Heinrich Heines Harzreise

Ein Lied auf den Lippen. Zwei leichte Bücher im Rucksack. Wer kommt mit auf die HHH?

«Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover, und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer [Arrestzelle in Universitäten und Schulen], eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach heißt ‹die Leine›, und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt und an einigen Orten so breit, daß Lüder [Wilhelm L., ein als guter Turner bekannter Göttinger Student] wirklich einen großen Anlauf nehmen mußte, als er hinübersprang. Die Stadt selbst ist schön, und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht.»

Besser und böser geht’s kaum, nicht wahr? Mit diesen schmeichelhaften Sätzen zur Stadt, in der Heinrich Heine (1797–1856) von 1820 bis 1825, mit einer längeren Unterbrechung, Rechtswissenschaften an der Universität studierte, beginnt einer seiner beliebtesten und bekanntesten Texte. „Die Harzreise“, 1826 erstmals veröffentlicht, beschreibt die Fussreise, die Heine vom 14. bis zum 22. September 1824 durch den Harz unternahm, ein Mittelgebirge in Deutschland und das höchste Gebirge Norddeutschlands. Nach der Ankunft in Rübeland, einer kleinen Ortschaft im Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt, marschierte Heine weiter nach Eisleben, Jena und Weimar, wo er am 2. Oktober Goethe besuchte, der jedoch vom 27-jährigen Studenten mässig beeindruckt war. Von Weimar ging es über Erfurt, Gotha, Eisenach und Kassel zurück nach Göttigen, wo der junge Poet und Jurist am 11. Oktober eintraf – und wohl im Ratskeller ein Bier auf seine am 14. September gestartete Weitwanderung trank. „Die Harzreise“ aber enthält nur die Strecke Göttingen – Rübeland, knapp 160 Kilometer lang, perfekt für eine Wanderwoche mit zwei Büchern im Rucksack: das 96 Seiten leichte Reclam-Bändchen Nr. 2221 und der neue Rother Kulturwanderführer „Die Harzreise von Heinrich Heine“.

Spannend, informativ – und für uns Alpen- und Jurawanderer auch wirklich überraschend – beschreibt das Wanderbuch nicht nur die hügelige Landschaft, sondern auch die damaligen Lebensumstände in Göttigen und dem Harz, die einstige, 1000 Jahre anhaltende Bedeutung des Bergbaus und die daraus bis jetzt resultierenden Umweltprobleme. Heute sind die am Wegesrand gelegenen Industrierelikte – wie die als UNESCO-Weltkulturerbe ausgewiesene Oberharzer Wasserwirtschaft oder auch die Höhlen von Rübeland – Sehenswürdigkeiten, die auf der Weitwanderung besichtigt werden können.

Sieben Etappen schlägt der Wanderführer vor. Allerdings ist die erste Etappe von Göttigen nach Osterode mit 47 Kilometern viel zu lang. Zugegeben, Heine machte diese Strecke in einem Tag. Aber erstens sind wir nicht so fit wie der Heinrich, zweitens sind die meisten auch nicht soo jung, und drittens wär‘s ja wirklich blöd, am ersten Tag Blasen und Gelenkschmerzen und Muskelkater zu kriegen, wenn wir doch auf den Spuren eines der besten, frechsten und lesenswertesten Dichters deutscher Sprache wandeln möchten (und nicht eilmarschieren). Also, liebe Mitwanderer: die Etappe von Göttigen nach Osterode in Northeim unterbrechen. Ein perfekt passender Unterkunftstipp gleich hier: Hotel FREIgeist, Am Gesundbrunnen, D-37154 Northeim, Tel. 0049 5551 6070. Und wenn wir schon am Reservieren sind. Der Höhepunkt der Harzreise ist in vielerlei Hinsicht der Brocken (1141 m) und die Übernachtung auf diesem berühmten Berg – vom Brockengespenst habt Ihr sicher schon mal gehört. Also unbedingt frühzeitig buchen: www.brockenhotel.de, Tel. 0049 394 55 120.

Zur Einstimmung unserer Harzreise nun freilich keine Nummern mehr, sondern die dritte und vierte Strophe des fünfstrophigen Einstieggedichtes aus „Die Harzreise“:

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die frommen Hütten stehen,
Wo die Brust sich frei erschließet,
Und die freien Lüfte wehen.

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunklen Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen.

Heinrich Heine: Die Harzreise. 1826. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 2221, 2003. Fr. 3.90. Der Beginn des Textes hier, mit Link zur vollständigen Version: www.stadtarchiv.goettingen.de/personen/harzreise_text.htm.

Rainer Hartmann, Brigitta Stammer, Günter Blümel: Die Harzreise von Heinrich Heine. Rother Kulturwandern, 2021. € 17.90.

Ein Kommentar to “Heinrich Heines Harzreise”

  1. T.M. sagt:

    Bemerkenswert ist ja, dass auch ein Schweizer mitspielt, wenn ich mich recht erinnere, oben in der Baude. – Ich will mal wissen, wieviele Schweizer sich so um 1826 im Harz aufgehalten haben.

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