Frühstück zu zweit

Dem Glück traue ich nicht immer über den Weg, aber ich begegne ihm gerne. Wie heute Morgen, als es mich im Vorbeigehen erwischte.

© Annette Frommherz

28. Juli 2015

„Morgenstund‘ hat Gold im Mund“, sagte jeweils meine Mutter, nachdem sie sich noch vor der Morgendämmerung mit dem Kaffee an den Küchentisch gesetzt hatte. Es liegt demnach in den Genen, dass mein Sohn und ich spätabends beschlossen, am nächsten Morgen mit den Hühnern aufzustehen. Er will mit dem Bike auf den Bachtel, unseren Hausberg. Ich werde ab Oberorn den kurzen Weg unter die Füsse nehmen. Treffpunkt soll um viertel vor sechs am Bachtelturm sein. Dort wollen wir frühstücken.
Der Sohnemann ist bereits unterwegs, als ich kurz vor fünf Uhr aufstehe. Noch ist es dunkel, wie ich mit dem Auto die unbeleuchtete Strasse hügelwärts fahre. In der Schwärze leuchtet der rote Punkt des Turms, und schon bald sehe ich vor mir das blinkende Licht des Bikes. Er ist schnittig unterwegs, der Sohn, und ich rufe im Vorbeifahren ein „Guten Morgen, wir sehen uns!“ aus dem Fenster.
Bald schon schreite ich mit geschultertem Rucksack den Wanderweg hinauf; vorbei an den Rindern, die mich anschauen, als käme ich vom Mars. Komme ich nicht, liebe Rinder, ich bin nur etwas früh unterwegs, erkläre ich ihnen. Es dämmert bereits. Als ich unten auf dem Strässchen meinen Sohn erblicke, schicke ich einen Jauchzer in seine Richtung. Er wird die Augen verdrehen, ich weiss es. P1190387Der Bachtel, unser Berg. Er hat eine bescheidene Höhe und nichts an ihm ist spektakulär, und doch ist er uns von besonderer Bedeutung. Während ich den Kuhfladen ausweiche, denke ich zurück an die Jahre, in denen wir oft auf diesen Hügel stiegen und wir mit jedem Höhenmeter die Sorgen hinter uns lassen konnten.
Fast zeitgleich treffen wir am Fusse des Turms ein, keine andere Menschenseele weit und breit. Der Morgen gehört ganz uns. Stark bläst der Wind auf der Plattform des Turms. Wir deuten die Orte der fernen Punkte, wo nun die Lichter erloschen sind. Dunkle Wolken treiben am Himmel dahin, nur dann und wann drängt sich ein Streifen Morgenröte dazwischen. Es braucht nicht viel für das Glück, es braucht nur diesen, unseren Augenblick.

Ikarus

Eine Route wie ein alter Freund, dem ich immer wieder mit Respekt begegne. Besonders an einem heissen Sommertag.

22. Juli 2015

TdS0002Würde Ikarus heute seinen Flugversuch starten, er käme nicht weit. Das Wachs seiner Flügel würde schon nach ein paar Metern schmelzen und er würde überleben, nicht zu Tode stürzen wie in der Sage. Trotzdem, wir versuchen Ikarus, die Kultroute auf der Galerie. Noch liegt sie ja im Schatten, doch wir sind von der Aufwärmroute schon nassgeschwitzt. Aufwärmen klingt wie Hohn, bei dieser Temperatur, aber es geht ja um die Muskeln, die noch etwas steif sind. Also Ikarus. Wahrscheinlich war es 1991, aber sicher auch ein heisser Sommermorgen, als ich Ikarus erstmals rotpunkt schaffte. Nach einigen Versuchen, die Route ist ja doch etwas knifflig, kleingriffig da und dort, technisch. Galerie halt. Was macht eigentlich der Ernst, haben wir uns gefragt, der Ikarus eingerichtet hat, zur Frühzeit des Galeriekletterns. Jahre nicht mehr gesehen. Wie so viele andere Freunde, Galeriefreunde, Kletterfreunde. Und Freundinnen natürlich.
TdS0004Auch Ikarus ist so etwas wie ein alter Freund, den man kennt, der aber doch immer wieder Überraschendes bietet, etwa einen Griff, den man noch nicht kannte, ein guter Freund, der auch immer wieder herausfordert, fordert. Manchmal versuche ich auszurechnen, wie oft ich Ikarus geklettert bin in all diesen Jahren. Ich geb’s auf. Als wir noch drüben in Obstalden wohnten, gab es Wochen, in denen ich viermal Ikarus kletterte. Jetzt ziemlich seltener, aber doch immer wieder mal. Und immer mit grossem Respekt, immer mit Schmetterlingen im Bauch, oder eben kleinen flatternden Ikarüslein. Erreiche ich den Halbmondgriff, mag ich ihn noch halten, und die Schuppe, rutsche ich nicht ab, und dann die Leiste, hoch oben. Auch heute muss ich mich strecken, nachgreifen. Aber es geht, ja es geht noch.
IkarusAltIkarus gehört zu meinem Kletterleben wie wohl keine zweite Route. Als ich sie damals schaffte, schrieb ich gleich einen Text. Röbi Bösch fotografierte mich dazu. (Die Bilder hier sind von damals, auch das schöne Signe, das leider verschwunden ist.) Der Text wurde dann Script für einen kleinen Fernsehbeitrag, drei Tage hat man gefilmt, von oben, von unten, von der Seite. Ich kletterte die Route ein Dutzend Mal. Im Lauf der Jahre gab es auch Tiefpunkte, etwa als ich Ikarus nicht mehr schaffte, nach Krankheit zum Beispiel, oder wenn ich wieder mal ins Seil fiel. Mich dann aber stets wieder erholte. So ist das mit jeder Freundschaft. Es gibt diese Hochs und Tiefs. Und einmal nimmt sie ein Ende, unweigerlich, wie auch immer. So wird auch meine Beziehung zu Ikarus einmal zu Ende sein. Wie auch immer.

Piz Buin und andere Bündner Berge

Der Tourismus im Grauen Kanton leidet, wie wir aus der Presse erfahren, die Hotelübernachtungen gehen dramatisch zurück (u.a. wegen den Russen), Zweitwohnungen sind out. Da kommt der Piz Buin gerade recht, der Sonnencremeberg mit seinem 150-Jahr-Jubiläum, leider halt im Schatten des Matterhorns und erst noch gut tausend Meter niedriger. Wer allerdings Nase und Ohren voll hat vom gegenwärtigen Matterhornoverkill, ist im Bündnerland als Berggast sicher hoch willkommen.

17. Juli 2015

Cover Piz Buin Lesebuch„Dann begann der Einstieg in das Piz-Buin-Geröll.
Da stand ein Regiment verlassener Rucksäcke, treulich von Eispickeln bewacht. Eine gröβere Gruppe am Seil mit zwei Führern hörten wir im Felsen laut werden, Steig- und Kletterkünste verratend und befolgend.
Wir aber stiegen selbständig und selbstverständlich über Geröll und Felsblöcke, durch kleine Kamine mit handlichen Griffen und dann schnauften wir tüchtig und dann waren wir oben.
Erlebnis: Dreitausenddreihundertundsechzehn Meter hoch standen wir im schnittigen Gegenwind, prusteten einmal, und schauten sonnverhaltenen Auges über die Welt.
Ja, über die Welt. Und die Welt bestand aus Bergen und reichte hinein bis zum Ortler, hinab zur Berninagruppe, hinaus über den Freschen und hinüber an die letzten Wälderberge.“

Stark, nicht wahr? Packend geschildert der Gipfelsturm, aber nicht pompös. Genau beobachtet und in Sprache gefasst. Neue Töne in der Bergliteratur. Sind es aber nicht, nur unbekannte. Der Text erschien 1936 in der Wochenbeilage „Feierabend“ des deutschnationalen „Vorarlberger Tagblatt“. Doch wenigstens dem hier ausgewählten Ausschnitt klebt keine völkische Alpinschreibe an, wie wir sie sonst kennen aus dieser Zeit. Und nicht mehr goutieren. Diesen modernen Text hingegen lesen wir gerne. Verfasst hat ihn Natalie Beer (1903-1987). Sein Titel „Kleines Erlebnis um den Piz Buin.“ Zu finden in „[3312] Piz Buin. Literarische Erkundungen 1865-2015.“ Herausgeber des klugen und schönen Lesebuchs ist Bernhard Tschofen, Professor am Institut für Sozialanthropologie, empirische Kulturwissenschaft und populäre Kulturen der Universität Zürich.

Einer der 23 Texte ist selbstverständlich die Schilderung der Erstbesteigung durch den St. Galler Johann Jakob Weilenmann, der auf www.bergliteratur.ch schon einige Auftritte hatte. Am 14. Juli 1865 stand er zusammen mit dem Wiener Kaufmann Joseph Anton Specht, dem Paznauner Bergführer, Gamsjäger, Schmuggler und Schafhirte Franz Pöll und dem aus dem Passeiertal stammenden Viehhändler Jakob Pfitscher auf dem Piz Buin, dem dritthöchsten Gipfel der Silvretta und dem höchsten Berg Vorarlbergs.

Cover Mythos Piz BuinÜber das Ländle hinaus berühmt wurde der Piz Buin allerdings nicht durch die Höhe noch durch seine Gestalt, sondern durch die Sonnenschutzcreme gleichen Namens, die 1946 auf den Markt kam. Das ist in „Mythos Piz Buin. Kulturgeschichte eines Berges“ nachzulesen. Der schweizerisch-österreichische Grenzberg ist also wie der weltberühmte schweizerisch-italienische Grenzberg, der ebenfalls am 14. Juli vor 150 Jahren erstmals bestiegen wurde, ein Markenhorn. Allerdings steht der Name, wie beispielweise auch beim Piz Bernina und seinen Nähmaschinen, direkt für ein Produkt, während das Matterhorn und vor allem seine unverwechselbare Form für alles herhalten darf und muss. Das zweite Buch zum Piz Buin zeigt den Berg von fast allen Seiten, befasst sich mit Geologie und Gletschern, Hütten und Sagen, Gipfelkreuz und Grenzverkehr. Etwas zu kurz und an zwei, drei Stellen mit etwas Geröll wird die alpingeschichtliche Karriere des Piz Buin Grond abgehandelt. Aber wo ist der Fels schon durchwegs fest in den Bergen Graubündens?

Cover Bündner AlpenUnd wenn auch! Zum Besteigen laden sie trotzdem ein, der Piz Bernina und all die Dreitausender im grössten Kanton der Schweiz. Seit ein paar Wochen tun sich das noch mehr. „Bündner Alpen“, der dritte Band der ausgezeichneten Hochtouren Topoführer von Daniel Silbernagel & Co., beschreibt mit Worten, Fotos, Zeichnungen und Karten höchst präzise und aktuell 66 Touren in Fels und Eis zwischen Val Maighels und Monte Disgrazia, schlägt 156 Alternativrouten und Varianten vor und stellt 24 Wandergipfel und Trekkings vor. Wer immer gipfelwärts vom Rheinwaldhorn zum Piz Buin unterwegs ist, braucht dieses Werk. Auf Seite 168 heisst es: „Betrachtet man von der Hüttenterrasse der Chamonna Tuoi die gleichmässige imposante Pyramide, so kommt Vorfreude auf die kommende Tour auf.“

Piz Buin, wir nehmen dich mit!

Michael Kasper (Hrsg.): Mythos Piz Buin. Kulturgeschichte eines Berges. Haymon Verlag, Innsbruck 2015, Euro 24.90.

Bernhard Tschofen (Hrsg.): [3312] Piz Buin. Rita Bertolini Verlag, Bregenz 2015, Euro 22.-

Michael Kropac, Daniel Silbernagel, Stefan Wullschleger: Bündner Alpen. Hochtouren Topoführer – 66 Touren in Fels und Eis zwischen Val Maighels und Monte Disgrazia. Topo Verlag 2015, CHF 58.- www.topoverlag.ch

Vom 15. Juli bis 6. August: Wanderausstellung „Mythos Piz Buin“ in Scuol; www.engadin.com

Zweitausend Höhenmeter

Potztausend, zweitausend Höhenmeter sind kein Pappenstiel! Doch wollen wir ehrlich sein: Sie gingen bergab.

© Annette Frommherz

Davos Frauenkirch Downhill 07 2015 (10)

14. Juli 2015

Seit ich von meinen Freunden zum runden Geburtstag ein nigelnagelneues Bike geschenkt bekam, sind wir ein unzertrennliches Paar. Ich kann von Glück reden, neigt mein Liebster nicht zur Eifersucht. Weil im Unterland die Temperaturen gar steil in die Höhe kurven, suchen wir uns ein mässiger heisses Plätzchen in höheren Lagen.
Wer im Gasthof Landhaus in Davos Frauenkirch nächtigt, wird herzlich empfangen und übersieht deshalb gerne die biederen und etwas in die Jahre gekommenen Zimmer. Das Drei-Frauen-Team hält die Fäden in der Hand, das Haus im Schuss und ihre Gäste bei Laune. Mein Liebster und ich hatten uns eine sanfte Bike-Tour zurechtgelegt: Von Davos aus durch das Flüelatal auf den Tschuggenberg, entlang dem Grat übers Hüreli und zurück ins flachdach-schändliche Davos. Die Chefin des Landhauses aber zieht uns in den Bann und schwärmt vom Alps Trail Davos, welcher im vergangenen Jahr in den erlauchten Kreis der besten Mountainbike-Trails der Welt aufgenommen und ausgezeichnet worden ist. Als längster Trail der Schweiz führt die Strecke vom Jakobshorn fast vierzig Kilometer bis hinunter nach Filisur. Sechshundert Höhenmeter hinauf, zweitausend Höhenmeter hinab. „Aber sagt meinem Vater nichts, der ist Wildhüter!“ trichtert uns die Wirtin ein. Wir nicken brav und ändern unsere Pläne. Um diese zu besiegeln, drückt uns die Chefin Gästekarten in die Hände, mit denen wir kostenlos die Bahnen benutzen können.
Inkognito steigen wir am nächsten Morgen samt unseren Bikes in die Gondel, die uns hinauf zum Jakobshorn bringen soll, und wir fragen uns ernsthaft, ob sich unsere Einstellung zu den Bergen verschoben hat. Helm festzurren, Sonnenbrille auf, Rucksack auf den Rücken schwingen. Davos Frauenkirch Downhill 07 2015 (4)Neben uns montieren Downhiller Ellenbogen-, Waden- und Knieschoner, als würden sie gleich ins Tor des HC Davos schreiten. Wir lassen die Wilden vor uns hinabdonnern. Die Abfahrt ins Sertigtal verlangt volle Konzentration. Nicht umsonst ist sie auf der Bike-Karte schwarz gepunktet eingezeichnet. Bald folgt der erste Boxenhalt – ein „Schlangenbiss“ im Schlauch. Nachfolgende Biker nehmen eine Vollbremsung in Kauf, um uns mit einer Pumpe auszuhelfen; die unsrige liegt untätig zu Hause. Auf der anderen Seite des Tales gestaltet sich der Aufstieg Richtung Äbibrügg anstrengend, weil entweder Biker entgegenkommen oder unbescholtene Wanderer ihren Platz beanspruchen. Schlechtes Gewissen macht sich in uns breit. Was haben wir hier verloren?
Ab dem Rinerhorn beruhigt sich alles. Nur wenigen Wanderern kommen wir noch in die Quere. Im Vorbeibrausen enthaupte ich ein paar Stängel von wildem Rittersporn; ausweichen ist mit dem breiten Lenker unmöglich. Nicht unweit davon erhasche ich einen Blick auf Männertreu nur, indem ich ein brüskes Bremsmanöver wage. Davos Frauenkirch Downhill 07 2015 (18)Über Steine und Wurzeln preschen wir, schieben an unmöglich steilen oder verwurzelten Stellen unsere Bikes, vorbei an Wacholder, Alpenthymian und Habichtskraut, ohne dass wir sie richtig sehen. Ich fürchte mich vor wenig, schon gar nicht vor neuen Erkenntnissen. Irgendwann zwischen Monstein und dem zweiten Schlauchwechsel wird uns klar: Wir sind hier im falschen Film.
Ein paar Staubwolken und ein verschrammter Ellenbogen später gelangen wir auf direkterem Trail zur Schlussstrecke in die Zügenschlucht und entlang dem Fluss Landwasser. Endlich drosseln wir unweigerlich das Tempo, schauen nach dem entschleunigten Wasser in der Schlucht, bestaunen das Viadukt hoch über uns. Diese wunderschöne Strecke auf der alten Zügenstrasse, wo bis 1974 noch Autos fuhren, versöhnt uns mit dem vorangegangenen schnellen Routenverlauf. Davos Frauenkirch Downhill 07 2015 (22)Beim Bärentritt wage ich gar einen Blick in die Tiefe. Entlang dem Wiesener Viadukt – die Bike-Route führt über ein Metallgitter neben den Gleisen – gelangen wir hinab nach Filisur. Magerwiesen voller Margeriten säumen das Strässchen.
Verstaubt, wie wir am Bahnhof absteigen, sind wir uns einig: Wir sind nicht zum Downhiller geboren. Unsere Berge besteigen wir am liebsten aus eigener Kraft und lassen uns Zeit, andächtig und der Pracht der Natur ergeben. Am meisten wundert mich ja, dass mich nichts mehr wundert.

www.landhuus-frauenkirch.ch

Bernina mit und ohne

Dass sich einst am Fusse des Bernina Braunes braute, wollen wir hier nicht aufwärmen. Dass sich aber auch der Bernina selbst bräunen kann – richtige Sonnencrème vorausgesetzt –, scheint uns doch originell zu sein. Bloss, wie gross muss dann die Taotube sein?
Chamanna Georgy, 9. Juli 2015.

10. Juli 2015

languard georgy

Alpine Kriminalromane

Es gibt Literaturpreise für Autoren, die sich verpflichten, kein Buch mehr zu schreiben. Gestiftet wahrscheinlich von überlasteten Rezensenten. Kann sein, dass auch unser Alpinrezensent gelegentlich einen Bergkrimipreis stiftet – für einen Nicht-geschriebenen. (Der Webmaster gilt bereits als angemeldet.) Bevor das geschieht hier doch noch eine Auswahl für die Sommerferien – es könnte ja eventuell zwischendurch auch mal regnen.

8. Juli 2015

„I think we have the means to do that,“ said Chayne. „We can point out to Walter Hine, for instance, that your ascent from the Brenva Glacier was an attempt to murder him.“

Bergsteigen als kriminelle Handlung, als Mordversuch oder gar Mord: Was im zweiten Satz aufblitzt wie ein Messer, das ein Seil zerschneidet, dürfte die Schlüsselstelle alpiner Kriminalromane sein. Wenn der Bergsport selbst zum bewusst mörderischen Tun wird. Wenn Tat und Aufdeckung direkt vom Klettern oder Skifahren abhängen, wenn die Berge mehr Einfluss auf den Kriminalroman nehmen als blosse Kulissenschieberei. „Running Water“ von Alfred E.W. Mason, aus dem das Einstiegszitat stammt, gilt als der erste Bergkrimi; er erschien erstmals 1907. Eine deutsche Bearbeitung von Max Rohrer publizierte die Gesellschaft alpiner Bücherfreunde 1939 unter dem Titel „Das Gesetz der Berge. Eine Bergsteiger- und Gaunergeschichte“. Im Nachwort fällt der Begriff „alpiner Kriminalroman“. Seit 1907 bzw. 1939 ist der Berg solcher Romane langsam gewachsen, seit der letzten Jahrhundertwende schiesst er geradezu in die Höhe. Allein im vergangenen halben Jahr habe ich zehn mehr oder weniger alpinistische bzw. eben alpine Krimis gelesen. Hier sind sie, geordnet nach Alphabet und mit je einem Ausschnitt.

1 BadraunEr kneift die Augen zusammen, um im aufkommenden Schneegestöber etwas zu sehen. Weiter oben am Hang unterhalb des Piz Lunghin erspäht er eine Bewegung. Dort steigt jemand aufwärts. Romeo folgt, so kurz vor seinem Ziel würde er sich nicht abhängen lassen. Da kennt jemand einen gut gelegenen Treffpunkt mit Aussicht. Warum nicht? Im Winter war er noch nie hier oben, eine Winterbesteigung des Piz Lunghin ist für ihn nicht ohne Reiz. Immer wieder verliert er den mysteriösen Anrufer, die mysteriöse Anruferin aus den Augen. Weiter oben stecken die Skis im Schnee, die Spur führt über die Fesen hinauf zum Grat. Spätestens auf dem Gipfel ist Schluss mit dem Versteckspiel. [1]

2 BraunThomas kam näher und näher, Schneeflocken wirbelten um seine dunkle Gestalt, sein Helm und seine Schultern waren weiβ überzuckert. Clara presste sich zitternd gegen den Fels. Er würde sie schubsen oder aus der Wand drängen, damit sie in den Abgrund stürzte. Sie hängte eine Selbstsicherung in die Schlinge – gut so. Wenn er nahe genug war, würde sie versuchen, ihn in die Tiefe zu stoβen. Er oder sie…
Zwei Meter von ihr entfernt stoppte Thomas. „Clara! Hab keine Angst, Clara! Ich habe Henrik nicht ermordet!“
Sie glaubte ihm nicht. [2]
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3 Eberl„Bergwandern ist mein Hobby“, log ich.
„Ah ja?“ In seiner Stimme schwang berechtigter Zweifel, aber dann setzte er höflich hinzu: „Gut, ich warte hier, bis du deine Ausrüstung geholt hast. Die leichten Bergschuhe reichen heute für den Aufstieg.“ Von schweren Bergschuhen hatte ich noch nie gehört. Ich hatte nicht einmal leichte.
„Oh, nein, verdammt – jetzt hab ich doch meine ganze Ausrüstung zu Hause“, sagte ich so ärgerlich, als müsste ich eine Himalaya-Sause mit Reinhold Messner ausschlagen. [3]
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4 FöhrSie stolperte, rutschte von einem Stein ab und trat in den Bach. Ihre Sportschuhe sogen kaltes Wasser auf, sie rannte weiter, bis der Untergrund wieder trocken wurde, drehte sich um, sah Licht im Haus. Der Mann mit dem Gewehr würde keinen Anhaltspunkt haben, wohin sie geflohen war. Und mitten in der Nacht auf gut Glück in eine Richtung gehen? Wer tat so etwas? Selbst wenn – die Wahrscheinlichkeit, dass er sie finden würde, war minimal. Nein, sagte sich Bianca leise vor – er hatte keine Ahnung, wo sie war. Da schoss ihr jäh Adrenalin ins Gesicht wie ein Schwall kochendes Wasser. Nein, der Mann wusste es nicht. Aber der Hund… [4]
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5 FörgNein, er hatte das auch nicht getan und stieg zügig bergan, überflog die Tafeln nur, gelangte hinauf, wo sich der Parkplatz leerte, wo einige Motorräder davonknatterten und ein Pärchen auf Rennrädern talwärts flog. Ein Tag ging zur Neige, rotes Licht machte sich am Himmel auf.
Er schritt südwärts an den Wallanlagen vorbei, weit hinein in eine Wiese, wo der Blick bis Neuschwanstein ging. Man sah es im Felsen kleben, die Seen im Vordergrund. Seppi hatte sich hingelegt, die langen Vorderbeine nach vorn gestreckt, die Schnauze darauf gelegt. Er sah in die Berge und seufzte tief. [5]
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6 GötschiSie schöpfte nach Atem
Wollte sich spüren. Es endlich spüren, wie es sich anfühlte, wenn es vorbei war.
Wenn die Gedanken zerfledderten wie der Schnee, in dem sie jetzt lag.
Sie konnte die Diamanten sehen und die silbrigen Sterne. Sie fielen vom Himmel vor ihre Füsse. Und wenn sie die Augen schloss und wieder öffnete, stand der Prinz vor ihr. Er hob sie auf sein Pferd.
In der Ferne leuchteten schon die Fenster.
Sie würgte. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie hatte Krämpfe, und der Schmerz traf sie gnadenlos. Überall war der Schmerz, und tausend Lichtpunkte tanzten über ihr.
Sie legte sich ins Wintergrab. Die Kälte des Schnees spürte sie nicht. Da waren nur dieser Schmerz und die traurige Bilanz in ihrem Kopf, alles falsch gemacht zu haben. [6]

7 KreutzerFrancesco sah ihn entsetzt an: „Ich glaub es nicht. Und was soll ich hier?“
Eddy gab keine Antwort. Er bot Francesco einen Schluck aus seiner Wasserflache an. Der nahm dankbar an. „Ab jetzt geht’s luftig weiter. In der Sonne. Der eigentliche Klettersteig ist erst weiter oben. Ohne Stollen, sondern in der Wand.“
„Na, da bin ich ja beruhigt.“ Francesco stieβ die Luft aus und schniefte.
Eddy fing vor. Über einige Schrofen kamen sie auf eine begrünte Schulter mit karstigem Untergrund. Die Sonne knallte dermaβen auf den hellen Kalkstein, dass Eddy seine Sonnenbrille auspackte. Durch Gehgelände erreichten sie in zehn Minuten den Wandfuβ. Zwei Hinweisschilder zeigten in entgegengesetzte Richtungen. Eddy folgte dem Schild „Senza Confini“.
„Da rauf?“, fragte Francesco mit dünner Stimme. [7]

8 Maurer„Nein, bitte nicht!“, keuchte der Gumpendobler, doch da traf ihn ein harter Schlag ins Gesicht, er taumelte nach hinten und stürzte zu Boden. Seine Hände wurden ihm hinter dem Rücken zusammengebunden, sein Mund verklebt. Er wurde hochgehoben und aufgeschultert. Sein Entführer schleppte ihn einen steilen, überwachsenen Weg entlang. Der Gumpendobler blinzelte. Es war ein ausgetretener Pfad, den man von der Straβe aus nicht sehen hatte sehen können. Die Bäume standen dicht und hoch. Der Mond schlich wie ein heimlicher Komplize hinter den beiden her. Der Gumpendobler strampelte mit den Beinen, er riss an seiner Handfessel, aber seine Kräfte lieβen langsam nach. Bei einer Serpentinenkurve hatte er Gelegenheit, nach oben zu blicken. [8]

9 RitterJa, die Alpspitze dort drüben, ihr wäre das vollkommen wurscht, ob ein weiterer Depp auf sie hinaufkraxelte und über ihre Ostflanke hinabfuhr. Es war ihr schon weit Übleres widerfahren. Sie hatten Unmengen von Stahlstiften in ihren Muschelkalk getrieben, Fixseile daran befestigt, damit sich auch jeder Plattfuβindianer auf sie hinaufhieven konnte. Das war ihr vollkommen egal, sie wusste, dass sie auch noch die Zeit erleben würde, da niemand mehr an ihr hochkletterte. Entweder, weil die Spezies, die derzeit das Bergsteigen betrieb, die Lust daran verloren hatte. Immerhin hatte diese seltsamste aller Spezies damit erst vor gut hundert Jahren begonnen, und die Alpspitze war alt und darum weise genug, um zu wissen, dass diese Spezies ziemlich schnell die Laune an ihren Lieblingsbeschäftigungen verlor. Oder, so weit konnte die Alpspitze mit ihren dreiβig Millionen Jahren Lebenserfahrung vorausdenken, weil es diese Spezies einfach nicht mehr geben würde, die nur aus Spaβ an der Freude auf Berge kletterte. [9]

10 SyringDie Regenfälle des vergangenen Winter hatten den Seit weit über seine Ufer treten lassen, sodass die Geschäfte und Hotels an der Uferpromenade – dem lungolago – noch immer versuchten, den Ansturm des Wasser mit Sandsäcken vor den Türschwellen abzuwehren. In Venedig gehört acqua alta zur Normalität, aber hier? Und auch oben am Berg war vieles in Bewegung geraten. Noch immer wurden Straβen von Gesteinsmassen blockiert, andere waren einfach weggerutscht, tiefe Schrunden im Gestein hatten sich mit Wasser gefüllt, das sich anschlieβend tosend in die Tiefe ergoss. [10]
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11 LughoferKommt der Berg? Ruft er nicht mehr lange? Wird es flach, wenn alles weggerutscht ist? Ein neues Meer? Wir warten’s ab. Und freuen uns auf weitere alpine Kriminalromane. Wer an dieser Stelle eine kurze Pause vor der nächsten Bergkrimiwoge wünscht, sei die Lektüre von zwei detektivischen Kapiteln im Buch „Das Erschreiben der Berge. Die Alpen in der deutschsprachigen Literatur“ ans strapazierte Herz gelegt: „Der Alpenkrimi – Literaturgeografische und kulturwissenschaftliche Überlegungen zu einem hybriden Genre“ von Ursula Klingenböck und „Tatort Heimat. Der Alpenkrimi als moderne Variante der Heimatliteratur“ von Anna Katharina Knaup. Mit diesem gescheiten Rucksack-Lesestoff haben wir bestimmt die Mittel, den vor 150 Jahren erstmals gewagten Aufstieg vom Brenva-Gletscher zum Mont Blanc ohne Todesangst zu wiederholen. Zu unserer Sicherheit nehmen wir einfach noch ein Messer mit. Man weiss ja trotzdem nie…

[1] Daniel Badraun: Schwarzeis. Emons Verlag 2015, Fr. 14.90.
[2] Irmgard Braun: Mutig aber tot. Mord am Grödnerjoch. Rother Bergkrimi 2015, Fr. 16.90.
[3] Ines Eberl: Blunzengröstl. Kulinarischer Alpenkrimi. Emons Verlag 2015, Fr. 16.90.
[4] Andreas Föhr: Wolfsschlucht. Knaur Verlag 2015, Fr. 21.90.
[5] Nicola Förg: Donnerwetter. Goldmann Verlag 2015, Fr. 13.90.
[6] Silvia Götschi: Mattawald. Emons Verlag 2015, Fr. 16.90.
[7] Lutz Kreutzer: Der Grenzgänger. Eddy Zett und der Mörder vom Sternberg. Rother Bergkrimi 2015, Fr. 16.90.
[8] Jörg Maurer: Der Tod greift nicht daneben. Alpenkrimi. Scherz Verlag 2015, Fr. 21.90.
[9] Marc Ritter: Frauenmahd. Piper Verlag 2015, Fr. 14.90.
[10] Anke Syring: Schatten über dem See. Emons Verlag 2015, 14.90
Johann Georg Lughofer (Hg.): Das Erschreiben der Berge. Die Alpen in der deutschsprachigen Literatur. Institut für Germanistik, Universität Innsbruck 2014, Euro 43.

Säntis per pedes

Zu Fuss auf einen Gipfel, auf den eine Seilbahn führt? Niemals! Oder doch?

2. Juli 2015

IMG_5373Für die letzten Meter zum Gipfel nehmen wir den Lift. Wir haben uns im Labyrint der Seilbahnstation verirrt, in dunklen Schächten, Kiosks, Panoramarestaurants mit verglasten Terrassen, Toiletten, blauen Plastikkühen, Plakaten und Bildschirmen. Der Lift rettet uns, ein Knopfdruck: Gipfel! Willkommen auf dem Säntis! Freie Sicht aufs Schwabenmeer. Schnell ein paar Bergnamen repetiert: Altmann, Hundstein, Zimba, Silvretta, Palü, Tödi und so weiter. Oh ja, das Ringelspitzli, höchster St.Galler Berg, zeigt sich auch noch. Nur das Mittelmeer nicht, die Alpen stehen noch.
Und hier steht eine rotweisse Interkontinentalrakete bereit zum Start. Und ein tibetanisches Monument mit wehenden Gebetsfahnen. Und zuoberst die Wetterstation, die uns schliesslich an unsere Mission erinnert: Säntismord! Wir sind auf den Spuren von Literatur gewandert, zu Fuss von der Ebenalp hier hinauf am fast heissesten Tag der Welt. Ein strenger Arbeitstag also. I.C Heer und Hermann Hesse, Ekkehard und Ebel, der berühmte Absturz des Geologen Albert Heim und nicht zu vergessen den Alpsteinkrimi einer jungen Autorin. Und der Realkrimi des Mordes am Wetterwartpaar im Jahr 1922.
IMG_5349Alles im Kopf und in den Füssen: vom Wildkirchli hoch über dem Seealpsee die Äscherwand entlang, die in der Sonne glüht. Wie vor ein paar Jahren, als wir an einem Geburtstag die Route «Grosis Geburtstag» kletterten – inzwischen ist das Geburtstagskind ein richtiges Grosi geworden. Und klettert immer noch, heute allerdings nicht, heute gehts steil und heiss bergwärts. Zu Molke mit Aprikosengeschmack auf der freundlichen Altenalp und dann steinig und stotzig über Pässchen auf und ab und schliesslich über weite Schneefelder zum Blauschnee, der zwar nicht blau ist, dafür mit gut gestampfter Spur, schliesslich an Drahtseilen und Klammern über die «Himmelsleiter» ins Labyrinth der Gipfelstation, die wie ein Atombunker aussieht, samt Rakete. Die Wanderung, wunderbar und einsam und sehr empfehlenswert, falls man den Gipfelschock erträgt oder ausblendet. Dann Bier und Alpsteinpasta und Schlaf bis zum Sonnenaufgang im überaus freundlichen Gasthaus zum Alten Säntis.

Das Leben ist kurz

Sommer ists, hört‘ ich unlängst sagen. Wir machen uns auf, ihn anzuschauen. Wie wärs mal wieder mit Klettern?

© Annette Frommherz

Grimsel klettern Mittagfluh 06 2015 (16)

30. Juni 2015

Lange ist es her seit dem letzten Achterknoten. Zu lange habe ich keinen warmen Felsen mehr erklettert. Die Tage sind jetzt am längsten, die Nächte lau und nur am Gotthard Stau. Uns zieht es Richtung Grimsel. In Meiringen, wo die Menschen schon viel gemächlicher vor sich hinleben, speisen wir in der Abendsonne. Zusammen mit der Rechnung werden uns zwei Glückskekse serviert. Mein Liebster liest: „Du wirst demnächst sehr stolz auf jemanden in deiner Nähe sein“, und bei mir steht die Zukunftsdeutung „Herausforderungen können Sie gelassen annehmen“. Wir werden sehen. Beim Eindunkeln parkieren wir den Lieferwagen etwas abseits im Grünen und nächtigen auf der Matratze mit Blick auf den sich füllenden Mond und auf Berggipfel, die sich schwarz abzeichnen.
Ich liege länger wach und horche nach den Geräuschen der Nacht. Ein Vogel ruft in die Dunkelheit. Es rauscht vom nahen Bach, dessen Wasser eilig aus dem Felsen in die Aare fliesst und noch einen weiten Weg vor sich hat. Während ich dem Wasser lausche, denke ich darüber nach, was ich in meinem Leben noch alles erreichen und erleben möchte. Die Optionen sind zahlreich. Ob die Jahre dafür reichen werden? Immer auf dem Sprung sein. Sich nicht auf morgen vertrösten lassen. Alles nur für einen kurzen Augenblick. Ist weniger mehr? Die Antwort finde ich nicht, ich schlafe vorher ein.
Grimsel klettern Mittagfluh 06 2015 (25)Am nächsten Morgen essen wir im Freien vom Sonntagszopf und trinken den Kaffee schwarz, weil der Rahm in der Wärme flockig geworden ist. Sogar ein paar wilde Erdbeeren verwöhnen unsere Gaumen. Die Vögel trällern ihr Konzert von den Bäumen. Sie kennen keine Ungeduld und streben nicht nach Höherem. Wenn sie die Würmer aus der Erde ziehen und morgens und abends ihr Lied singen, haben sie ihr Tagewerk vollbracht. Alles hat seine Zeit. Auch das Klettern, auf das wir uns nun freuen.
Gegen den Grimsel reckt sich dreieckig die Mittagfluh, ein Granitklotz mit einer markanten Präsenz. Wir steigen am späten Vormittag in die Südkante ein, die uns nach zehn Seillängen in luftige Höhen bringen wird. Grimsel klettern Mittagfluh 06 2015 (38) Weder die Klettertechnik noch die Höhenangst habe ich verlernt, aber es ist immerhin die leichteste Route an diesem Granitfelsen. Neben uns in der Nachbar-Route parlieren lautstark drei Ticinesen; es hallt in der Südwand, die nun ganz in der Sonne liegt. Ich rede mir ein, dass immer ein guter Griff in Armlänge sein muss, sonst wäre die Route strenger bewertet. Weit unten auf der Strasse preschen die Motorräder wie winzige Parasiten Richtung Grimselpass hinauf. Was sind wir doch alle unbedeutend klein auf dieser grossen Erde.

Grimsel klettern Mittagfluh 06 2015 (52)

Am gleichen Abend erreicht mich die traurige Nachricht, ein Kollege sei in den Bergen abgestürzt. Er war ein guter, ein erfahrener Berggänger. Seine Frau hat abends vergeblich auf ihn gewartet. Das Leben ist kurz; es ist immer viel zu kurz.

Matterhorn – Berg der Berge

Zwanzig Matterhornbücher erscheinen in diesem Jubiläumsjahr – wer nicht alle lesen will, der kann sich mit einem zufrieden geben: In der Bergmonografie von Daniel Anker steht alles drin, was man übers Horn wissen muss, noch nicht wusste, was Geschichte machte und was es sonst noch an spannenden und ergreifenden Geschichten zu erzählen gibt.
Herzliche Gratulation, lieber Daniel, zu diesem Wurf!

29. Juni 2015

Cover Matterhorn - Berg der Berge„Il y avait près d’une heure que nous étions sur le sommet du Cervin lorsque s’étant quelque peu réchauffé les doigts, Hoiler tira de son havre-sac une clarinette qu’il avait absolument voulu apporter, et en tira, non sans peine, les premières Notes du ‚Rufst du, mein Vaterland‘, du Ranz des Vaches et de l’Hymne à Garibaldi.“

Doppelte Premiere am Matterhorn vom 3. August 1868: erste musikalische Aufführung auf dem Gipfel und erste Überschreitung von Zermatt nach Breuil, also mit Aufstieg über den Hörnligrat und Abstieg über den Liongrat. Mit dabei: der Berichterstatter François Thioly, Genfer Zahnarzt und Präsident der Section genevoise du Club Alpin Suisse, sein Freund, der Klarinettist O. Hoiler, die Bergführer Jean-Joseph und Jean-Pierre Maquignaz sowie Elie Pession aus dem italienischen Valtournenche. Die Gebrüder Maquignaz hatten am 28. Juli die erste Traversierung überhaupt gemacht, von Süden nach Norden, mit einem ganz illustren Gast, dem Irländer John Tyndall, der 1860 und 1862 vergeblich versucht hatte, das Matterhorn zu besteigen und der beim zweiten Versuch bis auf den Nebengipfel am Liongrat gelangte, der seither Pic Tyndall (4241 m) heisst. Weniger bekannt ist die Passage Thioly unterhalb des italienischen Gipfels des Cervino. Der Bericht von Thioly über die instrumentale Einlage und die insgesamt achte Besteigung des Matterhorns wurde erstmals im sechsten „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1869/70 gedruckt und dann 1871 in Genève als „Ascension du Mont-Cervin (Matterhorn) – das zweite Buch zum berühmten Berg. Das erste war bereits ein Jahr nach der Erst- und Zweitbesteigung des umworbenen Gipfels am 14. und 17. Juli 1865 publiziert worden: „Escursione al Gran Cervino nel luglio 1866“ von Felice Giordano. Seither sind noch ein paar weitere Publikationen zum Berg der Berge herausgekommen, im Rahmen des diesjährigen Jubiläums erscheinen alleine 20.

Eine, die dieses auffällige Horn umfassend, von Fuss bis Kopf und darüber hinaus erfasst, habe ich mit meinen Seilgefährten und –gefährtinnen selbst verfasst. Dazu ein paar Zahlen:
1 Berg
1 Hauptfotograf (Röbi Bösch)
2 Dörfer
2 erste Besteigungen
2 Nebenviertausender (neben dem Pic Tyndall noch der fast unbekannte Picco Muzio)
4 Grate (genaugenommen sind es mehr, denn zum Pic Tyndall strebt ein eigener Grat empor die Cresta De Amicis)
4 Wände
6 Hauptkapitel
8 historische Autoren von Benedetti bis Whymper
14 Hütten und Biwaks
15 Etappen einer Reise zum Markenhorn
17 heutige Autorinnen und Autoren von Camanni bis Zopfi
17 Porträts von Jean-Jacques Carrel bis Simon Anthamatten
18 Versuche
18 Seiten Chronik
74 schönliterarische Werke (Gedichte, Erzählungen, Romane und Dramen)
238 Doppelgänger in Zermatt selbst und auf der ganzen Welt
300 Meter Fixseile und Leitern
333 Seiten
519 Abbildungen.

Hier nun 2 Vernissagen für „Matterhorn – Berg der Berge“:

Am Mittwoch, 1. Juli 2015, 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz am Helvetiaplatz in Bern (Eintritt frei, Anmeldung nicht nötig).

Am Samstag, 11. JULI 2015, 17.30 Uhr, im Hotel Mont Cervin, Bahnhofstrasse in Zermatt. Türöffnung 17 Uhr (Eintritt frei, Anmeldung bei ZAP Zermatt, Tel. 027 966 40 10 oder zermatt@zap.ch).

Daniel Anker: Matterhorn – Berg der Berge. AS Verlag, Zürich 2015. Fr. 59.90

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Weil wir grad in Jubellaune sind wie Monsieur Hoiler um 12 Uhr an jenem blauen Montag vor vielen Jahren, noch gleich ein paar Daten für weitere Buchvernissagen:

Nenad Šaljić. Matterhorn. Porträt eines Berges/Portrait of a Moutain. Orada & Galerie Rigassi, Bern 2015. Mittwoch 1. Juli, 18-20 Uhr, Galerie Rigassi, Münstergasse 62 in Bern; Donnerstag, 9. Juli, Cervo Mountain Boutique Resort, Riedweg 156 in Zermatt.

Matthias Taugwalder, Jürg Steiner: Das Matterhorn – die Suche nach der Wahrheit. Rotten Verlag, Visp 2015. Freitag, 10. Juli, 19.30, Matterhorn Museum Zermatlantis in Zermatt.

Luisa und Beat H. Perren: Matterhorn – Cervin – Cervino. Bergsteiger auf den klassischen Routen. D/F/E/I, 2015. Samstag, 11. Juli, 18 Uhr: Backstage Hotel Vernissage, Hofmattstrasse 4 in Zermatt.

Wenn wir das Matterhorn gelesen und gesehen haben, steigen wir selbst hoch. Einfach nicht am 14. Juli 2015, weil es dann wegen einer Jubiläumsfeier geschlossen ist. Aber vorher oder nachher erleben wir hoffentlich das, was Thioly notiert hat:

„Nous avançons sans difficulté vers le point culminant, et bientôt nous n’aurons plus que le dôme bleu du ciel au-dessus de nos têtes.
Il est onze heures.“

Alpinismo

Die Historikerzunft ist gegenwärtig hoch beschäftigt mit dem Demontieren falscher Mythen wie Marigniano, Morgarten & Co. Höchste Zeit, dass auch mit Alpinen Mythen aufgeräumt wird, etwa mit der Meinung, die Egländer hätten das Bergsteigen erfunden und alle Alpengipfel erstbestiegen. Hier also Publikationen, die das Gegenteil beweisen – auf Italienisch, nicht auf Englisch.

26. Juni 2015

Cover Alpinismo„Besonders im nichtdeutschen Auslande scheint man anzunehmen, die Schweiz sei, bevor englische Touristen sie besuchten, ein Land der Pfahlbauten und Steinäxte gewesen.“

So wunderte sich Bernhard Studer, erster Professor für Geologie an der Uni Bern, in „Geschichte der Physischen Geographie der Schweiz bis 1815“, die 1863 erschien. Nun, Äxte brauchte man schon, bevor die Engländer kamen, aber nicht nur um Bäume zu fällen, sondern um Berge zu besteigen. Für den von der Sezione di Varallo Sesia des Club Alpino Italiano organisierten Kongress „Wie entstand der Alpinismus. Von der Erforschung der Alpen zur Gründung der Alpenclubs“ machte ich eine Zusammenstellung der Erstbesteigungen in den Schweizer Alpen von 1740 (Schesaplana) bis 1850 (Piz Bernina). Bis zum Jahr 1800 waren 24 Gipfel erstmals bestiegen worden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging es richtig aufwärts: 119 weitere Erstbesteigungen, und nur gerade bei vier waren Engländer beteiligt und nur bei einer (Cime de l’Est an den Dents du Midi) eine Dame. Unter den damals erstmals bestiegenen Gipfeln finden sich immerhin acht Viertausender, zum Beispiel das Lauteraarhorn, das zu den schwierigsten 4000ern der 48 Viertausender der Schweiz zählt. Und dann gibt es immer noch Leute, auch Historiker, die behaupten, die Engländer hätten das Bergsteigen erfunden.

Zu den Vorläufern eines modernen Alpinismus gehört der Disentiser Klosterbruder Placidus Spescha (1752–1833), der in seiner engeren Heimat, dem Bündner Oberland, zahlreiche Touren unternahm und dabei 19 Gipfel erstmals bestieg, darunter so hervorragende Gipfel wie Rheinwaldhorn/Adula (3402 m) und Oberalpstock (3327 m). Seine Bergreisen, wie er die Touren nannte, beschrieb er im Werk „Genaue geographische Darstellung aller Rheinquellen im Kanton Graubündten nebst der Beschreibung vieler Gebirgsreisen in dieser wenig besuchten und erforschten Alpengegend.“ Um diese Gegend zu erforschen, kletterte Placidus Spescha auf die Gipfel; er kletterte aber auch aus alpinistischem Ehrgeiz hoch, wie beim Oberalpstock im August 1792: „Niemand hatte noch diesen Berg erstiegen, und Niemand wollte ihn auch um einem billiges Regal ersteigen, denn man hielt ihn für unersteiglich.
Von allen Seiten her schien er mir sehr hoh und wild zu seyn, und nur ein Wagstuck von groβer Anstrengung konnte seine Ersteigung möglich machen. Gleich nach dem Jahre 1792, als ich den piz Aul erstiegen und seine Lage beβer in Augenschein genommen hatte, versuchte ich seine Ersteigung, und sie gelang mir vollkommen.“

Ein direkter Nachkletterer von Placidus Spescha war der Berner Gottlieb Studer (1804–1890), der von 1825 während 50 Jahren unermüdlich mit Pickel und Zeichenstift durch die Alpen streifte, viele Gipfel als erster bestieg, beschrieb und zeichnete. In seinem Buch „Topographische Mittheilungen aus dem Alpengebirge“ von 1843 gesteht der Mitgründer des Schweizer Alpen-Club: „Von früher Jugend an zog ein unwiderstehlicher, tief in meinem Innern wohnender Trieb mich hin nach den schönen und wilden Bergen meines Vaterlandes; ein heimwehähnliches Sehnen drängte und lockte mich stets wieder von Neuen, die einsamen Wildnisse, die Schrecken und Wunder der erhabenen Alpennatur aufzusuchen, von Fels zu Fels emporzuklettern über das Gewirre grauser Fluhgestalten, die Kristallmeere der Gletscher zu überschreiten, an glatten Wänden und schwindlichen Firsten, mit den Gemsen im Wettstreit, hinanzustreben nach den weithin erglänzenden Zinnen der Alpen.“ Kann man die Faszination des Bergsteigens (um seiner selbst willen) besser beschreiben?

Studer wird noch deutlicher in der Schilderung einer Reise in die Berner und Walliser Alpen im Sommer 1842, bei welcher die Jungfrau zum fünften Male bestiegen wurde: Diese Reise sei nicht zu wissenschaftlichen Zwecken unternommen worden, „sondern einzig aus angeborener Lust an kühnen Streiferein in die höchsten und minder bekannten Gebiete der Gebirgswelt, die dem unerschrockenen Wanderer so herrlich, wenn auch hie und da nicht ohne Gefahr zu erringende Genüsse darbieten.“ Weiter hinten im Jungfrau-Text fragt sich Studer, ob sich die Strapazen und Gefahren einer solchen Tour lohnen, ohne dass man sich wissenschaftlich betätige. Seine Antwort ist ein klares Ja, und er zählt die auf der Jungfrau verbrachte Stunde zu den ergreifendsten und schönsten seines Lebens. Die individuelle Empfindung ist wichtiger als die wissenschaftliche Arbeit. Bergsteigen als sportliches Plaisir, nicht als akademische oder patriotische Aufgabe.

Cover AlpiWer noch mehr zum Alpinismus in der Schweiz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lesen und wer vor allem auch die Liste mit den „Prime ascensioni nelle Alpi Svizzere 1740–1850“ anschauen möchte, kann zur Publikation greifen, die nun zum Kongress in Varallo vom September 2013 erschienen ist. Auf italienisch. Doch allein die zahlreichen Abbildungen sind einen Augenschein wert. Und neben den beiden Kapiteln zum Alpinismo svizzero hat es noch weitere mit Bezug zu unserem Land, so „Ein völlig deutscher Berg. Trent’anni di viaggiatori tedeschi intorno al Monte Rosa prima della sua conquista (1816-1842)” von Massimo Bonola. Wer die Sprache von Giovanni Gnifetti fast so beherrscht wie den Eispickel, mag noch eine weitere italienische alpinhistorische Arbeit in die Hand nehmen: „Le Alpi: dalla riscoperta alla conquista“. Das letzte Kapitel ist dem Cervino gewidmet, vom Wettlauf um die Erstbesteigung bis zu den ersten geologischen Erforschungen. Darin gibt es allerdings ein paar lose Steine. Doch ist nicht gerade am Matterhorn mit etwas Steinschlag zu rechnen?

Riccardo Cerri (a cura di): Come nacque l’alpinismo. Dall’esplorazione delle Alpi alla fondazione dei Club Alpini (1786–1874). Edizioni Zeisciu, Alagna Valsesia 2015, Euro 25.-
Alberto Conte (a cura di): Le Alpi: dalla riscoperta alla conquista. Scienziati, alpinisti e l’Accademia delle Scienze di Torino nell’Ottocento. Il Mulino, Bologna 2014, Euro 24.-