Ex Libris delle Montagne

Diese Buch- und Ausstellungsbesprechung ist auch ein Lehrtext. Was ist ein Ex Libris? Ein Verlag, der früher auch mal Schweizer Literatur herausgab? Ein Unternehmen der Migros-Gruppe? Eine Firma, die Bücher schreddert? Bitte lesen Sie weiter und erfahren Sie das Geheimnis des lateinischen Begriffs. Und noch viel mehr.

25. Juli 2016

„Uno spazio di libertà in pochi centimetri quadrati.“
Cover Ex Libris
So nennt der italienische Sammler und Buchantiquar Gastone Mingardi die Ex Libris, also jene nur Quadratzentimeter kleinen Kunstwerke aus Papier, die vorne in ein Buch geklebt werden, um damit zu markieren und zu zeigen, wem es gehört. Einer Privatperson, einem Verein, einem Hotel oder Hütte, auch einer Bibliothek. Solche Buchbesitzpapiere wurden erstmals in Deutschland im 15. Jahrhundert verwendet; sie erfreuten sich vor allem im 19. und 20. Jahrhundert grosser Beliebtheit. Zu meiner Taufe erhielt ich mein Ex Libris, 4,5 x 5,5 cm gross, gestaltet von Grossonkel Hans Schreyer, Graphiker und Bergsteiger. Aber er wählte kein alpines Sujet, sondern ein maritimes: meine Initialen geformt aus einer weissen Leine, die mit einem weissen Anker auf blauem Grund verbunden ist.

Auch wenn Signor Mingardi mein Ex Libris gekannt hätte, wäre es nicht in seine Sammlung aufgenommen worden. Denn er sammelte nur gebirgige Sujets. Und eine Leine, ein Seil macht ja noch keinen Berg. Doch wenn ein solcher zu sehen, ja gar nur zu erahnen ist, zum Beispiel als Hintergrund für eine nackte Frau – wie beim Ex Libris von Eduard Rüfenacht von 1903, gemalt vom berühmten Berner Plakatmaler Emil Cardinaux –, dann fand eine solche Zeichnung natürlich Gefallen.

Nun hat Gastone Mingardi seine Sammlung dem Museo Nazionale della Montagna „Duca degli Abruzzi“ di Torino vermacht, wohin sie perfekt passt. Denn ein Spezialgebiet des Alpinmuseums von Turin sind alpine Erscheinungen auf Druckzeugnissen: Plakate, Titelbilder von Zeitschriften, Reklamemarken, Albums, Prospekte, Kofferkleber, Fruchtpapiere, Etiketten, Verpackungen, Speisekarten, Kalenderblätter, Aktien, Banknoten, Kreditkarten etc. Und eben Ex Libris. Dazu gibt es jetzt eine Ausstellung und einen Katalog aus der Reihe „Raccolte di documentazione del Museo Nazionale della Montagna“. Das Buch umfasst 264 Seiten und 546 Ex Libris von 1593 bis heute (sie werden hinten genau beschrieben), enthält schlaue Texte auf Italienisch und Englisch, ein Künstlerverzeichnis und eine Bibliographie.

Beim Anschauen wird wieder einmal offenbar, wie ungemein vielfältig Alpines dargestellt wird, gerade auch auf diesen kleinen Abbildungen, für die der Künstler offenbar noch mehr Freiheiten geniessen konnte als sonst. Welcher Gipfel, wenn ein erkennbarer gewählt wurde, am meisten zu sehen ist, dürfte klar sein: das Matterhorn. Erstaunlich allerdings, dass das Bucheignerzeichen von Antonio Carrel, bekannter Bergführer von Breuil-Cervinia, nicht die italienische Seite zeigt, sondern diejenige von Zermatt. Passender dasjenige von Emilio Comici: die Nordwand der Grossen Zinne, die er 1933 erstmals durchstieg. Besonders gelungen, und deshalb auch als Sujet für Buchumschlag und Ausstellungsplakat gewählt: Hans Dotzler sitzend auf einem Berg von Büchern. Und was steht auf dem ersten Ex Libris von Reinhold Messner von 1979? „Più in alto, più in libero.“

Ex Libris delle Montagne. Incisori di vette. A cura di Aldo Audisio e Laura Gallo. Raccolte di documentazione del Museo Nazionale della Montagna. Priuli & Verlucca, Ivrea 2016, Euro 37.50

Ex Libris delle Montagne. Incisori di vette. Ausstellung im Museo Nazionale della Montagna „Duca degli Abruzzi“ in Turin vom 1. Juli bis 27. November 2016. www.museomontagna.org

Am heissesten Tag des Julis

An einem sehr warmen Sommertag früh nachmittags einen endlos erscheinenden Südhang aufzusteigen, zeugt nicht von alpinistischem Spürsinn für die Routenwahl. Lässt man sich ablenken, kann es einem doch passieren, und dass es auch dann den Betroffenen kein Schaden ist, davon soll hier berichtet werden.

23. Juli 2016

Tersol_AnstiegAm heissesten Tag des Julis, früh morgens, fuhren vier Geologen, die auch schon alpinistisch tätig waren, mit dem ersten Postauto nach Vättis, tief drinnen im Bauch der Alpen. Von dort wollten sie hinaus und weit hinauf bis auf den Pizol.

Durch die Schatten der Wälder in der Taltiefe des Gebirges gelangten sie zum Gigerwald wo der Pfad nach Norden in die Schluchten abzweigt. Überall und rund herum waren nun Felswände und Steine, bunt, gefaltet und übereinander geschoben. Die Geologen vergassen darüber das Alpinistische und diskutierten. Oder philosophierten sie? Jedenfalls redeten sie in einem fort, kaum dass dazwischen, wie zufällig, ein Schritt in die Höhe fiel. Das ging so lange bis die Sonne und mit ihr die Hitze auf einmal um die Ecke kam und selbst in der tiefen Schlucht den letzten Schatten tilgte. Als die Vier kurz darauf an den Beginn des langen Hochtales Tersol kamen, war es bereits Mittag und sie hielten Rast. Ganz hinten, hinter ansteigenden Schuttwüsten zeigte sich das Gipfelziel, noch in weiter Ferne.

Nach der Mittagspause folgte kein Schläfchen im Schatten, sondern es folgten tausend Höhenmeter. Jeder stieg sie für sich allein, in seinem Tempo und in schweissgebadete Meditation versunken, kaum ein Wort fiel mehr. Keiner war mehr Geologe, denn die Steine unter jedem Schritt waren allen gleichgültig geworden, waren nichts als vor den Schuhspitzen auftauchende, endlos ansteigende Milliardenschaften. Höher oben ging es über Schnee, durch einen Hohlspiegel, dessen Brennpunkt man nicht entrinnt und in dem es vollständig still ist. Windstill, lautstill, schattenstill. Erst Stunden später erwachten sie wieder aus dieser Meditation. Im leichten Lüftchen, das am Gipfel wehte, trocknete der Schweiss und es kehrten die Worte nach und nach zurück. Vom Panorama aufgemuntert, erzählten sich die Vier nun von den durchstiegenen Routen und bestiegenen oder noch zu besteigenden Gipfeln im weiten Rund. Dann wurde den späten, aus dem Bauch des Gebirges herauf wiedergeborenen Alpinisten bewusst, wie weit sie noch hinab mussten.

Pizol_AussichtIm Firn der den Gletscherrest auf der Nordseite bedeckte, waren zahllose Spuren zu sehen, die von jenen zeugten, welche bereits den ganzen Tag über Alpinisten gewesen, und die um diese Zeit aus der Höhe längst verschwunden waren. Unter ihnen muss es laut gewesen sein, ein Grüssen alle fünf Minuten, ein Jahrmarkt der Bergsteigerei, der sich vor kurzem erst verlaufen hatte. Auch die Nachzügler erreichten irgendwann noch, über Firn gleitend, über Blöcke springend, durch Pfadkurven rennend die Taltiefen wieder in denen der Tag selbst in der frühen Nacht noch glühte.

 

Ach du, meine Heimat!

Was zeigt man einer Ukrainerin von der Schweiz? Sind es die Glarner Tüechli? Die Bergseen? Die SBB-Billetautomaten? Oder etwas ganz anderes? Ein Versuch.

© Annette Frommherz
Spilauersee mit Katja 07 2016 (23)

21. Juli 2016

Katja ist vor zwei Monaten in die Schweiz gekommen. Nicht als Flüchtling, nein, sie ist aus der Ukraine gekommen, weil sie in ihrem Veterinär-Medizinstudium ein Praktikum in einem landwirtschaftlichen Betrieb absolvieren soll. Eigentlich hätte sie sich für einen Betrieb mit Tieren interessiert, doch nun muss sie sich mit dem alten Kater und mit den Beeren und Kirschen im Betrieb meines Liebsten zufrieden geben. Katja stemmt gerne ihre Hände in die Seiten. Neben den paar wenigen Brocken Hochdeutsch fällt vor allem ihr befreiendes Lachen auf und ihre Selbstsicherheit. Bald will sie alles wissen: Wie sie nach Zürich kommt, wo man Rucksäcke kaufen kann, was die Schweizer am liebsten essen. Wir verständigen uns mit Gesten, Geräuschen, Händen und Füssen – es ist ein herrliches Zuschauen.

Wir wissen wenig über ihre Heimat. Wissen wir mehr über unsere? Eines Sonntags fahren wir mit Katja Richtung Riemenstalden, um mit der Chäppeli-Luftseilbahn an Höhe zu gewinnen. Die nostalgisch anmutende Bahn scheint uns die richtige, um Katja etwas Abenteuer zu vermitteln. Sie fotografiert auf dem Weg dahin alles, was sie vor Augen bekommt. Klick. Eine Mutter mit ihrem kleinen Kind. Was ist daran so interessant? Klick. Der spiegelglatte Lauerzersee. Klick. Die Galerie der Axenstrasse. Klick. Ein Ameisenhaufen. Klick. Das Hinweisschild beim Parkplatz. Mit einem Male sehe ich die Schweiz, unsere Heimat, mit anderen Augen.
Wie muss es für eine junge Frau sein, in ein Land zu kommen, in dem eine fremde Sprache gesprochen wird und die Leute so anders sind als zu Hause? Mit welchen Erwartungen ist sie hierhergekommen? Katja ist – wie wir inzwischen wissen – auf dem Lande aufgewachsen. In ihrem kleinen Dorf lebt man von Selbstversorgung und dem Handel von Produkten. Die Pferde werden nicht geritten, sondern zum Ackerpflügen eingesetzt. Das Bild von Katjas Mutter und ihren Schwestern zeigt rotbackige, stämmige Frauen, die anpacken können. Ich könnte schwören, dass sie an den Händen Hornhaut haben.

Wie ist die Schweiz? Was macht sie zu meiner Heimat? Wir zeigen Katja den Spilauersee, wie er im Wasser die Hänge spiegelt. Spilauersee mit Katja 07 2016 (2)Wir richten ihren Blick auf die Berge und hinunter in die Ebene; die Aussicht ist auf alle Seiten atemberaubend. Klick. Es ist die heile Welt, die wir ihr zeigen – in einer Welt, in der es Mode geworden ist, sich in die Luft zu sprengen und Unschuldige mitzureissen. Ich atme tief durch. Hier oben ist die Luft rein. Vielleicht wähnen wir uns auch einfach in falscher Sicherheit. Nichtsahnend liegen die grünen Matten, arglos wiegen sich die Blumen in der Alpwiese, makellos zeigt sich der Bergsee.
Ein bisschen berührt es mich schon, als wir mit Katja bei der Lidernenhütte ankommen und die Schweizerfahne sanft im Winde weht. Ist das der Heimatstolz? Klick. Katja hat die Speisekarte fotografiert und zeigt auf das Knoblauchbrot. Sie weiss, was sie will. Klick. Und weg wird sie sein. Schon in zwei Wochen. Wir werden sie vermissen.

Mit freundlicher Genehmigung von Katja, für Bild und Text.

Die Fast-Viertausender

Wenn die Briten nach dem Brexit die Höhe der Berge wieder in Fuss messen, werden sie auch die Alpingeschichte umschreiben müssen: die magischen Metergrenzen werden wegfallen. So mancher Viertausendersammler wird alt aussehen. Das besprochene Buch könnte dazu anregen, sich von der Fixierung auf Meterhöhen zu verabschieden und die Berge mit andern Augen zu betrachten.

Cover 3900 delle Alpi„Il Bietschhorn è una montagna snob: prima di tutto perché, come tutti i tremilanove, snobba i quattromila limitandosi a sfiorarli, ma lui superandoli per slancio e bellezza, poi perché si è fatto conquistare da Leslie Stephen per cui le Alpi altro non erano che ‘il terreno di gioco dell’Europa’.“

Pointiert formuliert vom italienischen Bergführer und Schriftsteller Alberto Paleari im Buch über die Fast-Viertausender der Alpen. Über die Gipfel also, die wie das Bietschhorn die magische Grenze von 4000 Meter verpassen, rein rechnerisch. Dafür einige der Viertausender übertreffen dank ihrer Gestalt und Schönheit. Und wenn, wie beim König des Lötschentals, noch der berühmte Erstbesteiger Leslie Stephen eine Hauptrolle spielte, dann gehören solche „3900 delle Alpi“ eben zu den ganz besonderen Gipfeln der Alpen.

Einer von ihnen ist zweifelsohne das Fletschhorn: Bis 1952 gehörte es noch zum noblen Kreis der Viertausender der Alpen, mit 4001 m allerdings nur knapp. Heute ist der mächtige Gipfel zwischen Simplon und Saastal nicht einmal mehr die Nummer 1 der schweizerischen Fast-Viertausender. Der Piz Zupò im Bernina-Massiv überragt ihn um elf Meter. Dabei musste dieser Gipfel auf dem Grenzkamm zu Italien das gleiche Schicksal erleiden wie sein Konkurrent in den Walliser Alpen: Als die Basis der schweizerischen Höhenmessung, der Pierre du Niton im Hafenbecken von Genf, neu vermessen und in der Folge tiefer gelegt wurde, verlor auch der Zupò die begehrte Vier an erster Stelle seiner Höhenangabe. Allerdings konnte der zwischen dem Piz Bernina, dem einzigen 4000er der Ostalpen, und der Bellavista (3922 m) versteckte Piz (“zupò” heisst auf Romanisch “versteckt”) seine Höhe seit der Degradierung bewahren. Ja, er wuchs von 1985 bis 1991 gar um 30 Zentimeter von 3995.7 auf 3996 m, wenigstens auf dem Blatt „Piz Bernina“ der Landeskarte der Schweiz im Massstab 1:25‘000. In dieser Zeitspanne wurden die Kommastellen bei den Triangulationspunkten vierter Ordnung, und der Piz Zupò ist so ein Punkt, ab- oder aufgerundet. Demgegenüber hat das Fletschhorn im Laufe der Jahre an Höhe eingebüsst, von 3998 bis auf 3985 Meter.

Es hätte für diesen stolzen Gipfel, der mit seiner fast 2000 Meter hohen Nordseite mehr Eindruck als mancher Viertausender macht, noch schlimmer kommen sollen. Der Gemeinderat von Saas Grund wollte nämlich Ende der 1980er Jahre das Fletschhorn künstlich zum 4000er erhöhen und damit die touristischen Einnahmen steigern. Denn für viele Berg-Besteiger zählen nur die Gipfel oberhalb der ominösen Grenze. Wer unter dem Strich liegt, wird oft weniger beachtet. Dabei stehen in den Reihen der höchsten Dreitausender ein paar herausragende Gipfel. Fletschhorn, Piz Zupò und Bietschhorn sind nur drei einer von ihnen.

Der neue Führer „I 3900 delle Alpi“ beschreibt 49 Fast-Viertausender, von der Grivola über den Pic Sans Nom im Écrins-Massiv, die Aiguille Sans Nom im Montblanc-Massiv, die Wellenkuppe und den Eiger bis zum Pizzo Palù und Ortler. In meinem Buch zum Piz Palü listete ich 52 Gipfel auf, beispielsweise noch den Westgipfel (3984 m) der Droites oder die Calotte de Rochefort (3974 m). Das Buch von Alberto Paleari, Erminio Ferrari und Marco Volken hat seinerseits den Südgipfel (3971 m) des Lagginhorns, die Pointe Pfann (3983 m) und die Dent Zsigmondy (3936 m) berücksichtigt. Zählt man alle aufgeführten Gipfel zusammen, sind es 55 3900er. Das sollte für mindestens einen Sommer reichen.

Hans Grossen, Wintererstbegeher des Südostgrats des Bietschhorns, schreibt in seinem Standardwerk zu den 100 schönsten Touren im Berner Oberland, die Lötschentaler hätten es „den schönen Augen einer Wirtstochter zu verdanken, der zuliebe es der mit der topographischen Vermessung beauftragte Ingenieur eingerichtet haben soll, daß der Berg ein Viertausender wurde. Der Wirt hatte seiner Tochter entsprechende Order gegeben, und Liebe kann bekanntlich Berge wachsen lassen…“. Einer späteren Nachmessung hätten die 4003 Meter jedoch nicht stand gehalten. Alberto Paleari nahm die Notiz aus Grossens Buch zum Anlass, die schöne Liebeshöhengeschichte des Bietschhorns literarisch zu verarbeiten. In seinem 2000 erschienenen Erzählband “Il viaggio del ‚Viaggio di Oreste P.‘” veröffentlicht er einen Briefwechsel zwischen der hübschen Lötschentalerin Rosa Ebner und ihrem Bruder, worin sie ihre Liebe zum attraktiven Ingenieurtopografen – er heisst bei Paleari Hauptmann Edmund Von Lüge – beichtet, und dabei zugleich die Wichtigkeit eines Viertausenders im Tal betont.

Alberto Paleari, Erminio Ferrari, Marco Volken: I 3900 delle Alpi. MonteRosa edizioni, Gignese 2016, Euro 29.50, www.monterosaedizioni.it

Chäswandern

Der Titel Chäswandern könnte irreführend sein, doch hier bezieht er sich nicht auf den Geruch von Wanderers Füssen, sondern auf die chüschtigen Produkte am Weg, der diesmal nicht das Ziel ist. Schön, dass die Schweiz nicht nur Emmenthaler zu bieten hat, sondern hunderte von andern Käsesorten mit und ohne Löchern. Die gibt’s dann vielleicht in den Wandersocken zu stopfen.

12. Juli 2016

Cover Chäswandern„Am Fusse des Monte Zucchero liegt die Alpe di Mügaia, eine von drei Käsealpen im Val Redòrta. Ein robustes Gebäude, eingebettet zwischen steilen Geröllflanken – unwirtlich und fantastisch gleichermassen. Die Alp ist sehr alt und wurde bereits in mittelalterlichen Dokumenten erwähnt. Im Gegensatz zu den meisten Tessiner Alpen ist Mügaia seit Mitte des 19. Jahrhunderts in privatem Besitz.
Seit 2004 wird die Alp von Ester und Christian Monaco bewirtschaftet. Mit neunzig Ziegen, fünfzehn Milchkühen und den drei Kindern Tiziano, Nicola und Simona ziehen sie jeden Sommer durch das wilde, kaum besiedelte Tal hinauf zur Alp. Im Tessin haben die Kinder im Sommer zweieinhalb Monate Schulferien. Diese Zeitspanne deckt beinahe den Alpsommer auf Mügaia ab.
Nur wenige verirren sich hierher. ‚Solche wilden Alpen gibt es nicht mehr viele. Die meisten Alpen ohne Zufahrt werden nicht mehr bestossen‘, sagt Ester.“

Grund genug, diese Alp in einem der hintersten Zipfel des Val Verzasca zu besuchen. Die Rundtour von Sonogno dauert rund fünf Stunden. Allzu viel Proviant müssen wir nicht mitnehmen, Wasser hat es genug in der Val Redòrta, und die Formagella mista kann man auf der Alpe di Mügaia kaufen. Die Alp ist einer von 31 Produktionsstandorten, die Tina Balmer mit chüschtigen Texten und Giorgio Hösli mit ebensolchen Fotos im Bildband „Chäswandern. Auf attraktiven Wanderungen zu Käsereien in der Schweiz“ vorstellen.

Käse ist eine typisch helvetische Speise, wie Schokolade ebenfalls. Aber so wie es nicht nur Toblerone gibt, wird hierzulande auch nicht nur Emmentaler, Gruyère und Raclettekäse hergestellt. Mais non! Gerade in der Nordostschweiz, wo die meisten der in „Chäswandern“ vorgestellten Käsereien liegen, werden Köstlichkeiten aus Kuh-, Geiss- und Schafmilch kreiert. Da läuft einem nur schon beim Lesen und Anschauen das Wasser im Mund zusammen. Zum Glück für die Gehfaulen unter uns kann der oben in den Bergen und Hügeln gemachte Käse oft auch in der Stadt unten gekauft werden. So derjenige der Alpe di Mügaia im Marktladen „Berg und Tal“ im Viadukt 50 in Zürich – wenn vorrätig.

Cover AlpeggiGesünder und schweisstreibender ist natürlich der Kauf vor Ort. Nicht immer aber ist dies möglich. Gerade im Val Redòrta nicht. Dort wird ja noch auf zwei weiteren Alpen gekäst, auf Redòrta selber und auf Cagnòi. Bei beiden heisst es: „All’alpe non è possibile acquisitare prodotti.“ Solch wichtige Infos stehen im dicken, querformatigen Buch „Alpeggi del Ticino e del Moesano“ von Renato Bontognali mit Fotos von Ely Riva und Fabrizio Biaggi. Es dient vor allem als Nachschlagwerk über alle heute noch bestossenen 106 Käsealpen des Tessins und der beiden angrenzenden Bündner Südtäler, wobei der Hauptzugang und weitere Zugänge und Wanderwege beschrieben sind. Eine Tabelle listet auf, wem die Alp gehört, wann sie bewohnt ist, welcher Käse hergestellt wird (und wo, denn zuweilen wird die Milch auch ins Tal gebracht), ob er vor Ort zu kaufen ist. Ein Tessinbuch der etwas anderen Art, und gerade deshalb so würzig wie ein Stück Grossalp DOP.

Tina Balmer, Giorgio Hösli: Chäswandern. Auf attraktiven Wanderungen zu Käsereien in der Schweiz. AT Verlag, Aarau 2015, Fr. 49.90.

Renato Bontognali, Ely Riva e Fabrizio Biaggi: Alpeggi del Ticino e del Moesano. Salvioni Edizioni, Bellinzona 2015, Fr. 50.-

Bergkrimis

Man weiss: die Alpen als Erholungsraum sind überlastet. Wohl deshalb empfiehlt unser Rezensent ans Meer zu fahren – mit Bergkrimis im Gepäck. Nach diesen zehn Büchern wird wohl kein Leser, keine Leserin mehr einen Schritt ins Gebirge wagen. Gegen die Alpen, in denen es von Mördern und Terroristen wimmelt, ist Bagdad die reinste Oase des Friedens.

4. Juli 2016

„Lass uns ans Meer fahren!“
„Das ist eine gute Idee“, meinte Nadine.
Er lehnte sich zu ihr, küsste sie ganz sanft auf den Mund und strich ihr über die Wange.
„Keine Berge?“, flüsterte sie.
„Nein“, antwortete er lächelnd und schüttelte den Kopf.
„Und wann fahren wir los?“
„Jetzt!“

L’année prochaine, j’irai à la mer. Sagen die Franzosen, wenn die Bergferien wieder mal ins Wasser gefallen sind, während am südlichen Himmel die Sonne geschienen hat. Aber warum denn erst im nächsten Jahr und nicht schon jetzt? Mais bien-sûr! Andiamo! Und was nehmen wir mit an den Strand? Bergkrimis, was denn sonst. Wie in jedem Sommer. Zehn neue Krimis liegen bereit für die Reise. Wo starten wir? Natürlich dort, wo Berge und Meer eine Einheit bilden. Lofoten, wir kommen.

Cover Krimi 16, 1 Brandung„Die Felsblöcke, die die Rinne in den Hang gepflügt hatten, mussten groβ, riesengroβ gewesen sein, und hatten sich mindestens ein paar Meter in den Hügel hineingefressen“, lesen wir in „Tödliche Brandung“ von Frode Granhus. Die Berge kommen also auch im hohen Norden runter. „Aber auf ihrem Weg nach unten hatten sie ein grausames Verbrechen ans Licht gebracht, als wäre es schon bei der Beerdigung vorherbestimmt gewesen, dass alles einmal ans Licht kommen würde. Die Berge waren Zeugen.“ Genau, das ist so bei Bergkrimis. Nur sind sie stumm. Das heisst: Die Menschen müssen die Berge zum Sprechen bringen, wenigstens die Spuren an ihnen. Auch andere Spuren müssen verfolgt werden, damit das Verbrechen ans Licht kommt. Und damit wir Leser den alpin umrandeten Krimi zufrieden neben das Strandtuch legen können. Doch da liegt schon der nächste.

Cover Krimi 16, 2 Vermisst„Moni mochte alle Berge, egal ob groβ oder klein, Hauptsache, der Fels war gut und die Absicherung ordentlich. Ihr gefielen die Tannheimer sehr; sie würde nächstes Jahr wiederkommen, um die berühmte Verschneidung an der Roten Flüh zu klettern.“ Hoffentlich! Denn sie ist die neue Serienheldin von Irmgard Braun; die kletternde Krimischreiberin (oder umgekehrt) hat bereits zwei lesenswerte Werke verfasst (vorgestellt auf www.bergliteratur.ch <http://www.bergliteratur.ch> im Juli 2014 und 2015). Nun also Grossmutter Monika Trautners erster Fall in den Tannheimer und Ammergauer Alpen: „Vermisst“, so der Titel, wird eine Freundin ihres Enkels, nach einem Kletterkurs. Gemeinsam machen sich Moni und Liam auf die Suche – und geraten natürlich selbst in tödliche Gefahr. Das hat es so in sich bei den Krimis, nicht nur bei denjenigen aus den Bergen. Ob das Ermittler-Duo die entführte Susi überhaupt findet? Die Lösung erfahren wir im 33. Kapitel. Dann wäre es vielleicht Zeit für ein Bad. Aber:

Cover Krimi 16, 3 Gletscher„Auβerdem war hier weit und breit kein Meer in Sicht. Nur Berge und Täler und Berge und Täler.
‚Wozu sind diese Berge da?‘, hatte der Ispettore Grauner schon an einem seiner ersten Arbeitstage gefragt.
‚Die sind dazu da, um hochzugehen‘, hatte der Commissario geantwortet.
‚Wozu hochgehen?“
‚Damit man runterschauen kann.‘
‚Da kann ich ja gleich unten bleiben.‘“
Dort wäre er am liebsten auch geblieben, der Ispettore Saltapeppe, in Neapel unten. Doch Autor Lenz Koppelstätter versetzte ihn nach Bozen im Südtirol. Nun muss er zusammen mit Commissario Grauner den Mörder eines Einsiedlers hoch oben im verschneiten Schnalstal jagen. „Der Tote am Gletscher“ wurde vom Skipisten-Toni entdeckt. Eine eisige Lektüre. Etwas Wärmeres gefällig?

Cover Krimi 16, 4 Jagdgeflüster„Die Berghänge schwangen sich lieblich in die Höhe, grüne Wiesen gingen in Tannenwälder über. Darüber thronte felsig der Piz Staila. Wie meistens war er auch heute mit ein paar Wolken umhüllt, was ihm etwas Majestätisches und Geheimnisvolles verlieh.“ Piz Staila? Noch nie gehört. Oder sticht die Sonne zu fest, so dass ich mich nicht erinnere? Nein. Es gibt ihn wirklich nicht, jedenfalls nicht unter map.geo.admin.ch. Aber wir erkennen in „Jagdgeflüster“ von Sabina Altermatt die Gegend trotzdem, wo dieser Piz stehen könnte: im Unterengadin. Dort findet die Försterin Rea die ausgeweidete Leiche des Gemeindepräsidenten – die grünen Berghänge sind offenbar doch nicht so lieblich. Ob Rea, die von der Unschuld des verdächtigen Forstwartes Mario überzeugt ist, den Fall aufklären kann? Den Piz Staila kümmert‘s nicht, schon eher die Krimileser auf dem Camping Staila in Tschierv im Val Müstair. Und sie greifen flüsternd zum nächsten Band.

Cover Krimi 16, 5 Schneekristalle„Hias hielt seinen zwei Begleitern die Tür zur Gaststube auf, über der in roten Lettern die Aufschrift ‚Hemingway-Stube‘ zu lesen war. Leise Musik erfüllte den Raum.“ Die erste Stelle, die ich mir in Eric Barnerts „Schneekristalle. Martin Keller und die Schatten der Silvretta“ anstrich. Die letzte habt Ihr schon gelesen: das Einstiegszitat zu diesen „Krimis der Woche“. Sehr aufmerksame Leser könnten sich erinnern: Barnet und Keller sind wir schon begegnet, in „Kreuzkogel“. Damals eine Verfolgungsjagd in der Vertikalen. Diesmal mehr in der Schrägen. Denn es geht um Skitourentätigkeiten in der Silvretta, um solche mit unverfänglichen Absichten – und um andere. Die Vergangenheit spielt mit, und mir ihr kommt Unrühmliches ans Licht. Beispielsweise vom Verherrlicher der Silvretta, vom Alpinschriftsteller Walther Flaig, einem üblen Nazi, von dem hier auch schon die Rede war. Schatten eben. Uns schaudert’s. Weg mit dem Sonnenschirm.

Cover Krimi 16, 6 Doppelgott„Nichts hält Lydia mehr im Bett, als die ersten Sonnenstrahlen ihre Bettdecke erreichen. Ein Blick aus dem geöffneten Fenster zeigt ihr: ein wunderschöner Sommertag, wolkenloser Himmel, bereits am Morgen sommerliche Temperaturen, trocken.“ Ab an der Strand, bei diesem Wetter. Denn die Wolken kommen bestimmt, in den Bergen, und wenig später die Gewitter. Also nass. Und sowieso: Im Alpstein, wo „Doppelgott“ von Walter Burk spielt, lebt und wandert es sich gefährlich. Doppelte Spiele, mindestens doppelte Erzählebenen, bei nicht immer ganz klarem Fenster. Aber wie die liebe Monika den bösen Fabian beim Gipfelkreuz der Marwees mit dem Rucksack in den Abgrund weht, ist schon stark. Allerdings erst auf Seite 234.

Cover Krimi 16, 7 Sherlock„Er musste sich an die Fakten halten, musste herausfinden, was es mit den sichergestellten Papierfetzen auf sich hatte. Wenn sie nicht aus Conan Doyles Kanon kamen, und dessen war Rickli so gut wie sicher, mussten sie aus irgendeinem Pastiche stammen. Davon gab es Hunderte.“ Tja, so ist das halt bei der Verbrecherjagd, in den Bergen so gut wie am Meer: Es gibt viel zu tun, für den Ermittler, für den Verbrecher manchmal auch (noch). Insbesondere dann, wenn sozusagen beide auf den Spuren von Sherlock Holmes wandeln. Da müssen mehr Buchseiten umgeschlagen werden als wir lesen mögen. In „Sherlocks Geist“ lässt Wolfgang Kemmer den Meisterdetektiven in Meiringen wieder aufleben, genau dort, wo er nach seinem angeblich finalem Sturz in die Reichenbachfälle am 4. Mai 1891 ins Leben zurückkletterte. Nachzulesen in Arthur Conan Doyles Erzählung „The Empty House“ (Das leere Haus) von 1903, einer der ersten alpinen Krimigeschichten.

Cover Krimi 16, 8 Gefrierpunkt„‚Bist du jetzt Sherlock Holmes, oder was? Leck mich, Casella. Geh möglichst weit weg, da, zur Schneeraupe rüber, damit du hier keinen Schaden anrichtest.“ Mit klaren Worten schickt Commissario Rocco Schiavone seinen trotteligen Mitarbeiter weg vom Tatort. Ein zermalmter Körper unter einer Schneeraupe, in Champoluc hoch oben in einem Seitental der Valle d’Aosta. Ein doppeltes Unglück für den Römer Rocco: Erstens und überhaupt das Aostatal mit all seinen viel zu hohen Gipfeln, und zweitens der Schnee im Skigebiet von Champoluc – eine Zumutung, porca vacca! Für uns Leser aber ein Glück, mamma mia! Ein stimmiger, dichter, aktueller (Italien-)Krimi, mit überzeugenden Figuren, einer unter die Haut gehenden Hauptgeschichte und amüsanten bis himmeltraurigen Nebenschauplätzen. Nur der deutsche Titel ist viel zu pompös: „Der Gefrierpunkt des Blutes.“ Antonio Manzini, Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor, nannte sein erstes Werk um Schiavone schlicht „Pista nera“. Die Übersetzungen ins Spanische, Französische, Englische halten sich daran. Auf Deutsch gibt es Band zwei, „La costola di Adamo“; Band drei, „Non è stagione“, erscheint am 17. Februar 2017.

Cover Krimi 16, 9 Transalp„Es war Mitte Juli, und es wurde nun merklich früher dunkel als im Juni. Der Markusplatz lag von den Touristenscharen verlassen. Alle Tagesgäste waren fort, und die, die über Nacht blieben, verloren sich fast auf dem riesigen Platz. Selbst de Tauben schienen schläfrig.“ Venedig als Schauplatz eines Bergkrimis? Schläft denn der Rezensent? Oder ist er müde vom transalpinen Lese-Trekking München-Venedig, mit dem Krimiautor Marc Ritter und dem Rätselverfasser CUS als Wanderleiter? „Transalp“ ist eine Rätsel- und Verfolgungsjagd auf diesem bekannten Weitwanderweg; im Zentrum steht ein ungleiches Ermittlerpaar, Alt- und Neonazis mischeln mit. Akteure und Leser müssen bzw. dürfen etappenweise Rätsel lösen. An der nördlichen Adria, an der der Alpenbogen knapp vorbeizieht, ist die Jagd zu Ende. Und unser gebirgig gefasster Strandaufenthalt auch schon fast.

Cover Krimi 16, 10 Schwindelfrei„Die Alpen bilden den gröβten Steinhaufen, den Europa zu bieten hat, aber sie beginnen zaghaft, als meerumspülte Alpes Maritimes an der Côte d’Azur. Dort schneckeln und rollen sie sich ein, zieren sich praktisch noch ein bisschen, so, als ob sie sich nicht recht trennen könnten von den croissantduftenden Straβencafés.“ Zum Reinbeissen, was da über die Alpen geschrieben steht, nicht wahr? Zum Weiterlesen ebenfalls. Die Beschreibung der Alpen findet sich im dritten Kapitel auf Seite 23; insgesamt hat das Buch 61 Kapitel, dazu noch Prolog und Epiloge. Es ist Jörg Maurers jüngster Streich mit Kult-Kommissar Hubertus Jennerwein. Alles Weitere zu den besten Alpenkrimis auf www.bergliteratur.ch <http://www.bergliteratur.ch> , zum ersten Mal am 30. April 2010. Und hier noch der Titel des achten Falles: „Schwindelfrei ist nur der Tod.“ Schön, dass wir am flachen Strand liegen und lesen. Sonnige Ferien!

Sabina Albermatt: Jagdgeflüster. Piper Verlag 2015, Fr. 13.90.
Eric Barnert: Schneekristalle. Martin Keller und die Schatten der Silvretta. Rother Verlag 2016, Fr. 16.90.
Irmgard Braun: Vermisst. Monika Trautners 1. Fall. Rother Verlag 2016, Fr. 17.90.
Walter Burk: Doppelgott. Gmeiner Verlag 2016, Fr. 16.90.
Frode Granhus: Tödliche Brandung. btb Verlag 2015, Fr. 14.90.
Wolfgang Kemmer: Sherlocks Geist. Gmeiner Verlag 2015, Fr. 16.90.
Lenz Koppelstätter: Der Tote am Gletscher. Ein Fall für Commissario Grauner. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2015, Fr. 13.90.
Antonio Manzini: Der Gefrierpunkt des Blutes. Rowohlt Taschenbuch Verlag 2015, Fr. 13.90.
Jörg Maurer: Schwindelfrei ist nur der Tod. Fischer Verlag 2016, Fr. 18.90.
Marc Ritter &CUS: Transalp. Knaur Verlag 2015, Fr. 13.90.

111 Gründe, klettern zu gehen

Der Dichter und wilde Bergsteiger Ludwig Hohl liess nur einen Grund gelten, klettern zu gehen: Um dem Gefängnis zu entrinnen. Malte Roeper erweitert das Repertoire des letztlich unerklärbaren Kletterdrangs um 111 Gründe – sicher nicht alle so tierisch ernst gemeint wie jener unseres alpinen Säulenheiligen.

29. Juni 2016

Cover 111 Gründe„Im Moment ‚muss‘ ich in diesem Schönwetterloch in die Berge.“

Das schrieb mir am Dienstag, 28. Juni 16, um 6.52 Uhr Urs Schallberger, Präsident der SAC-Sektion Uto von 1994 bis 2001, in einem Mail – wie viele von uns hätten es ihm gerne gleich getan? Viele, nein: wohl alle. Ein schöner Sommertag ist ein sehr guter Grund, um in die Berge zu gehen. Es gibt noch andere.

Genau 111 Gründe zählt der deutsche Schriftsteller, Bergbuchautor und Extrembergsteiger Malte Roeper in seiner jüngsten Publikation auf. 111 Gründe, klettern zu gehen. Aber nicht nur klettern, im Fels und Eis, sondern auch bergsteigen und skitourengehen, ja gar slacklinen und brückenspringen. Bouldern sowieso. In zehn Seillängen teilt er die Argument-Route auf.

1. Das drollige Dutzend. Die zwölf schönsten Motive für nutzloses Tun. Zum Beispiel: „Weil es männlich ist.“ Klar – auch „weil es weiblich ist.“
2. Es gibt viel zu tun! Betätigungsformen des Homo verticalis. „Weil es Nordwände gibt.“
3. Fels ist nicht gleich Fels. Die verschiedenen Gesteine. „Weil es Bruch gibt.“
4. Wir ziehen auf Abenteuer, Teil 1. Magische Orte. „Weil es Berghütten gibt.“
5. Wir ziehen auf Abenteuer, Teil 2. Legendäre Wände und Routen. „Weil es das Matterhorn gibt“ – gibt es denn ein Bergbuch ohne den Berg der Berge?
6. Alpine Kultur. Bücher und Filme. „Weil es Reinhard Karl gab.“ Und wo ist Reinhold?
7. Organisierte Zusammenrottungen des Homo verticalis. Vereine und so. „Weil es die ‚Liebesnadler‘ gibt.“
8. All das schöne Spielzeug. Was wir brauchen, um hoch zu kommen. „Weil es Rucksäcke gibt“ – irgendwo müssen wir das ganze Zeugs ja verstauen, wenn wir die Schönwetterfenster ausnützen. Für die Regenwände braucht’s noch mehr Material.
9. Eine Heerschar cooler Charaktere. Unsere Idole. „Weil es Chongo Chuck gibt“ – was ist das nun schon für ein Kerl?
10. Höhen und Untiefen. Philosophisches zum Thema Klettern. „Weil der wahre Gipfel immer die Kneipe ist“ – Grund 110. Den letzten Grund lassen wir mal aussen vor – passiert halt immer wieder. Denn, wie es bei Grund 6 heisst: „Das einzige Gesetzt, das wirklich gilt – ist das der Schwerkraft.“

Ein Prost auf Malte! Weil er unterhaltsam schreiben kann. Nicht immer objektiv, aber das muss er ja nicht. Nicht wirklich alle Gründe aufzählend, aber das ginge sowieso nicht. Schöne und weniger schöne Geschichten aus der grossen und kleinen Geschichte der Bergsteigerei erzählt er, mit Schwerpunkt auf seiner Zeit. Vielleicht liegen ein paar „Weil“ auch etwas neben der Route. Doch beim übernächsten Grund bringt uns Malte ganz sicher zurück auf seinen richtigen Weg. Nur am Eiger griff er meterweit daneben. Denn auf den freistehenden Pilz am Rande der Nordwand führt die Route Magic Mushroom, nicht Deep Blue Sea. Ob er in Gedanken bereits am nächsten Buch kletterte? 112 Gründe, ans Meer zu fahren. Wie sagen die Franzosen doch? L’année prochaine, j’irai à la mer.

Malte Roeper: 111 Gründe, klettern zu gehen. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2016, Fr. 13.50

 

Le Salève

Frankenstein, Schweizer von Geburt, war auch ein wilder Bergsteiger, muss man annehmen, da der moderne Prometheus in einer Gewitternacht den Salève erklettert, den traditionellen Trainingsberg der Genfer Kletterelite. Zum «neuen Menschen» wurde auch ein Vorgänger namens Francisco (sic!) auf einer nächtlichen Salèvetour.

20. Juni 2016

Cover Frankenstein„Das waren die letzten Augenblicke meines Lebens, in denen ich ein Gefühl von Glück erlebte. Wir fuhren schnell dahin; die Sonne war heiβ, aber wir schützten uns vor ihren Strahlen durch eine Art Baldachin, während wir die schöne Szenerie genossen – manchmal auf der einen Seite des Sees, wo wir den Mont Salève, die lieblichen Ufer von Montalègre und in der Ferne, alles überragend, den schönen Montblanc und die Spitzen all der schneebedeckten Berge sahen, die vergebens versuchten, es ihm gleichzutun –.“

Als vor ziemlich genau 200 Jahren – der 16. Juni wird allgemein als Beginn angenommen – eine Autorin den Roman erfand, aus dem die obigen Zeilen stammen (im 22. von 24 Kapiteln), hätte man den Baldachin gut gebrauchen können. Aber nicht als Schutz vor Sonnenstrahlen, sondern vor Regenschauern. Der Sommer 1816 ging als einer der nassesten in die Geschichte ein. Und ist indirekt für ein bekanntes Werk der Weltliteratur verantwortlich: „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“. Mary Shelley begann den Roman zu schreiben, als sie sich mit ihrem Ehemann, dem Poeten Percy Bysshe Shelley, in Genf aufhielt, wo sie den skandalträchtigen Dichter Lord Byron trafen. Dieser mietete die Villa Diodati in der Nähe der Stadt, und weil das Wetter eben so regnerisch war, erfanden die Vier – John William Polidori, Begleitarzt von Byron, war auch dabei – am Kamin Gespenstergeschichten. Diejenige von Mary ist Stoff für Theater und Filme geworden.

Einer der Orte, in denen Frankenstein sein Unwesen treibt, ist der Salève, der an der Stadtgrenze, aber schon in Frankreich liegende Hausberg von Genf.Ich wollte den Teufel zuerst verfolgen, aber es wäre umsonst gewesen, denn beim nächsten Blitz sah ich ihn zwischen den Felsen des nahezu senkrechten Aufstiegs zum Salève hängen, einem Berg, der das Plainpalais nach Süden abgrenzt. Bald darauf hatte er den Gipfel erreicht und verschwand.“ Wer nun die Geschichte des Salève näher kennenlernen möchte, seine berühmten Leute, die Zahnrad- und Seilbahnen, die Kletterer (von dort stammt das Wort „varapper“, was klettern heisst) und die Schlittler, sollte zum hübsch gemachten Buch von Dominique Ernst greifen: „Le Salève – des histoires et des hommes“.

Cover Le SalèveEiner dieser Menschen war Christian August Fischer, vielgereister Schriftsteller und Professor der Kulturgeschichte aus Leipzig. Er hielt sich ein Jahr lang in Genf auf, und es gefiel ihm dort so gut, dass er den poetischen Bericht „Ueber Genf und den Genfer-See“ verfasste, der 1796 in Berlin herauskam. „Zu jeder Tageszeit wird es Ihnen hier gefallen“, lässt er eine seiner Figuren erzählen, „aber Abends war es immer am schönsten. Auf dem entfernten Ende des Sees schwebte noch Licht und Glanz, indeß die Dämmerung schon aus der nähern Hälfte emporstieg. Allmählich schwand auch der glänzende Strich in düstere Schatten, aber hoch in den Lüften glühte noch jenseits des Ufers die majestätische Alpenwelt.“ In einer mondhellen, vom Gesang der Nachtigallen erfüllten Nacht machen sich Fischers Helden auf den Salève, und als sie oben sind, bricht der Tag an: „Da lag See und Fluß, Stadt und Flur, Gebirg und Thal; Genf im Mittelpunkte von Frankreich, Savoyen und der Schweiz; der See klein, wie ein Teich; Arve und Rhone, wie Bäche; eine lebendige Landkarte unter ihren Füßen; nur die Alpen groß und erhaben, Kette an Kette, und über allen der Montblanc.“ Und dann lässt Fischer seinen Francisco sagen: „Ich bin ein neuer Mensch!“ Also, was zögern wir noch – bei diesem verheissungsvollen Wetterbericht?

Dominique Ernst: Le Salève – des histoires et des hommes. Éditions Slatkine, Genève 2015, Fr. 28.-

Folgende Ausstellungen erfrischen uns im Sommer 2016:

„Frankenstein: Créé des ténèbres“ in der Fondation Martin Bodmer in Cologny bei Genève (bis zum 9. August) und

„1816-1820. Byron is back“ im Château de Chillon (bis zum 21. August).

Als Lektüre für die Reise: „Frankenstein“ von Mary Shelley. Mais bien-sûr!

Kurze Geschichte einer literarischen Bergfahrt

Bergsteiger wissen: hinter jedem Gipfel taucht ein neuer auf, ein noch höherer. Nach sechs literarischen Bergfahrten im Richisau und in Amden war das Bergfahrt-Festival in Bergün «einsame Spitze» – hoffentlich nicht die letzte.

Kurhaus Bergün – Leuchtturm des Bergfahrt-Festivals

Kurhaus Bergün – Leuchtturm des Bergfahrt-Festivals

Begonnen hat alles am «13th Festival of Mountaineering Literature» am Bretton Hall College der University of Leeds im Jahr 1999. Der Organisator Terry Gifford, «rock climbing poet», hatte mich eingeladen zu lesen – einen Text aus Graubünden: Cengalo, Cengalo. Zurück in der Schweiz erzählte ich allen, die sich für Berge und Literatur interessierten: «So etwas müssen wir auch haben! Eine Veranstaltunge für Alpine Literatur.» Das Interesse war mässig. Schön, ja aber niemand wollte das anpacken. Bis ich irgendwann mal fand: dann mache ich es halt selbst. Obwohl ich weiss: Organisieren liegt mir nicht. Ermutigt und unterstützt hat mich damals Nick Ryser, der inzwischen leider verstorben ist. Als Mitglied der Kulturkommission des SAC konnte er auch den Club motivieren, das Projekt zu unterstützen.

Anlass für die erste literarische Bergfahrt im Kulturhotel Richisau war der 100ste Geburtstag des Dichters und Bergsteigers Ludwig Hohl. Seine Erzählung «Bergfahrt» gab dem Anlass den Titel, die Schauspieler Gian Rupf und René Schnoz setzten das Stück genial in Szene – ein grosses Erlebnis, während draussen Dauerregen niederprasselte und der Glärnisch von Wolken verhangen war. Dabei waren unter andern Franz Hohler, der schon vom Namen her zu Hohl gehört, Helga Peskoller und Albert Vinzens mit philosophisch-literarischen Beiträgen zum Hohl-Thema «Warum steigen wir auf Berge?». Die Technik war noch einfach, der Saal für die über hundert Gäste eigentlich zu klein.

Für die folgenden fünf «Bergfahrten» fanden wir den schönen Saal in Amden, historich «andiamo monte», mit phantastischem Blick über Walensee und Linthebene zum Glärnisch, stets ohne Wolken. Das Wetter war immer schön, obwohl ich mir stets Regen wünschte um auch jüngere Alpinisten anzulocken, was schliesslich mässig gelang. «Ich komme gern, wenn das Wetter schlecht ist.» Auch die Ammler, wie sich die Einheimischen nenne, liessen sich nur spärlich blicken, trotz Unterstützung der Bergfahrt durch die Gemeinde und die lokale Bank, den Kanton St. Galle und die Stiftung Gartenflügel in Ziegelbrücke, dazu Migros Kulturprozent.

Nebst Lesungen, Diskussionen, musikalischen Beiträgen fand es stets auch eine dramatische Produktion statt:

Mit Gian Rupf und René Schnoz: «Meinetwegen zugrunde gehen» nach Hans Morgenthaler; «Frisch am Berg» nach Max Frisch; «Der Russ im Bergell» nach Christian Klucker mit Text von mir.

Gian Rupf und Hans Hassler: «Sez Ner» nach Arno Camenisch.

Gian Rupf und Mona Petri: «Der Weg zum Himmelsgebirge» nach Annemarie Schwarzenbach und Lorenz Saladin, Montage von mir.

Gian und René habe die Stücke weitergetragen, oft buchstäblich von Hütte zu Hütte wandernd aber auch auf Bühnen und in Beizen, unter dem Label bergtheater.ch.

Namhafte Referentinnen und Referenten konnten wir gewinnen, unter andern Robert Steiner, Andy Kirkpatrick, Ines Papert, Kurt Diemberger, Nicole Niquille, Silvia Metzeltin, Heidi Schelbert, Ruth Steinmann, Patricia Purtschert, Oswald Oelz, Franz Hohler, Karin Steinbach, Roland Heer, Christine Kopp, Leo Tuor, Fabio Pusterla, Daniel Anker, Mario Casella. Und stets waren auch Jungautorinnen und -autoren dabei, unter andern Caroline Fink, Sabina Altermatt, Felix Ortlieb, Annette Frommherz, Maya Albrecht.

Musikbeitäte von Domenic Janett, Hans Hassler, Manuel und Stephanie Lobmayer, Andreas Weissen und Franziska Baumann mit ihren «Gletschergesängen».

Die Technik ist immer komplizierter geworden, meine schlaflosen Nächte zahlreicher. Die Zeit war reif, das Projekt an jüngere Leute weiterzugeben, neu aufzustellen. Aus der «Bergfahrt» ist ein «Bergfahrt-Festival» geworden, aus «andiamo monte» Bergün. Vielleicht hat mein Bündner Cengalo-Text aus Leeds unbewusst oder über geheime Fasern den Weg aus Britannien nach Graubünden bewirkt.

Der letzte Tango am Bergfahrt-Festival

Der letzte Tango am Bergfahrt-Festival

Jedenfalls: ein Glücksfall, das erste Bergfahrt-Festival. Als mich am Sonntagnachmittag auf dem Bahnhof Bergün vor der Abfahrt jemand fragte: «Wie fühlst du dich nun?» Da sagte ich: «Ich bin glücklich!»

Glücklich, das die Idee weiterlebt, viel grösser, grossartiger, umfassender, vielfältiger, spannender als ich mir das je erträumt hätte. Drei Tage von einem Höhepunkt zum andern, wobei man stets die Qual der Wahl hatte zwischen Lesungen, Diskussionen, Konzerten, Filme, Gesprächen, Begegnungen, Kunstaktionen, Aussellungen, Gerstensuppe am langen Tisch, Kuchen im Kurhaus, Theater, Surprises und und und … Und alles eingebunden in das schöne Dorf Bergün und das historische Kurhaus in den Bergen, perfekt organisiert, literarisch, kulturell, politisch, philosophisch, musikalisch, persönlich.

Einfach phantastisch. Gelegentlich kamen mir auch Tränen, Tränen der Rührung, des Abschieds, des Glücks. Was will man mehr?

Unendlichen Dank den Initiant/-innen und Organisator/-innen Caroline Fink, Maya Albrecht, Gian Rupf, Lieni Roffler, Annina Giovanoli und allen weiteren Mitarbeitenden und Freiwilligen und Besucherinnen und Besuchern, Dank für alles.

Fotos © Marco Volken

Schwarz Weiss Schwarz

Grossartig, spannend, abenteuerlich, aktuell und historisch, alpinistisch und politisch. Eine Perle der alpinen Literatur der Schweiz – der Tessiner Autor und Bergführer Mario Casella ist dafür mit italienischen Literaturpreisen geehrt worden. – Ein Skandal, dass es Pro Helvetia abgelehnt hat, einen Beitrag an die Übersetzung zu leisten. Ein Dank an den Verlag, der es trotzdem herausgegeben hat.

15. Juni 2016

Cover Schwarz Weiss Schwarz„Wir erreichen den Westgipfel (5642 m), den höheren der beiden Gipfelkalotten des Elbrus, zehn Stunden, nachdem wir das Fass-Lager verlassen haben. Wir stehen alleine am Gipfel und genießen das unglaublich schöne Panorama. Der Vulkan liegt ein paar Kilometer abgetrennt von der Hauptkette des Kaukasus, und aufgrund seiner abgelegenen Position gegen die nordrussische Steppe hin hat man einen einzigartigen Blick auf die Berge zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer. Alexej umarmt mich und zeigt auf den Horizont im Westen: «Siehst du dort ganz hinten? Die schwarze Linie, die sich ein wenig im Dunst verliert? Das ist das Schwarze Meer, unser Ziel!»
Das erste Mal kann ich mit einem Blick die Länge unseres irrwitzigen Abenteuers abmessen. Das Ziel liegt noch weit in der Ferne, aber wenn ich mich umdrehe, sehe ich ebenfalls eine endlose Anzahl von Bergen. Die, die wir alle schon überquert haben.“

Tatsächlich: Was für ein verrücktes und gefährliches Abenteuer, das der Tessiner Journalist, Filmemacher und Bergführer Mario Casella und sein russischer Freund Alexej Shustrov im Frühjahr 2009 erlebten! Auf einer idealen Linie von Derbent am Kaspischen Meer (bekannt für seine Ölvorkommen, deshalb Schwarz) nach Sotschi am Schwarzen Meer hätte die Skidurchquerung des weissen Kaukasus eigentlich verlaufen soll. Allein bürokratische und meteorologische Hindernisse und Schwierigkeiten führten dazu, dass die beiden Unentwegten immer wieder nordwärts ausweichen mussten. Was sie dabei erlebten, schildert Casella auf sehr eindrückliche Art. Zwischen die Etappen setzt er geschickt Kapitel zur Geschichte und Gegenwart dieser wunderschön-wilden Konfliktzone. Eine historische und sportliche Recherche vom Rande und Dach Europas. Wer „Schwarz Weiss Schwarz“ gelesen hat, wird den Kaukasus mit andern Augen sehen, ohne dort gewesen zu sein. Nachmachen wäre heute ohnehin kaum noch möglich, denn der Kaukasus ist noch schwieriger zum Durchqueren geworden.

Fazit: Ein grossartiges, nachdenklich machendes Buch über eine Reise mit (und ohne) Ski durch das grosse Schwestergebirge der Alpen.

Mario Casella: Schwarz Weiss Schwarz. Eine abenteuerliche Reise durch das Gebirge und die Geschichte des Kaukasus. AS Verlag, Zürich 2016, Fr. 29.80. www.as-verlag.ch.

Am Bergfahrt Festival im bündnerischen Bergün vom kommenden verlängerten Wochenende zeigen Mario Casella und Fulvio Mariani ihren Skifilm „Inverno Afghano“ – eine Liebeserklärung an Berge, von denen wir ebenfalls kaum etwas wissen; Samstag, 17. Juni 2016, 16 Uhr. Das ganze hochkarätige, weitgefächerte und überraschende Programm dieser ersten Durchführung der Entdeckungsreise zur alpinen Kultur auf www.bergfahrt-festival.ch