Bergromane, erster Gang

Vier Bergromane aus England, Österreich und der Schweiz, in denen die Knoten zwischen Gegenwart und Vergangenheit aufgedeckt und gelöst werden.

«Was machst du im Berg- und Skisportgeschäft?», erkundigte sich Moritz.
«Ich brauche neue Skihosen, meine sind alt und löchrig.»
«Sag bloβ, dass du Skifahren kannst?» Karo war sichtlich beeindruckt.
«Meine Mutter hat es mir und meinem Bruder beigebracht, als wir noch sehr klein waren.»
«Das stelle ich mir groβartig vor», schwärmte Karo.
«Ist es in den Bergen nicht sehr gefährlich?», fragte Edith. «Ständig liest man von Menschen, die von Lawinen verschüttet werden oder beim Klettern von Felswänden stürzen.»
«Wo liest du solche Schauergeschichten?», fragte Elsa belustigt.

In Bergromanen vielleicht! Was wäre ein Bergroman – wir haben es grad letzte Woche erfahren – ohne Drama? Und ohne Liebesgeschichte natürlich auch. Die folgenden vier Romane jedenfalls umklettern oder umkurven diese Themen nicht. Obwohl in „Elsas Glück“, dem zweiten Band der Sonnstein-Saga der Wiener Autorin Beate Maly, keine Lawine und kein Körper niederstürzt, geht es immer wieder dramatisch zu und her, allerdings mehr in gesellschaftlicher und familiärer Hinsicht. Hauptfigur Elsa Sonnstein studiert Psychologie und Pädagogik im Wien der Zwischenkriegszeit. Ihre Mutter Lotte hat in „Lottes Träume“ die Wintersportmode für Frauen mitrevolutioniert (mehr dazu hier: https://bergliteratur.ch/skigeschichten-2/). Die Tochter ihrerseits will das Erziehungswesen erneuern und vor allem sozial benachteiligten Kindern mit dem Skilauf zu Freude und Fahrt verhelfen. Vielleicht hilft ihr bei diesem Engagement Mitstudent Moritz? Oder gar der Linksaktivist Otto? Ein dichter Roman aus einer spannungsgeladenen Zeit. Wir Leser warten auf die Fortsetzung – wird ein Kind von Elsa die Hauptfigur im dritten Band der Sonnstein-Saga werden. Oder gar Elsas Bruder Conrad, der sich zum berühmten Skilehrer Hannes Schneider nach St. Anton am Arlberg abgesetzt hat? Conrads Lebensmotto lautet: „Das Einzige, was mich immer fasziniert hat, waren die Berge. Im Sommer wie im Winter.“

«Der ewige Schnee ist auch nicht mehr, was er mal war», witzelte Meret.
«Hat alles zwei Seiten. Als Skibauer ist die Erwärmung für mich katastrophal, als Cavacristallas eröffnet sie mir neue Gebiete, die von Strahlern verschont geblieben sind.»

Niculan Cavegn ist Bergler, Skibauer und Strahler. Meret Benedikt Städterin und Umweltwissenschaftlerin, kurz vor dem grossen, auch wirtschaftlich erfolgreichen Durchbruch. Die beiden treffen sich am Beginn der Coronakrise in Disentis beim Begräbnis von Merets Vater. Niculan hat Vinzenz Benedikt gefunden, den der abschmelzende Gletscher 36 Jahre nach seinem Verschwinden gefunden hat. Was war damals passiert? Bergunfall oder mehr? Und wer war involviert? Corsin Cavegn, der Vater von Niculan? Ein Familiendrama über drei Generationen, das Urs Augstburger in „Das Dorf der Nichtschwimmer“ erzählt. Vielschichtig, stimmungsvoll, hautnah eingebettet in die atemberaubende und eisverlierende Bergwelt des Bündner Oberlandes. Tiefer und tiefer bis zum Boden des Rucksacks graben die Figuren in ihrem verstrickten Leben, das mitbestimmt wird vom Kloster, der Herrschaft über Disentis. „Bergroman“ nennt Augstburger sein jüngstes Werk, doch „Skiroman“ trifft auch nicht daneben. Niculan bezeichnet seinen neuen, magischen Ski mit „Engiu“. Das ist romanisch und heisst: abwärts. Bergsteigen und Skifahren ist ein ewiges Auf und Ab.

«Berge sind Freiheit, sind Weite, verspiele Grenzenlosigkeit. Steigt man neben dem Waldweg in die Höhe, so hebt einen jeder Schritt empor oder lässt einen jäh, vielleicht rutschend, vielleicht springend, tiefer gleiten.»

So beginnt der Bergroman „Topografie des Fliegens“ von Tobias Ibele. Begeher von www.bergliteratur.ch kennen den Namen bestens: Der Autor gehört zur Seilschaft wie Anker und Zopfi. Seit November 2020 schreibt Geologe Tobias Ibele tiefschürfende Beiträge über Berge und Steine. In seinem belletristischen Erstlingswerk geht es auch um Geologie, im engeren und ferneren Sinne. Beim Entsorgen eines Kartons seiner verstorbenen Mutter stösst der Erdwissenschaftler Markus auf Bergliteratur eines Unbekannten. Immer mehr versinkt der Markus in diesem Schreibgebirge, kommt sich und seiner Vergangenheit näher, entfernt sich zugleich aber von Familie und Arbeit. Das Leben und die Schriften von Johann Jakob Weilenmann, dem berühmten Alpinisten aus dem 19. Jahrhunderts, dienen als Seilknoten zwischen den Schichten und Handlungsebenen. Ein sehr gelungenes Debut! Eine Stelle von Seite 139: „Schau“, sagte ich, „da kommen wir gut hinauf.“ – „Ja, antwortete sie wägend, „sieht machbar aus.“

«She stopped thinking and she started to climb.»

Ein kurzer Satz im 322seitigen Roman „Black Car Burning“ von Helen Mort, die sich mit preisgekrönten Klettergedichten einen Namen gemacht hat. Ihr erster Roman – der Titel bezieht sich auf eine höchst schwierige und gefährliche Kletterroute – spielt in Sheffield und im nahen Klettermekka Peak District. Und wieder, wie schon in den drei andern vorgestellten Büchern, wird eine Gegenwartsgeschichte erzählt – hier Jugendliche zwischen Frust und Fels, Abhängen und Aufwärtsschieben – und gleichzeitig eine Vergangenheit ausgegraben, der sich die Protagonisten stellen müssen, so gut und auch so schlecht wie in einer heiklen Passage am Berg. In Sheffield ist es das Zuschauerunglück im Hillsborough-Fussballstadion am 15. April 1989 mit 96 Toten und 766 Verletzten. Der Vergangenheit kann man weder davonklettern noch davonkurven.

Beate Maly: Elsas Glück. Blanvalet, München 2020, Fr. 18.-
Urs Augstburger: Das Dorf der Nichtschwimmer. Bergroman. Bilgerverlag, Zürich 2020, Fr. 34.-
Tobias Ibele: Topografie des Fliegens. Bucher Verlag, Hohenems 2020, Fr. 26.-
Helen Mort: Black Car Burning. Vintage, London 2020, £ 9.-

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