Uferwege am Thunersee

Was gibt es Schöneres als Uferwege?, schreibt unser Rezensent, bekannt als Autor alpiner Wanderführer der steilen Art und Monografien der höchsten Schweizer Berge. Obs am Wetter liegt? Oder vielleicht am Alter? Am Thunersee kann man jedenfalls auch mit dem Rollator noch spazieren, mit freiem Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau.

22. Juli 2014

StrandwegDoch die Gedanken sind der Taten Korn,
Der Wunsch kann sich zu Werken wandeln:
So ward auch hier die Tat geborn,
Denn nach dem Rufe hieβ es: „Handeln!“

Drum, Sesam! – Auf! – Ihr Schranken fällt dahin!
Der Strandweg Spiez ist nicht mehr leeres Hoffen.
Dir, schöne Seestadt sei er zum Gewinn.
Der Weg ist frei, in alle Zukunft offen!

So tönen die beiden letzten Strophen aus dem vierstrophigen Gedicht „Sesam! Strandweg, tu dich auf!“, das am Samstag, 18. Juli 1914, im „Berner Wochenblatt/Oberländer Zeitung“ zu lesen war. Und 100 Jahre später in Hans Winigers Bildband über den Strandweg von Spiez nach Faulensee am Thunersee. Ein schönes Buch über einen schönen Weg, von einer Bucht zur andern. Vorbei am Hotel Belvédère, wo im Juni und Juli 1954 die deutsche Fussball-Nationalmannschaft residierte. Während Spaziergängen auf dem Strandweg soll der Trainer Sepp Herberger Gespräche mit seinen Spielern geführt haben, und dieser „Geist von Spiez“ führte schliesslich zum „Wunder von Bern“, als Deutschland im Final am 4. Juli 1954 im Wankdorf-Stadion in Bern das hochfavorisierte Ungarn mit 3:2 Toren schlug. Mit diesem Sieg war der Weg frei für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wiederaufstieg Deutschlands in die Weltgemeinschaft. Und 60 Jahre später zum erneuten Gewinn des WM-Titels im Fussball. Also fast eine direkter Weg von der Strandpromenade in Spiez zum Copacabana-Strand in Rio de Janeiro, und zum Estádio do Maracanã.

„Strandleben, welche Abwechslung bietest du, wie viel Kurzweil und Vergnügen!“ So frohlockte die in Spiez publizierte Zeitung vor 100 Jahren. „Diese Seepromenade ist in einer Breite von zwei Metern ausgeführt worden. Sie zieht sich in einer Länge von über 3000 Metern direkt dem Ufer entlang bis nach Faulensee. Zahlreiche Ruhebänke am Wege oder in Landvorsprüngen unter Schattenbäumen beweisen, daβ für den Bedarf der Erholungsuchenden, die hier promenieren, verständnisvoll gesorgt ist.“ Eine Einladung für den nächsten Sonntagsausflug? Aber sicher. Einfach die Badekleider nicht vergessen. Damit man das idyllische Schattenbädli, das am Weg liegt, allerdings richtig geniessen kann, sollte es hochsommerlich heiss sein.

KanderdurchstichWandern am und zum Thunersee lässt sich auch anderswo, ebenfalls mit passender Lektüre im Rucksack und ebenfalls auf Jubiläumsspuren. Ende Juli 1714 floss nämlich die Kander erstmals in den Thunersee und nicht wie vorher unkontrolliert und zu Überschwemmungen führend über die Thuner Allmend in die Aare. Deshalb bohrte man vor 300 Jahren durch den Strättlighügel, der die Kander vom Thunersee abhielt, einen Stollen, der später dann einstürzte, so dass die Kander nun durch eine Schlucht ihr Wasser und Geschiebe in den See entlässt. Der Kanderdurchstich war die erste grössere Gewässerkorrektion in der Schweiz. Ein handlicher Führer schildert die Geschichte dieses Eingriffs, der Probleme löste und neue schuf. Er erschien in der Reihe „Wege durch die Wasserwelt – Hydrologische Exkursionen in der Schweiz“. Dorf finden sich übrigens noch andere hochspannende Publikationen zum Thema Wasser und Mensch. Was gibt es Schöneres als Uferwege? Im Sommer – und wenn das Wasser nicht vom Himmel fällt…

Hans Winiger: 100 Jahre Strandweg Spiez – Faulensee. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2014, Fr. 29.-
Stefan Schneeberger: Kanderdurchstich – ein wasserbauliches Experiment. Reutigen – Thun. Hydrologischer Atlas der Schweiz, Führer Nr. 6.3, 2013. Herausgegeben in der Reihe „Wege durch die Wasserwelt – Hydrologische Exkursionen in der Schweiz“; Fr. 12.- Bestellen unter: www.hades.unibe.ch/de/order/EF. Oder schriftlich bei: Hydrologischer Atlas der Schweiz, Geographisches Institut der Universität Bern, Hallerstrasse 12, 3012 Bern.

Jubiläumsausstellung „300 Jahre Ableitung der Kander in den Thunersee“ im Rebbaumuseum Spiez; Mittwoch, Samstag und Sonntag 14 – 16 Uhr (bis 29.10.2014).

Eisminiberg

Kaum eine Stunde vom Klausenpass entfernt verbirgt sich Minigrönland: ein Gletschersee im Taschenformat. Darin treibend kleine Stücke aus Claridennordwand-Eis.
Im Griess, 20. Juli 2014.

21. Juli 2014

klausenpass

Matterhorn, 19. Juli 1964

Heute vor fünfzig Jahren hat mich der Tod gestreift. Getroffen hat er Anselm, in einem Eishang, wenige Meter unter mir.

19. Juli 2014

Anselm3Lange erinnerte ich mich nur ungenau an seinen Namen, ich nannte ihn Anchel – Engel. Bis ein Neffe von ihm einen Text las, den ich aufs Netz gestellt hatte, und mir schrieb. Er hiess Anselm Biffiger, Bergsteiger, Bergführer aus St. Niklaus im Mattertal.

Es ist der 19. Juli 1964. Schon früh weckt uns das Poltern, Klirren und Murmeln der Bergsteiger, die zum Matterhorn wollen. Das Wettrennen um die ersten Plätze am Hörnligrat beginnt schon im Massenlager, setzt sich fort an den Tischen, um die man dicht gedrängt und verschlafen das Frühstück in sich hineinstopft. Die ersten Seilschaften brechen auf, Lichtpunkte in der Nacht. Wir nehmen es gelassener, wollen zum Zmuttgrat, müssen uns nicht in die Karawane der Führerpartien einreihen. Vor uns eine einzige Seilschaft, der Bergführer Anselm Biffiger mit seiner Verlobten. In drei Wochen soll Hochzeit sein, haben wir in der Hütte gehört.

Schon in der Seilbahn zum Schwarzsee ist mir das Paar aufgefallen. Der kräftige, braun gebrannte Bergführer mit der schönen junge Begleiterin auf den Knien. Sie unterhalten sich französisch, aber wir verstehen: Ate de Zmutt. Ich beneide die beiden ein bisschen, wie gern wäre ich mit einer Freundin auf Berge gestiegen. Aber ich bin im Militärdienst in Bern und meine Begleiter, drei Berner, kenne ich kaum.

Bei den Felsstufen am Fuss des Eisfeldes, das auf den Gletscherbalkon unter der Nordflanke führt, überholen wir den Bergführer und seine Begleiterin. Sie haben Probleme mit einem Steigeisen, doch dann schliessen sie rasch auf. Anselm steht ein paar Meter unter mir, als es hoch über uns in den Felsen kracht. Vom Hörnligrat stürzt ein Felsbrocken auf uns zu, wohl ausgelöst von einer Seilschaft, die sich verstiegen hat, reisst eine Steinlawine mit sich. Ich stehe in einer Rinne, kralle mich an den Pickel, höre Schreie, spüre die Steine auf Schultern und Arme prasseln.

Sekunden wie Stunden, ich fühle ich mich in einer andern Welt, entrückt und schwerelos. Kein Schmerz, nichts. Fast ein Traum, ein Alptraum. Ich werde in einem Spitalbett erwachen, stelle ich mir vor, vielleicht. Sehe das Zimmer vor mir, das Bett, alles weiss, schneeweiss. Nebenan liegt meine Mutter, ich bin ihr ganz nah. Vor Jahren ist sie verstorben an einem Verkehrsunfall. Doch da liegt sie, neben mir im Weiss. Augenblicke zwischen Leben und Tod.

Eine seltsame bleischwere Stille macht sich breit. Ich schaue hinab, sehe am Fuss der Wand zwei Körper langsam, wie in Zeitlupe, durch den Schnee rutschen. Liegen bleiben. Verbunden durch das Seil. Jenseits des Tal fällt das erste Licht auf die Gipfel der Dent Blanche und des Zinalrothorns.

Blick nach oben. Mein Seilpartner hängt kopfüber im Eishang, klammert sich mit einer Hand an einen Riss, den er im Rutschen fassen konnte. Der Felsblock hat seinen Rucksack aufgerissen. Wir haben überlebt, auch unsere zwei Gefährten, die hinter Anselm eingestiegen sind.

Überlebt hat auch die junge Frau, schwer verletzt liegt sie im Schnee, wir schützen sie mit Tüchern vor der Sonne. Anselm, vom Felsblock direkt getroffen, hatte keine Chance. Warten, warten, ein strahlender Tag, gleissendes Licht. Nach sechs Stunden landet auf dem kleinen Feld, das wir gestampft haben, ein Helikopter, gesteuert vom Gletscherpiloten Hermann Geiger. Es ist nicht die erste Rettung an diesem Morgen. Zwei Jahre später verunglückt er bei einem Flug.

Gegen Abend rasen wir mit dem Motorrad das Rhonetal hinab nach Sion, mein Freund dreht auf hundertvierzig, ich klammere mich auf dem Sozius fest, ohne Helm, wie im Steinschlag. Wir sind verrückt, wir leben. Am nächsten Wochenende geht’s wieder los, Grosshorn Nordgrat, Eis und Fels, Abstieg übers gefährliche Schmadrijoch. Gleich wieder gehen, sagen wir, sonst packt dich das Grauen und du bist die längste Zeit Bergsteiger gewesen. In Sion heisst es, die junge Frau lebt, sie wird durchkommen. Gut, habt ihr sie gegen die Sonne geschützt.

Warum ich das erzähle? Weil es genau fünfzig Jahre her ist vielleicht, und mich die Bilder jener Sekunden und Stunden nie mehr losgelassen haben. Weil ich nach Jahren, durch einen Zufall, mit dem Neffen von Anselm in Kontakt kam. So erfuhr ich einiges über sein Leben.

Anselm2Anselm Biffiger war 34 Jahre alt, stammte aus St. Niklaus im Mattertal. Er war Mitglied im lokalen Bergführerverein, im Hauptberuf Mechaniker beim CERN. Mit Freunden vom Kletterclub «Amis Montagnards» kletterte er jede freie Minute an der Salève bei Genf. Ein Foto zeigt ihn in einem Überhang, in Strickleitern stehend, wie damals üblich. Ein anderes auf dem Gipfel der Aiguille Verte nach der Nordwand. Und kürzlich habe ich, seltsamerweise auf einer österreichischen Website, gelesen, dass ihm 1962 die 31. Begehung der klassischen Nordwandroute am Matterhorn glückte. Ein hervorragender Bergsteiger also, in den besten Jahren, wie man sagt, und am Beginn seines Lebens als Ehemann, als Vater vielleicht.

Anselms Verlobte lebt weiter, zwei Freunde, die damals dabei waren, besuchen sie in Genf. Irgendwann heiratet sie, ins Ausland, heisst es. An den Unfall wird sie sich kaum mehr erinnern, zu lange lag sie im Koma. Meine Freunde von damals habe ich längst aus den Augen verloren.

Bergkrimis

Nicht Steinschlag, Lawinen und Unwetter sind die wahren Gefahren des Gebirgs, sondern Geiselnehmer, Entführer und Mörder, die mit präparierten Seilen oder gesprengten Lawinen ihre Opfer ins Jenseits befördern. Einst waren die Berge eine heile Gegenwelt zur Stadt – in den Bergkrimis verkehrt sie sich ins Gegenteil. Zum Glück für uns alle wird «Heidi» neu verfilmt, mit Bruno Ganz als Alpöhi – aber auch der war ja früher mal ein Bösewicht.

8. Juli 2014

Cover Felsenfest„Siegfried Schäfer löste seinen Blick von der hochsommerlichen Landschaft vor dem Fenster, zog ein Buch aus der Jackentasche, blätterte darin herum und blieb an einer bestimmten Seite hängen.
‚Was liest du denn da?‘, fragte sein blasser Nebenmann im Sanitätshubschrauber.
‚Hermann von Barth‘, antwortete Schäfer. ‚Aus den nördlichen Kalkalpen. Berichte von Barths Bergwanderungen. Er ist übrigens der Erstbesteiger der Kramerspitze. Hat sie sich 1856 vorgenommen. Wusstest du das?‘
‚Nein‘, sagte Harry Fichtl.“

Hochsommer. Ferienzeit. Ohne Rettungsheli bitte. Aber mit einem Buch, aus der Baditasche oder dem Rucksack hervorzuziehen. Fünf mehr oder weniger gebirgige Krimis habe ich eingepackt. Unter ihnen den sechsten Band von Jörg Maurer um Ermittler Hubertus Jennerwein: „Felsenfest.“ Im Mittelpunkt diesmal: Die Kramerspitze (1985 m) nordwestlich von Garmisch-Partenkirchen, auf der ein brutaler Geiselnehmer die Mitglieder eines Klassentreffens gefangen hält. Eigentlich hätte Hubertus bei dieser Gipfelwanderung dabei sein sollen, weil es seine Gymnasiumsklasse ist. Nun muss er den Aussichtsgipfel auf eine ganz andere Art erklettern. Hochspannend, bitterböse. Voller Schleichwege und scheinbarer Verhauer, wie immer bei Maurer. Aber nicht nur Bergwandern kann fatal enden.

Cover Nie wieder tot„Bernd ging aufrecht, das Band war etwa einen halben Meter breit. Ein Schubser … nein! Noch nicht. Dass ein Bergführer hier stolperte und abstürzte, war allzu unwahrscheinlich.“

Solche bösen Gedanken macht sich Paul, der Gast von Bernd auf einer Tourenwoche in der Brenta-Gruppe in den Dolomiten. Eben haben sie erfolgreich eine sehr schwierige Route auf den Campanile Basso (2883 m), diesen nach allen Seiten rund 400 Meter senkrecht abfallenden Kalkturm, gemeistert. Beim Abstieg will Paul zuschlagen. Klettern kann tödlich sein, nicht nur in den Brenta-Dolomiten. „Nie wieder tot. Mord am Gardasee“ heisst der erste Kriminalroman von Irmgard Braun. Die Journalistin und Schriftstellerin ist Alpinistin und Sportkletterin, was man beim Lesen anerkennend merkt. Ob es Paul gelingt, Bernd doch noch vom Weg zu schubsen, sei nicht verraten. Und auch nicht, wer das Seil der Hauptfigur Romy so präparierte, dass es ihren Sturz nicht halten konnte. Mögliche und tatsächliche Fallenergie gehört zum Gebirge. Manchmal ist’s gar Absicht.

Cover Alpentod„Max blickte mit zusammengekniffenen Augen den steilen Hang hinauf. Dann hielt er auf einmal inne. ‚Verdammt, Josef. Schau mal genau hin. Da oben links gleich unter den Felsen ist doch eine Spur.‘
‚Seine?‘
‚Kann gut sein. Vielleicht hat er dort auf uns gewartet, gesprengt, und sobald wir alle verschüttet waren, ist er abgehauen.‘
‚Meinst du wirklich?‘“

Diese Szene spielt auf Seite 15, kurz nachdem der Münchner Ex-Kommissar Max Raintaler und sein Freund Josef einen Lawinenniedergang überlebt haben, im Gegensatz zu zwei jungen Skirennfahrern, die ebenfalls durch das berühmte Mittenwalder Dammkar hinabkurvten. Ob und wie die Lawinensprengung wirklich ein Mordanschlag war, und wem er galt, erfahren wir auf den beiden letzten Seiten im Krimi „Alpentod“ von Michael Gerwien. Fragt sich bloss, wo der Tod lauert? Eher in einer winterlichen Nordrinne oder auf einem sommerlichen Gipfel?

Cover Schwarzer Kater„Am Vorabend hatten Claire und er die Kinder zum ersten Mal auf den Gipfel des Canigou mitgenommen. Über die Mariailles-Hütte. Vier Stunden für den Aufstieg, drei für den Abstieg. Eine phantastische Wanderung. Der Pfad schlängelte sich erst durch das Unterholz und führte dann im Slalom durch Ginsterbüsche und wilde Stiefmütterchen. Anschlieβend bahnte er sich seinen Weg über Schotter, bevor er in einem kurzen Aufstieg in einer schwindelerregenden Felsklamm endete. Nicht Unüberwindbares. Vorausgesetzt, man war schwindelfrei.“

Der Pic du Canigou, der heilige Berg der Katalanen, ist ein Fixpunkt im Leben von Inspecteur Gilles Sebag. Gleich zu Beginn von „Dreimal schwarzer Kater“, dem ersten auf Deutsch übersetzten Roussillon-Krimi des französischen Journalisten Philippe Georget, joggt Gilles, wie sein Erfinder ein leidenschaftlicher Läufer, von Castelnou im Hinterland von Perpignan trotz hochsommerlichen Temperaturen auf den Hügel (518 m) hinauf, den die Kapelle St-Martin de la Roque (oder katalanisch Sant-Marti de la Roca) krönt. Die Lösung des Entführungsfalles findet der sympathische Ermittler ebenfalls auf einer Anhöhe unweit der Côte Vermeille; an ihren im Norden anschliessenden Stränden scheint im Sommer halb Frankreich Ferien zu machen. „L’été tous les chats s‘ennuient“, wie der Krimi im Original heisst, erschien bereits vor fünf Jahren und erhielt den Prix du premier roman policier und den Prix SNCF du polar. Auf Französisch liegen drei weitere Krimis vor, so „Tendre comme les pierres“ aus diesem Jahr. „Zärtlich wie die Steine“ – wenn das keinen gebirgigen Krimi abgäbe…

Cover GiftgrünKein Bergkrimi im engeren Sinne, sondern einfach spannende Ferienlektüre für Badi, Balkon oder Berge ist „Giftgrün“, der erste Kriminalroman von Bettina Plecher. Er spielt in und um die Eisbachklinik in München. Und da ist das Gebirge nicht weit weg. Hauptakteur Quast schwänzte als Gymnasiast die Schule und radelte in die Berge.

„In dieser Zeit bestieg er alle Gipfel um den Pfaffenwinkel herum. Allein, nur mit einer Flasche Leitungswasser und einem Apfel in der Tasche. Beim Wandern öffnete sich ihm die Welt.“

Wie wahr! Beim Lesen übrigens auch. Schöne Ferien!

Jörg Maurer: Felsenfest. Fischer Scherz Verlag, 2014, Fr. 25.90.
Irmgard Braun: Nie wieder tot. Mord am Gardasee. Rother Bergkrimi, 2014, Fr. 17.90.
Michael Gerwien: Alpentod. Gmeiner Verlag, 2014, Fr. 18.90.
Philippe Georget: Dreimal schwarzer Kater. Ullstein Verlag, 2014, Fr. 13.90.
Bettina Plecher: Giftgrün. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2013, Fr. 15.90

Lexikon Sächsische Schweiz

Dass die Elbsandsteinfelsen der Sächsischen Schweiz die «Wiege des Freikletterns» waren, ist bekannt. Und dass Sachsen wie Fritz Wiesner das Klettern in die USA exportierten ebenfalls. Aber damit ist die Bedeutung der Sandsteintürme an der Elbe für den Klettersport noch lange nicht erschöpft. Ein Lexikon bietet nun umfassende Information – und fast unglaubliche Geschichten.

5. Juli 2014

Lexikon Sächsische Schweiz27. Mai. Schrammsteine (Sächsische Schweiz). Dr. Brosin, angeblich ein geübter Tourist, wollte diese als Kletterschule bekannten und benutzten Felsen allein und ohne Seilsicherung überklettern; er stürzte ab und wurde andern Tags tot aufgefunden. M.D.Ö.A.V. 1901, pag. 74.

Das meldete das „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ im 36. Jahrgang im Abschnitt Mittelgebirge der „Alpinen Unglücksfälle 1900“, aufgrund einer Meldung in den „Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins“. Wer war nun dieser „angeblich geübte Tourist“? Das seit März 2014 vorliegende „Personen- und Klublexikon Sächsische Schweiz“ klärt auf:

Brosin, Friedrich (Fritz) Dr.
*1858 Wehdem/Westf.; †1900 abgestürzt Wilder Kopf; Halle, 1890 Dresden; Arzt f. Frauenheilkunde; 1898-1900 DuÖAV Sektion Dresden; Ehefrau Edith Brosin
Erstbesteigung SäSchw (1899 Brosinnadel IV)

Dank diesem Lexikon wurde aus dem angeblich ein richtig geübter Kletterer; sonst wäre ihm zu Ehren wohl kaum einer der ganz markanten Sandsteintürme der Sächsischen Schweiz benannt worden. Die von Brosin gemachte Route im vierten Schwierigkeitsgrad an seiner Nadel wird „Alter Weg“ genannt und zählt laut www.on-sight.de zu den schönsten der rund 21000 Kletterrouten des Elbsandsteingebirges. Mehr noch: Brosins Ehefrau Edith (1878-1922) soll die erste kletternde Frau der Sächsischen Schweiz gewesen sein; ihre erste Tour führte sie auf den berühmten Falkenstein, zusammen mit ihrem Mann und Hermann Simon. Zusätzlich erfahren wir: Edith Brosin war Schauspielerin mit dem Künstlernamen Eva Brandt. Googelt man nun diesen Namen, so lesen wir, dass sie im Juli 1914 den deutschen Dichter Gottfried Benn heiratete. Geschichten sind das, welche so ein Lexikon auslösen können!

Tina und Michael Schindler haben mit ihrem „Personen-und Klublexikon Sächsische Schweiz“, das genau zum Jubiläum „150 Jahre Bergsteigen im Elbsandsteingebirge“ erschien, eine riesige Arbeit geleistet. Im Personenteil finden sich 5900 Bergsteiger, Wanderer und Touristen mit 1350 Porträtfotos, im Klub- und Vereinsteil 1075 Kletter-, Wander- und Touristenklubs mit 466 Abzeichen und Logos, dazu 365 touristische Vereine und Organisationen sowie Behörden, Gruppierungen und Strukturen, Ski- und Turnvereine mit Kletter- bzw. Wanderabteilungen, Bergsteigerchöre mit 44 Abzeichen. Schier unglaublich, diese Zahl von Bergsportclubs! Sie heissen beispielweise Kletterbrüder, Kraxelbrüder, Kletterfreunde, Kletterlust oder Bergsucht, Bergzauber, Bergteufel, Bergpiraten, Berggeister. Und natürlich, insgesamt zwei Dutzend Mal, Bergfreunde.

Tina und Michael Schindler: Personen-und Klublexikon Sächsische Schweiz. Sächsischer Bergsteigerbund SBB, Dresden 2014, 23 €. www.bergsteigerbund.de

Zum Schnebelhorn

Eine literarische und entymologische Spurensuche am höchsten Berg des Kantons Zürich

30. Juni 2014

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Herden von Wanderern und von Kühen belagern den höchsten Berg des Kantons Zürich, der eigentlich eher ein Hügel ist – das Schnebelhorn (1292 m). Wir verzichten also aufs Gipfelglück, ziehen weiter über den Grat gegen Schindelberg und Dägelsberg, immer wieder Kuhfladen ausweichend, von denen Wolken von Fliegen aufschwärmen. Als Kinder nannten wir den Hoger ob Stralegg «Schnäbelihorn» – hi, hi – ohne zu wissen, dass wir damit die Bedeutung des Begriffs fast trafen. Jeden Herbst drohte damals das Schnäbelihorn als mögliches Ziel einer Schulreise, also Schweiss und Blasen an den Füssen und Aufsatz. Zum Glück entschieden sich die Lehrkräfte, wie man Lehrer und Lehrerinnen heute nennt, für den Rheinfall oder den Zürcher Zoo. Damals lag da und dort in einem Haus das Buch «Menschen am Schnebelhorn» herum, eines der meistverkauften Werke der Heimatliteratur, habe ich neulich erfahren. Der Autor Otto Schaufelberger war in den 1920er Jahren Lehrer auf Stralegg und schrieb literarisch gestaltet den genannten Bestseller. Manchmal unterrichtete er sogar auf dem Gipfel des Schnebelhorns seine paar Berglerkinder im Zeichnen und überhaupt war er ein Schöngeist und noch dazu ein Linker und kam doch gut aus mit den Stralegglern, was ja nicht so selbstverständlich ist. Darf ich wohl sagen, ich bin in der Gemeinde aufgewachsen besuchte zusammen mit jenen vom Berg die Sek in Steg. Unser Sekundarlehrer fand zwar Schaufelbergers Buch nicht so gut, er empfahl uns ein anderes Schnebelhornbuch, «Der wunderliche Berg Höchst» von Alfred Huggenberger, der in Nazideutschland mit seinen Werken gross Karriere gemacht und Preise bekommen hatte. Der Thurgauer Huggenberger war aber auch ein passionierter Schnebelhornwanderer, traf auch mit Schaufelberger zusammen und politisierte mit ihm im «Alpenrösli». Nun, ich habe letzthin beide Werke gelesen und muss sagen, die «Menschen am Schnebelhorn» mit Genuss, ein Zeitbild der Zwanzigerjahre im Zürcher Oberland und ein Charakterbild eines jungen Lehrers aus der Stadt, der ein Romantiker ist und sich auch ständig verliebt, sei es nun in eine schöne Tochter vom Berg oder eine Touristin aus der Stadt. Auf Stralegg wird schon seit etwa 200 Jahren Schule gehalten und diesen Sommer ist nun endgültig Schluss. Die kleine feine Gesamtschule wird still und leise geschlossen. Der letzte Lehrer Werner Zollinger geht nach 40 Jahren in Pension.
Schnebelhorn ist ein seltsames Wort, hat weder mit Schnee noch mit Nebel zu tun sondern wie ich von einem Ortsnamenforscher erfahre, eher mit Schnabel – und da ist unser kindlich kicheriges Schnäbeli ja nicht weit daneben. Jedenfalls meint dieses Schnebel etwas, was sich in zwei Teile verzweigt, denn Schnebel bedeutet auch eine Haarkrankheit «bei der sich die Haare zuäusserst gabelförmig spalten». Offenbar vor allem bei Frauen. Schaut man vom Gipfel gegen Norden, so spaltet sich der Grat tatsächlich in zwei Teile, einer gegen die Hulftegg, der andere gegen Mosnang, also wie ein Haar oder ein aufgesperrter Schnabel. Ich habe das auf der Karte nachgeschaut, denn wir sind ja nicht auf den Gipfel gestiegen, wegen der Wanderer und der Kühe.

Zu Fuss

Geht wirklich alles besser, wenn man geht? Zwei Bücher geben uns Antworten: Ob es den armen Bündner Kindern im Schwabenland wirklich besser ging als Zuhause. Oder dem Homo erectus aus Ostafrika, nachdem er bis China gewandert war. Das Gehen auf zwei Extremitäten scheint übrigens wieder aus der Mode zu kommen. Wer geht denn noch ohne Wanderstöcke – ob’s damit besser geht, ist allerdings umstritten.

29. Juni 2014

ZuFuss„Die weite Teile Afrikas besiedelnden Clan-Mitglieder der Art Homo ergaster und der Art Homo erectus, waren offenbar nicht nur gewohnheitsmäßige Fußgeher, sie erweisen sich rückblickend auch als ausdauernde Wanderer und Langstreckenläufer. Vor ca. 1,9 bis 1,5 Mio. Jahren entschlossen sich Gruppen dieser beiden Spezies, die wohl bereits mit dem Feuer umgehen konnten, ihre angestammten Lebensräume in Ostafrika zu verlassen und andere Gegenden zu erkunden. Zwar wissen wir nicht warum, wissen nicht, ob sie wirklich die ersten Migranten, und auch nicht, wie viele sie waren; aber wie enorm weit ihre Füβe trugen, ist hinlänglich erforscht: bis nach Indonesien, Zentralasien und China – eine Strecke von mindestens 13‘000 km. In einem Höhlenkomplex bei Beijing geborgene, ca. 780‘000 Jahre alte Knochen von mehr als 50 Angehörigen der Art Homo erectus zeugen davon.“

Das sind also unsere Vorgänger, wenn wir weitwandern. Heute meist freiwillig. Aber damals? Einst ging man zu Fuss, weil man musste. Weil es ganz einfach kein anderes Transportmittel gab. Ausser vielleicht Flosse und Schiffe. Doch das war später. Früher hingegen war der Übergang vom Vier- zum Zweibeiner passiert. Der Homo erectus, der Name sagt es ja, ging schon aufrecht. Seine Vorgänger wiederum hatten die Vorteile des Gehens auf zwei Extremitäten gelernt. So weit sind wir fast schon wieder, dass wir das Gehen lernen müssen. Der im Büro arbeitende Homo sedens bringt es gerade mal auf 500 bis 600 Schritte täglich, macht umgerechnet ungefähr 400 m. Wie schrieb doch Johann Gottfried Seume, bekannt geworden durch seinen „Spaziergang nach Syrakus“, im Reisebericht „Mein Sommer 1805“: „Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste (…) und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge.“

Gehen also. Wer sich dafür interessiert, wird in Johann-Günther Königs Geschichte des Gehens viel erfahren. Der Titel des Taschenbuches ist ganz simpel: „Zu Fuß.“ Von der Frage, wie das Zufußgehen überhaupt geht, bis zur Feststellung der heutigen festgesessenen Zeit werden einige Jahrtausende Menschheitsgeschichte erzählt, mit Schwergewicht auf „1900 Jahre fast nur zu Fuß“, das heisst auf die Zeit von den Römern bis zu den Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg, die kilometerweit marschieren mussten, wenn sie nicht in den Schützengräben festsassen. Etwas zu kurz kommt das freiwillige Gehen, die Geschichte des Wanderns um seiner selbst willen. Dazu gibt es freilich schon einige gute Untersuchungen. Und wir dürfen uns freuen auf weitere Werke: Die Strollology, auch Spaziergangswissenschaft oder Promenadologie genannt, beschäftigt sich „mit der Wahrnehmung der Umgebung während eines Spaziergangs und untersucht u.a. die aus geographischen Kenntnissen, Werbematerialen und Lesefrüchten gebildeten Konstrukte, die während eines Spaziergangs im Kopf abgerufen werden.“

Cover Schwabenkinder-WegeKein Spazieren, kein fröhliches Wandern war das Gehen der sogenannten Schwabenkinder. Über Jahrhunderte hinweg zogen sie zu Tausenden aus Vorarlberg, Süd- und Nordtirol, Liechtenstein und Graubünden ins Schwabenland. Kinder armer Familien wanderten jeweils im Frühling in die Gebiete nördlich des Bodensees aus, um dem Hunger daheim zu entrinnen und um als billige Knechte und Mägde auf den grossen Betrieben zu arbeiten. Wie Elmar Bereuter, Autor des Wanderführers „Schwabenkinder-Wege Schweiz und Liechtenstein“, schreibt, kannten „die Begleitpersonen der Schwabenkinder keine Landkarten oder gar Navigationssysteme, sondern hatten die Routen ‚im Kopf‘, hielten sich an Wegbeschreibungen oder fragten sich notfalls durch.“ Mit seinem Werk haben wir Nachgänger nun ein vorbildliches Buch in Händen, mit dem wir gleich Dreierlei kennenlernen. Die lange Zeit verdrängte, oftmals traurige Geschichte der Schwabenkinder, ihre Wege von der Surselva, dem Rheinwald und Oberhalbstein bis nach Bregenz, sowie Sehens- und Wissenswertes am Wegrand. Gehen, wir ahnen es, ist nämlich mehr als einen Fuss vor den andern setzen.

Johann-Günther König: Zu Fuß. Eine Geschichte des Gehens, Reclam, Stuttgart 2013, Fr. 17.90.
Elmar Bereuter: Schwabenkinder-Wege Schweiz und Liechtenstein, Rother Wanderführer 2014, Fr. 20.90.

Der sechste Sinn

Beim Tier wird es Instinkt genannt, beim Menschen nenne ich es die innere Stimme. Was es auch gewesen sein mag: Es hat uns richtig handeln lassen.

© Annette Frommherz

Bristen am Berg 06 2014 (20)

26. Juni 2014

Wer als Bergsteiger alt werden will, muss umkehren können. Oder zumindest eine Alternative im Rucksack bereithalten. Wir wollten Freunde in der Etzlihütte treffen, die auf einer anspruchsvollen Zweitageswanderung dort nächtigen wollten. Mein Pendant erinnerte sich an den Bristen, ein mächtig kantiger Dreitausender, auf den könnten wir doch, meinte er, und ich nickte – einfach in die Berge, nichts wie weg. Eine unruhige Zeit lag hinter mir, und mein Liebster stand in seinem Betrieb mitten in der Hochsaison. Die mentalen Voraussetzungen waren also wie geschaffen, um ein Bergprojekt scheitern zu lassen. Aber nicht alleine dies, das wäre zu einfach erklärt. Es gab noch andere Nebeneffekte, welche für unser Vorhaben kein gutes Omen bedeuteten: die erste Hochtour dieser Saison, die Kondition noch kaum geschaffen für eine Zehn-Stunden-Tour, auf den Nachmittag waren lokale Gewitter angesagt, und der Kopf war alles andere als frei und bereit. Alles in allem keine geeigneten Voraussetzungen für diese Tour. Über fünf Stunden bis zum Gipfel, eine Hundertmeter-Wand in brüchigem Fels klettern, ein langer Grat über teils loses Gestein. Mir sträubten sich die Nackenhaare, als wir uns tags zuvor noch schnell eine Übersicht verschaffen wollten. Noch schnell geht in den Bergen nicht. Noch schnell ist leichtsinnig und kann gefährlich werden. Das wussten wir. Eigentlich.
Wir hatten ausgemacht, uns vor Ort zu entscheiden. Als wir beim Aufstieg zur Hütte aufblickten, standen unsere Freunde da oben und winkten uns zu. Sie waren von Erstfeld über Amsteg und Bristen bis hierhin gelaufen, und am nächsten Morgen würden sie weiterziehen über Mittelplatten nach Sedrun und über den Oberalppass bis hinunter nach Andermatt, diese Verrückten.Bristen am Berg 06 2014 (1)
Bei Tagesanbruch zogen wir los. Fünf Uhr in der Früh, es war der zweitlängste Tag dieses Jahres. Zwei Auerhühner flatterten im Morgentau erstaunt von dannen, als wir Richtung Rossbodenstock liefen. Über das Steingrätli hinweg sah es ziemlich steil aus, meine Schritte waren auch schon trittfester auf solch unsicherem Grund. Vor dem ersten abschüssigen Schneefeld blieb ich stehen und schaute hinüber zur Chlüserlücke, die wir durch ein Couloir erreichen würden. Dann erst würden wir vor der Kletterwand stehen, der Grat noch unerreicht. Es ging nicht. Ich sagte Nein.
Bristen am Berg 06 2014 (2)Mein Liebster fand sich damit ab. Auch er war sich nicht sicher gewesen. Steigeisen, Klettergurt und Seil trugen wir für den Rest des Tages ungebraucht, aber tapfer über steile und weniger steile Schneefelder und Granitgestein. Wir fanden entlang des Bristen Kristalle, die im Sonnenlicht um die Wette flunkerten, und staunten über die Schafherde, die weiter unten so flink über die Steinplatten sprang. Immer mal wieder schauten wir hoch zu diesem Gipfel, den wir nicht erreichen würden; sie mit etwas weniger Wehmut als er. Beim Lauchergrat zog uns die Weite in den Bann. Das Maderanertal lag vor uns, nebenan das Reusstal, durch das sich die Reuss in den Urnersee ergibt. Weit unten in Amsteg fuhren die winzigen Blechkisten weiter nach Göschenen, direkt in den Berg hinein, und würden erst im Tessin wieder ausgespuckt.
Beim Bristensee vor der Hütte schlürften wir lauwarmen, gezuckerten Kaffee, der uns gereicht wurde, bevor wir die tausenddreihundert Höhenmeter hinab unter die Füsse nahmen. Bristen am Berg 06 2014 (9)Die Urner Hänge sind ja so steil, dass die Bergfamilien aufpassen müssen, dass ihnen die Kinder nicht den Hang hinunterpurzeln. Sagt mein Liebster.
Eine Nase voll Bergwiese, eine Prise voll Urnervolk, und um drei Blasen und eine Erfahrung reicher, merke ich mir: Lasse den sechsten Sinn nie aus den Augen! Verschwende jede Gelegenheit damit, dein Befinden zu prüfen. Trage den Mut immer in deiner Hosentasche, aber traue in erster Linie deinem Gefühl. Auch wenn dir letztlich der Gipfelkuss entgeht.

Tatort Kilchenstock

Eine Nachtwanderung bei Tageslicht mit Lesung auf dem Berg, der den Menschen einst auf den Kopf fallen wollte. Uns hat er getragen.

23. Juni 2014

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Mit Wanderleiterin Gabi Aschwanden am Berg unterweg sein ist immer ein Vergnügen, auch wenn die Sonne brennt und der Schweiss trieft und der Rucksack drückt. Der Prophet geht zum Berg, die Bibel im Gepäck. Ah, dieser Schritt, und dann trägt Gabi auch noch einen zweiten Rucksack, damit wirklich alle mithalten können. Ja, der Kilchenstock ist steil, haarsträubende Blicke in Abgründe aus bröckligem Gestein und fast senkrechten Grashalden. Da krachts immer mal wieder durch die Runsen herab, Geissrus, Ätschrus, Gerenrus und sogar eine Füdlärus gibt’s da. Auch der Weg, den Forstleute mit Leuten aus einem Arbeitsprogramm gepickelt haben, rutscht da und dort schon wieder. Eigentlich rutschen ja alle Berge, nur die einen etwas schneller. Der Kilchenstock gehört zu denen.
20140621_195942klAlso die Bibel ist eigentlich ein historischer Roman, der gleich heisst wie der Berg. Wobei, die Landeskarte nennt ihn echt Glarnertüütsch Chilchestogg und der Gipfel, den wir nun endlich erreicht haben, soll Plattähöräli heissen und kommt in der Karte überhaupt nicht vor. Die wird halt in Bern gemacht und die dort oben wissen es wohl nicht besser und eigentlich ist es ja doch nicht so richtig ein Gipfel, eher ein Vorsprung mit ein paar plattigen Felsköpfen und super Aussicht tief, tief hinab ins Tal. Drüben am Ortstock hängen Nebelschwaden. Wir setzen uns ins Gras (Achtung, Zecken!), es gibt Bio-Champagner und Brötchen mit Kapuzinerbutter. Sicher sehr gesund. Allmählich wird es kühl. Der Prophet hält Lesung aus seiner Kilchenstock-Bibel. Ein Gleichnis fürwahr, die Geschichte des erwarteten Bergsturzes um 1930, der Mensch im Zwiespalt zwischen Wissenschaft und Glaube, mitten drin der gute Pfarrer Frey. Wie der da auf den Berg steigt um zu kontrollieren, wie weit der Bergsturz schon gediehen ist und sich dabei in diesem abschüssig-glitschig-brüchigen Gelände verirrt, da kommt einem das Frösteln an. Vielleicht ist’s auch, weil die Sonne nun hinter dem Ortstock oder den Jägerstöcken oder dem Eggstock abgetaucht ist. Schnell noch die Liebesgeschichte von Emil und Babetta Zopfi vorgetragen, die damals im Staub und Lärm des krachenden Gesteins entflammte. Eine Romanze zwischen Arbeiter und Bauerntochter in der Spinnerei Schuler in Rüti. Tief unten sieht man die Bettschwander Kirche, wo sie anno 1934 heirateten. Lesung am Tatort nennt man das, das Signieren verschieben wir auf den Mitternachtsimbiss im Obbort. Gut, ist noch Licht genug für den Abstieg, bei dem allen wieder warm wird um Hände, Füsse und hoffentlich auch Herz.
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(Fotos Vitus Schweizer)

Histoire de bornes

Schön wäre es, wenn Grenzssteine dereinst nur noch als historische Wanderziele dienen würden, wie in diesem Buch vorgestellt. Die Zeichen der Zeit zeigen in eine andere Richtung: man macht wieder dicht oder schlägt gar neue Pflöcke – sicher nicht so schön, wie die «bornes» in den Bergen des Wallis.

18. Juni 2014

Histoire de bornes„Le col de Balme, point de passage et de séparation entre les bassins du Trient et de l’Arve, possède la première borne de la frontière franco-valaisanne. C’est une borne principale de 1891 avec les inscriptions «SUISSE» et «FRANCE».“

Der Grenzstein Nr. 1 zwischen Frankreich und der Schweiz liegt auf dem Col de Balme (2204 m), diesem klassischen Übergang vom Tal von Chamonix ins Unterwallis, mit dem „hôt. Suisse, médiocre“ und der „vue célèbre de la chaîne du Mont-Blanc“, wie der Bädeker „La Suisse“ von 1887 schreibt. Der Grenzstein Nr. 2 ist nur 70 Meter vom ersten Stein entfernt, und so geht es der franco-walliser Grenze entlang bis zur Borne Nr. 98 in St-Gingolph am Ufer des Lac Léman. 98 Grenzsteine, um die 91 km zwischen Frankreich und dem Wallis festzulegen. Verhältnismässig wenig, wenn diese Zahlen mit den mehr als 400 Steinen für die 105 km zwischen Frankreich und dem Kanton Genf verglichen werden. Nun, es ist ja auch leichter, im Gebirge den Grenzverlauf zu bestimmen: einfach über Gipfel und Grate. So gibt es zwischen dem Mont Dolent und dem Col de Balme gar keine Grenzsteine.

In seinem dritten Band zur Geschichte der Grenzsteine zwischen Frankreich und der Romandie befasst sich der EPFL-Ingenieur Olivier Cavaleri eben mit denjenigen im Wallis und stellt sie Stein um Stein, Bolzen um Bolzen, Markierung um Markierung vor. Da gibt es Prachtsexemplare, wie an der Tête de Balme die Nr. 4, die aus zwei Steinen besteht. Aus demjenigen von 1891 im gleichen Format wie die Nr. 1, und aus einem bereits 1738 gesetzten Block. Dieser zeigt auf der einen Seite das Kreuz von Savoyen, das von der Krone des Königreiches Sardinien gekrönt ist, und auf der andern die Walliser Flagge mit nur sieben Sternen sowie ein Wappen mit gekreuzten Schwert und Stab, über denen eine Bischofsmütze schwebt. Europäische, schweizerische und kirchliche Historie, in Stein gemeisselt.

Spannend also, diese Geschichte der Grenze und ihrer Markierungen. Olivier Cavaleri verbindet sie mit 22 Wanderungen, von der strengen Hüttentour zur Cabane de l’A Neuve am Mont Dolent bis zum Spaziergang in St-Gingolph. Letzterer wäre sicher etwas für den Freitag, 20. Juni 2014, wenn um 21 Uhr das WM-Fussballspiel SCHWEIZ – FRANKREICH beginnt. Je nach Sympathien schaut man dem Match westlich oder östlich des Grenzflusses La Morge zu. In diesem Sinne: Alles les Bleus – hopp Schwiiz!

Olivier Cavaleri: Histoire de bornes. La frontière entre le Valais et la France. Balades, découvertes, histoire. Éditions Slatkine, Genève 2014, Fr. 34.-
Ebenfalls von Cavaleri bei Slatkine in gleicher Ausstattung erschienen:
A la découverte des bornes-frontière du Jura neuchâtelois und A la découvertes des bornes-frontière du Jura vaudois.