wir nun aber dem Buchtitel nicht Folge leisten, findet wir mit dem QR-Code direkt oder über die Seite thealpinistsproject.ch/lost-in-the-alps die vorgeschlagenen Wege. En route, mes amis!

Eugen E. Hüsler: Alte Wege in den Alpen. Auf den Spuren von Ötzi, Säumern, Kriegsherren und Pionieren. Bruckmann Verlag, München 2020, Fr. 41.50.

The Alpinists: Lost in the Alps. Wanderungen durch atemberaubende Schweizer Bergwelten. AT Verlag, Aarau 2020, Fr. 40.-

Ein Kommentar to “Alte und neue Wege in den Alpen”

  1. T.M. sagt:

    So öppis interessiert mich immer: alte Wege. Da sucht man sprichwörtlich selbst noch nach den letzten verrosteten Hufnägeln …

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