Berg, Breakfast & Bergland

Ein Essay und ein Roman zum Leben, Überleben und Ferien machen in den Bergen. Im Südtirol und überhaupt. Spitze!

«Der eingerichtete Berg mit breiten, gut gesicherten Wegen, mit Beschilderungen, Kletterhaken, Drahtgeländern, Aussichtspunkten und Gipfelkreuzen, mit Ruhebänklein, Unterständen und Gaststätten, mit Kinderspielplätzen, Seilbahnen, Skiliften, Abfahrtspisten und Rodelbahnen, Bike-Trails, abgesprengten Kuppen, umgepflügten Gletschern, künstlichen Seen und Beschneiungsanlagen, mit Konzertbühnen, Erlebnispfaden und anderen Attraktionen, garniert mit Plastik- oder Holzskulpturen jener alpinen Tierwelt, die vor dem Trubel längst Reißaus genommen hat, hat mit seinem Urzustand in etwa so viel gemeinsam wie ein überzüchteter Mops mit einem Wolf.»

Klasse, nicht wahr? Schonungslos und humorvoll auf den Punkt gebracht. Ein Lesevergnügen, bei dem die Lachfalten einfrieren, weil uns der Spiegel vorgehalten wird. Ich könnte und möchte noch viel mehr zitieren aus einem Buch über den Bergtourismus, ja überhaupt über den Tourismus und das Reisen, welches das Thema auf eine gleichzeitig lockere und tiefschürfende Art rüberbringt. „Berg and Breakfast. Ein Panorama der touristischen Sehnsüchte und Ernüchterungen“: So heisst das Buch der gebürtigen Südtirolerin Selma Mahlknecht, die heute in Zernez in Graubünden lebt und als Schriftstellerin, Drehbuchautorin, Regisseurin, Liedermacherin und Lehrerin arbeitet.

Am Samstag, 18. September 2021, wurde Selma Mahlknecht im Palazzo Labia in Venedig für ihr Buch „Berg and Breakfast“ mit dem Anerkennungspreis des Premio Mario Rigoni Stern ausgezeichnet. Das Buch sei, so die Begründung der Jury, „eine Reflexion über ökologische Nachhaltigkeit, in der Hoffnung, dass das Bewusstsein für den Wert der Umwelt wächst und dass wir beginnen, über alternative Tourismus- und Lebensmodelle nachzudenken“. Die Autorin liefere „interessante Perspektiven auf die vielen Dimensionen des Bergtourismus“, und sie leite den Blick „in intelligenter Weise und gut dokumentiert“ auf die „stereotypen Bilder“, die wir von den Bergen hätten. Ein Beispiel noch – zum Skifahren, weil der nächste Winter, der kommt vielleicht: „An den Anblick weißer Bänder auf gelbbraunen Berghängen haben wir uns zunehmend gewöhnt. Und Hans aufs Herz: Echter Schnee ist gar nicht so toll. Er fällt unkontrolliert auch dahin, wo man ihn nicht haben will, er muss aufwendig geräumt werden, und am Ende gibt es eine Lawine. Dann doch lieber menschengemachter Schnee, der punktgenau dort eingesetzt wird, wo er Spaß macht. Blöd nur, dass es durch den Klimawandel immer wärmer wird.“ Ja, wirklich blöd. Umso besser, dass es Bücher gibt, die uns unterhaltend und ohne Mahnfinger daran erinnern, dass wir nicht ganz unschuldig sind an diesem Wandel.

Und dann, liebe Bärgfründe, möchte ich Euch noch ein anderes Bergbuch ans Herz legen, einen Roman, der in einem Seitental im Südtirol spielt, also dort, wo Selma Mahlknecht herkommt und in ihrem Buch auch immer wieder darauf zurückkommt. Der Titel des Romandebüts der tschechischen, in Deutschland lebenden Journalistin und Autorin Jarka Kubsova ist so schlicht wie überzeugend: „Bergland“. Erzählt wird die bewegende Geschichte einer Bauernfamilie über vier Generationen: vom Überleben nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Überleben im Zeitalter der mechanisierten Landwirtschaft und des scheinbar rustikalen Hoftourimus. Die Hauptfiguren sind Rosa und Franziska, die versuchen, mit der Natur und nicht gegen die Zeit zu gehen, die zu scheitern drohen auf diesem abschüssigen Hof hoch oben in den Bergen, und die es doch schaffen zu bleiben. Jarka Kubsova erzählt diese Geschichte aus den Bergen nicht linear, sondern kunstvoll verteilt auf verschiedenen Zeitebenen, so dass sich nach und nach ein Rundum-Panorama alpin-agrokultureller Bedürfnisse und Zwänge sowie touristischer Sehnsüchte und Ernüchterungen ergibt. Und das, ganz wichtig, die Lesefreude keineswegs trübend, sondern vorantreibend wie eine Herde Schafe. Klasse!

Selma Mahlknecht: Berg and Breakfast. Ein Panorama der touristischen Sehnsüchte und Ernüchterungen. Mit Illustrationen von Armin Barducci. Edition Raetia, Bozen 2021. € 20.00.

Jarka Kubsova: Bergland. Roman. Wunderraum Verlag, München 2021. € 20.00.

Ein Kommentar to “Berg, Breakfast & Bergland”

  1. Fritz sagt:

    Danke für die tollen literarischen Empfehlungen! Wir legen in unsere Ferienhäuser und Ferienwohnungen auch immer Bergliteratur für die Gäste bereit. Wer Urlaub in den Alpen macht, taucht gerne in die schöne Bergwelt ab und entspannt dabei mit Büchern zur Region.

Kommentar abgeben