Leichtigkeit

Wenn mit den Blättern von den Bäumen endgültig auch die Farben gefallen sind und die kahlen Äste grau in den grauen Hochnebelhimmel ragen, dann zehre ich so manches Mal von der Erinnerung an vergangene Leichtigkeit. Zum Beispiel an einen Sommertag, an dem alles Spiel und alles perfekt war.

10. Dezember 2017

Damals stiegen wir mit dem ersten Tageslicht kurz ein Tal entlang, dann nach links abzweigend, stille, da bereits verlassene Alpweiden empor. Eine blockige Rinne brachte uns in die Scharte am Beginn des Nordgrates, auf der sich der Blick in die ostseitige Tiefe auftat, und auf der uns die Sonne begrüsste. Nun ging es an grossen Rissen über eine erste Stufe und dann fast beliebig steigend oder verspielt kletternd weiter, mal im Licht, mal im Schatten, stets am Fels. Zwei Stunden nach unserem Aufbruch standen wir am Gipfel des Kleinen Widdersteins, angesichts einer weiten Aussicht ins morgendliche Alpenvorland auf der einen, und schroffer Nah- und Tiefblicke auf der anderen Seite. Der Weiterweg windet sich ziemlich herum, hinab in eine Scharte, hinüber in die Nordflanke, hinauf auf den Südgipfel und über eine steile Rippe wieder hinab ins grasige Karlstor.

Tor ist der treffende Ausdruck für diesen Ort. Nach Norden und Süden streben Felspfeiler empor, nach Osten und Westen sinken Geröllkare ins Tal, umgekehrt liegt der Torbogen im Bergleib. Mit Schwung kamen wir seinen nördlichen Pfeiler herab, durchliefen sein Bogenrund ohne zu halten, und rollten im Süden noch ein ganzes Stück wieder hinauf, ehe wir die Rucksäcke absetzten. Wir zogen die Klettergurte an, blickten aber etwas unschlüssig auf das Kommende, wägten und beschlossen dann, das Seil im Rucksack zu lassen. Wer will schon steigen, stehen, warten und steigen, stehen, warten, wenn der Fluss der Bewegung zu fliessen drängt und kein Grund dazu besteht, einen Anker zu werfen. Der Fels in den folgenden Verschneidungen fühlte sich an wie rauer Samt und trug uns leicht, als wären wir Luftwesen in die Höhe. Nach einem plattigen Rücken in Pfeilermitte steilte sich das Gelände nochmals auf. Braungraue Kanten aneinander gelehnter Platten, bildeten Orgelpfeifenartige Strukturen, an denen wir mal neben, mal übereinander kletterten, mal miteinander redend, mal still, jeder seinem Spiel vertrauend, das viel zu schnell zu Ende war.

Über den mit grossen Blöcken bedeckten Rücken des horizontalen Stückes im Ostgrat, kamen wir zu einer kleinsplittrigen Scharte, die wir schleichend durchquerten, und in der ich es war, der den einzigen Stein des Tages lostrat. Dann aber wurde der Fels wieder fest und der Grat steilte auf. Nahe dem Abbruch zur Nordwand segelten wir steigend, gleitend und wie in gutem Aufwind höher und dem Gipfel näher, den wir jederzeit hinter dem nächsten Absatz erwarteten. Doch dann stoppte ich überrascht vor einer Scharte, einem Einriss, gut zehn Meter tief. Wie eine Erinnerung an die Erdenschwere tauchte der Begriff „Seil“ in meinem Kopf auf. Verschwunden schienen die Flügel, die mich eben noch getragen, und die mir doch wieder wuchsen, als ich versuchsweise auf einen Absatz hinab kletterte. Bald konnte ich gegen die jenseitige Wand spreizen und las, schliesslich unten stehend, Aikko die Gedenktafel vor, die hier, so weit weg jeder Aufmerksamkeit, am Fels angebracht ist; während er, vom Kletterer, der in den Sechzigerjahren vom Blitz erschlagen wurde erfahrend, mich oben herum überholte, indem er mit weitem Schritt über den Einschnitt spreizte und an der von horizontalen Rissen durchzogenen Wand nach links um die Ecke verschwand. Ich folgte ihm auf die Gratfortsetzung, auf der nur wenig später, plötzlich ein Mann vor uns sass, etwas weiter zwei junge Frauen auftauchten und Dohlen um rastende Berggänger kreisten, sich wenige Meter neben ihnen auf eine noch freie Zinne setzten, etwas fallengelassenes aufpickten und wieder über die Köpfe in die Höhe schossen.

Auch wir landeten am Gipfel des Grossen Widdersteins, setzten uns auf ein noch freies Plätzchen, assen, was Essbares im Rucksack war und unterhielten uns über die Berge, die man sah, und über ihre Wege. Ein unerschöpfliches Thema, ein nicht enden wollender Stoff, Ahnung vieler noch möglicher Tage voll Leichtigkeit, mit der wir den Abstieg verplauderten, und die noch monateweit bis in den grauen Hochnebel reicht.

Uli Wiesmeier und Peter Mathis

Von zwei Altmeistern der Bergfotografie liegen neue, überzeugende Werke vor. Perfekt für stille Abende in der warmen Stube, ohne oder mit Weihnachtskerzen.

8. Dezember 2017

„Auf den Auslöser einer Kamera habe ich zum ersten Mal mit 14 Jahren gedrückt. Im Fokus: ein Berg. Der Berg war der Kofel in den Ammergauer Alpen und die Kamera eine alte, defekte Praktica meines Vaters, die ich mir ausgeborgt hatte, ohne zu fragen.“

So beginnt eines der schönsten, grössten, schwersten und vielfältigsten Bergbücher, das ich in diesem Jahr in den Händen hielt, anschaute und las. Das sind doch einig und bestimmt mehr als diejenigen, die ich dann unter „Ankers Buch der Woche“ vorstelle. „Berg…“ heisst dieses Buch ganz einfach, Berg mit drei Pünktchen. Diese stehen für siebzehn Begriffe, von …bild und …bahn über …steiger und …strasse bis …tod und …blume. Zu jedem der Begriffe fotografierte der deutsche Fotograf Uli Wiesmeier, Jahrgang 1959, seine so präzise wie poetisch inszenierten Bilder, zu fast jedem gibt es einen klugen Textdialog mit dem gleich alten deutschen Alpinschriftsteller und -filmer Stefan König. Der achtzehnte Begriff steht für Bergwelt und fasst die ein- bis doppelseitigen Einschaltbilder zusammen, die den Bildband strukturieren; das letzte zeigt einen Wintereinbruch in herbstlicher Landschaft auf dem Gruberhof in der Südtiroler Gemeinde Lüsen, wo Uli Wiesmeier heute lebt.

Was das hochformatige Buch heraushebt aus dem Haufen gebirgiger Bildbände, ist diese fotografische Interpretation der Begriffe. Beispiel Bergbauer. Auf zehn Doppelseiten jeweils links das Porträt eines Bergbauers, einer Bergbäuerin, und rechts sein bzw. ihr Arbeitsgerät, freigestellt auf weissem Hintergrund, dazu kurze Angaben zu Person, Ort und Zeitpunkt. Auf der ersten Doppelseite jeweils eine ältere Person mit ihrem Hilfsmittel, wie Melkschemel; auf der zweiten eine jüngere mit der heutigen Ausrüstung, also Melkmaschine/Zitzenbecher. Genial. Genauso wie die Luftaufnahmen von Bergseen mit ähnlichen Formen, die Uli Wiesmeier auf seinen Gleitschirmflügen fotografiert: links die künstlichen Speicherseen für das „winterliche Kunstschneebombardement“ (König), rechts die natürlichen. Echt stark. Ein sehr empfehlenswertes Weihnachtsgeschenk.

Das gilt ebenso für den neuen Bildband des österreichischen Fotografen Peter Mathis, Jahrgang 1961. „Alpen“ heisst das quadratformatige Buch und zeigt 100 grandiose Schwarzweissaufnahmen aus dem ganzen Alpenbogen, eingeleitet durch den cleveren Essay „Die Eroberung des Abstands“ von Jan Kirsten Biener und aufgelockert durch Einschübe von Mathis selbst zu seinen Touren nach dem perfekten Bild. So eines ist das Cover, ein frisch verschneiter Gipfel mit markanten Rippen und Rinnen, Schneefahnen am Gipfelgrat oben, Berg pur, ein unbekannter Alpengipfel, wild und abweisend, vielleicht gar unerobert. Ist das Distlighorn (3716 m) in der Aletschhorn-Gruppe der Berner Alpen ja nicht; seine Erstbesteigung fand allerdings erst spät statt, 1892 durch den Engländer Thomas Porter Hatt Jose mit den Führern Clemenz Zurbriggen und Anton Walden. Auf der neuen 50-Franken-Note verdeckt das leicht höhere Schinhorn das Distlighorn. So viele Euro kosten die Mathis’chen „Alpen“, also ein Geschenk par excellence für Bergfreunde und Fotokünstler.

Mit der doppelseitigen Foto „Niesen- und Stockhorn-Ketten, Berner Voralpen“ musste ich mich minutenlang beschäftigen. Erstens: eine unglaublich stimmungsvolle Aufnahme mit einem Nebelmeer auf rund 2000 Meter, aus dem dick verschneite Gipfel wie urweltliche Inseln herausragen. Zweitens: So müssen die Alpen in der grossen Eiszeit ausgesehen haben. Drittens: Oben rechts das Stockhorn, dann weiter links meine Heimatberge vom Gantrisch zum Ochsen; in der Mitte rechts der Niesen und links abgetrennt seine Nachbarn Fromberghorn und Drunengalm; aber vorne rechts bildbestimmend ein wunderbarer weisser Gipfel, den ich – ich geb’s mich schämend zu – nicht gleich benennen konnte. Nun weiss ich es: Es ist der Dreispitz im Kiental. Grossartig. Wie das Buch von Peter Mathis, in dem er seinen Auftritt hat.

Uli Wiesmeier, Stefan König: Berg… Knesebeck Verlag, München 2017, € 75.- www.knesebeck-verlag.de

Peter Mathis: Alpen. Prestel Verlag, München 2017, € 50.- www.prestel.de

Der 11. Dezember ist der Internationale Tag der Berge. Dazu findet im Alpinen Museum der Schweiz in Bern um 19 Uhr folgende Veranstaltung statt: Pecha Kucha mit Klopfen, Käsen, Klöppeln. Zu Wort kommen Expertinnen und Experten, die sich mit Löchern auskennen: der Kantonsarchäologe von Graubünden, eine Klöpplerin aus dem Lötschental, ein Höhlenforscher, eine Käserin – und eine Slam Poetin, die unsere Fantasie löchert. Pecha Kucha ist ein unterhaltsames Format mit klaren Regeln: Die Vortragenden zeigen 20 Bilder, von denen jedes während genau 20 Sekunden erscheint. Für die Zwischentöne sorgt die Jodlerin Barbara Berger. www.alpinesmuseum.ch

Bonatti, Gervasutti & Co.

Wir Eidgenossen haben doch das Gefühl, dass die Alpen uns gehören: Liegt nicht hinter dem Mont Blanc, der dummerweise grad nicht mehr in der Schweiz steht, das Mittelmeer, und beginnt nicht hinter der Silvretta schon bald die Puszta? Solchem Irrglauben sei eine Zahl entgegengesetzt: 15 Prozent. So klein ist der schweizerische Anteil am Alpenbogen zwischen Nizza und Wien. Eine zweite Zahl ist noch schlimmer: Erzfeind Österreich besitzt doppelt so viel. Auch Italien und Frankreich haben mehr Alpenanteil als die Schweiz, nämlich 28 bzw. 20%. Svizzera povera! Und dass neue grosse Bergbücher von bella Italia stammen, ist irgendwie auch kein Trost. Dafür aber höchst spannend – buona lettura!

30. November 2017

„Ich sinke in die Knie und weine.“

22. Februar 1965, 15.12 Uhr: Walter Bonatti erreicht das Gipfelkreuz auf dem italienischen Gipfel des Matterhorns. In vier Tagen ist er alleine durch die Nordwand geklettert, auf einer neuen, direkten Route. „Le plus grand alpiniste du monde“: So bejubelte der „Paris Match“ den Italiener in einer 26-seitigen Exklusivreportage. Mit dieser Tour setzte Bonatti seiner Karriere die Krone auf, um sich gleich danach im Alter von 35 Jahren überraschend vom Spitzenalpinismus zu verabschieden und sich grossen Reisereportagen zu widmen. Nun ist ein grossartiger Bildband erschienen, der sein alpinistisches Leben beleuchtet: „Walter Bonatti. Il sogno verticale. Cronache, immagini et taccuini inediti di montagna.” Aus dem Nachlass, der im Museo della Montagna di Torino aufbewahrt ist, ist unter der Führung von Angelo Ponta das vielschichtige Werk „Der vertikale Traum“ entstanden, das mit unveröffentlichten Fotos, Zeitungsausschnitten, Briefen, Topos und Tourenbücherkopien Bonattis Wege und Umwege, Erfolge und Erschütterungen nachzeichnet. Von der „Geburt eines Alpinisten“ bis zum „nachvollziehbaren Abenteuer“ liegt da Seite um Seite die Karriere eines ganz grossen Bergsteigers vor uns ausgebreitet vor.

In Italien wird ein anderer Alpinist fast ebenso verehrt wie Bonatti: Giusto Gervasutti. 1909 im Friaul geboren, am 16. September 1946 beim Rückzug an einem undurchstiegenen Granitpfeiler des Mont Blanc de Tacul ums Leben gekommen; der Pfeiler trägt heute seinen Namen. „Il fortissimo“ (der Stärkste): Unter diesem Spitznamen ist Gervasutti noch heute bekannt. So heisst auch die Zweitausgabe seiner alpinistischen Schriften, die übersetzt als „Bergfahrten“ in der Reihe „Alpine Klassiker“ 1992 erschienen sind. Was aber bisher fehlte, war eine Biografie des legendären Alpinisten, der bei der Lösung der letzten Probleme der Alpen (wie an den Grandes Jorasses) in den 1930er Jahren mitmachte. Enrico Camanni, Journalist und Buchautor, hat diese Aufgabe mit Bravour gelöst. Von den ersten Kletterversuchen bis zur letzten Fahrt (und zur letzten Foto) zeichnet Camanni das Bild eines starken Alpinisten nach, dem die Abenteuer in Fels und Eis mehr zusagten als diejenigen im Alltag und in der Politik.

Und da wären wir mitten in einen Schneesturm geraten, der eigentlich schon lange vorbei sein sollte, aber immer noch nachhallt – und der vor allem auch noch nie wirklich aufgearbeitet wurde. Thema ist die politische Auseinandersetzung um die Schutzhütten in Südtirol: Die Hütten waren und sind begehrte Objekte, um die sich die Länder und ihre Vereine fast so heftig stritten wie um den Boden, auf dem sie gebaut wurden. Südtirol eben: einst österreichisch, heute italienisch; Erster und Zweiter Weltkrieg; Faschismus und bombenüberschattete Nachkriegszeit. Zum Beispiel die Hallesche Hütte im Ortler-Cevedale-Massiv, 1897 von der Sektion Halle des Deutschen Alpen-Vereins erbaut, im Januar 1911 von drei Schweizern während der ersten Ski-Umrundung des Ortlers besucht, im Ersten Weltkrieg von der italienischen Artillerie unter Beschuss genommen und 1918 abgebrannt. Sie ist auf dem Titelbild der grundlegenden Studie von Stefano Morosini zu sehen: „Il meraviglioso patrimonio. I rifugi alpini in Alto Adige/Südtirol come questione nazionale (1914–1972).” Bergsteigen und erst recht der Bau und Unterhalt von Hütten und Häusern für Bergsteiger finden halt nicht im luftleeren Raum statt.

Das weiss natürlich ebenfalls der Architekt Antonio De Rossi, Direktor des Istituto di Architettura montana am Polytechnikum von Turin. Nach seinem ersten, preisgekrönten Band „La costruzione delle Alpi. Immagini e scenari del pittoresco alpino (1773–1914)” ist der Nachfolgeband herausgekommen: „La costruzione delle Alpi. Il Novecento e il modernismo alpino (1917–2017)”. Ein gigantisches Werk darüber, wie der Mensch im 20. Jahrhundert – vom Aufbruch in die Moderne nach dem Ende der Belle Epoque über die Bauhaus-Epoche bis heute – die Alpen gestaltet und umgestaltet hat. Aus dem 656-seitigen, mit 181 Abbildungen illustrierten Meisterwerk seien nur ein paar Kapitelüberschriften notiert, um einen Eindruck davon zu erhalten, was Antonio De Rossi detailliert, mit vielen Fussnoten und Literaturhinweisen unter die Lupe nimmt: „Una civilizzazione d’alta quota?“, „L’epopea delle Hochalpenstraβen“, „Spazialità ed estetica dello sci da discesa“ oder „Chalet du skieur e Sporthotel.“ Nur schon damit ist ersichtlich, dass De Rossi weit über den Rand der italienischen Alpen hinausgeschaut hat. Klar, Sestriere, Baronecchia und Cervinia, diese „Baustellen der alpinen Moderne“, werden vertieft behandelt. Auch Walter Bonatti tritt zweimal auf, so mit seiner alleine geglückten Erstdurchsteigung des Südwestpfeilers des Petit Dru vom 17. zum 22. August 1955: „una tappa fondamentale nella storia dell’alpinismo.“

Angelo Ponta (a cura di): Walter Bonatti. Il sogno verticale. Cronache, immagini e taccuini inediti di montagna. Rizzoli, Milano 2016, € 35.- www.rizzoli.eu

Enrico Camanni: Il desiderio di infinito. Vita di Giusto Gervasutti. Editori Laterza, Bari 2017, € 19.- www.laterza.it

Stefano Morosini: Il meraviglioso patrimonio. I rifugi alpini in Alto Adige/Südtirol come questione nazionale (1914–1972). Fondazione Museo storico del Trentino, Trento 2016, € 20.- www.museostorico.it

Antonio De Rossi: La costruzione delle Alpi. Il Novecento e il modernismo alpino (1917–2017). Donzelli editore, Roma 2016, € 42.- www.donzelli.it

UmZug

Wer „Umzug Bedeutung“ googelt, erhält diese Antwort: „1. ein Zug von Menschen auf der Straße, der besonders zu Festen oder Veranstaltungen stattfindet; ‚ein festlicher Umzug zum Jubiläum der Stadt‘. 2. Wohnungswechsel; ‚ein Umzug in eine neue Wohnung‘.“ Der Wanderwerker René P. Moor hat nun noch eine dritte Bedeutung gefunden.

23. November 2017

„Der Kanton Zug ist der offiziellen Reihenfolge nach der achte, nach der Bevölkerung der zweitletzte und nach der Grösse der letzte Kanton der Schweiz; er ist im Jahre 1352 derselben beigetreten.“

Auf das „Geographische Lexikon der Schweiz“ war und ist einfach Verlass. Es erschien in Neuenburg im Verlag der Gebrüder Attinger von 1902 bis 1910. Der sechste und letzte Band ist mit 1328 Seiten der dickste und umfasst die Einträge von Tavetsch bis Zybachsplatte sowie das Supplement und letzte Ergänzungen. Die oben zitierten Zeilen leiten den gut 20-seitigen Eintrag zum Kanton Zug ein, darin teilweise auch schon die Stadt Zug behandelt wird. Diese wird dann auf weiteren drei Seiten vorgestellt, bevor Zugerberg und Zugersee behandelt werden, auch diese mit Zeichnungen, Fotos und Karten.

Nach der Grösse ist der Kanton Zug mit 239 km2 immer noch der letzte der Schweiz, wenn man die sechs Halbkantone als drei Ganzkantone nimmt; sonst ist natürlich Basel-Stadt mit nur 37 km2 flächenmässig der kleinste. Bevölkerungsmässig hat sich der Kanton Zug in den letzten 100 Jahren aber tüchtig emporgearbeitet und hat Kantone wie Glarus, Schaffhausen oder Appenzell überholt. Gleich lang ist aber die Grenze geblieben: 88,5 km. Ihr entlang führt ein neues Wander- und Geschichtenbuch von René P. Moor: „UmZug. Zu Fuss um den Kanton Zug.“

Schon einmal ist der im Gürbetal lebende Verleger und Wanderer, Schreiber und Fotograf um einen Kanton herumgewandert, nämlich um den Kanton Aargau in den Jahren 2012/13. Und jetzt also um den Kanton Zug, in sieben Etappen von Walchwil im Gegenuhrzeigersinn herum zurück zu diesem Dorf am Zugersee, „dem zugerischen Nizza und gleichsam südlichsten Dorf des Kantons“. Seine Wegstrecke ist deutlich länger als die Grenze, weil er dieser im Zugersee nicht per Boot entlang ruderte, sondern um den See herumging und so noch die Hauptstadt besuchte. Was sich lohnt, ebenfalls für uns, die wir dem UmZug nur auf dem Sofa oder auch per pedes folgen.

Auf www.wanderwerk.ch hat René P. Moor ein paar Fragen aufgelistet, die er in seinem jüngsten, wieder fein illustrierten Werk beantwortet: „Was ist eigentlich der Reiz am Kanton Zug? Weshalb kam es zur Kappeler Milchsuppe? Wo ist der Kanton Zug am höchsten, tiefsten, schönsten und am hässlichsten? Wie kommt es, dass die Erfindung der Zuger Kirschtorte einem Appenzeller zu verdanken ist? Wie kam es zur Schlacht am Morgarten? Weshalb heisst Zug Zug?“

Letzteres weiss auch das „Historisch-Biographische Lexikon der Schweiz“, das von 1921 bis 1934 in acht Bänden erschien. Der 24-seitige Eintrag zu Zug beginnt so: „Stadt und Kanton seit 1352, in der offiziellen Reihenfolge der eidg. Stände der siebente. Die Stadt hat ihren Namen, den sie auf den Kanton übertrug, als ursprünglich kleines Fischerdorf wahrscheinlich von Fisch-Zug erhalten, der hauptsächlichsten Beschäftigung der einstigen Bewohner.“

René P. Moor: UmZug. Zu Fuss um den Kanton Zug. Edition Wanderwerk, Burgistein 2017, Fr. 19.50.- Zu bestellen unter www.wanderwerk.ch

Schnee

„Auf den letzten Graten, zwischen knochenbleichem Fels, liegt schon der Schnee, weiss, wie ein Jauchzen…“. So ein Satz konnte nur ein Skifahrer schreiben. Max Frisch war einer; das Zitat stammt aus „Blätter aus dem Brotsack“ (1940). Wir jauchzen auch: Der Schnee ist da. Die Schneebücher ebenfalls. Wir wünschen schwungvolles Blättern und Lesen.

13. November 2017

Es schneielet, es beielet
Es geit e chüele Wind
D’Buebe lege d’Händsche a
U d’Meitschi loufe gschwind.

Machen wir Mädchen und Buben. Aber nicht nur die Handschuhe ziehen wir an, sondern auch die Skis. Dann können wir noch schneller unterwegs sein. Auf geht’s in den Schnee, jetzt, wo er bis in die Niederungen gefallen ist! Im Folgenden seien vier neue Bücher vorgestellt, in denen die weissen Flocken die Hauptrolle spielen, im Guten wie im Bösen.

Der französische Radioreporter Alexandre Pasteur stellt in „Legendäre Skirennfahrer“ 47 Skirennfahrerinnen und Skirennfahrer vor, die erstens häufig zuoberst auf dem Podest standen (und immer noch stehen, auch wenn Seriensiegerin Mikaela Shiffrin am Samstag im ersten Slalom der neuen Weltcup-Saison nur Zweite wurde) und die zweitens ebenfalls durch ihre Geschichte und Ausstrahlung zu Persönlichkeiten wurden. 21 berühmte Meitschis und 26 Buebe, von Émile Allais und Christl Cranz bis Marcel Hirscher und eben Mikaela Shiffrin. 13 aus Österreich, 9 aus Frankreich und 6 aus der Schweiz (Lise-Marie Morerod, Erika Hess, Pirmin Zurbriggen, Maria Walliser, Vreni Schneider und Didier Cuche); fehlt aus helvetischer Sicht eigentlich nur einer, unser Bernhard Russi. Trotzdem: ein überzeugendes Skibuch, mit starken Bildern und legendären Geschichten. Ich persönlich mag mich noch gut an Jean-Noël Augert erinnern, wie er auf seinen Dynamic-Skis durch die Slalomtore flitzte. Als ich dann auch solche Latten mit dem Doppelstreifen auf den Spitzen hatte, versuchte ich es Jean-Noël gleichzutun – vergeblich.

Der 22. Band der Internationalen Gesellschaft für historische Alpenforschung widmet sich dem Thema „Sport und Freizeit“. Heute sind Freizeitaktivitäten fester Bestandteil der alpinen Identität und haben die ehemals landwirtschaftliche oder industrielle Prägung verdrängt. Im Sport spiegeln sich gesellschaftliche Veränderungen, er wird damit zu einem interessanten Forschungsgebiet. Die Autoren untersuchen in drei Sphären (Luft, Boden und Untergrund) und in drei Sprachen die veränderten Formen der Aneignung der Alpen durch den Menschen und damit verbunden seinen neuen Umgang mit der Natur. Dabei ist nicht erstaunlich, dass der Schneesport an erster Stelle der acht Beiträge liegt: der Frauenskilauf im Schwarzwald; il turismo della neve Alpi italiane; alpinismo e ski (wie sich die publizistischen Bergbilder der Schweiz in der Zwischenkriegszeit veränderten); de la cure d’air à l’or blanc (der Schweizerische Interverband für Skilauf und die Herausforderungen des Skisportes in der Schweiz von 1920 bis 1960). Spannende Themen. Und gleichzeitig ein paar weitere Tore zur immer noch fälligen, umfassenden Geschichte des Skilaufs in der Schweiz.

Die Story über die mächtige Schneebrettlawine, die am 19. Februar 2012 auf der Freeride-Abfahrt Tunnel Creek am Cowboy Mountain im Kaskadengebirge im US-Bundesstaat Washington drei Tote forderte, erschien am 20. Dezember 2012 als Webpublikation der „New York Times“ – und ist dort immer noch zu lesen, versehen mit Fotos und Videos. In der Taschenbuchreihe „True Tales“ des DuMont Reiseverlages ist John Branchs Recherche nun auf Deutsch erschienen. Eine rasant und vielschichtig erzählte Geschichte über Glück und Unglück beim Skilauf, über Lawinen- und Menschenkunde, über Gruppenzwang und Drang nach der ersten Spur im Pulverschnee. Leider vermasselt die deutsche Übersetzung das atemberaubende Gleiten und Lesen immer wieder, weil „meadow“ anstatt mit Weide, Matte oder noch besser Grashang mit Wiese übersetzt wurde. Und eine Wiese ist fürs Pülverle und Lawinenabgehen einfach ein mässig geneigter Untergrund.

Wer jetzt findet, Schnee bis in die helvetischen Niederungen sei sowieso des Teufels, mag darauf hoffen, dass er anderswo fällt. Zum Beispiel in Griechenland. Vor ziemlich genau einem Jahr kam auf Griechisch, Englisch und Deutsch der erste Skitourenführer für Griechenland heraus: „Skitouren mit Meerblick“ von Christian Mayer. Mit Ski auf den Olymp, den höchsten Gipfel des Landes, oder auf den Psiloritis, den höchsten von Kreta: Sie wären doch Ziele für den Spätwinter. Jetzt, im Frühwinter, dürfte der Karava (2184 m) in den Agrafa-Bergen in Thessalien besser für erste Schwünge im frischen Schnee geeignet sein. Der Wetterbericht jedenfalls verspricht für diese Region von Mittwoch bis Sonntag Schneefall. Es schneielet, es beielet…

Alexandre Pasteur: Legendäre Skirennfahrer. AS Verlag 2017, Fr. 58.- www.as-verlag.ch

Michaël Attali, Anne-Lise Head-König, Luigi Lorenzetti (Hg.): Sports et loisirs – Sport und Freizeit. Geschichte der Alpen/Histoire des Alpes/Storia delle Alpi, Band 22. Chronos Verlag 2017, Fr. 38.- www.chronos-verlag.ch

John Branch: Die Lawine. Freeski-Albtraum am Tunnel Creek. DuMont True Tales 2017, € 8.- www.mairdumont.com Um die englische Orignalversion zu lesen, gibt man am einfachsten auf Google ein: cowboy mountain avalanche.

Christian Mayer: Skitouren mit Meerblick – Griechenland. Anavasi editions, Athen 2016, Fr. 29.90. Erhältlich bei der Buchhandlung Piz Buch & Berg, www.pizbube.ch

Philosophie des Kletterns – ABC de l‘alpinisme

Wer eine Philosophie des Kletterns schreibt oder übersetzt, müsste wohl erst mal etwas vom Klettern verstehen, bevor er über das Einrichten von Routen und Schlagen von Haken tiefsinnige Gedanken verfasst. Selbst der renommierte Suhrkamp Verlag ist offensichtlich vor alpinliterarischen Missgriffen und Fehltritten nicht gefeit. Halten wir uns also an das alpine ABC in französischer Sprache über die Gründe, warum wir die Berge lieben. Da gibt’s wenigstens keine Übersetzungsfehler.

8. November 2017

„Beim Sportklettern steckt man die Routen von oben her ab. Die Kletterer schnallen sich oben sicher fest und steigen dann langsam ab, um die Route zu bereinigen, zu üben und mit Haken zu versehen.“

Quatsch! Oder auf Englisch: Bullshit! Denn diese ziemlich falsche Definition von Sportklettern stammt vom amerikanischen Ethikprofessor und Kletterer Dane Scott aus seinem Beitrag „Freiheit und Individualität ‚on the rocks‘“ im Buch „Die Philosophie des Kletterns“. Es erschien 2014 erstmals auf Deutsch im mairisch Verlag und nun als günstige Taschenbuchausgabe im sehr renommierten Suhrkamp Verlag. Die Originalausgabe von 2010 heisst „Climbing – Philosophy for Everyone: Because It’s there“. Und genau hier mag der Haken stecken: In den USA wird vielleicht Sportklettern wie bei Dane Scott verstanden; hierzulande aber ist diese Definition schlicht falsch.

Nicht die einzige brüchige Passage im Buch mit dem hochtrabenden Titel. Die Schwierigkeiten beginnen bereits damit: climbing ist viel mehr als klettern; es umfasst auch das Bergsteigen im klassischen Sinn. Und so folgen sich ungenaue und falsche Begriffserklärungen und Übersetzungen wie die Griffe in einer Kletterhalle. Ein weiteres Beispiel: Bei der ersten freien Begehung der Salathé-Wall des El Capitan sei der Vorsteiger „ohne Sicherung geklettert.“ Quatsch: Da war das Seil zum Nachsteiger, da waren die mobilen Sicherungsgeräte, die der Vorsteiger gelegt hat und in die er mittels der Karabiner ins Seil eingehängt hat. Aber er hat die Sicherungsgeräte (Klemmkeile, Haken) nicht als Haltepunkte für Hände und Füsse benutzt. Anders gesagt: Es gibt ein ziemliches Gefälle zwischen der ungenügenden Übersetzung und der immer wieder herbeizitierten Phänomenologie des Geistes von Hegel.

Trotzdem: Ein paar der übersetzten Beiträge sollten durchaus gelesen werden, so derjenige „über das Schlagen von Griffen“. Und die beiden originaldeutschen „Klettern ist beides. Über Dualismus“ sowie „Abschied vom unendlichen Gipfel“ sowieso. Zum Beispiel auf der Fahrt nach oder zurück von Brig; dort findet von Mittwoch bis Sonntag zum 12. Mal das Multimediafestival „BergBuchBrig“ statt. Am Eröffnungsabend steht der Film „The Art of Climbing“ auf dem Programm, am Samstag Mittag zwei weitere Kletterfilme, am Sonntag Mittag der Kletterfilm „Tupendeo – one mountain, two stories“ von Robert Steiner. Nicht verpassen!

Zum ersten Mal hingegen findet der „Salon de la Montagne“ im Rahmen der Genfer Herbstmesse „Les Automnales“ statt, und zwar vom kommenden Freitag bis Sonntag im Palexpo. „Plus de 60 exposants venus de Suisse et de France se rassembleront pour vous présenter leurs activités et vous proposer des animations ludiques et évidemment sportives“, heisst es auf www.automnales.ch/salon-de-la-montagne. Mit dabei auch das Alpine Museum der Schweiz, das die Biwak-Ausstellung „Good News from Afghanistan“ und ein paar Exponate aus dem Nachlass von Erhard Loretan zeigt.

Und was lesen wir auf der Fahrt nach oder zurück von Genf? Ein aktuelles französisches Buch, das sich grundlegend mit dem Bergsteigen befasst, mais bien-sûr! Mein Vorschlag: „Pourquoi nous aimons gravir les montagnes“ von Marco Troussier, Bergführer, Ausbildner, Jazzer und Schriftsteller. Sein zugleich handliches wie tiefgehendes Buch über die Gründe, warum wir das Besteigen der Berge lieben, hat er als (nicht erschöpfendes) ABC aufgebaut, von A wie Air über C wie Cairn (Signal) bzw. (Andacht) und R wie Refuge oder Rêve bis Z wie die Z-Route an der Meije. Das ganze hübsch garniert mit meist älteren schwarzweissen Fotos und Zeichnungen. Un petit cadeau!

Stephen E. Schmid, Peter Reichenbach (Hg.): Die Philosophie des Kletterns. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, € 10.-, www.suhrkamp.de

Marco Troussier: Pourquoi nous aimons gravir les montagnes. Abécédaire (non exhaustif) de l’alpinisme. Les Éditions du Mont-Blanc, Les Houches 2017, € 14.90, www.leseditionsdumontblanc.com

www.bergbuchbrig.ch
www.automnales.ch/salon-de-la-montagne

Die Schlange

Eine Begegnung am Fuss der Wand. Vor lauter Freude über die kleine Schlange vergessen wir fast das Klettern.

3. November 2017

Ich bin schon beim erste Haken, als meine Partnerin ruft: «Komm nochmals herunter, das ist eine kleine Schlange.»

In Zeitlupe windet sich das Reptil durch Schotter und Laub, grau gemustert, einen halben Zentimeter dick und fast zwanzig lang, der Kopf dunkel gefärbt. Ein mikroskopisches Zünglein tastet sich durch die winzige Welt dieses einsamen Wesens. Ein Wunder, dass es überlebt hat an diesem Ort, an dem oft ziemlich Betrieb herrscht, die Leute nicht immer darauf achten, was da kreucht und fleucht. Was ist es wohl? Auch die jungen Kletterer, die wir fragen, wissen es nicht. Wohl am ehesten eine Kreuzotter. So winzig und schon halb in Winterstarre wird sie uns bestimmt nicht beissen. Wir haben keine Angst vor Schlangen. Hier auf der Galerie haben wir auch schon junge Ringelnattern gesichtet, die kennen wir. Das ist dieses kleine Wesen wohl nicht, die gelbe Schuppe am Kopf fehlt. Eine Aspisviper? Wohl eher selten in der Gegend.

Zwischen den Seillängen beobachten wir unsern neuen Freund oder unsere Freundin, wie er oder sie verschwindet, wieder auftaucht in einem Polster von feinem Klee. Diese Ruhe, diese Gelassenheit. Die fehlt uns. Ein deutscher Kletterer fällt uns ein, der ein Buch veröffentlicht hatte mit Tipps, wie man die persönliche Klettertechnik verbessern könnte. Einer lautete: Stell dir vor, du bist ein Tier. Ein Affe, eine Eidechse oder Schlange zum Beispiel, ja, das stand in dem Buch. Per Zufall kam dieser Kletterautor einmal auf die Galerie, alles schaute zu, wie er eine schwere Stelle versuchte, sich abmühte. Wir munterten ihn auf, riefen: «Stell dir vor, du bist eine Schlange!» Fies eigentlich, aber schliesslich schaffte er die Stelle, als Schlange, Eichhörnchen, Schwalbe oder was immer.

Mit der Zeit verlieren wir unser Reptil aus den Augen. Wir hoffen, es überlebe den Winter und begegne uns im nächsten Frühling wieder, grösser und schneller noch. Gebt acht auf der Galerie, liebe Kletterfreunde und -freundinnen. Schaut auch mal nach unten, nicht nur nach oben.

Kaleidoskop der Schweizer Kartografie

Was bestimmt die Schweiz ausser Banken und Uhren, Schoggi und Nescafé? Blöde Frage: Berge natürlich. Überall und seit jeher. Seitdem ein paar kräftige Bergbauern auf einer grünen Matte oberhalb des blauen Vierwaldstättersees Freiheit und Beistand geschworen haben sollen. Und womit kann man wissen, wie diese Matte heisst und die Höger drumherum? Wie hoch sie sind, wie stotzig und eisig? Und wie man hinauf kommt, zu Fuss, per Bahn oder vielleicht gar nicht? Mit einer Karte natürlich. Eine neue Publikation beleuchtet präzise wie ein Uhrwerk und verführerisch wie Schokolade die Schweizer Kartografie.

2. November 2017

„Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge zog es in Scharen nach Amerika. Allein im 18. Jahrhundert wanderten mehr als 25‘000 Eidgenossen mit Kind und Kegel in die damals noch englischen Kolonien aus. Als Ursache für die Auswanderung vermerkten die Chronisten grosse Armut sowie religiöse oder politische Intoleranz der hiesigen Behörden. Einige Abenteurer hatten aber auch patriotische, ja geradezu utopische Ziele. Sie planten ihre Kolonien als Vorposten einer besseren Welt oder als Verheissung einer neuen Zivilisation.“

Von einem solch angestrebten Paradies handelt die 1737 in Bern gedruckte Schrift „Neu-gefundenes Eden“, die zwei Karten enthält. Die zweite heisst „Eden in Virginia: von der Helvetischen Societet erkaufte 33 440 Jucharten Land Ao. 1736“ im Massstab 1:125‘000. Eine ziemlich ungewöhnliche und sicher ziemlich unbekannte Schweizer Karte. Solche aber gibt es nicht nur für die Schweiz, sondern eben auch für ausländische Gebiete und Bedürfnisse.

Karten, die entweder von Schweizer Autorinnen und Autoren stammen oder die von einem Schweizer Verlag publiziert wurden: Der Berner Kartograf Markus Oehrli verfasste zwischen August 2015 und Dezember 2016 den Blog „Karte der Woche“, wobei die vorgestellten 70 Dokumente einen Querschnitt des Schweizer Kartenschaffens zeigen. Der Blog diente als Beitrag der Schweizerischen Gesellschaft für Kartografie für das Internationale Jahr der Karte. Oehrli wählte vor allem solche Karten aus, für die die Schweizer Kartografie bekannt oder sogar weltberühmt ist, von topografischen Karten über Stadtpläne und Vogelschaukarten, Strassen- und Schulkarten bis zu Panoramen und Reliefmodells. Die ältesten Karten stammen aus dem frühen 16. Jahrhundert, die jüngste von 2016. Die Karte „Mount Washington and the heart of the Presidential Range, New Hampshire“ im Massstab 1:20‘000 erschien 1988, und zwar printed by Orell Füssli + Co. Fast hundert Jahre älter ist die „Karte des Russischen Reichs: mit Angaben der Eisenbahnen und inneren Wasserwege“ im Massstab 1:15‘000‘000, 1895 gedruckt von Kümmerly & Frey.

Eine bunte Kartenmischung also, die nun in anderer Form greifbar ist. In ihrem jüngsten Heft bringt die Halbjahreszeitschrift „Cartographica Helvetica“ 58 der Oehrlischen Kartenporträts in aktualisierter und überarbeiteter Form. Ein wunderbares, höchst interessantes Kaleidoskop von schweizerischen Kartenwerken, farbig präsentiert, informativ und unterhaltsam kommentiert. Ein ungeahntes Schau- und Lesevergnügen. Zum Beispiel mit dem Abschnitt „Diesseits von Eden“.

Markus Oehrli: Kaleidoskop der Schweizer Kartografie. Cartographica Helvetica, 2017, Heft 55. Fr. 25.- Verlag Cartographica Helvetica, Untere Längmatt 9, 3280 Murten, info@cartographica-helvetica.ch, www.kartengeschichte.ch.

Etichette delle montagne

Etiketten erzählen Geschichten. Zum Beispiel jene, die drei Kriegsgefangene zum Ausbruch bewegte – nicht in die Freiheit, sondern um einen Berg zu besteigen. Andere sind vielleicht harmloser. Zeigen das Matterhorn oder Rasierklingen oder eine Schöne im Skidress. Ein Universum für Sammler.

25. Oktober 2017

„Eines Tages wurden Büchsenfleisch mit Gemüse, Marke ‚Kenylon‘, ausgegeben – eine Sorte, die bisher in dieses Lager nicht geliefert worden war. Auf jeder Büchse war ein Etikett geklebt, das als Handelsmarke eine Ansicht des Kenya zeigte, von einer Seite, die wir noch nicht kannten. Wir vermuteten, es könne nur die Südansicht sein oder noch wahrscheinlicher die von Süd-Süd-West. Es war für uns eine Enttäuschung, zu sehen, daβ die Gipfel von dieser neuen Seite her genau so schwierig aussahen, ja daβ es hier anscheinend noch mehr Gletscher gab als auf den Nordhängen.“

Ein Schlüsselerlebnis für den italienischen Kriegsgefangenen Felice Benuzzi und seine Mitinsassen im britischen Camp 354 bei Nanyuki, mit Blick auf den Mount Kenya, den zweithöchsten Berg Afrikas – sein höchster Punkt ist der Batian (5199 m). Den Mt. Kenya will Benuzzi unbedingt besteigen, und mit Giovanni Balletto und Vincenzo Barsotti bricht Benuzzi im Januar 1943 aus dem Kriegsgefangenenlager aus, um mit heimlich zusammengestellter Nahrung und sehr primitiver Ausrüstung den verlockenden Berg zu besteigen. Als Navigationsmaterial haben die Ausbrecher zwei Skizzen (eine nach einer Fotografie, die andere mit dem Feldstecher erarbeitet) und eben die Kenylon-Büchsenfleisch-Etikette dabei. Die Bergsteiger gelangen bis 5000 Meter hinauf und kehren zurück ins Lager 354, wo sie zu je einem Monat Einzelhaft verurteilt werden. In Anerkennung des „sporting effort“ des Ausbruchs wird die Strafe auf eine Woche verkürzt.

Felice Benuzzis Buch ist ein Klassiker der Alpinliteratur: „Fuga sul Kenya – 17 giorni di libertà“ erschien 1947, die englische Ausgabe 1952 unter dem starken Titel „No Picnic on Mount Kenya“, die deutsche 1953 als „Flucht ins Abenteuer. Drei Kriegsgefangene besteigen den Mt. Kenya“; die Rückseite mit der Kenylon-Etikette ist hier abgebildet.

Natürlich ist diese berühmte Etikette auch im 336 Seiten starken Bildband „Etichette delle montagne. Immagini di commercio“ zu finden, der sich mit den Etiketten beschäftigt, auf denen Berge, alpine Landschaften und Szenen zu finden sind. Ganze 747 Etiketten sind abgebildet, von 1865 bis heute, sauber geordnet nach Getränken, Lebensmitteln, Früchte und Gemüse, Tabak und Zündhölzern, Textilien, Ölen und Seifen, Rasierklingen und Intimtüchleins, Parfüm und Pastillen, Geräten aller Art sowie touristischen Schildern und Anhängern. Ein Universum, oft übersehen, hier schön versammelt und beschriftet, dazu mit italienischen und englischen Texten erklärt.

Und welcher Berg ist am häufigsten abgebildet? Höchstwahrscheinlich das Matterhorn. Auf 21 Etiketten zeigt es seine unverwechselbare Form, auch seitenverkehrt. Ebenfalls auf der Essense de lavande „Mont-Blanc“ von 1910 ist es zu finden. Da hatten Benuzzi und seine Freunde ja Glück: Ein Matterhorn hätte ihnen im kenianischen Hochland nichts genützt.

Aldo Audisio, Laura Gallo: Etichette delle montagne. Immagini di commercio. Raccolte di documentazione del Museo Nazionale della Montagna. Priuli & Verlucca, Ivrea 2016; Euro 39.50. Volume bilingue Italiano-Inglese.

Die gleichnamige Ausstellung im Museo Nazionale della Montagna in Turin ist noch bis zum 3. Dezember 2017 zu sehen.

Klettern im Jura

Klettern in den Alpen – passt bestens. Klettern im Mittelland – etwas weniger; gibt aber schon ein paar Seillängen, auch draussen. Und Klettern im Jura – geht wiederum bestens. Zwei neue Führer zeigen, wo es am schönsten und am schwierigsten ist. Anseilen bitte!

21. Oktober 2017

11.11.[73] Jura: Im Schilt. Zwischen La Huette und Sonzeboz. Viele wunderschöne Routen, schwierig. Wir machten Normalweg IV-V, 120 m. Herrlicher Fels, todsichere Standplätze. Res und ich bezwangen noch eine Artificiel-Route (A1, -IV).

Eintrag aus meinem zweiten Tourenbuch, mit nicht ganz korrekter Schreibweise: Die beiden Ortschaften im Berner Jura schreiben sich La Heutte und Sonceboz, und ob man Standplätze als todsicher bezeichnen kann, bleibe mal dahingestellt. Immerhin war man damals froh, wenn wenigstens an den Standplätzen wirklich verlässliche Felshaken steckten. Neunzehn Jahre alt war ich bei meinem ersten Kletterausflug im Jura, und bis ich dorthin zurückkehrte, sollten weitere vier Jahre vergehen. Dabei liegt das zweite Gebirge der Schweiz so nahe vom Mittelland wie die Alpen, und klettern kann man dort mindestens so gut. Wandern natürlich auch, gerade im Spätherbst, wenn die Schneefallgrenze zu sinken beginnt, wie MeteoSchweiz nun ankündigt: „Am Sonntag oft stark bewölkt und zeitweise Niederschlag, besonders am Alpennordhang. Schneefallgrenze auf 1000 bis 1300 Meter sinkend.“

Wer aber lieber klettert, greift zu zwei neu aufgelegten Führern aus dem Hause Filidor. Sandro von Känel und seine Mitarbeiter präsentieren in „plaisir Jura“ und „extrem Jura“ auf je 358 Seiten so viele wunderschöne Routen in allen Schwierigkeitsgraden, dass wir für die nächsten Jahrzehnte genug zum Klettern im Schweizer Jura haben. Und gar un peu darüber hinaus. Im Plaisir-Band sind nämlich acht Gebiete aus dem Französischen Jura, fünf aus dem Elsass und eines aus dem Schwarzwald beschrieben, die unbedingt einen Besuch lohnen. Zum Beispiel die Trois Commères, die drei Klatschbasen, bei Morez; das Dorf liegt nur 13 Kilometer entfernt von La Dôle, dem westlichsten Gipfel der Schweiz. Oder die rötlichen Bunt-Sandsteine von Gueberschwihr, „ein wirkliches Plaisir-Paradies zwischen Weinbergen und traditionellen Winzerhöfen“, wie es im Führer heisst.

Wie immer in den handlichen Werken der Edition Filidor: klar und kundig das Ganze. Texte und Topos, Skizzen und Fotos: alles tipptopp. All die präsentierten Gebiete und Seillängen: verlockend bis vielleicht unmöglich – letzteres vor allem im Band „Extrem“, wenigstens für Otto Normalkletterer. Bevor man sich im Schilt also an die mit 7a bewertete Route „La Symphonie des mousquetons“ wagt, sollte die Normalroute gemacht werden, ein „Klassiker mit deutlichen Gebrauchsspuren“.

Sandro von Känel: plaisir Jura sowie extrem Jura. Filidor Verlag, Reichenbach 2017, je 44 Fr. Gratis dazu gibt es einen Downloadcode für eine kostenlose Anwendung auf iOS und Android, damit man die Führer auch auf dem Smartphone konsultieren kann. www.filidor.ch