Eine andere Geschichte des Bergsteigens

Professor Martin Scharfe richtet seinen scharfen Blick auf Bilder aus den Sammlungen der Alpenvereine. Detailversessen und sprachkritisch schafft er so eine ganz andere Sicht auf die Geschichte des Bergsteigens. Noch schärfer hingeschaut hat unser Berner Bücherscout: ihm macht man keinen unteren für einen oberen Grindelwaldgletscher vor.

„Die Seilschaft befindet sich erst am Beginn des Grates, der weiter hinten noch heikle Übergänge vom Schnee auf den Fels (und umgekehrt) verheißt – eine prekäre Situation nicht nur wegen der Steile des Firnhanges und wegen der das Gleichgewicht gefährdenden Windstöße, sondern vor allem auch wegen der unterschiedlichen alpinistischen Versiertheit und Seelenlage der vier Alpinisten: während der erste und der letzte Bergsteiger routiniert und ruhig wirken, machen die beiden in der Mitte einen eher unsicheren Eindruck. Insbesondere der jungen Frau hat der Maler (und damit scheint er den verbreiteten Vorurteilen seiner Zeit beizupflichten) den Part den Ängstlichkeit zugedacht, denn sie wirkt überfordert – als einzige hält sich das Seil nicht kurz, mit ihrem linken Fuß bricht sie aus dem Tritt aus (sie löst Schneeballen aus, die der links vorn klaffenden Kluft entgegenstürzen), und zu allem Überfluss schaut sie auch noch in die gähnende Tiefe, statt den Blick auf die Spur zu richten.“

Präzise beschreibt – und interpretiert – Martin Scharfe, emeritierter Professor für Europäische Ethnologie und Kulturforschung an der Universität Marburg, das Gemälde „Vom Sturm gepackt“ des bekannten deutschen Bergmalers Ernst Platz von 1919. Das Bild gehört in die umfangreichen Sammlungen des Österreichischen und des Deutschen Alpenvereins; daraus hat Scharfe für seine jüngste Bergpublikation 66 Bilder ausgewählt, in denen Künstler vor allem aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert die Faszination an der Bergwelt und am Bergsteigen zum Ausdruck gebracht haben. Auf ganz unterschiedliche Art und Weise – und genau da klinkt sich Scharfe ein: Dadurch, dass er die Bilder bis in die Einzelstellen beschreibt, bringt er sie auch zum Sprechen.

Ein schönes Beispiel ist eben das Gouache von Ernst Platz, das auch als Titelbild gewählt wurde: Der gefährliche Weg über den windumtosten Grat sehen wir auf den ersten Blick, doch dann braucht es schon einen zweiten und dritten, um Details wie den abgerutschten Bergstiefel der Alpinistin zu bemerken. Für solch entscheidenden Passagen ist Scharfe sozusagen unser Bergführer. Er nimmt uns mit durch einen reichlich unbekannten, so noch kaum dargestellten Gang durch die Geschichte des Alpinismus und lehrt uns gleichzeitig das genaue Hinschauen auf Vorder-, Hinter- und Abgründe. Nur einmal macht auch er einen Misstritt, möglicherweise verführt durch den falschen Bildtitel des Malers. „Le dessous du Glacier de Grindelwald“ (um 1800) von Johann Heinrich Bleuler zeigt nun gerade nicht den Unteren, sondern den Oberen Grindelwaldgletscher, und der die kolorierte Kreidelitographie beherrschende Gipfel ist natürlich nicht das Schreckhorn, sondern das Wetterhorn.

Doch mit einem falsch bezeichneten Berg möchte ich Euch nicht in die reichlich verschneiten Ostertage gehen lassen. Und auch nicht mit einer Route, die ausweglos scheinen könnte. Deshalb lasse ich noch einmal Martin Scharfe zum Sturmbild von Ernst Platz zu Wort kommen: „Trotzdem macht uns der Maler Hoffnung auf einen guten Ausgang der Partie, auf die glückliche Meisterung der ausgesetzten Passage (wie wir heute sagen). Denn man sieht links in der Ferne zwei Bergsteiger, die vielleicht die Spur getreten und den Grat fast überwunden haben. Daß eine Stelle, ein Ort als ‚ausgesetzt‘ bezeichnet werden kann, ist eine sprachliche Neuerung des späten 19. und des 20. Jahrhunderts (wohl im Gefolge der ‚Demokratisierung des Bergsports‘). Vorher konnte nur ein Lebewesen, ein Mensch ‚ausgesetzt‘ sein – ausgesetzt den feindlichen Naturkräften, den Gefahren der Angst, des Schwindels, des Schwindens der Kräfte und des Stürzens. In unserem Bild sind also beide Wortbedeutungen vereint, die alte und die neue: ausgesetzte Menschen an ausgesetztem Ort.“

Martin Scharfe: Bilder aus den Alpen. Eine andere Geschichte des Bergsteigens. Böhlau Verlag, Wien 2013, Fr. 32.90.

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