Ein Platz für Götter

Eine Ausstellung und ein Buch über Richard Wagner als Alpenwanderer. Der rüstige Komponist liess sich selbst durch morgendliche Alphornklänge inspierieren.

4. September 2010

wagner-002„Früh um 4 Uhr weckte der Knecht mit dem Alphorn. Ich fuhr auf, sah, dass es regnete und blieb liegen um weiter zu schlafen. Doch ging mir das drollige Geblase im Kopf herum, und daraus entstand eine sehr lustige Melodie, die jetzt der Hirt aussen bläst, wenn er Isolde’s Schiff ankündigt, was eine überraschend heitere und naive Wirkung macht.“

Das schrieb Richard Wagner (1813-1883) seiner Ehefrau Minna nach einem Ausflug auf die Rigi am 9. Juli 1859. Andere Rigitouristen hätten sich vielleicht geärgert, dass sie geweckt wurden – wahrscheinlich um den Sonnenaufgang zu bewundern, obwohl es doch regnete. Nicht so Wagner, der dem Alphorngeblase eine fruchtbare Seite abgewann. Aber er war ja auch kein gewöhnlicher Tourist.

Als der Komponist nach der missglückten Revolution von 1849 aus Dresden in die Schweiz floh, traf er auf ein Land, das sich bereits für Touristen aus allen Ländern geöffnet hatte. Wagner, der zu dieser Zeit in physischer Hochform war, unternahm in den darauffolgenden Jahren zahlreiche Wanderungen. Neben der reinen Lust an Bewegung und Erkundung neuer Landschaften war dabei die Suche nach Inspiration für sein Schaffen ein wichtiger Grund. Diese Reisen sind nun gleich doppelt mitzuerleben.

Einerseits im Richard-Wagner-Museum in Luzern, in der diesjährigen Sonderausstellung „Alpenmythos im 19. Jahrhundert: Richard Wagners Wanderungen in der Schweiz“. Das Museum ist im prächtigst gelegenen Haus am Tribschenhorn untergebracht, wo Wagner mit Cosima von Bülow und ihren gemeinsamen Kindern von 1866 bis zum Umzug nach Bayreuth im Jahre 1872 lebte. Aber bereits 1859 hatte Wagner, damals noch (halbwegs) mit Minna Planer verheiratet, sechs Monate in Luzern verbracht, im Hotel „Schweizerhof“. Der Spaziergang vom Bahnhof Luzern zum Museum, via Inseli, Ufschötti (vielleicht liegt gar noch ein Bad im Lake Lucerne drin!), Alpenquai und Tribschenhornweg kann nur empfohlen werden. Gehfaule nehmen das Schiff via Verkehrshaus Luzern.

Zu Richard Wagner als Fussgänger ist auch ein gediegen illustriertes Buch mit dem eingängigen Titel „Ein Platz für Götter“ erschienen. Darin erfahren wir viel über die damalige Zeit und etwas zu viel über die heutige (touristische Hinweise etc.), hören aber zu wenig den Originalton des Meisters. Dafür gäbe es nun natürlich eine CD… Zum Beispiel „Tristan und Isolde“; das Musikdrama beendete Wagner im August 1859 in Luzern, uraufgeführt wurde es allerdings erst am 10. Juni 1865 in München unter der Leitung von Hans von Bülow.

Die Sonderausstellung zu Wagners Alpenreisen im Richard-Wagner-Museum in Luzern ist noch bis am 30. November 2010 zu sehen (Di-So, 10-12, 14-17 Uhr); www.richard-wagner-museum.ch

Eva Rieger, Hiltrud Schröder: Ein Platz für Götter. Richard Wagners Wanderungen in der Schweiz. Böhlau Verlag, Köln 2009, Fr. 37.90

Einsam unterwegs auf starkem Fels

Auf den Bildern des Alpinführers sieht es etwas unbeachtet, gar unberührt und einsam aus: das Diechterhorn im Berner Oberland. Wer es erklimmt, dem stockt der Atem nicht nur ob der Ausgesetztheit, sondern auch ob der fantastischen Rundsicht auf unzählige Gipfel.
© Annette Frommherz

3. September 2010

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Es pendelt in mir zwischen Vorfreude und Unsicherheit. Vorfreude auf die Zweisamkeit im sommerlichen Schneefeld. Unsicherheit, was mich da oben erwartet. Der Alpinführer schreibt von einem «hundert Meter langen Blockgrat zum Gipfel». Was mir fehlt, sind die Angaben über die Ausgesetztheit. Aber Alpinführer gehen davon aus, dass Bergsteiger grundsätzlich schwindelfrei sind. Ich übe mich in Gelassenheit.

Mit der steilsten Standseilbahn der Welt sind wir tags zuvor vom Handeck zum Gelmersee befördert worden und von da zur Gelmerhütte aufgestiegen. Abends haben wir den Hüttenwart nach dem morgigen Wetter gefragt. Hüttenwarte sind ja neben Insekten und Muothatalern die zuverlässigsten Wetterdeuter. Bedächtig hat Walter Schläppi in unsere fragenden Gesichter geschaut und gesagt: «Morn am füfi gömer eis go gugge, dänn gsehmer, was für Wätter ischt.» Präziser kann auch Meteo Schweiz nicht vorhersagen.
Walter wartet hier oben schon den zweiunddreissigsten Sommer. Vor 84 Jahren eingeweiht, wurde die Gelmerhütte im Laufe der Zeit erweitert und modernisiert. Nachdem 1935 das alte Bergheu durch Matratzen ersetzt wurde, erregte dieser Komfort die Gemüter des Central-Comitées. Die Zeiten haben sich geändert. Heute bietet die Hütte 57 Schlafplätze, alle mit Matratzen, auf die sich die Bergsteiger ganz selbstverständlich legen. Doch sonst sind die Annehmlichkeiten herausragend: sogar über eine Dusche und eine Abwaschmaschine verfügt die Hütte, und die Stromversorgung kommt vom eigenen Kraftwerk. Doch damit wären wir wieder bei der allgemeinen Diskussion, wie viel Komfort eine Berghütte bieten soll.

Der Aufenthaltsraum ist gemütlich, der Hagenbuttentee als Willkommensgruss heiss und fruchtig. Während sich die Kletterfreaks am Nebentisch nach tagelangem Warten nach gutem Wetter sehnen und fast schon verzweifelt über dem Schachbrett brüten, lasse ich meinen Blick über die Hüttenbibliothek schweifen. Wo sich Bergbibel und Lausters Werk «Wege zur Gelassenheit» die Hand reichen, verweilt auch Commissario Brunettis neunter Fall geduldig neben dem Bildband der REGA. Ich nippe in mich lächelnd am frischen Gletscherwasser mit Kohlensäure. Da lässt sich der Hüttenwart nicht lumpen.

Das Diechterhorn (3389 m.ü.M.) haben wir im Visier, weil uns keine Karawanen von Seilschaften erwarten werden, sondern eine Gegend, wo sich die Natur in ihrer Unberührtheit voll entfalten darf. Wem ich auch später vom Diechterhorn erzählen werde: die wenigsten kennen es. Kein Name wie Clariden oder Wildstrubel oder Wetterhorn, von denen auch Bergfremde schon gehört haben. Ich persönlich hätte es lieber Dichterhorn getauft; zu Ehren hätte ich auf dem Gipfel ein romantisches Gedicht geschrieben. So aber liess ich es bleiben.

Als leicht eingestuft gilt die Hochtour aufs Diechterhorn; mit 3 bis 4 Stunden Aufstieg und 2 Stunden Abstieg und «gegen den Gipfel mit leichter Kletterei», wie ich mich oben schwach erinnern werde. Denn als wir, Gletscher, Diechterlimi und Schneefeld bereits hinter uns gelassen, zum eigentlichen Gipfelanstieg kommen, verschlägt es mir den Atem. Auch das kurze Seil noch fester in die Hand zu nehmen, verspricht mir nicht die Sicherheit, die ich bräuchte. Der schmale Gratübergang zu den Felsblöcken ist zugegeben nur ein paar Meter weit, aber ich darf nicht lange überlegen, sonst - ich weiss es - lasse ich es bleiben. Nachher wird mir erst bewusst, dass ich den Weg auch wieder zurück muss. Wo andere nun mit Leichtigkeit die Felsblöcke hochklettern würden, klammere ich mich daran, als könnte mich ein Magnet in die Tiefe ziehen. Meinem Partner bleibt nichts anderes übrig, als vorzuklettern und mich Meter für Meter zum Gipfel zu sichern, indem er Bandschlingen um die Felsblöcke legt.

Auf dem Gipfel kann ich die Aussicht erst nicht geniessen - zu kurz ist mein Atem und das Adrenalin noch in den Adern. Dann traue ich mich doch, den Blick zu weiten und meine Sinne weiden zu lassen. Steile Gipfel mit weissen Häubchen verzaubern den Weitblick im Sonnenlicht, in der Ferne lässt sich sogar der leicht geknickte Zipfel des Matterhorns blicken; des Dichterhorns berühmter Kollege.
Mein Atem wird regelmässiger, Ruhe ist nun in mir und um ums. Wir sitzen schweigend auf kaltem Fels und lassen zu, was uns bewegt. Ich wage kaum, meine Gefühle in Worte zu fassen. Mir ist, als besuchte mich die Unendlichkeit. Als bewegte sich die Welt nicht. Als würde sich die Zeit auf leisen Sohlen davonschleichen. Hier oben ist das Ende der Welt erreicht, gib ich mir zu glauben. Ich wähne mich dem Himmel näher als der Erde.

Doch, ich bin auch wieder hinunter gekommen. Ohne Rega, dafür mit Hilfe meines geduldigen Partners. Eines aber weiss ich mit Sicherheit: Das Buch «Wege zur Gelassenheit» ist geschrieben worden für Menschen wie mich.
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Schreckhorn

Dass die Aussicht vom Grindelwaldner Faulhorn einmalig ist, erkannte der Hotelier Samuel Blatter bereits früh: 1822-23 liess er ein Gasthaus auf dem Gipfel errichten. Auch heute noch kann man dort oben trefflich übernachten (und Fondue essen), und auch heute noch beeindruckt der Blick von der Hotelterrasse Richtung Eiger, Mönch und Jungfrau. Fast noch schöner indes zeigen sich die zwei einzigen echten Berner Viertausender, das Schreckhorn und das knapp links davon hervorschauende Lauteraarhorn. Zum Beispiel in der Nacht, wenn mondbeschienene Wolken um deren Flanken streichen.
Faulhorn, 24. August 2010.

27. August 2010

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Ganz bei mir. Leidenschaft Achttausender.

Bergsteigen als Beruf und Berufung: Das Buch von und über Gerlinde Kaltenbrunner, die 13 Achttausender «by fair means» bestiegen hat. Verfasst von Karin Steinbach, freie Lektorin und Autorin und ebenfalls passionierte Bergsteigerin.

30. August 2010

gerlinde-kaltenbrunner„Denis [Urubko] kam einen Tag nach uns ins Basislager zurück. Mit einigen seiner Teamkollegen war er am Gipfel [des Nanga Parbat] gewesen. Ich schenkte ihm mein Schweizer Taschenmesser, über das er sich sehr freute. Er hatte mittlerweile erfahren, dass ich Krankenschwester bin, und wandte sich an mich, weil er eine Zahnplombe verloren hatte. Ich hatte von Roberts Frau, die Zahnärztin ist, ein kleines Zahnbesteck mitbekommen und von meinem eigenen Zahnarzt eine Plombenpaste als behelfsmäßige Füllung. Schnell hatte ich mit Barbara vereinbart, dass sie mir assistieren würde. Aber wie sollten wir bei unserer „Operation“ den Speichelfluss verhindern?
Barbara rief plötzlich: „Ich hab eine Idee, warte, ich hab das was.“
Sie kam mit einigen Tampons zurück. Wir schnitten die verräterische Schnur ab und legten Denis‘ Mund damit aus; so schafften wir auch Platz zum Arbeiten. Auf diese Weise konnte ich ihm problemlos die Ersatzplombe einsetzen. Hätte Denis gewusst, was wir ihm da in den Mund stopfen, wäre er vermutlich auf und davon gewesen.“

Ausschnitt aus dem Buch „Ganz bei mir. Leidenschaft Achttausender“. Auch da  waren zwei Frauen am Werk, die ihr Handwerk beherrschen. Zum einen die im Schwarzwald lebende österreichische Profibergsteiger (und Amateurzahnärztin) Gerlinde Kaltenbrunner (Jahrgang 1970), die beste Höhenbergsteigerin der Welt; 13 der 14 Achttausender hat sie seit 1998 im sauberen Alpinstil und ohne künstliche Hilfsmittel bestiegen. Zum andern die in St. Gallen lebende Deutsche Karin Steinbach (Jahrgang 1966), Lektorin und freie Autorin; für den Malik-Verlag hat sie bereits die Autobiografie von Ines Papert, der weltbesten Eiskletterin, verfasst.

Jetzt also die Leidenschaft von Gerlinde Kaltenbrunner für die höchsten Berge der Welt: Lesend erleben wir Schönheit und Gefahr dieser Tätigkeit in einer lebensfeindlichen Zone, erleben das Glücksgefühl ganz oben und weiter unten, sterben fast in einer Lawine, setzen uns als Frau gegen bergsteigende Männer durch, müssen erleben, wenn Kollegen sterben, sind jedoch auch bei lustigen Abenteuern dabei. Begreifen, dass Bergsteigen für Gerlinde Beruf und noch mehr Berufung ist. Und hoffen einfach, dass der schwierigste 8000er, der K2, ihr einmal ebenfalls gnädig gesinnt ist. Am 6. August 2010 war er es nicht, ihr Bergkamerad Fredrik Ericsson stürzte vor ihren Augen in die Tiefe.

Am Samstag, 28. August 2010, erhält Gerlinde Kaltenbrunner im Segantini Museum in St. Moritz den King Albert Mountain Award: Eine Goldmedaille, welche die King Albert I. Memorial Foundation alle zwei Jahre vergibt. Der ehemalige St. Moritzer Kurdirektor Walter Amstutz gründete 1993 die Stiftung zu Ehren des belgischen Königs Albert I. (1875-1934), der ein grosser Alpinist war, die Schweizer Berge zu seiner zweiten Heimat erkor und beim Soloklettern in den heimatlichen Felsen am 17. Februar 1934 abstürzte. Ein schwerer Schicksalsschlag für Belgien, dem anderthalb Jahre später gleich der zweite folgte. Am 29. August 1935, also vor 75 Jahren, verunglückte Königin Astrid bei Küssnacht am Rigi tödlich; der Fahrer des Unglückswagens war ihr Mann (und Sohn von Albert I.), König Leopold III. Dessen Sohn wiederum, König Albert II., wird am Sonntag die Astrid-Kapelle besuchen.

Doch zurück zur King Albert Memorial Foundation und ihrem Preis für Persönlichkeiten, die sich für die Zukunft der Berge der Welt verdient gemacht haben. Mit dem King Albert Mountain Award werden am Samstag auch noch geehrt: die Österreicher Albert Precht, einer der besten und kühnsten Freikletterer der Welt, und Professor Christian Körner, Direktor des Botanischen Institutes der Universität Basel und international anerkannter Spezialist für Fragen der Vegetation und Ökosysteme in den Hochgebirgen der Welt; im weiteren Andreas Schild, gebürtig aus dem Berner Oberland und nun als Generaldirektor des Internationalen Zentrums für integrierte Gebirgsentwicklung in Kathmandu (Nepal) arbeitend, der führende Rettungsmediziner Bruno Durrer von Lauterbrunnen und schliesslich – er kommt ja alphabetisch auch zuletzt – Emil Zopfi; er erhält die königliche Goldmedaille für sein weitgefächertes bergliterarisches Schaffen.

Gerlinde Kaltenbrunner: Ganz bei mir. Leidenschaft Achttausender. Mit Karin Steinbach. Malik Verlag, München 2009, Fr. 39.90.

Heute Montag, 30.8.2010, um 20.15 Uhr im Hotel Freienhof in Thun: Gerlinde Kaltenbrunner, die am Samstag mit dem King Albert Mountain Award in St. Moritz geehrt wurde, hält auf Einladung der SAC-Sektion Blümlisalp erstmals ihren neuen Vortrag „Leidenschaft Leben über 8000 m“. Warm anziehen und hingehen!

Kinderbergsteigen

Das Wort gefällt mir nicht, es weckt die Assoziation, Bergsteigen sei ein Kinderspiel. Fun pur, doch selbst in einem so gut eingerichteten Klettergarten wie Mettmen, braucht es nebst Seil und Helm auch noch Vorsicht und ein bisschen Vernunft.

25. August 2010

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Klettergarten Mettmen, an einem Sonntag, das ist wie Strandbad. Die Hitze ebenso, nur fehlt das Wasser, das Körper und Geist etwas abkühlt. Die Felsblöcke sind belagert von Plaisirkletterern und kletternden Familien mit Kindern und Hunden. Alles bestens eingerichtet, Fun pur, Klettern so easy wie in der Halle. Dort steigt der Neunjährige ja schon 6b vor, angepeitscht von seinen ehrgeizigen Eltern. Den Szenenjargon hat er schon perfekt intus, auch jetzt, wo er an am Block E auf einer abschüssigen Platte nach dem Bohrhaken sucht. Mama gibt Anweisung von unten, Papa sichert. Der Junge wird leicht unsicher, der letzte Bohri steckt so tief, dass ein Sturz ungebremst auf dem Boden enden würde, zehn Meter freier Fall. Der Bub rutscht ein bisschen, klettert weiter, Mamas Anweisungen steigen eine Oktave höher. Es ist ja nur eine 4c, steht im Führer, und nun entdeckt der künftige Ueli Steck einen zweiten Bohrhaken in einer Verschneidung über der Platte, ein Erwachsener könnte ihn problemlos klippen, doch seine Arme sind noch zu kurz. Ich darf nicht hinschauen, höre nur noch die schrillen Rufe der Frau: «Hast du eingehängt, hast du eingehängt, häng doch ein …»
Überlebt. Später klettert dann auch Papa, während der Junge ungesichert oben auf dem Block herumturnt. Und noch später packt er einen Riss an, am ansetzenden Überhang angeschoben von den Eltern, Block D, 5b diesmal. Bald darauf ein Scharren, ein Schrei, jetzt schauen alle hin, kopfüber hat es den Kleinen abgeworfen, er prallt gegen den Fels und weint. Papa lässt ihn ab, und Mama beruhigt: «Gut, hast du den Helm auf.»
Ich bin versucht, einzugreifen, man soll ja nicht wegschauen, heisst es, doch meine Begleiterin und die Vernunft halten mich zurück. Kein Streit, dem Bub hilft’s nicht, vielleicht hat er was gelernt, vielleicht auch Papa und Mama. Sie umarmen ihn, sie trösten ihn, sie legen ihn in den Schatten, wo er vor sich hinwimmert. Sie ziehen das Seil ab, machen sich bereit, eine 6b zu klettern, Block D. Der Bub scheint zu schlafen. Doch nichts gelernt.
Ich liebe das Wort «Kinderbergsteigen» nicht, es suggeriert, Bergsteigen sei was für Kinder, Spiel, Spass, ein gesunder und ungefährlicher Sport. Das stimmt ja eigentlich schon, doch Seil, Haken, Expressen und Helm verschaffen trügerische Sicherheit. Doch leider setzen sie die Fallgesetze nicht ausser Kraft, sind auch keine Garantie gegen Leichtsinn und Unachtsamkeit. Und das Kletterhallengetriebe fördert die Vorsicht auch nicht unbedingt.
Vor ein paar Jahren am selben Ort dröhnt mitten im schönen Sonntagstreiben ein Heli der Rega heran. S., ein Freund und erfahrener Extremalpinist, wollte seiner Tochter das Abseilen beibringen, hängte sich ins falsche Seil, stürzte frei acht Meter zu Boden. Er hat’s überlebt, mittelschwer verletzt. Auch grosse Erfahrung ist leider keine Lebensversicherung – Klettern ist und bleibt gefährlich.
(Bild aus dem Internet)

Wandflue

Wer sich vorwiegend an leicht überhängenden, grossgriffigen, kletterhallenähnlichen Routen delektiert, wird an der Wandflue, im Gebiet der Gastlosen, bestimmt ins Staunen geraten: Die geneigten Platten sind mit vielen versteinerten Verspieltheiten verziert. Geklettert wird meist in und an grossen Kalkrillen.
Wandflue, 21. August 2010.

23. August 2010

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Über alle Berge

Ein feines, rucksacktaugliches Buch, das eben erschienen ist und wofür Emil Zopfi Geschichten vom Wandern und Bergsteigen ausgewählt hat, von A wie Annemarie Schwarzenbach bis Z Carl Zuckmayer.

23. August 2010

3293004245„Gegen acht Uhr erreichte ich Locarno. – Nun bin ich eine Woche nicht aus den Kleidern gekommen, und wie gerne werfe ich mich nun in den glitzernden See, in dieses klare, weiche und immer frische Gewand des Wassers, das unsere schwimmenden Glieder so kantenlos umfängt! Noch kann ich es kaum fassen, daß es ein Dasein ohne Rucksack gibt, und mich dünkt, noch nie habe ich das Baden so genossen, wie eben jetzt, da es die lange Sehnsucht heißer Wandertage erfüllt.“

So schliesst Max Frisch seinen Artikel „Über die Alpen“, der am 13. August 1937 in der Neuen Zürcher Zeitung erschien und eine sechstägige Wanderung aus dem Glarnerland nach Locarno beschreibt. Frisch als Wanderer, ja als Bergsteiger: Das nimmt man wieder vermehrt zur Kenntnis, Peter von Matt hat im letzten Jahr den Roman „Antwort aus der Stille. Eine Erzählung aus Bergen“ neu herausgegeben, und Emil Zopfi widmet dem berühmten Autor und weniger berühmten Alpinisten ein Kapitel in seiner herausragenden Studie „Dichter am Berg“.

Max Frischs Mehrtagestourenbericht über die Alpen macht den Auftakt in einem feinen, schön gebundenen und rucksacktauglichen Buch, das eben erschienen ist und wofür Emil Zopfi Geschichten vom Wandern und Bergsteigen ausgewählt hat, von A wie Annemarie Schwarzenbach bis Z Carl Zuckmayer. Goethe ist ebenfalls dabei, Mark Twain natürlich, Hermann Hesse, Thomas Mann und Charles Ferdinand Ramuz. Aber auch unbekanntere Schriftsteller mit Neigung zum Gebirge wie Alfred Graber und Jürg Weiss. Fünfzehn Texte, jeder lesenswert, das Nachwort des Herausgebers übrigens auch. Auf dem Gipfel, in der Hütte oder am Ufer eines Sees. Letzteres scheint nicht mehr lange möglich, dann ist der Sommer vorbei.

Über alle Berge. Geschichten vom Wandern. Herausgegeben von Emil Zopfi. Unionsverlag, Zürich 2010, Fr. 22.90

PS: Am Mittwoch, 25. August 2010, findet die Buchvernissage des jüngsten Buches von Emil Zopfi statt, um 18.30 in der Cafeteria des Kletterzentrums Gaswerk Schlieren bei Zürich. „Finale“ heisst der Roman und schildert den dritten (und hoffentlich nicht letzten) Fall der Bergführerin Andrea. Der Titel könnte allerdings so verstanden werden. Aber feiern (und lesen) wir erstmals diesen stimmigen Bergkrimi. Und hier noch das Programm vom Mittwoch:
Begrüssung durch Patrick Hilber, Bergführer und Inhaber des Kletterzentrums; Bildprojektion und Lesung zur Einführung in den dritten Bergkrimi nach Steinschlag (eben neu aufgelegt) und Spurlos; Finale-Wettbewerb mit Buchpreisen; Büchertisch des Limmat Verlags; Apéro, offeriert vom Kletterzentrum. Eintritt frei. Anmeldung erwünscht auf buchvorstellung@kletterzentrum.com

Piramide Vincent

Sonntag 15. August, domenica di ferragosto: das Bergwochenende per eccellenza. Ganz Italien ist dann unterwegs. Oder wäre. Denn am Monte Rosa, am Nationalberg Italiens, sind in den letzten Tagen 60 cm Neuschnee gefallen. Nur zwei Skitourenfahrer lassen sich davon nicht abhalten, nutzen ein Wetterfenster aus und spuren inmitten grösster Einsamkeit bis auf die 4215 Meter hohe Piramide Vincent. Auf der Abfahrt erwartet sie schöner Pulverschnee.
Piramide Vincent, 15. August 2010.

18. August 2010

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Alte Wege – neu gesehen

Wandern und die alte Schweiz neu erleben – historische Wege erzählen Kultur- und Verkehrsgeschichte.

16. August 2010

Bildband_ViaStoria_Layout 1„Ich kann nicht sagen, wie malerisch und interessant der Weg für einen Maler ist: hier ist alles, was man Großartiges, Schauerliches und Furchtbares sehen kann! Es fehlten nur die Hexen, Kobolde, Drachen, Lindwürmer, Schlangen und Teufel; es war der Ort für Furien, Minotauren, Sphinxe, Vulkan, Pluto, Zeus, den Donnerer! Wir bekamen mit zur Begleitung ein schreckliches Donnerwetter, der Sturm tobte und pfiff und dröhnte, die Blitze zuckten und schlugen an die Felsen, als wenn man tausend Kanonen und Tritonenhörner hörte, als wenn der Jüngste Tag anbrechen wollte! In meiner Phantasie entstand ein Bild nach dem andern. (…) Diesen Weg sollten alle machen, die zum Dichten begabt sind!“

Ludwig Emil Grimm war sozusagen auf dem Weg zum Dichter, als er die Viamala in „Erinnerungen aus meinem Leben“ (1816) beschrieb. Andere Reisende haben die Schlucht gemalt, durch die sich der Hinterrhein zwängt und die an der Route von Graubünden über den Splügenpass nach Italien durchquert werden muss – heute mehrheitlich in Tunnels, einst aber auf schwankenden Stegen. Reisende sollen sich die Augen verbunden haben, um nicht in die schauerliche Tiefe blicken zu müssen.

Der Zürcher Fotograf Heinz-Dieter Finck stieg knapp 200 Jahren nach Grimm in die Viamala-Schlucht hinab, um die steinernen Bogenbrücken von unten zu fotografieren – eine von rund 300 Aufnahmen für den Bildband, der die 12 historischen Kulturwege durch die Schweiz vorstellt. Eine davon ist eben die Via Spluga von Thusis nach Chiavenna. Wie Hanspeter Schneider, Geschäftsführer von „ViaStoria – Zentrum für Verkehrsgeschichte“, im Vorwort schreibt, erzählt jede der 12 Via-Routen einen Teil der Kultur- und Verkehrsgeschichte der Schweiz, von der fast 2000 Jahre alten ViaRomana bis zur 1863 eröffneten ViaCook.

Mit Heinz-Dieter Finck oft doppelseitig publizierten Fotos wandern wir mit und erleben eine alte Schweiz neu. Zwar müssen wir manchmal etwas blättern und suchen, bis Fotos und ausführliche Legenden zusammenpassen, aber wir bleiben auf der Route. Zu jedem Kulturweg gibt es eine kurze Einführung, und mittendrin im Buch finden sich noch Ausschnitte aus zeitgenössischen Berichten, wie eben derjenige von Grimm. Betrachtet man übrigens das Titelbild mit dem Gemmipassweg, so könnte seine Beschreibung der Viamala durchaus auch für diesen Kulturweg passen. Nur möchte ich dann dort nicht in ein Gewitter geraten!

Heinz-Dieter Finck: Alte Wege – neu gesehen. Chemins historiques – un regard nouveau. Herausgegeben von ViaStoria Kulturwege Schweiz/Itinéraires culturels en Suisse. Weber Verlag, Thun 2010, Fr. 49.-

Lehmann und Schultze in der Schweiz.

Ein komischer Bädeker für Schweizerreisende. Auch 1863 gab es schon Reiseführer mit Humor!

10. August 2010

lehmann-und-schultze-002„Vom Rigi bis Bern ist eine sehr scheene Jegend und ich glaube wohl die scheenste der Schweiz. Denn daderzwischen liegen die Hauptkerls von Berge: die Jungfrau, mit ihren ollen schneeweißhaarigen Liebhaber und Nachbar Mönch; dann natürlich hinterm Mönch gleich dadervor der stockfinstere Aarhorn, dann dessen Schwager Wetterhorn nebst Spielzeug Eiger un’s kleene Wetterhorn mit die andern Hörner.“

So beginnt die vierte Aufzeichnung in „Lehmann’s Reise-Tagebuch“ aus dem 1863 publizierten Reiseführer „Lehmann und Schultze in der Schweiz“. Er besteht aus Tagebucheintragungen von Lehmann sowie aus Dialogen zwischen Lehmann und Schultze aus Berlin und einem namenlosen Sachsen; an den Gesprächen nehmen zuweilen weitere Personen (Touristen und Einheimische) teil. Am Schluss des mit Stichen illustrierten, 112seitigen Buches finden sich 122 Gasthoftipps. Vorbild sind die humoristischen Reisebilder „Schultze und Müller“, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts erschienen sind; die beiden Protagonisten reisten zum Beispiel ins Riesengebirge und den Harz, an den Rhein, nach Paris und Rumänien, in die Sächsische Schweiz. In der ursprünglichen nun war Schultze mit Lehmann unterwegs; ihr Bericht über die Tour de Suisse zu den damals bekanntesten Orten zwischen Boden- und Genfersee nahm Bezug auf Bädekers Reiseführer zur Schweiz, der 1844 zum ersten und 20 Jahren später bereits zum zehnten Mal aufgelegt wurde.

So erfolgreich war „Lehmann und Schultze in der Schweiz“ natürlich nicht. Das Buch ist ja auch mehr zur Unterhaltung denn als wirklicher Reiseführer gedacht. Und ersteres tut es noch immer, obgleich man vielleicht nicht alle (berlinerischen) Ausdrücke und Anspielungen versteht. Ein Auszug aus dem 17. Kapitel, das im Hotel zur Jungfrau auf der Wengern-Alp spielt und das Alpenglühen beschreibt, damals eine touristische Hauptattraktion (wenn das Wetter denn mitmachte):

   Schultze. Nu fängt das Alpenjlühen an, sieh mal, wie det Allens so schnell roth wird. Jott bewahre, so wat lebt nich, sieh, sieh – immer rother und rother! Jetzt is se feurig: Der reene Kien! Nun wird se dunkelrother – – wie das vom weissen Schnee absticht. Nee, so wat hab ick noch nie gesehen – –
   Sachse. Ja, Herr Schultze und Lehmann, wunderschöneken sieht’s Alpenglühen aus, so feuerroth, gutester Herr Schultze, wie gestern Ihre Nase –
[…]
   Lehmann. Magniperbe, magniperbe, forchtbar nett, piknett! Et is doch ne scheene Eigenschaft bei die Jebirgsvölker, das Alpenjlühen. Sonne Repoblike mit Alpenjlühen laaße ick mir gefallen. Da möcht ick ooch drin leben. Bei uns jlüht blos der Sand, und wenn die Sonne so wie heite druf gestanden hat, brennt er.
   (Eine Menge Gäste stürzen aus dem Gasthaus.)
   Schultze. Du seh mal den dicken Mann da an, der hat in der Eile den Leibrock verkehrt angezogen, der sieht äußerst putzig aus.
   Ein Schwabe. Dösch ischt’s Alpeglühe – den ganze Sommer ischt noch kanes net g’wese. So wunderschön hat’s lange net ausg’schaut auf de Bergle.
   Schultze: Du Lehmann, hör mal, das muß’n Schwabe sein, weil er so ville Zischlaute von sich giebt. Heert sich das komisch an!
   Ein Russe. Dere Nattur is hirr serre großartig, hab’n wirr in Ruhßland nirrgends – – möchte falln auf Knie und betten vor Freude, und danken dem Herre Gott!
   Ein Zwickauer (zum andern). Hast De gesehen, hast De gesehen wir die Jungfrau jetzt aussieht? Hat se doch zuerst geglänzt wie’n Lujedor und ist geworden jetzt ganz dunkelroth wie Kupfer. Gott wie schain, wie schain. Werd ich mich noch verlieben in de Jungfrau.

Lehmann und Schultze in der Schweiz. Ein komischer Bädeker für Schweizerreisende. Herausgegeben von der Redaction des Komikers. Mit Illustrationen und einem Verzeichnis empfehlenswerther Schweizer Gasthöfe. Druck und Verlag von Otto Janke, Berlin 1863.