Das Skivirus

Nur Skibücher und Skiausstellungen sind schöner als Skifahren. Oder umgekehrt.

«Dieses Buch ist für alle, die das Gefühl der Schwerelosigkeit lieben. Für die, deren Herz aufgeht bei der Verbindung von Sport und Natur, die den Rausch der Geschwindigkeit genießen oder die unmöglichsten Sprünge und Tricks ausprobieren. Für diejenigen, die ihre Schneetage in den Bergen zusammen mit ihrer Familie verbringen, und ebenso jene, die den ganzen Winter über nach dem einsamsten Tiefschneehang jagen.»

So beginnt „Das Skibuch“ mit dem etwas langen Untertitel „Alles über Alpinski, Snowboard & Langlauf, Skigebiete, Touren, Technik und vieles mehr in über 1000 Infografiken, Illustrationen und Karten“. Verfasst hat das Werk Steffen Heycke aus Hamburg. Die Stadt an der Elbe und Skilauf? Was auf den ersten Blick nach sich kreuzenden Spuren aussieht, ergibt auf den zweiten regelmässige Parallelschwünge. 1891 publizierte die Verlagsanstalt und Druckerei A. G. (vorm. J. F. Richter) in Hamburg das erste deutschsprachige Buch zum Skilauf: „Auf Schneeschuhen durch Grönland“. Schneeschuhe waren damals auch die langen Holzlatten, nicht nur die runden, mit Schnüren bespannten Holzrahmen. Der norwegische Originaltitel des 1890 in Christiania erschienenen Werkes von Fridtjof Nansen heisst denn auch „På ski over Grønland“. Das Buch löste in den Alpenländern einen, genau genommen den Skiboom aus.

Etwas Skigeschichte taucht auch im neuen Hamburger Skibuch auf. Dass allerdings St. Moritz das älteste Skigebiet sei, ehrt zwar den superlativverwöhnten Ort im Oberengadin, erweist sich leider aber als Sturz. Schon eher kommt diese Ehre der bis 1924 Christiania genannten Hauptstadt Norwegens zu: Die Mitglieder des 1877 gegründeten Christiania Ski Club unternahmen jeweils Ausflüge auf den schmalen Latten in die Umgebung von Oslo. Mehr noch: Nach dem Skilaufen liessen sie Aquavitgläser kreisen, worauf Kartoffeln gegessen wurden, um die Wirkung des Alkohols zu mildern – das war auch der Beginn des Après-Ski.

Doch vor dem Anstossen wollen wir noch etwas skilaufen. Zum Beispiel im sechst- bzw. achtgrössten Skigebiet der Alpen. Die beiden heissen Via Lattea bzw. Les Sybelles. Noch nie gehört. Müsste man als PistenskifahrerIn wohl mal hin, immerhin weist das „Milchweg“-Gebiet zwischen Italien und Frankreich 400 Pistenkilometer auf. Das Problem dabei: die Anreise. Exakt das zeigt „Das Skibuch“ an einem Skiurlaub in Lech am Arlberg mit An-/Rückreise von/nach Dresden im Auto auf: Dieser verursacht mit 296 kg CO2-Ausstoss die grösste Umweltbelastung, während die Carbon Footprints von Unterkunft (85 kg CO2), Verpflegung (32 kg CO2), Aktivitäten vor Ort (10 kg CO2) vergleichsweise gering ausfallen.

Weitere Themen in dem von Fanny Huppmann klar illustrierten Skibuch: Skitechnik, Snowboard, Leistungsport, Skitouren, alpine Gefahren und Wirtschaft. Dagegen nimmt sich die Skikultur bescheiden aus. Und die Bemerkung auf der letzten Seite, dass Après-Ski und Literatur schwer zusammenpassten, verpasst ein Tor: Die Skiliteratur der 1930er Jahre beschreibt die Aktivitäten nach dem Skifahren noch fast ausführlicher als das Gleiten auf Schnee.

„Après-ski“: So lautet der Titel eines Docufiction genannten Buches von Johann Pellicot (Text) und Sophie Rodriguez (Fotos) über eine Woche Schneeurlaub in Villard-de-Lans im Naturpark Vercors unweit von Grenoble. Darin erhält der Begriff eine neue Bedeutung: Was passiert in einem nicht sehr hoch gelegenen Skigebiet, wenn der Schnee ausbleibt, sei es der natürliche oder künstlich hergestellte. „Après-ski“ schildert locker und präzis, amüsant und traurig, wie die Einheimischen und Touristen mit dem Klimawandel umgehen. „Il faut s’adapter, trouver des alternatives. C’est pour ça qu’on fait du kart sur la terre quand y a pas de neige“, sagt Musher Jiri, der seit 20 Jahren Touren mit Schlittenhunden anbietet, zum Möchte-gern-Skifahrer Johann, der seinerseits gesteht: „Je ne suis pas prêt à abandonner mes rêves de neige.“ Wer schon, der mal das erlebt hat, wovon Fridtjof schreibt: „Kann man sich etwas Frischeres, Belebenderes denken, als schnell wie der Vogel über die bewaldeten Abhänge dahinzugleiten, während die Winterluft und die Tannenzweige unsere Wangen streifen und Augen, Hirn und Muskeln sich anstrengen, bereit, jedem unbekannten Hindernis auszuweichen, das sich uns jeden Augenblick in den Weg stellen kann?“

Davon, von diesem ansteckenden Gefühl und Erlebnis des Gleitens auf Schnee, handelt die neue Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern: „Das Skivirus. Eine Spurensuche.“ Der Skibazillus (so der Titel eines Buches von Hubert Mumelter aus dem Jahre 1936) breitete sich in der Zwischenkriegszeit rasant im Alpenraum und in den Mittelgebirgen aus. Skifahren wurde zum Lebensgefühl einer jungen, vor allem auch städtischen Generation. „Zum Skifahren gehörten das Naturerlebnis, das Adrenalin der Schussfahrt, die waghalsigen Sprünge, das Spiel der Geschlechter, Mode, Skiromane, Musik – und die Fotografie, die dieses Lebensgefühl festhält und vervielfacht“, schreibt das Alpine Museum. Kronzeugen dieser Skikultur sind die Adelbodner Fotografen Emanuel Gyger und Arnold Klopfenstein. „Skivirus“ zeigt ihre genialen Schwarzweissfotos und kontrastiert diese mit Videoaufnamen zur neuen Pionierzeit des Skifahrens im heutigen China.
In diesem Sinne: Es lebe der Skilauf -滑雪运动万岁!

Steffen Heycke: Das Skibuch. Alles über Alpinski, Snowboard & Langlauf, Skigebiete, Touren, Technik und vieles mehr in über 1000 Infografiken, Illustrationen und Karten. Marmota Maps, Hamburg 2021, € 35,00.

Johann Pellicot & Sophie Rodriguez: Après-ski. Préface de Tony Parker. Docufiction. Éditions Glénat, Grenoble 2021, € 20,00.

Das Skivirus. Eine Spurensuche. Ausstellung im Raum Biwak des Alpinen Museum der Schweiz in Bern, 22. Januar bis 1. Mai 2022. www.alpinesmuseum.ch/de/ausstellungen/biwak. Mit Führungen und Veranstaltungen; so einer Skitour auf den Gurten (sofern Frau Holle mitmacht) und einem Leseabend mit Skiliteratur der 1930er Jahre (am 5. April 2020).
Vernissage von Skivirus: Freitag, 21. Januar 2022, 18.30 Uhr. Die Platzzahl ist beschränkt; Anmeldung booking@alpinesmuseum.ch oder Tel. 031 350 04 42.

Die Erfolgsgeschichte des internationalen Schneesports. Ausstellung im ersten Schweizer Schaufenstermuseum, im MiniMuseumMürren. 29. Dezember 21 bis 30. November 2022. www.minimuseummuerren.ch/wp/wp-content/uploads/2021/11/MiniMuseum-Mu%CC%88rren-Erfolgsgeschichten-Schneesport-Broschu%CC%88re-web.pdf

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