Ski spirit

Vorfreude sei scheints die reinste Freude. Ungetrübt von all den Widerwärtigkeiten des realen Lebens, kann man träumen vom reinen Weiss unberührter Hänge – in Wirklichkeit sind sie ja schon längst verfahren oder von Schneeschuhläufern zertrampelt. Und was eignet sich zum Träumen besser, als ein schönes Buch mit spannenden Texten, interessanten Routenvorschlägen und atemberaubenden Fotos. Hier drei Vorschläge eines Passionierten.

5. Dezember 2016

cover-ski-spirit-1„Auf dem Weißen tiefer unten tauchte George hinab, kam hoch und tauchte außer Sicht. Das Runtersausen und das plötzliche Niederschießen, als er einen welligen Steilhang der Bergwand Schuß fuhr, schalteten Nicks Denken aus und ließen nur das herrliche Gefühl von Fliegen und Fallen in seinem Körper. Er tauchte auf einer kleinen Anhöhe wieder auf, und dann schien der Schnee unter ihm wegzufallen, als er abfuhr, hinab, hinab, schneller, schneller in einem Schwung den letzten, steilen Abhang hinab.“

Wer möchte da nicht mitfahren, mitfliegen, mitlesen? Mit Ernest Hemingway in seiner 1924 publizierten Short Story „Cross-Country Snow“ („Schnee überm Land“). Ein neues Buch macht’s möglich. Giorgio Daidola, Signore Telemark und Überflieger der italienischen Skiliteratur, hat sozusagen sein Lebenswerk veröffentlicht: „Ski spirit. Sciare oltre le piste“. Darin versammelt er – aktualisierte – Artikel, die er für verschiedene Zeitschriften wie „Dimensione Sci“, „Ski Alper“ oder „Telemarkmag“ seit 1985 verfasst hat. Sauber geordnet wie klar gezogene Spuren im frischen Schnee, von der Settimana bianca in Chamonix durch das Couloir Poco Loco in Marokko und vorbei an den Impressionisti della neve bis zu Cento anni die spedizioni mare-montagne. Mit dabei auf dieser geografischen, historischen und kulturellen Skireise: Hannes Schneider, Arnold Lunn, Conan Doyle und Ernest Hemingway, of course. In der Mitte des Buches ein paar farbige Impressionen all der Schwünge von Giorgio dort, wo die Erde die weisse Unterlage bereithält, in die sich Spuren ziehen lassen. Im Kapitel „Bora albanese“ findet sich dazu der passende Satz: „Uno sci viaggio fa sempre nascere il desiderio di un altro sci viaggio.“ Ma sì!

cover-ski-spirit-2Das gilt auch für den Bildbandführer von Jean Annequin und Michel Zalio: „À ski autour du monde. Les 24 plus beaux voyages.“ Ein atemberaubendes Werk! Nicht allein wegen der Gebiete und Gipfel rund um die Welt des Schnees, wo die beiden französischen Bergführer ihre Kunden hinführten, von verschneiten Bergen am Mittelmeer über diejenigen in Iran und Japan bis hinunter zu sturmumtosten Anhöhen in Südgeorgien. Auch die Leser kämen bzw. kommen dorthin, weil sie neben Kartenübersichten auch ziemlich detaillierte Infos zu den 24 mondialen Skitourenwochen erhalten. Was das Werk neben „Ski spirit“ von Diadola aber zum Traumbuch für skifahrende Weltenbummler macht, sind die zahlreichen, teils doppelseitigen Fotos. Wer sie anschaut, hat nur noch einen (Weihnachts-)Wunsch: Ski packen und losfahren. Um es mit Jean Annequin am Schluss seiner Einleitung zu sagen: „Lisez. rêvez. Partez.“ Mais oui!

cover-ski-spirit-3Zugegeben: Der Mala Mojstovska (2332 m) liegt noch in den Alpen, der Mont Sannine (2628 m) allerdings nicht mehr, zum Osorno (2662 m) dauert die Anreise zwei Tage, zum Binary Peak (789 m) knapp zwei Wochen (davon eine auf dem Segelschiff). Wer näherliegende Skiziele sucht, dem oder der sei der neue Skitourenführer „Berner Alpen Ost“ von Martin Maier empfohlen. Darin finden sich alle skialpinistischen und touristischen Informationen zu Eiger, Axalphorn und Weisse Frau: genaue Routenbeschreibungen, Schwierigkeitsangaben mit Hangneigungen, An- und Rückreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, alle wichtigen Unterkünfte. 150 aktuelle Fotos mit eingezeichneten Routen helfen, die beste und sicherste Fährte zwischen Hohgant und Aletschhorn zu er-fahren. Mehr noch: Alle vorgestellten Skitouren, die klassischen wie die ganz neuen, sind naturverträglich und immer abgestimmt auf die analogen und digitalen Skitourenkarten von swisstopo. Martin Maier hat vorbildliche Arbeit geleistet. Auch bei Vorfahrer Arnold Lunn, der 1911 den ersten Skitourenführer fürs „Bernese Oberland“ publiziert hat, würde Freude herrschen.

Giorgio Daidola: Ski spirit. Sciare oltre le piste. Alpine Studio, collana Orizzonti, Lecco 2016. 17 €.

Jean Annequin et Michel Zalio: À ski autour du monde. Les 24 plus beaux voyages. Éditions Paulsen, collection Guérin, Chamonix 2016, 39.50 €.

Martin Maier: Skitouren Berner Alpen Ost. Hohgant bis Aletschhorn. SAC Verlag, Bern 2016, 49.- Fr.

Giorgio Daidola stellt am 14. Dezember 2016 um 21 Uhr sein Buch „Ski spirit“ vor, am Sitz des Club Alpino Italiano UGET, Corso Francia 192, Parco della Tesoriera in Torino.

Von Casanova bis Chaplin

Wie schön doch die Schweiz einst war, schön in den Augen von Schriftstellerinnen, Frauenhelden, Politikern und sonstigen Persönlichkeiten, die über ihr Glück nicht nur Tränen, sondern auch viel Tinte vergossen in spannenden Berichten. Drei Sammlungen lassen auch unseren Blick zurückschweifen in eine Zeit, als es am Fuss der Rigi noch 1000 Kleinbauernbetriebe gab. Vielleicht kommen auch uns beim Lesen noch die Tränen.

28. November 2016

cover-casanova-churchill„Die Alpen stehen im übrigen in einem Missverhältnis zu unserem Individuum. Zu gross, um nützlich zu sein. Nun haben sie zum drittenmal eine unangenehme Wirkung auf mich. Ich hoffe, es ist das letzte Mal. Und dann meine Gesellschaft, mein lieber Alter, diese Herren Ausländer, die im Hotel wohnen! alles Deutsche oder Engländer mit Stöcken und Ferngläsern. Gestern war ich versucht, drei Kälber zu umarmen, die ich auf einer Alm traf, aus Menschenfreundlichkeit und Mitteilungsbedürfnis.“

Nein, der französische Schriftsteller Gustav Flaubert war 1874 gar nicht glücklich während der dreiwöchigen Sommerfrische auf Rigi Kaltbad, wie er in einem Brief an den russischen Berufskollegen und Freund Ivan Turgenev klagte. Weder der Ort an sich noch die sonst so sehr gerühmte Aussicht auf die Schweizer Alpenwelt: Nichts konnte den Schöpfer der „Madame Bovary“ entzücken, gar nichts. „Ich würde alle Gletscher der Schweiz für das vatikanische Museum geben. Dort kann man träumen,“ schrieb er der Landsmännin und Schriftstellerin George Sand.

Aber wir dürfen glücklich sein. Mit Flaubert und 34 andern berühmten Persönlichkeiten aus Literatur, Kunst, Forschung und Politik, die zwischen 1760 und 1946 die Schweiz besuchten – und diesen Besuch festhielten in Briefen, Tagebüchern, Erinnerungen, Berichten, mehr oder weniger fiktiven Werken. Wir dürfen mit ihnen durch die Schweiz reisen, den Genfer See sehen, auf den Gornergrat wandern, Titlis, Mönch und Matterhorn bewundern, durch die Eigernordwand klettern. Und natürlich auf der Rigi meistens glückliche Momente erleben. Wie zum Beispiel der US-amerikanische Naturschützer, Umweltphilosoph, Schriftsteller und Bergsteiger John Muir im Jahre 1893: „Das goldene Schimmern auf Seen vom Gipfel der Righi! Die Aussicht, während man auf 1000 bunte Kleinbauernbetriebe hinunterschaut. 1000 Wolken, die marschieren und verweilen.“

Himmlische Aussichten also, die wir teilen dürfen im Werk „Von Casanova bis Churchill. Berühmte Reisende auf ihrem Weg durch die Schweiz“ der Literaturwissenschaftlerin Barbara Piatti. Ein dickes, schönes, klug aufgebautes und stilvoll illustriertes Buch mit sehr lesenswerten Porträts, einer hilfreichen Bibliografie und eben spannenden Originaltexten. Von Leuten, die man kennt, wie Casanova, Elizabeth Main oder Lenin, aber auch von weniger Bekannten, die zu kennenlernen sich lohnt: Jens Immanuel Baggesen, Otto Julius Bierbaum oder Elizabeth Robins Pennell. Letztere bereiste in den späten 1890er Jahren mit ihrem Mann Joseph auf dem Velo die Schweiz und verfasst darüber „Over the Alps on a bicycle“; das Buch widmete sie dem Alpine Club mit den Worten, „that there is another and more delightful method of climbing.“ Kurz: ein ganz starkes Lese- und Weiterlesebuch.

cover-inspiration-schweiz35 berühmte Reisende dort, 70 hier: Im Buch „Inspiration Schweiz“, das auf eine langjährige Artikelserie im „Tages-Anzeiger“ fusst und das Martin Ebel nun herausgegeben hat. „70 Autoren, Künstler, Musiker, Schauspielerinnen an 70 Schauplätzen“, wie es im Untertitel heisst, wobei letzteres nicht ganz stimmt. Die Rigi beispielsweise bildet drei Mal den Schauplatz, Zürich gleich zehn, Vevey nur zwei Mal: mit Charles Chaplin und mit James Fenimore Cooper, Autor des einstigen Bestsellers „Lederstrumpf“. 13 Persönlichkeiten begegnen wir in beiden Bänden, eben gerade diesem Cooper, aber auch J.R.R. Tolkien im Lauterbrunnental, Leni Riefenstahl am Piz Palü, Hemingway in Chamby oder Arthur Conan Doyle, einmal bei den Reichenbachfällen ob Meiringen, das andere Mal auf der Maienfelder Furgga zwischen Davos und Arosa. Ein inspirierendes Werk auch dieses zweite Buch mit seinen erhellenden Charakterbildern aus der Feder von 25 Journalisten. Hilfreich am Schluss das ausführliche Namens- und Ortsregister. Da liegt die Rigi zwischen Riffelberg und Rocky Mountains.

cover-rigi-ist-rigiRigi: Um diesen Berg konnten und können Schweiz-Reisende einfach kaum einen Bogen machen. Ein neues Lesebuch, das Andreas Iten im Auftrag des Hotels Rigi Kulm herausgegeben hat, versammelt 35 kurze und längere Texte zu diesem vielleicht berühmtesten Aussichtsberg der Eidgenossenschaft, von Konstantin Aksakov über Isolde Kurz bis Marlène Wirthner-Durrer. Unbekannte Namen, nicht wahr? Andere haben wir vielleicht schon mal gelesen: John Muir, Otto Julius Bierbaum oder Franz Hohler. Einer fehlt in allen drei neuen Büchern zur literarischen Tourismusgeschichte der Schweiz: David Herbert Lawrence.

Sein Buch „Italienische Dämmerung“, 1916 erstmals unter dem Originaltitel „Twilight in Italy“ erschienen, lässt ein Reise(tage)buch zu Italien vermuten; deshalb kaufte ich es auch im Trödlerladen in der Berner Länggasse, als ich es zufällig entdeckte. Von Italien handelt das zweite Kapitel „Am Gardasee“. Aber in beiden folgenden Kapiteln schildert der Schöpfer von „Lady Chatterley’s Lover“ eine Fusswanderung vom Rheinfall durch die Schweiz und über den Gotthard zurück nach Italien. Ausschnitt: „Am nächsten Tag klomm ich über den Rücken der abscheulichen Rigi mit ihren gemeinen Hotels, um Luzern zu erreichen. Oben auf der Rigi traf ich einen verlorenen jungen Franzosen, der nicht Deutsch konnte und mir sagte, daβ er keinen Menschen finde, der Französisch spreche.“

Barbara Piatti: Von Casanova bis Churchill. Berühmte Reisende auf ihrem Weg durch die Schweiz. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2016, Fr. 49.-

Martin Ebel (Hrsg.): Inspiration Schweiz. 70 Autoren, Künstler, Musiker, Schauspielerinnen an 70 Schauplätzen. Illustrationen von Lea Küchler. Limmat Verlag, Zürich 2016, Fr. 36.-

Andreas Iten (Hrsg.): Der Rigi ist die Rigi. Ein Lesebuch. Illustrationen von Lotte Greber. Edition Bücherlese, Hitzkirch 2016, Fr. 22.-

Schaffhausen

Ein eigentliches Coming-out ist diese Rezension, gesteht doch unser Rezensent und Profiberner, dass er in Schaffhausen zur Welt kam. Am Geissbärg, was immerhin ein bisschen Berndeutsch klingt, habe er seine ersten Schritte gewagt. Noch viel mehr Schritte in der Gegend machen kann, wer sich am neuen Wanderführer der Region abarbeitet – sicher kein grosses Wagnis, aber sicher beschaulich und gesund. Für jene, denen es zu wenig steil ist, steht auch da und dort ein Aussichtsturm an der Route – mit Blick auf die Alpen.

24. November 2016

schaffhausen_rother-wanderfuehrer_cover„Wir stiegen bey einem Dorf, Neuhausen genannt, aus, und näherten uns dem Ort, wo eine allmächtige Hand einen ganzen Fluβ ergreift und aus seinem Bette in ein anderes hinabschleudert. Dieser Gedanke machte mich schaudern, und nun kamen wir unten bey einer Dratfabrike an, wo der eine Fels den Wellen Trotz bietet und ihre verspottete Wuth ganz gegen den Ort schickt, wo wir standen. Mit unbegreiflichem Entzücken stand ich sicher und unbesorgt dicht neben dem ganzen Toben des fürchterlichsten Elements, das, allmählich in sein ihm vorgeschriebenes Bett gezwungen, uns unverletzt lassen muβte.”

Anna Helene Krook war nicht die Erste und auch nicht die Letzte, die sich vom Rheinfall bei Schaffhausen beeindruckt zeigte – und dies in wohlformulierte Sätze zu formulieren wusste, wie dieser Ausschnitt aus ihrem Buch „Briefe einer reisenden Dame aus der Schweitz 1786“ beweist. Der mächtigste Wasserfall in Kontinentaleuropa ist seit langer Zeit eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Schweiz. Über eine Breite von 150 Metern und eine Höhe von 23 Metern stürzen bei mittlerer Wasserführung des Rheins 700 Kubikmeter Wasser pro Sekunde über die Felsen. Von verschiedenen, aber immer gut gesicherten Stellen aus kann man die ganze Wucht der Wassermassen auf sich wirken lassen. Höhepunkt eines Rheinfallausflugs ist sicher die Fahrt mit dem Fährbot zum mittleren Felsen, der bestiegen werden kann. Dann steht man mitten im Fall und hofft, dass der Fels hält. Er tut dies freilich seit rund 14’000 Jahren. Aber erst seit dieser Woche gibt es im Münchner Rother Verlag, dessen Wanderführer fast die ganze Welt erfassen, von den Abruzzen über das Emmental, Menorca und Tasmanien bis Zypern, einen solchen für Schaffhausen und Umgebung.

Laura Aguilar und Ueli Redmann beschreiben in ihrem roten Buch 60 Wanderungen, von kürzern Klassikern wie der Rheinfallrundtour bis zu weiten Gängen über den Randen und hinaus zu den Vulkanen im deutschen Hegau. Die meisten, natürlich immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln durchführbaren Touren dauern rund drei Stunden reine Gehzeit. Da bleibt also genügend Zeit und Raum, um das Schauspiel des Rheinfalls erschaudernd zu geniessen. Um in den dünnbesiedelten, waldreichen Gebieten nördlich der Stadt Schaffhausen und des Rheins eine überraschend vielfältige Flora zu bewundern. Um von vielen Aussichtstürmen aus den Alpenbogen zu sehen. Um eine helvetische Region zu entdecken, deren Namen ich dank dieses Führers überhaupt zum ersten Mal las: der Reiat; so wird das Hügelland im Osten des Kantons Schaffhausen bezeichnet. Um schliesslich in gemütlichen Dorfbeizen mit lokalem Wein auf das wanderwunderbare Schaffhauserland anzustossen. Und das zu jeder Jahreszeit.

Zum Beispiel auf den Geissbärg (524 m) am nördlichen Stadtrand von Schaffhausen. Auf dem Südfuss dieses bewaldeten Hügels liegt das Kantonsspital, wo ich am 17. September 1954 auf die Welt kam. Wir wohnten an der Jägerstrasse 2 auf der Ostseite des Geissbärg. An diesem Berg habe ich also meine allerersten Schritte gewagt. Zugegeben, ein bescheidenes Wanderziel. Aber einmal musste ich ja anfangen.

Laura Aguilar, Ueli Redmann: Schaffhausen. Hochrhein – Klettgau – Randen – Reiat – Hegau. Rother Wanderführer, München 2016, Fr. 19.90.

Buchvernissage am Freitag, 25. November 2016, um 19 Uhr bei Schaffhauserland Tourismus am Herrenacker 15 in Schaffhausen (5 Min. zu Fuss vom Bahnhof).

Weiss wie Schnee

Meisterwerke der Fotografie von zwei Meistern, Landschaften meist in schwarzweiss und meist menschenleer. Visionen? Zeitbilder? Politische Statements? Oder einfach Kunst im Trend? Mal wuchtig, mal zart – grossartig anders.

17. November 2016

Umschlag_Boesch.indd„Ich wusste vor allem, was ich nicht wollte: Ich wollte mit meinen Bildern weder das Bündnerland repräsentativ wiedergeben noch die Schönheit der Bündner Berge aufzeigen. Ich war nur auf der Suche nach Bildern, die ich nicht kannte, nicht erwartete und die ich nicht bereits im Kopf hatte. Ich suchte unbekannte Bilder in der mir bestens bekannten Bündner Landschaft. Ich lernte einen neuen Zugang zum Gebirge kennen – als Bergsteiger und als Fotograf. Ich begann zu begreifen, dass ich mich von Gewohnheiten und Vorstellungen lösen musste – Prognose, Wetter, Licht, Landschaft, Zeitplan: Ich musste einfach in dieser Landschaft unterwegs sein. Als Jäger, auf der Suche nach einem Tier, von dem ich nicht wusste, wie es aussah. Gefunden habe ich Bilder, welche die Kraft und die Vielfalt dieser Landschaft wiedergeben.“

Schreibt der Zürcher Fotograf Robert Bösch im Vorwort zu seinem neuen Buch. Wenn ich richtig gezählt habe: seinem fünfzehnten Buch seit 1988, in dem er der alleinige Fotograf ist. „Aus den Bündner Bergen“ heisst sein vor ein paar Tagen erschienenes Werk ganz einfach und etwas brav vielleicht; die Titel früherer reiner Fotobände lauten „Lightmare“ und „Moments“. Aber man lasse sich eben nicht täuschen von einem geografischen Begriff, und schon gar nicht von Vorstellungen, da werde einem die schönsten Seiten der Ferienecke der Schweiz gezeigt. Von wegen. Was Röbi Bösch da zwischen Rätikon und Bergell mit seiner Nikon gefunden hat, ist grossartig – und grossartig anders. Mal wuchtig, mal zart, meistens schwarz-weiss, da und dort farbig, wenn die Farbe genau zum Bild passte. Menschenleere Landschaft, nur ganz selten ein Weg, eine Passstrasse, eine Trockensteinmauer, eine Alphütte, ein Weiler, eine (vergängliche) Skispur. Mitten im Bild: Fels und Gras, Schnee und Eis, Wolken und Wasser, ein paar Bäume. Ja, viel Schnee, weil dieses flüchtige Material das scheinbar ewig Felsigfeste noch kräftiger akzentuiert, den Charakter einer Landschaft noch besser hervorhebt. Wenn sie denn zum richtigen Zeitpunkt, mit dem richtigen Licht abgebildet wird. Die Cima dal Largh im Bergell, fotografiert am 17. Februar 2015 um 16.10 Uhr: Was für ein Bild, was für ein (Bündner) Berg! Oder der Vadret da Roseg, aus der Luft aufgenommen an einem Mittag im August: eine eisige Haut voller Risse, eine sterbende Lebendigkeit. Verewigt nun auf einer doppelseitigen Aufnahme in einem dicken, grossen und schweren Buch mit 208 Seiten und 100 Fotografien. Wunderbar stark.

Und wenn wir schon fotografisch in den Bergen unterwegs sind. Von einem anderen Schweizer Fotografen ist ebenfalls ein sehr gediegenes Werk erschienen, sein erstes, wenn ich es richtig sehe. „Silent“ des Bündners Stefan Schlumpf. Stille schwarz-weisse und farbige Fotos, meistens von Bergen, Gletschern und Steinbrüchen, aber auch von Menschen, die sich darin mit einem grossen Spiegel verdoppeln, ein paar Porträts da und dort eingebunden. 74 teils ausklappbare Seiten mit Fotografien, 16 Seiten Text, mit Leinen kaschiertes Titelbild, Knotenfadenbindung. Am eindrücklichsten finde ich die Aufnahmen von „Hidden Landscape“, wofür Schlumpf in diesem Jahr beim Sony World Photography Awards mit dem dritten Platz ausgezeichnet wurde. Bilder mit Abdeckfolien auf dem Eis: mit der Kamera festgehaltene Momente der Versuche, mit Textilien das durch die Klimaerwärmung bedingte Abschmelzen der Gletscher aufzuhalten. Da sind neue gebirgige Landschaften entstanden, die wir, fasziniert und fröstelnd zugleich, in der warmen Stube anschauen. Sackstark.

Kurz: Zwei Meister ihres Fachs, zwei Generationen (Jahrgang 1954 der eine, 1975 der andere). Die Covers ihrer jüngsten Werke sind beide – weiss, schlicht weiss.

Robert Bösch: Aus den Bündner Bergen. Fotografien. NZZ Libro, Zürich 2016, Fr. 138.- Erhältlich im Buchhandel oder www.robertboesch.ch

Stefan Schlumpf: Silent. Eigenverlag, Chur 2016, Fr. 58.- Bestellungen direkt per Mail: photo@stefanschlumpf.com.

Ausstellungseröffnung und Buchvernissage von Robert Böschs „Aus den Bündner Bergen“ am Donnerstag, 17. November 2016, von 18 bis 21 Uhr in der Galerie Bildhalle am Stauffacherquai 56 in 8004 Zürich. Die Ausstellung dauert bis 14. Januar 2017; www.bildhalle.ch.

Engadin

Wo die Luft wie Champagner perlt – so schildert unser Rezensent die Atmosphäre des Engadins. Bezaubert von den Bildern und Geschichten der zwei vorgestellten Bände, die er im düsteren Bern schlürft, erfrischend als wär’s Champagner. Bald eröffnen zwischen Schuls und Maloja die legalen und illegalen Schnee- und Aprèsskibars – mit den realen Coupes und Cüplis. Schöner als Lesen wäre hinfahren, schreibt er. Nun ja, man kann ja beides.

7. November 2016

cover-engadin-st-moritz„Die Stille über dem Morteratschgletscher an diesem Wintertag war geradezu greifbar. Tief im Schnee lagen die klingenden Bäche begraben, ein weisser Mantel deckte die Steine an den Flanken zu und hielt sie zurück. Hoch oben glitzerten die Spitzen von Palü, Bellavista und Bernina, und grün schimmerndes Gletschereis hing in Terrassen von ihnen herab.“

An diesem Tag möchte man im Engadin unterwegs sein, zu Fuss, auf Ski oder Schneeschuhen. Hineingehen in dieses funkelnde Weiss, umhergehen in diesem Hochtal, dessen Luft wie Champagner perlt. Und wo hocken wir an einem solchen Tag? Im Tiefland unten, bedrückt von Nebel und Bergen voll unerledigter Arbeit. Aber wir könnten fliehen, wenn nicht ins Engadin, so wenigstens in ein Buch darüber. Zum Beispiel in dasjenige, aus dem das sonnige Zitat hier stammt. „The Story of an Alpine Winter“ ist ein ziemlich humorvoller Roman zum winterlichen Hotelleben in St. Moritz. Elizabeth Main publizierte ihn 1907 unter dem Namen Mrs. Aubrey Le Blond; so hiess einer ihrer drei Ehemänner. Ab den frühen 1880er Jahre wohnte die Engländerin die meiste Zeit des Jahres im Hotel Kulm in St. Moritz, mehr als zwei Jahrzehnte lang. Sie bestieg grosse Gipfel wie Palü oder Disgrazia erstmals im Winter, machte vom verschneiten Engadin wunderbare Aufnahmen wie später Albert Steiner, drehte 1899 die ersten Filme, engagierte sich im Komitee zur Erstellung des Cresta Run. Als Alpinistin, Sportlerin, Schriftstellerin, Fotografin und Filmerin schrieb Elizabeth Main Geschichte.

Sie war nicht die einzige, die in diesem so besonderen Hochtal Geschichte schrieb. Das Tal selbst tut es. Mit all den Persönlichkeiten, die dort oben lebten, wirkten, arbeiteten, sich erholten, starben. Ein neues Buch veranschaulicht dies aufs Schönste: „Engadin St. Moritz. Ein Tal schreibt Geschichten – A Valley with Stories to Tell“ von Cordula Seger, Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin, und von Bettina Plattner-Gerber, Hoteliere und Tourismusunternehmerin, beide wohnhaft im Engadin. Ein prachtvolles Werk haben die zwei Frauen da geschaffen, von Anfang bis zur letzten Zeile. 4 mal 10 Menschen aus den letzten 150 Jahren werden porträtiert, spannend angeordnet, geschickt miteinander verbunden. Bergführer und Hotelier, Fotografin und Journalist, Bäuerin und Schuhhändler, Cresta-Runner und Schriftstellerin, Koch und Lebemann, Arzt und Bierbrauer, Einheimische und Gäste, Junge und Alte, Bekannte und Unbekannte: Sie kommen selbst zu Wort, mit ihnen erleben wir das Engadin, facettenreich und höchst lebendig. Und sehen es, denn das Buch von Seger und Plattner-Gerber ist auch ein Bilderbuch: erfrischend wie Champagner reihen sich da Fotos und Gemälde, Plakate und Buchtitel aneinander, passend ausgewählt, präzise verortet. Zahlreiche Illustrationen werden erstmals gezeigt. Anders gesagt: Wir lernen ein Engadin kennen, wie wir es noch nie gesehen haben.

cover-gebrauchsanweisung-fuers-engadinUnd weil uns das Tal beim Palü und Bernina so gut gefällt, greifen wir noch grad nach einer zweiten Publikation. Seit 2005 lebt und arbeitet die deutsche Schriftstellerin und Journalistin Angelika Overath in Sent im Unterengadin. Über den neuen Familienwohnort hat sie 2010 das wunderbar stimmige Tagebuch „Alle Farben des Schnee“ veröffentlicht. Nun ist in der gut eingeführten Reiseliteratur-Reihe „Gebrauchsanweisung für“ ihr Band zum Engadin erschienen. Von A bis Z stellt die Neo-Senterin ihre neue Heimat vor, weniger mit touristischen Tipps als mit guten Geschichten, auch mal mit Rezepten und Blumenlisten. Das Engadin können wir mit diesem zweiten Buch ebenfalls lesen. Nur schöner wäre: hinfahren.

Cordula Seger, Bettina Plattner-Gerber: Engadin St. Moritz. Ein Tal schreibt Geschichten – A Valley with Stories to Tell. AS Verlag, Zürich 2016, Fr. 58.-

Angelika Overath: Gebrauchsanweisung für das Engadin. Piper Verlag, München/Berlin 2016, Fr. 22.90.

Buchvernissage von „Engadin St. Moritz“ am Dienstag, 15. November 2016, um 18.30 Uhr im Restaurant Baltho Küche & Bar des Hotels Marktgasse an der Marktgasse 17 in 8001 Zürich. Um Anmeldung per Mail an marktgasse@as-verlag.ch wird gebeten.

Transgression und Regression

Wenn es im Herbst still wird im Gebirge, dann wird es auch manchmal zeitlos und im Vakuum durch das man schreitet, erlebt man Unerwartetes. So geschah es mir letztens, im Oktober, als mir die Landschaft in einem Rollenspiel vom Atem der Äonen erzählte.

4. November 2016

nebelmeer1Die Erdgeschichte atmet rhythmisch. Eine ihrer Atmungen ist die von Transgression und Regression, von Meeresvorstoss und Meeresrückzug. Was im Pendel zwischen Ozean und Hochgebirge einmal war, das ist uns in den Gesteinen und ihrem Verschwinden als eine lange Folge von Landuntergang und Trockenfallen, von Sedimentation und Erosion überliefert.

Tief am Grund eines Meeres war ich am frühen Abend beinahe blind über das Relief des alten Landes gezogen und endlich, als die kaum zehn Meter reichende Sicht allmählich im Nachtdunkel verschwand, an die Hüttentür gekommen und durch sie hindurch in die von warmem Licht erhellte Stube getreten. „Gefunden?“, war das Wort, mit dem man mich, den einzigen Gast, begrüsste.

 Am nächsten Morgen erwachte ich und war wie an ein fremdes Ufer gespült. Die Hütte stand nun nahe der Kante eines Steilufers und am Fjord einer nordischen Insel, deren grüngewandete Lofoten-Berge nach der Dämmerung unter einem hellrosa Himmel bleich waren, von Reif überzogen. Das nahe Meer lag still, als ich durch die steifen Halme des gefrorenen Grases schritt. Es dauerte nicht lange bis ich merkte, dass das Meer um mich im Steigen begriffen war. Langsam aber stetig. Über eine schmale, mir wohlbekannte Landbrücke, flossen die Wasser in rhythmischem Wechsel mal von der Glarner auf die St. Galler Seite und dann wieder von der St. Galler auf die Glarner Seite. Später schritt ich einen Strand entlang und die Vormittagssonne wärmte mich zart.nebelmeer2 Die Wellen rollten heran und flossen wieder ab, jedes Mal ein Stück weiter herauf und etwas weniger weit zurück. Überrollte mich einmal eine von ihnen, so spürte ich die Kälte des Wassers im Gesicht, auf den Händen, in der Lunge. Sie hing auch danach noch lange in Perlen an meinen Haarsträhnen, die unter der Mütze hervorschauten.

 An den Gratfelsen, auf die ich mich um die Mittagszeit geflüchtet hatte, schlug die Gischt der Brandung in Fontänen empor. Auf dem höchsten dieser Felsen, nahezu kahl und in meiner um Jahrmillionen veralteten Karte fast zweitausendfünfhundert Meter über dem Meer, hatte ich noch die Vision, auf Rockall gestrandet zu sein. Dann verschwanden der blaue Himmel und mit ihm die vertrauten Gipfel ringsum in einem hin und her schaukelnden, lichtdurchfluteten Nebel. Während ich wartete, eine Dreiviertelstunde vergeblich, wurde das Licht stets matter, das Schaukeln weniger, das Klackern der vor- und zurückrollenden Steinchen und Muscheltrümmer am Grund immer leiser. Bis schliesslich, wo die Brandung sich einst an Felsen brach und Landbrücken mal von dieser, mal von jener Seite überspült wurden, vollständige Stille war, und auch ich begreifen musste: Das Land ist wieder untergegangen. Und erneut ging ich bis zum Abend tastend und in eine enge Taucherglocke aus wenigen Metern Sicht gehüllt, über den Grund, über eine vollkommen unbekannte Topographie.

nebelmeer3So ging es letztens, im Oktober, Tag für Tag, Nacht für Nacht. In meinem, aus dem Sommer so bekannten Gebirge, folgten nun in ewigem Wechsel auf Transgression Regression und wieder Transgression…

…des Nebelmeers.

Stephan Siegrist und Ueli Steck

«Im Geschäft mit aufsehenerregenden Touren in den Bergen der Welt» – so kann man das «lebensgefährliche Tun» heutiger Spitzenbergsteiger zusammenfassen. Zum Geschäft gehört also nicht nur Speedklettern, sondern auch Bücherschreiben. Hier mal die Werke von zwei bekannten Heros – in Schreibseilschaft mit zwei Frauen verfasst. Rezensiert von einem Speedleser.

3. November 2016

cover-siegrist-stephan„Mit Ueli verbinden mich viele prägende und schöne Erlebnisse. Mit der Zeit wurde das Bergsteigen für uns beide immer ernsthafter, während wir früher unbeschwert unterwegs waren und viel Spaβ hatten, nahm man uns plötzlich als Konkurrenten wahr, wir wurden miteinander verglichen, manchmal sogar gegeneinander ausgespielt.“

Schreibt Stephan in seinem neuen, dritten Buch. In seinem jüngsten, vierten Buch schreibt Ueli nichts über Stephan Siegrist. Aber das will nichts heissen. Vielleicht habe ich es auch überlesen bei der gestrigen Speedlesung. In den früheren Büchern von Ueli Steck war ja immer wieder die Rede von Steff. Schliesslich hing ihr Leben mal an einem sehr dünnen Faden, im Jahre 2001, als die beiden Berner Bergsteiger die Route „The Young Spider“ durch die Eigernordwand eröffneten. Auszug aus dem ersten Text, den Ueli damals verfasste: „Steff ist irgendwo 60 Meter über mir. Ich höre nichts. Hat er Stand und das Seil fixiert, damit ich mit den Steigklemmen nachsteigen kann? Ich warte. Dann hänge ich sie schon mal ein und ziehe…..nichts! Das Seil wird fixiert sein, denke ich, schultere den Rucksack mit 200 Meter Statikseil und beginne mit dem Jümaren. Nach 40 Meter Jümaren erreiche ich eine Kante. Ich höre Schreie von Steff. Mein Seilpartner kämpft, seit ich am Aufsteigen bin, gegen den Seilschaftsabsturz. Ungesichert steht er auf den Zacken seiner Steigeisen, mit nur einem Pickel im Eisfeld fixiert. Und das Seil, an dem ich aufsteige, hängt noch nicht an einem soliden Haken, sondern in seinem Klettergurt. Ich muss noch ein paar Sekunden hochsteigen, bis ich das Seil entlasten kann. Kann Steff das noch halten? Nach drei Metern  kann ich mich an den Berg krallen.“

15 Jahre später lesen wir in „Leben im Sturm. Selbstporträt eines Extrembergsteigers“ von Siegrist: „In den darauf folgenden Tagen und Wochen bin ich mehrere Male aus dem Schlaf hochgeschreckt. Ich sah Ueli und mich durch die Luft wirbelnd in die Tiefe stürzen.“ Das neue Buch von Steck mit dem Titel „Der nächste Schritt. Nach jedem Berg bin ich ein anderer“ endet so: „Wichtig war, dass ich mir des Risikos zu jedem Zeitpunkt bewusst war und es im Griff behielt. Dann würde ich in den Bergen auch weiterhin spannende Herausforderungen finden, ohne mich dabei umzubringen.“

cover-steck-ueliHart, dieser Schlusspunkt. Er schliesst an den 17. November 2015 an, als Steck den Rekord der schnellsten Begehung der Heckmair-Route zurückholte. Seine Frau Nicole war dagegen gewesen, dass er wieder solo und speedig durch die Nordwand kletterte. „Ich ging trotzdem. Ich konnte nicht anders, der Eiger hatte mich wieder in seinen Bann gesetzt.“ Family Life der etwas andern Art. Ebenfalls bei Siegrist, mit Frau und Kindern zu Hause – und grossen, nicht ungefährlichen Projekten am Berg. Das Ende seines Buch bildet der Satz, den er seinem Vater sagt: „Du hast recht Dadi… Wir mussten beide ziemlich alt werden, um das zu begreifen.“

Alt werden als Spitzenbergsteiger: kein einfach Ding. Das lebensgefährliche Tun begreifbar machen: auch nicht. Steff (Jg. 1972) und Ueli (Jg. 1976) sind nicht mehr die Jüngsten. Und schon Jahre lang im Geschäft mit aufsehenerregenden Touren in den Bergen der Welt. Davon handeln beide Bücher. Sie erzählen atemberaubend die Exploits, reflektieren sie klug, ziehen ein kritisches Fazit – für sich selbst, für Familien und Freunde sowie für uns. Beide Bücher kosten fast gleich viel, sind fast gleich dick und schwer, mit je einem eingebundenen Bildteil in der Mitte. Und: Je verfasst in Seilschaft mit einer Frau.

Stephan Siegrist mit Annette Marti: Leben im Sturm. Selbstporträt eines Extrembergsteigers. Orell Füssli Verlag, Zürich 2016, Fr. 26.90.

Ueli Steck mit Karin Steinbach: Der nächste Schritt. Nach jedem Berg bin ich ein anderer. Malik/Piper Verlag, München/Berlin 2016, Fr. 28.90.

Vom 2. bis 6. November findet in Brig das Festival BergBuchBrig statt. Am Samstag, 5. November um 17 Uhr, sprechen Annette Marti und Stephan Siegrist über ihr Buch. www.bergbuchbrig.ch

Die Grindelwaldgletscher

In Grindelwald den Gletschren by – das war einmal, wie wir wissen. Die hohe Zeit des Gletschertourismus im einstigen Gletscherdorf ist passée. Das besprochene Buch beschwört die vergangene Pracht und öffnet auch einen Blick in die vollständig eislose Zukunft.

24. Oktober 2016

cover-grindelwaldgletscher„Maintenant le glacier s’étend à leurs pieds, entre les deux montagnes, comme un torrent de marbre avec ses rides gigantesques, ses crevasses, ses vagues solidifiées, dirigeant vers la vallée son mufle menaçant où sont incrustés de gros blocs de roches grises.“

Eine sehr malerische Beschreibung des Oberen Grindelwaldgletscher, die uns da Jeanne Foulquier im französischen Jugendroman „Vacances dans l‘Oberland“ bietet; das Buch erschien 1951 in der „Bibliothèque rose illustrée“ der Librairie Hachette. Es ist natürlich nicht das erste Mal, dass der Obere Grindelwaldgletscher Eingang in die Literatur gefunden hat – mais non! Bekanntlich sind es zwei Eisströme, die im Tal zwischen Eiger und Schreckhorn bzw. in demjenigen zwischen Schreckhorn und Wetterhorn liegen und einst daraus hervor geflossen sind. Die beiden Grindelwaldgletscher gehören seit dem 18. Jahrhundert zu den meist besuchten und also auch meist beschriebenen, gemalten und fotografierten Sehenswürdigkeiten des Berner Oberlandes und früher ganz allgemein der Schweiz, ja der Alpen überhaupt.

Und dabei ist es geblieben. Auch wenn, wie gesagt, Grindelwald kein Gletscherdorf mehr ist. Weil seine Gletscher sich immer weiter zurückziehen und, wenn das Klima weiterhin so rasant wärmer wird, in 84 Jahren nur noch aus kümmerlichen Resten bestehen werden, die hoch oben in schattigen Hängen kleben. Diese düstere Perspektive jedenfalls zeigt das achte und letzte Kapitel des grossen, schweren und prächtig illustrierten Werkes „Die Grindelwaldgletscher. Kunst und Wissenschaft“, herausgegeben von vier Wissenschaftlern und ihren 14 Mitarbeitern.

Doch im 19. Jahrhundert, ja noch im 20. Jahrhundert hatte Grindelwald zu Recht den Beinamen Gletscherdorf, reichten doch die beiden Eisströme bis vor die ersten Häuser hinab, ja manchmal noch ein bisschen weiter… Zum furchtentzückten Vergnügen der Reisenden, zum Schaden einiger Bereisten, während andere Einheimische das eiskalte Kapital durchaus zu nutzen verstanden. Längst sind aber die „Grottes de glace“ weggeschmolzen, und die Holztreppen zur Gletscherbar modern still vor sich hin, wenn sie überhaupt noch dort sind.

Wer die Grindelwaldgletscher in ihrer ganz Pracht sehen möchte, gemalt von Caspar Wolf und Johann Jakob Biedermann, fotografiert von Frédéric Vincent de Martens und Louis August Bisson, muss zum neuen Werk greifen, das präzise zeigt, wie diese beiden Ströme wuchsen und vergingen, wie sie von Künstlern vermittelt wurden. Und wie genau diese Bilder wiederum helfen, Vorstoss und Rückgang der Gletscher zu dokumentieren. Eine wunderbare Wechselwirkung.

Der Gletscherpfarrer Gottfried Strasser verfasste 1897/98 das „Grindelwaldlied“, da so beginnt: „In Grindelwald den Gletschren by,/da cha mu gäbig läben!“ Alle weiteren Zeilen und Strophen auf http://www.gemeinde-grindelwald.ch/portrait/grindelwaldlied/.

Heinz J. Zumbühl, Samuel U. Nussbaumer, Hanspeter Holzhauser, Richard Wolf (Hrsg.): Die Grindelwaldgletscher. Kunst und Wissenschaft. Haupt Verlag, Bern 2016, Fr. 78.-

Buchpräsentation am Dienstag, 25. Oktober 2016, um 18 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz am Helvetiaplatz in Bern. Anmeldung bitte an presse@haupt.ch.

Mountains – Die vierte Dimension

Dreizehn ist je nach Ansicht eine Glücks- oder Unglückszahl. Unklar ob aus dem einen oder andern Grund die Herausgeber (auch Messner wiedermal!) dieses Satellitenbilder-Bandes mit historischen und anderen Begleittexten gerade 13 Berge der Welt ausgewählt haben. Glück hier (Denali), Unglück dort (Montblanc). Wie es halt so ist in den Bergen. Irgendwann werden Weltraumtouris selbst im Satellit sitzen und alles aus der vierten Dimension betrachten.

18. Oktober 2016

cover-mountains„Wir stiegen weiter bergauf – Zentimeter und Zentimeter rückte der Gipfel näher. Und dann, ganz plötzlich, waren wir da: Wir standen auf dem Dach Nordamerikas, 6193 Meter über dem Meeresspiegel. Rings um uns bot sich ein atemberaubender Rundblick über Alaska – fast 250 000 Quadratkilometer Land erstreckten sich vor uns.
Auf dem Gipfel wehte ein böiger Wind mit über dreiβig Stundenkilometern, und die Temperaturen lagen bei knapp minus dreiβig Grad. Ich hüpfte auf und ab, um mich warm zu halten. Eine Stunde lang blieben wir auf dem Gipfel – angesichts der dort herrschenden Bedingungen eine ziemlich lange Zeit. Oft genieβen Bergsteiger den Ausblick von einem Gipfel nur kurz, schieβen ein paar Fotos und beginnen dann so schnell wie möglich mit dem Abstieg. Da Brad jedoch wie immer auch wissenschaftlichen Fragen nachging, mussten noch einige Arbeiten erledigt werden, bei denen wir ihm alle abwechselnd halfen.“

Brad ist der US-Amerikaner Bradford Washburn (1910–2007), Erbauer und Direktor des Museum of Science in Boston, Kartograph des Everest, des Grand Canyon, der Presidential Range von New Hampshire und eben des Denali, damals noch Mount McKinley genannt. Am 6. Juni 1947 geht er dort oben seiner Arbeit nach, assistiert unter anderen von seiner Frau Barbara (1914–2014). Sie steht als erste Frau auf dem höchsten Gipfel von Nordamerika. Ihr sehr lesenswerter Bericht dieser Expedition, deren Erfolg zeitweise an einem ganz dünnen Seil hing, ist aktuell wieder in einem grossformatigen Bildband greifbar, an dem Brad bestimmt Freude gehabt hätte.

Am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt entstanden auf Basis von Satellitenaufnahmen aus mehreren Hundert Kilometer Höhe hochgenaue digitale Abbilder bekannter Gipfel wie Denali, Aconcagua, Kailash und Everest. Aus den erstellten Geländemodellen schufen Wissenschaftler am Computer fotorealistische Abbilder. So wurden virtuelle Darstellungen aus zuvor undenkbaren Perspektiven und in grosser Präzision möglich: Ansichten, die ein genaues Bild der dreidimensionalen Gestalt entstehen lassen. Zusammen mit topografischen Karten, Infografiken und geologischen Steckbriefen werden die individuellen Charakterzüge jedes Berges greifbar. Zu jedem der 13 Gipfel gibt es zudem eine kurze Alpinihistorie sowie einen persönlichen, mit dem jeweils passenden Bildmaterial illustrierten Bericht über eine bemerkenswerte Tour an diesem Berg. Barbara Washburns Premiere am Denali. Die Eröffnung einer neuen Linie in der Matterhorn-Südwand durch Hervé Barmasse. Die Tragödie am Frêney-Pfeiler am Mont Blanc, erzählt von Pierre Mazeaud, einem der drei Überlebenden. Oder die Erstbesteigung des Uschba-Südgipfels durch Adolf Schulze und Gefährten.

Die Uschba im Kaukasus ist ein gutes Beispiel, was die neuen Ansichten leisten können. Grandiose, detailreiche, wunderbar plastische Aufnahmen des Gipfels und seiner Umgebung, aus der Luft, von der Seite, von unten, immer ähnlich farbig, felsig-eisig. So rundum erfasst hat man diesen stolzen Berg wohl noch nie gesehen. Und dann schlägt man die Buchseite um, steht vor einer schwarzweissen Foto von Vittoria Sella von 1889 und sagt zu sich: „Wow, was für ein Berg!“ Und was für eine Foto natürlich.

13 Gipfel werden vorgestellt, davon 8 aus dem Himalaya und Karakorum. Und so gleichen sich die modernen Ansichtsfotos doch ziemlich stark. Klar, die Topalpinisten, die an diesen Riesen neue Linien und Herausforderungen suchen, werden die hochaufgelösten Bilder schätzen. Aber andere Berginteressierte, denen eigentlich 8000 Fuss genügen, hätten sich eine breitere Auswahl der Gipfel gewünscht: Tien Shan, Mount Kenya, Trollryggen, um nur drei zu nennen. Auch an ihnen wurde alpinistische Geschichte geschrieben. Doch kehren wir zurück zu derjenigen von Barbara Washburn.

„Der nächste Tag, der 7. Juni, war Brads 37. Geburtstag. Ich hatte mich gerade auf einen erholsamen Tag eingestellt, den ich mich Lesen und Briefeschreiben verbringen wollte, als er die Plane seines Zeltes zurückschlug und verkündete: ‚Lasst uns auf den North Peak steigen! Ein so perfekter Tag wie heute bietet sich uns nie wieder.‘“

Stefan Dech, Reinhold Messner, Nils Sparwasser: m4 Mountains – Die vierte Dimension. Herausgegeben vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Malik Verlag, München 2016, Fr. 65.-

Kluckers Welt

Während einer Herbstwoche mit Tango und Wandern im Fextal erinnern wir uns an den legendären Christian Klucker, einen der bedeutendsten Bergführer aus der Pionierzeit des Alpinismus in der Schweiz.

13. Oktober 2016

img_8393«Am 29. September sah ich die blauen Seen meines Engadin wieder und öffnete am Abend die Tür in meinen Bau. Das Fextal trug die gelbroten Farben des Herbstes, und in den Höhen rüstete der Winter sein weißes Kleid.» Ähnlich wie Klucker bei seiner Rückkehr aus Kanada von einer Expedition mit Edward Whymper im Herbst 1901, so erleben wir das Fextal in diesen Tagen. Die melancholische Klarheit der Herbstfarben – die Lärchen noch fast grün – Neuschnee auf den Gipfeln von Piz Fora und Piz Tremoggia im Talabschluss. Auf einem Höhenweg wandernd sehen wir tief unter uns in der Ebene von Fex Platta Kluckers «Bau». Ich kenne das kleine Steinhaus mit Anbau, mit Scraffitti verziert, an dessen einer Tür noch die geschmiedeten Initialen CK zu lesen sind. Drinnen noch Kluckers Werkstatt, Hobelbank und Werkzeug, die Stube getäfert mit alten Stabellen, einem Korbstuhl, in den Kammern alte Bettgestelle aus Holz, so als hätte er erst gestern und nicht vor 88 Jahren sein Haus verlassen, ohne Mantel im tiefsten Winter, um in Sils Maria eine Weihnachtsfeier von Schülern zu besuchen. Schwer sein Atem an jenem Tag, im Waldhaus ruhte er kurz, dann schritt er weiter hinab ins Dorf, doch nach einer Tasse Tee in einem Restaurant holte ihn der Tod ein, der ihn auf 3000 Bergtouren verschont hatte. Herzversagen. Eine durchaus tragische Figur dieser Klucker. Erschliesser der Bergellerberge, genialer Kletterer und virtuoser Eisgeher – nur mit Pickel Stufen schlagend, Hunderte oft durch die brutal steilen Culoirs der Sciora oder die Nordostwand des Lyskamm. Dreiviertel der Badilekante meisterte er solo in Socken – dreissig Jahre vor der Erstbegehung mit viel Hakeneinsatz, ein Hilfsmittel, das er verachtete. Trotzig behauptete er sich gegen seine Herren, etwa den ehrgeizigen Baron Anton von Rydzewsky, ein «Mehlsack» im Fels. Oder gegen den Alkoholiker und Matterhornpionier Whymper.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADas «Kluckerhaus» da in der Tiefe bewahrt sein Andenken, dank einer verständnisvollen Besitzerfamilie, die es aus seinem Nachlass erworben und fast im Originalzustand belassen hat – sorgfältig renoviert und gepflegt. (Man kann das Kluckerhaus als Ferienwohnung mieten.) Selbst den kleinen Postschalter halten die Besitzer in Ehren, denn Klucker betreute auch die Postagentur im Tal. In seiner Abwesenheit vertrat ihn eine Frau aus der Nachbarschaft und – es ist ein offenes Geheimnis – gebar dem Junggesellen, der lebenslang einem «Thuner Anneli» aus dem Militärdienst nachtrauerte, – einen Sohn. Tüchtig wie der Vater soll er gewesen sein, sogar Gemeindepräsident von Sils. So schwingen in dieser Landschaft Geschichten, Erinnerungen an Schicksale, an glückliche und melancholische Tage in den Bergen. Wer kann sie lesen in den Häusern, den Wiesen und Wäldern? Wen interessieren sie noch? Wohl kaum unsere Tangofreunde, mit denen wir tanzen im ehrwürdigen Hotel Fex, das zu Kluckers Zeiten in St. Moritz Bad abgebaut und Balken für Balken ins Tal geschafft und an schönster Stelle wieder errichtet worden ist. In seiner Autobiografie verliert er kein Wort darüber – vielleicht gefiel ihm das grosse Hotel nicht, mitten in seinem Tal. Obwohl er vielleicht auch gerne getanzt hätte, der stattliche Mann, der stets gut gekleidet war, selbst auf Klettertouren in Jacke und Schlips. Wir tanzen, und manchmal meinen wir, die Welt stehe still und die Gipfel rund um uns bewegten sich im Takt der Musik.

Christian Klucker: Erinnerungen eines Bergführers. Neuausgabe mit Vorwort von Emil Zopfi. AS Verlag, Zürich 2010

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