„Früh um 4 Uhr weckte der Knecht mit dem Alphorn. Ich fuhr auf, sah, dass es regnete und blieb liegen um weiter zu schlafen. Doch ging mir das drollige Geblase im Kopf herum, und daraus entstand eine sehr lustige Melodie, die jetzt der Hirt aussen bläst, wenn er Isolde’s Schiff ankündigt, was eine überraschend heitere und naive Wirkung macht.“
Das schrieb Richard Wagner (1813-1883) seiner Ehefrau Minna nach einem Ausflug auf die Rigi am 9. Juli 1859. Andere Rigitouristen hätten sich vielleicht geärgert, dass sie geweckt wurden – wahrscheinlich um den Sonnenaufgang zu bewundern, obwohl es doch regnete. Nicht so Wagner, der dem Alphorngeblase eine fruchtbare Seite abgewann. Aber er war ja auch kein gewöhnlicher Tourist.
Als der Komponist nach der missglückten Revolution von 1849 aus Dresden in die Schweiz floh, traf er auf ein Land, das sich bereits für Touristen aus allen Ländern geöffnet hatte. Wagner, der zu dieser Zeit in physischer Hochform war, unternahm in den darauffolgenden Jahren zahlreiche Wanderungen. Neben der reinen Lust an Bewegung und Erkundung neuer Landschaften war dabei die Suche nach Inspiration für sein Schaffen ein wichtiger Grund. Diese Reisen sind nun gleich doppelt mitzuerleben.
Einerseits im Richard-Wagner-Museum in Luzern, in der diesjährigen Sonderausstellung „Alpenmythos im 19. Jahrhundert: Richard Wagners Wanderungen in der Schweiz“. Das Museum ist im prächtigst gelegenen Haus am Tribschenhorn untergebracht, wo Wagner mit Cosima von Bülow und ihren gemeinsamen Kindern von 1866 bis zum Umzug nach Bayreuth im Jahre 1872 lebte. Aber bereits 1859 hatte Wagner, damals noch (halbwegs) mit Minna Planer verheiratet, sechs Monate in Luzern verbracht, im Hotel „Schweizerhof“. Der Spaziergang vom Bahnhof Luzern zum Museum, via Inseli, Ufschötti (vielleicht liegt gar noch ein Bad im Lake Lucerne drin!), Alpenquai und Tribschenhornweg kann nur empfohlen werden. Gehfaule nehmen das Schiff via Verkehrshaus Luzern.
Zu Richard Wagner als Fussgänger ist auch ein gediegen illustriertes Buch mit dem eingängigen Titel „Ein Platz für Götter“ erschienen. Darin erfahren wir viel über die damalige Zeit und etwas zu viel über die heutige (touristische Hinweise etc.), hören aber zu wenig den Originalton des Meisters. Dafür gäbe es nun natürlich eine CD… Zum Beispiel „Tristan und Isolde“; das Musikdrama beendete Wagner im August 1859 in Luzern, uraufgeführt wurde es allerdings erst am 10. Juni 1865 in München unter der Leitung von Hans von Bülow.
Die Sonderausstellung zu Wagners Alpenreisen im Richard-Wagner-Museum in Luzern ist noch bis am 30. November 2010 zu sehen (Di-So, 10-12, 14-17 Uhr); www.richard-wagner-museum.ch
Eva Rieger, Hiltrud Schröder: Ein Platz für Götter. Richard Wagners Wanderungen in der Schweiz. Böhlau Verlag, Köln 2009, Fr. 37.90




„Denis [Urubko] kam einen Tag nach uns ins Basislager zurück. Mit einigen seiner Teamkollegen war er am Gipfel [des Nanga Parbat] gewesen. Ich schenkte ihm mein Schweizer Taschenmesser, über das er sich sehr freute. Er hatte mittlerweile erfahren, dass ich Krankenschwester bin, und wandte sich an mich, weil er eine Zahnplombe verloren hatte. Ich hatte von Roberts Frau, die Zahnärztin ist, ein kleines Zahnbesteck mitbekommen und von meinem eigenen Zahnarzt eine Plombenpaste als behelfsmäßige Füllung. Schnell hatte ich mit Barbara vereinbart, dass sie mir assistieren würde. Aber wie sollten wir bei unserer „Operation“ den Speichelfluss verhindern?

„Gegen acht Uhr erreichte ich Locarno. – Nun bin ich eine Woche nicht aus den Kleidern gekommen, und wie gerne werfe ich mich nun in den glitzernden See, in dieses klare, weiche und immer frische Gewand des Wassers, das unsere schwimmenden Glieder so kantenlos umfängt! Noch kann ich es kaum fassen, daß es ein Dasein ohne Rucksack gibt, und mich dünkt, noch nie habe ich das Baden so genossen, wie eben jetzt, da es die lange Sehnsucht heißer Wandertage erfüllt.“
„Ich kann nicht sagen, wie malerisch und interessant der Weg für einen Maler ist: hier ist alles, was man Großartiges, Schauerliches und Furchtbares sehen kann! Es fehlten nur die Hexen, Kobolde, Drachen, Lindwürmer, Schlangen und Teufel; es war der Ort für Furien, Minotauren, Sphinxe, Vulkan, Pluto, Zeus, den Donnerer! Wir bekamen mit zur Begleitung ein schreckliches Donnerwetter, der Sturm tobte und pfiff und dröhnte, die Blitze zuckten und schlugen an die Felsen, als wenn man tausend Kanonen und Tritonenhörner hörte, als wenn der Jüngste Tag anbrechen wollte! In meiner Phantasie entstand ein Bild nach dem andern. (…) Diesen Weg sollten alle machen, die zum Dichten begabt sind!“
„Vom Rigi bis Bern ist eine sehr scheene Jegend und ich glaube wohl die scheenste der Schweiz. Denn daderzwischen liegen die Hauptkerls von Berge: die Jungfrau, mit ihren ollen schneeweißhaarigen Liebhaber und Nachbar Mönch; dann natürlich hinterm Mönch gleich dadervor der stockfinstere Aarhorn, dann dessen Schwager Wetterhorn nebst Spielzeug Eiger un’s kleene Wetterhorn mit die andern Hörner.“
