Sie & Er

Eisige Gletscher, wogende Busen, würzige Lippen. Bergerotik war schon immer deftig und heftig. Unser Rezensent rehabilitiert ein verrufenes Genre der Alpinen Literatur, das allmählich salonfähig zu werden scheint.

23. März 2015

Mimili„Ich ging im Zimmer auf und ab, ich hörte noch in meinem Innern die sanften Töne ihres Spiels, ich fühlte noch ihre Arme auf meinen Achseln, ihre würzigen Lippen auf meinem Munde, die Fülle ihres wogenden Busens auf meiner überseligen Brust.“

Dass ich Euch den alpinen Erotik-Roman „Mimili“ von Heinrich Clauren bis jetzt vorenthalten habe! Liegt es vielleicht daran, dass es den einstigen Bestseller nicht mehr als keusches Reclam-Bändchen gibt? Oder wollte ich im nächsten Jahr darauf eingehen, wenn es 200 Jahre her sein wird, dass sich der deutsche Offizier Wilhelm nach der Bergbauerntochter Mimili erstmals schier verzehrte? Und mit ihm die Leser, die im Berner Oberland verzweifelt nach dem Vorbild der Romanfigur suchten und sich mit dem Anblick der Jungfrau und ihren beiden Silberhörnern trösten mussten. Wie auch immer: Auf http://gutenberg.spiegel.de/buch/mimili-1691/1 könnt Ihr die Fortsetzung der Liebesgeschichte lesen.

Cover L'Alpe 68Wer im eben sich öffnenden Frühling Lust auf lustvolle Lektüre verspürt, sollte „Mimili“ kennenlernen. Und kann sich noch zwei weiteren Werken zuneigen. Da ist einmal die jüngste Nummer der edlen Zeitschrift “L’Alpe”: Nicht ganz zufällig ist es die 68. Ausgabe, die sich dem „Sexe de l’alpe“ widmet. Das „numéro (presque) érotique“ nähert sich mit sechs neckischen Beiträgen dem Thema Sie & Er. Da sind die gemalten Nackten im Schnee von Alfons Walde (beispielsweise auf dem Titelbild), die fotografierten von Georges-Louis Arlaud und Marcel Meys auf dem Gipfel. Dort sind die teils sehr freizügigen Plakate von Arosa und Champéry, die Maelle Tappy in einem klugen Essay enthüllt. Natürlich sind auch frivole Postkarten der felsig-eisigen Jungfrau abgebildet. Wie jene, auf der ein galanter Herr die schon etwas entblösste Dame mit folgendem Spruch unter dem Titel „Die schüchterne Jungfrau!“ ganz zu verführen versucht: „Aber liebes Kind, wir doch ganz alleine auf dieser Karte!“

Grand Hôtel - Addio NeveAlleine zu zweit sind auch die gemalten Figuren auf den Titelbildern der italienischen Zeitschrift „Grand Hôtel“. Sie meistens vollbusig wie ein Pin-up-Girl, er sportlich-locker wie James Dean. Diese Wochenzeitschrift kam 1946 auf den Markt und entführte die Leser und Leserinnen in eine bessere Welt als die Kriegsjahre. Ein Ausflug mit dem Fiat ans Meer oder in die Berge: Gab es für ein verliebtes Paar verlockendere Träume? Die Ausstellung „L’Italia di Grand Hôtel. Il sogno e la montagna“ im Museo Nazionale della Montagna „Duca degli Abruzzi“ in Torino zeigt noch bis zum 19 April 2015 eine Auswahl der hübschesten Covers. Wie beispielsweise das vom 26. Februar 1949 mit dem Titel „ADDIO NEVE!“

„Ich lag auf blumigem Rasen, und drüben die eisigen Gletscher. Selbst der Gipfel meiner Alpe war noch mit Schnee bedeckt“, lesen wir im ersten Kapitel von „Mimili“. Im dritten hat der Schnee die Unterlage gewechselt: „Mimili reichte mir aus der süßen Tiefe ihres schneeweißen Busens ein himmelblaues, einfaches Blümchen. ‚Hebt Euch das auf, und denket dabei mein. Wir nennen es Mannstreu, ich habe es heute Morgen gepflückt zu den Füßen der Bank, wo der viele Klee blüht; und nun lebt wohl, mein einziger Freund auf dieser Welt.‘“ Er ohne Sie?

L’Alpe n° 68, printemps 2015: Le sexe de l’alpe, € 18.-, Fr. 26.-. www.lalpe.com.

L’Italia di Grand Hôtel. Il sogno e la montagna, Cahier Museomontagna No. 186, € 15.-; Museo Nazionale della Montagna “Duca degli Abruzzi”, Piazzale Monte dei Cappuccini, 7, I-10131 Torino, www.museomontagna.org.

Eggenmandli versus Aktenberg

Mein Wissensdurst hinderte mich daran, Wetter und Berge vor dem Fenster zu sehen. Ich hielt meinen Blick auf Bücher gesenkt und tat so, als würde das Wetter draussen nicht stattfinden. Lange, viel zu lange mussten die Berge auf mich warten.

© Annette Frommherz

Eggenmandli 03 2015 (6)

21. März 2015

Einen halben Winter lang versuchte ich den roten Faden durch Paragraphen und Artikel zu finden, und das Zivilgesetzbuch lag schwer in meinen Händen. Der Berg vor mir bestand aus Lektüre über ein breites Thema, das es zu fokussieren galt. Kein anderer als der Liebste verstand es, mich aus Theorie und Taumel zu führen und mich auf die Skier zu stellen.
Der Südwind fegt hoch über uns, als wir im Urnerland in die Seilbahn nach Brüsti steigen. Während die Bauern im Tal bereits mit Wonne ihren Mist zetteln, heisst uns hier oben der Winter willkommen. Wir müssen die Felle gut halten, damit der Wind sie nicht wegfegt. Eggenmandli? Noch nie gehört. Unser Ziel vernimmt sich in der sächlichen und verniedlichten Form so putzig, als wäre es gar kein richtiger Berg, sondern ein Urner Maskottchen aus selbstgestrickter Wolle. Tatsächlich steht er rundum von höheren Gipfeln beschützt. Brunnistock. Wissigstock. Wissberg. Schlossberg. Sie ermöglichen es uns später, in windgeschützter Spur an Höhe zu gewinnen. Die Sonne tut dem aktengebleichten Gesicht gut, die kalte Luft reinigt die modernden Gedanken.Eggenmandli 03 2015 (19)
Wir queren den heiklen Südost-Hang des Brunnistocks, wo kürzlich zwei Nassschneelawinen sich gelöst haben. In den Lawinenkegeln liegen markant die harten Brocken von gepresstem Schnee. Doch fast schweizweit steht heute die Gefahrenstufe auf „gering“, und wir sind beizeiten unterwegs. Den steileren Aufstieg auf den Surenenpass nehmen wir im hellen Vormittagslicht. Auf der Kuppe posieren die Schneewechten wie wuchtige Wogen des Meeres; gleich müssten sie uns wegspülen.
So windstill, wie uns der Gipfel empfängt, hätten wir es uns nicht träumen lassen. Brot und Käse und endlich auch ein Gipfelkuss lassen mich die Theorien der letzten Monate gänzlich vergessen. Die Bedingungen sind so sicher, dass wir über den abschüssigen Nordosthang abfahren können, wo ein kurzer, über vierzig Grad steiler Engpass meine Fahrkünste provoziert. Der Schnee ist pulvrig und herrlich, und mein Liebster schmiegt sich in den Hang, als hätte er den ganzen Winter nichts anderes getan. Eggenmandli 03 2015 (35)Unten wird es flacher, bald müssen wir uns mit den Stöcken durch den Talboden von Waldnacht stochern. Vor uns liegt nochmals ein kurzer Aufstieg zur Bahn, die uns wieder hinunter ins Tal bringen wird, wo die Krokusse längst ihre Häupter gereckt und die Schneeglöckchen sich flächendeckend verbreitet haben. Ein Blick hinauf zum Eggenmandli. Ein schöner Berg! Ein herrlicher Tag! Wie nur konnte ich mich so lange hinter Büchern verstecken. Es darf nicht sein, dass mir die Berge abhandenkommen. Noch während ich schwöre, ist es mit meinem Handschlag besiegelt.

Naturnaher Tourismus

Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand des Bergsteigers ist … nein, nicht das Seil … es ist das Auto. Sagt ein Bonmot. Damit das nicht so bleibt, bringt ein umfassendes Handbuch Vorschläge für naturnahen Tourismus. Damit wir, wie weiland der gute Ebel, zu Fuss «nützlich und genussvoll» durchs Gebirge streifen und «fetter, muntrer» und mit gutem Gewissen wieder per OeV nach Hause zurückkehren.

16. März 2015

Cover Naturnaher Tourismus„Die Alpen gelten als Wiege des Fremdenverkehrs und sind seit 200 Jahren gesellschaftlich und wirtschaftlich auch durch den Tourismus geprägt. Der Alpentourismus durchlief alle Epochen, von der frühen Alpenbegeisterung und den Bergsteigertourismus des 18. und 19. Jahrhunderts, über den insbesondere mit dem Wintersport Einzug haltenden Massentourismus des 20. Jahrhunderts bis zu den seit einigen Jahrzehnten populären ökologischen Formen des Tourismus. Heute sind in den Alpen eine steigende Nachfrage nach naturnahen Angeboten und ein Trend zum naturnahen Tourismus festzustellen.“

Schreiben Dominik Siegrist, Susanne Gessner und Lea Ketterer Bonnelame von der HSR Hochschule für Technik Rapperswil in ihrer gross angelegten Studie zum naturnahen Tourismus. Wandern im Sommer, Schneetouren im Winter – der naturnahe Tourismus ist weit verbreitet. Für viele Destinationen, besonders in den Berggebieten, stellt der naturnahe Tourismus ein wichtiges ökonomisches Standbein dar. Für viele Schweizerinnen und Schweizer sind die heimischen Erholungsorte ein unverzichtbarer Bestandteil der Feriengestaltung. Seit der Aufgabe der Euro-Franken-Untergrenze sind die Tourismusregionen in der Schweiz noch stärker unter Druck.

Die drei Autoren haben in ihrem 309 Seiten umfassenden, mit 137 Fotos und 21 Tabellen angereicherten Werk zehn Standards für sanftes Reisen in den Alpen entwickelt. Diese wurden unter Einbezug von Experten aus sechs Alpenländern erarbeitet und in Fallstudien und von einem alpenweit tätigen Reiseveranstalter überprüft. Zu den Standards zählen Schutz der Natur, Pflege der Landschaft, gute Architektur, Raumplanung und Angebotsentwicklung, aber auch naturnahes Marketing.

Mit einer Checkliste wird Verantwortlichen von Destinationen und Regionen in der Schweiz, Frankreich, Italien, Österreich, Slowenien und Deutschland ein Werkzeug in die Hand gegeben, mit dem sie die Attraktivität ihrer Standorte steigern können. Naturnaher Tourismus spricht vor allem Inlandgäste und zahlungskräftigeres Klientel an. Die Stärkung des naturnahen Tourismus hilft somit auch, den Schweizer Bergtourismus gegen Wechselkursschwankungen widerstandfähiger zu machen. Dies ist wichtig für viele Alpenregionen, in denen es kaum wirtschaftliche Alternativen zum naturnahen Tourismus gibt. Und zugleich ist diese Art von Tourismus eine Rückkehr zu seinen Wurzeln.

„Es giebt sicher keine gesundere, stärkendere, die Lebenskräfte vermehrende Bewegung als das Reisen zu Fuss in einem gebirgigten Lande“, schreibt Johann Gottfried Ebel in seiner 1793 erstmals erschienenen „Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art in der Schweitz zu reisen“, dem Ur-Buch der Reiseführer für die Schweiz. Seine drei Nachfolger vom ILF Institut für Landschaft und Freiraum an der HSR listen in der Tabelle zu 33 Natursportarten gleich sechs verschiedene Arten von Fussreisen auf, vom Alpin- bis zum Winterwandern. Nochmals Ebel: „Die nicht zu starke und nicht zu milde Erschütterung des Unterleibs, das Athmen der reinen Bergluft, die verstärkte allgemeine und gleiche Ausdünstung, und die einfachen Nahrungsmittel, besonders die Milchspeisen, lassen die Gründe leicht begreifen. Deswegen sieht man die meisten Fussreisenden aus den Gebirgen fetter, muntrer, und an Körper und Seele thätiger zurückkehren.“ Und den Bereisten ergeht es hoffentlich ähnlich gut oder besser.

Dominik Siegrist, Susanne Gessner, Lea Ketterer Bonnelame: Naturnaher Tourismus. Qualitätsstandards für sanftes Reisen in den Alpen. «Bristol Schriftenreihe» Band 44. Haupt Verlag, Bern 2015, Fr. 36.- www.haupt.ch

Die Buchvernissage findet am Dienstag, 17. März 2015, um 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz in Bern statt. Ansprachen von Lea Ketterer Bonnelame und Dominik Siegrist, Mario Broggi von der Bristol-Stiftung sowie von Nationalrätin Silva Semadeni, Präsidentin Pro Natura. Anschliessend gibt es Apéro.

Der Falke am Cucco

Eine Begegnung im Fels, die Vogelschützern keine Freude gemacht hätte. Die Strafe folgt im Flug.

15. März 2015

Monte CuccoEs gibt Routen, die sind einfach Pflicht. Zum Beispiel «Oggi in stereo» am Monte Cucco, Finale. Kein Gedränge heute, doch am Einstieg hängt ein Zettel in einer Plastikmappe: «birds eggs! uova di rapace!» Brütende Vögel! Vielleicht der Grund, dass in diesem Sektor niemand klettert. Aber wo brüten denn die Vögel? In irgend einem der Löcher, die in dieser Route so schönen Griff bieten? Schwalben kreisen um die Wand, aber das sind wohl keine Felsenbrüter.
Wir packen das Seil aus, schauen links, schauen rechts, ob da nicht aus einem Gebüsch ein militanter Vogelschützer auftaucht und uns von der Wand prügelt. Aber wir sind ja nicht im Donautal … Und die italienischen Ornithologen wohl etwas toleranter als jene nördlich der Alpen … Schliesslich haben wir hier bei Freunden auch schon kleine Vögel am Spiess als Delikatessen serviert bekommen. Geschmackssache allerdings.
Also packen wir mal eine Route einige Meter rechts von «Oggi in stereo» an. Immer mit Blick hinüber zu den Löchern, aber da tut sich nichts. Beim Ablassen pendle ich vorsichtig zum grössten Loch, das ich bestens kenne. Kurz vor dem Ausstieg aus «Oggi in stereo», ein Untergriff und dann die Kante gepackt und ein scharfer Klimmzug und hinein in die kleine Höhle. Rasten, Arme schütteln. Dutzende Male gemacht. Und dann der Wunsch, einen Haken zu hängen, aber der winkt rechts in der Höhe, nach ein paar luftigen Tritten … Ein ideales Vogelnest, gewiss, und da liegt auch ein Federchen an der Kante. Also ablassen. Noch immer kein Vogelschützer in Sicht. Nun wage ich die Route gleich neben der gesperrten, «Domani in mono». Der Herrscher aller Wesen der Lüfte soll mir verzeihen. Ständig blinzle ich hinüber und hätte wohl besser auf meine Füsse geblinzelt, wo die denn stehen oder eben nicht, denn schon sind sie abgeschmiert und nun bin ich selber ein Vogel, der fliegt und fliegt … Der Grosse Vogel straft sofort!
Wanderfalke_579Gut, hat’s niemand gesehen. Also am Seil hochgezogen zum Haken und weiter, etwas vorsichtiger und ohne Blick zum Vogelnest. Und wieder pendle ich beim Ablassen vorsichtig hinüber, noch ein bisschen näher, und dann schauen wir uns verwundert an, der brütende Wanderfalke oder die Wanderfalkin. Ein grosses schönes Tier, braungrau gesprenkelt, weisse Brust, Krummschnabel. Und ich hoffe inständig, liebe Falkin, dass ich dich nicht allzu sehr erschreckt habe.
Es waren jedenfalls weise Kletterer, die den Zettel an den Einstieg gehängt haben. Ich hoffe, er wird auch noch respektiert, wenn um Ostern der grosse Run auf die Felsen der Gegend einsetzt. Und auch richtig verstanden, nicht dass einer noch meint, es handle sich um ein spektakuläres Versteck für Ostereier.
Die Brut der Wanderfalken dauert über einen Monat, lese ich, die Jungen fliegen nach über vierzig Tagen aus und bleiben dann noch einige Wochen im Revier. Um «Oggi in stereo» dieses Jahr nochmals zu klettern, müssen wir wohl im Herbst wiederkommen.
Am Abend sind wir übrigens von Freunden eingeladen in ein feines Restaurant am Villenhügel von Finale namens «Cucco». Hat aber nichts mit dem Kletterberg zu tun, sondern mit einem Partisanenführer, der so genannt wurde, und dessen Söhne heute das Lokal führen. Auf der Karte gibt’s vor allem Fisch – keine Vögel.

(Bilder aus dem Internet)

Welt & Gstaad

Früher war alles besser. Der Schnee unberührt, nicht plattgewalzt, Winterferien in der Schweiz noch bezahlbar, nicht überrissen, die Schwarzweissfotos von verschneiten Bäumen und Bergen poetischer und einfach schöner, die Menschen glücklicher. Bildbände wie dieser des Fotografen Jacques Nägeli aus Gstaad lassen uns von verschwundenen Welten träumen.

5. März 2015

Welt & Gstaad„An expert ski-er flashing down a slope or a noted ski-jumper in the act of jumping will often inveigle the small camera owner into clicking his shutter, and the result in most cases will be nothing but a disappointing blur.“

Eine Warnung von F. McDermott im Kapitel „Winter Sports Photography“ aus seinem 1928 erschienenen Buch mit dem hübschen Titel „How to be happy in Switzerland (Winter Sports)“. Einer, den die hinunter flitzenden oder in die Luft spritzenden Skifahrer durchaus zum Festhalten mit der Kamera verführten, war der Gstaader Fotograf Jacques Naegeli (1885-1971). Doch seine Fotos zeigen keine enttäuschenden Flecken, sondern machten alle glücklich – und tun dies immer noch: den Fotografen, die Wintersportler, die Betrachter einst und heute. Naegeli eröffnete 1914 als erster Berufsfotograf sein Geschäft in Gstaad, an bester Stelle mitten im Ort, der sich nach der Eröffnung der Montreux-Oberland-Bahn im Jahre 1904 fast so schnell wie die Skifahrer flashing down a slope vom Bauerndorf zur besten Hoteldestination entwickelte. Naegeli hielt diese Entwicklung während seiner über 50-jährigen Geschäftstätigkeit mit der Kamera fest.

Nie sah Gstaad und das Saanenland schöner und unschuldiger, sonniger und sportlicher aus als auf den schwarz-weissen Fotos von Naegeli. Und gleichzeitig auch gemütlicher: Nicht blitzschnell nach oben fahrende Sessellifte brachten die Skifahrer an Schneekanonen vorbei in die Höhe, sondern der Funischlitten oder der Raupenlastwagen durch tief verschneite Spuren. Da war die weisse Winterwelt noch schwer in Ordnung, da war man das, was McDermott versprach.

Und wir sind es wieder, weil nun erstmals ein Buch das ganze Werk von Jacques Naegeli zeigt. Nicht nur die verführerischen Seiten des Saanenlandes mit den verschneiten Bäumen und Bergen, den intakten Bauernhäusern, den mondänen Bauten und Bädern, sondern auch die auch die weite Welt, vom Mittelmeer bis zum Viktoriasee. Eine Entdeckung. Ein Schwelgen in 296 Bildern in einem sehr gepflegt und klug geordneten Bildband. Im Mittelpunkt natürlich: Gstaad. Die Leser, welche McDermott’s Ratgeber für bare Pounds nahmen, werden dort gewesen sein. Denn in der „Alphabetical List of the Fifty Principal Winter Sports Resorts in Switzerland“ empfiehlt er: „The novice who has never been to Switzerland before could scarcely make a better choice of a resort than Gstaad.“ Was Naegeli wiederum happy gemacht haben dürfte, schliesslich kauften diese Touristen seine Postkarten.

Welt & Gstaad. Photo Jacques Naegeli 1885-1971. Herausgegeben von Suzanne Potterat und Christian Högl. Kulturbuchverlag Herausgeber.ch, Riedtwil 2014, Fr. 48.- www.herausgeber.ch

Photoausstellung Jacques Naegeli im Museum der Landschaft Saanen, 6. Dezember 2014 bis 5. April 2015, 23. Mai bis 17. Oktober 2015. www.museum-saanen.ch.

Grenzsteine

Ein Gebiet zu Fuss umrunden hat etwas Beschwörendes: Dass die Grenzen denn nur bleiben wie sie sind. Gerade jetzt in dieser Zeit, wo wieder Grenzen verschoben werden, Steine hin oder her. Also macht euch auf die Socken, umrundet eure Gemeinde, euren Kanton, euer Land! Vielleicht genügt ja auch das Lesen der entsprechenden Wanderführer.

24. Februar 2015

Cover AG„Die Spannung steigt. Der erste Grenzstein naht. Dort! Ein Monolith von 1764. Eingemeisselt das Berner Wappen. Der Bär von links nach rechts gehend, heraldisch falsch und dennoch Zeugnis geopolitischer Machenschaften aus der Zeit vor dem Wiener Kongress. Der Bär als Grenzsymbol zwischen Aargau und Solothurn. Toleranter Aargau. Schmaler Weg durch den Pfaffentann. Schwere Flocken fallen auf matschigen Boden. Schmal auch die Grenzsteine. Hinüber kurz nach Solothurn. Im Westen dunkler Himmel. Die Sturmfront naht.“

Kurze Passage des ersten Tages der langen Wanderung rund um den Kanton Aargau, die René P. Moor vom 7. Januar 2012 bis zum 3. August 2013 unternommen hat. Nicht an einem Stück, sondern immer wieder, zu verschiedenen Jahreszeiten, mit verschiedenen Leuten, aber immer schön der Reihe nach, und am Schluss noch um die Exklave des Klosters Fahr herum. Insgesamt 383 km, verteilt auf 20 Etappen. Auf der ersten – mit dem ersten Grenzstein – von Aarau nach Olten, 22.9 km, 560 m Aufstieg, 550 m Abstieg, 5 Std. 50 Min. reine Wanderzeit, 8 Grenzüberschreitungen. Lesen geht schneller: 210 Seiten weist das handliche Buch „Aargau rundum. Zu Fuss entlang der Kantonsgrenze“ auf.

Die fussgängerische Umrundung und Erkundung eines Kantons so ziemlich mitten in der Schweiz. Durchschnitt pur. Aber eben doch nicht: Wer mit René wandernd oder lesend unterwegs ist, lernt ein wichtiges Stück Schweiz besser kennen. Denn er schreibt nicht nur über den Weg und die Grenzsteine, sondern schaut über den Wegrand hinaus, stellt bekanntere und völlig unbekannte Sehens- und Wissenswürdigkeiten vor, isst für uns Aargauer Schokolade (Chocolat Frey, die seit 1950 der Migros gehört, mit einem Marktanteil von 35% in der Schweiz), trinkt ein Feldschlösschen und hat immer ein Buch der reichhaltigen Literatur aus diesem Kanton im Rucksack.

Cover GENach Fläche ist der Aargau der zehntgrösste Kanton in der Schweiz, nach Einwohnern aber die Nummer vier. Eine viel höhere Dichte weist ein anderer eidgenössischer Kanton auf, der noch ein bisschen jünger ist als der Aargau mit Geburtsjahr 1803. Es ist der Kanton Genf, der am Wiener Kongress 1815 der Eidgenossenschaft angegliedert wurde, wie Neuenburg und Wallis. Flächenmässig ist Genf der sechstkleinste Kanton, einwohnermässig jedoch der sechstgrösste. Während Aargau an sechs Kantone grenzt und mit dem Rhein an Deutschland, ist Genf fast ganz von Frankreich umgeben und nur auf einem schmalen Stück Land mit dem Kanton Waadt und so mit der Schweiz verbunden. Allerdings liegen auf Waadtländer Grund noch zwei Genfer Exklaven: „De quoi satisfaire l’amateur de bornes le plus exigeant,“, schreibt Olivier Cavaleri in seinem vierten Führer zur „Histoire de bornes“ in der Romandie. Nach der geschichtlichen Erkundung des Grenzverlaufs im Jura neuchâtelois und vaudois sowie zwischen Frankreich und dem Wallis hat sich der welsche Grenzsteinspezialist den Frontières de Genève angenommen. 20 Wanderungen und zahlreiche Exkurse lassen die Herzen der Grenzschlängler höher schlagen. Mit Genf rundum zu Fuss würde ich warten, bis die Sturmfronten durchgezogen sind: Die Promenades franco-suisses sind im späteren Frühling am schönsten.

René P. Moor: Aargau rundum. Zu Fuss entlang der Kantonsgrenze. Edition Wanderwerk, Burgistein 2014, Fr. 26.-. Zu bestellen unter www.wanderwerk.ch

Olivier Cavaleri: Histoire de bornes. Les frontières de Genève. Balades – découvertes – histoire. Editions Slatkine, Genève 2014, Fr. 34.- www.histoiredebornes.ch

150 Jahre SAC Pilatus

Kletterverbote sind eher aus unserem nördlichen Nachbarland bekannt. Nun hat unser Rezensent aber ein hiesiges entdeckt, es betrifft einen so genannten «Honigstein» und der gehört schon seit 1872 der Sektion Pilatus des SAC – ausgerechnet – und die wird dieses Jahr 150jährig. Man muss die Feste feiern wie sie fallen. Und halt auf den Pilatus klettern, statt auf den Honigstein. Der wird dafür in der schönen Festschrift gewürdigt.

16. Februar 2015

Cover 150 Jahre SAC PilatusVom fernen Wallis kam einst ich her
Auf des Rhonegletschers eis’gem Rücken;
Und jetzt, gestrandet, verlassen und bedroht
Von Geldes und arger Menschen Tücken
Steht mir der SAC zu treuer Wehr.

Am 21. April 1934, dem Tag der 70-Jahr-Feier der Sektion Pilatus des Schweizer Alpen-Clubs, erhielt der Findling von Roggliswil in der Nordwestecke des Kantons Luzern die obige Inschrift auf einer bronzenen Tafel. Seit 4. Augst 1872 steht der Honigstein, wie dieser wunderbar in der hügeligen Landschaft liegende Stein auch genannt wird, unter alpenclubistischem Schutz; die Sektion Pilatus kaufte ihn für 100 Franken dem Bauer ab, auf dessen Land er stand. Bohrlöcher zeugen aber noch davon, dass er wie sehr viele erratisches Blöcke in der Schweiz auch ein anderes Schicksal hätte erleiden können; ein Teil von ihm wurde beim Bau eines Schulhauses und einer Kapelle gebraucht. Nun ist er Naturdenkmal, Ausflugsziel und das Wahrzeichen von Roggliswil.

Dem Honigstein ist eine Seite gewidmet im Jubiläumsbuch der neunten Sektion des SAC. Der Club wurde am 19. April 1863 im Bahnhofsgebäude Olten gegründet, zählte bis Ende jenes Jahres sieben Sektionen und vergrösserte sich im folgenden um zwei: am 4. Januar 1864 um die Sektion Rätia in Chur und am 31. März um die Sektion Pilatus in Luzern. Zu ihrem runden Geburtstag gab die jubilierende Sektion aus dem Herz der Schweiz eine interessante, abwechslungsreiche und klassisch illustrierte Jubiläumsschrift heraus, die alle Aktivitäten der Sektion abdeckt, von der Andenfahrt bis zur Zukunft im Jahre 2039. Im Untertitel heisst die Schrift „150 Jahre SAC Sektion Pilatus“, im Haupttitel schlicht „150“. Eine Zahl, die man sich in diesem Jahr in alpinistischen Sachen wird merken müssen.

Zum Beispiel: 150 ans de la Section genevoise du Club Alpin Suisse (am 14. Mai 1865 in Genf gegründet; 1. Präsident wurde der Zahnarzt François Thioly, der am 3. August 1868 die erste Überschreitung des Cervin von Zermatt nach Breuil unternahm). Bleiben wir doch grad im Wallis: 150 SAC Sektion Monte Rosa (am 4. Oktober in Sitten gegründet). Und in diesen knapp fünf Monaten passierte allerhand zwischen Rhonegletscher und Genfersee. Auswahl von ein paar Gipfeln, die erstmals betreten wurden: Dammastock (durch den SAC-Mitbegründer Albert Hoffmann-Burckhardt mit seinen Führern), Gross Grünhorn und Lauterbrunnen Breithorn (durch den SAC-Mitbegründer Edmund von Fellenberg), Aiguille du Chardonnet, La Ruinette, Grand Cornier, Obergabelhorn. Fehlt da nicht ein ganz grosser Gipfel? Mais oui: das Matterhorn!

Mehr zu diesem berühmtesten Kletterberg der Welt ein ander Mal. Hier bloss noch eine Bemerkung zum Honigstein. Eine unübersehbare Tafel beim kurzen Zugangsweg über Ackerland listet die Besuchsregeln auf: „Kein Reitweg für Pferde/Ponys und Esel“ oder „Beim Stein nicht campieren und auch keine Brätelstelle errichten“. Und, extra gross vermerkt: „Klettern verboten.“

150. 150 Jahre SAC Sektion Pilatus. 2014. ISBN 978-3-85902-398-7. Fr 39.- plus Fr 8.50 für Porto und Verpackung. Zu bestellen unter SAC Sektion Pilatus, Postfach 7844, 6000 Luzern 7, oder unter chronik@sac-pilatus.ch.

Stöcklichrüz

Skitour auf einen Hügel am Zürichsee – ein seltenes Ereignis. Der anhaltenden Kälte und dem strahlenden Wintertag sei Dank.

13. Februar 2015

P1040463Im Zug kommt mir wieder mal ein alter Witz in den Sinn. Welches ist die lustigste Bahnstation der Schweiz? Siebnen. Weil man vor Lachen aussteigen muss. Heute steigen wir aber nicht vor sondern in Lachen aus. Und der Himmel lacht, wenn wir schon bei dem lustigen Thema sind. Hochnebel war angesagt, nichts davon ist zu sehen. Nur weisse Winterlandschaft im Sonnenlicht. Wo’s hochgeht, ist leicht zu finden, die Tour ist eine Piste. Wir sind, wie immer, zu spät für den unberührten Pulverschnee, aber was solls. Wer ihn heutzutage sucht, muss spätestens bei erheblicher Lawinengefahr losziehen, sonst kommen einem andere zuvor. Ausser das Wetter und die Kälte schenken einem einen so schönen Skiberg wie das Stöcklichrüz im Pulverschnee, was wegen der Klimaerwärmung nur noch alle paar Jahre mal vorkommt.
Frohgemut fellen wir hoch, überholt von ein paar Schnellen. Beim ersten Kreuz gibt’s Rast und Tee. Der Hügel macht seinem Namen Ehre, auch am Gipfel schauen zwei Kreuze ins Tal, eins in die March, das andere nach Einsiedeln mit dem Kloster. Der höchste Punkt ist einem Triangulationsdreieck vorbehalten. Die Landestopografie (also Wissenschaft) steht hier über der Religion (also dem Glauben). Das macht das Stöcklichrüz irgendwie säkular, trotz dem religiösen begründeten Namen.
P1040477Aber wir sind ja noch im Aufstieg. Früher muss die Tour wohl jedes Jahr machbar gewesen sein, gehörte sie doch ins Standardprogramm als Einsteigertour bei der IO des SAC Bachtel, der ich damals angehörte. Ich sehe den IO-Leiter noch vor mir, Walter Z., eine Art Vaterfigur mit weisser Dächlikappe, Knickerbockern, einem Rubi-Rucksack mit Lederboden und stets eine Zigarette im Mundwinkel. Ruhig und bestimmt, eine Autorität. Mit uns jungen Wilden hatte er eher Mühe, weil wir lieber privat kletterten, als auf IO-Touren. Am ehesten kamen noch Skitouren in Frage. Also hiess es: teilnehmen oder den ausgeliehenen Eispickel wieder abgeben. Ich entschied mich fürs Abgeben.
Auf jener Skitour im Bündnerland war ich nicht dabei, als es passierte. Die IO fuhr ab von einem Gipfel auf eine Alp, ein Prachtstag wie heute. Fünf starke Skitourengänger baten den Chef, nochmals zu einem weiteren Gipfel aufzusteigen, Walter hatte nichts dagegen. Die Fünf wurden von einer Lawine verschüttet, vier nur noch tot geborgen. Darunter mein Kletterfreund Hans T. Der Fall endete vor Bundesgericht, das Walter Z. wegen fahrlässiger Tötung verurteilte. Er hatte den Lawinenbericht nicht beachtet. Er habe zeitlebens unter dem Urteil gelitten, sagte man, ist wenige Jahre darauf verstorben. Ich bin kein Jurist, habe mich aber nach dem schweren Militär-Lawinenunglück an der Jungfrau im Jahr 2007 gewundert, dass die Bergführer freigesprochen wurden, trotz sehr schlechtem Lawinenbericht. Das Bundesgerichtsurteil im Fall der IO Bachtel sollte ja eigentlich wegweisend sein, Gregor Benisowitsch ist in seiner alpin-juristischen Dissertation ausführlich darauf eingegangen.
Vielleicht wälze ich an diesem so schwerelosen Tag am Stöcklichrüz so schwere Gedanken, weil in den letzten Tagen wieder viele Menschen in Lawinen umgekommen sind. Darunter eine Gruppe der SAC-Sektion Lägern. Und ein Tourenleiter der Sektion Bachtel am Gulmen, einem Hügel, von dem man sagt, da könne man bei jeden Verhältnissen hinauf. Wie aufs Stöcklichrüz.
P1040473Inzwischen sind wir auf dem Gipfel angekommen, der Biswind bläst und lässt die gefühlte Kälte absinken. Schnell die Felle weg, kurz in die Runde geschaut: Bachtel, Säntis, Bockmattli, Vrenelisgärtli, irgendwo die Mythen. Alles im hellen Licht, schneebedeckt, und in der Tiefe der mattgrüne See, Rapperswil, die Inseln, der Damm. Und Lachen, das Dorf, das mit neuen Wohnquartieren fast zur Stadt gewachsen ist. Dann Picknick an einem windgeschützten Schneehang, Abfahrt auf der verkrusteten verfahrenen Piste, gelegentlich noch ein unberührtes Stück Pulverschnee. Ein paar Schwünge, ein bellender Hund bei einem Hof, die letzte leicht geneigte Fläche mit Stockhilfe. Ein alter Mann, dem wir auf der Strasse begegnen, sagt: «Ah, die Stöckliabfahrt.» «Ja, und zuvor der Aufstieg», sagt einer von uns.

(Fotos Heini Gächter)

Weissenstein

Der Berg ruft, heisst ein Gemeinplatz. Geht’s um den Weissenstein, so ruft der Berg nach Bahn. Dabei gibt’s ja auch schöne Wanderwege hinauf und jetzt, wo der Weissenstein wirklich weiss ist, geht’s auch mit Ski und Fellen. Das vorgestellte Buch wendet sich jedoch definitiv nicht an die Selbstbeweger, sondern an jene, die gerne schweben oder sässelen oder sich schleppen lassen. Und davon gibt’s bekanntlich mehr als genug.

10. Februar 2015

Cover Weissenstein“Die Alpenansicht vom Weissenstein ist namentlich im Winter unvergleichlich; während ein unendliches Nebelmeer über Tälern und Hügeln wogt, leuchtet oben die strahlende Sonne und spendet gesunde Wärme bis zu 32° Celsius; dazu grüsst aus dem Süden der glitzernde Kranz der Alpen vom Säntis bis zum Mont Blanc, und im Norden erheben sich, Inseln gleich, die Erhöhungen der Vogesen und des Schwarzwaldes aus dem grauen Meer. Der Weissenstein bietet vor allem ein vorzügliches Skiterrain, namentlich für Anfänger; ein zum Kurhaus gehöriges Gebiet von über 100 Hektar, in dem Sprunghügel errichtet sind, ist für ausgiebiges Training ganz besonders geeignet.“

Diese Aussichten auf Berge und Bewegung oberhalb der „reizenden mittelalterlichen“ Stadt Solothurn verspricht der 1912 in zweiter Auflage erschienene Führer „Winter in der Schweiz: Wintersport und Winterkuren“ von Adolf Eichenberger und seinen Mitarbeitern wie Alt-Nationalrat Dr. Albert Gobat, Jacob Christoph Heer, Pfarrer Camill Hoffmann und Gustav Hügel. So möchte ich auch zum Nachnamen heissen, um über Wintersport zu schreiben: Hügel. Allerdings schrieb der Gustav kaum übers Skifahren, wie mich Wikipedia belehrte: Der Österreicher wurde 1887, 1889 und 1900 Weltmeister im Eiskunstlauf.

Doch zurück auf den Weissenstein, den Solothurner Hausberg mit dem Kurhaus auf 1284 Meter über dem Mittelmeer. Der Führer von 1912 empfahl den Aufstieg mit Wagen von Gänsbrunnen, mit dem Schlitten von Oberdorf – und natürlich zu Fuss von Solothurn aus. Dabei wäre es damals schon möglich gewesen, mit einer Drahtseilbahn an die winterliche Wärme zu rattern – wenn sie denn gebaut worden wäre. Die Konzession für ein solothurnisches Projekt lag am 21. Dezember 1904 vor und wurde gar bis zum 1. Januar 1915 verlängert. Nur eben, in die Tat und Juralandschaft wurde es nicht umgesetzt, sowenig wie eine Zahnrad- und eine Luftseilbahn, deren Projekte ebenfalls in jenen Jahren eingereicht wurden. Und auch der Personen- und Güteraufzug „Porta Jura“, der aus dem Weissensteintunnel der Solothurn-Moutier-Bahn in einem 500 Meter tiefen Vertikalschacht auf die sonnige Matte geführt hätte, blieb spätestens im Oktober 1935 im Dunklen, als das Projekt zurückgezogen wurde. Die Idee der „Porta Alpina“ im Gotthard-Basistunnel war also nicht so revolutionär, wie man vielfach glaubte.

Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war es endlich möglich, mit der Bahn zum Kurhaus zu fahren: mit der von-Roll’schen Sesselbahn des Typs VR 101. Quer zur Fahrtrichtung sitzend, Wind und Wetter ausgesetzt, schwebten die Besucher vom 29. Dezember 1950 bis zum 1. November 2009 in die unvergleichliche Höhe und wieder hinab. Die Sesselbahn am Weissenstein war die zehnte ihrer Art in der Schweiz. Total wurden schweizweit 13 VR-101-Bahnen (ohne temporäre Anlagen) gebaut: 12 Sessel- und 1 Gondelbahn. Die erste Anlage dieser ersten kuppelbaren 2er-Sesselbahn der Welt entstand 1945 in Flims. Das System war ein Verkaufsschlager. So waren an der Weltausstellung in New York 1964/65 gleich zwei VR 101 mit Frischluft-Kabinen à vier Personen in Betrieb – der Swiss Sky Ride.

Die Bergbahngeschichte am weissen Solothurner Hügel von den Anfängen bis zur neuen Gondelbahn, mit Schwerpunkt auf der altehrwürdigen Sesselbahn, um deren Erhalt jahrelang gekämpft und gestritten wurde: Das schildert ein sehr schön gemachtes Buch, mit vielen spannenden Themen nicht nur für Bahntechnik-Freaks, mit tollen Fotos von der nun abgebrochenen Sässelibahn, mit einer Übersicht über alle VR-101-Bahnen in der Schweiz und mit einem Film (in der beigelegten DVD).

Wie seilbahn-weissenstein.ch zu entnehmen ist, sind heute die Schlittelwege Nord und Süd offen. Am 21./22. Februar 2015 finden zudem die 1. Schneesporttage auf dem Weissenstein statt, mit Langlaufen, Biathlon, Schneeschuh- und Winterwandern, Schlitteln, Raclette-Hüsli, Schneebar und Après-Ski. Skifahren? Das war gestern. Zum Beispiel am 8. Februar 1908, beim ersten Skirennen auf dem Weissenstein. Die Abfahrtsstrecke, so heisst es im Buch „Der Weissenstein bei Solothurn. Natur und Geschichte unseres Juraberges“ von 1952, „erstreckte sich vom Weissensteinsignal oberhalb des Kurhauses in gerader nordwestlicher Richtung ein Stück den Schitterwald hinunter. Dann stapften die jungen Fahrer unter den blitzenden Kristallgirlanden des schweigenden Forstes hinauf über die schneeige Weite bis zur Röti und glitten stolz zum Kurhaus zurück.“

Die Sesselbahn am Weissenstein 1950–2009. Bergbahngeschichte von 1904-2014. Dokumentiert von Christian Schneider, Benjamin Forter, Wolfgang Wagmann, Katharina Arni-Howald, Toni Kaiser und Peter-Lukas Meier. Rothus Verlag, Solothurn 2014, Fr. 48.-

Alpenorte

Mann und Frau, eingeschneit in einer Alphütte. Wie das endet, kann man sich denken. Oder im ersten der beiden vorgestellten Bücher nachlesen. Dass bei Winterferien in den Alpen das Skifahren Nebensache ist, ist bekannt. Es muss ja nicht immer in der Alphütte funken, auch andere Formen alpiner Architektur fördern den Wintergenuss. Details dazu im zweiten Buch.

31. Januar 2015

Cover Ski heilEr sah sie an und hätte sie am liebsten in seine Arme geschlossen, aber er bezwang sich.
„Darf ich fragen, wie Sie geschlafen haben?“
„Na, die Betten im Hotel Engadin Kulm sind ja etwas weicher. Ich glaube, ich fühle meine sämtlichen Knochen, aber geschlafen habe ich trotzdem vorzüglich. Es ist wohl noch fürchterlich früh, daß Sie das kostbare Petroleum wieder verbrennen.“
„Leider nein! Es ist schon fast halb zehn.“
„Dann können wir ja gleich gehen?“
„Auch das nicht. Wir sind regelrecht eingeschneit, und ich kann nicht einmal die Tür öffnen.“
„Herrgott, dann können wir wieder nicht fort?“
„Ich glaube schwerlich, denn es schneit noch immer.“
„Dann müssen wir womöglich bis zum Frühjahr hier bleiben und werden ganz verschüttet? Ja, bis dahin sind wir ja längst tot!“

Werden sie natürlich nicht sein, die Helden in „Ski-Heil! Sportroman“ von Otto von Hermsdorf (alias Otfrid von Hanstein). Das 120-seitige, westentaschengrosse Büchlein erschien als Band 16 der Lipsia-Bücher der Vogel & Vogel G.m.b.H. in Leipzig um 1920. Der Roman, eigentlich mehr eine Erzählung, schildert das halb zufällige Zusammenkommen von Erna von Schuckmann und Victor von Holten in einer tiefverschneiten Oberengadiner Alphütte. Er rettet sie aus dem Schnee – und aus den Ansprüchen eines New Yorkers. Mit einem Smartphone wie heute hätten die beiden wahrscheinlich nicht in der Hütte übernachten müssen. Für Erna & Victor wird sie immer ein besonderer Alpenort bleiben, mehr noch als das Hotel Kulm in St. Moritz.

AlpenorteAlpenorte mit besonderer Architektur stellen Claudia Miller & Hannes Bäuerle in einem gediegen gemachten Bildband vor, auf 184 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Fotos und Plänen. Von Häusern, die seit Generationen im Familienbesitz sind, über modern sanierte Chalets und zu Hotels umgebaute Ställen bis zur einsamen Hütte: So weit reicht das Portfolio der 25 vorgestellten Bauten. Zehn befinden sich in Österreich, neun im Südtirol, vier in Bayern und nur gerade zwei in der Schweiz (das Hotel Piz Tschütta in Vnà im Unterengadin und die Monte-Rosa-Hütte). In „Alpenorte – über Nacht in besonderer Architektur“ geht es aber gerade nicht nur darum – die Autoren erzählen auch von den Geschichten der Betreiber über Entstehung oder Weiterführung des Hauses und vom Leben und den Menschen in den Alpen, jedenfalls an solch vorzüglichen Orten. Wenn man in diesem Buch blättert und sich die wunderbaren Wohnzimmer, heimeligen Schlafkojen, gemütlichen Küchen und sonnigen Balkone anschaut, so möchte man gleich dorthin fahren (ist auch meistens möglich) und ein paar Tage ausspannen. Mit passender Begleitung und Lektüre. Etwas Schneefall darf auch nicht fehlen.

Claudia Miller, Hannes Bäuerle: Alpenorte – über Nacht in besonderer Architektur/Alpine Retreats – unique hotel architecture. Edition Detail, München 2014, 49 €