Übermut tut gut

Meist sind es die kleinen Dinge, die unser Herz erwärmen. Für einmal war es etwas Grösseres, was Freude bereitete und schwärmen liess.

© Annette Frommherz

Hundwilerhöhe 10 2014 (31)

18. Oktober 2014

Der Liebste drängelte, sein neues Bike einzufahren. Nun denn, es war ihm nichts dagegen einzuwenden. Aus Erfahrung weiss ich, wie wichtig es den grossen Buben ist, ihr neues Spielzeug zu testen. Jetzt. Gleich. Sofort. Schon weil ich ein gefühltes Diplom für Herzensangelegenheiten besitze, konnte ich seinen Wunsch unmöglich ausschlagen.
Das Appenzellerland lockte mit seinen sanften Hügeln, die noch immer in einem satten Grün aufwarteten. Uns lächelte der Tag entgegen, als wir von Urnäsch über Gonten Richtung Hundwiler Höhi hielten. Hundwilerhöhe 10 2014 (3)Der Herbst trieb es bereits in bunten Farben, nur eine riesige Esche zeigte sich in einem derart frühlingshaften hellen Blätterkleid, dass wir nach der richtigen Jahreszeit Ausschau hielten. Die Gegend machte uns staunen: schön in die Landschaft gesetzt prächtige Höfe mit Fassaden voller Bauernmalerei, auf den Weiden gekonnt verteilt das Braunvieh und die weissen, bärtigen Ziegen. Es sah ganz nach der Sage aus, wonach hier einst ein Riese vorbeigewandert sein soll und aus seinem löchrigen Sack die Bauernhäuser herausfallen liess. Hundwilerhöhe 10 2014 (1)Den letzten steilen Rest bergauf zur Höhi mussten wir unsere Räder schieben, worauf Wanderer, die uns entgegenkamen, uns für die Rücksicht lobten und meinten, wir dürften schon fahren.
Dem Wanderer und Biker steht auf der Hundwiler Höhi, wenn nach dem Aufstieg sich Hunger und Durst bemerkbar machen, ein Berggasthaus zur Seite. Wir nahmen in der niederen Stube ein Auge voll von der heimatlichen Innenausstattung. Gehäkelte Spitzen, Streuwürze auf den hölzernen Tischen, blaue Saftkrüge. Perfekt getarnt hinter der Türe entdeckten wir eine Wurlitzer, die kultige Musikbox aus den Zeiten unserer Ahnen, mit der hier wohl seit Jahrzehnten die Vinylplatten aufgelegt wurden. Hundwilerhöhe 10 2014 (18)Ein Geldstück einwerfen, eine dieser schwarzen Scheiben wählen, und schon werden sie abgespielt, von James Browns „I feel good“ bis zum Appenzeller Streichquartett mit „Öbe Schtock ond Schtee“. Ein Arbeiter des Lokals war gerade damit beschäftigt, die leeren Harasse zu beigen. Er deutete auf den Kasten und meinte, der sei schon eine Weile defekt. Derjenige, welcher ihn reparieren sollte, laufe eben nicht gerne den Berg hinauf. Der Mann hob seine mageren Schultern etwas in die Höhe und sagte, er könnte das Ding zwar auf den Traktor hieven und hinunterfahren, aber in die Stadt wolle er damit nicht. Und so wird die Jukebox weiterhin hinter der Türe stehen, bis sich jemand ihrer erbarmt.Hundwilerhöhe 10 2014 (46)
Mein Liebster weilte indessen gedanklich bei seinem Bike. Er freute sich auf die Abfahrt, die steiler und länger würde als je erträumt. Übermütig schwang er sich auf sein Gefährt. Ich versuchte erst gar nicht, mit seinem Tempo mitzuhalten. Gar manches Mal entschwand er meinem Blickfeld, und mit einem spitzbübischen Lächeln im Gesicht wartete er ein gutes Stück weiter unten auf mich. Bevor es vergessen geht zu erwähnen: Er war zufrieden mit seinem neuen Bike. Mit ihm und mit dem ganzen Tag.

Bergfotografie

Bergfotografie boomt. Flickr, das größte Fotonetzwerk der Welt, hält unter dem Suchbegriff „mountain“ über 3,9 Millionen Fotos bereit. Nur das Thema Hunde und Katzen ist nicht zu schlagen. Die beiden Sujetgruppen bringen es auf 5,9 bzw. 5,3 Millionen Uploads, schreibt Arnold Holzer in „Bergauf“, dem Magazin des Oesterreichischen Alpenvereins. Zwei Bildbände schlagen bekannte und neue Seiten der Alpenfotografie auf.

17. Oktober 2014

„Um 12 Uhr, nach einem Aufenthalt von 2 Stunden und 10 Minuten, auf unserm gemüthlichen kleinen Wylerfeld, verliessen wir dasselbe, für mich jedenfalls auf Nimmerwiedersehen. Es lag mir daran, die Ansicht der höchsten Partie unmittelbar unter dem Gipfel nach Hause zu bringen. Auf schmalem, doch zur Noth Stand bietendem Eisgrate, 100 à 120 Fuss unter demselben, pflanzte ich noch einmal meinen Apparat auf und nahm die nämliche Ansicht doppelt, um ja einen Erfolg zu erzielen.“

Und der gebürtige Strassburger Jules Beck (1825-1904), Mitglied der Sektion Bern des Schweizer Alpen-Club, hatte Erfolg. Die Aufnahme vom 15. September 1872 mit dem Gipfelgrat des Mönchs und den beiden darauf stehenden Alpinisten gehört zu seinen bekanntesten – und auch zu den ersten Fotografien überhaupt, die bergsteigende Personen im nicht ungefährlichen Viertausendergelände zeigt. Wir sehen die Grindelwalder Führer Christian Michel und Peter Egger, die dreieinhalb Minuten still stehen mussten, bis die Aufnahmen im Kasten waren. Die (Berg)fotografie der Pionierzeit erforderte Geduld, Kraft und Glück – spannend nachzulesen in Becks Berichten, hier über den „photographischen Ausflug auf den Mönch“ im achten SAC-Jahrbuch von 1872.

Jenseits der Ansichtskarte

Die Foto vom Mönch findet sich auch in einem schön gemachten, spannend zu lesenden und (natürlich) bestens bebilderten Buch zu Geschichte und Gegenwart der Fotografie in den Alpen: „Jenseits der Ansichtskarte“ heisst der Bildband, der gleichzeitig als Katalog der gleichnamigen Ausstellungen in Waiblingen und Bregenz diente. Nun, und da hat der Rezensent geschlafen, die Ausstellungen vom Oktober 2013 bis zum Mai 2014 sind längst passé. Aber das Buch kann man immer noch in die Hand nehmen. Mit Erfolg.

ALP_BU_12_rl1

Dieses auch. Ich habe es allerdings bloss digital gesehen, nur kurz angelesen und angeschaut. Es heisst ganz einfach ALP und zeigt Fotos von Olaf Unverzart. Die schwere Kamera geschultert, stürmte der Wahlmünchner zwölf Jahre lang immer wieder Gipfel, Täler und Orte der ganzen Alpen. Auf der Suche nach der Bergwelt im Wandel: 90 Farbfotos voll atemberaubender Schönheit vs. analoger Hässlichkeit. Eine fragile Balance zwischen der zeitlosen Erhabenheit alpiner Landschaft und den von Menschen verursachten Eingriffen und Zerstörungen derselben, gepackt in einen 23 x 30 cm grossen Bildband. „Gerade weil Olaf Unverzart Berge, Baustellen, Grünland und Passstraßen in den Fokus rückt – und nicht diejenigen, die dort leben, herumkraxeln, arbeiten, fahren und flanieren –, gerade deshalb rücken die Menschen ins Zentrum der Aufmerksamkeit“, schreibt Tom Dauer in der Einführung. „Olaf Unverzarts Bilder scheinen das Wirkliche zu zeigen. Viel mehr aber noch verweisen sie auf das, was neben dem gewählten Ausschnitt passiert. Damit aber beziehen sie über das tatsächlich Sichtbare hinweg auch das Mögliche, das Unwägbare ein. Das, was Menschen passieren kann, wenn sie sich in die Berge begeben.“ Mit oder ohne Kamera.

PS: Wer sich für Bergfotografie und Bergfilm interessiert, findet hier ausgezeichnete Beiträge (und eine Foto von Jules Beck mit der Gipfelkletterei am Finsteraarhorn im Jahre 1882).

Klicken, schauen, lesen.

Jenseits der Ansichtskarte. Die Alpen in der Fotografie. Herausgegeben von der Stadt Waiblingen/Galerie Stihl Waiblingen und dem Vorarlberg Museum, Bregenz. Mit Beiträgen von Mathias Arnold, Werner Bätzing, Valérie Hammerbacher, Ingrid-Sibylle Hoffmann, Zara Reckermann und Ute Pfanner. Hirmer Verlag, München 2013, Fr. 40.-

Olaf Unverzart (Foto), Tom Dauer und Sophia Greiff (Text): ALP. Prestel Verlag, München 2014, Fr. 59.90.

Bergkrimis zum Zweiten

Was wäre das Leben ohne Bücher? Romane ohne Liebesgeschichten? Bergliteratur ohne alpin angehauchte Krimis? Einfach und flach. Eben.

16. Oktober 2014

„Es konnte losgehen: Aus der Seitentasche seiner Kletterhose zog er sein Smartphone heraus und rief das Routen-Topo auf. Konzentriert versuchte er, den dort skizzierten Wegverlauf in der realen Umgebung des Predigtstuhls wiederzufinden. Laut Topo beanspruchte der Soldatenweg zehn Seillängen für die insgesamt 270 Höhenmeter.“

Ist das die Zukunft? Vielleicht auch schon die Gegenwart? Ein Smartphone mit allen Infos. Und allen Geschichten. Lesestoff und Leitfaden – digital. Bücher liegen schwer im Rucksack und im Gestell. Und vom 8. bis 12. Oktober 2014 tonnen- und hallenweise in Frankfurt. 7000 Aussteller aus 100 Ländern zeigten Bücher, Bücher und nochmals Bücher: Die Frankfurter Buchmesse schlug auch in diesem Jahr wieder mit Rekorden zu Buche. Grund genug, ganz bescheiden und zum zweiten Mal in diesem Jahr auf neuere Bergkrimis hinzuweisen.

Cover Karwendelgold

Martin Schlemm enthüllt in „Karwendelgold“ ein tödliches Geheimnis. Unweit des Soldatenweges, am Fuss der Kreuzwand, versteckt sich in einer Höhle Kostbares aus mittelalterlicher Zeit. Wie nun plötzlich entdeckte Pergamente aus Familienbesitz die genaue Lage des Verstecks enthüllen, beginnt ein dramatischer Wettlauf zwischen Kriminellen, Kletterern und Kommissaren. Die Schatzsuche an der Vertikalen erinnert an die Fünf Freunde von Enid Blyton. Der Chefermittler Ignaz Greibl aus Garmisch-Partenkirchen scheint aber diese berühmten Kriminalgeschichten nicht zu kennen; er interessiert sich für Wagner – und seine Nachbarin. Was wäre ein Roman ohne Liebesgeschichte? Und das Klettern ohne Topo? Hier ist es.

Cover Jakobshorn

Um (tödliche) Familiengeheimnisse und Liebe zwischen Ermittlern und Aussenstehenden geht es auch in „Jakobshorn“ von Silvia Götschi. Bartholomäus Cadisch, der Dorfkönig von Davos, wird tot auf der Skipiste am Jakobshorn gefunden. Unfall oder Mord? Die Meinungen gehen ziemlich auseinander, mit unangenehmen Folgen. Das Davoser Matterhorn bleibt unbeteiligt: „Über dem Tinzenhorn in der Ferne hingen die verwischten Konturen eines abnehmenden Mondes. Sein blasses Licht reflektierte auf der glatten Fläche des Davosersees.“

 

Cover Mont Bisanne

Anders als das Tinzenhorn spielt der Mont Bisanne (1941 m) im zweiten Krimi von David Tanner um Antoine Kirchner, Chefreporter der Zeitung „Le Monde“, eine Hauptrolle. Im Winter ist dieser aussergewöhnliche Aussichtspunkt im Beaufortin vom Ort Col des Saisis mit einem Sessellift erreichbar, und genau an diesem Lift schwebt anfangs der Skisaison eines Morgens eine geschändete Frauenleiche zu Tal. Dass die brutale Tat in der Lokalzeitung nur einmal kurz erwähnt wird, macht den in der Normandie am Meer weilenden Kirchner stutzig. Und er macht sich auf in die tief verschneiten Alpen, in den Ort Chanterelle. Der Name ist fiktiv, genauso wie Olympiasieger Maxime Mortier aus diesem Skiresort. Aber die Story mit der unheimlichen Mischung von familiären und geschäftlichen Interessen, darin mann bzw. frau über Leichen geht, die scheint nicht an eisigen Haaren herbeigezogen. Empfehlenswerte Lektüre für die nächsten Skiferien.

Cover Adlerblut

Diese jedoch besser nicht in Berchtesgaden buchen. Denn dort lebt es sich offenbar gefährlich. Oder anders gesagt: Stirbt es sich auf unvorhergesehene Weise. Jedenfalls im Krimi „Adlerblut“ von Markus Bennemann. Die zweite Strophe aus dem Gedicht „Aroleid“ von Gottfried Keller gibt den Ton (und die Todesart) an: „Ein Berghirt hing in Todsgefahr/Am steilen Firnenrand,/Ihn stiess hinunter dort der Aar,/Wo keiner mehr ihn fand.“ Könnte man eigentlich wieder einmal ganz lesen! Hier ist das kellersche Adlergedicht.

 

Cover Steilhang

Digital da, analog dort. Die hier vorgestellten Bücher sind per Download lieferbar. So auch die Weinkrimis von Paul Grote. Für Bergliteraten empfiehlt sich „Tödlicher Steilhang“. Solch halsbrecherische Hänge streben links und rechts der Mosel in die Höhe. „Der Anstieg wurde anstrengend, das Schiefergeröll war locker, er rutschte weg – und fing sich wieder, doch als er den Kopf hob und sein nahes Ziel fixierte, rutschte er aus, wollte sich nicht am Rebstock festhalten, konnte sich sonst nirgends abstützen und fiel mit dem Gesicht auf die Steine. Es war ein harter Schlag.“

 

 

Bergsteigen ist gefährlich, das wissen wir. Rebbergsteigen offenbar auch. Weintrinken ebenfalls. Digital wär’s unproblematisch. Wirklich?

 

Martin Schlemm: Karwendelgold. Ein tödliches Geheimnis. Rother Verlag 2014, Fr. 18.-
Silvia Götschi: Jakobshorn. Emons Verlag 2014, Fr. 17.90.
David Tanner: Das eisige Herz der Mont Bisanne. Bastei Lübbe Verlag 2014, Fr. 14.90.
Markus Bennemann: Adlerblut. Ein Berchtesgaden-Krimi. Gmeiner Verlag 2014, Fr. 18.90.
Paul Grote: Tödlicher Steilhang. Mord an der Mosel. Deutscher Taschenbuch Verlag 2013, 15.90.

Sehnsucht nach den grünen Höhen

Ein Rezeptbuch gegen die Wandersucht – oder eines, das sie fördert oder beides? Der Verleger sagte an der Buchvernissage in Glarus, die siebzehn Wanderungen in diesem literarischen Führer bewegten sich im «Universum der Zopfis». Mag sein. Möge sich wer mag sein eigenes Universum erschliessen. Wandernd. Oder auf dem Sofa lesend und die Bilder betrachtend.

5. Oktober 2014

Sehnsucht_Umschlag„Von der Hochwacht aus überblicken wir einen großen Teil der Literaturlandschaft, die wir erwandert und ‚erlesen‘ haben – im Doppelsinn des Wortes: die Hügel des Zürcher Oberlandes, die Linthebene, hinter der wir den Walensee erahnen, das Glarnerland mit seinen Bergen und weit im Osten die Gipfel des St. Galler Oberlandes. Wir stellen uns vor, auf dem Aussichtsturm der Hochwacht sei nicht ein Panorama der Berge, sondern eines der Literatur montiert, mit den Namen von Autorinnen und Autoren, ihren Büchern und Geschichten.“

Genau dieses Panorama können wir seit ein paar Tagen in den Händen halten, können darin blättern, schauen und lesen. Überall, wo wir wollen, nicht nur auf der Hochwacht am Pfannenstiel östlich des Zürichsees, auch auf der Hohwacht bei Huttwil oder im Kurhaus Hohwacht ob Langnau im Emmental, im Hochbett einer Hütte oder im tiefen Keller einer Hochhauses. Am passendsten aber natürlich in der Literaturlandschaft, in die sich Christa und Emil Zopfi lesend und wandernd begeben haben. Und die nun in einem wunderbar formulierten, fotografierten und recherchierten Buch vorliegt: „Sehnsucht nach den grünen Höhen. Literarische Wanderungen zwischen Pfannenstiel, Churfirsten und Tödi.“

Wo Hermann Hesse nackt kletterte, wo Anna Göldin zur Richtstätte schritt, wo Max Frisch dem Pfannenstiel-Verehrer Albin Zollinger begegnete, wo Hans Morgenthaler fast alle Finger erfror, wo Ludwig Hohl den Ruf zum Dichter empfing und wo seine erste Freundin Getrud Luder zu Tode kam. An diesen und vielen weiteren Orten kommen wir mehr oder weniger nah vorbei, wenn wir dem Ehepaar Zopfi folgen, mit den Augen, noch besser mit den Füssen. Durchs Tösstal, am Walensee, entlang der Linth oder der Tamina. Nur an einem Tag, oder an drei Tagen hintereinander, immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln, immer mit genauen wandertouristischen und literarischen Infos und Tipps. Wichtiger noch: immer mit unglaublich vielen Begegnungen. Über fünfzig Autorinnen und Autoren begleiten uns, bekannte wie Theodor Fontane, Rainer Maria Rilke, Franz Hohler oder Eveline Hasler, doch ebenso verkannte, vergessene und vielversprechende. Einem der Literaten begegnen wir auf mehreren der 17 Wanderungen: Emil Zopfi selbst.

Wenn er uns mitnimmt ins Zürcher Oberland, dann lernen wir auch seine Gibswiler Jugendzeit kennen. Wenn er zum Tödi oder Glärnisch aufbricht, dann sind seine Bergmonografien mit dabei. Nicht aufdringlich, oh nein. Nur so en passant. Doch dieses Zurückgehen und Zurückverweisen auf die Wurzeln und den eigenen Weg macht aus diesem jüngsten literarischen Wanderbuch aus dem Rotpunktverlag ein ganz besonderes.

„Wandern kann süchtig machen“, schreiben Christa und Emil Zopfi in der Einleitung. Lesen ebenfalls. „Die Sehnsucht ist unstillbar.“ Das auch. Aber nun halten wir – aufgeklappt – ein Werk in den Händen, das sie lindert.

Christa und Emil Zopfi: Sehnsucht nach den grünen Höhen. Literarische Wanderungen zwischen Pfannenstiel, Churfirsten und Tödi. Rotpunktverlag, Zürich 2014, Fr. 45.-

Buchpräsentationen:
24. Oktober 2014, 20.30 Uhr. Zürich, Buchhandlung Orell Füssli am Bellevue.
8. November 2014, 16.00 Uhr. Brig, Alte Kaserne. BergBuchBrig.
20. März 2015, 20.00 Uhr. Urdorf, Gemeindebibliothek, Friedofstrasse 4.

Ausgeträumt

Zwei Bikes waren uns zum Testen überlassen worden. Nur die passende Tour musste noch gefunden werden. Im Zigerschlitz, wo das Wort „flach“ selten passt, wurden wir fündig. Doch etwas lag in der Luft.

© Annette Frommherz

Lachengrat 09 2014 (2)

30. September 2014

Von Näfels aus ging es gleich zur Sache, also hinauf. Kontinuierlich steil führte uns das Strässchen zum Obersee, in dem sich die schroffen Hänge spiegelten, die wir noch vor uns hatten. Ich hätte allen Grund gehabt, mich über den Sonnentag zu freuen: Kaum ein hämisches Wölklein hing am Himmel, die Luft war perfekt temperiert, mein Liebster wohl gelaunt. Und doch: Etwas trübte die Lage meines Gemütes.Lachengrat 09 2014 (7)
Entlang dem Obersee erprobten wir unsere Bikes der neuesten Generation. Die Gangschaltung war vom Feinsten. In allen Variationen testeten wir sämtliche Gänge, nachdem wir bis hierhin nur die zwei niedrigsten Einstellungen gebraucht hatten. Ich dachte an meinen treuen Drahtesel, der heute zu Hause bleiben musste und sich bestimmt schämte, weil er kein Neunundzwanzig-Zoll-Bike war.
Bis zur Lachenalp wurde der Weg, nun auf Kies, noch steiler. Zeitweise schoben wir unsere Räder. Isch öppis? fragte mein Liebster. Ich schüttelte den Kopf. Lachengrat 09 2014 (17)Was wollte ich ihm, einem Mann, denn sagen? Aber es nagte in mir. Der Lachengrat lag direkt vor uns – oder besser: über uns. Ich blinzelte in die Sonne und tat, was getan werden musste: Ich hob, wie der Mann vor mir, das Carbongestell hoch und buckelte es mit schweren Beinen den Hang hinauf. Die Mühe war es wert. Oben auf dem Lachengrat warfen wir unsere Blicke auf sämtliche lohnenden Seiten. Ein Jäger sass gut getarnt neben uns auf Grasbüscheln, streichelte mit der einen Hand seinen Hund und hielt mit der anderen sein Handy ans Ohr. Ich hörte ihn sagen: „Das chasch grad vergässe, es hätt hüt viel zvill Lüüt.“ Zwar erspähten wir keine weiteren Homo sapiens, doch zugegebenermassen auch kein Wild.
Die Glarner Gipfel reckten ihre Häupter. Alles hier schien makellos und rein. Alles hätte perfekt sein können. Und doch gab es mir einen kleinen Stich ins Herz. Mein Liebster schaute nichts ahnend hinab zum Klöntalersee, der wie ein schwarzes Loch in der Tiefe lag. Lachengrat 09 2014 (19)Wir zurrten unsere Helme fest. Der Lohn für den nahrhaften Aufstieg stand uns bevor. Beinahe zehn Kilometer bis zum See ging es nur abwärts. Der Sattel meines Bikes liess sich bequem per Hebelschaltung höher und niedriger einstellen. Welcher Luxus! Wir sausten die Strecke hinunter, Längenegg, Chängel, Lauiboden und Schwändeli flogen an uns vorüber. Entlang dem Ufer des Klöntalersees schauten wir hinüber zu den senkrechten Wänden des Glärnischmassivs. Schon zeigten die ersten Bäume ihre bunte Herbstkollektion, aber ich beachtete sie nur flüchtig. Ich ahnte es in meinem Innersten: Es war beschlossene Sache. Wehmut legte sich schwer auf meine Brust. Ich seufzte. Lachengrat 09 2014 (37)Die letzte Wegstrecke führte uns über Netstal zurück nach Näfels, wo ich mir schwor, niemals (niemals!) wieder auf einen Frauensattel zu verzichten.
Wir verluden die Räder in den Wagen, schütteten Wasser in die durstigen Kehlen und fuhren uns durch die zerzausten Haare. Eine schale Traurigkeit breitete sich in mir aus. Nichts würde mehr sein, wie es gewesen war.
Wieder daheim, beschlossen wir, müde zu sein. Am anderen Morgen dann die traurige Gewissheit: Er hatte es tatsächlich getan. Clooney, der George aller Frauen, ist nicht mehr zu haben.

Von nun an geht’s bergauf

Wolfgang Schaub ist nicht der einzige Rentner, der sich bei seiner Pensionierung sagte: von nun an geht’s bergauf. Und das hat er wortwörtlich gemeint. Auf die höchsten Spitzen Europas. Dass dabei auch ein Buch entstanden ist, zeigt wieder einmal: die grauen Panter sind im Kommen!

26. September 2014

Cover bergauf„Von nun an wird es immer bergauf gehen, verhalten zwar, aber hartnäckig, und vor allem oft in Gegenden, in die sich kein normaler Bergsteiger verirrt. Dabei werde ich immer wieder fragen: Was will ich hier? Was ist ein Berg? Was ist Höhe? Was ist ein Staat? Wo verlaufen seine Grenzen? Was ist überhaupt Europa? So ist es weniger ein Anliegen dieser Sammlung, Berge und Anstiegsrouten zu beschreiben, als vielmehr über Erlebnisse und Kuriositäten auf dem Weg zu merkwürdigen Ländern und Gebieten zu berichten. 130 Ziele sind es insgesamt. Ein paar davon werde ich herausgreifen.“

Wir auch. Zum Beispiel die höchsten Berge der 47 Staaten Europas. Gipfel wie Mont Blanc (beanspruchen gleich zwei Nachbarländer der Schweiz), Grossglockner und Zugspitze (ebenfalls Höhepunkte zweier anderer Nachbarländer, Triglav (Slowenien) oder Pic Alt de la Coma Pedrosa (Andorra). Anhöhen wie Gora Itschka (259 m; Top vom europäischen Teil Kasachstans) oder Møllehøj (170,86 m; Ejer Bavnehøj und Yding Skovhøj galten ebenfalls mal als „Gipfel“ von Dänemark). Eine Wegecke wie der Chemin des Révoires 24 für Monaco; von dort geht’s noch weiter bergauf – in Frankreich.

Statt Briefmarken oder Münzen sammelte der Pensionär Wolfgang Schaub lieber Berge. Auf seiner Suche nach einem geeigneten Rentnerprogramm zog und zieht es ihn auf die höchsten Punkte aller irgendwie politischen Gebilde Europas. Die offiziellen Staaten natürlich. Aber auch die autonomen oder halbautonomen Territorien, Zollausschussgebiete, Enklaven, Inseln, Theokratien (wie im griechischen Athos), souveräne Militärbasen usw. Ein Sammelsurium an Kulminationspunkten in Meter und Dezimeter, an Geschichte und Geschichten. Nachzulesen auf Schaubs Webseite www.gipfel-und-grenzen.eu und in seinem Buch „Von nun an geht’s bergauf“. Darin beschreibt er eher die ausgefallenen als die bekannten höchsten Höhen. Peña Trevinca in Galicien, Pinneberg auf Helgoland, Beerenberg auf Jan Mayen, Wyschka in Tschuwaschien, der namenlose höchste Punkt von Udmurtien. Zum Glück für Schaub – aber bei einem richtigen Sammler vielleicht auch leider – ist das Suworow-Denkmal in der Schöllenenschlucht weder eine Exklave Russlands in der Schweiz noch stellt es ein exterritoriales Gebiet dar. Das Grundstück gehört einfach dem russischen Staat. Das Denkmal wäre auch nicht so leicht zu besteigen, obwohl es vom Zugangsweg nur bergauf geht.

Wolfgang Schaub: Von nun an geht’s bergauf. Über Pinneberg und Pico auf die Gipfel Europas. Malik Verlag, München 2014, Fr. 29.90.

Der Simmentaler Giel

Es gibt sie noch, auch in jüngerer Gestalt: Eingeborene, die so treffend ins Landschaftsbild passen wie ein Alpaufzug am Berg. Mir ist ein solcher Einheimischer begegnet. Ein waschechter Giel eben.

© Annette Frommherz

Lenk Wildhornhütte 09 2014 (28)

25. September 2014

Der Giel, also ein junger Mann, ist in diesem Falle ein Mittzwanziger. Meine Nichte hatte ihn vor nicht allzu langer Zeit angelacht, und seither gehen sie gemeinsam des Weges. Im hintersten Dorf des Simmentals haben sich die Beiden ein Nestchen eingerichtet; dort, wo der Giel geboren und aufgewachsen ist. Während meine Nichte dem Tourismus unter die Arme greift, arbeitet der Giel als gestandener Handwerker.
So weit, so gut. Gestern noch wanderten meine Nichte und ich von der Iffigenalp aus auf die Wildhornhütte. Lenk Wildhornhütte 09 2014 (57)Die Regenwand hatte sich nachmittags bedrohlich dunkel vor uns erhoben, liess aber die schweren Tropfen erst niederprasseln, als wir bereits wieder im Trockenen sassen. Tags darauf, es war Sonntag, baten im Dorf die Glocken zum Kirchgang. Wir hingegen assen weiter von der feinen Züpfe und spielten „Wer bin ich“ (ich war Pippi Langstrumpf, meine Nichte irgendein norwegischer Langläufer und der Giel Barack Obama). Als wir später auf den Betelberg gondelten, schob die Sonne die Wolken gespenstisch vor sich her. Der Alprundweg bot am Gebirgskamm eine Kraterlandschaft, als würde man den Mond betreten. Trichterförmige Vertiefungen, sogenannte Dolinen, die als wertvolle Biotope gelten, wie ich auf den Tafeln des Erlebnispfades lesen konnte.Lenk Wildhornhütte 09 2014 (62)
Wie wir so des schmalen Pfades liefen, vernahm ich hinter mir ein Räuspern, ein leises Summen, und gleich darauf floss eine volle Stimme in den späten Sommertag:
Nur eis Blüemli cha Freud mache / nur eis Wort, das länget scho / es bruucht bestimmt nid grossi Sache / es muess eifach vo Härze cho / ts allerchlinschte Örtli zeigt / ts Gröscht, wos git, isch Dankbarkeit. Der Giel sang die Strophe aus tiefstem Herzen und hängte einen Jodel an. Ich setzte mit ein. Die Hände in den Hosentaschen und den Blick über die Moorlandschaft schweifend, hatte der Blondschopf Zeit und Musse für sich gepachtet.
Lenk Wildhornhütte 09 2014 (64)Apropos Zeit: Wenn den Gielen und Modis im Simmental die Arbeit bis zum Halse steht, so nennen sie das „z Füdle vou z tüe“, was ich aus Gründen politischer Korrektheit nicht ins saubere Deutsch übersetzen möchte. In städtischen Gebieten und in der Agglomeration wird das karge Wort „Stress“ verwendet. Das hört sich im Vergleich zum Berner Ausdruck weder melodisch noch dramatisch an, sondern einfach nur einsilbig und fade. Aber zurück zum Giel, der nun die nächste Strophe zum Besten gab:
I tarf läbe i de Bärge / i cha da deheime sy / uf däm Fläckli Heimaterde / darfsch du säge, du bisch mi / drum bi i o gärn bereit / um dir z zeige Dankbarkeit. Hätte er dazu die Schweizer Fahne geschwungen, mich hätte es nicht gewundert.
Zurück in der warmen Stube, gab er noch eins drauf. Lenk Wildhornhütte 09 2014 (65)Darf ich? fragte er und zog unter dem Tisch ein Schwyzerörgeli hervor. Er durfte, gerne. Und während ich seinen flinken Fingern zusah und der Polka lauschte, sinnierte ich darüber nach, mit welch grosser Heimatliebe der Giel hier ausgerüstet war. Doch eigentlich fehlt mir die Zeit, dies alles niederzuschreiben, denn ich habe noch z Füdle vou z tüe.

Lied “Dankbarkeit” von Franz Stadelmann (Schweizer Jodler, Komponist und Volksmusikant)

Grande Traversata delle Alpi

GTA – die grosse Alpentraversierung. Das klingt ein bisschen nach Hannibal, der es zwar nicht vom Monte Rosa bis zum Apennin schaffte. Eine Elefantentour ist es jedenfalls, laut den besprochenen Führer- und Bildbänden. Unser Rezensent sucht übrigens noch Begleiter für seinen Pensioniertentrip. Bitte auf der Redaktion melden! Start in fünf Jahren.

17. September 2014

Lieber Daniel
Herzlichen Dank für die Rezension der GTA-Führer in „Die Alpen“.
Da die Nachfrage nach diesen beiden Führern konstant hoch ist (ca. 1000 Exemplare werden pro Jahr pro Band verkauft), haben wir inzwischen einen Rhythmus von (alternierend) einer Neuauflage pro Jahr – auf diese Weise ist die Aktualität stets gesichert.
Ich lege Dir die 3. Aufl. des Nord-Teils bei. Die 3. Aufl. des Süd-Teils wird gerade gedruckt; ich kann Dir dann gerne ein Exemplar geben. Preis übrigens: DM/sFr. 28.-
Herzliche Grüβe
Werner

Cover Bätzing AlpenSchrieb mir am 6. März 1995 Werner Bätzing, damals noch Professor am Geographischen Institut der Universität Bern an der Hallerstrasse im Berner Länggass-Quartier. Im gleichen Jahr erhielt er einen Ruf an die Universität Erlangen-Nürnberg, an der er bis zu seiner Pensionierung im Sommer 2014 als Professor für Kulturgeographie tätig war. Diese Daten entnehme ich der Festschrift für Werner Bätzing zum 65. Geburtstag, die unter dem Titel „Leben in den Alpen. Verstädterung, Entsiedlung und neue Aufwertungen“ im Frühling 2014 im Haupt Verlag am Falkenplatz im gleichen Berner Quartier erschienen ist. So schliesst sich wieder ein Kreis, oder vielleicht besser: So führt ein Weg ans Ziel. Und der bekannteste von Bätzing ist natürlich die GTA.

Die Grande Traversata delle Alpi verläuft auf der piemontesischen Innenseite des riesigen Westalpenbogens vom Monte Rosa zum Apennin. Die grosse Durchquerung dieser italienischen Alpen führt durch Regionen, in denen wegen des starken Bevölkerungsrückgangs traditionelle Lebens- und Wirtschaftsweisen vom Aussterben bedroht sind. Angepasster (Wander-)Tourismus bremst die weitere Abwanderung; deshalb liegen die Unterkünfte meistens nicht in den Bergen, sondern in den Dörfern. Auch wurde die GTA nicht neu erstellt; sie benützt im Gegenteil Bergbauern- und Almpfade, alte Saumwege und Militärstrassen. Die GTA kann „ein Urlaubserlebnis vermitteln, das heute ziemlich selten geworden ist, nämlich die Entdeckung einer grossartigen hochalpinen Landschaft ohne Massentourismus“: So Bätzing im ersten Vorwort zu seinen GTA-Führern. Sie erschienen erstmals 1986; für die neue Ausgabe im Zürcher Rotpunktverlag im Jahre 2003 hat er sie vollständig überarbeitet. Insbesondere nahm er im Norden einen neuen Zugang aus der Schweiz zur GTA, und im Süden beschrieb er erstmals die Strecke bis ans Mittelmeer. Nufenenpass – Ventimiglia zu Fuss: was für ein Weg! Wer immer ihn ganz oder auch nur teilweise begehen will: Die beiden Bätzing-Führer gehören dazu wie gute Wanderschuhe. Man kann die GTA allerdings auch nur lesen – so spannend schreibt Bätzing über die Berge.

Cover Bildband GTAUnd man kann sie auch nur anschauen. Als erster hatte Eberhard Neubronner 1992 die GTA mit dem Bildbandführer „Der Weg. Vom Monte Rosa zum Mittelmeer“ visuell vorgeführt; die Neuauflage kam 2006 heraus. Nun liegt seit dem 7. März 2014 ein neuer, grandioser Bildband aus dem Rother Verlag vor: „Grande Traversata delle Alpi. Durch die ‚vergessenen‘ Täler des Piemont“ von Iris Kürschner und Dieter Haas. Die beiden haben auch die GTA-Rother Wanderführer verfasst. Aber wer sich so richtig in diese einmalige Weitwanderung einstimmen möchte, sollte zu diesem Bildband greifen. Ich jedenfalls mach das immer wieder. Und nach meiner Pensionierung in genau fünf Jahren starte ich an der Nufenenpassstrasse und trekke 67 Etappen, 900 Kilometer und 62‘000 Höhenmeter weit bis hinunter ans Meer. Wer kommt mit?

Iris Kürschner, Dieter Haas: Grande Traversata delle Alpi. Durch die „vergessenen“ Täler des Piemont. Rother Verlag 2014, Fr. 55.90
Tobias Chilla (Hg.): Leben in den Alpen. Verstädterung, Entsiedlung und neue Aufwertungen. Festschrift für Werner Bätzing zum 65. Geburtstag. Haupt Verlag 2014, Fr. 48.-

Berühmte Seilschaften

In unserem Land gibt es keine Könige, aber mindestens zwei «Könige der Bergführer» – den Walliser Alexander Burgener und den Berner Oberländer Melchior Anderegg, über den eben eine Biografie erschienen ist. Vom Walliser Bergführerkönig ist im ersten der besprochenen Bücher die Rede, und da aller guten Bücher drei sind, ist eines auch noch den Brüdern am Seil gewidmet – familieninterne Demokratie am Berg sozusagen.

12. September 2014

Cordées célèbresOne glorious day at the end of June, 1880, Burgener and I had finished the more important part of our day’s work (crossing the Col Tournanche), and were whiling away the time basking on a warm rock just above the level expanse of the Tiefenmatten glacier. The pipe of peace was wreathing tiny clouds and threads of smoke amongst the overhanging rocks, whilst before us towered the grandest wall the Alps can boast, the huge western face of the Matterhorn. Gradually my attention was riveted by the Col du Lion, and it was brought home to my mind, that no more difficult, circuitous, and inconvenient method of getting from Zermatt to Breuil could possibly be devised than by using this same Col as a pass. I communicated this brilliant and, as I fondly imagined, original idea to Burgener, but he did not immediately respond with the enthusiasm I had anticipated. On the contrary, he told me that many Herren and many guides had been possessed of the same desire, but on closer examination had invariably abandoned it. However, as we discussed a bottle of Bouvier, first one bit and then another of the couloir was pronounced practicable, and by the time Burgener had indulged in a final and prolonged pull at the brandy flask, to obviate any ill effects that well-shaken Bouvier might cause in the human system, he decided that, “Es geht gewiss,” provided, firstly, that we could get into the couloir at the bottom, and secondly, that we could get out of it at the top.

„Es geht gewiss“: Einer der bekannteren und (kürzeren) Sprüche in der Geschichte des Alpinismus. Ausgesprochen und aufgeschrieben von zwei der berühmtesten Alpinisten: vom Walliser Alexander Burgener, König der Bergführer, und vom Engländer Albert Frederick Mummery, Autor des Klassikers „My Climbs in the Alps and Caucaus“. Die ersten drei Kapitel schildern die erste Begehung des Zmuttgrates am Matterhorn am 3. September 1879, die erste Ersteigung des Furggengrates am gleichen Berg bis unterhalb des Gipfelkopfes am 19. Juli 1880, und eben die erste Traversierung des Colle del Leone auf der Westseite des Matterhorns am 6. Juli 1880. Dieser Übergang von Zermatt nach Breuil-Cervinia, von Mummery als der schwierigste, umständlichste und unbequemste beschrieben, war genau so und hätte den beiden mutigen, wegen des getrunkenen Bouvier vielleicht auch übermutigen Bergsteigern fast das Genick gebrochen. Sie kamen zwar ohne grössere Probleme unten hinein in das gewundene und steinschlägige Couloir, aber oben fast nicht mehr heraus. Wer mit Burgener und Mummery dort lesend mitklettert, spürt, wie gefährlich nahe das vorzeitige Ende der höchst erfolgreichen Seilschaft war.

Mit Burgener-Mummery beginnt ein neues alpinistisches Geschichtsbuch: „Insieme in vetta. Le cordate famose e le loro imprese“, nun auch auf Französisch als „Cordées célèbres“ erhältlich. Die Autorenschaft Alessandro Gogna und Alessandra Raggio hat 20 berühmte Seilschaften und ihre Meisterleistungen ausgewählt, von einst bis heute, also bis zu den immer noch aktiven Heinz Mariacher und Luisa Iovane sowie Alexander und Thomas Huber. Spannende und auch spannungsreiche Touren werden aufgerollt, glücklich und tragisch verlaufene. Von den insgesamt 42 nur mit Text und ohne Bilder vorgestellten Alpinisten sind bloss drei Frauen, und eine rein weibliche Seilschaft sucht man bzw. frau leider vergeblich. Dabei gab (und gibt) es das durchaus, zum Beispiel Alice Damesme und Miriam O’Brien, die 1929 als erste „cordée féminine“ den Grépon traversierten und 1932 das Matterhorn bestiegen.

Brüder am SeilSchon schwieriger wäre es für das Duo Katja Solderer & Clemens Kratzer gewesen, berühmte Schwestern, ja wenigstens Geschwister am Seil zu finden. So heisst denn ihr alpinistischer Porträtband „Brüder am Seil“. Anhand aktueller und historischer Beispiele berichten die Autoren in Interviews, Reportagen und Porträts über Erfolge und Misserfolge, Motivationen und gemeinsame Pläne, aber auch über den schmerzlichen Verlust eines Bruders. Folgende Brüder-Seilschaften werden vorgestellt: Hermann, Adolph und Robert Schlagintweit; Markus und Georg Kronthaler; Otto und Emil Zsigmondy; Sean und Timmy O’Neill; Andreas und Christian Bindhammer; Claude und Yves Remy; Franz und Toni Schmid; Nicolas und Olivier Favresse; Johann und Michael Innerkofler; Martin und Florian Riegler; Eneko und Iker Pou; Willy Merkl und Karl Maria Herrligkoffer; Thomas und Alexander Huber; Reinhold und Günther Messner.

AndereggUnd wenn von berühmten Seilschaften die Rede ist: Druckfrisch ist das Buch „Pionier und Gentleman der Alpen“ von Natascha Knecht. Sie schildert Leben und Erfolge des Meiringener Bergführers Melchior Anderegg, einer der ganz grossen Figuren des sogenannten Goldenen Zeitalters des Alpinismus und der Jahre danach. Lieblings- und einziger Führer von Lucy Walker; an seinem Seil besteigt sie beispielsweise Eiger, Matterhorn und Aiguille Verte als erste Frau. Auf die Frage, warum sie nicht heirate, antwortete die Pionierin des Frauenalpinismus: „Ich liebe die Berge und Melchior – aber der hat schon eine Frau!“ Mit Leslie Stephen, Autor des wegweisenden Buches „Playground of Europe“, bildete Anderegg eine der schlagkräftigsten Seilschaften, die es je gab; die Erstbesteigungen so grandioser Gipfel wie Rimpfischhorn, Alphubel, Blümlisalphorn, Monte della Disgrazia und Zinalrothorn zeugen davon. Und so wie von Burgener ein berühmter Satz überliefert ist, gibt es einen solchen auch von Anderegg. Unter einem gefährlichen Couloir sagte einer seiner Gäste: „Es geht!“. Antwort von Melchior: „Ja Herr, es geht, aber ich gehe nicht!“

Alessandro Gogna, Alessandra Raggio: Cordées célèbres. Éditions Glénat, Grenoble 2014, Fr. 33.80.

Katja Solderer, Clemens Kratzer: Brüder am Seil. Dramen, Erfolge, Geschichten. Edition Raetia, Bozen 2014, Fr. 26.20.

Natascha Knecht: Pionier und Gentleman der Alpen. Das Leben der Bergführerlegende Melchior Anderegg (1828-1914) und die Blütezeit der Erstbesteigungen in der Schweiz. Limmat Verlag, 2014, Fr. 36.-

Grosses Fest am Samstag, 13. September 2014, ab 15 Uhr auf dem Casinoplatz in Meiringen: Einweihung der durch die einheimische Künstlerin Clarissa Kessler geschaffenen Statue von Bergführer Melchior Anderegg und seinem englischen Lieblingsgast Leslie Stephen. Grussworte verschiedene Redner, unter anderem von Adolf Ogi. Buchvernissage von „Pionier und Gentleman der Alpen“. Im Kirchgemeindehaus wird ein riesiger Anderegg-Stammbaum mit über 1500 Familienangehörigen ausgestellt. Im gleichen Raum ist eine Lichtbildershow zu sehen, die den Arbeitsplatz eines Bergführers bildlich darstellt. Noch bis zum 12. Oktober 2014 im Hasli-Museum Meiringen: Sonderausstellung zum 100. Todestag von Melchior Anderegg.

Am Villigerpfeiler

Es war eine der Traumrouten meiner Generation, gefürchtet, lange nicht wiederholt. Dann ein grosser Klassiker. Heute nur noch selten begangen. Bericht von einem Tag im Glück. (Fotos Robert Steiner)

10. September 2014

Emil_Villigerpfeiler (5 von 33)Die Nacht in der Hütte war die Hölle. Kein Schlaf, immer wieder auf die Uhr geschaut, hinaus ins Mondlicht gewankt, zur Toilette, in den Seidensack gekrochen, geschwitzt, auf die Uhr geschaut, viel zu früh aufgestanden, verschwitzt und erschöpft. Das Frühstück lustlos hinutergewürgt. Und immer wieder der Gedanke: Welcher Teufel hat dich geritten, in deinem Alter nochmals so eine Tour anzupacken? Ich kenne sie ja, 1967 Jahren kletterten ich mit Hansruedi Horisberger den Villigerpfeiler, mit Holzkeilen und schlechten Haken, viele auch selbst geschlagen, 1986 dann mit Ueli Dubach im neuen Stil mit Kletterfinken, Klemmkeilen und Friends. Ich sehe die Stelle vor mir, wo ich stürzte, kopfüber im Seil hing. Ich habe Angst. Doch Robert Steiner strahlt Ruhe und Zuversicht aus. Der Freund ist halb so alt wie ich, aber unendlich erfahrener am Berg, seine aussergewöhnlichen und dramatischen Erlebnisse füllen spannende Bücher: «Selig, wer in Träumen stirbt», «Stoneman», «Allein unter Russen» (alle Panico-Verlag).
Emil_Villigerpfeiler (9 von 33)Der Himmel ist bedeckt, wir marschieren los, mit Stirnlampen. Dann glimmt erstes Licht auf im Osten, Morgenrot. Regentropfen im Gesicht. Robert pickelt Stufen über den harten Schneekegel am Fuss des Pfeilers, ich komme am Seil nach, vergesse in der Aufregung den Fotoapparat bei den Rucksäcken auf der Moräne, beim zweiten Mal den kleinen Wandrucksack, klettere also die erste Länge dreimal. Dann gehts’s los in die erste grosse Verschneidung.
Emil_Villigerpfeiler (15 von 33)Hüttenwart Hans Berger hatte uns am Abend so richtig eingeheizt: Der Villiger werde nur noch selten geklettert. Saniert vor zwanzig Jahren, nicht immer sinnvoll, schlecht gesetzte Bohrhaken hätten sich gelöst. Der berüchtigten glatte Kamin sei auch kein Klettergenuss. Er liebe die Route eigentlich nicht. Dabei schreibt er in seinem kleinen Salbit-Führer: «Die Traumkletterei im Salbitgebiet schlechthin. Galt lange Zeit als Markstein für jeden Extremkletterer. Trotz der perfekten Absicherung bleibt diese Tour auch heute noch ein schwieriges und langes Unternehmen.»
Emil_Villigerpfeiler (20 von 33)Robert führt, anstrengende Piazrisse, Platten, ein Überhang. Ich staune wie schnell und sicher er Friends und Keile legt, wie effizient er am Stand das Material übernimmt, umhängt, gleich wieder weiterklettert. Ich komme mir dabei manchmal etwas unbeholfen vor, halte mich auch schamlos an den Expressschlingen. Heute ist rotpunkt kein Thema. Schnell müssen wir sein, es ist kalt, Nebel werden von scharfem Wind die Wand hochgetrieben, lagern sich um den Gipfel. Gelegentlich ein heller Fleck am Himmel, eine fahle Sonnenscheibe, dann wieder dickes feuchtes Gewölk. Gern lasse ich Robert weiter den Vortritt, auch an der Schüsselseillänge, wo ich meinen spektakulären Sturz tat. Plattenkletterei, dann die abdrängenden Risse und der Kamin. Da hat auch mein versierter Führer etwas zu beissen, ich folge im Stil A0, wie man sagt, kann den berüchtigten Kamin dann auf seinen Rat hin in Piaztechnik klettern.
Emil_Villigerpfeiler (24 von 33)«Wie seid ihr da früher nur hochgekommen», sagt Robert einmal. Eigentlich frage ich mich das auch, erinnere mich kaum mehr an Details. Viele Holzkeile wohl, Felshaken in verschieden Formen, kurze Strickleitern. 1962, drei Jahre nach der Erstbegehung trafen wir Fritz Villiger in der Sciorahütte. Die Route, die er mit Kurt Grüter eröffnet hatte, war noch nie wiederholt worden. Von einem Stand an Holzkeilen ging das Gerücht, ein Alptraum. «Ihr seid Jung, ihr schafft das», meinte Fritz. Drei Anläufe brauchte es, bis ich einen Meter unter dem Gipfel den letzten Haken in eine Ritze treiben konnte. Es begann gerade zu regnen. Und auch jetzt sieht es danach aus. Also weiter die Risse hoch in Piaztechnik, der Fels wird seltsam sandig, feucht, die Kletterfinken rutschen dauernd ab. Eigenartig eigentlich, dieser bröselige Fels. Ob es wegen dem nasse Sommer ist oder der Tatsache, dass hier nur noch selten jemand klettert? Das ständige Rutschen macht uns beide unsicher.
Emil_Villigerpfeiler (25 von 33)Trotzdem ermutigt mich Robert, eine Seillänge vorzusteigen, links am grossen Überhang vorbei. Die Stelle sieht von unten fast unmöglich aus, gelber Fels, aus der Nähe aber einigermassen griffig. Ich spreize hoch, turne um die Kante, dann folgen Schuppen, die gut zu klettern wären, wenn nicht alles so feucht und rutschig wäre. Die Hakenabstände sind unendlich weit, so scheint mir, ich lege schlechte Friends und erreiche endlich einen Muniring. Und nun beginnt es zu regnen. Die nassen rutschigen Platten sind uns zu riskant zum Klettern, so verzichten wir auf die letzten zwei Seillängen, seilen uns ab.
Emil_Villigerpfeiler (32 von 33)Unten auf der Moräne machen wir Rast, essen und trinken, die Sonne wärmt uns und mit der Zeit verschwinden die letzten Nebelschwaden vom Gipfel. Trotzdem: ein Augenblick des Glücks, des Abschieds. Fotos und ein Selfie zur Erinnerung und ein Handyanruf nach Hause.
Emil_Villigerpfeiler (29 von 33)