Fundstücke in Intra

Bergliterarische Entdeckungen am grössten südseitigen gemeinsamen Alpenrandsee von Italien und der Schweiz. Nichts wie hin!

«Dove sono le rocce?, chiede Heidi.»

Keine Frage, aus welchem Bergbuch dieses Kurzzitat stammt: aus dem weltweit berühmtesten, am meisten gedruckten und übersetzten Schweizer Buch. Genau genommen sind es zwei Bücher: „Heidis Lehr- und Wanderjahre“ (1880) und „Heidi kann brauchen, was es gelernt hat“ (1881) von Johanna Spyri. Unter dem Titel „Heidi e Peter“ findet sich ein anderthalb seitiger Ausschnitt aus dem ersten Heidi-Buch in der 2021 erschienenen Anthologie „Guida letteraria di montagna. Pagine di altura dai più grandi scrittori d’ogni tempo e latitudine“. Anna Maria Foli hat 185 kurze Texte von 157 Autorinnen und Autoren ausgewählt; je drei Texte stammen von Jean-Jacques Rousseau und Edward Whymper sowie von Edmondo De Amicis (am Matterhorn führt die Cresta De Amicis auf den Pic Tyndall) und Grazia Deledda (sie erhielt 1926 den Nobelpreis für Literatur). 15 Texte schrieben Frauen, 13 SchweizerInnen. Bekannte Namen sind dabei, wie Tartarin und Frankenstein; dass Karen Blixen, Franz Kafka und Vergil auch schöne Sätze zu den Bergen verfassten, dürfte vielleicht überraschen.

Ich fand den Bergliteratur-Führer am letzten Freitag in Intra, der Stadt am Lago Maggiore, die zusammen mit Pallanza seit 1939 die Stadt Verbania bildet. In Intra gibt es gleich drei Buchhandlungen mit je gut dotierten und sich nicht vollständig überschneidenden Abteilungen „Montagna“. Es sind dies die Libreria Libraccio an der Uferstrasse sowie der Mondadori Bookstore und die Buchhandlung Alberti 1954 südlich der Basilica di San Vittore. Im Folgenden noch ein paar weitere Titel, die den Weg von Intra in die Bergbibliothek in der Berner Muesmatt fanden.

„Ossola. Scialpinismo senza confine. Volume 1. Valle Strone, Valle Anzasca (Monte Rosa), Valle Antrona” von Giancarlo Zucchi, Riccardo Vairetti und Gabriele Tartari (Idea Montagna Edizioni, Villa di Teolo 2021, € 26,00). Drei Täler auf der rechten Talseite zwischen Villadossola und Lago d’Orta mit schier unendlich vielen, vor allem schwierigen Skitouren. Immerhin, auf der Punta dell’Usciolo (2187 m) standen Brigitte, Ralph, Hans Peter und ich am 12. März 2006. Am Tag zuvor hatten wir La Colma (1747 m) am Beginn der Valle Anzasca bestiegen; dieser Gipfel fehlt überraschenderweise im neuen Führer. In den drei kommenden Wintern folgen die weiteren drei Bände für Skitourenmöglichkeiten im Ossola. Nichts wie hin also! Nur sollte es dann etwas mehr Schnee haben als jetzt, wo die Hänge bis 2000 Meter hinauf grün sind.

„A piedi sulle colline di Langhe, Roero e Monferrato“ von Stefano Camanni und Franco Correggia (Edizioni del Capricorno, Torino 2020, € 13,00). Hügelwandern südlich von Turin, rund um die Städte und Dörfer Asti, Alba und Barolo. Hört sich köstlich an, nicht wahr? Gemütlicher und ungefährlicher als die strengen Ossola-Skitouren auf jeden Fall. Und jederzeit machbar, ausser vielleicht bei chrisdickem Nebel. Auf den zahlreichen Fotos ist aber fast immer blauer Himmel zu sehen. Nichts wie hin! Ausser Mitte Oktober, wenn in Alba das internationale Trüffelfest gefeiert wird. Dann wird man kaum eine Bleibe zum Essen und Übernachten finden. Und nur Wandern ohne Schlemmen – ma no!

„C’era una volta la villeggiatura. Vacanze d’altri tempi in Piemonte fra montagna e laghi“ von Gianbattista Aimino, Gian Vittorio Avondo und Andrea Rebora (Edizioni del Capricorno, Torino 2017, € 9,90). Wir bleiben grad im Piemont und tauchen mit Plakaten und schwarz-weissen Fotos ein in die Sommer- und Wintefrischen von einst. Wunderbar, einfach wunderbar, die alten Hotels, Hütten und Villen, die Transportmöglichkeiten über die Ebenen und hinauf in die Höhen. Eine Reklame zeigt Ghiffa am Lago Maggiore und lobt die „cure naturali“. Dort suchten wir uns am letzten Samstag einen windstillen Picknickplatz am Strand und genossen die feinen Speisen, die wir in Intra gekauft hatten. Feriengefühle und Vorfreude auf den Frühling.

„Il Grand Tour alla rovescia. Illuministi italiani alla scoperta delle Alpi“ von Marco Ferrazza (CDA & Vivalda Editori, collana Tascabili n° 16, Torino 2003, € 11,50). Ein rucksacktaugliches Buch, das man wohl lesen sollte. Allerdings musste ich schon nur den Titel mit deepl.com übersetzen: „Die Grand Tour in umgekehrter Reihenfolge (oder: im Rückwärtsgang). Italienische Aufklärer auf Entdeckungsreise in den Alpen.“ Einen Namen unter diesen Wissenschaftler kannte ich: Allessandro Volta; freilich wusste ich nicht, dass er sich auch mit den Alpen befasst hat. Sehr interessant ist hinten die Doppelseite mit einer Übersicht wichtiger Besteigungen im 18. Jahrhundert, vom Cimon del Cavallo (1726) über La Dôle (1769) bis zum Monte Generoso (1791). Und auf dem Cover die Zeichnung eines Alpenforschers, der auf einem umgestürzten Baum rittlings einen Abgrund überwindet. Das erinnerte mich sofort an das Foto in meinem ersten Buch „L’Oberland bernois à skis“ (Denoël 1990): Sämu und Mänu auf einem Baumstamm über dem Steiwasser am Sustenpass, die Skis auf dem Rucksack aufgebunden.

„Sci estroso“ von Marileno Dianda (Centro Documentazione Alpina, collana Tascabili n° 9, Torino 2001, € 8,80). Estroso heisst wunderlich, skurril, launisch. Und solchen Skilauf hatte ich schon einigen erlebt in den nun 50 Jahren, in denen ich mit Fellen auf verschneiten Högern unterwegs bin. Ich freue mich jedenfalls auf die Lektüre von „Sci estroso“, auch wenn ich nicht alles verstehen werde. Diesen Abschnitt aber schon: „la discesa di un breve canale, strettissimo – la strozzatura inferiore non è più larga di due metri – e ripido (52°/47°/40°).“ Stürzen verboten also. Und besser mit den kürzeren Skis abfahren. Oder einfach die Steilrinne in Ruhe lassen – und aus dem Rucksack noch ein siebtes Buch hervornehmen.

„Confini“ von Antonio Manzini, in der Kurzkrimi-Anthologie „Una settimana in giallo“ (Sellerio editore, Palermo 2021, € 16,00). Ohne mindestens einen Bergkrimi gekauft (oder entdeckt) zu haben, das scheint es für den Anker nicht zu geben. Und er wurde auch hier fündig, im jüngsten Band der Krimi-Reihe „in giallo“. Diese gibt es zu Themen wie Weihnachten, Ferien, Fussball, Ferragosto etc. Im Krimi-Wochen-Band ganz hinten nun die Story von Antonio Manzini. Diesmal löst Vicequestore Rocco Schiavone von Aosta in einer Woche einen Grenzfall bei der Bergstation Pointe Helbronner ob Courmayeur, wo Seilbahnangestellte eine Leiche finden und diese von Frankreich nach Italien schleppen. Oder umgekehrt. Kommt jedenfalls nicht gut. Schon besser entwickelt sich die Zusammenarbeit von Rocco mit Isabelle, der Amtskollegin von Chamonix. Während im Italienischen vor ein paar Tagen mit „Le ossa parlano“ der elfte Kriminalroman um Rocco Schiavone erschienen ist, sind auf Deutsch erst fünf Bände übersetzt worden. Wir warten ungeduldig auf die weiteren: Dove sono i nuovi volumi?

Anna Maria Foli: Guida letteraria di montagna. Pagine di altura dai più grandi scrittori d’ogni tempo e latitudine. Edizioni Terra Santa, Milano 2021, € 16,00.

PS: Kurzer Abstecher auf die Alpensüdseite gefällig? Dann nichts wie hin ins Kunstmuseum Bern, in die grosse Ausstellung „Meret Oppenheim. Mon exposition“, die nur noch bis Sonntag, 13. Februar 2022, zu bewundern ist. Einer der Arbeitsorte der weltberühmten Künstlerin war die Casa Constanza in Carona; dort befindet sich auch ihr Grab. Ausgestellt in Bern sind die Gemälde „Berge gegenüber Agnuzzo (Tessin), 1937“, „Sonne über Alpenberglein, 1970“ und „Dunkle Berge, rechts gelb-rote Wolken, 1977-1979“ sowie die geniale Installation „Frühlingsanfang, 1961“. Nicht verpassen! https://meretoppenheim.kunstmuseumbern.ch/

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