Klettern im Jura

Klettern in den Alpen – passt bestens. Klettern im Mittelland – etwas weniger; gibt aber schon ein paar Seillängen, auch draussen. Und Klettern im Jura – geht wiederum bestens. Zwei neue Führer zeigen, wo es am schönsten und am schwierigsten ist. Anseilen bitte!

21. Oktober 2017

11.11.[73] Jura: Im Schilt. Zwischen La Huette und Sonzeboz. Viele wunderschöne Routen, schwierig. Wir machten Normalweg IV-V, 120 m. Herrlicher Fels, todsichere Standplätze. Res und ich bezwangen noch eine Artificiel-Route (A1, -IV).

Eintrag aus meinem zweiten Tourenbuch, mit nicht ganz korrekter Schreibweise: Die beiden Ortschaften im Berner Jura schreiben sich La Heutte und Sonceboz, und ob man Standplätze als todsicher bezeichnen kann, bleibe mal dahingestellt. Immerhin war man damals froh, wenn wenigstens an den Standplätzen wirklich verlässliche Felshaken steckten. Neunzehn Jahre alt war ich bei meinem ersten Kletterausflug im Jura, und bis ich dorthin zurückkehrte, sollten weitere vier Jahre vergehen. Dabei liegt das zweite Gebirge der Schweiz so nahe vom Mittelland wie die Alpen, und klettern kann man dort mindestens so gut. Wandern natürlich auch, gerade im Spätherbst, wenn die Schneefallgrenze zu sinken beginnt, wie MeteoSchweiz nun ankündigt: „Am Sonntag oft stark bewölkt und zeitweise Niederschlag, besonders am Alpennordhang. Schneefallgrenze auf 1000 bis 1300 Meter sinkend.“

Wer aber lieber klettert, greift zu zwei neu aufgelegten Führern aus dem Hause Filidor. Sandro von Känel und seine Mitarbeiter präsentieren in „plaisir Jura“ und „extrem Jura“ auf je 358 Seiten so viele wunderschöne Routen in allen Schwierigkeitsgraden, dass wir für die nächsten Jahrzehnte genug zum Klettern im Schweizer Jura haben. Und gar un peu darüber hinaus. Im Plaisir-Band sind nämlich acht Gebiete aus dem Französischen Jura, fünf aus dem Elsass und eines aus dem Schwarzwald beschrieben, die unbedingt einen Besuch lohnen. Zum Beispiel die Trois Commères, die drei Klatschbasen, bei Morez; das Dorf liegt nur 13 Kilometer entfernt von La Dôle, dem westlichsten Gipfel der Schweiz. Oder die rötlichen Bunt-Sandsteine von Gueberschwihr, „ein wirkliches Plaisir-Paradies zwischen Weinbergen und traditionellen Winzerhöfen“, wie es im Führer heisst.

Wie immer in den handlichen Werken der Edition Filidor: klar und kundig das Ganze. Texte und Topos, Skizzen und Fotos: alles tipptopp. All die präsentierten Gebiete und Seillängen: verlockend bis vielleicht unmöglich – letzteres vor allem im Band „Extrem“, wenigstens für Otto Normalkletterer. Bevor man sich im Schilt also an die mit 7a bewertete Route „La Symphonie des mousquetons“ wagt, sollte die Normalroute gemacht werden, ein „Klassiker mit deutlichen Gebrauchsspuren“.

Sandro von Känel: plaisir Jura sowie extrem Jura. Filidor Verlag, Reichenbach 2017, je 44 Fr. Gratis dazu gibt es einen Downloadcode für eine kostenlose Anwendung auf iOS und Android, damit man die Führer auch auf dem Smartphone konsultieren kann. www.filidor.ch

Bergromane

Frankreich ist Ehrengast an der diesjährigen Frankfurter Buchmesse vom 11. bis 15. Oktober. Auf der Fahrt in die Geburtsstadt von Goethe (ihm ist u.a. der 44 Meter hohe Goetheturm am Stadtrand geweiht) und von Ernst Justus Häberlin (Mitglied der SAC-Sektion Basel und Erstbesteiger von Breitlauihorn, Lötschentaler Breithorn und Schinhorn vom 26. bis 30. August 1869) könnten wir doch einen Bergroman lesen, einen französischen natürlich. Oder auch einen deutschen, mais oui!

10. Oktober 2017

Je frémis: c’est Matthieu Charraz, le champion, en personne.

– Matth, je te présente Emma Lindley, ma nouvelle colocataire; une brillante sociologue qui nous vient des États-Unis pour sa thèse. Emma, voici Matthieu, un ami.

Il plante ses yeux dans les miens. Malgré son sourire, je ressens une certaine distance; Matthieu Charraz en impose.

– Et sur quoi travaillez-vous, mademoiselle!

– La prise de risques en montagne, dis-je, mal à l’aise.

– Ah oui?

Oh ja! Die erste Begegnung zwischen den beiden Hauptfiguren im ersten Roman der französischen Autorin Mélanie Valier „Et si tout s‘arrêtait là?“. Und es hört nicht auf damit, natürlich nicht. Sonst wäre es ja kein Roman… Emma Lindley und Matthieu Charraz werden sich wieder begegnen in Chamonix, der Hauptstadt des Alpinismus. Gerade er, der Champion des Freeridens und des Trail Runnings, wird ein bevorzugtes Objekt ihrer soziologischen Untersuchung über das Risiko des Bergsports im Zeitalter des Internets, der Social Media, der Helmkamera. Mehr noch: Die beiden verlieben sich ineinander – was wäre ein (Berg-)Roman ohne Liebesgeschichte? Und diejenige von Emma und Matth ist heiss. Es wird nicht nur geklettert und gerannt, gesurft und geflogen. Mais non!

Das Regionalradio „France Bleu“ sprach zu Recht von einem „thriller érotico-montagnard“, und die Bergzeitschrift „Vertical“ meinte, es gebe nicht häufig einen solchen Roman zu lesen: „C’est courageux, novateur, féminin.“ Wer also nun, wenn Frankreich in Frankfurt an der Buchmesse zu Gast ist, einen zeitgenössischen französischen Bergroman lesen möchte, sollte sich mit Mélanie Valier zum Mont Blanc und zur Aiguille Verte aufmachen.

Ebenfalls in den französischen Alpen, vor allem im Écrins-Massiv, spielt der dritte Roman des bekannten französischen Bergpublizisten François Labande. Wie bei Mélanie Valier wird das Geschehen in „La ligne d’horizon“ aus weiblicher Ich-Perspektive erzählt. Bic Calmet, 50 Jahre alt, alleinerziehende Mutter, Bergführerin, engagiert sich in ökologischen Bewegungen gegen die fortschreitende Erschliessung der Berge und hat sich um zwei nicht ganz pflegeleichte Söhne zu kümmern: Der eine arbeitet als Arzt in humanitärem Dienst in Syrien, der andere taucht in der rechtsextremen, terrorverdächtigen Szene von Marseille unter. Das volle Programm also. Verständlich, wenn Bic ihrem Seilpartner während einer Winterbesteigung gesteht: „C’est là que je suis bien. Là-haut. Tu comprends?“

Verstehen wir bestens, mais bien-sûr! Gipfelglück, kurz gesagt. So heisst auch der Roman von Uschi Grudzinski und Evelyn Holst. Er ist im real existierenden Gradonna Mountain Resort oberhalb des Bergdorfes Kals am Grossglockner im Osttirol angesiedelt, handelt von verschiedenen Paaren (Touristen und Einheimischen), die sich finden, wieder finden und verlieren, die dort oben den Sinn des Lebens suchen, zu finden glauben – oder ganz einfach auch arbeiten müssen. Ein rasanter, kitschiger, unterhaltsamer Berghotelroman. Bergsport wird auch getrieben.

„Prima“, lobte Lucas und fühlte sich wie Reinhold Messner. Wie gut, dass er sich gestern Abend noch in den Hotel-Bibliothek den Berg- und Klettersteigführer ausgeliehen und sich über diese Tour informiert hatte. Als hätte er’s geahnt. „Jetzt geht’s hier die Felsrinne hoch. Ihr könnt euch an diesem Fixseil festhalten.“

Machen wir. Allons-y! Lisons!

 

Mélanie Valier: Et si tout s‘arrêtait là? Éditions Glénat, Grenoble 2017, € 20.- http://montagne.glenatlivres.com

François Labande: La ligne d’horizon. Éditions du Fournel, L’Argentière-La Bessée 2016, € 19.- www.editions-fournel.fr

Uschi Grudzinski, Evelyn Holst: Gipfelglück. Atlantik Bücher, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2017, € 15.- www.atlantik-verlag.de

Von Col zu Col

Das Wetter war durchwachsen angesagt, doch wir hatten einen Plan B ausgearbeitet: Eine Route über zwei Pässe und zwei Gletscher, zu der wir kaum Informationen hatten, die beinahe unbekanntes Land war. Und wieder einmal wurde ein B Plan zum ganz besonderen, vielleicht zum grösseren Erlebnis.

9. Oktober 2017

Die Cabanne de Valsorey liegt hoch inmitten eines Steilhanges, klein auf einer Felsenkuppe. Es ist eine Bergsteigerhütte wie sie immer seltener zu finden sind. Das Plumpsklo liegt zwanzig Meter abseits auf einem Felsen in einem Blechcontainer, und weil im Schneefall vor zwei Tagen das Rohr gefroren und geplatzt war, ist der Brunnen daneben trocken und still. So muss man sich mit den Schneeresten behelfen, oder zum Waschen den Eimer voll Wasser nehmen, den die beiden Frauen, die hier wirten, als Ersatz neben den Brunnen gestellt haben.

Auf ihrer Rückseite wird die Hütte dräuend überragt von den tausend Meter hohen Flanken des Grand Combin, düsterer Fels, aus dem jetzt am Nachmittag das gepolter tauender und abbrechender Eiszapfen zu hören ist. Der beste Platz ist eine meterbreite Holzbank auf der Vorderseite, auf der wir nachmittags ein Vitamin-D Bad nahmen und abends die lange Dämmerung im Westen begleiteten. Dorthin geht der Blick frei und weit zu den stachligen Felsrücken des Mont Blanc-Gebiets, jetzt, Anfang September, eine Welt eingeschneiter Felsburgen, deren Gletscherzungen und Eisbrüche sich in die kaum einsehbaren Schluchten geflüchtet haben. Nur am alles weit überragenden Fast-Fünftausender in ihrer Mitte triumphieren sie emporschlängelnd über die Felsen. Während still, tief unter uns, silberne, fast durchsichtige Nebelstreifen vom Val d´ Entremont hereinzogen, beobachteten wir das schwindende Licht, den Sonnenuntergang hinter dem Mont Blanc. Erst als sich der zaghafte Schimmer des Mondes in den obersten Flanken der Brenva-Seite bemerkbar machte, gingen auch wir leise hinein in die längst schlafende Hütte.

Am Morgen waren wir vier die einzigen der insgesamt acht Gäste, die um Fünf bei einem dunklen Frühstück sassen. Als wir später die felsigen Hänge anstiegen, überschwappten uns wieder und wieder einzelne Nebel, die sich von einem wogenden Meer knapp unterhalb der Hütte lösten, über uns und dann an den Felsflanken in die Höhe krochen, um oben an den Graten zu verschwinden. Eine hohe Wolkendecke saugte den Mondschein in sich auf, wie ein Schwamm eine silberne Flüssigkeit, und leuchtete fahl über der schwarzen Erde. Das Leuchten wurde blasser während wir höher stiegen, bis es langsam in ein Rot tauchte, das eine irgendwo aufgehende Sonne kurz zwischen Horizont und Wolkendecke warf. Die letzten Meter zum Col de Meitin, auf dem uns plötzliche und jäh ein eisiger Nordwind anfuhr, stiegen wir schliesslich im Licht eines grauen Tages auf.

Jenseits, unter uns, lag das Gletscherbecken, eine gelbliche, spaltendurchzogenen Firnfläche, auf der weiss der Schnee von vor zwei Tagen, in langen, unterbrochenen Dünen lag. Der Weg dort hinab führte über einen blanken Steilhang und einen offenen Bergschrund und kostete uns Zeit da wir in zwei Seilschaften gingen und Eisschrauben ein- und ausdrehen mussten. Kaum unterhalb des Grates war der Wind wieder verschwunden, doch zog vom Glacier de Corbassiere langsam ein grosser Nebel herauf. In diesem Nebel schlichen wir handbreit vorbei an kleinen Spalten, die sich nach unten zu Kathedralen weiteten, als blicke man vom First eines Kirchenschiffes hinter einem verrutschten Ziegel ins Innere. So präsentierte sich uns das Plateau des Maisons Blances als eine Stadt der Hallen und Säle, die wir über ihre löchrigen Dächer passierten. Auf den Felsen am Fuss des Combin de Boveire spielte ein Sonnenfleck in dem wir rasteten. Der grosse Nebel war jetzt angestiegen und lag uns gegenüber am Grand Combin, vor dessen breiten Eisbalkonen er nur ein schmaler, unscheinbarer Streifen war.

Der Col de Panossiere, unser nächster Übergang, setzte fünfzig Meter hoch felsig auf den Gletscher ab. Wir erreichten ihn in einem weiten Rechtsbogen durch mal glattgeschliffene, mal brüchige Felsen und betraten auf seiner anderen Seite den Glacier de Boveire. Breite Spalten zogen kreuz und quer und verschwanden schmäler werdend im Neuschnee, den wir in tastenden Bögen durchspurten. Weiter unten umgingen wir eine Bruchzone am Rand einer Felseninsel, von der aus sich an manchen Orten Geröll auf die Spalten ergoss, während an anderen grosse, längliche Blöcke zu Brücken verklemmt waren, auf denen wir mit unseren Steigeisen kratzend balancierten, oder in einem kurzer Boulder über den Abgrund gelangten. Über die unterste Zunge und ihr steiles Ende hinab, gelangten wir schliesslich direkt neben dem Gletschertor auf das steinige Vorfeld.

Wie durch einen Tunnel gingen wir später hoch auf einer schmalen aber begrünten Moräne absteigend erneut durch dichten Nebel, als von der anderen Seite leise und wie von weit her, Kuhglocken zu hören waren. Unterhalb der Wolkenbasis durchstreiften wir Beete reifer Heidelbeeren und mussten uns dann gut fünfzig Meter weit durch Erlengestrüpp schlagen, ehe wir einen Weg erreichten, der über Weiden und durch Wald ins Tal führte und uns von seinen Rändern her überreich mit Himbeeren beschenkte.

Kein Tropfen Regen war gefallen und keinem Menschen waren wir begegnet.

Landschaften

Auch Bücher sind Landschaften. Schliesslich ist auch Lesen und Bilder Betrachten «das Resultat einer permanenten Interaktion zwischen Menschen und der physikalischen Umwelt». Wie weit sich der Begriff dehnt, zeigt der Berg von Literatur zum Thema, den unser Rezensent hier auftürmt bzw. abbaut. Berge zerfallen, wie wir wissen, Landschaft bleibt. Ob flach, steil oder eben: Papier.

6. Oktober 2017

„Eine Landschaft lebt nicht nur durch das in ihr Sichtbare, sondern ebenso durch die Gestalten, die in ihr unsichtbar – oder nur in hindeutenden Spuren – anwesend sind, ob sie nun aus Büchern, Bildern, Erinnerung oder Überlieferung stammen; das Vergangene, Erfundene oder Wirkliche gilt hier gleich viel; in je gröβerer Dichte sich solche Erscheinungen einstellen, um so mehr hat die Landschaft Figur.“

Es ist ein jeder Hinsicht gewichtiges Buch, in dem sich auf den weissen Seiten 470-471 dieses Zitat von Franz Tumler aus seinem Text „Österreichische Landschaft“ gross abgedruckt findet; er stammt aus Tumlers Werk „Landschaften und Erzählungen“ von 1974. Das passt perfekt zu diesem gut zwei Kilo schweren und 560 Seiten dicken Buch „Landschaftslektüren. Lesarten des Raums von Tirol bis in die Po-Ebene“. Es erkundet auf wissenschaftliche, literarische und künstlerische Weise unterschiedlichste Landschaften in diesem Teil der Alpen bis hinunter ins Delta des mächtigen Alpenflusses. Entstanden ist es aus der Tagung „Grenzräume – Raumgrenzen: Ländliche Lebenswelten aus kulturwissenschaftlicher Sicht“ im April 2015 an der Uni Innsbruck.

„Es gibt viele Arten, Landschaften zu betrachten“: So beginnt Susanne Rau ihren grundlegenden Beitrag „Land und Landschaften“. Sie definiert Landschaft als „das Resultat einer permanenten Interaktion zwischen Menschen und der physikalischen Umwelt“. Wie sich diese Definition so verblüffend wie überzeugend künstlerisch umsetzen lässt, zeigt Katharina Cibulka in der Arbeit „ist heute morgen“. Sie reiht alte Holzschindeln, die einst ein Haus bedeckten und es vor Kälte und Nässe, Sonne und Wind schützten, wie Dominosteine an verschiedenen Orten aneinander – auf Wiesen im Gebirge und neben einer Pferderennbahn, in alten Gebäuden, aufgegebenen Fabrikanlagen und modernen Räumen – und fotografiert die Installationen. Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Diese Fragen stehen da wahrhaftig im Raum. Man möchte den Holzschindeln natürlich mal live begegnen; fürs Erste begnügen wir uns mit den Farbfotos in „Landschaftslektüren“.

Nicht alle Beiträge sind so unmittelbar einleuchtend und berührend wie diejenigen von und zu Katharina Cibulka. Was aber Stefan Alber mit dem Mobiliar des Zimmers 206 des Hotels Pragser Wildsee gemacht hat, geht ganz schön unter die Haut. Und im epischen Gedicht „im atemgeröll mein lied“ von Christoph W. Bauer taucht der Begriff „heimatmoränen“ auf. Ob sich Francesco Petrarca darunter etwas hätte vorstellen können? Er, der um 1336 den Mont Ventoux bestieg und mit seinem Bericht darüber das Landschaftsbewusstsein initiierte.

Wer sich für die Auseinandersetzung mit Landschaft und Raum einst und heute interessiert, kann zu zwei weiteren Publikationen greifen. „Landschaftsqualität im urbanen und periurbanen Raum“ geht den Fragen nach, was Landschaftsqualität denn überhaupt ausmacht, welche Funktionen Landschaften gerade im städtischen und halbstädtischen Raum, als im Mittelland, erfüllen müssen und wie sie weiter entwickelt werden können. Keine Lektüre für Minuten. Aber man darf sich ja auch mal in etwas hineinknien, das uns alle angeht.

Im Beitrag „Der Berg als König. Aspekte der Naturwahrnehmung um 1600“ für die „Berner Zeitschrift für Geschichte“ setzt sich Jon Mathieu wie immer informativ und unterhaltsam zugleich mit einem Epos auseinander, das einen etwas langatmigen Titel hat – der Beginn lautet so: „Ein Neuw, Lustig, Ernsthafft, Poetisch Gastmal, vnd Gespräch zweyer Bergen, In der Löblichen Eydgnossenschafft, vnd im Berner Gebiet gelegen: Nemlich dess Niesens vnd Stockhorns, als zweyer alter Nachbaren…“ Autor dieser barocken, 1606 erstmals aufgelegten Landes- und Weltkunde ist Hans Rudolph Rebmann (1566-1605), lange Pfarrer in Thun. Niesen und Stockhorn erzählen sich gegenseitig, was sie alles wissen, und das ist nicht wenig. Hier deshalb nur acht der 14‘000 Verse der Erstauflage:

Die Jungfrau hoch zu bsteigen schwer,
Wan nicht ein Horn der Münch dran wer,
Der Berg zween Gibel hoch auffgricht,
Der Schnee den einen lasset nicht
Der in bedecket allezeit,
Sein spitzigen Grad sieht man weit;
Der ander Spitz der Münch vast rund
Ein Jäger ihm ersteigen kundt!

 

 

 

 

 

Markus Ender, Ingrid Fürhapter, Iris Kathan, Ulrich Leitner, Barbara Siller (Hg.): Landschaftslektüren. Lesarten des Raums von Tirol bis in die Po-Ebene. Transcript Verlag, Bielefeld 2017, € 35.- www.transcript-verlag.ch

Landschaftsqualität im urbanen und periurbanen Raum. Herausgegeben vom Institut für Landschaft und Freiraum, HSR Hochschule für Technik Rapperswil. Haupt Verlag, Bern 2016, Fr. 44.- www.haupt.ch

Jon Mathieu: Der Berg als König. Aspekte der Naturwahrnehmung um 1600. In: Berner Zeitschrift für Geschichte, N° 01/17, Fr. 20.- www.bezg.ch

Mettmen im Schnee

Früh ist der Schnee gefallen. Gestern noch bis 1700 Meter. Ob Mettmen noch geht?

1. Oktober 2017

Noch einmal in diesem Herbst. Es sind noch Rechnungen offen. Hakenhänger, an Stellen, die einst leicht von der Hand gingen. Das Alter, aber bitte nicht ständig klagen. Schau nach vorn.
Die Seilbahn ist gut besetzt, Wanderer, Rentner, Familien mit Kindern, ein Hund. Sonne, Schnee liegt bis zum Stausee. Wir könnten ja auch wandern, aber zuerst einen Kaffee im neuen Berghaus, Berghotel-Mettmen. Die Bedienung freundlich, Glarnertüütsch, heimatlich. Das Haus passt gut in die Landschaft, Holzfassade. Initiative eines mutigen Ehepaars, das zuvor die Leglerhütte bewirtschaftet hat, Chapeau! Und es läuft gut, hören wir, besser als erwartet. Als wir erwartet haben. Was uns doch sehr freut.
Der See, randvoll, ein Spiegel. Wir stapfen durch den Schnee hinauf gegen die Felsen. Klettern? Ja, es geht. Der Fels ist trocken, sonnenwarm, griffig, herrlich. Mettmen eben. Wir sind allein, Stille, nur der Piff eines Murmeltiers schreckt uns auf.
Am Fuss der Wand bilden sich Pfützen vom schmelzenden Schnee. Aufgepasst, dass die Seile nicht nass werden! Auch das schaffen wir. Und auch die Stellen, die mir das letzte Mal zu schaffen machten. Es geht, es geht, es geht noch immer. Fein! Noch was Leichtes, als Kletterdessert. Das dann doch nicht ganz so leicht ist. Aber leichten Herzens steigen wir ab. Noch ein Kaffee auf der Sonnenterrasse. Blick zum tief verschneiten Glärnisch. Glück.

Über alle Berge

Zu Fuss oder im Renault. Durch die Schweiz oder durch Frankreich. Ein neues Zeitalter der Romantik scheint angebrochen. Die blaue Blume der Sehnsucht treibt die Schreibenden über alle Hügel und Pässe und Gipfel bis ans Ende der Welt – oder wenigstens des Landes. Drei Werke zum mitwandern oder nachwandern, dreisprachig rezensiert und zitiert.

30. September 2017

„And finally Zermatt, the Wailing Wall of mountaineering, with its Whympers’s Rope. I looked around me. Everywhere there are people going in and out of shops, garish posters, display windows, mannequins, stuff. Why, this is a bazaar, a souk of Western consumerism. And, towering above it all, attracting all regards, is this visitor from another continent, commanding respect and attention. The Matterhorn is, in fact, Europe’s minaret.“

Mutige Vergleiche, die der kanadische Historiker und Journalist Stephen O’Shea da in „The Alps. A Human History from Hannibal to Heidi and Beyond” zieht. Zermatt als Klagemauer des Bergsteigens, das Matterhorn als das Minarett Europas – was geologisch ja auch stimmt, weil es zur afrikanischen Platte gehört und so ein Besucher von einem anderen Kontinent ist. Gekonnt auf den Punkt gebracht: Das schafft O’Shea in seinem jüngsten Buch immer wieder. Zum Beispiel auch hier: „If Rousseau and Mary Shelley made the Alps titillating and Romantic, then the film version auf Ian Fleming’s character made them sexy. Of the twenty-four Bond movies, fully a third, by my count, have used the Alps as a location, as an accessory to danger and seduction.” Jean-Jacques und James sozusagen in die gleiche Seilschaft einknoten, da muss man den Alpenbogen und seine Geschichte(n) schon ziemlich gut kennen. Stephen O’Shea ist 2014 mit Hintergrundwissen, Notizbuch und Renault Mégane von Genf aus kreuz und quer durch die Alpen gekurvt, ohne allerdings ihren südlichen Teil zu besuchen. Was insofern schade ist, als gerade ein so mythischer Gipfel wie der Mont Ventoux ihn bestimmt zu rassigem Kurvenfahren und ebensolchen Gedankengängen verholfen hätte. Sein Buch, das im November auch auf Deutsch erscheint, ist oft amüsant und unterhaltend, manchmal auch böse und sarkastisch. Zuweilen verbremst er sich – vielleicht hätte Stephen O’Shea mehr zu Fuss gehen müssen…

Genau das machten Regula Jaeger und Markus Maeder, als sie „von zu Hause über alle Berge bis ans Ende der Schweiz“ gingen und diese Reise im Buch „Fussgang“ für uns (und sicher auch für sich) aufschrieben. Ein schöner Titel, ein frecher Untertitel und ein mutiges Cover (Regula nimmt, von Markus fotografiert, ein Nacktbad in einer Kuhtränke beim Aufstieg zur Rotstockhütte im Lauterbrunnental): Verlockend, nicht wahr? Vielleicht weniger das Bad als die Aussicht, von zu Hause aus aufzubrechen und ein klares Ziel vor Augen zu haben: Wenn nicht das Ende der Welt, so doch das Ende der Schweiz – Genf nämlich. In einem Tagebuch hält das Paar in Texten und Bildern fest, was es auf seiner Weitwanderung mit Start in Rapperswil am Zürichsee in 49 Etappen und in vier Jahreszeiten erlebt hat. Und wir Leser dürfen mitwandern und mitessen, mitreden und mitfrieren, mitsehen und mitjuchzen, miteinschlafen und am nächsten Morgen wieder mitgehen, Schritt für Schritt und Gang für Gang. Wir lernen auf dieser Mischung aus Via Jacobi und Via alpina ein Land kennen, wie wir es zu kennen glauben und wahrscheinlich doch nicht kennen. Die zwei nicht mehr ganz jungen, aber jugendlich gebliebenen Fussgänger zeigen uns mit Text und Bild, anschaulich und anmutig, gwundrig und gluschtig, hintergründig und hautnah eine etwas andere Schweiz.

Über alle Höger, Hügel und Hindernisse ist auch Sylvain Tesson gewandert, vom August bis November 2015. Quer durch Frankreich, von der rechten unteren Ecke bis in die mittlere Ecke oben links, von Tende im Hinterland von Nizza bis zum Cap de la Hague zuvorderst auf der Contentin-Halbinsel. Wenn möglich nicht auf sauber rot-weiss markierten Sentiers de Grande Randonnée, den berühmten Weitwanderwegen, sondern auf chemins noirs, wie Tesson die aufgegebenen, nicht mehr benutzten Wege bezeichnet, „auf versunkenen Wegen“, wie der deutsche Titel des Buches lautet. „Bisher las man Tesson, um in die Ferne zu schweifen. Jetzt kann man mit ihm die eigene Heimat erkunden“, lobte der „Paris Match“. Nun, als Führer zum Nachwandern taugt der jüngste Tesson im Gegensatz zum „Fussgang“ nicht wirklich, doch zum Lesen natürlich bestens, auf einer Frankreichreise oder zuhause auf dem Sofa. Und immer wieder gelingen Tesson gekonnte Formulierungen. Er fand auf seinem monatelangen Quergang die „géographie du non-lieu“ und die „cartographie du temps perdu“. Und auf dem Weg zum Mont Ventoux, entlang von gross angelegten Feldern gehend, wo einzig die Hangars der riesigen Traktoren für optische Abwechslung sorgen, frappiert ihn das: „La mondialisation avait ouvert son marché frankensteinien.“

Stephen O’Shea: The Alps. A Human History from Hannibal to Heidi and Beyond. Norton & Co., New York 2017, Fr. 37.90.
Die Alpen. Von Hannibal bis Heidi. Geschichten, Mythen und Legenden. Goldmann Taschenbuch (erscheint am 20. November 2017), Fr. 19.50.

Markus Maeder, Regula Jaeger: Fussgang. Von zu Hause über alle Berge bis ans Ende der Schweiz. NZZ Libro, Zürich 2017, Fr. 44.-

Sylvain Tesson: Sur les chemins noirs. Gallimard, Paris 2016, € 15.-
Auf versunkenen Wegen. 1000 Kilometer zu Fuss durch Frankreich. Knaus Verlag, München 2017, Fr. 29.90.  

Die Gürbe

Hommage an einen Fluss, die Gürbe. Fluss der Kindheit unseres Rezensenten. Verdammt wild und nie ganz zu zähmen. Also der Fluss. Die besprochene Dissertation widmet sich dem Hochwasserschutz, ein aktuelles Thema, nicht nur an der Gürbe.

20. September 2017

„Für Wattenwil war die Gürbeverbauung ein grosser Segen. […] Die Arbeiter sahen den Erfolg selber ein; an Stelle der Geisslein kamen Kühe in den Stall und die alten russigen Hüttli mussten sauberen neuen Häuschen Platz machen.“

Freute sich Wilhelm Bettschen, Amtsschwellenmeister und Bauleiter der Hochwasser-Schutzarbeiten im Oberlauf der Gürbe, im Jahre 1925. Er und die Arbeiter konnten sich so lange freuen, bis das nächste Hochwasser, der nächste Starkregen über dem Gantrisch-Gebiet in den Berner Voralpen die bisher getroffenen Schutzmassnahmen und die besser gewordenen Lebensbedingungen erneut beeinträchtigte oder gar zerstörte. Zwischen 1575 und 2010 passierten am 29 Kilometer langen Lauf der Gürbe, von der Quelle auf etwa 1680 Meter unterhalb der Gantrisch-Nordwand bis zur Mündung in die Aare auf rund 500 Metern, 75 Hochwasserereignisse, davon 12 in der Schadensklasse 4 (sehr schwer) und 3 in der Klasse 5 (katastrophal; so auch am 29. Juli 1990). Ein verdammt wilder und nie ganz zu zähmender Fluss, diese Gürbe. An ihrem Ufer habe ich in Belp neun Jahre lang gewohnt, bis in die vierte Klasse, am Parkweg 4, gleich neben einer Schwelle. Das Rauschen von Wasser, am Fluss oder am Meer, liebe ich noch heute – wenigstens so lange das Wasser nicht zu hoch kommt.

Die Gürbe also. Mein Fluss der Kindheit. Deshalb interessierte mich die Dissertation von Melanie Salvisberg, die nun der Basler Schwabe-Verlag als siebter Band der Reihe Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte publiziert hat: „Der Hochwasserschutz an der Gürbe. Eine Herausforderung für Generationen (1855–2010)“. Ein wissenschaftliches Buch, klar. Eines, das minutiös aufzeigt, alle Nebenbäche (auch die geologischen, technischen, sozialen, demographischen, juristischen und politischen) einbeziehend, was so ein harmlos scheinendes Bergbächli anstellen und kaputt machen kann. Zuerst noch unverbaut, dann immer mehr verbaut. Aber, so hat man das gerade an diesem Nebenfluss der Aare erkannt: Die Natur bleibt immer stärker – einmal wird es im Gäntu, wie die Berner das Gantrisch-Gebiet und ihren Hauptgipfel nennen, wieder zu stark regnen, und dann donnert das Wasser ins Gürbetal hinab und durch dieses dem Flugplatz Belpmoos zu. „Da die Hochwasserschutzmassnahmen an der Gürbe nie abgeschlossen werden konnten und im Oberlauf seit 1855 ohne Unterbruch und im Unterlauf nur mit wenigen Pausen Schutzprojekte umgesetzt wurden, sind an diesem Gewässer noch heute Bauten aus allen Bauphasen vorhanden“, schreibt Melanie Salvisberg im Ausblick. „An ihnen lässt sich der Wandel der Technik und der Wasserbauphilosophie erkennen. Die Gürbe ist damit ein interessanter Untersuchungsgegenstand und auch ein Anschauungsobjekt.“ Und ebenfalls ein Wanderziel, gerade am Oberlauf zwischen Quelle und Wattenwil, aber nur bei trockenem Wetter. Kurz: ein aktuelles, spannendes Buch. Bloss schade, dass viele der 42 Abbildungen zu klein gedruckt sind (vor allem die Karten), dass durchaus noch ein paar mehr Illustrationen (zum Beispiel über die Schutzbauten) hätten eingebunden werden können.

Bevor nun „meine“ Gürbe unweit der Elfenau in der grünen Aare verschwindet, noch zwei Zitate. Aus dem Berner Heimatbuch „Das Gürbetal und sein Bauernhaus“ von Paul Howald (1944): „,Ghörscht d’Gürbe rusche?‘ In der Gewitternacht sagten es Vater und Mutter zueinander, wenn sie aufgestanden waren und wachten.“ Und vom Song „Gürbe“ der Band Stop the Shoppers auf ihrem 1993er-Album „Kurt“ die ersten beiden Zeilen: „Gürbe chumm abe nimm d‘Schwelle riis Böim us friss Chempe / und usem nüüt wird e Donner es Grolle u Gröll chunnt cho z’rolle.“

Melanie Salvisberg: Der Hochwasserschutz an der Gürbe. Eine Herausforderung für Generationen (1855–2010). Schwabe Verlag, Basel 2017. Fr. 89.- www.schwabeverlag.ch

Daniel Anker: Rund um Bern. Rother Wanderführer, München 2013. Fr. 24.- www.rother.de

Jäger und gejagte

Von Bergsteigern, Jägern und Wild, von Felsgraten, Regenschauern und Szenen, die sich jagen. Von einem Tag Ende August im Gebirge.

Im Südosten der Hütte liegt ein wegloses Gebiet wilder Felsgipfel. Ein steinerfülltes Hochtal, die Wildgrube, im Norden, und ein weniger steiles, nicht weniger steiniges Tal, die Eng, einen zackigen Berggrat weiter im Süden. Beide münden gegen die Alpe Spullers Bühl, gegenüber deren vorderem Rand die Hütte steht. Von hier brachen wir zu dritt auf, die einzigen, die ihre Schritte nicht einen Wanderweg zu einer Nachbarhütte entlang, oder einer Kletterroute an der Roggalspitze zu, sondern nach jenem Gebiet im Südosten hin lenkten. Hinter dem Spullers Bühl schwemmen die Bäche aus dem Hochtal der Eng über eine weite grüne Ebene und man hat sie und einige dazwischenliegende Sümpfe zu überspringen, ehe die Grashänge südwärts wieder trockener ansteigen und sich bald in einzelnen Streifen zwischen den Karrenfeldern der Kalkfelsen verlieren, die sanft gegen das Brazer Jöchle ansteigen.

Plötzlich:

„Schaut, da oben gehen zwei!“

Tatsächlich, dort am Grat stiegen sie bedächtig gegen den Blisadonakopf an.

„Das wundert mich, hier in dieser Gegend!“

Vom Brazer Jöchle führen zwei Wege in die Höhe, einer gegen Osten, einer gegen Westen. Der Grat zum Blisadonakopf ist der Ostweg, jener zur Rohnspitze der unsrige. Als wir ihn erreichten, rasteten wir und liessen die Blicke schweifen. Sie glitten jenseits hinab ins Gipstäle, dort unten über weisse, gelbe und an einer Stelle rote Gerölle, trieben dann die Halden hinauf zu einem weiteren Grat voller Felszacken und fanden schliesslich erst ganz unten, ganz rechts, am Ausgang des Gipstäles, in den Schleifen eines Weges wieder Halt. Wir sassen noch, als in der Einsamkeit ein Schuss krachte, jäh durch die Stille fuhr und lange hallend um den Spullersalpkopf, durch die Eng zur Mittleren Wildgrubenspitze und durch die Südschlucht der Roggalspitze rollte, bis er endlich den Weg ins All hinaus fand. Keine Bergsteiger waren es, mit denen wir die Stille zu teilen geglaubt, die sie durchschnitten hatten wie der erste Stein, der fliegt, wenn er durchs Fenster schlägt. Im Fernglas sahen wir sie weit hinten eine Flanke queren, dann nebeneinander niederknien vor etwas, das wir nicht erkennen konnten, das dort lag und nicht floh, dem sie ins weiche, dunkle, noch warme Fell griffen.

Wolken hatten den Himmel bedeckt. Unsere Rast war zu Ende. Rasch stiegen wir den Grat empor, der blockiger, dann felsiger und schmäler wurde. Als der Blick von höher oben schon weiter in die Ferne ging und ein Steilaufschwung uns das Seil aus dem Rucksack zwang, sahen wir über Schruns im Montafon Schauer niedergehen, und als ich endlich nachstieg, brach prasselnd der Regen herab. Kalt und schwer legte sich mir der Stoff rundherum auf die Haut. Drei Seillängen weiter, am Gipfel der Rohnspitze, war es schon wieder vorbei. Sonne trocknete die Kleider und Wind den Bergleib.

Vergessen waren die morgendliche Stille und der Scherbenhaufen, zu dem sie zerbrach. Den weiteren Grat, den zweiten Gipfel, konnten wir leicht noch haben. Wir sprangen rasch über einige grüne Abschwünge und das mannshohe Mäuerchen einer steil gestellten Schichtplatte hinab, erreichten eine gleichförmig sich absenkenden Rippe aus hellem Kalk und waren sie kaum bis zur Hälfte entlang balanciert, als es sich erneut dunkel vor uns zusammenbraute. Ich beschleunigte, lief den beiden anderen ausser Rufweite und baute am tiefsten Punkt vor der Goppelspitze einen Stand, band mich ins Seil und übergab ihnen, als sie ankamen, den Knoten zur Sicherung. Rasch stieg ich hinauf bis kurz vor den unscheinbaren Gipfel. Wir überschritten ihn ohne Halt, als in den nächsten Tropfen die beiden nachgekommen und wir gemeinsam weiter gegangen waren. Der Wind gewann gegen den Regen. Der Grat bildete nun einen runden und vollkommen begrünten Rücken, der, gegen unten steiler werdend, hoch über der Wasserfläche des Spuller Sees abzubrechen schien. Wir griffen ins feuchte, kühle, grüne Fell des Berges, das kraftvoll und fest in den Böen stand und uns sicheren Halt gab, fünfhundert Höhenmeter lang, bis hinab zum See. Auf einmal waren wir wieder auf einem Weg und schlenderten zurück. Nur die letzten Meter, als ich, wie von dichter werdenden Schüssen aus dem Irgendwo getroffen, am Körper wahllos Punkte flammender Kälte spürte, rannte ich voraus unter das schützende Hüttendach, wo rasch verdampfte, was in Wirklichkeit nur die auf der Kleidung zerplatzten Tropfen eines erneut einsetzenden Regens waren.

 

Acht Berge und Fontane №1

Hütten bauen in den Bergen, zurück in die Einsamkeit, Sinn finden in wilder Natur. Eigentlich ein biblisches Motiv (wir wissen ja, die Jünger). Vielleicht das Geheimrezept eines Bergbuchs, das ein Weltbestseller geworden ist. Hütten am Fuss des Monte-Rosa-Massivs. Es ist wohl einfach die Zeit, in der wir leben, die uns davon träumen lässt, in einer Hütte zu leben, abseits von allem. Schreiben und Klettern, vielleicht auch noch Käsen.

12. September 2017

„Kaum nahm ich den Weg in die Berge, ging es mir gleich besser.“

Irgendwie nachvollziehbar, nicht wahr? Geht einem manchmal auch so. Wie dem Helden und Ich-Erzähler Pietro Guasti aus dem italienischen Bestseller „Acht Berge“ von Paolo Cognetti, der am Montag, 11. September 2017, auf Deutsch herauskam. Im Juli erhielt „Le otto montagne“ den Premio Strega, den renommiertesten italienischen Literaturpreis. Nun erscheint der Roman in über dreissig Sprachen, und verfilmt wird er ebenfalls. Ein Riesenerfolg für ein Bergbuch. Für ein Buch, das in der Bergen spielt. Es geht um beides: Um das Leben, das Überleben in den Bergen, ums Leben überhaupt. Aber es geht zuweilen auch ums Bergsteigen, ums Klettern: „Ich achtete nicht auf die Berge um mich herum. (…) Es gab nur noch den Fels sowie meine Hände und Füβe, bis ich einen Punkt erreichte, an dem es nicht weiter bergauf ging. Erst da merkte ich, dass ich den Gipfel erklommen hatte.“

Ein Buch über die Berge also. Über die einst bewohnten, beackerten, beweideten Berge. Über das, was passiert, wenn der Mensch mit seinen Tätigkeiten und Tieren weggezogen ist. Wenn die Hütten zerfallen. Bis auf die eine Hütte, die der Städter Pietro mit seinem Freund Bruno baut. Bis auf die andere, die der Bergler Bruno renoviert, um in den Bergen zu bleiben, zu leben, zu lieben, ein Auskommen zu finden. Und scheitert.

Vor der Kulisse des Monte-Rosa-Massivs schildert Paolo Cognetti mit poetischer Kraft und prägnanten Sätzen die lebenslange Suche dieser beiden Freunde nach dem Glück. Dem kleinen und grossen. Dem unbewussten als Buben, als sie zusammen spielen lernten im fiktiven Dorf Grana im Valle d’Aosta, wohin die Familie Guasti jeweils im Sommer fuhr. Dem gesuchten, als sie als Erwachsene ein Haus bauten, mitten in der Wildnis in der Nähe eines Bergsees. Und ohne viele Worte Antworten auf die Frage suchten: Was will ich machen, wo will ich bleiben, wohin möchte ich gehen? Bruno verlässt sein Heimatdorf nie und versucht die Käserei seines Onkels wiederzubeleben. Pietro zieht als Dokumentarfilmer in die weite Welt hinaus, magisch angezogen von immer noch höheren Gipfeln. Und kehrt doch wieder in die heimatlichen Berge und zu seinem Kindheitsfreund zurück.

Zurück zum Freund. Aber auch zurück zum Vater. Denn er brachte ihm die Berge näher. „Mein Vater ging auf seine Art in die Berge“: So beginnt das Buch. Und weiter hinten im Roman sagt sich der Ich-Erzähler: „Vielleicht hat meine Mutter recht, wenn sie sagt, dass in den Bergen jeder eine andere Lieblingshöhenlage hat: eine Landschaft, die ihm entspricht und in der er sich heimisch fühlt.“ Dieser Satz steht auch auf der Rückseite des Gedankenbüchleins „Acht Berge“, das als Nebenprodukt zum Roman erscheint. Damit die Leser aufschreiben können, was sie bewegt, wenn sie die Berge aufsuchen, wenn sie Cognettis jüngstes Werk lesen.

Oder das andere, in diesem Frühling auf Deutsch publizierte Buch: „Fontane №1. Ein Sommer im Gebirge“. Tatsächlich verbringt der Autor, der Mathematik studiert, einen Abschluss an der Filmhochschule gemacht und Dokumentarfilme produziert hat, bevor er sich ganz dem Schreiben zuwandte, die Sommermonate am liebsten in seiner Hütte im Valle d’Aosta. Ebenfalls ein stimmiges, starkes (Berg-)Buch. Auch hier: Zurück zu den Wurzeln, retour à la nature, ritornare alla montagna. „Der Wind kam in heftigen Böen daher, kräuselte den Wasserspiegel und schob die Wolken zu uns hin, sodass ich in der Hoffnung, einen Unterschlupf zu finden, eine Gruppe Ruinen ansteuerte. Eine der Hütten war in einem besseren Zustand als die anderen: Die Mauern standen zwar schief, hielten aber noch, und auf dem Dach hatte man ein Blech angebracht.“ Es könnte die Hütte von Pietro und Bruno sein.

Also der Ort, von dem Paolo Cognetti den Begriff „Die Schattenseite der Schönheit“ prägte. Das wäre ein passender Titel gewesen. Was es nun aber mit den acht Bergen auf sich hat, sei hier nicht verraten. Selber lesen. Subito!

Paolo Cognetti: Acht Berge. DVA, München 2017, Fr. 26.90, www.dva.de; www.randomhouse.de/Paolo-Cognetti-Acht-Berge-DVA/Interview/aid75672_14329.rhd

Paolo Cognetti: Fontane №1. Ein Sommer im Gebirge. Rotpunktverlag, Zürich 2017, Fr. 22.-, www.rotpunktverlag.ch

Lesereise von Paolo Cognetti im November 2017:
20.11., Italienisches Kulturinstitut, Wien;
21.11. Literaturhaus, Zürich;
22.11., Buchhandlung Bittner, Köln;
23.11., Buchhandlung Leuenhagen & Paris, Hannover.

Landluft

Davon träumen wir ja alle: ein Leben, das Sinn macht und gibt. Die zwölf Bergbäuerinnen, von denen dieses Buch erzählt, haben ihre Träume verwirklicht – jedenfalls zum Teil. Umgeben von gehörnten und grasfressenden Kühen. Ein Buch, das Mut macht, selber anzupacken, zu Melkstuhl und Mistgabel zu greifen. Mit Wandertipps für alle, die wenigstens in ihrer Freizeit etwas Landluft schnuppern möchten.

6. September 2017

„Kühe sind aus dem Landschaftsbild der Schweiz nicht mehr wegzudenken, sie sind Teil der Identität des Landes. Doch so romantisch wie in der Werbung ist die Realität keineswegs. In der industrialisierten Landwirtschaft werden Kühe heute zu regelrechten Turbohochleistern herangezüchtet, die immer mehr Fleisch und Milch produzieren.“

Lesen wir wohlgenährt im Kasten „Die Schweiz und die Kuh“ im dritten Band der Porträt-Trilogie über Frauen in den Schweizer Alpen von Daniela Schwegler mit den Fotos von Stephan Bösch. Nach dem Bestseller über die Älplerinnen („Traum Alp“, 2013, 5. Aufl.) und dem Erfolgstitel mit den Hüttenwartinnen („Bergfieber“, 2015, 5. Aufl.) kommen nun in „Landluft“ die Bergbäuerinnen zu Wort – ausführlich und spannend, abwechslungsreich und hautnah. Beispielsweise die 18jährige Bergbauerntochter Doris Martinali aus dem Valle di Blenio, die voller Elan den Hof ihrer Eltern übernehmen will. Das Auftaktfoto zeigt sie, wie sie einem Kälbchen zu trinken gibt, aber nicht mit Kraftfutter angereicherte Milch. Und die Braunviehkühe auf ihrem Hof tragen noch Hörner. Heile Welt abseits der Reklame? Nicht unbedingt. Ein lockeres Leben ist es nicht, das die Bergbäuerinnen da zwischen 18 und 86 Jahren führen. Doch eines, das Sinn macht und gibt. Wie das von Esther Müller, einst erfolgreiche Frauenärztin, heute Züchterin von Tieren, die vom Aussterben bedroht sind.

Zehn Frauen aus den Alpen und zwei aus dem Jura haben Daniela Schwegler von ihrem Leben auf dem Bergbauernhof erzählt. Sie schildern Träume, die geplatzt, und solche, die wahr geworden sind. Sprechen von der Liebe zu den Tieren und den Sorgen ums liebe Geld. Erklären, wie man als Bäuerin eine Familie über Wasser hält und warum das alles mit Aussteigen überhaupt nichts zu tun hat. Die stimmungsvollen Fotos von Stephan Bösch bereichern ihrerseits die Porträts.

Aber das 253seitige Buch ist noch mehr. Zu jedem der 12 Porträts gibt es einen Hintergrundtext (zu Tieren, zu Seilbahnen, zu Saatgut und Pflanzen) sowie einen Wandertipp. Zum Beispiel auf den Tanzboden bei Ebnat-Kappel, wo einem das Herz hüpfen soll. Oder auf den Monte Bar, zum schönsten Panoramagipfel des Val Colla. Auf geht’s! Am 9. September 2017 findet der 10. nationale Wandertag statt. Welches Lesebuch wir in den Rucksack stecken, ist so klar wie der Hauch beim herbstlichen Wanderstart: „Landluft“.

Daniela Schwegler (Text), Stephan Bösch (Fotos): Landluft. Bergbäuerinnen im Porträt. Rotpunktverlag, Zürich 2017, Fr. 38.- www.rotpunktverlag.ch, www.danielaschwegler.ch, www.sichtweise.ch

Nächste Veranstaltungen von Daniela Schwegler:
Bibliothek Spiez: Mittwoch, 6.9.2017, 19.30 – 22 Uhr
Villa Sutter, Münchwilen: Freitag, 8.9.2017, 19.30 – 22 Uhr
Kantonsbibliothek Chur: Montag, 11.9.2017, 18 – 20 Uhr