Baden und trinken, essen und sein in den Bergen

Ein Aufenthalt in einem Kurbetrieb oder Hotel: Das ist gerade im Bündnerland angesagt. Mit passender Lektüre – wie denn sonst?

«Mein Schatz. Ich bin in voller Cur, badete bisher täglich 1 mal, künftig 2 Male, und trinke 1½ Mass St. Moritzerwasser. (…) Ich hoffe, dass das Bad nützen werde, aber ich glaube nicht an dauerhafte Besserung meines fliegenden Übels.»

Be(r)ichtete am 21. August 1802 Johann Baptista von Tscharner seiner Frau in einem langen Brief von seinem Kuraufenthalt in Bad Alvaneu im Bezirk Albula in Mittelbünden. Wahrscheinlich wird die Kur mit Baden und Trinken nicht viel genützt haben, weil der Kurgast offenbar ja nicht daran glaubte. Vielleicht waren die täglich zwei Liter eisenhaltigen St. Moritzer Wasser nicht wirklich bekömmlich; allerdings gefiel Herrn von Tscharner der Wein auch nicht, wie er schreibt. Bestimmt würde es ihm heute besser gefallen in Bad Alvaneu. Auf der Homepage lesen wir: „Schwefelhaltige Quellen, wie sie in Alvaneu Bad vorkommen, gehören zu den bedeutendsten Heilquellen. Schwefel ist an vielen lebenswichtigen Prozessen des Stoffwechsels beteiligt. Schwefelbäder eignen sich zur Behandlung von rheumatischen Erkrankungen, Hautleiden, Kreislaufstörungen, Verdauungsstörungen wie auch von Leberkrankheiten.“

Kuren hat im Graubünden eine jahrhundertalte Tradition. Davon erzählt Karin Fuchs in „Baden und Trinken in den Bündner Bergen. Heilquellen in Graubünden 16. bis 19. Jahrhundert“. Das üppig illustrierte Buch bietet einen umfassenden Überblick zur Geschichte der bündnerischen Mineralquellen und Bäder und beleuchtet das Thema aus naturwissenschaftlicher, ökonomischer und gesellschaftlicher Perspektive. Da gibt es Bäder, die bis heute florieren, wie eben Alvaneu oder Vals. Von andern ist bloss ein Name auf der Landeskarte übrig geblieben, wie Bad Fideris im Prättigau. Dort gab es eine gedeckte Kegelbahn und natürlich die Promenade – man und frau konnten ja nicht den ganzen in der Badewanne bzw. im Bett liegen und gesundes Wasser trinken… Mit dem Werk von Karin Fuchs tauchen wir ein in den Medizintourismus von einst bis jetzt. Ein bebilderter Katalog listet alle als heilkräftig beschriebenen Quellen Graubündens auf. So auch das ominöse Kaltbad am Wepchen, das irgendwo zwischen dem Dorf Panix und dem Pass dil Veptga für wohl beschränktes Wohlbefinden sorgte.

Wo hingegen dieses Hotel steht, weiss die halbe Welt. Auch dank Friedrich Nietzsche, der im Dorf unterhalb des Hotels kurte und zu gedanklichen Höhenflügen aufbrach. Sils im Engadin also, auf einer Landzunge zwischen dem Lej da Segl und dem Lej da Silvaplauna gelegen. An erhöhter Stelle über dem Dorf, mit freiem Blick auf die Seen, die Wälder und die Berge, steht seit 1908 ein besonderes Fünfsternehaus: das Hotel Waldhaus Sils, gegründet von Amalie und Josef Giger-Nigg. Ihr Urenkel Urs Kienberger führte zusammen mit seiner Schwester Maria Kienberger und deren Mann Felix Dietrich-Kienberger das Hotel von 1989 bis 2014. Nun zeichnet er verantwortlich für das Jubiläumsbuch „111 Jahre Hotel Waldhaus Sils. Geschichte und Geschichten zu einem unvernünftigen Familientraum“. Das 344seitige Werk spannt den Bogen über mehr als ein Jahrhundert im Leben eines Hotels, mit all seinen kleinen und grossen Geschichten, die sich darin abgespielt haben. Kurze Essays über die Historie des Hotels, Porträts einiger Mitglieder der Besitzerfamilie und Gespräche mit Persönlichkeiten, die sie gut kannten, werden von historischen und aktuellen Fotografien begleitet. Die Wintersaison 2019/2020 dauert noch bis zum 19. April. Vom 16. bis 20. März geben der Weinkenner Stefan Keller und der Hotelsommelier Oscar Camalli Einblicke in den Waldhaus-Weinkeller. Was es dort zu trinken gibt, hätte unserem Kurgast vom Bad Alvaneu besser gemundet als die Gläser mit saurem Wasser bzw. Wein.

Karin Fuchs: Baden und Trinken in den Bündner Bergen. Heilquellen in Graubünden 16. bis 19. Jahrhundert. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2019. Fr. 59.-

Urs Kienberger: 111 Jahre Hotel Waldhaus Sils. Geschichte und Geschichten zu einem unvernünftigen Familientraum. Ergänzt durch Gespräche mit Zeitzeugen von Andrin C. Willi und Texte von Rolf Kienberger. Neue Fotografien von Stefan Pielow. Scheidegger & Spiess, Zürich 2019, Fr. 49.-

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