Das Leben ist kurz

Sommer ists, hört‘ ich unlängst sagen. Wir machen uns auf, ihn anzuschauen. Wie wärs mal wieder mit Klettern?

© Annette Frommherz

Grimsel klettern Mittagfluh 06 2015 (16)

30. Juni 2015

Lange ist es her seit dem letzten Achterknoten. Zu lange habe ich keinen warmen Felsen mehr erklettert. Die Tage sind jetzt am längsten, die Nächte lau und nur am Gotthard Stau. Uns zieht es Richtung Grimsel. In Meiringen, wo die Menschen schon viel gemächlicher vor sich hinleben, speisen wir in der Abendsonne. Zusammen mit der Rechnung werden uns zwei Glückskekse serviert. Mein Liebster liest: „Du wirst demnächst sehr stolz auf jemanden in deiner Nähe sein“, und bei mir steht die Zukunftsdeutung „Herausforderungen können Sie gelassen annehmen“. Wir werden sehen. Beim Eindunkeln parkieren wir den Lieferwagen etwas abseits im Grünen und nächtigen auf der Matratze mit Blick auf den sich füllenden Mond und auf Berggipfel, die sich schwarz abzeichnen.
Ich liege länger wach und horche nach den Geräuschen der Nacht. Ein Vogel ruft in die Dunkelheit. Es rauscht vom nahen Bach, dessen Wasser eilig aus dem Felsen in die Aare fliesst und noch einen weiten Weg vor sich hat. Während ich dem Wasser lausche, denke ich darüber nach, was ich in meinem Leben noch alles erreichen und erleben möchte. Die Optionen sind zahlreich. Ob die Jahre dafür reichen werden? Immer auf dem Sprung sein. Sich nicht auf morgen vertrösten lassen. Alles nur für einen kurzen Augenblick. Ist weniger mehr? Die Antwort finde ich nicht, ich schlafe vorher ein.
Grimsel klettern Mittagfluh 06 2015 (25)Am nächsten Morgen essen wir im Freien vom Sonntagszopf und trinken den Kaffee schwarz, weil der Rahm in der Wärme flockig geworden ist. Sogar ein paar wilde Erdbeeren verwöhnen unsere Gaumen. Die Vögel trällern ihr Konzert von den Bäumen. Sie kennen keine Ungeduld und streben nicht nach Höherem. Wenn sie die Würmer aus der Erde ziehen und morgens und abends ihr Lied singen, haben sie ihr Tagewerk vollbracht. Alles hat seine Zeit. Auch das Klettern, auf das wir uns nun freuen.
Gegen den Grimsel reckt sich dreieckig die Mittagfluh, ein Granitklotz mit einer markanten Präsenz. Wir steigen am späten Vormittag in die Südkante ein, die uns nach zehn Seillängen in luftige Höhen bringen wird. Grimsel klettern Mittagfluh 06 2015 (38) Weder die Klettertechnik noch die Höhenangst habe ich verlernt, aber es ist immerhin die leichteste Route an diesem Granitfelsen.Neben uns in der Nachbar-Route parlieren lautstark drei Ticinesen; es hallt in der Südwand, die nun ganz in der Sonne liegt. Ich rede mir ein, dass immer ein guter Griff in Armlänge sein muss, sonst wäre die Route strenger bewertet. Weit unten auf der Strasse preschen die Motorräder wie kleine Parasiten Richtung Grimselpass hinauf. Was sind wir doch alle unbedeutend klein auf dieser grossen Erde.

Grimsel klettern Mittagfluh 06 2015 (52)

Am gleichen Abend erreicht mich die traurige Nachricht, ein Kollege sei in den Bergen abgestürzt. Er war ein guter, ein erfahrener Berggänger. Seine Frau hat abends vergeblich auf ihn gewartet. Das Leben ist kurz; es ist immer viel zu kurz.

Matterhorn – Berg der Berge

Zwanzig Matterhornbücher erscheinen in diesem Jubiläumsjahr – wer nicht alle lesen will, der kann sich mit einem zufrieden geben: In der Bergmonografie von Daniel Anker steht alles drin, was man übers Horn wissen muss, noch nicht wusste, was Geschichte machte und was es sonst noch an spannenden und ergreifenden Geschichten zu erzählen gibt.
Herzliche Gratulation, lieber Daniel, zu diesem Wurf!

29. Juni 2015

Cover Matterhorn - Berg der Berge„Il y avait près d’une heure que nous étions sur le sommet du Cervin lorsque s’étant quelque peu réchauffé les doigts, Hoiler tira de son havre-sac une clarinette qu’il avait absolument voulu apporter, et en tira, non sans peine, les premières Notes du ‚Rufst du, mein Vaterland‘, du Ranz des Vaches et de l’Hymne à Garibaldi.“

Doppelte Premiere am Matterhorn vom 3. August 1868: erste musikalische Aufführung auf dem Gipfel und erste Überschreitung von Zermatt nach Breuil, also mit Aufstieg über den Hörnligrat und Abstieg über den Liongrat. Mit dabei: der Berichterstatter François Thioly, Genfer Zahnarzt und Präsident der Section genevoise du Club Alpin Suisse, sein Freund, der Klarinettist O. Hoiler, die Bergführer Jean-Joseph und Jean-Pierre Maquignaz sowie Elie Pession aus dem italienischen Valtournenche. Die Gebrüder Maquignaz hatten am 28. Juli die erste Traversierung überhaupt gemacht, von Süden nach Norden, mit einem ganz illustren Gast, dem Irländer John Tyndall, der 1860 und 1862 vergeblich versucht hatte, das Matterhorn zu besteigen und der beim zweiten Versuch bis auf den Nebengipfel am Liongrat gelangte, der seither Pic Tyndall (4241 m) heisst. Weniger bekannt ist die Passage Thioly unterhalb des italienischen Gipfels des Cervino. Der Bericht von Thioly über die instrumentale Einlage und die insgesamt achte Besteigung des Matterhorns wurde erstmals im sechsten „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1869/70 gedruckt und dann 1871 in Genève als „Ascension du Mont-Cervin (Matterhorn) – das zweite Buch zum berühmten Berg. Das erste war bereits ein Jahr nach der Erst- und Zweitbesteigung des umworbenen Gipfels am 14. und 17. Juli 1865 publiziert worden: „Escursione al Gran Cervino nel luglio 1866“ von Felice Giordano. Seither sind noch ein paar weitere Publikationen zum Berg der Berge herausgekommen, im Rahmen des diesjährigen Jubiläums erscheinen alleine 20.

Eine, die dieses auffällige Horn umfassend, von Fuss bis Kopf und darüber hinaus erfasst, habe ich mit meinen Seilgefährten und –gefährtinnen selbst verfasst. Dazu ein paar Zahlen:
1 Berg
1 Hauptfotograf (Röbi Bösch)
2 Dörfer
2 erste Besteigungen
2 Nebenviertausender (neben dem Pic Tyndall noch der fast unbekannte Picco Muzio)
4 Grate (genaugenommen sind es mehr, denn zum Pic Tyndall strebt ein eigener Grat empor die Cresta De Amicis)
4 Wände
6 Hauptkapitel
8 historische Autoren von Benedetti bis Whymper
14 Hütten und Biwaks
15 Etappen einer Reise zum Markenhorn
17 heutige Autorinnen und Autoren von Camanni bis Zopfi
17 Porträts von Jean-Jacques Carrel bis Simon Anthamatten
18 Versuche
18 Seiten Chronik
74 schönliterarische Werke (Gedichte, Erzählungen, Romane und Dramen)
238 Doppelgänger in Zermatt selbst und auf der ganzen Welt
300 Meter Fixseile und Leitern
333 Seiten
519 Abbildungen.

Hier nun 2 Vernissagen für „Matterhorn – Berg der Berge“:

Am Mittwoch, 1. Juli 2015, 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz am Helvetiaplatz in Bern (Eintritt frei, Anmeldung nicht nötig).

Am Samstag, 11. JULI 2015, 17.30 Uhr, im Hotel Mont Cervin, Bahnhofstrasse in Zermatt. Türöffnung 17 Uhr (Eintritt frei, Anmeldung bei ZAP Zermatt, Tel. 027 966 40 10 oder zermatt@zap.ch).

Daniel Anker: Matterhorn – Berg der Berge. AS Verlag, Zürich 2015. Fr. 59.90

***

Weil wir grad in Jubellaune sind wie Monsieur Hoiler um 12 Uhr an jenem blauen Montag vor vielen Jahren, noch gleich ein paar Daten für weitere Buchvernissagen:

Nenad Šaljić. Matterhorn. Porträt eines Berges/Portrait of a Moutain. Orada & Galerie Rigassi, Bern 2015. Mittwoch 1. Juli, 18-20 Uhr, Galerie Rigassi, Münstergasse 62 in Bern; Donnerstag, 9. Juli, Cervo Mountain Boutique Resort, Riedweg 156 in Zermatt.

Matthias Taugwalder, Jürg Steiner: Das Matterhorn – die Suche nach der Wahrheit. Rotten Verlag, Visp 2015. Freitag, 10. Juli, 19.30, Matterhorn Museum Zermatlantis in Zermatt.

Luisa und Beat H. Perren: Matterhorn – Cervin – Cervino. Bergsteiger auf den klassischen Routen. D/F/E/I, 2015. Samstag, 11. Juli, 18 Uhr: Backstage Hotel Vernissage, Hofmattstrasse 4 in Zermatt.

Wenn wir das Matterhorn gelesen und gesehen haben, steigen wir selbst hoch. Einfach nicht am 14. Juli 2015, weil es dann wegen einer Jubiläumsfeier geschlossen ist. Aber vorher oder nachher erleben wir hoffentlich das, was Thioly notiert hat:

„Nous avançons sans difficulté vers le point culminant, et bientôt nous n’aurons plus que le dôme bleu du ciel au-dessus de nos têtes.
Il est onze heures.“

Alpinismo

Die Historikerzunft ist gegenwärtig hoch beschäftigt mit dem Demontieren falscher Mythen wie Marigniano, Morgarten & Co. Höchste Zeit, dass auch mit Alpinen Mythen aufgeräumt wird, etwa mit der Meinung, die Egländer hätten das Bergsteigen erfunden und alle Alpengipfel erstbestiegen. Hier also Publikationen, die das Gegenteil beweisen – auf Italienisch, nicht auf Englisch.

26. Juni 2015

Cover Alpinismo„Besonders im nichtdeutschen Auslande scheint man anzunehmen, die Schweiz sei, bevor englische Touristen sie besuchten, ein Land der Pfahlbauten und Steinäxte gewesen.“

So wunderte sich Bernhard Studer, erster Professor für Geologie an der Uni Bern, in „Geschichte der Physischen Geographie der Schweiz bis 1815“, die 1863 erschien. Nun, Äxte brauchte man schon, bevor die Engländer kamen, aber nicht nur um Bäume zu fällen, sondern um Berge zu besteigen. Für den von der Sezione di Varallo Sesia des Club Alpino Italiano organisierten Kongress „Wie entstand der Alpinismus. Von der Erforschung der Alpen zur Gründung der Alpenclubs“ machte ich eine Zusammenstellung der Erstbesteigungen in den Schweizer Alpen von 1740 (Schesaplana) bis 1850 (Piz Bernina). Bis zum Jahr 1800 waren 24 Gipfel erstmals bestiegen worden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging es richtig aufwärts: 119 weitere Erstbesteigungen, und nur gerade bei vier waren Engländer beteiligt und nur bei einer (Cime de l’Est an den Dents du Midi) eine Dame. Unter den damals erstmals bestiegenen Gipfeln finden sich immerhin acht Viertausender, zum Beispiel das Lauteraarhorn, das zu den schwierigsten 4000ern der 48 Viertausender der Schweiz zählt. Und dann gibt es immer noch Leute, auch Historiker, die behaupten, die Engländer hätten das Bergsteigen erfunden.

Zu den Vorläufern eines modernen Alpinismus gehört der Disentiser Klosterbruder Placidus Spescha (1752–1833), der in seiner engeren Heimat, dem Bündner Oberland, zahlreiche Touren unternahm und dabei 19 Gipfel erstmals bestieg, darunter so hervorragende Gipfel wie Rheinwaldhorn/Adula (3402 m) und Oberalpstock (3327 m). Seine Bergreisen, wie er die Touren nannte, beschrieb er im Werk „Genaue geographische Darstellung aller Rheinquellen im Kanton Graubündten nebst der Beschreibung vieler Gebirgsreisen in dieser wenig besuchten und erforschten Alpengegend.“ Um diese Gegend zu erforschen, kletterte Placidus Spescha auf die Gipfel; er kletterte aber auch aus alpinistischem Ehrgeiz hoch, wie beim Oberalpstock im August 1792: „Niemand hatte noch diesen Berg erstiegen, und Niemand wollte ihn auch um einem billiges Regal ersteigen, denn man hielt ihn für unersteiglich.
Von allen Seiten her schien er mir sehr hoh und wild zu seyn, und nur ein Wagstuck von groβer Anstrengung konnte seine Ersteigung möglich machen. Gleich nach dem Jahre 1792, als ich den piz Aul erstiegen und seine Lage beβer in Augenschein genommen hatte, versuchte ich seine Ersteigung, und sie gelang mir vollkommen.“

Ein direkter Nachkletterer von Placidus Spescha war der Berner Gottlieb Studer (1804–1890), der von 1825 während 50 Jahren unermüdlich mit Pickel und Zeichenstift durch die Alpen streifte, viele Gipfel als erster bestieg, beschrieb und zeichnete. In seinem Buch „Topographische Mittheilungen aus dem Alpengebirge“ von 1843 gesteht der Mitgründer des Schweizer Alpen-Club: „Von früher Jugend an zog ein unwiderstehlicher, tief in meinem Innern wohnender Trieb mich hin nach den schönen und wilden Bergen meines Vaterlandes; ein heimwehähnliches Sehnen drängte und lockte mich stets wieder von Neuen, die einsamen Wildnisse, die Schrecken und Wunder der erhabenen Alpennatur aufzusuchen, von Fels zu Fels emporzuklettern über das Gewirre grauser Fluhgestalten, die Kristallmeere der Gletscher zu überschreiten, an glatten Wänden und schwindlichen Firsten, mit den Gemsen im Wettstreit, hinanzustreben nach den weithin erglänzenden Zinnen der Alpen.“ Kann man die Faszination des Bergsteigens (um seiner selbst willen) besser beschreiben?

Studer wird noch deutlicher in der Schilderung einer Reise in die Berner und Walliser Alpen im Sommer 1842, bei welcher die Jungfrau zum fünften Male bestiegen wurde: Diese Reise sei nicht zu wissenschaftlichen Zwecken unternommen worden, „sondern einzig aus angeborener Lust an kühnen Streiferein in die höchsten und minder bekannten Gebiete der Gebirgswelt, die dem unerschrockenen Wanderer so herrlich, wenn auch hie und da nicht ohne Gefahr zu erringende Genüsse darbieten.“ Weiter hinten im Jungfrau-Text fragt sich Studer, ob sich die Strapazen und Gefahren einer solchen Tour lohnen, ohne dass man sich wissenschaftlich betätige. Seine Antwort ist ein klares Ja, und er zählt die auf der Jungfrau verbrachte Stunde zu den ergreifendsten und schönsten seines Lebens. Die individuelle Empfindung ist wichtiger als die wissenschaftliche Arbeit. Bergsteigen als sportliches Plaisir, nicht als akademische oder patriotische Aufgabe.

Cover AlpiWer noch mehr zum Alpinismus in der Schweiz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lesen und wer vor allem auch die Liste mit den „Prime ascensioni nelle Alpi Svizzere 1740–1850“ anschauen möchte, kann zur Publikation greifen, die nun zum Kongress in Varallo vom September 2013 erschienen ist. Auf italienisch. Doch allein die zahlreichen Abbildungen sind einen Augenschein wert. Und neben den beiden Kapiteln zum Alpinismo svizzero hat es noch weitere mit Bezug zu unserem Land, so „Ein völlig deutscher Berg. Trent’anni di viaggiatori tedeschi intorno al Monte Rosa prima della sua conquista (1816-1842)” von Massimo Bonola. Wer die Sprache von Giovanni Gnifetti fast so beherrscht wie den Eispickel, mag noch eine weitere italienische alpinhistorische Arbeit in die Hand nehmen: „Le Alpi: dalla riscoperta alla conquista“. Das letzte Kapitel ist dem Cervino gewidmet, vom Wettlauf um die Erstbesteigung bis zu den ersten geologischen Erforschungen. Darin gibt es allerdings ein paar lose Steine. Doch ist nicht gerade am Matterhorn mit etwas Steinschlag zu rechnen?

Riccardo Cerri (a cura di): Come nacque l’alpinismo. Dall’esplorazione delle Alpi alla fondazione dei Club Alpini (1786–1874). Edizioni Zeisciu, Alagna Valsesia 2015, Euro 25.-
Alberto Conte (a cura di): Le Alpi: dalla riscoperta alla conquista. Scienziati, alpinisti e l’Accademia delle Scienze di Torino nell’Ottocento. Il Mulino, Bologna 2014, Euro 24.-

Die Viertausender der Schweiz

Hier vorgestellt wird das beste, schönste, poetischste, gründlichste und umfassendste Werk über die Viertausender der Schweiz. Und davon gibt es doch eine stattliche Anzahl, also sowohl Bücher wie auch Berge. Aber wir leben ja in einer Zeit der Superlative. Dieses viersprachige, grandios bebilderte und dokumentierte Buch allerdings ist wohl nicht mehr zu übertreffen. Es enthält einfach alles und noch mehr: auch ein paar Gipfel, die es nicht ganz zur magischen Höhe geschafft haben. Aber wir wissen ja: die Alpen wachsen noch…

18. Juni 2015

Layout 1„Bist du obe?“ fragte Fuchs von hinten. „Emel gsehn i wit und breit nüt so höch wie mir.“

So einfach lässt sich das sagen, wenn man oben ist. Die Frage stellte Bergführer Fritz Fuchs aus Lauterbrunnen seinem Berufs- und Dorfkollegen Adolf Graf, welche die Berner Heinrich Dübi und Fritz Wyss am 22. Juli 1876 von der ersten Weisshornhütte auf den Gipfel führten. Dübi gefiel die Aussicht nicht sonderlich, wie er im SAC-Jahrbuch von 1877 bemängelte: „Hier aber ist nichts als unendliche Wildniss.“ Was vielleicht davon kommt, dass man auf dem Weisshorn (4506 m) wirklich hoch oben ist. Das Horn ist der siebthöchste Gipfel der Schweiz. Nun hat es noch eine neue Nummer erhalten: Im eben erschienenen Bildband „Die Viertausender der Schweiz“ steht es an fünfter Stelle. Dieses Buch ist ebenfalls – ganz oben.

Der Stapel von Büchern zu den Gipfeln der (Schweizer) Alpen, die 4000 Meter und mehr messen, ist mindestens 4000 Millimeter hoch. Das Werk von Caroline Fink und Marco Volken kommt oben drauf. Nicht weil es das neueste ist. Sondern weil es einfach das beste, schönste, poetischste, gründlichste und umfassendste ist. In diesem Werk sind endlich alle 48 Viertausender der Schweiz beschrieben, nicht nur die grossen wie Weisshorn, Mönch und Piz Bernina, sondern auch die kleinen wie Östlicher Breithornzwilling und Hinteres Fiescherhorn, und das gleichwertig wie die grossen. Und wie sie vorgestellt werden: mit grandiosen Fotos, mit gescheiten Zitaten aus der Bergliteratur, mit genauen Angaben zu allen Erstbesteigern (gab es bis jetzt nicht). Höher noch: Der Anhang brilliert mit erstmaligen Übersichten, so zu den Jahren der Erstbesteigungen, zu den Alpinisten mit mehreren solchen (zuoberst Franz Andenmatten mit sechs Erstbesteigungen, gefolgt von Melchior Anderegg, Peter Perren und Leslie Stephen mit je fünf), zu den Gemeinden mit mehreren 4000ern (hier an oberster Stelle Zermatt mit 22), zur Skitauglichkeit dieser hohen Berge. Im Weiteren sind im Anhang die 25 Gipfel versammelt, die es in der Schweiz nicht ganz auf die magische Zahl geschafft haben, vom Piz Zupò (3996 m) bis zum Piz Palü (3900 m).

Doch zurück zu den ganz hohen helvetischen Bergen, zur Signalkuppe, die in Italien Punta Gnifetti genannt wird, zur Punta Dufour, zum Breithorn orientale, im deutschsprachigen Raum eher als Westlicher Breithornzwilling bekannt, während der östliche im Nachbarland schlicht Punta 4106 heisst. Das Buch schaut eben über den Rucksackrand hinaus, berücksichtigt alle offiziellen Bezeichnungen, beim berühmtesten Viertausender der Alpen seine insgesamt drei Namen. Alle Texte sind viersprachig, nämlich deutsch, französisch, italienisch und – nein, nicht rätoromanisch, sondern englisch. So kann das Originalzitat von Elizabeth Burnaby Main Le Blond zum Bishorn beim Weisshorn in drei Übersetzungen gelesen werden. Sie machte mit ihren Führern die Erstbesteigung seines Ostgipfels (4135 m) – einfach schade, dass sie nicht noch hinüber zum Hauptgipfel des Bishorns (4153 m) weitergingen, um ganz oben zu stehen. Dann hätte wenigstens auf einen der 48 Viertausender auch eine Frau ihren Fuss als erste gesetzt. Immerhin heisst der Ostgipfel Pointe Burnaby, leider allerdings nur inoffiziell. Und: Autorin und Fotografin Elizabeth wäre entzückt über das Werk, das ihre Nachkletterin Caroline zusammen mit Marco geschaffen hat.

Bilderschau, Lesebuch, Nachschlagwerk, Sammlerobjekt, Ankreuzband, Bett-, Sofa- und Hüttenlektüre: All das ist „Die Viertausender der Schweiz“ von Fink & Volken. Kurz gesagt: ganz obe.

Caroline Fink, Marco Volken: Die Viertausender der Schweiz. AS Verlag, Zürich 2015, Fr. 68.-

Die Vernissage findet am Donnerstag, 18. Juni, um 19.30 Uhr statt – weit weg von den Viertausendern, aber doch inmitten von Steigeisen, Gletscherseilen und Eispickeln. Nämlich bei Bächli Bergsport in Zürich-Oerlikon.
Und falls es nicht möglich sein sollte, dort vorbeizuschauen: Weitere Anlässe sind geplant. Die Daten, alle 48 CH-4000er und noch viel mehr auf www.viertausend.ch.

Auf den Spuren meines Urgrossvaters

Wer über Berge spricht, nimmt gern das Wort «ewig» in den Mund. Ewiger Schnee ect. Wie heilsam es ist, die Bergwelt auf den Spuren eines Vorfahren zu durchwandern, zeigt vorliegender Band von Gilles Renaud. Nichts ist mehr, wie es war zur Zeit, als sein Urgrossvater mit Kamera und Hanfseil die Walliser Viertausender bestieg.

11. Juni 2015

Auf den Spuren meines Urgrossvaters„Mit den ersten Sonnenstrahlen verlassen wir die Monte Rosa-Hütte. Wir folgen der Moräne, steigen den Felsen hinunter und gelangen auf den Grenzgletscher. Die Eisenstufen und die Fixseile sind uns eine wertvolle Hilfe. Wie schon vor zwei Tagen staunen wir, wie weit sich der Gletscher zurückgezogen hat. Die Seilschaft um meinen Urgrossvater fand damals das Eismeer einige Meter unterhalb der Hütte. Wir müssen dafür mehrere Dutzend Meter absteigen. Unten angelangt ist es ein sonderbares Gefühl, auf die 150 Meter weiter oben liegende Moräne zurückzublicken und sich dabei das geschmolzene Eisvolumen vorzustellen.
Wir wandern eine Weile und finden den Standort der ersten Aufnahme ohne Mühe. Die Kammlinie stimmt, wir dürften den richtigen Standort gefunden haben. Nur der Blick auf das Matterhorn ist völlig verändert! Der Grund liegt darin, dass wir uns heute viel weiter unten befinden als damals, die Perspektive hat sich verändert, es ist unmöglich, noch einmal das gleiche Bild aufzunehmen.“

Auch wenn sich die Szenerie verändert hat: Gilles Renaud fotografierte die gleiche Szene wie sein Urgrossvater Charles Renaud (1865–1947). Im Vordergrund der apere Gletscher mit drei Alpinisten, voraus ein Mann, dann eine Frau, als dritter am Seil wieder ein Mann, auf dem Eis kniend und mit dem Rucksack beschäftigt. Von ihm läuft das Seil weiter zum vierten Mann, zum Fotografen. Links schwarzweiss, rechts farbig. Klar, die Ausrüstung hat sich gewaltig verändert, aber noch viel mehr die Landschaft. Vom Theodulgletscher ist heute nichts mehr zu sehen, nur trostloses Geröll. Und das Matterhorn versinkt immer mehr hinter dem Felskamm, auf dem die Gandegghütte steht. Wenn die Urenkel von Gilles Renaud seinen Spuren folgen werden, wird es wohl von diesem Standort nicht mehr sichtbar sein.

In der elterlichen Bibliothek von Gilles Renaud befanden sich zwei Alben mit Fotografien von seinem Urgrossvater, einem begeisterten Bergsteiger, Fotografen und Filmvorführer in Château-d’Oex. 95 Jahre später begab sich Gilles mit Freunden im Monte-Rosa-Gebiet auf die Spuren von Charles und suchte die Standorte, wo die Bilder aufgenommen wurden. Er brachte ortsgetreue Bilder zurück, die spektakuläre Vergleiche ermöglichen. Bei einigen Aufnahmen hat man den Eindruck, es habe sich nicht viel verändert; andere, wie schon erwähnt, zeigen überdeutlich die Spuren der Klimaerwärmung. Eindrücklich sind aber auch andere Veränderungen, wie etwa der Wald, der die Kornterrassen im Val d’Hérens verschluckt hat.

Die Fussreise führte Renaud bzw. Gilles und ihre Begleiter in fünf Etappen von Täsch über die Monte-Rosa-Hütte auf die Dufourspitze, dann weiter zur Schönbielhütte und via Tête Blanche und Cabane de Bertol hinab nach Arolla und Euseigne. Wer sie nachvollziehen will, sollte unbedingt vorher den Bildband mit den Ansichten von einst und heute in die Hände nehmen. Und auch die welsche TV-Sendung „Passe-moi les jumelles“ anschauen, die im September 2014 eine Reportage über die Hochtour auf den Spuren des Urgrossvaters gedreht hat.

Ich selbst werde in drei Wochen den Spuren meines eigenen Urgrossvaters folgen. 1917 erschien im „Berner Heim“, der Sonntagsbeilage zum „Berner Tagblatt“, in vier Folgen der Reisebericht „Im Banne des Matterhorns“ von Theophil Anker. Der letzte Abschnitt lautet so:

„So seid denn noch einmal gegrüβt, ihr schimmernden Berge mit den blendenden Firnen und mächtigen Gletschern. Ihr habt uns frohe, glückliche Stunden geschenkt; mit frischem Mute kehren wir an die Arbeit zurück und zehren noch lange an der herrlichen Erinnerung. Überall wirkt uns die Titanengestalt des Matterhorns, sie ist das Symbol der gewaltigen Gröβe jener Bergnatur; warte nur, wir sehen dich wieder!“

Gilles Renaud: Auf den Spuren meines Urgrossvaters. Reiseziel Monte-Rosa 1918–2014. Editions Monographic, Siders 2015, Fr. 49.-

Berghotels und Berghütten

Die Berghotellerie der Schweiz befindet sich im Jammertal, vor allem seit die Höhe des Frankenkurses den fremden Touristen den Kurs auf die Höhen der Schweizer Alpen verdirbt. Das war nicht immer so, wie ein Blick in die grosse Geschichte der alpinen Hotellerie zeigt, die einst mit Pioniertaten glänzte. Glänzend entwickeln sich jedoch die einfachen Unterkünfte im Alpenraum, Hüttenferien mit Oma und Kind sind in. Der ultimative Führer dazu hat es schon zu 10 Auflagen geschafft!

4. Juni 2015

Berghotels„The Hospice of the Grimsel stands about 800 feet below the summit of the Pass. Berne being a Protestant canton there is no religious community attached to the establishment, which has long been, for all practical purposes, an inn. It is a rough, strong, rock building, with few windows, and looks like a gaol, a Spanish monastery, or a hospital for the insane. Its entourage is the most dreary in all Switzerland. On all sides and above it is frowned upon by shapeless mountains, covered with ice and snow. Its elevation above the sea is more than 7000 feet, and the peaks rise above to the height of another thousand.
Within the building, however, everything is neat and comfortable; there are a little library, enriched chiefly by English travellers, with some good books, a well-furnished refectory and abundant table, eighty beds or more, and everything in excellent order.“

Brauchen wir mehr, wenn wir in den Bergen unterwegs sind und übernachten wollen bzw. müssen? Ein starkes Haus, eine gemütliche Speisekammer, ein Bett, schön sauber, wohl geordnet, und wenn noch ein paar gute Bücher greifbar sind oder heute kostenloses WLAN: tant mieux! Da stört es gewiss nicht, dass nur wenige Fenster sind, zumal draussen ohnehin öde Berglandschaft vorherrscht. Klar, grad an ein Gefängnis oder ein Irrenhaus müsste die Herberge im Gebirge nicht erinnern, aber lieber ein Dach über dem Kopf als keines. Fand offenbar schon der zweite Band der „Bogues’s Guides for Travellers“, der „Switzerland and Savoy“ beschrieb. Eine seltener Reiseführer, nicht so wohlbekannt und –benützt wie Baedeker, Ebel, Joanne oder Murray. Als er 1857 in London erschien, war das Bereisen der Schweiz schon ziemlich en vogue – und wurde es immer mehr. Da waren die Touristen auf Hotels und Häuser angewiesen, nicht nur an der Grimsel, auch in Zermatt und Arolla, auf dem Faulhorn und dem Säntis. Die Reisenden sind es immer noch, die Fenster sind inzwischen einfach zahlreicher und grösser geworden, vielleicht weil man grad diese scheinbar leere, wilde Natur betrachten will, mit vollem Bauch vom sicheren, komfortablen Hort aus.

Wo wurde in den Schweiz die erste elektrische Anlage fest installiert? Im Juli 1879 im St. Moritzer Hotel Engadiner Hof, heute Kulm. Im welchem Hotel wurden zum ersten Mal Toilletten mit Wasserspülung eingebaut? 1847 im Hôtel des Bergues in Genf; 26 Jahre beförderte dort erstmals ein Lift die noblen Gäste und ihr umfangreiches Gepäck. Die grossen Hotels, die der Schweiz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu touristischem Weltruhm und eigenem Wohlstand verhalfen, setzten nicht nur architektonische Akzente in schöne Landschaften, sondern waren oft auch technische Vorreiter von heute ganz alltäglichen Einrichtungen. Diese Entwicklungen beleuchtete der Architekturhistoriker Roland Flückiger-Seiler in zwei vor gut zehn Jahren erschienenen Bänden zur schweizerischen Hotelgeschichte zwischen 1830 und 1920: „Hotelträume zwischen Gletschern und Palmen“ und „Hotelpaläste zwischen Traum und Wirklichkeit“. Nun ist vor ein paar Tagen der lang erwartete dritte Band erschienen, der wiederum mit faszinierendem Bildmaterial brilliert: „Berghotels zwischen Alpweide und Gipfelkreuz. Alpiner Tourismus und Hotelbau 1830-1920“. Ein Prachtswerk, das einerseits einen vorzüglichen Überblick über die ersten Hotels in den Schweizer Alpen gibt, andererseits mit vielen spannenden Geschichten aufwartet: zu katholischen Pfarrherren als bedeutende Förderer des Fremdenverkehrs, zur Distanz zwischen Bauernhäusern und Hotelbauten, zu Grand Hotels, die sich so nannten, aber nicht so aussahen, zu Bergbahnen als Motoren der touristischen Entwicklung. Nur bei alpinistischen Themen herrscht nicht überall „excellent order“. Die Register zu Personen und Orten machen den Bildband zum unverzichtbaren Nachschlagwerk für alle, die sich für die Hotel- und Tourismusgeschichte der Schweiz interessieren.

BerghüttenSuchen Sie also noch eine Bleibe für die nächsten Ferien im Lande? Sonnig, aussichtsreich, ruhig, nicht zu gross und nicht zu teuer. Wie wärs mit der Capanna Borgna, wunderbar auf einer Terrasse gut 1700 Meter oberhalb des Lago Maggiore gelegen? Eine ehemalige Alphütte aus Stein, die in eine Hütte für Bergwanderer verwandelt wurde. 27 Plätze mit Decken (aber ohne Duvets), Kochgelegenheit, Wasser und Licht sind vorhanden, Handyempfang ist garantiert, eine Flasche Merlot meistens zu finden: Was braucht es mehr? Einen Führer natürlich, der solch gemütliche und nützliche Unterkünfte auflistet und mit allen (überlebens)wichtigen Infos zeigt und beschreibt, von Anreise und Anmarsch über Schlüsseldepot und Mail/Internet-Adresse bis zu Bezahlungsmöglichkeit mit Kreditkarten und hüttennahen Klettergärten für Kinder. „Hütten der Schweizer Alpen“ vom bewährten Autorenduo Kundert-Volken ist so ein unentbehrliches Werk für Gebirgstouristen aller Art: vorbildlich aufgemacht, klar strukturiert. Die eben erschienene zehnte Auflage stellt 345 Hütten und Biwakschachteln vor – alles Ziele für solche, die ein bisschen höher hinaus wollen. Bis hinauf gegen die „shapeless mountains, covered with ice and snow“, und noch weiter zum Matterhorn, wo die neue Hörnlihütte am 14. Juli eingeweiht werden wird. Nur nebenbei: 1857, als „Switzerland and Savoy“ von David Bogue herauskam, begannen die Versuche, das „obelisk-like Matterhorn“ zu besteigen.                                                         

Roland Flückiger-Seiler: Berghotels zwischen Alpweide und Gipfelkreuz. Alpiner Tourismus und Hotelbau 1830-1920. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2015, Fr. 89.-

Remo Kundert/Marco Volken: Hütten der Schweizer Alpen. 10. vollständig überarbeitete Auflage. SAC Verlag, Bern 2015, Fr. 48.-, für SAC-Mitglieder 39.-

Buchvernissage von Berghotels zwischen Alpweide und Gipfelkreuz am Donnerstag, 4. Juni, um 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz am Helvetiaplatz in Bern.

Über alle Berge

Wo Berge sich erheben. Da war einmal die Alpenwelt. Heut wachsen sie überall aus dem Boden. Die einen aus Trümmern, die andern aus Abfall und die hier besprochenen aus dem Abraum einstiger Zechen im Ruhrgebiet. Dass es da auch Klettersteige, Wanderwege, Skipisten und Kletterwände gibt, ist ja fast selbstverständlich. Und Wiesen. Und Wälder. Und und. Und Kletterführer. Schuttberg heil!

28. Mai 2015

Über alle Berge„Mitten im Ruhrgebiet liegt ein Gebirge, das es vor einigen Jahrzehnten noch gar nicht gab. Ein ganz und gar künstliches Gebirge, das nicht etwa zur Gaudi angehäuft wurde. Sondern als Abfall in Kauf genommen werden musste. Aber da der Mensch im Ruhrgebiet es gewöhnt ist, irgendwie immer ,das Beste draus zu machen’, hat er sich seine Berge ganz schick eingerichtet. Aus den unansehnlichen Halden, Deponien und Kippen sind attraktive Bergwelten geworden.“

Heisst es in der Einleitung eines ziemlich ungewöhnlichen Bergbuchs, die mit dem bergliterarisch geläufigen Titel „Der Berg ruft“ überschrieben ist. Aber für einmal rufen nicht Rigi, Jungfrau und Matterhorn, sondern Gotthelf, Haniel und Kissinger Höhe, aber auch Deusenberg, Rungenberg und Halde Scholven. Letztere ist der höchste Berg im Ruhrgebiet: 202 Meter über Meer. Der Gipfel der Halde Haniel liegt auf bescheidenen 160 m, überragt aber die Umgebung mit 95 Metern und gehört somit zu den höchsten dieser künstlichen angehäuften Berge in der grössten Agglomeration Deutschlands.

Halden eben. Da dort der Bergbau, mehr oder weniger am Boden liegt, also kaum mehr Kohle aus dem Untergrund hervorgeholt und weiterverarbeitet wird, müssen auch nicht mehr Halden angehäuft werden. Aus den schwarzen Abraumhaufen der einst blühenden Montanindustrie sind grüne Hügel mit blühenden Wiesen und Wäldern geworden, durchzogen von Wanderwegen und Biketrails, Rutschbahnen und Skulpturenanlagen. An der Halde Prosperstrasse wurde die längste Skihalle der Welt gebaut: Die gedeckte Kunstschneepiste ist gut 600 Meter lang und knapp 100 Meter hoch – da lässt sich bei -4° bestens carven. Ein Förderband bringt die Skifahrer und Snowboarder zurück an den Start im Alpincenter von Bottrop. Im nebenanliegenden Fussgängertunnel hängt gar das Schild „Achtung: Hochalpines Gelände.“

Ganz so hochalpin sind die Alpen des Ruhrgebiets natürlich nicht. Aber aufgepasst: Hier befindet sich der grösste Outdoor-Klettergarten von Norddeutschland mit mehr als 400 Routen bis zum 9. Grad. Drytooling ist ebenso möglich wie Klettersteigen; der Steig heisst „Via ferrata Monte Thysso“. Eigentlich passt ja eine Route mit Drahtseilen und Eisenbügeln nirgends besser hin als in diese Region, die einst das schwerindustrielle Zentrum Europas war. Die Anlagen sind geblieben, lärmen jedoch nicht mehr, sondern sind nun, wie zum Beispiel die Zeche Zollverein, zu Orten für vielfältige Ausstellungen – und zu Museen ihrer selbst – umfunktioniert worden. Die Halden ebenfalls.

„Kommen Sie mit auf eine unvergleichliche Bergtour!“ Fordert Wolfgang Berke in der Einleitung seines Führers „Über alle Berge“. Warum eigentlich nicht?

Wolfgang Berke: Über alle Berge. Der definitive Haldenführer Ruhrgebiet. Mit Fotos von Manfred Vollmer und Hans Blossey. Klartext Verlag, Essen 2011. € 13.95.
Regionalverband Ruhr RVR: Gipfelstürmen in der Metropole Ruhr, Essen 2012.
Axel Klemmer: Ruhrgebiet – unterwegs im „Revier“, in: Panorama. Das Magazin des Deutschen Alpenvereins, 3/2015. de.wikipedia.org/wiki/Halden_im_Ruhrgebiet

Faszination BergWälder

Berthold Brecht meinte zwar, man solle über die Untaten der Menschen sprechen, statt über Bäume. Das eine geschieht gegewärtig in solcher Fülle, dass ein Buch über Bäume, bzw. Wälder eine erholsame Lektüre sein kann. Auch der alte Brecht ist schliesslich durch die Wälder der Märkischen Schweiz gewandert, als es in Berlin knallte. Warum also nicht ein Buch über Wälder, Bergwälder genau, und aus der richtigen Schweiz.

14. Mai 2015

BergWälder_CoverGrashalm glänzt wie eine Klinge,
Und die kleinen Schmetterlinge,
Blau, orange, gelb und weiß,
Jagen tummelnd sich im Kreis.
Alles Schimmer, alles Licht,
Bergwald mag und Welle nicht
Solche Farbentöne hegen,
Wie die Haide nach dem Regen.

Dichtete Annette von Droste-Hülshoff um 1844. Eine der berühmtesten deutschen Dichterinnen des 19. Jahrhunderts; ihre Novelle „Die Judenbuche“ gehört noch immer zum Kanon der Gymnasialliteratur. Dass die Droste auch alpin angehauchte Verse schmiedete, dürfte weniger geläufig sein. Das Gedicht „Der Säntis“ ist eine Hymne an die Jahreszeiten und den höchsten Gipfels des Alpsteins; Annette wird den Berg vom Schloss Meersburg, wo sie am 24. Mai 1848 verstarb, immer wieder erblickt haben.

Drei Zeilen aus dem Herbst-Zyklus: „Wenn ich an einem schönen Tag / Der Mittagsstunde habe acht, / Und lehne unter meinem Baum“ – dann nehmen wir mit grossem Vergnügen einen neuen Bildband hervor, der wunderbar die Themen Bergwald, Farbentöne und Poesie verbindet. In ihrem zweiten Werk nach „BergWasser“ beleuchten der Fotograf Roland Gerth und der Schriftsteller Emil Zopfi in „Fazination BergWälder“ nun die schönsten Waldlandschaften der Schweiz. Ein rundum geglücktes Werk, das nicht nur mit faszinierenden und einmaligen Landschaftsaufnahmen glänzt, sondern auch mit der poetischen Einleitung und den geografisch und botanisch genau verorteten Bildegenden. Ein Wurf.

Kaum zu glauben, dass all diese Fotos in Schweizer Bergwäldern zwischen Dent de Vaulion im Waadländer Jura, Lutertannen im Alpstein und Alpe Saléi in der Valle Onsernone aufgenommen wurden. Entdeckungen sind da beim Blättern und Lesen zu machen, wenn wir uns gemütlich an einen Baum oder eine Bank lehnen. Die Bilder wecken aber auch die Lust, selbst hinauszugehen in die frischgründuftenden Wälder. Auf geht’s, in den Auffahrts-Tagen noch ein wenig leichter. Mit einem Lied auf den Lippen und einem Gedicht im Ränzlein, wie einst der Taugenichts von Eichendorff. Diese Verse hier aus Hermann von Linggs „Schlußsteine“ von 1878 kehren wir freilich besser unters Laub: „Im Bergwald ruht, im Eichenhaine / Der Nemi-See; wohl hieß er auch / Dianas Spiegel, seine reine / Tiefblaue Woge trübt kein Hauch.“

Roland Gerth, Emil Zopfi: Fazination BergWälder. Die schönsten Waldlandschaften der Schweiz. AS Verlag, Zürich 2015, Fr. 45.-

Bätzings Alpen

«Aus der Region, für die Region», lautet ein Werbespot der Migros. Der Autor der vorgestellten Publikationen würde dem sicher zustimmen. Doch das ist nur ein Aspekt der Diskussion um die Zukunft der Alpen als Wirtschaftsraum. Was soll aus unserer Bergwelt werden? Fun- und Freizeitpark? Riesiger Wasserspeicher für Europa? Sich selbst überlassene Wildnis? Werner Bätzing zeigt Perspektiven auf.

6. Mai 2015

Cover StreitschriftZEIT: In Ihrer eben erschienenen Streitschrift Zwischen Wildnis und Freizeitpark entwickeln Sie eine Vision, wie man in Zukunft in den Alpen wirtschaften könnte. Sie setzen dabei vor allem auf regionale Produkte. Reicht dieses Klein-Klein, um den Wohlstand in den Bergen zu erhalten?
Bätzing: Ich halte es überhaupt nicht für klein, wenn man voll auf regionale Produkte setzt. Das ist eine groβe Idee, die gleichwertig zum globalen Wirtschaften geht.
ZEIT: Aber die Bergler argumentieren: Ihr im Unterland habt uns nicht zu sagen, was wir zu tun zu haben. Wir haben Anrecht auf denselben Wohlstand wie ihr.
Bätzing: Das ist das, was ich in meiner Streitschrift als Nachholmoderne beschreibe. Die Bergler wollen das Gleiche wie die Flachländer. Das geht aber nicht – dabei verstädtern die Alpen bestenfalls, oder sie werden menschenleer.

Ausschnitt aus einem hochspannenden Gespräch über Dirndlabende und Spektakeltourismus, verhökerte Berge und gigantische Luxusprojekte zwischen dem Alpenforscher Werner Bätzing und der Schweiz-Redaktion in der aktuellen Ausgabe der deutschen Wochenzeitschrift „Die Zeit“. Ausgangspunkt ist das jüngste Werk von Bätzing, emerierter Professor für Kulturgeografie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Es heisst „Zwischen Wildnis und Freizeitpark. Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen“, ist 145 Seiten dünn, vom Gehalt her aber mindestens dreifach so dick, und kostet nur elf Schweizer Franken. Ich kenne keine andere Schrift über die Alpen, die finanziell und grammmässig so leicht und inhaltlich so gewichtig daherkommt. Darin skizziert der Autor, der Geschichte und Gegenwart im ganzen Alpenbogen so umfassend kennt wie sonst kaum jemand, mögliche und unmögliche Zukunft-Szenarien: Die Alpen als ein einziger Fun- und Freizeitpark? Als riesiger Wasserspeicher für Europa? Als fremdbestimmter Ergänzungsraum der Metropolen? Als sich selbst überlassener Wildnisraum?

Cover Die AlpenAusgehend von den in jeder Hinsicht verwildernden Alpen analysiert Bätzing fünf Zeitgeist-Perspektiven, deren Vor- und Nachteile er gegeneinanderstellt. Daran anknüpfend stellt er fünf unzeitgemässe Perspektiven vor, die alle die Alpen als dezentralen Lebens- und Wirtschaftsraum begreifen. Und da ergäben eben klug angebaute und vermarktete regionale Produkte deutlich bessere Aussichten als der geplante 380 Meter hohe Wolkenkratzer von Vals. Dazu nochmals Bätzing: „Das ist ein städtisches Angebot. Der Turm könnte überall stehen. Nicht umsonst fällt im Zusammenhang mit Vals das Stichwort Dubai. Langfristig muss der Alpenraum auf seine Besonderheiten setzen.“

Bätzing hat als einer der Erster alle Alpengemeinden zwischen Nizza und Wien untersucht und daraus bahnbrechende Erkenntnisse gezogen. Sein Hauptwerk „Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft“ hat sich seit 1984 zum Klassiker kritischer Alpenliteratur entwickelt und ist nun in einer grundlegend überarbeiteten Neuausgabe herausgekommen. So hat der Verfasser das Kapitel über die gegenwärtigen Entwicklungen stark verändert und dasjenige über die Zukunft der Alpen ganz neu geschrieben.

Wer Bätzing noch nie gelesen hat, wird zuerst zur Streitschrift greifen. Es liegt in der Natur einer solchen Publikation, dass sie kurz, prägnant und manchmal auch polemisch ist. Aber dann darf, ja sollte man ruhig erst- oder nochmals zu „Die Alpen“ greifen. Dieses Buch ist mindestens so spannend und lehrreich wie jenes Lehrgedicht Albrecht von Hallers, das 1732 publiziert worden ist. Der Titel ist der gleiche, der Umfang ähnlich: 49 zehnzeilige Strophen damals, 484 Seiten heute.

Werner Bätzing: Zwischen Wildnis und Freizeitpark. Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen. Rotpunktverlag, Zürich 2015. Fr. 11.-

Werner Bätzing: Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft. 4., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Verlag C.H. Beck, München 2015. Fr. 49.90.

„Ich will die Revolution!“ Ein Gespräch mit Werner Bätzing in „Die Zeit“ vom 29. April 2015.

6. Mai 1015, 19 Uhr, Alpines Museum der Schweiz in Bern: Buchvernissage „Zwischen Wildnis und Freizeitpark. Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen“. Werner Bätzings Leitideen und Thesen werden mit Mario Broggi (Forstingenieur und Ökologe), Stefan Otz (Tourismusdirektor Interlaken) und Thomas Egger (Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete) diskutiert. Moderiert wird das Gespräch von Jürg Steiner (Redaktor der „Berner Zeitung“).

La vue, secteur de gauche

Depuis le donjon du Bois des Brigands, près de Thierrens, on domine une bonne partie de l’Europe. Ici le secteur de gauche. À l’extrème gauche Moscou, le Napf, Vienne et Courtepin, suivi par des sommets tels le Guggershorn ou le Schibuhl, inconnu jusqu’à ce jour. Un observateur attentif, probablement dans une journée de bonne visibilité, a même pu identifier le Proche-Orient et a rajouté sur le plan la ville de Gaza. Étonnant, non?
Thierrens (Haute Broye), 30 avril 2015.

1. Mai 2015

donjon_thierrens