Neue Bergkrimis

Bergsteigen ist gefährlich, wir wissen es. Aber dass wir im Gebirg auf Schritt und Tritt von Mördern bedroht, von Terroristen verfolgt, vergiftet oder in Abgründe gestossen werden, ist doch eher ein neueres Phänomen. Alles nur Fiktion? Vielleicht. Aber wir wissen auch, dass die Wirklichkeit bekanntlich die Fiktion überholt. Der Hillary-Step am Everest ist sicher nicht wegen dem Klimawandel oder einem Erdbeben abgebrochen. Da waren Terroristen am Werk!

23. Mai 2017

„Der Felsen hatte einen leichten Überhang nach vorn, es war nicht möglich, ihn von dieser Seite zu besteigen, wenigstens nicht ohne Kletterzeug. Jennerwein trat näher und strich mit der Hand über einige spitz herausstechende Kalksteine. Er ging um den Koloss herum, dort sah er, dass er zwar nicht gerade bequem, aber doch ohne Seil und Haken hinaufklettern konnte. Der Felsen bot oben einen bequemen, ebenen Standplatz, von dem aus man einen guten Blick auf die Lichtung hatte. Ein perfekter Platz.“ (Seite 238)

Wozu?  Nur um einen guten Blick zu haben? Oder doch für mehr? Um gut schiessen zu können? Vielleicht! Jedenfalls geht es um mehr als ums blosse Hinaufkraxeln. Wobei das durchaus eine für die Geschichte entscheidende Tätigkeit ist. Das Hinunterfallen übrigens ebenfalls – wobei dies dann öfters nicht ganz freiwillig geschieht. Wie und wo auch immer: Felsen und Lichtung bei der Schroffenschneide unweit des Eibsees südwestlich von Garmisch-Partenkirchen sind sozusagen der Angelpunkt im neunten Alpenkrimi von Jörg Maurer, der Ende April 2017 erschienen ist. Genau dort passiert das Hauptverbrechen, dort werden die wichtigsten Funde gemacht, dort wachsen die süssesten Erdbeeren. Doch letztere waren nur zum Essen da.

„Im Grab schaust du nach oben“ ist Maurers jüngster Streich um Kommissar Jennerwein und seine Crew. Ein schöner, passender Titel wie derjenige, der vor Jahresfrist erschien: „Schwindelfrei ist nur der Tod“. Dreizehn (!) Bergkrimis haben sich in diesem Jahr bei mir angesammelt, ein 35 Zentimeter hoher, knapp 4500 Seiten dicker und gut 5 Kilo schwerer Stapel, dem es immer schwindliger wurde. Höchste Zeit also, diesen Berg abzutragen.

Machen wir eine Bergkrimireise, vom Bernbiet via Eibsee und Südtirol bis Apennin und Pyrenäen. In Tony Drehers „Gletschertod“ finden Christian und Daniela auf dem Gauligletscher in den östlichen Berner Alpen eine Leiche, die der Gletscher freigegeben hat. Ein bisher unbekanntes Opfer des Absturzes der amerikanischen Dakota im November 1946? Journalist Mike Honegger beginnt zu recherchieren – und könnte plötzlich selbst ein Opfer werden. Nicht unbedingt in den Bergen, sterben ist ja auch im Flachland möglich. Eine spannende fiktive Fortsetzung des realen Crash des Flugzeuges, dessen Trümmer mit der Zeit und dem Gletscherrückgang Stück für Stück zum Vorschein kommen. Aber aufgepasst: „Klettern war nicht ungefährlich.“ (S. 37)

Skifahren auch nicht. Tom Winter, Sicherheitschef einer Bank und Hauptheld in Peter Becks „Korrosion“, überlebt den Abgang eines Schneebrettes im Skigebiet Riederalp nur knapp. So beginnt der Thriller, mit dem Sturz in eine Gletscherspalte am Titlis endet er. Dazwischen spielen die Berge keine Rolle, ausser in ein paar Szenen bei bröckeligen Vulkanen auf den Azoren und in den Nuba-Bergen im Süden des Sudan. Kein Buch für zarte Wanderer und Seelen. Ausschnitt aus dem Gespräch zwischen Tom und Kerstin: „Ihre Groβmutter wollte, dass ihre Asche auf dem Titlis verstreut wird.“ – „Scheiβe.“ – „Keine Angst, es hat eine Seilbahn.“ – „Der Berg macht mir nichts aus.“ (S. 127)

Dem fünffachen Sieger des Ski-Gesamt-Weltcups, Marc Girardelli, auch nicht. Seiner Co-Autorin im Skikrimi „Abfahrt in den Tod“ wahrscheinlich schon eher, jedenfalls wenn sie am Start des Lauberhorn- oder des Hahnenkamm-Abfahrtlaufes stünde. Dort werden Anschläge auf den Wengener Skirennläufer Marc Gassmann verübt, die Ex-Freundin und Polizistin Andrea Brunner soll ihn beschützen. Hansi Hinterseer, Ex-Slalomkünstler und Immer-noch-Schlagersänger, gratuliert im Grusswort mit „Hub ab, Marc“ zum „wirklich gelungenen Werk“. Ich muss gestehen, dass ich die Rennen lieber im TV sehe als im Buch lese. Auch wenn Karl Erb, Bernhard Russi und Matthias Hüppi kaum solche Kommentare abschossen: „Wie eine Kanonenkugel – geballte neunzig Kilogramm Lebendgewicht – flog er nun zum Österreicher-Loch vor.“ (S. 16)

Soweit fliegen wir (noch) nicht. Zwischenlandung in den Allgäuer Alpen, am Himmelhorn mit seinem berühmt-berüchtigten Rädlergrat. Landen kann man am senkrechten Grasgrat natürlich nicht, oder dann nur ganz unten, nach dem Fall. Genau dort liegen drei tote Alpinisten – um Gottes Willen, warum stürzten sie ab? Unfall? Anschlag? In „Himmelhorn“ (2016), dem zehnten Kluftiger-Fall der Kultkrimi-Reihe von Volker Klüpfel und Michael Kobr, steht das Bergsteigen im Mittelpunkt des Geschehens. Nicht zufällig heisst ein Hund, der gerne Landjäger frisst, Messner. Nicht zufällig zieren Pickel und Seil das Cover. Der Showdown findet am Himmelhorn statt, obwohl Klufti von diesem Gipfel gar nicht begeistert ist: „Ich kann das eh nicht nachvollziehen, dass es immer noch genügend Deppen gibt, die auf derart steilen Bergen rumkraxeln. Das ist anstrengend, saugefährlich, und wenn du oben bist, musst du den gleichen Weg auch noch zurück. Und das Schlimmste: An so einem Gipfel kannst du noch nicht mal einkehren. Dabei gibt es so schöne Bergbahnen bei uns im Allgäu, mit Restaurants und befestigten Wegen und einem Parkplatz direkt an der Talstation.“ (S. 71)

Das ist es! Exakt in einem solchen Gasthaus bei der Seilbahnbergstation in den Berchtesgadener Alpen sind „Die Toten von der Falkneralm. Mein erster Fall“ von Miroslav Nemec untergebracht. Bekannt als Kommissar Ivo Batic aus dem Münchner „Tatort“ schildert der Autor in seinem ersten Krimi ein buchstäblich mörderisches Wochenende und spielt so den klassischen Fall um Realität und Fiktion elegant durch – hoch oben auf dem Berg, von dem niemand runter kommt, weil die Seilbahn streikt. Und als sie am Schluss endlich wieder fährt, sagt die Lilli: „Der Berg ruft.“ (S. 236)

 

Und das Allgäu ruft uns zurück, bigotsch noamol! Dabei ruft es laut zurück, mit „Das stille Gift“ von Nicola Förg. Ein unappetitliches Voralpenleben, darin die Kommissarinnen Irmi Mangold und Kathi Reindl diesmal wühlen müssen. Das Schicksal meint es nicht gut mit dem Bauern Schwaiger: Sein behinderter Sohn kommt ums Leben, die Kühe verenden an einer rätselhaften Krankheit, eine nach der andern. Ist der Abwasserkanal schuld, oder nicht eher doch die Agrarmafia? Mächtige Gegner für das Ermittlungsduo. Ein Alpenkrimi, der unter die Haut geht. Und zu Beginn geht der Dreck auf die Haut, beim Touristenpaar, das das „Bschütte“ aus nächster Nähe erlebt: „Das war ein tätlicher Angriff. Ich hätte tot sein können.“ – „Ja, an dem Gestank, den du ausdünstet, kann man tatsächlich sterben.“ (S. 17)

Bleiben wir trotzdem. Allerdings nicht im Allgäu, sondern etwas weiter östlich im Werdenfelser Land, mit dem Zentrum Garmisch-Partenkirchen. Dort also, wo Jörg Maurers unbedingt zu lesenden Alpenkrimis um Kommissar Jennerwein Crew spielen. Im achten Band mit dem bergliterarisch abgrundtiefen Titel „Schwindelfrei ist nur der Tod“ hält dieser nicht nur am Fels Ernte, sondern auch in einem Heissluftballon. Mehr noch: Wegen eines familiären Geheimnisses droht Jennerweins Existenz wie ein Ballon zu platzen. Auch anderen Figuren droht(e) Unheil: „Ich – oder Professor Held. Einer von beiden sollte den Lehrstuhl bekommen. Die ganze Abteilung machte eine Wanderung. Eine Bergwanderung. Ich habe ihn gestoβen. Aber mehr aus Scherz. Es war ein Unfall.“ (S. 363)

Unfall oder Verbrechen? Könnte beides auf der Wanderung durch die Bletterbachschlucht passieren. Der Grand Canyon Südtirols entstand vor rund 15‘000 Jahren, ist 8 Kilometer lang, 400 Meter tief. Und Schauplatz eines abscheulichen Verbrechens. In „Der Tod so kalt“ von Luca D’Andrea kommen drei junge Einheimische 1985 von der Wanderung durch die Schlucht nicht zurück – schliesslich findet ein Suchtrupp ihre Leichen. Den Täter vermutet man im Bekanntenkreis, doch das Dorf hüllt sich in kaltes Schweigen. Dreissig Jahre später beginnt der US-Amerikaner Jeremiah Salinger, der seiner Frau in ihre Heimat gefolgt ist, unangenehme Fragen zu stellen: den Leuten im Dorf – und uns Lesern. Schon bald wird er seine Neugier bereuen. Ein Atem und Schlaf raubender Thriller. Nur: „Die Berge kümmern sich nicht um dich.“ (S. 87)

Tun sie auch nicht anderswo. Den Lärchen von St. Gertraud im Ultental im Südtirol dürfte es egal sein, dass eines Morgens an ihrem Fuss die Leiche eines Mädchens gefunden wird. Nicht so dem einheimischen Commissario Grauner und seinem neapolitanischen Amtskollegen Saltapeppe: In ihrem zweiten Fall nach „Der Tote am Gletscher“ (bergliteratur.ch berichtete darüber) haben sie es in „Die Stille der Lärchen“ wieder mit schweigsamen Dorfbewohnern und eher redseligen Zugezogenen und Touristen zu tun. Auch mit den Schriftstücken ehemaliger Gäste, denn im Ultener Mitterbad kurten einst Sisi, Bismarck, Kafka, Thomas Mann und andere Berühmtheiten. Heute ist das Kurbad verfallen. Um in die Ruine zu gelangen, ist Klettergeschick von den Ermittlern gefragt: „Sie lieβen Seil, Gurt und Karabiner am Fuβe des Baumstammes liegen. Silvia Tappeiner kletterte voran, mit wenigen Griffen und Schritten war sie am Fenster angelangt. Grauner kämpfte sich hinterher.“ (S. 276)

Dass das Leben kein Schleck, sondern eher ein Kampf ist: Das weiss Cesare bestens. Er wohnt in einem piemontesischen Tal unweit der Grenze zu Frankreich. Als sein Kollege Fausto, mit dem er Jahrelang Flüchtlinge von Italien über die Berge ins Nachbarsland geschleust hat, ermordet aufgefunden wird, gilt er sofort als Hauptverdächtiger. Was folgt, ist eine altbewährte Krimikonstellation: Der Verdächtige muss auf eigene Faust ermitteln und kommt der Wahrheit plötzlich gefährlich nahe. Aber das ist in Davide Longos preisgekröntem Roman „Der Steingänger“ nur ein Erzählstrang. Andere sind beispielsweise Landschaft und Leben in einer halbverlassenen Alpengegend: „Der Pfad führte weiter bergauf, vorbei an Mauern, die die Leute im Tal hochgezogen hatten, um dem Wald ein Stück Land zu entreiβen. Seit sich keiner mehr um die Terrassen kümmerte, wuchsen darauf wilde Brombeeren und Brennnesseln.“ (S. 17)

Das Leben in den Bergen gleicht eben manchmal einem Überleben. Wer will schon kümmerliche Terrassenflächen beackern? „Trübe Aussichten“! So lautet der deutsche Titel des Krimis von Francesco Guccini und Loriano Macchiavelli. Der italienische scheint nicht viel heller: „La pioggia fa sul serio“ – der Regen meint es erst. Folge des Dauerregens: ein Erdrutsch. Beim Aufräumen wird die Leiche des Geologen Antonelli gefunden: Missgeschick oder tödliche Missgunst? Marco Gherardini von der italienischen Forstpolizei klärt den Fall des Dorfes Case di Sopra im Appennino tosco-emiliano auf. „Der Apennin ist zwar nicht mit den Alpen oder den Rocky Mountains zu vergleichen, doch wie jedes Gebirge fordert er gelegentlich ein Opfer, das Leben eines Menschen, der sich in einer Anwandlung von Stolz oder Leichtsinn stärker als der Berg wähnt.“ (S. 80)

Genau das tut Perez sicher nicht. Der Delikatessenschmuggler und Lebemann Perez ist der ungeübteste Fussgänger der gesamten Côte Vermeille, also jener südfranzösischen Küste, wo die Pyrenäen steil ins Mittelmeer abfallen – oder sich aus diesem empor wuchten, um dann zwischen Frankreich und Spanien wild gezackt dem Atlantik entgegen zu streben. Yann Sola hat um den gehfaulen Privatermittler zwei Krimis verfasst – perfekte Ferienlektüre, zum Beispiel für die Auffahrtstage. Während „Gefährliche Ernte“ nur nach dem Genuss von viel Banjuls als Bergkrimi bezeichnet werden kann, ist „Tödlicher Tramontane“ durchaus bergsportlich angehaucht, so mit dem Chemin Walter Benjamin zum Torre de Querroig. Perez macht den Weg allerdings lieber mit dem Auto, mais bien-sûr! Ausschnitt aus dem Gespräch zwischen ihm und seiner Mitfahrerin: „Bist du ein Krimineller?“, fragte sie frech. „Wenn man seine Geschäfte in den Bergen macht, dann stimmt doch was nicht. Ich frag ja nur…“ (S. 154)

In alphabetischer Reihenfolge:
Peter Beck: Korrosion. Emons Verlag, Köln 2017, € 12.-
Luca D’Andrea: Der Tod so kalt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017, € 15.-
Tony Dreher: Gletschertod. Gmeiner Verlag, Messkrich 2017, € 13.-
Nicola Förg: Das stille Gift. Piper Verlag, München 2016, € 10.-
Marc Girardelli, Michaela Grünig: Abfahrt in den Tod. Emons Verlag, Köln 2017, € 11.-
Francesco Guccini, Loriano Macchiavelli: Trübe Aussichten. btv-Verlag, München 2016, € 10.-
Volker Klüpfel, Michael Kobr: Himmelhorn. Kluftingers neuer Fall. Droemer Verlag, München 2016, € 20.-
Lenz Koppelstädter: Die Stille der Lärchen. Ein Fall für Commissario Grauner. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, € 10.-
Davide Longo: Der Steingänger. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Rheinbeck bei Hamburg 2016, € 10.-
Jörg Maurer: Schwindelfrei ist nur der Tod; Im Grab schaust du nach oben. Fischer Scherz Verlag, Frankfurt aM 2016 bzw. 2017, je € 15.-
Miroslaw Nemec: Die Toten von der Falkneralm. Mein erster Fall. Knaus Verlag, München 2016, € 20.-
Yann Sola: Tödlicher Tramontane. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, € 10.-

Literarisches Reisefieber

Bekanntlich führen viele Wege nach Rom. Goethe schaffte es zu Fuss, aber wer sich das nicht antun will, und trotzdem auf literarischen Pfaden wandern, findet gegenwärtig eine schöne Auswahl an Wanderführern für alle Gegenden des Landes. Hier zwei aktuelle Werke mit Routen von dies- und jenseits des Röstigrabens.

16. Mai 2017

„Meine neue Wohnung ist mit einem Balkon versehen, auch schreib ich hier an einem veritablen Schreibtisch, mal was ganz Neues.“

Und wie Robert Walser schrieb an seinen insgesamt 15 Adressen in Bern: über 1600 Prosastücke, Gedichte und dramatische Szenen. In der Länggasse wohnte Walser während seiner Berner Jahre von 1921 bis 1929 nur gerade einmal, nämlich vom Mai bis Oktober 1924 an der Fellenbergstrasse 10 bei der Pauluskirche. In Zukunft werde ich in dieser Strasse immer zum Balkon hinaufschauen.

Literaturstadt Bern: Da sind noch zahlreiche andere Namen zu nennen. Paul Nizon ebenfalls in der Länggasse und etwas weiter weg am Wohlensee, Friedrich Dürrenmatt im Obstbergquartier, Verena Stefan beim Bärengraben, Mani Matter auf der Bundesterrasse, Elio Pellin am Gäbelbach, Peter Bichsel „Im Hafen von Bern im Frühling“, Franz Hohler am „Rand von Ostermundigen“. Druckfrisch erschien „Aaregeflüster“ von Desirée Scheidegger. Ebenfalls streckenweise an den Aare spielend und kaum aus dem Druck gekommen: der Wander- und Veloführer „Literarisches Reisefieber“ von Ursula Kohler. Darin wenden wir uns, in Worb startend, der Aare zu und suchen zuletzt den Meret-Oppenheim-Brunnen in der Berner Innenstadt auf. Meret Oppenheim war nämlich nicht nur eine bildende Künstlerin, sondern auch eine Dichterin.

Die Sprachwelt von Oppenheim auf der Wanderung von Worb nach Bern: Eine der zwanzig Touren, auf die uns Ursula Kohler in die ganze Schweiz mitnimmt, mit viel literarischem Hintergrund und allen touristischen Informationen. Vom Aroser Weisshorn des „Sportdichters“ Hans Roelli bis ins Zürich der Heidi-Erfinderin Johanna Spyri. Mit Max Frisch durchs Erlenbacher Tobel, mit Laure Wyss durch die Twannbachschlucht und mit Lisa Wenger durch die Gorges du Pichoux. Otto Frei begegnen wir am Bodensee, Henri-Frédéric Amiel am Genfer See.

Apropos Genf: Ebenfalls frisch ab Presse ein anderes literarisches Wanderbuch, wobei hier der Fokus mehr auf dem Wort und weniger auf der konkrete Route liegt – „Regards croisés sur Genève. Promenade littéraire“. 21 zeitgenössische Autoren und Autorinnen mit Genfer Wurzeln oder Bezug beschreiben in komischen, tragischen, träumerischen und ganz alltäglichen Geschichten einen Teil ihrer Stadt. So Daniel de Roulet über „Rousseau et le grand magasin“ oder Alain Bagnoud über „La rue des bars“. Im Vorwort bringt Darius Rochebin den ersten Literaten auf den Plan, der Genf in einem seinen Werke einen wichtigen Platz einräumte: Julius Cäsar mit „De bello Gallico“. Darin findet sich der Ausdruck „maximis itineribus“, was so viel heisst wie „in möglichst grossen Märschen“ oder „in Eilmärschen“. Eine Tätigkeit, die Robert Walser alles andere als fremd war. Marschieren, wandern, spazieren, gehen. In der 1917 erschienenen Erzählung „Der Spaziergang“ schrieb er:

„Spazieren […] muß ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, wäre vernichtet.“

Ursula Kohler: Literarisches Reisefieber. Kreuz und quer durch die Schweiz – zu Fuss und mit dem Velo. AS Verlag, Zürich 2017, Fr. 39.80, www.as-verlag.ch

Regards croisés sur genève. Promenade littéraire. Illustrations et couverture de Pierre Wazem. Préface de Darius Rochebin. Éditions Slatkine, Genève 2017, Fr. 25.- www.slatkine.com

Die Buchvernissage von „Literarisches Reisefieber“ findet statt am Freitag, 9. Juni 2017, um 18 Uhr im Travel Book Shop am Rindermarkt 20 in 8001 Zürich. Anmeldung an info@as-verlag.ch.

Vom 18. bis 21. Mai 2017 in Bern: «Spazieren muss ich unbedingt». Robert Walser und die Kultur des Gehens. Veranstalter dieser internationalen Tagung sind die Pädagogische Hochschule Bern und das Zentrum Paul Klee. Am Donnerstag Nachmittag, Freitag und Samstag hochspannende Vorträge, so zum Beispiel zu „Walsers Tempi und Gangarten im Zeitalter der Beschleunigung“; am Sonntag Morgen dann eine Stadtwanderung vom Robert Walser-Zentrum zum Zentrum Paul Klee. www.robertwalser.ch

Und noch ein literarisch-touristischer Hinweis: www.literatur-karten.ch ermöglicht Streifzüge durch das Land der Dichtung. Die Literaturlandkarten der Schweiz führen von Achim von Arnim über Robert Walser und Emil Zopfi bis Stefan Zweig.

Der Traum von Heilung

Dieses Buch ist 60 Jahre zu spät erschienen. Denn auch der Vater des Webmasters träumte damals von Heilung von der Tuberkulose durch einen Jahresaufenthalt in einer Höhenklinik. Doch der «Mythos der Höhenkur» war nur Marketing, erfahren wir nun. Vielleicht war auch Thomas Manns Roman «Zauberberg» gesponsert von cleveren Davoser Gesundheitstouristikern.

11. Mai 2017

„Früher hätten im Sommer nur die Treuesten der Treuen in diesem Tale ausgeharrt. Da habe ‚unser Humorist‘ mit unbestechlichem Scharfblick erkannt, daβ dieser Miβstand nichts als die Frucht eines Vorurteils sei. Er habe die Lehre aufgestellt, daβ, wenigstens soweit sein Institut in Frage komme, die sommerliche Kur nicht nur nicht weniger empfehlenswert, sondern sogar besonders wirksam und geradezu unentbehrlich sei. Und er habe dieses Theorem unter die Leute zu bringen gewuβt, habe populäre Artikel darüber verfaβt und sie in die Presse lanciert. Seitdem gehe das Geschäft im Sommer so flott wie im Winter. ‚Genie!‘ sagte Settembrini. ‚In-tu-i-tion!‘ sagte er. Und dann hechelte er die übrigen Heilanstalten des Platzes durch und lobte auf beiβende Art den Erwerbssinn ihrer Inhaber.“

Wir lassen Settembrini noch ein bisschen weiterhecheln über die Heilanstalten von Davos. Über das Sanatorium „Berghof“, das den fiktiven Hauptschauplatz im Roman „Der Zauberberg“ von Thomas Mann bildet. Allerdings hielt sich der Autor durchaus an bestehende Kliniken. So diente das 1909/11 erbaute Waldsanatorium als eine der Vorlagen für die inneren Räumlichkeiten des „Berghofs“. Hier war Manns Frau Katia 1912 ein halbes Jahr zur Kur; Thomas besucht sie vom 15. Mai bis zum 12. Juni, und fast wäre er – wie sein Romanheld Hans Castorp – länger geblieben, als Professor Friedrich Jessen einen kranken Punkt in der Lunge feststellte. Doch auf Anraten seines Hausarztes kehrte Mann ins Flachland zurück und begann an der „Davoser Novelle“ zu arbeiten. Aber die Erzählung  wuchs sich zum Roman aus, den Mann – mit dem Unterbruch des Weltkrieges – im September 1924 beendete. Zwei Monate später erschien „Der Zauberberg“.

Thomas Mann entzog sich also dem „Mythos der Höhenkur“. Der Ausdruck findet sich in der ersten Zeile eines neuen Buches, das sich, so der Untertitel, mit der „Geschichte der Höhenkur zur Behandlung der Lungentuberkulose“ befasst. Christian Schürer nimmt darin den von Settembrini bzw. Mann geäusserten Gedanken auf, „dass Davos und später andere Orte in den Schweizer Alpen – anders als in der Fachliteratur häufig beschrieben – nicht wegen eines der Natur innewohnenden Heilfaktors zu berühmten Luftkurorten wurden, sondern weil sie sich clever als Orte der Gesundheit vermarkteten.“ Schürer beweist anhand eines hohen Berges von ausgewertetem Material, dass die Tuberkulose, noch vor 100 Jahren die häufigste krankheitsbedingte Todesursache, nicht zwingend in der Höhe und in der schweizerischen Alpenluft hätte kuriert werden müssen (wenn eine Heilung überhaupt möglich war). Aber diejenigen Kliniken und Ärzte und Tourismusverantwortlichen, die ein finanzielles und soziales Interesse an ganzjährig verweilenden Kurenden und Patienten hatten, sahen das natürlich ganz anders. Durch die Behandlung der Lungentuberkulose wurden verarmte Bergtäler – und allen voran das Hochtal von Davos – zu Goldgruben.

Das im Buch abgebildete Plakat, das Otto Morach kurz nach der Veröffentlichung von Manns „Der Zauberberg“ im Auftrag des Verkehrsvereins Davos schuf, sagt es in grünen und roten Grossbuchstaben: „DER WEG ZUR KRAFT u. GESUNDHEIT FÜHRT ÜBER DAVOS.“

Christian Schürer: Der Traum von Heilung. Eine Geschichte der Höhenkur zur Behandlung der Lungentuberkulose. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2017, Fr. 59.- www.hierundjetzt.ch

Dienstag, 23. Mai 2017, 20 Uhr im Medizinmuseum Davos, Promenade 43, 7270 Davos Platz. Der Traum von Heilung: Barbara Gassler (Davoser Zeitung) im Gespräch mit Autor Christian Schürer und Peter Flury, Präsident Stiftung Medizinmuseum Davos.

Dictionnaire amoureux de la Montagne

Die Franzosen lieben Wörterbücher. Die 35 Bände der «Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers» erschienen von 1751 bis 1780 mit mehr als 70‘000 Artikeln. 219 Einträge umfasst Frédéric Thiriez’ «Dictionnaire amoureux de la Montagne», vom Duc des Abruzzes bis zu Léon Zwingelstein. Aus der Schweiz wurden ein Tourismusort, drei Gipfel und sieben Persönlichkeiten eingebunden, darunter auch der am 30. April 2017 verunglückte Ueli Steck.

7. Mai 2017

«Le problème des passions absolues, c’est qu’elles sont impossibles à vivre. Zwing, comme beaucoup, en est mort.»

Die Schlusszeilen beim 219. und letzten Stichwort eines 1006-seitigen Wörterbuches zum Berg – ein hartes Fazit. Hier fiel der absoluten (Berg)leidenschaft der Franzose Léon Zwingelstein zum Opfer, der zweimal alleine auf Ski die Alpen durchquerte und der am 13. Juli 1934 zusammen mit seinem Gefährten beim Abstieg vom Olan (3564 m) im Massif des Écrins vom Blitz erschlagen wurde.

Frédéric Thiriez, Jahrgang 1952, hat für die renommierte Reihe „Dictionnaire amoureux“ der Éditions Plon den Band über die Berge und den Alpinismus verfasst. Über 100 Bände umfasst die Kollektion; kürzlich erschien der Band zur Schweiz, und im Mai soll derjenige zum Leben herauskommen. Thiriez, von Hause aus Rechtsanwalt, hat zwei grosse Passionen: Fussball und Alpinismus. Von 2013 bis 2016 war er Präsident der Association des Ligues européennes de football, 1984 nahm er an der von Pierre Mazeaud geleiteten Expedition zum Hidden Peak teil.

219 Einträge umfasst der „Dictionnaire amoureux de la Montagne“, vom Duc des Abruzzes bis eben zu Léon Zwingelstein; dazu zahlreiche Anmerkungen, eine Bibliographie amoureuse sowie eine Inhaltsübersicht; was fehlt, ist ein Register zu allen im Werk erwähnten Personen, Gipfeln, Gebirgen etc. Spannende Einträge sind zu lesen, so – un peu à la française – zum Opinel-Messer, zu den Sentiers de Grande Randonnée, zu Mer et Montagne, wo Thiriez den Schriftsteller Victor Hugo zitiert, der von den Wellen als den Bergen des Ozeans und von den Bergen als den Wellen der Erde sprach. 17 Gipfel erhielten die Ehre eines eigenen Eintrages, darunter aus der Schweiz, nicht ganz überraschend, Eiger, Matterhorn und Jungfrau. Nur drei Tourismusorte der Alpen sind berücksichtigt: Chamonix und Zermatt selbstverständlich, und die Retortenskistation Les Arcs.

89 Personen sind ausführlich beschrieben, davon nur 6 Frauen; immerhin sind unter dem Stichwort „Femmes“ noch weitere Alpinistinnen zu finden. Gut die Hälfte der näher vorgestellten Personen stammen, auch das nicht wirklich eine Surprise, aus Frankreich. Von der Schweiz sind sieben Namen zu nennen: Vier Schriftsteller, ein Skifahrer und zwei Alpinisten. Albrecht von Haller, Jean-Jacques Rousseau, Rodolphe Töpffer, Charles Ferdinand Ramuz sowie Sylvain Saudan, le skieur de l’impossible. Und die beiden Bergsteiger? Einerseits Horace-Bénédict de Saussure, der berühmte (Alpen)forscher aus Genf, Drittbesteiger des Mont Blanc anno 1787, Wegbereiter des Alpinismus. Und andererseits Ueli Steck, eingebettet zwischen den Stichworten „Solitaire“ und „Stephen, Leslie“. Einen besseren Platz hätte Ueli kaum finden können.

Frédéric Thiriez: Dictionnaire amoureux de la Montagne. Éditions Plon, Paris 2016, € 27.- www.plon.fr

Frühjahrsreise

Eine Frühjahrstour hat viele Gesichter. Um ein Bergeck wechselt manchmal die Jahreszeiten und mit dem Wetter die Landschaft. Frühjahrstouren begegnen einem häufig anders als man sie geplant hat, sie sind stiller und länger. So auch kurz vor Ostern, vor und über meiner Haustür.

3. Mai 2017

Nach dem Sichelchamm verbrachten wir die Nacht bei den Tscherler Ahore, hoch über dem Walensee und fern unter den Sternen. Ich lag dort unter dem Dach einer mächtigen Fichte und lauschte noch in der späten Dämmerung dem Gesang der Vögel. Erst irgendwann in der Dunkelheit merkte ich, dass auch sie verstummt waren. Nach und nach hatte jeder von ihnen einen letzten Träller gepfiffen, sich dann geplustert und den Kopf zwischen die Federn gesteckt, irgendwo auf einem Ast, vielleicht auch über mir, im selben Haus der mächtigen Fichte.

Unser Tag war lang gewesen. Über Casalta waren wir mit schwerem Gepäck, langsam aufgestiegen und später schlendernd über den Chnorrengrat zum Gipfel balanciert. Der Himmel war dabei meist bedeckt und es ging ein Wind, der empfindlich kalt war und am Grat in scharfen Böen blies. Zum Abend hatte es aber aufgeklart und der Walensee lag tief unter uns als Band, in dem sich auch im Schatten noch ein violettes Licht vom Abendhimmel spiegelte.

Die Nacht blieb still und klar bis die Vögel erwachten, die Dunkelheit der Dämmerung wich und wir aufbrachen. Die Birkhähne balzten um uns, mal näher, mal weiter weg und die Sonne überzog die Gipfel im Süden mit ihrem ersten Licht. Der Tag versprach viel. Kurz vor der Grathöhe der Niederi stiegen wir nach links auf die Grasbänder des Tscherler Raupfades, die uns in die Südwände leiteten, in die Welt der Gämsen, Steinböcke und längst verstorbenen Wildheuer.

Das Queren auf dem Raupfad war ein Kurven durch Runsen und um Rippen, stets einige Meter über dem Abbruch der Wand. Das Gras war vom grade erst weggetauten Schnee noch flach gedrückt und mit Erde überronnen und jeder Tritt darauf musste erst gewählt, dann gesetzt und noch vor Belastung entschieden oder verworfen werden. Als wir das wage, steile, noch nicht gewachsene Gras verlassen konnten, stiegen wir über feste, einfache Felsen hinauf und querten dann in einem Bogen weit nach links, um von dort die Wand besser in Augenschein nehmen zu können. Die Sonne war inzwischen zum Lichtspiel geworden. Mal heller, mal dunkler wurde es und mal klarer, mal verschwommener zeichnete sich auch die Wand vor uns ab, Nebel umflogen den Tristencholben.

Am Einstieg war der Fels noch warm von der morgendlichen Sonne, doch mit den Längen wurden die Nebel dichter, die Wand steiler und der Fels kälter. Wind kam auf. Aus der weiten, hohen Wand verschwanden wir in eine kleine Welt, in der es nur uns und steilen Fels gab. An grossen Griffen und Tritten stiegen wir nahe einer stumpfen Kante empor, wie kühne Eindringlinge an einer Festungsmauer, verschnauften auf Simsen und in Fensternischen und waren doch, während das Lichtspiel immer schwächer und das Grau immer dichter wurde, fern von jeglicher Welt.

Am Gipfel war Stille. Wir sassen wie auf einer kleinen Insel aus Steinen und Gras. Das dünne Steiglein, an das ich mich erinnerte, war unter nassem, sehr steilem Schnee verborgen, der unten über die Klippen abbrach. Vom Abseilhaken, an den ich mich ebenfalls erinnerte, war erst nichts zu finden. Auf der Nordseite des Gipfelfelsens gruben wir ihn schliesslich aus dem Schnee, fädelten das Seil hindurch und warfen die Enden in den Nebel hinaus, wie einen Anker in eine trübe See. Zweimaliges Abseilen brachte uns an den Fuss des Gipfelturms und weil uns der feuchte, sehr steile Schnee in der Südschlucht nicht geheuer war, wandten wir uns dem Rücken gegen die Rosenböden zu. Das Weiss, dass nun rundum vollkommen war, wurde manchmal blendend hell, dann wieder matt, als drehe jemand an einem stufenlosen Lichtschalter. Wir folgten den Markierungsstangen eines langsam in sich zusammensinkenden Winterwanderwegs bis zu jener Stelle, wo man nach Norden absteigen kann. Kugeln von etwas hellerem Weiss rollten von unseren Tritten weg durch das mattere Grau und verschwanden. Wir hielten nach rechts und kamen schliesslich in flacheres Gelände, in dem das Vorwärtsstapfen schwerer ging. Im tiefen nassen Schnee, blind und wie durch zähes Wasser schwimmend, mühten wir uns ostwärts, indem wir den Fuss des Hanges durch Ertasten der Neigungen beibehielten. Irgendwann trafen wir auf eine alte Schneeschuhspur, folgten ihr, stiegen auf und traten endlich, wie nach langer Überfahrt, ans Ufer des Schnees, auf den Pass der Niederi. Hier liessen wir uns auf dem trockenen Gras nieder, legten die nassen Garmaschen ab und tranken die letzten Schlucke Wasser.

Die Nebel bildeten eine tiefe Flucht, wenig über unseren Köpfen, als wir den Zickzack des Pfades hinabstiegen, weit hinab. Ab der mächtigen Fichte am Waldrand mit schwerem Gepäck. Jeder Schritt war ein Fallenlassen und ein dumpfes Auffangen, es wurde milder und grüner. Hinab und weiter hinab fielen wir Schritt für Schritt, hinab bis auf den Seeztalboden, der irritierend eben, uns auf einmal nicht mehr weiter fallen liess.

Aus der Nacht waren wir in den sonnigen Morgen gestiegen, über Grasbänder hoch in die Wände hinausgequert, waren von dort in die Stille der Wolkenburgen geklettert und hatten schliesslich durch ein grosses Nichts wieder zurückgefunden in einen milden Frühlingsabend, ins Tal.

Alpen-Blicke

Frisch und frech, munter und mahnend. Und stark, ganz stark. Ein Bildband über die Alpen, einer von vielen und doch ganz anders, wie die begeisterten Adjektive unseres Rezensenten belegen, der schon unzählige Bücher dieses Genres gesehen, begutachtet und besprochen hat. Fotograf Hans-Peter Jost hat lange im Ausland gelebt – vielleicht ein Grund für seinen scharfen und kritischen Blick auf die Alpen.

28. April 2017

Berge sind nicht zum Schmusen da.
Berg ist Berg.
Ende der Durchsage.

Und Ende eines Textes in einem aussergewöhnlichen Fotobuch zum Berg. Zum helvetischen Berg. Zum urschweizerischen Gebirge: zu den Alpen. Hans Peter Jost hat sie fotografiert, hält sie fest auf 240 Fotografien. Und wenn wir diese angeschaut, bewundert und verglichen, wenn wir auch die klugen Texte von Mario F. Broggi, Erwin Koch, Helmut Scheben und Emil Zopfi gelesen haben, müssen wir feststellen: Obwohl der Berg schon Berg ist, ist er doch zum Schmusen da. Zum Besteigen und Befahren. Zum Bepflanzen und Bebauen. Zum Beschiessen und Belöchern. Zum Bejodeln und Bewerben. Und zum Fotografieren. Das Titelfoto von Josts „Alpen-Blicke.ch“ zeigt fotografierende und picknickende Touristen auf dem Eggishorn, mit dem Aletschgletscher, der ruhig und quer durch Bild und Landschaft fliesst. Auf der Rückseite blickt eine Kuh verwundert zu zwei Wanderern, die auf der Furkapass-Strasse flanieren – wenigstens scheint es so, denn die Kuh ist aus Kunststoff.

Berg ist also nicht Berg, obwohl das Valentin Sicher, Sicherheitsbeauftragter der Transtec Gotthard, im Text „Der Tunnel, die Widerlegung der Alpen“ behauptet. Aber er hat berufsbedingt einen andern Blick als der Fotograf. Und dieser hat die Alpen der Schweiz draussen und drinnen, im Gebirge selbst, aber auch in der Stadt, bei den Berglern und bei den Bergreisenden, vom Panorama bis zum Detail mit seiner Kamera erfasst. Und legt diese Bestandsaufnahme nun unter den vier Stichworten Heimat, Energie, Freizeit und Tourismus vor. Fröhlich und traurig stimmende Fotos, zum Nachdenken und Schmunzeln anregend, zum Kopfschütteln, aber in beide Richtungen. Stark, ganz stark.

Entstanden ist eine ebenso überraschende wie vielfältige Mischung aus Persönlichem und Umfassendem. Kraftwerk trifft auf Kraftort, Horden auf Heimat, Ökologie auf Ökonomie, Kuh im Hauptbahnhof Zürich auf Kuh am Schlager-Openair „Der Berg bebt“ auf dem Flumserberg. „Man muss sich fragen, ob der Erlebnismarkt noch Grenzen kennt, oder ob der Umbau der Alpen zum Disneyland beschlossene Sache ist.“ Das fragt sich Helmut Scheben zur Gegenwart und Zukunft des urschweizerischen Gebirges. Wie trist aber auch die Vergangenheit sein konnte, schildert Erwin Koch mit einem Porträt der letzten Winterwartin auf dem Pilatus. Und Emil Zopfi blickt mit „Die Kaffetasse im Stausee“ weit über den Horizont.

Augenblick mal! ruft der Bildband „Alpen-Blicke.ch“ von Hans Peter Jost uns zu, frisch und frech, munter und mahnend. Die letzte Foto zeigt den gross angeschriebenen Exit durch Drehkreuze an der Gornergratbahn, jenseits der Sperre warten eine rote Kuh mit Schweizer Kreuzen und Wolli, das Maskottchen von Zermatt, und ganz hinten stehen Dent Blanche und Obergabelhorn, still und stumm. Welcome im Playground of Switzerland!

Hans Peter Jost: Alpen-Blicke.ch. Heimat, Energie, Freizeit, Transit. Mit Beiträgen von Mario F. Broggi, Erwin Koch, Helmut Scheben und Emil Zopfi. Scheidegger & Spiess, Zürich 2017, Fr. 59.-. www.scheidegger-spiess.ch

Buchvernissage von Hans Peter Josts Alpen-Blicke.ch am Samstag, 29. April, um 19 Uhr im Alpinen Museum, Bern, moderiert von Katharina Conradin, Geschäftsleiterin von mountain wilderness Schweiz.

Passend zu diesem Alpen-Blick auf die Schweiz sei auf zwei laufende Ausstellungen hingewiesen. In der Fotostiftung Schweiz in Winterthur ist noch bis am 7. Mai 2017 die Ausstellung „Fremdvertraut. Aussensichten auf die Schweiz“ zu sehen; www.fotostiftung.ch

Das Museum für Gestaltung in Zürich zeigt bis am 9. Juli 2017 „Macht Ferien“ mit Tourismusplakaten zur Schweiz aus der eigenen Sammlung; www.museum-gestaltung.ch

Noch in weiter Ferne, doch der nächste Winter kommt bestimmt bzw. ist Ende April 2017 schon mal bis ins Flachland zurückgekommen:
In BSINTI, dem Ort für Kultur und alpine Fotografie in Braunwald, sind vom 16. Dezember 2017 bis zum 2. April 2018 die „Alpen-Blicke.ch“ von Hans Peter Jost zu sehen; www.bsinti.ch

Der Krallgriff

Alles hat seine Geschichte, selbst ein winziger Griff im Fels. Ein Wieder-Ertasten im steinernen Mikrokosmos.

25. April 2017

Ein Griff ist ein Griff ist ein Griff. Gertrude Stein lässt grüssen (eine Rose ist eine Rose…). Dieser Wand ist aus Stein, doch hier wachsen keine Rosen. Allenfalls Hauswurz oder Habichtskraut. Den Griff hat einst meine Tochter entdeckt, mehr als ein Vierteljahrhundert ist’s her. Wir rangen um die Route und diese Stelle war die Crux. Hoch oben in der Wand der Halbmondgriff, den zu erreichen das Problem darstellte. Höher noch als der Mond am Himmel, so erschien er uns, so unerreichbar. Links ein abschüssiger glitschiger winziger Tritt, auf dem selbst eine Fliege den Halt verlieren würde. Wir versuchten es trotzdem, versuchten es, versuchten es und suchten, suchten. Bis meine Tochter diese winzige scharfe Braue aus Stein entdeckte, das heisst, ertastete, die wir in der Folge Krallgriff nannten. Ihre etwas zierlichen Finger passten in die Vertiefung hinter der steinernen Braue. Ich konnte meine Fingerkuppen auf die feine Kante pressen, so dass es schnitt und schmerzte aber für ein paar Sekunden Halt gab. Gerade so lange, bis ich mit etwas Dynamik hochschnellen, den Halbmond packen und einen kräftigen Seitenzug anschliessen konnte.

Damals entwickelte ich eine ganz neue Beziehung zum Fels, zum Stein. Statt den grossen Linien, den Graten und Pfeilern und Wänden begann mich der Mikrokosmos zu interessieren, die Feinstruktur, die beim Klettern zur Partitur wird. Melodie, Musik, Rhythmus, Tanz. Den Griffen und Tritten einer Crux Namen geben, hat einmal ein Kletterdidaktiker empfohlen. So kann man sich die Abläufe einprägen, die Partituren. Die Wand wird zum Text, zur Notenschrift aus Stein.

Wie oft habe ich diesen Krallgriff schon ertastet, mich an ihn gekrallt, jedes Mal wohl an meine Tochter gedacht, die jetzt gerade mit ihrem Partner und ihrem kleinen Mädchen nach Sardinien fliegt. Nein, nicht zum Klettern. So, wie das Leben halt spielt.

Ich nun spiele das Spiel an der Wand. Die Partitur, Krallgriff, abschüssiger Tritt, Dynamo, Halbmond, Seitenzug, Untergriff und dann an die Schuppe. Man hat mich gefilmt, fotografiert auf dieser Route. Doch vor einigen Wochen, da war es so weit, dass ich den Krallgriff nicht mehr krallen mochte. Es ging nicht, ich brach einen Fingernagel. Es half nichts. Der Anfang vom Ende, dachte ich. Ich schaffte die Route nicht mehr. Hatte wochenlang Alpträume, stellte mir in schlaflosen Nächten vor, wie ich da stehen würde, nochmals den Griff ertasten, nochmals versuchen den Halbmond zu erreichen, nochmals scheitern. Einmal ist es so weit, unweigerlich, es ist unvermeidlich. Der Himmel ist zu hoch für dich geworden.

Jetzt taste ich nach der Kante und sie will mir noch kleiner, noch feiner vorkommen als je. Unmöglich, denke ich, vielleicht ist da etwas abgebrochen oder gebröckelt. Ich taste nach der besten Stelle, drücke die Finger hinein, dass ich fast schreie vor Schmerz, aber ich gebe nicht auf, strecke mich, halte den Halbmond, den Untergriff, die Schuppe. Noch geht es, es geht noch. Bis zum nächsten Mal.

Pellegrina delle Alpi

Liebe auf den ersten Blick am Mer de Glace. Was nach einer Alpenschnulze à la Louis Trenker klingt, ist der Beginn einer Ehe und Seilpartnerschaft eines der stärksten (und vielleicht auch schönsten) Kletterpaare der Alpingeschichte. Da kann man nur hoffen, dass die Bücher von und über Gabriele Boccalatte und Ninì Pietrasanta bald auch auf Deutsch erscheinen. Sonst einfach wie der Blitz Italienisch lernen!

„Piccoli rifugi di fortuna incustoditi, baracche sepolto, d’inverno, sotto una coltre di neve, io non posso senza una certa tenerezza ricordarmi di quando m’accoglieste alla vigilia d’un’ascensione pericolosa, o al ritorno da un’impresa superata.”

So beginnt Ninì Pietrasanta das Hütten-Kapitel in ihrem 1934 erstmals veröffentlichten Buch „Pelligrina delle Alpi“ – die Pilgerin der Alpen gehörte in den 1930er Jahren zur italienischen Kletterelite und war eine der wenigen Alpinistinnen, die über das Bergsteigen schrieben. Und nicht nur über grosse Tage am Berg, sondern auch über kleine Hütten, die Geborgenheit verschaffen am Abend vor einer gefährlichen Tour oder bei der Rückkehr einer solchen, „come una buona madre“. 1937 war Ninì Pietrasanta (1909–2000) selbst Mutter des kleinen Lorenzo geworden, und so begleitete sie ihren Mann Gabriele Boccalatte (1907–1938; Absturz in der Südwand der Aiguille de Triolet) nicht mehr auf den schwierigsten Fahrten, wie beispielsweise die Erstdurchsteigung der Südwand der Aiguille Noire de Peuterey am 1. August 1935. Am 18. Juli des gleichen Jahres hatte das Paar gar einen Versuch am noch unbegangenen Walkerpfeiler der Grandes Jorasses gewagt, doch ein Wettersturz zwang sie zum Rückzug ins kleine Refuge de Leschaux.

Also in diese Hütte, mit der ihre Liebe begonnen hatte. Am 9. Juli 1932 war Boccalatte mit Renato Chabod ins Refuge de Leschaux aufgestiegen, um die Nordwand der Grandes Jorasses anzugehen, damals eines der letzten drei Probleme der Alpen, neben den Nordwänden des Matterhorns und des Eigers. Aber schlechtes Wetter verhinderte einen ernsthaften Einstieg. Am 14. Juli stiegen die beiden zwecks Proviantnachschub nach Chamonix ab. Dort trafen sie ihren Tourengefährten Pietro Ghiglione, der von Turin mit zwei Frauen angereist war, mit Ninì Pietrasanta und einer Freundin von ihr. Zum gemeinsamen Mittagessen gesellten sich noch weitere italienische Bergsteiger, so Giusto Gervasutti und Piero Zanetti. Anderntags kehrten die Männer in die Leschaux-Hütte zurück, während die Frauen nach Montenvers gingen, den berühmten Aussichtspunkt über dem Mer de Glace. Auf einer kleinen Tour am 17. Juli verletzte sich Gabriele am Kopf; um verarztet zu werden, stieg er nach Montenvers ab – wo er Ninì trifft, die ihm einen Verband anlegt. Et voilà! Chabod wird in sein Tourenbuch notieren: „Fra la Ninì e Gabriele vi è stato il classico coup de foudre.“ Am 18. Juli wandern die Zwei zusammen ins Refuge de Leschaux. Und am 19. Juli machen sie zusammen mit Chabod, Ghiglione und Zanetti die erste Besteigung einer Granitnadel im gezackten Kamm der Périades gegenüber der Leschaux-Hütte – seither heisst die Nadel Pointe Nini (3455 m).

Diese schöne Geschichte findet sich im prächtig mit zeitgenössischen Fotos illustrierten Buch „Oltre la vetta. Vita e imprese di Gabriele Boccalatte e Ninì Pietrasanta“ von Dante Colli. Und wo findet man die zwei Bücher von bzw. über Ninì? In Milano zum Beispiel, in der Libreria Monti in città am südlichen Rand der Innenstadt unweit der Porta Romana. Es lohnt sich, diese kleine Bergbuchhandlung voller Bücher, Zeitschriften und Karten zu besuchen. Mehr noch: Es gibt auch ausgesuchte Weine aus dem Gebirge zu kaufen. Ein feiner Tropfen kann den Abend in einem piccolo Rifugio noch gemütlicher machen.

Ninì Pietrasanta: Pellegrina delle Alpi. Club Alpino Italiano, Milano 2011, € 22.- Faksimile der Erstausgabe von 1934.

Dante Colli: Oltre la vetta. Vita e imprese di Gabriele Boccalatte e Ninì Pietrasanta. Nuovi Sentieri Editore, Belluno 2016, € 35.-

Libreria Monti in città, Viale Monte Nero 15 in Milano. A due passi da Porta Romana, rund 25 Min. zu Fuss südöstlich des Duomo. www.libridimontagna.net

Die Alpen – whatsalp

In einem «Weckruf» plädiert Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus, für die «Wiederentdeckung heimischer Wildnis». Stopp der Vielfliegerei im UNO-Jahr des nachhaltigen Tourismus. Da kommt der besprochene Bildband gerade recht, lenkt er doch unseren Blick wieder einmal auf die gewaltige Naturschönheit vor unserer Haustür. Die man auch noch zu Fuss durchqueren kann: whatsalp, von Wien bis Nizza.

14. April 2017

„Vor den Alpen, die in der Entfernung von einigen Stunden hieherum sind, stehe ich immer noch betroffen, ich habe wirklich einen solchen Eindruck nie erfahren, sie sind eine wunderbare Sage aus der Heldenjugend unserer Mutter Erde und mahnen an das alte bildende Chaos, indes sie niedersehn in ihrer Ruhe, und über ihrem Schnee in hellerem Blau die Sonne und die Sterne bei Tag und Nacht erglänzen.“

Schön gesagt von Friedrich Hölderlin. Ist ja auch schon ein paar Jahrzehnte her, dass er die Alpen erblickt hat. Aber seine Betroffenheit ist immer noch verständlich und nachvollziehbar, ob man jetzt die Alpen eher von fern oder nah erlebt. Am Gründonnerstag zum Beispiel, auf dem Winterhorn über dem Gotthardpass, dieses blendende Weiss noch fast ringsum, all diese Gipfel zwischen Mönch und Torent Alto, wo der südlichste Gletscher des Tessin dahinschmilzt. Und zu Füssen das schwarze Band des berühmtesten Passes über die Alpen, noch gesperrt für die Autofahrer, aber die ersten Radfahrer durchmessen Landschaft und Geschichte, sausen hinunter nach Hospental, wo die letzten Skifahrer, ihre Gleitgeräte auf den Rucksack gepackt, über die alte Steinbrücke dem Gasthaus St. Gotthard zustreben.

Die Alpen! Naturerlebnis, Kulturgut, Sehnsuchtsort. So lautet der Untertitel des Bildbandes von Detlev Arens über die Alpen, in dem ich das Zitat von Friedrich Hölderlin fand. Andere stammen von Ludwig Hohl, von Arthur Schopenhauer. Das grossformatige Werk schildert die Alpen (fast) in ihrer ganzen Vielfalt, in den drei grossen Kapiteln Alpennatur (mit Geologie, Seen und Flüsse, Fauna und viel Flora), Alpengeschichte (vom Ötzi bis zum Gotthard-Basistunnel) sowie Die Alpen heute – Faszination und Gefährdung (Verstädterung, Architektur, Alpwirtschaft, Wasserkraft, Nationalparks, Tourismus und Alpinismus). Das alpine Chaos, sauber geordnet, schön illustriert; Schwerpunkte da, Vernachlässigung dort – verständlich, denn die ganze Vielfalt lässt sich nicht in ein Buch pressen. Nur bei der Bildlegende zur Semmering-Bahn ist ein Unglück passiert: Die Foto zeigt das Landwasserviadukt der Rhätischen Bahn. Nun, beide Linien gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Und: Obwohl ein Buch eines deutschen Autors in einem deutschen Verlag, hören die Alpen nicht hinter dem Mont Blanc auf – die französischen Alpen und die italienischen Westalpen werden schon auch berücksichtigt. Der Alpenbogen erstreckt sich ja bekanntlich von Wien bis Nizza.

Und genau diese Strecke wird in diesem Jahr erwandert – wieder erwandert. Von Juni bis September 2017 durchquert nämlich die Wandergruppe „whatsalp“ die Alpen von Ost nach West. Vor 25 Jahre ist die Wandergruppe „TransALPedes“ von Wien nach Nizza marschiert und hat dabei den Zustand der Alpenregionen dokumentiert – mehr noch: diese untereinander vernetzt. Nun will „whatsalp“ sichtbar und erfahrbar machen, wie sich die Alpen seit dieser Zeit verändert und welche Spuren Menschen und Naturereignisse in der Landschaft hinterlassen haben. Als Projektpartner begleiten CIPRA International und die Alpeninitiative die Reise. Über die Erlebnisse und Begegnungen auf der Wanderung wird fortlaufend auf www.whatsalp.org und www.cipra.org berichtet.

Entlang der Route finden zahlreiche Veranstaltungen zu aktuellen Themen und Treffen mit Menschen vor Ort statt. Auf Initiative des Jugendbeirats der CIPRA und weiterer Partner bekommt die Wandergruppe mit dem Projekt „whatsalp-youth“ jugendliche Verstärkung. Mehr noch: Interessierte Personen, Institutionen und Organisationen sind dazu eingeladen, sich entlang der Wanderroute mit „whatsalp“ zu treffen, ein Stück des Weges mitzuwandern und Veranstaltungen zu initiieren. Über die Auf- und Abstiege und die Weglängen gibt der Routenplan auf www.whatsalp.org Auskunft. Auch das Buch von Arens regt zum Mitwandern an; zum Mitnehmen ist es allerdings zu gross und zu schwer.

Detlev Arens: Die Alpen. Naturerlebnis, Kulturgut, Sehnsuchtsort. Edition Fackenträger Köln 2016, Fr. 54.-

Weltgeschichte in 500 Wanderungen

Wer die 500 Wanderungen dieses Buches schafft, darf sich sicher in der SAC-Zeitschrift «Die Alpen» in der Rubrik «Berg verrückt» verewigen. Jedes grosse Unternehmen beginnt bekanntlich mit dem ersten Schritt: Vielleicht auf dem Heidiweg bei Maienfeld. Den Rest kann man ja auch im Sofa lesend noch nachholen. In Englisch, Französisch oder Italienisch. Man hat ja nie ausgelernt.

8. April 2017

Un circuito di 6,5 km ispirato alle avventure immaginarie della ragazzina di montagna narrate da Johanna Spyri nell’omonimo romanzo del 1881.

Der Heidiweg in Maienfeld ist die 374. Wanderung, die Sarah Baxter in ihr Buch „History of the World in 500 Walks“ aufgenommen hat, und zwar im fünften Kapitel, das Fusstouren aus dem und zum 19. Jahrhundert beschreibt und auflistet. Genau das ist das Spannende und Überzeugende an diesem 400-seitigen, mit Fotos und Kartenskizzen illustrierten Werk. Natürlich wurde der Heidiweg als solcher erst im 20. Jahrhundert erfunden, als es darum ging, die Geschichte von Heidi auch im Ort zu vermarkten, wo der weltberühmt gewordene Roman von Johanna Spyri spielt. Das tut er aber 1881 – deshalb platzierte ihn Sarah Baxter auf Seite 301. Begleitet wird er dort vom 172 km langen GR 21 in der Normandie, der sich von Le Tréport bis Le Havre erstreckt, also bis in den Hafen, wo Claude Monet 1872 sein epochales Gemälde „Impression soleil levant“ schuf. Ebenfalls auf dieser Seite: der 270 km lange William Wordsworth Way im englischen Cumbria und die Hochtour zum Snaefellsjökull auf Island, wo Jules Verne 1864 die „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ ansetzte.

Kurz: In diesem Buch geht es um mehr als ums Nur-Wandern. Und das auf der ganzen Welt, vom Cerro Roraima im Dreiländereck zwischen Venezuela, Brasilien und Guyana (Nr. 1) über den Monte Tiscali in Sardinien (Nr. 77), den Gemmipass (Nr. 160) und den 2012 geschaffenen Peaks of the Balkans Trail zwischen Albanien, Kosovo und Montenegro (Nr. 491) bis zum Sentiero Mamang im Parco nazionale del fiume Fitzgerald, Australia Occidentale (Nr. 500). Dass ich den Heidiweg aus der italienischen Ausgabe zitiere, liegt daran, dass ich Sarah Baxters Buch am vergangenen Mittwoch in der Libreria La Feltrinelli an der Via Roma in Cagliari entdeckte.

Und: Wer schon auf dem Heidiweg zu stark ins Keuchen kommt, kann sich auf den 22. Juni 2017 freuen. An diesem Tag erscheint Baxters „History of the World in 500 Railway Journeys”.

Sarah Baxter: History of the World in 500 Walks. Aurum Press, London 2016. Storia del mondo in 500 camminate. Rizzoli, Milano 2017. L’histoire du monde en 500 marches. Arthaud, Paris 2017.