Neuste Bergromane

Was lässt sich an einem verregneten Wochenende machen? Lesen natürlich! Zum Beispiel neue Romane, in denen Berge wichtig sind. Irgendwie.

«In Gedanken wusste ich, wie ich auf der Platte das Gewicht verlagern musste, wie ich mich aufwärtsschieben konnte, unter Ausnutzung von Buckeln und Mulden. Aber an der Felswulst endete meine Vorstellung. Ich konnte mir keine Bewegung denken, die zu dieser Stelle passte. Aber hinunterfallen würden wir nicht. Das redeten wir uns ein. Vito und ich.»

Und dann passiert es doch. Einer der beiden Schulfreunde fällt beim Hinaufklettern an ihrem Felsen im Elbsandsteingebirge. Nicht der Ich-Erzähler. Er schafft es mit viel Glück, über der Felswulst einen rettenden Griff zu erhaschen. Vielleicht hätte es Vito auch geschafft. Wenn er von diesem Griff gewusst hätte. Aber er verliert das Gleichgewicht. Und in der Folge ein Bein. Von diesem das Leben prägenden Kletterunfall erzählt der in Dresden geborene, in Zürich lebende Autor Thilo Krause im Roman „Elbwärts“.

Jahre später nach dem Sturz – die DDR ist inzwischen bachab gegangen – kehrt der Erzähler zusammen mit Frau und Tochter zurück ins Heimatdorf im Felsland der Sächsischen Schweiz. Doch der Versuch, an den Kindheitsorten ein neues Leben aufzubauen, gelingt nur halb. Und dann kommt noch eines der gefürchteten Elbehochwasser, und die sechs Seiten, auf denen der Erzähler in der braunen Brühe schwimmt und nach Fixpunkten taucht, gehört zum Eindringlichsten in diesem Roman. Das muss der Autor erlebt haben, sonst lassen sich kaum die richtigen Worte finden. Gilt übrigens auch für die Passagen zum Klettern, gerade im Sandstein, wo man sich oft über Wülste emporschieben muss.

«Balz und Dobler fuhren hinunter zum Urwald. Sie wählten einen Weg, der in die Tiefe der Bestände hineinführte. Auf einem Trampelpfad, den offenbar Forscher und Förster oder geführte Gruppen immer wieder gingen, liess sich sicher gehen. Dann versank der Weg zunehmend im Wald und wurde immer schmäler. Nun durften sie keinen Schritt mehr machen, ohne auf den Boden zu schauen.»

Autor Andreas Iten kennt sich aus. Der ehemalige Gemeindepräsident von Unterägeri, Zuger Regierungsrat und Ständerat war acht Jahre lang Vorsteher des Forst- und Fischereiamtes des Kantons Zug. Wenn er sein Werk „Der Förster“ als „ein Waldroman“ untertitelt, dann weiss er bestens, wovon er spricht. Beziehungsweise die Hauptfigur Balz Regli, der auf einem kleinen Heimwesen aufwuchs und dann gegen den Willen seines Vaters Förster wurde. Einer, der den Wald in seinem gebirgigen Schwyzer Revier nach eigenen Vorstellungen und neuesten ökologischen Erkenntnissen hegen und pflegen will. Was nicht allen passt. Auch nicht seiner Frau, die ihm vorwirft, er liebe die Bäume mehr als sie. Andere Frauen aber lieben Balz gerade wegen dieser Zuneigung. Was wäre ein (Wald)roman ohne Liebesgeschichten? Ganghofer 2.0 notierte ich nach der Lektüre von Itens jüngstem Streich.

«Sie fuhr los. Die Schwünge gelangen ihr prächtig. Sie tanzte. Alles war easy.
Zu easy.
Plötzlich hängte sie mit ihrem Ski an einer Eisscholle unter dem Neuschnee ein, verlor kurz das Gleichgewicht, musste Oles Spur verlassen, erkannte eine Gletscherspalte auf der linken Seite, drehte rechts ab, sah jedoch, dass auch hier eine Spalte war. Doch zum Glück geb es eine Schnee- und Eisbrücke, sie fuhr darüber – und brach ein.
Sie stürzte. Sie schrie.»

Was wär eine Berg- und Skiroman ohne dramatische Szenen? Langweilig wohl. Das ist „Wölfe“, nach „Alpsegen“ der zweite Roman mit der Basler Reporterin Selma Legrand-Hedlund, keineswegs. Diesmal lässt Philipp Probst, Autor, Journalist und Chauffeur bei den Basler Verkehrs-Betrieben, seine Heldin in Engelberg recherchieren. Freiwillig zuerst eine Story über die schwedischen Freerider am Titlis, wobei man bzw. frau schon mal in eine Spalte fallen und knapp einem Schneebrett im Traumhang Laub entkommen kann. Dann unfreiwillig eine Wolfsgeschichte, die zu märchenhaft erzählt wird, passend indes zur Vorweihnachtszeit in Engelberg. Und dann ist da natürlich noch die Vergangenheit ihrer Familie, die Selma, die Halbschwester und die Mutter in Atem und Tränen hält. Aber ob es endlich wirklich funkt zwischen Selma und ihrem besten Freund Marcel? Die Fortsetzung wird es hoffentlich zeigen.

«Mein Vater hat als junger Mann sämtliche Felsabstürze am Fuβ der Jungfrau bestiegen, der Gipfel selbst hat ihn nicht interessiert. Er hat mir vom freien Spiel der Winde, von Licht und Schatten erzählt. Und wie ihn das bewältigte Risiko mit neuen Kräften versorgt habe. Der Schwarzmönch verbinde ihn mit etwas, das gröβer sei als er selbst. Mein Vater war überzeugt, Erdmeridiane und Kraftorte zu spüren und ihre Störungen erkennen zu können. Vielleicht hielt er sich für einen Auserwählten. Ein schwarzer Mönch. Und wir haben ihn zu Hause ausgelacht, wenn er beim Abendessen davon schwärmte.»

Eine – möglicherweise: seine – Familiengeschichte erzählt der Berner Autor Tom Kummer, vor zwanzig Jahren wegen fingierter Interviews in die Schlagzeilen geraten, in seinem Roman „Von schlechten Eltern“. Ich-Erzähler Tom fährt nachts internationale Führungskräfte und afrikanische Diplomaten durch die Schweiz, gerne auch über Passstrassen. Er hat seine Frau verloren und den älteren seiner Söhne in Los Angeles zurückgelassen. Dem jüngeren versucht er ein guter Vater zu sein, was ihm nicht nur wegen seines Jobs schwerfällt. Und dann kommt der Sohn zurück und wird von Vater und Bruder in Zürich abgeholt, im luxuriösen Mercedes natürlich. Ausschnitt aus dem Gespräch im Auto:

«Wir fahren in die Berge!
Ja.
Wohin?
An einen Bergsee. Lasst euch überraschen.»

Es ist der Totensee auf dem Grimselpass. Auf dem Cover des Romans ist der untere Bachsee bei Grindelwald-First abgebildet, mit Vater und Sohn am Ufer, Hände haltend; im Hintergrund Wetterhorn und Berglistock, umwölkt. Auf der Rückseite die gleiche Landschaft, nur seitenverkehrt. Und ohne die beiden Figuren.

Thilo Krause: Elbwärts. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2020, Fr. 31.-
Andreas Iten: Der Förster. Ein Waldroman. Bucher Verlag, Hohenems 2020, Fr. 20.-
Philipp Probst: Wölfe. Die Reporterin in Engelberg. Roman. Orte Verlag, Schwellbrunn 2020, Fr. 34.-
Tom Kummer: Von schlechten Eltern. Roman. Tropen, Stuttgart 2020, Fr. 31.-

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