Souvenirs pittoresques des Glaciers de Chamouny

Es musste ja einmal kommen: hier geht es um das schönste Bergbuch aller Zeiten. In Text (zweisprachig f/e) und Bild. Dargestellt zum Beispiel der erste Bergunfall der Geschichte am Montblanc – also weniger schön. Wer sich beeilt, kann vielleicht noch eines der signierten und nummerierten Faksimile ergattern.

11. Februar 2016

Cover Souvenirs pittoresques«Sans nous flatter d’avoir atteint au degré de perfection dont cet ouvrage est susceptible, nous espérons, du moins, qu’il sera bien accueilli des amateurs de la nature des Beaux-Arts.»

Heisst es im Hinweis eines ganz besonderen Buches. Tony Astill, englischer grand seigneur der Bergbuch-Antiquare, schreibt dazu: „It is, no doubt, the most rare of all alpine books.“ Nur eine Handvoll Exemplare gibt es von „Souvenirs pittoresques des Glaciers de Chamouny“, das der Genfer Künstler und Lithograf Gabriel Charton (1775–1853) 1821 drucken liess. Das mit 18 wunderbar kolorierten Tafeln geschmückte Werk präsentiert den Liebhabern der Natur und der schönen Künste eine Reise von Genf der Arve entlang nach Chamonix, zu den Gletschern, Grotten und Quellen dort und schliesslich auf den Mont Blanc mit Horace-Bénédict de Saussure. Auf dem Innentitel des prachtvollen Opus steht „PRIX:“ – allerdings fehlt die Preisangabe. Wahrscheinlich war dieser kostbare Reiseführer damals selbst den geneigten Lesern und Betrachtern zu teuer, und das Original, das Tony Astill gefunden hat, kostet eine fünfstellige Summe. Doch nun ist „Souvenirs pittoresques des Glaciers de Chamouny“ günstiger erhältlich: 45 Euro nur. Und erst noch zweisprachig.

Denn Tony Astill liess Chartons Meisterwerk als Faksimile nachdrucken und gleichzeitig um die englische Übersetzung erweitern, die jedoch so elegant eingebunden ist, dass man es kaum merkt. So kann man, auch wenn man in der Sprache von de Saussure nicht viel mehr als „montagne“ und „mer de glace“ versteht, die Reise mit den Hinweisen auf Besonderheiten, Sehenswürdigkeiten und Gipfel nachvollziehen. Und für das Betrachten der 18 lithografierten Ansichten braucht man ohnehin höchstens ein Ah! oder Oh!, bei der letzten Tafel auch ein Oh je!, weil man dort Zeuge eine Bergunfalls am Mont Blanc wird. Es ist die sogenannte „Affäre Hamel“, bei der am 20. August 1820 drei Bergführer von einem Schneebrett in eine Gletscherspalte gespült werden – der erste grosse Unfall in der Geschichte des Alpinismus.

Gabriel Chartons malerische Erinnerungen an die Gletscher von Chamonix sind also mehr, als der Titel verspricht. Die ersten 100 Exemplare der Neuausgabe sind nummeriert und vom neuen Herausgeber signiert. Mein Exemplar trägt die Nr. 20. Ich fühle mich flattiert.

Gabriel Charton: Souvenirs pittoresques des Glaciers de Chamouny, ornés de dix-huit dessins coloriés. Facsimile Edition by Tony Astill, Les Alpes Livres 2015. Text auf Französisch und neu auch auf Englisch. £ 35, € 45.

www.mountaineeringbooks.org

www.mountainpaintings.org

Alltag – Albtraum – Abenteuer

Es ist bekannt, dass viele Bergsteiger zu den willigen Helfern der Nazis gehörten – wenn nicht selber an vorderster Parteifront dabei. Dass es in den Bergen keine Politik gebe, wie einer der alpinen NS-Trittbrettfahrer später behauptete, ist eine bequeme Illusion, um sich nicht der Vergangenheit stellen zu müssen – und auch nicht der Gegenwart.

3. Februar 2016

Cover Alltag - Albtraum - Abenteuer „Die Hochzeitsreise ging auf die Schesaplana, mit Ski natürlich. Die Douglasshütte (die alte noch) war von einer Lawine zugedeckt, drin war es stockdunkel und kalt und bald voll Rauch, weil der Kamin, von der Lawine zugedeckt, nicht ziehen konnte. Der Aufstieg auf die Schesaplana war von hausgroβen Lawinentrümmern bedeckt und auf dem Gipfel herrschte eine wilde Kälte mit Schneetreiben. Zu allem hin brach mir die Feder der Bilgeri-Bindung. Der Genuβ der Abfahrt war dann sehr gering, auch der Aufstieg zum Verajoch und Öfenpaβ, dann die Abfahrt durch Öfentobel unter sprungbereiten Neuschneelawinen. Daβ sie uns nicht erwischten – es geschehen immer wieder Wunder.“

Es dürfte gemütlichere und weniger gefährliche Hochzeitsreisen geben und gegeben haben, auch für bergbegeisterte Paare, als diejenige von Hermine Rüdisser (1901–2000) und Walther Flaig (1893–1972) im April 1922. Und wenn sie, wie Hermine in ihren Notizen zum Lebenslauf schreibt, damals von den Lawinen nicht erwischt wurden, Walther wurde es trotzdem. 1944 verhängten ein schweizerisches Militärgericht und der Kanton Zürich gegen ihn eine lebenslängliche Einreisesperre in die Schweiz, weil er, überzeugter Nationalsozialist und seit 1933 Mitglied des NSDAP, Auftraggeber eines Agenten war, der in der Schweiz spionierte.

Das Portrait von Hermine Flaig inklusive Verlobungsanzeige und Gipfelfoto nach der Erstbegehung des Madrisa-Nordostgrates findet sich im ersten Band der neuen Buchreihe „Montafoner Gipfeltreffen“. Unter dem Titel „Alltag – Albtraum – Abenteuer“ behandeln 22 Beiträge das Thema „Gebirgsüberschreitung und Gipfelsturm in der Geschichte“. Das von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart, von Hannibals Überquerung der Alpen bis zur Rezeption dieser elefantösen Tour in der Neuzeit. Michael Kaspar berichtet vom politisch wenig appetitlichen Kreuzzug auf den Piz Buin, den höchsten Gipfel Vorarlbergs. Hitlers Gebirgsjäger hissten 1942 auf dem Elbrus, dem höchsten Gipfel Europas, die Hakenkreuzfahne – ebenfalls ein unrühmliches Kapitel der Geschichte des Alpinismus. Bergsteigen ist halt manchmal mehr, als einen Fuss vor den andern zu setzen. Ausgerechnet Walther Flaig hat 1962 behauptet, „in den Bergen gibt es keine Politik“. Unter dem Titel „(Keine) Frauen in der Silvretta“ stellt Edith Heissenberger eben die Ausnahmebergsteigerin Hermine Flaig vor. Ein sehr aufschlussreicher Band, den Kasper und seine Seilgefährten da herausgegeben haben, mit vielen Literaturhinweisen und einem Index von Adam bis Zimba (letztere auch bekannt als das Matterhorn vom Montafon).

Cover NS-Belastete BodenseeraumWer nun mehr über Walther Flaig und andere unsympathische Zeitgenossen aus der Gegend erfahren möchte, greift zum brandneuen Band der Reihe „Täter Helfer Trittbrettfahrer“, die zu Nazis in lokalen Regionen von Deutschland und angrenzenden Ländern forscht. Band 5 porträtiert NS-Belastete aus dem Bodenseeraum, darunter auch Otto Raggenbass, Bezirksstatthalter in Kreuzlingen, der jüdische Flüchtlinge zurückgeschickt und jüdische Schulkinder aus Konstanz zurückgewiesen hat. Seine Vergehen sind gewiss nicht so gravierend wie diejenigen von Schriftsteller und SS-Erzieher Ludwig Finckh oder gar von Wilhelm Boger, der von 1933 bis 1939 für die Gestapo in Friedrichshafen und dann in Auschwitz tätig war. Mitten in diesem braunen Gruselkabinett von 20 Männern der Silvretta- und Bernina-Poet Walther Flaig. Wer Jürg Frischknechts Beitrag liest, wird im „Festsaal der Alpen“ (so Flaig über die Bernina) nie mehr mitfeiern wollen.

Michael Kasper, Martin Korenjak, Robert Rollinger, Andreas Rudigier (Hg.): Alltag – Albtraum – Abenteuer. Gebirgsüberschreitung und Gipfelsturm in der Geschichte. Reihe „Montafoner Gipfeltreffen“, Band 1. Böhlau Verlag, Wien 2015, Fr. 59.-

Wolfgang Proske (Hg.): Täter Helfer Trittbrettfahrer, Band 5: NS-Belastete aus dem Bodenseeraum. Kugelberg Verlag, Gerstetten 2016, Fr. 25.90.

Formazza, Antigorio, Divedro

Was verbindet den britischen Alpenpionier Douglas William Freshfield mit dem italienischen Skirennfahrer Giuliano Razzoli? Die Lösung findet sich untenstehender Rezension unseres Scouts, der bei seiner Ski-Expedition in den Appenin auf interessante alpinliterarische Spuren gestossen ist.

29. Januar 2016

Cover DWF„At Oira, rocks approach the stream on either side, and the road traverses a narrow pass, the entrance to the Val Antigorio. A little farther we came to the baths of Crodo, a summer haunt of the Domo d’Ossolans, scarcely high enough in the mountains and too hot to suit English tastes.”

Heisst es im Kapitel „Saas to Isella and Formazza“ im ersten Buch eines sehr berühmten Mannes: „Across country from Thonon to Trent“ von Douglas William Freshfield (1845–1934). DWF, 1893–1895 Präsident des Alpine Club und 1914–1917 Präsident der Royal Geographic Society, kannte sich aus in den Bergen der Welt, von den ganzen Alpen über die Pyrenäen und die Berge Afrikas bis in den Himalaja und nach Kanada. Seiner Mutter Jane verdankte er das alpinistisch-touristische Unterwegssein und das Schreiben darüber. 1861 machte er als 16-jähriger seine erste Erstbesteigung, den Sasso Nero (2917 m) oberhalb des Lago Palù auf der Südseite des Bernina-Massivs. Im Sommer 1864 dann das hochalpine Trekking von Thonon-les-Bains am Lac Léman bis nach Trento, Hauptstadt der heutigen Region Trentino-Südtirol, zusammen mit Richard Melvill Beachcroft und James Douglas Walker, wie Freshfield Jus-Studenten in Oxford, sowie dem Bergführer François Devouassoud aus Chamonix. Am 14. Juli waren die jugendlichen Gipfel- und Passstürmer gestartet, hatten die Haute Route nach Zermatt zurückgelegt, dort die Dufourspitze mitgenommen, bevor es in die Lepontinischen Alpen ging. Am Samstag, 31. Juli, von Iselle durch das Val Divedro gegen Domodossola hinab und dann durch das Valle Antigorio und das anschliessende Val Formazza hinauf bis nach Riale oberhalb der Tosafälle. Dort oben genossen sie ein erfrischendes Bad im Toce, am andern Tag erreichten sie über die Bocchetta di Val Maggia das Tessin.

Cover FormazzaWer sich nun für Freshfield interessiert, aber noch mehr für die hier erwähnten Täler am Südrand der Schweiz, darf und muss zu einer neuen Publikation greifen, die ich heute vor einer Woche in der Edicola von Villa Minozzo fand. Aus diesem Dorf im Appennino Reggiano, einem Abschnitt des toskanisch-emilianischen Apennins, stammt der italienische Skirennfahrer Giuliano Razzoli, Slalomsieger an der Olympiade von Vancouver 2010 und zweiter im Lauberhorn-Slalom in diesem Jahr; am letzten Samstag erlitt er beim Slalom von Kitzbühel einen Kreuzbandriss. Die Januar-Ausgabe der Zweimonatszeitschrift Meridiani Montagne widmet sich den drei Tälern Formazza, Antigorio und Divedro. Wie immer in einer gekonnten und überraschenden Mischung von Reportagen und Empfehlungen; Alpinismus, Tourismus und Kultur; schön fotografiert und arrangiert; mit vielen Tipps und einer doppelseitig bedruckten Karte, meistens in den Massstäben 1:50000 und 1:25000. Am Schluss des 136-seitigen Heftes jeweils noch ein paar Seiten mit alpinen Aktualitäten.

78 Ausgaben umfasst Meridiani Montagne nun, darunter einige mit viel bis ausschliesslich Svizzera, wie Cervino, Monte Rosa und Engadina (je zwei Hefte), Pizzi Badile und Bernina, Eiger, Weisshorn und Grand Combin. Wann immer ich in Italien bin, schaue ich nach der aktuellen Ausgabe, und nach alten auch. In Villa Minozzo kaufte ich noch „Ortles – Cevedale“. Das Titelbild der jüngsten zeigt den grünblauen Morasco-Stausee oberhalb Riale, umgeben von halb verschneiten, steil aufragenden Zinnen. Die höchste ist der Corno di Ban (3028 m), erstmals bestiegen von – nein, nicht von DWF, sondern von W.A.B. Coolidge und Christian Almer junior, am 30. August 1893.  Rechts von ihm der Monte Immel (2807 m), offenbar eine nicht ganz korrekte Übersetzung von Monte del Cielo.

Douglas William Freshfield: Across country from Thonon to Trent: Rambles and Scrambles in Switzerland and the Tyrol. Spottiswoode & Co., London 1865; Faksimile-Nachdruck by The In Pinn, Glasgow 2010. Auf books.google.ch ebenfalls zu finden – und zu lesen.

Meridiani Montagne: Formazza, Antigorio, Divedro. N° 78, 1/2016, € 7.50. Editoriale Domus, Milano.

 

 

Im Alter

«Man ist so alt, wie man sich fühlt» ist ein Gemeinplatz, mit dem man sich gern darüber hinwegtröstet, dass man mit der Zeit loslassen sollte. Die einen schaffens, die andern leiden.

28. Januar 2016

IMG_7149Vor ein paar Wochen bekam ich ein Diplom: 50 Jahre Mitglied im Alpen-Club. Das ist nun kein grosses Verdienst, aber es erinnert einen wieder einmal mehr: Du bist im Alter. Tragische Erinnerung auch der Anruf kürzlich: Ein Freund, wenig älter als ich, ist auf einer Skitour an Herzversagen gestorben. «Ein schöner Tod», pflegt man zu sagen, an einem sonnigen Tag inmitten der geliebten Berge. Aber eigentlich möchte man doch lieber noch ein bisschen weiterleben, selbst ohne Sonnenschein. Zum Beispiel an einer schattigen Felswand im Süden noch etwas klettern, es muss ja nicht mehr 7a sein. Gerade wir Bergsteiger und Kletterer tun uns schwer mit dem Alter. Kommen im Klettergarten ein paar Junge daher und packen an, so schielen wir hinüber und schmunzeln heimlich, wenn sie am Überhang auch ein bisschen studieren müssen. Wir haben den doch locker geschafft, wann war das? Vor zwanzig Jahren? Und heute, na ja, nächstes Mal versuche ich, ob es nicht vielleicht doch noch geht.

Der beste Kletterpartner aus meiner Jugendzeit hat schon vor 30 Jahren aufgehört. Er war einer der stärksten Alpinisten aus der Gegend damals, ein begnadeter Kletterer und Spitze auch im Eis und im kombinierten Gelände. Nach einer Tour fand er: Ich hab’s gesehen! Genauso wie eine Bekannte, die zur Elite gehörte und nach einer tollen Kletterwoche ihre Ausrüstung an den Nagel hängte, buchstäblich. «Und da hängt sie nach Jahrzehnten immer noch», erzählt sie lachend. «Schöner kann es nicht mehr werden, sagte ich mir.»

Vielleicht haben die beiden es richtig gemacht, die Kurve bekommen, wie man sagt. Andere leiden, können nicht loslassen, verbeissen sich. Oder auch nicht. Der Bündner Bergführer Walter Belina liess sich mit 80 von Freunden durch die Cassinroute am Badile führen und hatte offensichtlich Spass daran. Inzwischen ist er auch verstorben. Marcel Remy, der Vater der bekannten Routenerschliesser Claude und Yves, kletterte mit 92 Jahren noch 5c im Vorstieg. Andere würden gern, haben aber leider keine Söhne oder Freunde als Seilpartner für das Felsabenteuer im Alter. Vom berühmten Max Niedermann, der auch schon gegen 90 geht, habe ich gehört, dass er vor allem noch Klettersteige geht, da er dazu keinen Partner braucht. Auch andere Bergsteiger im fortgeschrittenen Rentenalter klagen, dass sie gerne noch was unternehmen würden, aber keine Begleiter finden. Sich der Senjorengruppe des SAC anschliessen ist auch nicht jedermanns Sache.

Die meisten der alten Kumpels haben aufgehört zu klettern, sie wandern vielleicht noch oder haben sich aufs Biken oder aufs Elektrovelo verlegt. Zudem haben unsere Altersgenossinnen und -genossen ohnehin fast nie Zeit. Reisen, Ferienhaus, Enkel und Urenkel hüten, Altersuni und Tanzstunde und die vielen Einladungen und Gegeneinladungen und Geburtstage. Altersstress sagt man dem. Ich käme ja schon gern, aber … also vielleicht ein andermal. Nach zwei oder drei Anrufen oder Mails gibt man auf.

Ein Bekannter hat eine andere Lösung gefunden. Eine Kletterpartnerin, 30 Jahre jünger, ist nun auch Lebenspartnerin geworden. Inzwischen klettert sie ein paar Grade härter als der alte Crack, aber sonst scheinen sie glücklich. «Man ist so alt, wie man sich fühlt» ist ein Gemeinplatz, aber etwas Wahres ist schon dran. Stehe ich am Morgen auf, dann tun mir alle Knochen weh und manchmal fühle ich mich so zerschlagen, dass ich mich gleich auf Sofa legen möchte. Drei Stunden später im Klettergarten fühle ich mich so fit, dass ich nach dem Aufwärmen im Übermut ein altes Projekt anpacke. Ich schaffe es bis zur Crux, dann seile ich ab. Immerhin. Und wie es weitergeht, wüsste ich ja, von früher. Nur den Zangengriff mochte ich nicht mehr halten.

Unten sagt der Junge, der wartet, bis die Route frei ist, zu mir: «Wow, das haben Sie aber elegant geschaft. In Ihrem Alter.»

«Du kannst Du zu mir sagen», gebe ich zur Antwort, packe Seil und Expressschlingen ein. Das nächste Mal schaffe ich es bestimmt. Wenn nur niemand zuschaut.

Skitouren Emmental und Entlebuch

Hätte es zu Gotthelfs Zeiten schon Ski gegeben, so wäre ihm dieser Skitourenführer wohl zupass gekommen. Also nichts wie los auf die Höger zwischen Bern und Luzern! Schreibt unser Rezensent. Jetzt gerade befindet er sich auf Skitour – im Apennin.

19. Januar 2016

Cover Skitouren Emmental & Entlebuch„Das Büchlein will für Gebiete werben, die in ihrer Art nicht weniger schön sind als jede Berglandschaft. Als Anregung und Führer möchte es denen dienen, die das bernische Mittelland noch wenig kennen. Insbesondere aber wendet es sich an die Gilde der Tourenfahrer, die Skifahren mit landschaftlichem Genuβ verbinden wollen und nicht nur Rekordabfahrten suchen.“

Schreibt Dr. Felix Balsiger (1878–1962 ), Germanist und Gymnasiallehrer am Berner Kirchenfeld, im Vorwort des „Skiführer für die Umgebung von Bern“, den er im Auftrag des Sportgeschäftes von Thorleif Björnstad & Cie. bearbeitete und der 1930 bei der Buchdruckerei Rösch, Vogt & Co. in Bern erschien. 40 Seiten, wovon fünf weiss wie Schnee für eigene Nachträge. Dazu drei Übersichtskarten der vorgestellten Gebiete Längenberg-Giebelegg, Worb-Biglen und Ringgis-Äschlenalp. Im Dezember 2015 ist der Nachfolgeband erschienen, der auf Seite 287 den Vorgänger abbildet. Lehrer Balsiger gäbe für das neue Werk die Note 6+, aus mehreren Gründen.

Erstens deckt der neue Skitourenführer Emmental & Entlebuch des vierköpfigen Autorenteams ein viel grösseres Gebiet ab: Er stellt 52 Skitouren zwischen Bern und Luzern vor. Zweitens macht er das farbig und fröhlich, witzig und präzis, mit allen Angaben, dies es braucht, mit Charme und Biss (aber nicht mit demjenigen von Röthlisbergers Bäri, der offenbar gerne in saftige Tourenwaden beisst). Drittens mit vielen Farbfotos, die sowohl gluschtig machen wie das Reich der Hubel & Chnubel von seinen schönsten (und oft unbekannten) Seiten zeigen. Viertens mit Kartenausschnitten, auf denen alle Routen eingezeichnet sind, die Schutzgebiete ebenfalls. Fünftens können alle Touren mit öffentlichen Verkehrsmitteln gemacht werden; „einzelne sind auch ohne Eisenbahnfahrt zu erreichen“, was schon Balsiger in seinem Werk als erstrebenswert galt: Skitouren vor der Haustüre eben! Sechstens schliesslich – und auch das erfreute unseren Lehrer, der nicht nur Turnen unterrichtete, sondern neben vielen andern Fächern Deutsch – sind immer wieder winterliche Zitate von Jeremias Gotthelf eingestreut.

Und das Plus? Es hat Schnee. Nichts wie los auf die Höger zwischen Bern und Luzern! Und das schrieb der „Allgemeine Ski-Tourenführer der Schweiz“ zum Emmental im Jahre 1932: „Der Ski ist aber heute längst nicht mehr Domäne der jungen, wagehalsigen Leute. Auch gereifte Männer, selbst solche mit Silberhaar, schwingen sich gerne durch den Schnee, haben Freude an einer maßvoll schnellen Abfahrt.“

Christoph Blum, Katharina Conradin, Michael Kropac und Valentin Raemy: Emmental & Entlebuch. Im Reich der Hubel und Chnubel. 52 Skitouren zwischen Bern und Luzern. topo Verlag, Basel 2015, Fr. 39.-. www.topoverlag.ch

Zwei Vernissagen des Skitourenführers Emmental & Entlebuch:

Am 21. Januar 2016 im Alpinen Museum in Bern und am 22. Januar 2016 im Restaurant Löwen in Grosshöchstetten, jeweils um 19 Uhr. Präsentation des Skitourenführers mit „Zaunkurs“ und Apéro, musikalische Umrahmung von Anita Wyss und Katharina Conradin.

Als Gletscher noch aus Eis waren

«Zu Grindelwald den Gletschren by», das Lied des Gletscherpfarrers Gottfried Strasser singt man in Grindelwald wahrscheinlich heute noch. Nur: wo sind sie geblieben, die Gletscher? Die einstigen Touristenmagnete sind am Schwinden und sind sie einst verschwunden, werden es vielleicht auch die Touristen sein.

13. Januar 2016

Als Gletscher noch„The expert ski-er has such fascinating ascents as the Grosse Scheidegg, the Faulhorn, Schwarzhorn, Mannlichen, Lauberhorn, Kleine Scheidegg and the Eiger.“

Ein Lob von Charles W. Domville-Fife aus seinem 1926 in London erschienenen Führer mit dem etwas lang laufenden Titel „Things Seen in Switzerland in Winter. A description of many of the winter sport centres of the high Alps, the wonderful scenery on the roof of Europe & the exciting & picturesque snow & ice sports which are enjoyed there.” Tempi passati! Nicht für das Lauberhorn, wo am kommenden Wochenende die Skirennfahrer wieder mutig über den Hundschopf auf die Kunstschneepiste springen werden (wenn es das Wetter denn erlaubt). Am Eiger aber ist das Skifahren passé, wenigstens auf der einst berühmten Abfahrt über das Eismeer zum Zäsenberg und dann über den Unteren Grindelwaldgletscher in den Talgrund hinab. Den Start zu dieser hochalpinen Abfahrt über das scheinbar ewige Eis ermöglichte die Station Eismeer der Jungfraubahn. An manchen Tagen herrschen pistenähnliche Verhältnisse, so gross war der Andrang. Schon Ende der 1950er-Jahre war der Einstieg, bedingt durch den Rückzug des Eises, jedoch nicht mehr möglich.

Davon berichtet ein neues, faszinierendes und betroffen machendes Buch: „Als Gletscher noch aus Eis waren.“ Unter diesem schönen, wenn auch etwas falschen Titel (solange es Gletscher gibt, sind sie aus Eis…) beschreibt die Berner Autorin Katharina Balmer die Entwicklung des Tourismus und die Folgen des Klimawandels in der Jungfrauregion. Es waren primär die Gletscher und die eisigen Höhen gewesen, die im 19. Jahrhundert in rasch steigender Zahl Gäste aus der Fremde anlockten und damit mutige, ja übermutige Projekte wie der Bau einer Luftseilbahn auf das Wetterhorn fast und einer Zahnradbahn zum Jungfraujoch ganz zum Durchbruch verhalfen. Balmer illustriert diese Geschichte mit zahlreichen historischen Abbildungen, die die rasante Entwicklung etwa der Stadt Interlaken eindrücklich demonstrieren. Einen Zeitsprung erlauben die 23 transparenten Folien im Buch, die über ein zeitgenössisches Bild geklappt werden können. Auf einen Schlag wird dabei der dramatische Rückgang der Gletscher sichtbar, die in Grindelwald noch vor 100 Jahren bis in den Talgrund vorgestossen sind. Bei andern Folien scheint sich allerdings gar nicht so viel verändert zu haben, jedenfalls bei Aufnahmen im Frühsommer, wenn die hohen Gipfel noch schneebedeckt leuchten. Beispielsweise in Lauterbrunnen mit dem Staubbachfall: einfach ein paar nette Chalets mehr. Aber man lasse sich durch solche scheinbar harmlosen Vergleiche nicht täuschen. Denn, so schreibt der Klimahistoriker Thomas Stocker im Vorwort: „Vor unserer Haustüre vollzieht sich der globale Wandel. Das Wasser aus den weltweit abschmelzenden Gletschern macht 40 % des Anstiegs des Meeresspiegels aus. Wasser aus unseren Alpengletschern lässt das Meer auch in Bangladesch, in Florida und in Tuvalu ansteigen.“

Tuvalu? Noch nie gehört? Ein Inselstaat im Pazifik; seine höchsten Punkte liegen nur fünf Meter über dem Meeresspiegel. Wenn die Gletscher also weiterhin kleiner werden, wird auch dieses ferne Land immer kleiner. Und auf einmal gibt es solche Länder in der Fremde nur noch in Büchern. Zum Beispiel in demjenigen von Charles W. Domville-Fife aus dem Jahre 1934: „World travels: A full descriptive narrative of personal travels in almost every land and sea and among most of the peoples both civilised and savage of the entire world.”

Katharina Balmer: Als Gletscher noch aus Eis waren. Jungfrauregion einst und jetzt. Verlag Ott, Bern 2015, Fr. 42.-

Rucksacktage – WanderABC

Zwei Wanderbücher mit insgesamt 76 Routen: Stoff für alle, die die Hoffnung auf Schnee begraben haben, sich schon auf den kommenden Frühling vorbereiten oder von der Wanderlust infiziert sind. Man muss ja nicht gleich zum «freischaffenden Berufswanderer» werden wie einer der beiden Autoren.

5. Januar 2016

Cover Rucksacktage„Landkarten sind faltbare Geschichtsbücher. Neulich zückte ich das Blatt ‚Baden‘ und entdeckte südlich der Stadt an der Limmat nicht nur den schweizweit bekannten Baregg-Tunnel, sondern auch den Tüfels-Chäller. Ein Mini-Wirrwarr an Höhenkurven, Geländevertiefungen und Felsschraffuren. ‚Dort müssen wir unbedingt hin, es gibt kein Entrinnen‘, sagte ich zu meiner Familie Anfang des Jahres.“

Und ich sage zu den Bergfreunden zur gleichen Zeit: Kommt Ihr auch mit? Zum Wandern bzw. zum Lesen über das Wandern. Beispielsweise mit dem Berufswanderer René P. Moor, der uns in seinem neuen Buch „Rucksacktage“ zu 50 Wanderungen in der Schweiz mitnimmt. So zum Tüfels-Chäller zwischen Baden und Berikon, oberhalb der unablässig durchfahrenen Tunnels von Baregg und Heitersberg. Das rucksacktaugliche Buch des „freischaffenden Berufswanderers“, wie sich Moor selber nennt, beinhaltet 50 Wanderreportagen sowie einen Essay zum Thema Stadtwandern; jede Wanderung wird ergänzt mit einem ganzseitigen Bild und allen notwendigen Angaben zur Nachahmung der Tour. Macht also pro Woche eine Tour. Ist nicht zu viel verlangt? Etwas Bewegung kann auch im neuen Jahr nicht schaden. Wem das trotzdem ein wenig zu stotzig scheint, greift zu einem andern Buch, das sich ebenfalls mit Wanderlust und ihrer Befriedigung beschäftigt.

Cover WanderABCWanderlust, was für ein wundervolles Wort! Von der Vorfreude zum Unterwegssein bis zur Freude, einen Fuss vor den andern zu setzen, hinaus und hinein in die weite Welt. „Die Deutschen waren schon im Hochmittelalter von der Wanderlust befallen“, schreibt Peter Krebs in seinem „WanderABC Schweiz“. Die Engländer übernahmen den Ausdruck um 1900, weil sie keinen eigenen Begriff fanden, der die Lust am Wandern richtig wiedergab. Diese spezielle Freude hat Krebs schon lange erfasst, auch diejenige am Schreiben. Nun hat er beides in ein ebenfalls rucksacktaugliches Buch gepackt. Es ist einerseits eines über das Wandern, über die Geschichte und die Gegenwart, über die Gegenstände, die dazu benötigt werden, Schritt für Schritt entlang dem Alphabet von A bis Z. Und gleichzeitg stellt Krebs 26 passende Touren in der ganzen Schweiz vor, von der Alp Grüm bis zum Zihlkanal. Macht alle zwei Wochen eine Tour.

Wer mit diesen beiden gluschtig und chüschtig gemachten Büchern nicht von der Wanderlust befallen wird, muss ein Stubenhocker sein. Macht nüt. Ist nämlich lesen nicht noch schöner als Wandern?

René P. Moor: Rucksacktage. 50 Schweiz-Wanderungen. Edition Wanderwerk, Burgistein 2015, Fr. 26.- www.wanderwerk.ch


Peter Krebs: WanderABC Schweiz. Von A wie Abenteuer bis Z wie Zahnradbahn. AS Verlag, Zürich 2015, Fr. 34.90. www.as-verlag.ch

 

Grenzen

Was wäre die Welt ohne Grenzen? Ein grenzenloses Paradies vielleicht? Oder eine strukturlose Wüste? Zur Jahreswende zwei ganz unterschiedliche Bücher über Grenzen, kuriose, historische, gebirgige und virtuelle wie die Datumsgrenze. Grenzen werden uns auch im Jahr 2016 wieder beschäftigen, solche die fallen, verschoben werden oder vermauert.

30. Dezember 2015

Landkarten_erzählen„Zu Fuss von Amerika nach Russland? Was wie eine verrückte Idee klingt, ist keineswegs ein Ding der Unmöglichkeit. Die beiden Länder sind sich geografisch näher, als es auf den ersten Blick erscheint. Nur 3,5 Kilometer liegen zwischen den beiden Diomedes-Inseln in der Beringstrasse, von denen die grössere Russland, die kleinere den USA gehört. Im Winter, wenn eine Brücke aus Eis die beiden Inseln verbindet, lässt sich die Staatsgrenze mit einem Snowmobil oder zu Fuss im Prinzip problemlos überqueren.“

Nichts wie hin! Mit Ski oder Schneeschuhen ginge der Übergang sicher auch. Jedenfalls gäbiger und wärmer als im Sommer, schwimmend wie die Amerikanerin Lynne Cox anno 1987. Mit „Die Insel der Ewiggestrigen“ ist das Kapitel über die Diomedes-Inseln überschrieben; eines von 44 im Buch „Grenzen erzählen Geschichten. Was Landkarten offenbaren“. Darin berichten Redaktoren und Korrespondenten der NZZ von seltsamem Grenzverläufen rund um den Globus, von der Kleinstinsel Märket in der Ostsee, die sich Finnland und Schweden teilen, bis zu den Carteret-Inseln im Pazifik, die zu Papua-Neuguinea gehören. Gehört haben ist eigentlich die richtige Zeitform, denn mit dem Anstieg der Welttemperatur und des Meeresspiegels dürften bald alle dieser Inseln überflutet werden. Auch so können sich Grenzen verschieben und verschwinden. Andere sich noch nicht festgelegt oder höchst umstritten, zum Beispiel in der Arktis oder im Südsudan.

Cover 80 Karten CHKomplizierte Grenzverläufe gibt es jedoch auch hierzulande. Denken wir nur an das deutsche Büsingen mitten in der Schweiz, „Schaffhausens ewiges Ärgernis“, oder an das italienische Campione im schweizerischen Teil des Lago di Lugano. Wie die Eidgenossenschaft entstanden ist, ihr Umfang und ihre Städte, die Eisen- und Autobahnen, wie das Land auch aussehen könnte mit mehr oder weniger Kantonen: All das und noch viel mehr präsentiert uns Diccon Bewes mit dem grossformatigen Bildband „Mit 80 Karten durch die Schweiz. Eine Zeitreise“. Karten aus sechs Jahrhunderten, darunter mehrere wunderbare Fundstücke, lassen die politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und touristische Geschichte der Schweiz lebendig werden. Zum Beispiel Ursula Hitz‘ typografische Karte der 25 höchsten Gipfel der 26 Schweizer Kantone (die beiden Appenzell teilen sich den Säntis), ergänzt um ein paar andere berühmte Berge wie Eiger, Pilatus und Matterhorn. Oder Gerardus Mercators grosse Karte der Schweiz, enthalten in seinem Atlas von 1595. Darauf findet sich das verschwundene Territorium Wiflispurgergow, das sich einst über die ganze Westschweiz, das halbe Berner Oberland und Teile des Bernbietes erstreckte. Der Name leitet sich von Wiflisburg her; so hiess Avenches, in römischer Zeit Hauptstadt der Civitas Helvetiorum, auf Mittelhochdeutsch.

Wollen wir dort das verschwindende Jahr erleben und auf das neue anstossen? Warum nicht? Allerdings liegt im einstigen Gau von Wiflispurg ein noch passenderer Ort, um dies zu tun: St. Silvester am Röstigraben im Hinterland von Freiburg/Fribourg. Persönlich zöge ich die beiden Diomedes-Inseln vor. Zwischen ihnen verläuft nämlich nicht nur die russisch-amerikanische Staatsgrenze, sondern auch die Internationale Datumsgrenze. Das heisst, dass es auf der kleineren westlichen immer einen Tag später ist. Wenn also auf der östlichen mit dem 1. Januar das Jahr wechselt, beginnt auf der andern erst der 31. Dezember. Anders gesagt: 48 Stunden Silvester.

In diesem Sinne: Happy New Year!

David Signer (Hrsg.): Grenzen erzählen Geschichten. Was Landkarten offenbaren. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2015, Fr. 29.–, www.nzz-libro.ch .

Diccon Bewes: Mit 80 Karten durch die Schweiz. Eine Zeitreise. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2015, Fr. 74.- www.hierundjetzt.ch

Schneegeschichten

Schneeglück sei vergänglich, heisst es im Untertitel dieses Buches. Aber zur Vergänglichkeit gehört ja erst mal die Existenz. Und die ist bekanntlich nicht vorhanden. Oder noch nicht. Wir warten (also, die einen). Oder lesen Schneegeschichten. Oder mieten Schlittschuhe am Oeschinensee.

27. Dezember 2015

Cover Schneegeschichten„Ein paar Tage vor Weihnachten sieht das Groβe Walsertal so aus, als ob Ostern schon vorbei wäre. Die Wiesen und Bäume an den Hängen sind grün, nur die verputzten Wände der Bauernhöfe leuchten weiβ. Die Schneeketten liegen als Ballast im Kofferraum. Auf einem Ortsschild steht ‚Blons‘. Von hier sind es nur noch ein paar Kilometer bergauf bis Damüls. Das soll das schneereichste Dorf der Welt sein.“

Oder war es vielleicht mal. Wenn nicht grad der Welt, so wenigstens von Österreich, bestimmt jedoch des Bundeslandes Vorarlberg. Damüls liegt auf 1430 Metern Höhe im Bezirk Bregenz und ist der höchstgelegene Urlaubsort zwischen dem Bregenzerwald und dem Großen Walsertal. Das Skigebiet von Damüls präsentiert sich auch in diesem ach so schneearmen Winter erstaunlich weiss: nämlich kunstschneeweiss, wie ein Blick auf www.damuels-mellau.at/de/service/webcams bestätigen wird.

Wer also nachweihnächtliches Winterglück auf hartgepressten Pisten zu finden wünscht, wird es in Damüls finden. Wer sich mit winterlicher Sonnenwärme und Fernsicht zufrieden gibt, beispielsweise sitzend auf einer Bank an einer Holzhütte, könnte ja vom Schnee lesen. Vom Schnee in seinen verschiedensten Formen. Vom bösen und vom lieben Schnee, vom erwünschten und unerwünschten. Von Nansens Gespür für Schnee und vom Schneemann des Michelangelo. Vom Schwäbischen Schneepflug und von der Erfindung des Skilifts. Von der letzten Skifabrik und vom Iglu von Mumbai. 30 solche Geschichten tischt uns der Journalist Johannes Schweikle in seinem jüngsten Buch auf: „Schneegeschichten. Unterwegs zum vergänglichen Glück“.

Wie vergänglich genau dieses Glück ist, beweist uns dieser naturschneearme Winter täglich. Ob technisch hergestellter Schnee die Rettung bringt? Wohl kaum, wenn das Klima immer wärmer wird. Davon handelt Schweikles Geschichte „Kunstschnee auf der Blüemlisalp“. Apropos Büemlisalp: In der schattigen Senke an ihrem Westfuss liegt der Oeschinensee. Und der präsentiert sich zur Zeit als riesige Natureisbahn, zum ersten Mal wieder seit 19 Jahren. Schneelose Wintertage sei dank. Ein einmaliges Erlebnis. Die Schlittschuhe können am Seeufer gemietet werden. Man kann natürlich auch ohne Kufen über die kilometerweite Fläche gleiten. Füsse und Hände können im Berghotel Oeschinensee aufgewärmt werden. Und die Lesebank mit Sonne gibt es bei der Bergstation der Gondelbahn von Kandersteg her.

Johannes Schweikle: Schneegeschichten. Unterwegs zum vergänglichen Glück. Klöpfer&Meyer, Tübingen 2015, Fr. 26.90, www.kloepfer-meyer.de.

Dorothy Wordsworth

Wer wünschte sich nicht, sein Tagebuch werde nach hundert oder mehr Jahren endlich entdeckt, bewundert übersetzt. Dorothy Wordsworth hat’s geschafft. Nach 214 Jahren sind ihre wertvollen Worte aus dem Lake District auch in Deutsch zu lesen. Nomen est omen kann man wiedermal beifügen.

22. Dezember 2015

Cover Wordsworth„Dienstag, 22. Dezember: Wir hielten oben am Hügel an, um den Steinsitz zu betrachten. Es lag ein weiβes Kissen darauf, am Rand so rund wie ein richtiges Kissen & der Fels dahinter sah samtig weich aus, von lebendigem Grün & so einladend! Auch der Schnee sah so weich aus wie ein Daunenkissen. Ein junger Fingerhut mittendrin, wie ein Stern. In der Nähe gab es ein paar grüne Flechten & hier & da auf dem Boden etwas welkes Farngestrüpp. Sonst nur dichter Schnee – keine Fuβspur drauf war zu sehen, nicht einmal der Fuβ von einem Schaf.“

So schön, so genau beobachtet, so einladend (und auch so wünschenswert!), was die englische Dichterin, Tagebuch- und Briefschreiberin Dorothy Wordsworth (25. Dezember 1771 – 25. Januar 1855) genau heute vor 214 Jahren in ihrem Journal notiert hat, nach einer Wanderung über einen Hügel im tief verschneiten Lake District im Nordwesten von England. Dort hatte Dorothy 1799 mit ihrem geliebten Bruder William, gefeierter englischer Poet, das Dove Cottage in Grasmere bezogen, nun eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten im Lake District. Als wir im September 2013 das Häuschen besuchten, regnete es, wie üblich. Aber im Winter, wenn es genügend kalt ist, fällt eben auch Schnee. Oder fiel er, als Dorothy das Tagebuch führte, täglich mindestens einen Brief schrieb und immer wieder einen Spaziergang, eine Wanderung unternahm, auch bei Regen, im Schnee sowieso. Dabei wurden Landschaft und Gefühle genau beobachtet und festgehalten, William in Versen, sie in den Einträgen im Journal. Es war die frühe Glanzzeit der englischen Romantik.

Nun liegt das berühmte Grasmere-Journal von Dorothy Wordsworth – ich kaufte es damals im Wortsworth Museum – erstmals in einer deutschen Ausgabe vor. Eine sehr bibliophile Ausgabe: violetter Leineneinband, Goldschnitt, goldenes Lesebändchen, fein illustriert, angenehme Grösse, bestens übersetzt. Ein echtes Geschenk.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Dorothy Wordsworth: Das Grasmere-Journal. Mit dem Alfoxden-Journal und dem Tagebuch einer Reise nach Hamburg. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort von Werner von Koppenfels. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2015, Fr. 34.90. www.dvb-mainz.de