Wetterhorn und Zugspitze

Zwei neue Bergmonografien. Zwei hohe Warten über Grindelwald und Garmisch-Partenkirchen.

Und mit einem Mal erglühten die Kuppen im Morgenglanz – „aber du hast ja ganz kalte Hände!“ Er umschloβ ihre Rechte und schlang den Arm um ihre Schultern.
„Ich habe nicht gewuβt, daβ unsere Berge so schön sind“, sagte sie leise. „Darf ich einmal mit dir auf das Wetterhorn?“ Zage hob sie das Gesicht über seine Achseln und vor seinen glühenden Blicken senkte sie es wieder.
„Gerne werde ich dich einmal mitnehmen“, sagte er leise bebend, „und dir unsere Berge zeigen.“

Auf den ersten Seiten von Johannes Jegerlehners „Bergführer Melchior. Ein Jungfrau-Roman“ geht Melchior mit Sabine, der jungen hübschen Einheimischen von Wengen, über die verschneite Kleine Scheidegg. Die Abfahrt auf Ski nach Grindelwald unterbrechen sie in einer Alphütte und erleben gemeinsam den Sonnenaufgang. Ob die beiden Hauptfiguren Frau und Mann werden, sei hier nicht verraten. Das Wetterhorn jedenfalls besteigt Melchior mit Isabel, der reiferen, aparten amerikanischen Touristin; es ist ihre erste Hochtour. Mehr noch: Mit ihr macht er gar die erste Begehung des Mittellegigrates am Eiger. Aber dann passiert ein Unglück – was wäre ein Bergroman ohne Drama? Ohne Liebesgeschichte(n) natürlich auch! Und was wäre ein ankersches Bergbuch ohne Bergliteratur?

Ankers erste Bergmonografie porträtierte 1996 die Jungfrau, seine 14. und wohl letzte die Haslijungfrau: „Wetterhorn – Hohe Warte über Grindelwald und Rosenlaui“. Tja, die Namen der Berg sind manchmal so labil wie ihr Fels und Eis. Fünf verschiedene Namen trug der 3690 Meter hohe Eckpfeiler der Berner Alpen: Haslijungfrau, Nördliches Wetterhorn, Vorderstes Wetterhorn, WetterArhorn und einfach Wetterhorn. Letzterer ist geblieben. Aber hinter ihm stehen die beiden andern Wetterhörner, das Mittelhorn und Rosenhorn. Und auf seiner Nordseite wuchtet sich das Scheideggwetterhorn gewaltig empor. Fast so kompliziert wie die Geschichte mit Melchior, Sabine und Isabel. Aber keine Angst: Das Buch führt chronologisch, sauber geordnet und reich illustriert durch alle Jahrhunderte und Jahreszeiten, Besteigungen und Begräbnisse, Lobpreisungen und Liebesgeschichten, Berghütten und Bergbahnen.

Mit dabei sind Ferdinand Hodler (der berühmteste Bergmaler der Schweiz begann sein Oeuvre mit einem Gemälde des Wetterhorns) und Emil Zopfi (das Wetterhorn war der Berg seiner Schwiegermutter), Johann Jaun (stand als Erster auf allen drei Wetterhörnern 1844/1845) und Henry Hoek (machte und beschrieb die Skierstbesteigung 1903), Martin Rickenbacher (erklärt den Höhenschwund der hohen Warte) und Elise Brunner (für das erste Ehrenmitglied der SAC-Sektion Bern erinnerten die Wetterhörner „an drei liebliche, in untadelhaftes Weiss gekleidete Schwestern“). Auf Seite 262 werden kurz noch andere Wetterberge vorgestellt, so die drei Wetterspitzen im Wettersteingebirge zwischen Bayern und Tirol. Der höchste Gipfel des Wettersteins ist auch der höchste von Deutschland: die Zugspitze (2962 m).

Das Wetterhorn ist die 22. Bergmonografie des AS Verlages. Die 21. widmet sich der „Zugspitze – Berg der Kontraste.“ Autor Stefan König kennt ihn bestens. Erstens wohnt er nur 45 Kilometer nördlich von Garmisch-Partenkirchen, der Tourismusmetropole am Fusse der Zugspitze. Und zweitens hat er 2008 den Roman „Auf dem hohen Berg“ über den fiktiven Wetterwart Anselm Straub veröffentlicht, der dort oben den Winter 1906/1907 verbrachte, in völliger Abgeschiedenheit. Bis er vor seiner Wetterwarte eine total erschöpfte Frau im Neuschnee findet: die 42jährige Grosskaufmannswitwe Lidia von Berneis aus Dresden. Doch vom Gipfel gibt es kein Zurück mehr, und Bahnen gab es damals noch nicht. Was wäre ein Bergroman ohne Liebesgeschichte?

Nun ist Stefan König zu seinem mächtigen Hausberg zurückgekehrt und beleuchtet, beschreibt und begreift ihn von allen Seiten, mit starken Texten und Fotos, spannenden Geschichten und klugen Exkursen. Zur Zugspitze, die 1820 offiziell erstmals bestiegen wurde, gibt es ja schon ein paar Bücher. Das jüngste ist das beste und schönste.

Eine der Geschichten befasst sich mit Ödön von Horváth, der 1926 das Theaterstück „Revolte auf Côte 3018“ schrieb, das sich mit dem Bergbahnbau an der Zugspitze befasst. Das Stück beginnt so:

Côte 2735.
Breiter Gratrücken. Gletscher ringsum. Rechts Arbeiterbaracke Nummer vier der Bergbahn A. G. Links Quelle und primitive Bank. An einer Leine hängt bunt geflickte Wäsche.
Spätnachmittag. Herbst. Windstill.
Veronikas Stimme tönt aus der Baracke; sie singt vor sich hin.
Karl tritt aus der Baracke mit zwei Eimern, die er an der Quelle füllt, streckt sich, gähnt; horcht auf, grinst, pfeift Veronikas Melodie mit und verschwindet wieder in der Baracke.
Schulz ein blasses, schmales Kerlchen mit Sommersprossen, steigt aus dem Tal empor; sieht sich forschend um: niemand – Er lauscht Veronikas Gesang; Karl pfeift; plötzlich verstummt alles; Stille.

Veronika lacht hellauf und stürzt aus der Baracke, hält in der Türe: Ausgrutscht! Ausgrutscht! – Du bist mir so aner, so von hinten – so a ganz Rabiater – Sie erblickt Schulz, schrickt etwas zusammen; mustert ihn mißtrauisch.

Schulz verbeugt sich leicht; er lispelt ein wenig: Guten Tag! Verzeihen Sie, Fräulein: dies hier, dies gehört doch zum Bergbahnbau?

Veronika Ja.

Schulz Dies ist doch Baracke Nummer vier?

Veronika Ja. Ab in die Baracke.

Schulz allein: Hm. Er lauscht.

Stille.

Daniel Anker: Wetterhorn – Hohe Warte über Grindelwald und Rosenlaui. AS Verlag, Zürich 2021, Fr. 49.80.

Stefan König: Zugspitze – Berg der Kontraste. AS Verlag, Zürich 2020, Fr. 39.80.

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