Im Westen viel Neues

Die Alpen der Romandie und von Frankreich locken mit neuen Führern für Wandernde und Sich-Wundernde, für Eisspezialisten und Bergseetaucher

«Le Moléson und La Berra, Vanil Noir und Kaiseregg: Freiburger Wanderer müssen diese Gipfel einmal im Leben bestiegen haben. Seit 2012 gibt es eine fünfte Muß-Tour. Sie geht allerdings auf keinen Berg, sondern rund um einen See, den Lac de la Gruyère.»

So beginnt die zweite Tour in einem Führer, der jahrelang vergriffen war und nun zu neuer Frische und mit neuen Touren auferstanden ist. Vor 16 Jahren erschien der Rother Wanderführer „Gruyère – Diablerets. Freiburger und Waadtländer Alpen“ von Ralph Schnegg und Daniel Anker; er kam auch in einer französischen Ausgabe heraus, die sich etwas besser verkaufte. Nun liegt eine von Bernd Jung gemachte Neuausgabe vor; er betreut seit zwei Jahren meine sechs Rother Wanderführer zur Schweiz und bringt sie mit neuen Touren und Fotos heraus. Insgesamt warten nun 60 Touren zwischen Fribourg und Martigny auf entdeckungsfreudige Spazier- und BergtourengängerInnen. Die Wanderung um den Lac de la Gruyère, die Nr. 1 (Länge), Nr. 2 (Fläche) und Nr. 3 (Volumen) der schweizerischen Stauseen, ist 44 km lang; sie kann zum Glück auf zwei oder drei Etappen verteilt werden. Vier Tage dauert die Tour des Muverans, die von Bernd ausgeheckte Tour des Muverans spezial gar fünf Tage. En route, mes amis, der Führer passt in Hand- und Rucksackdeckeltaschen!

Dass der Grand Muveran (3051 m), einer der sechs Dreitausender der Waadtländer Alpen, im Buch „111 Orte in den Waadtländer Alpen, die man gesehen haben muss“ von Benjamin Amiguet und Marc Voltenauer auftaucht, versteht sich von selbst. Denn Voltenauers erster Krimi heisst „Le dragon du Muveran“ (2015) und ist in den Waadtländer Alpen angesiedelt; seit 2021 ist er unter dem Titel „Das Licht in dir ist Dunkelheit“ im Emons-Verlag auf Deutsch erhältlich. Der zweite Krimi „Qui a tué Heidi?“ wird im Herbst 2022 auf Deutsch vorliegen. Er spielt, wie auch der vierte Krimi „Les protégés de Sainte Kinga“, in dieser Gebirgslandschaft; mehr dazu hier: https://bergliteratur.ch/schaurige-orte-in-der-schweiz/. Kurz: Monsieur Voltenauer kennt sich in den Alpes vaudoises bestens aus, Benjamin Amiguet übrigens auch; er ist für die Vertriebsleitung des öffentlichen Verkehrs im Chablais verantwortlich. Das merkt man bei den Infos zu den 111 sehenswerten Orten, welche das Duo vorstellt: Die Anreise per öV wird fast immer genau angegeben. Ich kenne mich ja ein wenig in der Bergwelt zwischen L’Étivaz und Leysin aus. Aber all die kaum bekannten, unbedingt besuchenswerten Orte, die da mit viel Kenntnis und Verve vorgestellt werden: chapeau! Ich nenne nur drei: Le Temple du Polar in Bex (Nr. 19), die militärische Schutzhütte A97 an der Pointe de Martinets (Nr. 34) und die Gorges de Vuargny bei Aigle (Nr. 109); dort gab es bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein Wasserkraftwerk an der Grande Eau.

Wasser also. In höheren Lagen Schnee und Eis. Wer sich darin wohl fühlt wie ein Fisch bzw. wie François Damilano, wird sich freuen an der dritten Auflage des zweiten Bandes zu den vereisten Anstiegen im Mont-Blanc-Massiv: „Neige, Glace et Mixte“. Darin beschreibt der Bergführer, Autor und Filmer aus Chamonix alle Routen rund um den Glacier du Géant sowie auf der Nordseite der Aiguilles de Chamonix. Auf dem Cover klettert Marion Poitevin am scharfen Ende des Seils im Extremklassiker „Beyond good and evil“ an der Aiguille des Pèlerins – eine dünne Schicht Eis auf glatten, senkrechten Granitplatten. Kein Weg für Angsthasen und Gfrörlis. Da gefällt mir der sonnige Normalweg auf den Grand Flambeau (3559 m) schon besser. Am Ende seines langen Nordgrates wartet übrigens La Vierge; eine Jungfrau erhebt sich also nicht nur im Oberland bernois. Insgesamt sind es auf 237 Seiten 507 eisige Routen mit genauen Angaben des Verlaufs (aufs Fotos eingezeichnet), der Schwierigkeiten, der Erstbegeher. Auf geht‘s, Bärgfründe, auch dieser Führer passt bequem in Rucksackdeckeltaschen!

Wir bleiben im vierten Führer ebenfalls etwas am Wasser. Paul und Helen Webster nehmen uns in der Wild-Guide-Reihe mit in die „Französischen Alpen“ und versprechen, wie es im Untertitel heisst, „Einsamkeit, Abenteuer und das gute Leben“. In 17 Regionen vom Chablais am Lac Léman bis hinunter ins Mercantour warten 850 Tipps zum Erleben und Eintauchen, Einkehren und Übernachten. Also Gebirgsseen, Flüsse, Wasserfälle und heisse Quellen, Gletscher, Canyons, Schluchten und Klettertouren, Ruinen, Hinkelsteine und heilige Stätten, versteckte Festungen, Tunnel und Höhlen, Fahrradrouten, Pässe und Panoramastrassen, Hofläden, Märkte und Bergdörfer, Unterkünfte, Restaurants und Picknickplätze. Die Navigation im Führer ist etwas gewöhnungsbedürftig, die Übersichtskarten zu den Regionen sind zu klein und vor allem schlecht lesbar – schade. Trotzdem: Der Lac de Saint-André in der Chartreuse lockt zur einem Rundspaziergang von einer knappen halben Stunde; da liegt ein Abstecher zum Croix de Saint-André (398 m) allemal drin. Bonnes balades, zu diesem Kreuz wie zu denjenigen auf den Freiburger Gipfeln.

Bernd Jung, Daniel Anker: Gruyère – Diablerets. Freiburger und Waadtländer Alpen. 60 Touren mit GPS-Tracks. Rother Wanderführer 2022, € 17,00.

Benjamin Amiguet, Marc Voltenauer: 111 Orte in den Waadtländer Alpen, die man gesehen haben muss. Emons Verlag, Köln 2022, € 18,00.

François Damilano: Neige, Glace et Mixte. Le topo du massif du Mont-Blanc. Tome 2. Géant – Vallée Blanche, Envers des Aiguilles, Aiguilles de Chamonix. Troisième édition. JMEditions, Chamonix 2021, € 28,50.

Paul und Helen Webster: Wild Guide Französische Alpen. Einsamkeit, Abenteuer und das gute Leben. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2022. € 25,00.

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