111 Gründe, klettern zu gehen

Der Dichter und wilde Bergsteiger Ludwig Hohl liess nur einen Grund gelten, klettern zu gehen: Um dem Gefängnis zu entrinnen. Malte Roeper erweitert das Repertoire des letztlich unerklärbaren Kletterdrangs um 111 Gründe – sicher nicht alle so tierisch ernst gemeint wie jener unseres alpinen Säulenheiligen.

29. Juni 2016

Cover 111 Gründe„Im Moment ‚muss‘ ich in diesem Schönwetterloch in die Berge.“

Das schrieb mir am Dienstag, 28. Juni 16, um 6.52 Uhr Urs Schallberger, Präsident der SAC-Sektion Uto von 1994 bis 2001, in einem Mail – wie viele von uns hätten es ihm gerne gleich getan? Viele, nein: wohl alle. Ein schöner Sommertag ist ein sehr guter Grund, um in die Berge zu gehen. Es gibt noch andere.

Genau 111 Gründe zählt der deutsche Schriftsteller, Bergbuchautor und Extrembergsteiger Malte Roeper in seiner jüngsten Publikation auf. 111 Gründe, klettern zu gehen. Aber nicht nur klettern, im Fels und Eis, sondern auch bergsteigen und skitourengehen, ja gar slacklinen und brückenspringen. Bouldern sowieso. In zehn Seillängen teilt er die Argument-Route auf.

1. Das drollige Dutzend. Die zwölf schönsten Motive für nutzloses Tun. Zum Beispiel: „Weil es männlich ist.“ Klar – auch „weil es weiblich ist.“
2. Es gibt viel zu tun! Betätigungsformen des Homo verticalis. „Weil es Nordwände gibt.“
3. Fels ist nicht gleich Fels. Die verschiedenen Gesteine. „Weil es Bruch gibt.“
4. Wir ziehen auf Abenteuer, Teil 1. Magische Orte. „Weil es Berghütten gibt.“
5. Wir ziehen auf Abenteuer, Teil 2. Legendäre Wände und Routen. „Weil es das Matterhorn gibt“ – gibt es denn ein Bergbuch ohne den Berg der Berge?
6. Alpine Kultur. Bücher und Filme. „Weil es Reinhard Karl gab.“ Und wo ist Reinhold?
7. Organisierte Zusammenrottungen des Homo verticalis. Vereine und so. „Weil es die ‚Liebesnadler‘ gibt.“
8. All das schöne Spielzeug. Was wir brauchen, um hoch zu kommen. „Weil es Rucksäcke gibt“ – irgendwo müssen wir das ganze Zeugs ja verstauen, wenn wir die Schönwetterfenster ausnützen. Für die Regenwände braucht’s noch mehr Material.
9. Eine Heerschar cooler Charaktere. Unsere Idole. „Weil es Chongo Chuck gibt“ – was ist das nun schon für ein Kerl?
10. Höhen und Untiefen. Philosophisches zum Thema Klettern. „Weil der wahre Gipfel immer die Kneipe ist“ – Grund 110. Den letzten Grund lassen wir mal aussen vor – passiert halt immer wieder. Denn, wie es bei Grund 6 heisst: „Das einzige Gesetzt, das wirklich gilt – ist das der Schwerkraft.“

Ein Prost auf Malte! Weil er unterhaltsam schreiben kann. Nicht immer objektiv, aber das muss er ja nicht. Nicht wirklich alle Gründe aufzählend, aber das ginge sowieso nicht. Schöne und weniger schöne Geschichten aus der grossen und kleinen Geschichte der Bergsteigerei erzählt er, mit Schwerpunkt auf seiner Zeit. Vielleicht liegen ein paar „Weil“ auch etwas neben der Route. Doch beim übernächsten Grund bringt uns Malte ganz sicher zurück auf seinen richtigen Weg. Nur am Eiger griff er meterweit daneben. Denn auf den freistehenden Pilz am Rande der Nordwand führt die Route Magic Mushroom, nicht Deep Blue Sea. Ob er in Gedanken bereits am nächsten Buch kletterte? 112 Gründe, ans Meer zu fahren. Wie sagen die Franzosen doch? L’année prochaine, j’irai à la mer.

Malte Roeper: 111 Gründe, klettern zu gehen. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2016, Fr. 13.50

 

Le Salève

Frankenstein, Schweizer von Geburt, war auch ein wilder Bergsteiger, muss man annehmen, da der moderne Prometheus in einer Gewitternacht den Salève erklettert, den traditionellen Trainingsberg der Genfer Kletterelite. Zum «neuen Menschen» wurde auch ein Vorgänger namens Francisco (sic!) auf einer nächtlichen Salèvetour.

20. Juni 2016

Cover Frankenstein„Das waren die letzten Augenblicke meines Lebens, in denen ich ein Gefühl von Glück erlebte. Wir fuhren schnell dahin; die Sonne war heiβ, aber wir schützten uns vor ihren Strahlen durch eine Art Baldachin, während wir die schöne Szenerie genossen – manchmal auf der einen Seite des Sees, wo wir den Mont Salève, die lieblichen Ufer von Montalègre und in der Ferne, alles überragend, den schönen Montblanc und die Spitzen all der schneebedeckten Berge sahen, die vergebens versuchten, es ihm gleichzutun –.“

Als vor ziemlich genau 200 Jahren – der 16. Juni wird allgemein als Beginn angenommen – eine Autorin den Roman erfand, aus dem die obigen Zeilen stammen (im 22. von 24 Kapiteln), hätte man den Baldachin gut gebrauchen können. Aber nicht als Schutz vor Sonnenstrahlen, sondern vor Regenschauern. Der Sommer 1816 ging als einer der nassesten in die Geschichte ein. Und ist indirekt für ein bekanntes Werk der Weltliteratur verantwortlich: „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“. Mary Shelley begann den Roman zu schreiben, als sie sich mit ihrem Ehemann, dem Poeten Percy Bysshe Shelley, in Genf aufhielt, wo sie den skandalträchtigen Dichter Lord Byron trafen. Dieser mietete die Villa Diodati in der Nähe der Stadt, und weil das Wetter eben so regnerisch war, erfanden die Vier – John William Polidori, Begleitarzt von Byron, war auch dabei – am Kamin Gespenstergeschichten. Diejenige von Mary ist Stoff für Theater und Filme geworden.

Einer der Orte, in denen Frankenstein sein Unwesen treibt, ist der Salève, der an der Stadtgrenze, aber schon in Frankreich liegende Hausberg von Genf.Ich wollte den Teufel zuerst verfolgen, aber es wäre umsonst gewesen, denn beim nächsten Blitz sah ich ihn zwischen den Felsen des nahezu senkrechten Aufstiegs zum Salève hängen, einem Berg, der das Plainpalais nach Süden abgrenzt. Bald darauf hatte er den Gipfel erreicht und verschwand.“ Wer nun die Geschichte des Salève näher kennenlernen möchte, seine berühmten Leute, die Zahnrad- und Seilbahnen, die Kletterer (von dort stammt das Wort „varapper“, was klettern heisst) und die Schlittler, sollte zum hübsch gemachten Buch von Dominique Ernst greifen: „Le Salève – des histoires et des hommes“.

Cover Le SalèveEiner dieser Menschen war Christian August Fischer, vielgereister Schriftsteller und Professor der Kulturgeschichte aus Leipzig. Er hielt sich ein Jahr lang in Genf auf, und es gefiel ihm dort so gut, dass er den poetischen Bericht „Ueber Genf und den Genfer-See“ verfasste, der 1796 in Berlin herauskam. „Zu jeder Tageszeit wird es Ihnen hier gefallen“, lässt er eine seiner Figuren erzählen, „aber Abends war es immer am schönsten. Auf dem entfernten Ende des Sees schwebte noch Licht und Glanz, indeß die Dämmerung schon aus der nähern Hälfte emporstieg. Allmählich schwand auch der glänzende Strich in düstere Schatten, aber hoch in den Lüften glühte noch jenseits des Ufers die majestätische Alpenwelt.“ In einer mondhellen, vom Gesang der Nachtigallen erfüllten Nacht machen sich Fischers Helden auf den Salève, und als sie oben sind, bricht der Tag an: „Da lag See und Fluß, Stadt und Flur, Gebirg und Thal; Genf im Mittelpunkte von Frankreich, Savoyen und der Schweiz; der See klein, wie ein Teich; Arve und Rhone, wie Bäche; eine lebendige Landkarte unter ihren Füßen; nur die Alpen groß und erhaben, Kette an Kette, und über allen der Montblanc.“ Und dann lässt Fischer seinen Francisco sagen: „Ich bin ein neuer Mensch!“ Also, was zögern wir noch – bei diesem verheissungsvollen Wetterbericht?

Dominique Ernst: Le Salève – des histoires et des hommes. Éditions Slatkine, Genève 2015, Fr. 28.-

Folgende Ausstellungen erfrischen uns im Sommer 2016:

„Frankenstein: Créé des ténèbres“ in der Fondation Martin Bodmer in Cologny bei Genève (bis zum 9. August) und

„1816-1820. Byron is back“ im Château de Chillon (bis zum 21. August).

Als Lektüre für die Reise: „Frankenstein“ von Mary Shelley. Mais bien-sûr!

Kurze Geschichte einer literarischen Bergfahrt

Bergsteiger wissen: hinter jedem Gipfel taucht ein neuer auf, ein noch höherer. Nach sechs literarischen Bergfahrten im Richisau und in Amden war das Bergfahrt-Festival in Bergün «einsame Spitze» – hoffentlich nicht die letzte.

Kurhaus Bergün – Leuchtturm des Bergfahrt-Festivals

Kurhaus Bergün – Leuchtturm des Bergfahrt-Festivals

Begonnen hat alles am «13th Festival of Mountaineering Literature» am Bretton Hall College der University of Leeds im Jahr 1999. Der Organisator Terry Gifford, «rock climbing poet», hatte mich eingeladen zu lesen – einen Text aus Graubünden: Cengalo, Cengalo. Zurück in der Schweiz erzählte ich allen, die sich für Berge und Literatur interessierten: «So etwas müssen wir auch haben! Eine Veranstaltunge für Alpine Literatur.» Das Interesse war mässig. Schön, ja aber niemand wollte das anpacken. Bis ich irgendwann mal fand: dann mache ich es halt selbst. Obwohl ich weiss: Organisieren liegt mir nicht. Ermutigt und unterstützt hat mich damals Nick Ryser, der inzwischen leider verstorben ist. Als Mitglied der Kulturkommission des SAC konnte er auch den Club motivieren, das Projekt zu unterstützen.

Anlass für die erste literarische Bergfahrt im Kulturhotel Richisau war der 100ste Geburtstag des Dichters und Bergsteigers Ludwig Hohl. Seine Erzählung «Bergfahrt» gab dem Anlass den Titel, die Schauspieler Gian Rupf und René Schnoz setzten das Stück genial in Szene – ein grosses Erlebnis, während draussen Dauerregen niederprasselte und der Glärnisch von Wolken verhangen war. Dabei waren unter andern Franz Hohler, der schon vom Namen her zu Hohl gehört, Helga Peskoller und Albert Vinzens mit philosophisch-literarischen Beiträgen zum Hohl-Thema «Warum steigen wir auf Berge?». Die Technik war noch einfach, der Saal für die über hundert Gäste eigentlich zu klein.

Für die folgenden fünf «Bergfahrten» fanden wir den schönen Saal in Amden, historich «andiamo monte», mit phantastischem Blick über Walensee und Linthebene zum Glärnisch, stets ohne Wolken. Das Wetter war immer schön, obwohl ich mir stets Regen wünschte um auch jüngere Alpinisten anzulocken, was schliesslich mässig gelang. «Ich komme gern, wenn das Wetter schlecht ist.» Auch die Ammler, wie sich die Einheimischen nenne, liessen sich nur spärlich blicken, trotz Unterstützung der Bergfahrt durch die Gemeinde und die lokale Bank, den Kanton St. Galle und die Stiftung Gartenflügel in Ziegelbrücke, dazu Migros Kulturprozent.

Nebst Lesungen, Diskussionen, musikalischen Beiträgen fand es stets auch eine dramatische Produktion statt:

Mit Gian Rupf und René Schnoz: «Meinetwegen zugrunde gehen» nach Hans Morgenthaler; «Frisch am Berg» nach Max Frisch; «Der Russ im Bergell» nach Christian Klucker mit Text von mir.

Gian Rupf und Hans Hassler: «Sez Ner» nach Arno Camenisch.

Gian Rupf und Mona Petri: «Der Weg zum Himmelsgebirge» nach Annemarie Schwarzenbach und Lorenz Saladin, Montage von mir.

Gian und René habe die Stücke weitergetragen, oft buchstäblich von Hütte zu Hütte wandernd aber auch auf Bühnen und in Beizen, unter dem Label bergtheater.ch.

Namhafte Referentinnen und Referenten konnten wir gewinnen, unter andern Robert Steiner, Andy Kirkpatrick, Ines Papert, Kurt Diemberger, Nicole Niquille, Silvia Metzeltin, Heidi Schelbert, Ruth Steinmann, Patricia Purtschert, Oswald Oelz, Franz Hohler, Karin Steinbach, Roland Heer, Christine Kopp, Leo Tuor, Fabio Pusterla, Daniel Anker, Mario Casella. Und stets waren auch Jungautorinnen und -autoren dabei, unter andern Caroline Fink, Sabina Altermatt, Felix Ortlieb, Annette Frommherz, Maya Albrecht.

Musikbeitäte von Domenic Janett, Hans Hassler, Manuel und Stephanie Lobmayer, Andreas Weissen und Franziska Baumann mit ihren «Gletschergesängen».

Die Technik ist immer komplizierter geworden, meine schlaflosen Nächte zahlreicher. Die Zeit war reif, das Projekt an jüngere Leute weiterzugeben, neu aufzustellen. Aus der «Bergfahrt» ist ein «Bergfahrt-Festival» geworden, aus «andiamo monte» Bergün. Vielleicht hat mein Bündner Cengalo-Text aus Leeds unbewusst oder über geheime Fasern den Weg aus Britannien nach Graubünden bewirkt.

Der letzte Tango am Bergfahrt-Festival

Der letzte Tango am Bergfahrt-Festival

Jedenfalls: ein Glücksfall, das erste Bergfahrt-Festival. Als mich am Sonntagnachmittag auf dem Bahnhof Bergün vor der Abfahrt jemand fragte: «Wie fühlst du dich nun?» Da sagte ich: «Ich bin glücklich!»

Glücklich, das die Idee weiterlebt, viel grösser, grossartiger, umfassender, vielfältiger, spannender als ich mir das je erträumt hätte. Drei Tage von einem Höhepunkt zum andern, wobei man stets die Qual der Wahl hatte zwischen Lesungen, Diskussionen, Konzerten, Filme, Gesprächen, Begegnungen, Kunstaktionen, Aussellungen, Gerstensuppe am langen Tisch, Kuchen im Kurhaus, Theater, Surprises und und und … Und alles eingebunden in das schöne Dorf Bergün und das historische Kurhaus in den Bergen, perfekt organisiert, literarisch, kulturell, politisch, philosophisch, musikalisch, persönlich.

Einfach phantastisch. Gelegentlich kamen mir auch Tränen, Tränen der Rührung, des Abschieds, des Glücks. Was will man mehr?

Unendlichen Dank den Initiant/-innen und Organisator/-innen Caroline Fink, Maya Albrecht, Gian Rupf, Lieni Roffler, Annina Giovanoli und allen weiteren Mitarbeitenden und Freiwilligen und Besucherinnen und Besuchern, Dank für alles.

Fotos © Marco Volken

Schwarz Weiss Schwarz

Grossartig, spannend, abenteuerlich, aktuell und historisch, alpinistisch und politisch. Eine Perle der alpinen Literatur der Schweiz – der Tessiner Autor und Bergführer Mario Casella ist dafür mit italienischen Literaturpreisen geehrt worden. – Ein Skandal, dass es Pro Helvetia abgelehnt hat, einen Beitrag an die Übersetzung zu leisten. Ein Dank an den Verlag, der es trotzdem herausgegeben hat.

15. Juni 2016

Cover Schwarz Weiss Schwarz„Wir erreichen den Westgipfel (5642 m), den höheren der beiden Gipfelkalotten des Elbrus, zehn Stunden, nachdem wir das Fass-Lager verlassen haben. Wir stehen alleine am Gipfel und genießen das unglaublich schöne Panorama. Der Vulkan liegt ein paar Kilometer abgetrennt von der Hauptkette des Kaukasus, und aufgrund seiner abgelegenen Position gegen die nordrussische Steppe hin hat man einen einzigartigen Blick auf die Berge zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer. Alexej umarmt mich und zeigt auf den Horizont im Westen: «Siehst du dort ganz hinten? Die schwarze Linie, die sich ein wenig im Dunst verliert? Das ist das Schwarze Meer, unser Ziel!»
Das erste Mal kann ich mit einem Blick die Länge unseres irrwitzigen Abenteuers abmessen. Das Ziel liegt noch weit in der Ferne, aber wenn ich mich umdrehe, sehe ich ebenfalls eine endlose Anzahl von Bergen. Die, die wir alle schon überquert haben.“

Tatsächlich: Was für ein verrücktes und gefährliches Abenteuer, das der Tessiner Journalist, Filmemacher und Bergführer Mario Casella und sein russischer Freund Alexej Shustrov im Frühjahr 2009 erlebten! Auf einer idealen Linie von Derbent am Kaspischen Meer (bekannt für seine Ölvorkommen, deshalb Schwarz) nach Sotschi am Schwarzen Meer hätte die Skidurchquerung des weissen Kaukasus eigentlich verlaufen soll. Allein bürokratische und meteorologische Hindernisse und Schwierigkeiten führten dazu, dass die beiden Unentwegten immer wieder nordwärts ausweichen mussten. Was sie dabei erlebten, schildert Casella auf sehr eindrückliche Art. Zwischen die Etappen setzt er geschickt Kapitel zur Geschichte und Gegenwart dieser wunderschön-wilden Konfliktzone. Eine historische und sportliche Recherche vom Rande und Dach Europas. Wer „Schwarz Weiss Schwarz“ gelesen hat, wird den Kaukasus mit andern Augen sehen, ohne dort gewesen zu sein. Nachmachen wäre heute ohnehin kaum noch möglich, denn der Kaukasus ist noch schwieriger zum Durchqueren geworden.

Fazit: Ein grossartiges, nachdenklich machendes Buch über eine Reise mit (und ohne) Ski durch das grosse Schwestergebirge der Alpen.

Mario Casella: Schwarz Weiss Schwarz. Eine abenteuerliche Reise durch das Gebirge und die Geschichte des Kaukasus. AS Verlag, Zürich 2016, Fr. 29.80. www.as-verlag.ch.

Am Bergfahrt Festival im bündnerischen Bergün vom kommenden verlängerten Wochenende zeigen Mario Casella und Fulvio Mariani ihren Skifilm „Inverno Afghano“ – eine Liebeserklärung an Berge, von denen wir ebenfalls kaum etwas wissen; Samstag, 17. Juni 2016, 16 Uhr. Das ganze hochkarätige, weitgefächerte und überraschende Programm dieser ersten Durchführung der Entdeckungsreise zur alpinen Kultur auf www.bergfahrt-festival.ch

S´ Steimanndli

Wechselhaftes Wetter kommt immer anders als prognostiziert. Dem geregelten Plan meiner Geländearbeiten steht es jedenfalls im Weg und kann mich zur Weissglut bringen. Ein Bergwaldwesen sieht es dagegen gelassener.

8. Juni 2016

steinmannli3Die ganze Woche ist regnerisch, jedenfalls so wechselhaft, dass ich mich Tag für Tag entscheide in der Stadt zu bleiben, wahrscheinlich richtig entscheide. Doch in meiner kleinen Schreibstube bekomme ich schliesslich den Koller, vor allem wenn das Wetter vor dem Fenster dann doch ganz passabel ist. Darum ziehe ich eines Tages trotz immer gleicher Vorhersage ins Kartiergebiet, im festen Vertrauen darauf, dass eine beherzte Entscheidung sicher keine falsche ist.

Am Morgen liegt der Walensee vollkommen still. Trotz des Windkanals, den das Seeztal bildet, ist sein Spiegel so glatt, dass ich sie genau darauf sehen kann: Die ersten Regentropen! Und schlimmer noch, am Flumser Bahnhof auf das Postauto wartend, die Nebelbänke: Sie sind genau auf Höhe der Bergwälder in die ich heute will. An die Möglichkeit des Regens hatte ich gedacht, doch den Nebel hatte ich vergessen. Und genau dann ist er natürlich da, Murphy´s law. Als mich am Ortsausgang von Flums der immer gleiche Felsen neben der Schlucht anblickt, fühle ich mich von den Dingen verhöhnt, als ob sie das könnten, und argwöhne, der Zufall verfolge einen höheren Plan. Irgendwo im Wald zwischen der Molser Alp und der Seebenalp sehe ich kaum zwanzig Meter weit. Die Spitzen der Tannen verschwimmen und die kleinen Felswändchen werden erst fest, ihr Gestein bekommt erst Kontur und Farbe und somit seinen Namen, wenn ich direkt davor stehe. Jeden Meter muss ich also abgehen und verpasse doch jeden zweiten dabei. Nun bin ich angespannt und verärgert: Muss mir unbedingt alles hier zeigen, dass ich den falschen Entschluss gefasst habe?

„Bist umsonst gefahren!“, grinst das nasse Unterholz.

Da bricht sich der Ärger in Jähzorn Bahn. Mit voller Hammerwucht trümmere ich auf irgendetwas am Waldboden.

Im Nebel sieht mich ja keiner.

Und schreie schliesslich, als die Tropfen, die aus ihm fallen, noch dicker werden, den Nebel an, auf den man leider nicht trümmern kann:

„Du Hurahund!“

In der Stille hört mich ja Niemand.

Oder haben die Bauern mich gehört, die ich wenig später treffe? Sie lassen sich jedenfalls nichts anmerken. Zwei stehend, einer sitzend, warten sie unter einer Tanne den Regen ab. Der Stehende ist jener, den ich vor gut einem Monat bei Tschudiwiesen traf. An seinen grünen Jeep gelehnt, hatte er mir damals lang und breit von seinen Blumenwiesen erzählt. Heute spricht der Sitzende und frägt mich wie die Steine heissen, ob ich mit GPS arbeite. Nein, sage ich, eigentlich nicht, und zeige ihm stattdessen meine bunte Karte. Man kenne mich inzwischen. Letztens sei ich bei der Prodalp auf der Wiese gefläzt und habe gezeichnet. Ja, ich würde beobachtet, sagen sie und schmunzeln.

Die müssige Unterhaltung unter der Tanne wäre wohl ewig weitergegangen, hätte ich nicht noch etwas Farbe auf meine Karte bringen wollen. Später begegnete ich den Dreien nochmal. Auch sie waren mit dem Zaunaufrichten etwas weitergekommen.

„Ah“, hiess es da, „ s´Steimanndli“.

Diese Mal schmunzle ich.

Die Stille ist auch eine Windstille und eigentlich wunderschön. Die Nebel steigen langsam vor den Wäldern empor und ziehen unterhalb durchs Tal, geben zwischen den Regengüssen Blicke frei; vorhin kurz auf den Alvier, jetzt auf den Sichelchamm. Und das mal auflebende, mal einschlafende Trommeln des Regens auf dem Kartierschirm erinnert an erzwungene Ruhetage im Zelt, irgendwo weit weg. Spätestens nach dem Gespräch mit den drei Bauern ist das Steinmanndli so entspannt, wie es sich gehört für den Berg. Nun bringt ihn auch jener Mischwald aus Wachholder, Alpenrosen und Heidelbeere nicht aus der Ruhe, den es nachmittags im Bereich des Narggenchopfs durchquert und der ihm als Riesen bis zu den Knien reicht, der seine Beinkleider nässt, und auf dessen noch winterkahlen biegsamen Stämmen er ständig talwärts ausgleitet.

Gesicht und Unterarme kleben heute weder von Salz noch von Sonnencreme sondern sind vom Nebelregen kühl und frisch geblieben. Und als ich abends wieder bei der Postautohaltestelle Tannbodenalp auftauche, hat sich der Tag doch gelohnt: Trotz Nebel, trotz Regen hab ich einen dreiviertel Quadratkilometer mehr „im Sack“.

Todsicherer Sport

Vor zwanzig Jahren gab es eine Schweizer Kletterzeitschrift «Ravage». Die kürzlich veröffentlichten Unfallzahlen haben mich erinnert, dass ich damals eine Kolumne geschrieben habe zum Thema. Scheint noch immer aktuell: Im Durchschnitt der letzten fünf Jahre gab es drei Tote bei Kletterunfällen in der Schweiz.

5. Juni 2016

gosimg10AV02c001d6809980b3000012011ivqIst Klettern eigentlich noch gefährlich genug? Besorgt studieren wir die Unfallstatistik und stellen fest: Die Chance, in roten Socken und festem Schuhwerk auf einem Wanderweg auszurutschen und ins Leere zu stürzen, ist beträchtlich grösser als jene, in einer Felswand das Genick zu brechen. Wen der Todestrieb treibt, der packt erfolgreicher eine nasse Grashalde an als einen Überhang.

Natürlich wünsche ich niemandem den Tod, und ich bin auch der Meinung, fünf Klettertote im Jahr seien noch immer fünf zuviel. Selbstverständlich freue ich mich, dass sich das perfekte Material, die Bohrhaken, das Training und die verbesserte Technik in sinkenden Opferzahlen niederschlägt. Doch nun sind wir am Punkt angelangt, wo wir Sportkletterer kaum mehr von einem Risikosport sprechen können, es sei denn, wir deklarieren die Anfahrt auf der Autobahn und die Rennstrecke auf der Passstrasse bereits als Zustieg zur Wand. Von den fünf im vergangenen Jahr beim Klettern tödlich Verunfallten kamen zwei nicht einmal im Fels, sondern im Zu- oder Abstieg ums Leben.

Ich habe wahrlich andere Zeiten erlebt, sechzehn war ich, als auf meiner zweiten Klettertour auf den Glärnisch dem Tourenleiter ein Felsblock wegbrach, das Hanfseil zerschlug und ihn hundert Meter in die Tiefe schleuderte. Vier Jahre später stürzten zwei Freunde im Bockmattli zweihundert Meter im freien Fall auf die Alpweiden, ihr Rucksack blieb am Sicherungshaken in der Wand zurück. Das Grauen war damals ständiger Begleiter, vom Einstieg bis zu Gipfel; schrecklicher als die Todesangst an den wackligen Standhaken waren nur noch die Alpträume vor der grossen Tour. Nein, ich sehne jene Zeit nicht zurück, allzu oft traf sich die Klettergemeinde am Mittwoch auf dem Friedhof, gerade recht, um sich fürs Wochenende wieder zu verabreden. Denn ein Grundsatz war: Sofort wieder klettern! Auch nach einem furchtbaren Unglück am Matterhorn, ein Toter, eine Schwerverletzte, sah uns das nächste Wochenende wieder am Berg. Wir kletterten dem Schrecken davon.

Jetzt, als Oldie, freue ich mich, dass Sportklettern eine fast todsichere Freizeitbeschäftigung geworden ist, ein Sport, der am Leben erhält und so sicher ist, dass keine Mama mehr etwas gegen Kinderbergsteigen oder Klettern als Schulsport einzuwenden hat. Wogegen man bei rund fünfzig tödlich verunfallten Wanderern im Jahr eigentlich ein Verbot für Schulwandertage erlassen müsste. Von Skitouren mit nochmals zwanzig bis dreissig Todesopfern ganz zu schweigen.

Trotzdem meine ich: Ohne die Todesgefahr hätte nie jemand Hand an einen Fels gelegt. Wozu auch? Die Gefahr erzeugt Angst, und nur die Angst lässt uns unsere Kraft spüren, wenn es uns gelingt, sie zu meistern. Im Alltag, wo uns tausend verdrängte Ängste belauern, schaffen wir das bekanntlich nie. Im Fels dagegen fast immer. Das Klicken des Hakens nach dem haarstäubenden Runout ist die Befreiung, auf die wir im Büro und am Computerschirm vergeblich warten. Gäbe es in der Wand keine Todesangst, so wäre sie so banal wie das Leben selbst, kein Grund also, sich die Gelenke zu zerreissen. Stets klettern wir also das Topo der eigenen Angst.

Wieviel Opfer braucht also der Berg? Fünf oder fünfzig? Die Frage ist falsch gestellt. Klettern ist ein sicherer Sport geworden, weil sich die meisten Kletterer der Gefahr stets bewusst waren, man blickte ihr ja ständig ins Gesicht. Darum haben wir Kletterer den zähen Lebenswillen entwickelt, der uns in die Wände treibt, aber auch wieder zurück ins Tal. Wir sind Spezialisten im Meistern gefährlicher Situationen oder, wie der Psychologe sagen würde, im Umgang mit unseren Grenzen. Lebenstrieb treibt uns, nicht Todestrieb. Das Sprichwort: «Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um», stimmt eben nicht. Das Gegenteil ist wahr. Die fünfzig Wanderer, die jährlich im Gebirge sterben, haben sich nicht bewusst in Gefahr begeben. Sie sind in der Meinung aufgebrochen, einer durch und durch harmlosen Tätigkeit nachzugehen. Und dann einfach ausgerutscht auf dem nassen Gras. Ähnlich wie die tausend Menschen, die jedes Jahr im Verkehr sterben, ohne sich bewusst zu sein, wie gefährlich die Strasse eigentlich ist.

Vielleicht können wir die Erkenntnis aus der Wand in den Alltag mitnehmen, dass das bewusst gewählte Risiko weniger gefährlich ist als die trügerische Sicherheit. Die Lebensversicherung verhindert keine Katastrophe. Nur wer sich in Gefahr begibt, überlebt.

(Foto Rega)

Aussichtstürme in der Schweiz

Türme faszinieren – das ist ja schon ein biblisches Thema, allerdings mit fatalem Ausgang. Hier geht es jedoch nicht um Babylon, sondern unser Land, über das die vielen Türme den Weitblick öffnen – eventuell sogar über die Grenzen hinweg und vielleicht auch noch die Weitsicht. Jedenfalls ein spannendes Thema.

3. Juni 2016

UNGEFAEHR UM 1870 BAUTE JULES JUERGENSEN DIESEN TURM. DIESER DAENISCHE UHRMACHER WOHNTE DAMALS IN LES BRENETS. 1993 KAUFTE EIN VEREIN DAS GEBAEUDE UND RENOVIERTE ES. DIE EINWEIHUNG FAND IM SEPTEMBRE 1998 STATT. DIESER TURM STEHT UNTER DENKMALSCHUTZ.

Cover Hoch hinausAusschnitt aus dem zweisprachigen Text auf einer Metalltafel neben der Eingangstüre zur Tour Jürgensen. Der 15 Meter hohe, im neugotischen Stil erbaute Turm steht auf einem Hügel (974 m) südlich des Dorfes Les Brenets an der Grenze zu Frankreich und erlaubt, wofür solche Gebäude ja auch errichtet wurden, eine vorzügliche 360°-Rundsicht. Hier auf zwei Länder, auf den zum Lac des Brenets und Lac de Chaillexon erweiterten Jurafluss, auf die Dörfer an seinen Ufern, auf Wälder, Wiesen und einige Felsbänder, auf den Endbahnhof der Linie Le Locle – Les Brenets. Und auf die Schlucht mit der Rançonnière; weiter oben heisst das Flüsschen Le Bied und treibt die unterirdischen Mühlen vom Col-des-Roches an. Bref: Die Tour Jürgensen ist ein Ausflug wert; vom Bahnhöfli braucht man bloss 25 Minuten. Man darf freilich noch weiterwandern, zur Tête de Calvin senkrecht über dem Doubs beispielsweise oder ins grossartig tickende Musée d’Horlogerie von Le Locle.

Der Aussichtsturm an der Nordwestgrenze der Schweiz wird gleich in zwei neuen Publikationen vorgestellt. Das Mai-Heft von „Schweiz. Das Wandermagazins“ geht „Hoch hinaus“ (so der Titel) und präsentiert zahlreiche Türme, vom höchsten zum niedrigsten, vom schönsten zum filigransten, vom romantischsten zum abgelegensten, vom jüngsten zum ältesten (letzteres könnte die Tour Jürgensen sein). Autor Philipp Bachmann nennt seinen Text „Und ewig lockt das Panorama“. Wie wahr!

Cover Tours et détoursSylvie Ulmann ihrerseits entführt uns mit „TOURS et détours“ auf „balades panoramiques“ in die Westschweiz. Und zwar nicht nur auf die Aussichtstürme par excellence, sondern auch auf Burgtürme, die ja wegen des freien Blicks erbaut wurden, allerdings weniger, um die Landschaft zu geniessen, sondern um Feinde zu erspähen – und um die Landschaft (und ihre Bewohner) zu beherrschen. Kirchtürme, wie die beiden der Cathédrale Saint-Pierre in Genf, gilt es ebenfalls zu besteigen. Schade nur, dass die Aufmachung dieses Führers nicht wirkliche freie Sicht gewährt. Und das stört mehr als die Tatsache, dass ein paar bemerkenswerte Türme in der Suisse romande fehlen, zum Beispiel der 42 Meter hohe, sehr elegante Wasserturm von Montmagny, auf den sich nur wirklich schwindelfreie Besucher vorwagen sollten.

Kurz: Mit den beiden Publikationen haben wir einen schönen Überblick über die Aussichtstürme der Schweiz. Wer noch mehr sehen will, klickt sich durch www.turmfinder.ch

und https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Aussichtsturm_in_der_Schweiz. Allerdings gewähren auch diese Plattformen noch nicht das volle 360°-Panorama.

Hoch hinaus. Aussichtstürme der Schweiz. Schweiz. Das Wandermagazin, Heft Mai 2016. Fr. 14.80. Am Kiosk erhältlich. www.wandermagazin.ch

Sylvie Ulmann: TOURS et détours. Balades panoramiques en Suisse romande. Éditions Favre, Lausanne 2016, Fr. 23.-

Gotthard

Berge gebären bekanntlich keine Mäuse, aber gelegentlich neue Berge – Bücherberge. So auch der Gotthard, der zwar «nur» ein Pass ist, also nichtmal ein Berg und nun eigentlich auch gar nicht mehr vorhanden, da für Reisende nicht mehr sicht- und spürbar. Dafür gibt es jetzt den neuen Gotthard-Bücherberg. Hier eine Auswahl.

31. Mai 2016

„Am 20. September 1707 erhält Pietro Morettini aus dem Maggiatal den Auftrag, zur Umgehung der sogenannten Twärrenbrücke ‚eine neuwe Strass durch den lebendigen Fels zu bauen‘: das Urnerloch. Der Schüler des französischen Festungsingenieur Vauban kann das 64 Meter lange Loch 1709 dem Verkehr übergeben.“

Cover Gotthard 1 LegendenDas Urnerloch: der erste Tunnel am Gotthard. Mehr noch: der erste Schweizer Strassentunnel. Nur elf Monate dauerte das Sprengen mit Schwarzpulver im Gotthardgranit, bis der Stollen so gross war, dass Saumtiere ohne Reiter hindurchgehen konnten, mit einer Geschwindigkeit von rund 3 km/h. Fünf Tage dauerte die Reise von Zürich nach Mailand. Nach der Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels, dessen Anstich im November 1999 begann, wird die Reisezeit noch drei Stunden betragen, für den rund 57‘000 Meter langen Tunnel (Weströhre 56‘978 m, Oströhre 57‘091 m) weniger als 20 Minuten. Da werden wir kaum Zeit finden, all die schweren und dicken Bücher zu lesen und zu studieren, die zur Eröffnung des neuen helvetischen Jahrhundertbauwerkes am 1. Juni 2016 erschienen sind oder dies noch tun. Deshalb hier ein kleiner Überblick über dünnere, aber keineswegs leichtgewichtige Publikationen.

Das Urnerloch, den Urahnen des Basistunnels, fand ich in „Legenden vom Gotthard“ von Hans-Peter Bärtschi, dem besten Kenner der Eisenbahn- und Industriegeschichte der Schweiz. Illustriert ist seine Schrift, die auf 84 Seiten die Geschichte des eidgenössischsten aller Pässe vom stiebendes Steg bis zum längsten Tunnel aufgleist, mit Karikaturen von Martial Leiter, wie immer überraschend, witzig, böse – einfach auf die Linie gebracht.

Cover Gotthard 2 SJWAlles Wissenswerte zum neuen Tunnel kurz, zügig und verständlich dargestellt: Das schafft das neue, 72seitige SJW-Heft 2519 mit dem Titel „Weltklasse Gotthard“. Der längste Tunnel der Welt ist nicht der erste Weltrekord an diesem Berg. Seit dem Mittelalter bis heute suchen die Menschen am Gottardo  neue Möglichkeiten, um das natürliche Hindernis zwischen dem Norden und dem Süden noch schneller zu überwinden.

 

 

Cover Gotthard 3 Geschwindigkeit„Gebaute Geschwindigkeit“: So betitelt die schweizerische Architektur- und Design-Zeitschrift „Hochparterre“ präzis und prägnant ihr Themenheft zum jüngsten Urnerloch; richtig müsste es natürlich Urner-Tessiner-Loch heissen. Das 40seitige Heft zeigt, wie gut gestaltet der sichtbare Teil der neuen Eisenbahntransversale ist: „100‘000 Tonnen Gestaltungswille“ ist ein Heftabschnitt überschrieben. Was ja schliesslich nicht ganz neben den Geleisen steht. Denn was drin ist im Gotthardberg, nehmen wir ja kaum war. Tunneleingänge, Brücken, Entlüftungsschächte, Stützmauern, Betriebszentrale und Besucherzentrum hingegen schon.

Cover Gotthard 4 FestungskartenAlle diese Bauten müssen auch kartografiert werden, ganz offiziell und nicht geheim. Dass aber gerade rund um den Gotthard, das angebliche Herz der Schweiz, so viele geheime Karten entstanden sind, enthüllt Martin Rickenbacher auf 64 Seiten fulminant und filigran mit „Festungskarten. Geheime schweizerische Militärkarten 1888–1952“. Eine azimutgenaue Dokumentation feldgrauer Jahrzehnte, die so weit auch nicht zurückliegen. Doch lassen wir den Lokomotivführer der Kartengeschichte am besten grad selbst sagen, was Sache ist und was geheim bzw. eben nimmer: „Die hier beschriebenen Festungskarten entstanden parallel zum Aufbau der schweizerischen Landesbefestigung. 1885 beschloss der Bundesrat, als Reaktion auf die Eröffnung der Gotthardbahn, die Gotthard-Südfront zu befestigen. Das Artilleriefort ‚Fondo del Bosco‘ westlich von Airolo hatte das Südportal zu sichern; es bildete den Nukleus der auf Andermatt und die Pässe von Oberalp, Furka und Grimsel ausgedehnten Gotthardbefestigung.“

Cover Gotthard 5 TrailDas sollte für eine ausgedehntere Zugslektüre reichen. Als Rucksacklektüre nähme ich diese beiden Sonderausgaben zum Gotthard mit: „In Rekordzeit durch den Berg der Nation“ der „NZZ am Sonntag“ vom 15. Mai 2016 und „Ab in den Süden“ von „Tages-Anzeiger/SonntagsZeitung“ vom 21./22. Mai 2016. Einmal gelesen, taugen die Zeitungsbünde auch zum Ausstopfen nasser Schuhe, wenn wir „Zu Fuss über den längsten Tunnel der Welt“ marschieren. So lautet der Untertitel des Wanderführers „Gotthard Tunnel Trail“. Fünf Etappen lang ist der Weg von Erstfeld nach Bodio, mit 100 Kilometer Distanz und 2500 Meter Aufstieg. 88 Seiten umfasst der in drei Sprachen geschriebene, üppig bebilderte Führer. Für Gewichtsfetischisten sind die 202 Gramm vielleicht am oberen Limit. Sie sollen aber froh sein, dass sie nicht die beiden Bände von Felix Moeschlins „Wir durchbohren den Gotthard“ von 1947 mitschleppen müssen. Der letzte Satz in diesem Monumentalwerk sei allen auf die nächste Gotthardreise mitgegeben: „DOCH DER TUNNEL STEHT DA, ALS OB ER IMMER DAGESTANDEN SEI UND EWIG DASTEHEN WÜRDE.“

Hans-Peter Bärtschi: Legenden vom Gotthard. Mit einem Kapitel von Ernst Halter und Illustrationen von Martial Leiter. Schriftenreihe Vontobel-Stiftung, Februar 2016, gratis. www.vontobel-stiftung.ch.

Matthias Rennhard, Roland Hausheer: Weltklasse Gotthard. SJW-Heft Nr. 2519, Fr. 5.- www.sjw.ch.

Gebaute Geschwindigkeit. Themenheft von Hochparterre, April 2016. Fr. 15.- shop.hochparterre.ch.

Martin Rickenbacher: Festungskarten. Geheime schweizerische Militärkarten 1888–1952. Cartographica Helvetica Heft 52. Fr. 25.- Verlag Cartographica Helvetica, Untere Längmatt 9, 3280 Murten, www.kartengeschichte.ch.

David Coulin: Gotthard Tunnel Trail. Herausgegeben vom Verein Gotthard-Connects, Andermatt 2016. Fr. 19.90. www.gotthard-tunnel-trail.ch.

Alles zum neuen Gotthard-Basistunnel und zu den Eröffnungsfeierlichkeiten unter www.gottardo2016.ch. Und im Forum Schweizer Geschichte Schwyz, dem schweizerischen Heimatmuseum, ist bis am 2. Oktober 2016 folgende Ausstellung zu sehen: „Gotthard – ab durch den Berg.“

Naturpunkt

Zwanzig Jahre die Welt erkunden mit 45 Wanderführern aus dem rotpunkt Verlag. Sicher ein Grund zum Feiern und Wandern und Diskutieren. Warum eigentlich rotpunkt? Davon reden doch die Kletterer? Oder versteckt sich dahinter gar eine politische Botschaft? Antworten gibt das Naturpunkt-Jubiläum – vielleicht.

24. Mai 2016

Cover Pässespaziergang„Die alten Säumer benötigten keine Wanderbücher. Uns modernen Wandernden weist der vorliegende Band den Weg über die Passwege – in touristischer wie thematischer Hinsicht. Das Buch zeigt in einer engagierter Art und Weise die historischen und aktuellen Zusammenhänge auf, die die durchwanderten Landschaften in sich bergen.“

Genau 20 Jahre ist es her, dass diese programmatischen Zeilen erstmals zu lesen waren: im Vorwort des ersten Bandes einer neuen Reihe von Wanderbüchern. „Der Weg entsteht beim Gehen“ betitelte Peter Glauser, damals Zentralsekretär der Naturfreunde Schweiz, seinen Einleitungstext zu Dominik Siegrists „Pässespaziergang. Wandern auf alten Wegen zwischen Uri und Piemont.“ Der Start der Naturpunkt-Reihe des Zürcher Rotpunktverlages erfolgte im Mai 1996. Seither sind insgesamt 45 Bücher mit dem grünen Naturpunkt erschienen und haben über 145‘000 Leserinnen und Leser auf Wanderreise geschickt – oder aufs Sofa, denn diese Wanderbücher kann man auch nur lesen.

Passend zum Jubiläum kommen diese Wanderführer in neuem Kleid daher: aussen leicht, hell und handlicher, innen übersichtlicher und moderner. Aber immer noch mit dem gleichen Anspruch, mehr als nur vordergründige Führer zu sein, die bloss sagen, wo es durchgeht. Hintergründige Texte begleiten immer die Routen. Im „Pässespaziergang“ allerdings müssten zwei von ihnen angepasst werden: der eine zum Nichtbau von Neu-Andermatt, der andere zum Bau des Gotthard-Basistunnel. So ändern sich die Geschichten und Aktualitäten, und mit ihnen die Naturpunkt-Führer.

Cover Im AlpenrheintalIn neuem Gewand sind fünf Führer erschienen: drei Neuauflagen (die beiden Bände „Grande Traversata delle Alpi“ von Werner Bätzing sowie „Jurawandern“ von Philipp Bachmann, mit neuem Start über die Lägern), ein Best Of der erfolgreichen Kinderwanderführer „Bergfloh“ von Remo Kundert und Werner Hochrein. Und ganz frisch und munter „Im Alpenrheintal“ von Andriu Maissen, der uns quer durch die Grenzregion zwischen der Schweiz, Österreich und Liechtenstein führt. Eine für viele wohl eher unbekannte Gegend. Es ist ungemein lohnend, dorthin zu reisen, auszusteigen, den Rucksack zu schultern – und loszuziehen auf einer der 18 Routen, die der Autor vorschlägt. Zum Beispiel auf Route 16 von Vaduz quer durchs Ländle, mit der Lektüre über „Gott, Fürst und Vaterland“ im Kopf. Wandern ist schliesslich mehr, als einen Fuss vor den andern zu setzen.

Andriu Maissen: Im Alpenrheintal. Auf Wanderschaft zwischen Bodensee, Alpstein und Sargans, Fr. 39.90
Philipp Bachmann: Jurawandern. Von der Lägern bei Zürich zur Rhoneklus bei Genf, Fr. 39.90.
Remo Kundert, Werner Hochrhein: Bergfloh. Die schönsten Berg- und Hüttenwanderungen mit Kindern in der Schweiz, Fr. 39.90.
Werner Bätzing: Grande Traversata della Alpi. Teil 1: Der Norden, Fr. 26.50; Teil 2: Der Süden, Fr. 28.50. Beide Bände zusammen Fr. 49.-
Alle Bände Rotpunktverlag Zürich, 2016.

Am Mittwoch, 25. Mai, feiert der Rotpunktverlag ab 19 Uhr das Naturpunkt-Jubiläum im Alpinen Museum in Bern. Mit einem Rückblick auf historische Wanderbücher, der Vorstellung der Neuheiten und der Diskussionsrunde „Wozu heute noch Wanderbücher?“ Die Mitwanderer heissen Daniel Anker, Philipp und Thomas Bachmann, Katharina Conradin, Thomas Gloor, Andriu Maissen, Marco Volken und Programmleiter Andreas Simmen. Im Anschluss Apéro mit verschiedenen regionalen Spezialitäten.

Ruscada

Ins Tessin fährt man zum Klettern. Oder zum wildromantisch wandern. Als wir beides mischten und zu einer Tour verrührten, wurden wir dorfbekannt.

20160506_112144Am frühen Abend kamen wir in Camedo im Centovalli an. Zwei Herren mittleren Alters und insgesamt nicht mehr ganz ohne Lebenserfahrung, tauchten wir mit hoch bepackten Rucksäcken auf um, wie zwei junge Spünde, auf dem Dorfspielplatz zu nächtigen. Wenn wir uns so sahen, merkten wir, dass wir aus alter Gewohnheit handelten, und wenn wir uns dann anblickten, schmunzelten wir, freuten uns über unsere Freiheit von vier Tagen und wussten, dass wir es richtig machten, so wie früher. Unser Schlafplatz ist kein Spielplatz, wie man ihn aus dem Mittelland kennt. Er liegt auf einer Waldlichtung, und das Gras steht hoch zwischen den Tischen und Bänken, im ehemaligen Sandkasten, um die noch funktionierende Schaukel und die kurze steile Wippe herum, unter der Seilbahn. Als wir gerade beschlossen hatten, keinen Tee mehr zu kochen um möglichst nachts nicht aus dem Schlafsack zu müssen, kam der junge Vater der, uns den Tipp des Spielplatzes gegeben hatte, im Dämmerlicht vom Waldrand daher, den vierjährigen Sohn an der Hand. Er hatte für jeden ein Bier dabei und mit Brocken von Deutsch, Italienisch und Zeigen auf der Karte redeten wir über unser morgiges Vorhaben. Das Kind, mit seinen schulterlangen blonden Locken wie ein kleiner Ritter, streifte durchs hohe Gras und kroch, als es endgültig dunkel wurde, dem Vater auf den Schoss. Als der kleine einzuschlafen drohte und die beiden den Rückweg antraten, legten wir uns in die Schlafsäcke, und ehe ich mich auf die Seite drehte, blickte ich noch lange aus der Lichtung des Waldes, in dem die Käuzchen riefen, hinaus in den Himmel, den die Sterne übersäten.

Am frühen nächsten Morgen querten wir mit leichtem Rucksack vom Weiler Lasa, einen kaum sichtbaren Weg entlang westwärts in die Waldschluchten unter den Südwänden des Pizzo Ruscada. Im dunklen tiefen Grund des zweiten dieser Tobel füllten wir die Flaschen für den Tag und stiegen dann linkshaltend über den steilen, noch frühlingslichten Waldboden empor. Am Pkt. 1433 m genossen wir ein aussichtsreiches zweites Frühstück in der Vormittagssonne, über uns die geneigten Plattenfluchten des Weiterweges. Auch in den Felsen wuchsen überall kleine Bäume, Wacholder, und dunkelrote Primeln, Aurikel des Urgesteins. Wir kletterten nach Lust und Laune über die Platten oder stiegen zweibeinig die Vegetationsbänder entlang, ganz wie es jedem gerade beliebte. Nach einer flachen Schulter mit weichem Gras schnitt die Gratrippe enger zusammen. Links schien sie überzuhängen, und auch rechts wurden die geneigten Platten immer kürzer, ehe sie entlang einer von unten näher und näher rückende Kante in eine Schlucht abbrachen. So kanalisierte sich das weitläufig beliebige Strömen unserer Kletterwege mehr und mehr, um schliesslich zu einem an der Flanke eines Gratturmes steckenden Haken zu fliessen. Wir hintersicherten ihn lieber noch mit einer Schlinge, ehe wir gut dreissig Meter auf eine von oben nicht einsehbare Verschneidung abseilten und von dort über Platten auf den Grat zurück stiegen, der uns, nun noch schmäler doch ohne Schwierigkeit, wie über einen hohen Steg weiter führte. Als wir über die Schrofen auf und ab vom West- auf den Hauptgipfel hinüber gingen, noch mehr aber beim nicht enden wollenden Abstieg nach Camedo, spürten wir die tausendsechshundert Höhenmeter und am Ende zehn Stunden des Tages ganz ordentlich in unseren ungeübten, nicht mehr jungen Knochen rumoren.

Zurück beim Dorfspielplatz war dieser von zwei alten Leuten und einem Kind unerwartet belebt. Sie schaukelte die Enkelin, er sass auf der Bank neben uns, man verstand ihn kaum. Ja, wir waren auf den Ruscada gestiegen, entlang einer Felsrippe aus den Tobeln im Südwesten, und ja, wir schliefen hier, ob es nicht kalt sei, sie hatten schon von uns gehört, vom Vater des kleinen Ritters, oder von jenem Deutschschweizer, der wie schon gestern Abend so auch heute, später mit seinen zwei Hunden hier vorbei kam und fragte, was wir vor hätten, heute, dann wie es uns dabei ergegangen war. Hätte es im Dorfe Camedo noch einen Pfarrer gegeben, einen hageren Herrn mit langer schwarzer Soutane und ausladendem Hut, er hätte uns sicher ebenfalls ausgefragt und danach in ein grosses Buch einen Eintrag geschrieben. Über die Beiden, die an jenem Tag von weit her kamen und den Ruscada von der Rückseite nahmen.

So wäre es früher gewesen. Heutzutage tauschten wir, als wir berichteten, Mailadressen und verschickten später Bilder.