Vom Monte Rosa in die Calanques

Fünf neue Romane, in denen Berge und Schicksale unentrinnbar verbunden sind. Wir folgen ihnen auf einer Lesereise, von 4000 bis null Meter.

«‹Steigen wir schon wieder ab?›
‹Ja, aber jetzt gehst du vor.›
‹Ich würde gern noch ein bisschen bleiben.›
‹Nächstes Mal. Und jetzt nicht vergessen: das Gewicht nach hinten verlagern und die Fersen fest aufsetzen.›
‹Warte›, sagte Silvia. Und ehe sie die Fersen fest aufsetzte, gab sie ihm einen Kuss mitten auf den Mund, diesem Despoten ihrer Seilschaft, trotz störender Steigeisen und des sich verheddernden Seils – dort, wo der Schnee von Rodano mit dem der Po-Ebene verschmolz.»

Unvergesslicher Gipfelkuss auf dem Felikhorn (4086 m), diesem nicht zu den offiziellen 4000ern zählenden Gipfel zwischen dem Castor und dem Liskamm West, 180 Meter jenseits der Staatsgrenze zur Schweiz ganz in Italien liegend. Doch bevor ich Euch, liebe Leserinnen und Leser von neuen Bergromanen, mit weiteren geografischen, ja vielleicht alpinistischen Details aufhalte, wollt Ihr doch sicher wissen, wer sich – in „Das Glück des Wolfes“ von Paolo Cognetti – auf der Wasser- bzw. eben Schneescheide zwischen Po und Rhone denn küsst. Silvia, 27 Jahre alt und Gehilfin im Rifugio Quintino Sella grad unterhalb des Felikhorns, und Fausto, 40 Jahre alt und vorübergehend als Koch tätig, zuerst im Dorfrestaurant von Fontana Fredda, wo im Winter ein kleines Skigebiet Arbeit bringt, im Sommer bei den Holzarbeitern, welche die von einem Sturm beschädigten Lärchen und Tannen für den Verkauf bereit machen. Zwei sympathische Personen auf der Suche nach sich selbst, nach einem Gegenüber, nach den Bergen, nach Einkommen auch. Sie finden sich, sie lieben sich, aber bleiben sie auch zusammen? Vielleicht so wie Babette und Santorso, die beiden wichtigsten Nebenfiguren in diesem neuen Roman von Cognetti. Er erscheint am 4. Oktober 2021 auf Deutsch, Ende des Monats dann auch in der Originalsprache.

«Die Welt stand still, und er war im Auto auf dem Weg nach Graubünden, es war ein Morgen und der Walensee zog vorüber, bald erreichte er Chur und auf der Autobahn nach Chur sah er über die Wälder hinweg in die Surselva, rechts auf dem Hügel der Kirchturm von Tamins, und der Wald breitete sich aus wie ein grosses Feld, dort hinten lag die Surselva, er liebte diesen Blick, das war in ihm jedes Mal, als komme er heim.»

Aber es ist kein schönes Heimkommen, jedenfalls diesmal nicht, nicht im jüngsten Buch von Arno Camenisch, das mit diesen Sätzen beginnt. Camenisch berichtet in „Der Schatten über dem Dorf“ aus seinem Heimatdorf Tavanasa im Bündner Oberland, das am 27. August 1976 von einer schrecklichen Tragödie heimgesucht wurde, eineinhalb Jahre, bevor der Erzähler auf die Welt kam. Wie geht ein Dorf mit einem so schlimmen Verlust um? In einem berührenden Ton und mit grosser Klarheit erzählt Camenisch vom Leben und vom Tod und von den Menschen, die von uns gingen und die wir weiter im Herzen tragen. Und gleichzeitig blickt er glücklich in seine Kindheit zurück, zu den Eltern, den Grosseltern. Personen, die wir aus andern Büchern von Camenisch kennen. „Der Schatten über dem Dorf“ ist sein persönlichstes Werk. Der Camenisch-Sound ist fein hörbar, aber wie um sich abzuschirmen, ist es fast immer im Hochdeutschen geschrieben und weniger durchsetzt mit dialektalen und romanischen Ausdrücken. Und so hört es auf, bei der Abreise des Autors aus seinem Heimatdorf: „Von hinten sah man die Rücklichter, wie sie immer kleiner wurden und schliesslich verschwanden.“

«Der Postillon spannt die Pferde aus, schweissbedeckt sind sie und widerspenstig, mit Schimpfwörtern und Schlägen treibt er sie zum Stall. Ihr Geruch erinnert Frau Veraguth an die Kindheit im Veltlin, das Gestüt ihrer Eltern, die heimische Villa, die Landarbeiter in den Weinbergen. Eine Weile steht sich allein in der Nacht. Es ist kalt, nur ein kleiner Wind weht. Von der Höhe dringt das Rauschen des Föhnsturms in den Wäldern herab, kein Stern leuchtet über den schroffen Spitzen der Felsberge.
Vor der Nachtfahrt über den See fürchtet sie sich. Schon einmal hat sie einen Föhnsturm auf einem Schiff erlebt, hat Todesangst ausgestanden.»

Eine Passage auf Seite 35 im neuen Buch von Emil Zopfi: „Der Untergang des Delphin. Die «Titanic vom Walensee»“ – und da wir den Titel gelesen haben, wissen wir, dass Frau Veraguth die Nachtfahrt über den Walensee vom 16. auf den 17. Dezember 1850 nicht überleben wird. Mit ihr werden andere Passagiere und die Besatzung, insgesamt 13 Personen, im fürchterlichen Föhnsturm untergehen, mitsamt dem Dampfboot, das bei solchen Verhältnissen gar nicht hätte fahren dürfen. In seinem historischen Roman rollt Zopfi diese besondere Nacht eindrücklich auf, aber auch die allgemeinen Zeitumstände wie den Nachtpostdienst. Und gleichzeitg versetzt er sich einfühlsam in die Opfer, verknotet das, was man von ihnen weiss, geschickt mit seiner Intuition. Mit den Folgen, die der Untergang des Delphin auslöste, vollendet Zopfi sein starkes Werk. Es ist am schönsten anzulesen bei der Fahrt von Walenstadt nach Weesen, zum Beispiel mit der MS Churfirsten (diese Strecke wird am Sonntag, 24. Oktober, in diesem Jahr zum letzten Mal bedient). Doch nach Quinten fährt immer ein Schiff, auch nachts. Zur Einstimmung ein (gebirgiges) Zitat mit dem Heizer Ueli Wolfensberger: „Ueli hört das Rauschen hoch in den Wäldern und Felsen, wie ein ferner Wasserfall klingt es. Kurfürsten heissen die Berge, wilde Felsgebilde, über deren Zacken sich in klaren Nächten ein weiter Sternenhimmel spannt. Versteinerte Fürsten sollen es sein, hat jemand erzählt, die sieben Kurfürsten, die einst den Kaiser wählten. Jetzt sind die Berge von der Nacht verschluckt, mitsamt den Sternen. Das Rauschen des Sturmwinds in der Höhe weckt in Ueli ein bedrückendes Gefühl.“

«Und dann ist da noch ein einzelner Herr, sehr attraktiv und gepflegt, der mir ein Lächeln schenkt. Nach dem Start lösche ich das Innenlicht, damit die Gäste die Sterne am Himmel und die Lichter im Tal genießen können. Es ist eine wunderbar klare Nacht. Viele Sterne, viele Lichter. Fast schon eine Überdosis Romantik.
Und dann gibt es keinen Knall, keinen Ruck, keinen Funken. Nichts.
Die Bahn steht einfach still.
Bleibt an Ort und Stelle stehen.
Die Seilbahn ist gestorben, mausetot.»

Aber nicht schon wieder, non-de-Dieu! Nicht schon wieder Tote bei einer Fahrt! Diesmal beträfe es die berühmte Cabrioseilbahn aufs Stanserhorn. Dort arbeitet die fünfundfünfzig Jahre alte Judith in „Paris. Ein Stanserhorn-Roman“ von Blanca Imboden. Die Arbeit an diesem Aussichtsberg hoch über dem Vierwaldstättersee gefällt ihr bestens, etwas weniger das Heimkommen ins traute Heim, wo Guido wartet, wenn er nicht auf einem tierärztlichen Einsatz ist. Denn erstens will es mit der immer wieder verschobenen Hochzeitsreise nach Paris nicht klappen. Und zweitens, man ahnt es, schaut der Ehemann abends nicht nur nach kranken Tieren. Zum Glück gibt es da den Französischlehrer, der sich freilich als charmante, aber nicht ganz vertrauensvolle Person zeigt. Kurzerhand reist Judith alleine in die Stadt der Liebe. Und findet diese später in den Bergen, in ihrer Bahn. Mehr verrate ich nicht. Selber lesen – Ihr wisst schon wo, liebe BergromanleserInnen. Etwas Französisch lernen wir in diesem Buch nebenbei auch.

«Tandis que Lucie choisit son infusion, Yann s’interroge. Comment une fille aussi bien a-t-elle pu tomber dans les rets [Fänge] d’un séducteur notoire comme Marc ?
– Alors, quels rêves caressez-vous ?
– Mon rêve ? C’est de retourner dans les Calanques.
– Marc doit être ravi. Mais cette fois, vous n’avez plus besoin d’un chaperon [Anstandsdame].
– Pas avec Marc. Avec vous.
– C’est und blague ?
– Non.»

Und zum Schluss unserer Lesereise mit neuen bergweltlichen Werken „La possibilité du vide“ von Yves Ballu. Ein Kletter-, Berg- und Arztroman, mit einer Liebesgeschichte, mais bien-sûr. Was lässt sich machen bei tödlicher Krebsdiagnose, die sich allerdings als falsch herausstellt? Der einem Showdown gleichende Rettungsversuch findet in den Calanques statt, in einer Route des berühmten Georges Livanos. Der Roman fragt auch danach, ob sich die Freundschaft der Seilschaft auf den Alltag überträgt. Und darüber, ob Liebe beim Klettern mit hoch steigt? Ich frage mal Silvia und Fausto.

Paolo Cognetti: Das Glück des Wolfes. Roman. Penguin Verlag, München 2021. Fr. 31.-

Arno Camenisch: Der Schatten über dem Dorf. Engeler-Verlag, Schupfart 2021. Fr. 25.-

Emil Zopfi: Der Untergang des Delphin. Die «Titanic vom Walensee». Historischer Roman. AS Verlag, Zürich 2021. Fr. 30.-
Emil Zopfi liest aus seinem Walensee-Roman, begleitet vom Musiker und Instrumentenbauer Sigfried Jud:
Montag, 4. Oktober 2021, 20 Uhr: Röslischüür, Röslistrasse 9, 8006 Zürich. Anmeldung bis 2. Oktober bei: christine.nipkow@bluewin.ch.
Donnerstag, 28. Oktober 2021, 19.30 Uhr: Landesbibliothek Glarus.

Blanca Imboden: Paris. Ein Stanserhorn-Roman. Wörterseh Verlag, Lachen 2021. Fr. 25.-

Yves Ballu: La possibilité du vide. Roman. Éditions Glénat, Grenoble 2021. € 20.-

Ein Kommentar to “Vom Monte Rosa in die Calanques”

  1. Angelika sagt:

    Wieso gehört der Felikhorn denn eigentlich nicht offiziell zu den 4000er? Von der reinen Höhe passt das doch. Was gehört denn noch dazu?

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