Faszination BergWälder

Berthold Brecht meinte zwar, man solle über die Untaten der Menschen sprechen, statt über Bäume. Das eine geschieht gegewärtig in solcher Fülle, dass ein Buch über Bäume, bzw. Wälder eine erholsame Lektüre sein kann. Auch der alte Brecht ist schliesslich durch die Wälder der Märkischen Schweiz gewandert, als es in Berlin knallte. Warum also nicht ein Buch über Wälder, Bergwälder genau, und aus der richtigen Schweiz.

14. Mai 2015

BergWälder_CoverGrashalm glänzt wie eine Klinge,
Und die kleinen Schmetterlinge,
Blau, orange, gelb und weiß,
Jagen tummelnd sich im Kreis.
Alles Schimmer, alles Licht,
Bergwald mag und Welle nicht
Solche Farbentöne hegen,
Wie die Haide nach dem Regen.

Dichtete Annette von Droste-Hülshoff um 1844. Eine der berühmtesten deutschen Dichterinnen des 19. Jahrhunderts; ihre Novelle „Die Judenbuche“ gehört noch immer zum Kanon der Gymnasialliteratur. Dass die Droste auch alpin angehauchte Verse schmiedete, dürfte weniger geläufig sein. Das Gedicht „Der Säntis“ ist eine Hymne an die Jahreszeiten und den höchsten Gipfels des Alpsteins; Annette wird den Berg vom Schloss Meersburg, wo sie am 24. Mai 1848 verstarb, immer wieder erblickt haben.

Drei Zeilen aus dem Herbst-Zyklus: „Wenn ich an einem schönen Tag / Der Mittagsstunde habe acht, / Und lehne unter meinem Baum“ – dann nehmen wir mit grossem Vergnügen einen neuen Bildband hervor, der wunderbar die Themen Bergwald, Farbentöne und Poesie verbindet. In ihrem zweiten Werk nach „BergWasser“ beleuchten der Fotograf Roland Gerth und der Schriftsteller Emil Zopfi in „Fazination BergWälder“ nun die schönsten Waldlandschaften der Schweiz. Ein rundum geglücktes Werk, das nicht nur mit faszinierenden und einmaligen Landschaftsaufnahmen glänzt, sondern auch mit der poetischen Einleitung und den geografisch und botanisch genau verorteten Bildegenden. Ein Wurf.

Kaum zu glauben, dass all diese Fotos in Schweizer Bergwäldern zwischen Dent de Vaulion im Waadländer Jura, Lutertannen im Alpstein und Alpe Saléi in der Valle Onsernone aufgenommen wurden. Entdeckungen sind da beim Blättern und Lesen zu machen, wenn wir uns gemütlich an einen Baum oder eine Bank lehnen. Die Bilder wecken aber auch die Lust, selbst hinauszugehen in die frischgründuftenden Wälder. Auf geht’s, in den Auffahrts-Tagen noch ein wenig leichter. Mit einem Lied auf den Lippen und einem Gedicht im Ränzlein, wie einst der Taugenichts von Eichendorff. Diese Verse hier aus Hermann von Linggs „Schlußsteine“ von 1878 kehren wir freilich besser unters Laub: „Im Bergwald ruht, im Eichenhaine / Der Nemi-See; wohl hieß er auch / Dianas Spiegel, seine reine / Tiefblaue Woge trübt kein Hauch.“

Roland Gerth, Emil Zopfi: Fazination BergWälder. Die schönsten Waldlandschaften der Schweiz. AS Verlag, Zürich 2015, Fr. 45.-

Bätzings Alpen

«Aus der Region, für die Region», lautet ein Werbespot der Migros. Der Autor der vorgestellten Publikationen würde dem sicher zustimmen. Doch das ist nur ein Aspekt der Diskussion um die Zukunft der Alpen als Wirtschaftsraum. Was soll aus unserer Bergwelt werden? Fun- und Freizeitpark? Riesiger Wasserspeicher für Europa? Sich selbst überlassene Wildnis? Werner Bätzing zeigt Perspektiven auf.

6. Mai 2015

Cover StreitschriftZEIT: In Ihrer eben erschienenen Streitschrift Zwischen Wildnis und Freizeitpark entwickeln Sie eine Vision, wie man in Zukunft in den Alpen wirtschaften könnte. Sie setzen dabei vor allem auf regionale Produkte. Reicht dieses Klein-Klein, um den Wohlstand in den Bergen zu erhalten?
Bätzing: Ich halte es überhaupt nicht für klein, wenn man voll auf regionale Produkte setzt. Das ist eine groβe Idee, die gleichwertig zum globalen Wirtschaften geht.
ZEIT: Aber die Bergler argumentieren: Ihr im Unterland habt uns nicht zu sagen, was wir zu tun zu haben. Wir haben Anrecht auf denselben Wohlstand wie ihr.
Bätzing: Das ist das, was ich in meiner Streitschrift als Nachholmoderne beschreibe. Die Bergler wollen das Gleiche wie die Flachländer. Das geht aber nicht – dabei verstädtern die Alpen bestenfalls, oder sie werden menschenleer.

Ausschnitt aus einem hochspannenden Gespräch über Dirndlabende und Spektakeltourismus, verhökerte Berge und gigantische Luxusprojekte zwischen dem Alpenforscher Werner Bätzing und der Schweiz-Redaktion in der aktuellen Ausgabe der deutschen Wochenzeitschrift „Die Zeit“. Ausgangspunkt ist das jüngste Werk von Bätzing, emerierter Professor für Kulturgeografie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Es heisst „Zwischen Wildnis und Freizeitpark. Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen“, ist 145 Seiten dünn, vom Gehalt her aber mindestens dreifach so dick, und kostet nur elf Schweizer Franken. Ich kenne keine andere Schrift über die Alpen, die finanziell und grammmässig so leicht und inhaltlich so gewichtig daherkommt. Darin skizziert der Autor, der Geschichte und Gegenwart im ganzen Alpenbogen so umfassend kennt wie sonst kaum jemand, mögliche und unmögliche Zukunft-Szenarien: Die Alpen als ein einziger Fun- und Freizeitpark? Als riesiger Wasserspeicher für Europa? Als fremdbestimmter Ergänzungsraum der Metropolen? Als sich selbst überlassener Wildnisraum?

Cover Die AlpenAusgehend von den in jeder Hinsicht verwildernden Alpen analysiert Bätzing fünf Zeitgeist-Perspektiven, deren Vor- und Nachteile er gegeneinanderstellt. Daran anknüpfend stellt er fünf unzeitgemässe Perspektiven vor, die alle die Alpen als dezentralen Lebens- und Wirtschaftsraum begreifen. Und da ergäben eben klug angebaute und vermarktete regionale Produkte deutlich bessere Aussichten als der geplante 380 Meter hohe Wolkenkratzer von Vals. Dazu nochmals Bätzing: „Das ist ein städtisches Angebot. Der Turm könnte überall stehen. Nicht umsonst fällt im Zusammenhang mit Vals das Stichwort Dubai. Langfristig muss der Alpenraum auf seine Besonderheiten setzen.“

Bätzing hat als einer der Erster alle Alpengemeinden zwischen Nizza und Wien untersucht und daraus bahnbrechende Erkenntnisse gezogen. Sein Hauptwerk „Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft“ hat sich seit 1984 zum Klassiker kritischer Alpenliteratur entwickelt und ist nun in einer grundlegend überarbeiteten Neuausgabe herausgekommen. So hat der Verfasser das Kapitel über die gegenwärtigen Entwicklungen stark verändert und dasjenige über die Zukunft der Alpen ganz neu geschrieben.

Wer Bätzing noch nie gelesen hat, wird zuerst zur Streitschrift greifen. Es liegt in der Natur einer solchen Publikation, dass sie kurz, prägnant und manchmal auch polemisch ist. Aber dann darf, ja sollte man ruhig erst- oder nochmals zu „Die Alpen“ greifen. Dieses Buch ist mindestens so spannend und lehrreich wie jenes Lehrgedicht Albrecht von Hallers, das 1732 publiziert worden ist. Der Titel ist der gleiche, der Umfang ähnlich: 49 zehnzeilige Strophen damals, 484 Seiten heute.

Werner Bätzing: Zwischen Wildnis und Freizeitpark. Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen. Rotpunktverlag, Zürich 2015. Fr. 11.-

Werner Bätzing: Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft. 4., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Verlag C.H. Beck, München 2015. Fr. 49.90.

„Ich will die Revolution!“ Ein Gespräch mit Werner Bätzing in „Die Zeit“ vom 29. April 2015.

6. Mai 1015, 19 Uhr, Alpines Museum der Schweiz in Bern: Buchvernissage „Zwischen Wildnis und Freizeitpark. Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen“. Werner Bätzings Leitideen und Thesen werden mit Mario Broggi (Forstingenieur und Ökologe), Stefan Otz (Tourismusdirektor Interlaken) und Thomas Egger (Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete) diskutiert. Moderiert wird das Gespräch von Jürg Steiner (Redaktor der „Berner Zeitung“).

La vue, secteur de gauche

Depuis le donjon du Bois des Brigands, près de Thierrens, on domine une bonne partie de l’Europe. Ici le secteur de gauche. À l’extrème gauche Moscou, le Napf, Vienne et Courtepin, suivi par des sommets tels le Guggershorn ou le Schibuhl, inconnu jusqu’à ce jour. Un observateur attentif, probablement dans une journée de bonne visibilité, a même pu identifier le Proche-Orient et a rajouté sur le plan la ville de Gaza. Étonnant, non?
Thierrens (Haute Broye), 30 avril 2015.

1. Mai 2015

donjon_thierrens

Emmental – Oberaargau – Entlebuch

Der Titel klingt schlicht, das Cover dieses Wanderführers prangt dafür in Rot fast wie ein Flugi zum 1. Mai. Aber den feiert man im Emmental wohl nicht. Auch wenn die Schriftsteller, deren Spuren die 50 Touren unter anderem folgen, zu ihrer Zeit viel Sozialkritik übten. Also Wanderstöcke gepackt, auf, ins Gotthelfland zum fröhlichen wandeln, bzw. wandern.

30. April 2015

Emmental„Dieses Tal, durch welches die Emme flieβt, bis sie in die Aare sich mündet, als das eigentliche Emmental, ist eines der schönsten und lieblichsten im Schoβe der Schweiz, und gar manches Kleinod des Landes erhebt sich auf den mäβigen Emmenhügeln und luegt freundlich über Land oder steht keck auf der Emme abgewonnenem Schachen oder Moosgrunde und erntet in reicher Fülle da, wo ehedem die Emme Steine gesäet und Steine gewässert.“

Ein kurzes Zitat eines Dichters, dessen lange Reihe von Romanen zum Emmental gehört wie die Löcher zum gleichnamigen Käse. Ja, Emmental ohne Gotthelf, das wäre wie Weimar ohne Goethe oder Stratford-upon-Avon ohne Shakespeare. Emmental ist Gotthelfland. Zentrum ist das Dorf Lützelflüh an der Emme, wo der am 4. Oktober 1797 in Murten geborene Albert Bitzius vom 1. Januar 1831 bis zum seinem Tod am 22. Oktober 1854 wirkte, als Pfarrherr, Schulinspektor, Armenpfleger und Sozialreformer. Und als Schriftsteller: 1836 erschien „Der Bauernspiegel“, sein erster Roman. Der Name der Hauptfigur, Jeremias Gotthelf, wurde sein eigener. Hier entstand das gewaltige literarische Oeuvre mit Titeln wie „Die Wassernot im Emmental“ (daraus das Einstiegszitat), „Anne Bäbi Jowäger“, „Käserei in der Vehfreude“ oder „Wie Joggeli eine Frau suchte“. In Sumiswald spielt „Die Schwarze Spinne“; in der Gaststube des „Bären“ steht noch immer der uralte runde Tisch, um den sich die Überlebenden der Pest-Epidemie trafen. Von Sumiswald, wo jeweils im Sommer der Gotthelf-Märit stattfindet, führte eine vierstündige Wanderung über das Schloss Trachselwald und den Spinner-Hügel ins Gotthelf Zentrum in Lützelflüh. Dorf findet sich diese Stelle aus einem Gotthelf-Brief: „Ich wandle zu Fuss und beneide englische und französische Schriftsteller nicht, welche zwei- und vierspännig fahren.“

Wer lieber wandelt als fährt, sich unterwegs vielleicht auf eine Uferbank oder in eine Gartenwirtschaft setzt, um Gotthelf zu lesen oder Carl Albert Loosli, der 1924 mit „Anstaltsleben“ die schlimmen Verhältnisse in der Jugendstrafanstalt von Trachselwald offenlegte, kann zu einem neuen Wanderführer mit Literaturtipps greifen. Mit Friedrich Dürrenmatt im Parkhotel Schloss Hünigen bei Konolfingen und mit Pedro Lenz auf dem Fussballplatz in Langenthal, mit E.Y. Meyer und Paul Wittwer auf den Eggen und in den Gräben am Napf, mit Peter Krebs am hochtannigen Bockshorn und mit Gustav Renker auf der löchrigen Schrattenfluh: Wer im Emmental und im benachbarten Oberaargau und Entlebuch zu Fuss unterwegs ist, begegnet nicht nur grünen Gefilden, hablichen Höfen und chüschtigen Käsereien, sondern eben auch Autoren von einst bis heute. Wandern kann ja etwas mehr sein als einen Fuss vor den andern setzen.

Im Städte-Viereck Bern, Interlaken, Luzern und Olten stellt der rucksacktaugliche Führer 18 blaue, 24 rote und 8 schwarze Wanderungen vor: verehrungswürdige Spaziergänge entlang der reformierten und der katholischen Emme, vergessene Pfade im Jura- und Napfgebirge, Kanäle hüben und drüben, Höger allerorts. Einer heisst Ankehubel. Ich versuchte ein „r“ hineinzusetzen, aber irgendwie fiel es in ein Loch.

Daniel Anker: Emmental mit Oberaargau und Entlebuch. 50 Touren. Rother Wanderführer, München 2015. Fr. 22.90.

Schweizer Bankgeheimnisse

Das Bankgeheimnis ist tot, Datenbanken werden laufend von Hackern geknackt. Nur das Geheimnis der Ruhe- und Sitzbänke, landauf landab von Verschönerungsvereinen (und manchmal auch Banken) gestiftet, bleibt bestehen. Hier wird es in 319 Fällen gelüftet – Liebespaare, Rentner, Ruhebedürftige, macht euch auf die Socken! Vielleicht hat’s ja noch Platz.

18. April 2015

Cover Schweizer Bankgeheimnisse„Glücklicherweise leben wir nicht nur im Land der Banken, sondern auch im Land der Sitzbänke. Zu Tausenden sind sie über die Schweiz verteilt und gewähren den Spaziergängern und Wanderinnen wohltuende Rast. Es ist doch immer wieder ein schönes Gefühl, sich hinzusetzen, wenn möglich anzulehnen, die müden Beine von sich zu strecken, das Gesicht der Sonne zuzuwenden, den Blick in die Ferne schweifen und die Seele baumeln zu lassen.“

Heisst es im Vorwort zu einem neuen Wanderführer, der sich auf überraschende, witzige und gekonnte Art einem Thema angenommen hat, das schon seit Jahren und – so scheint es – immer heftiger für rote Köpfe sorgt, dies aber nicht wegen des Wanderns: das Schweizer Bankgeheimnis. Mit dieser neuen Publikation ist es aufgehoben worden. Wenigstens in 319 Fällen. Denn so viele Schweizer Bankgeheimnisse verrät uns Reto Weber in seinem Wanderbuch, und das auf 33 Touren quer durch die Schweiz. Macht im Durchschnitt 10 Bänke pro Ausflug. Banken hat es manchmal auch, wie beim Spaziergang durch Zürich. In einer solchen Bank könnte man auch verweilen, jedenfalls, wenn man noch Scheine statt Schinkenbrote im Rucksack mitträgt. Doch auf der andern Bank ist es viel gemütlicher, und die Fotos zeigen wirklich besuchenswerte Sitzgelegenheiten zwischen Port d‘Ouchy und Stein am Rhein. Aufpassen muss man höchstens, dass sich dadurch die Dauer der Wanderung beträchtlich erhöhen kann.

„Schweizer Bankgeheimnisse“ reiht sich (in den vorderen Rängen) ein bei all den thematischen Wanderführern, die seit Jahr(zehnt)en Konjunktur haben. Zählen wir ein paar auf, von A bis Z:

Alpwandern. Alpinwandern. Architekturwandern. Autowandern (zum Beispiel mit „Der Automobilist als Wanderer“ von Wanderwegpionier Jakob Ess aus dem Jahre 1958). Badewandern. Bahnwandern (mit dem schönen Titel „Neben den Gleisen“). Barfusswandern. Baumwandern. Bergab- und Bergaufwandern (warum nicht beides?). Biwakwandern (Schlafsack nicht vergessen!). Burgenwandern. GA/Halbtaxwandern (jetzt noch machen, ab Sommer gibt es nur noch den roten Swiss Pass). Genuss- und Gourmetwandern (beim zweiten ist die Speisekarte um einige Gänge wichtiger als die Landeskarte). Gipfelwandern (nicht im Kanton Genf, da hat es eigentlich keine). Hüttenwandern. Höhenwegwandern. Höhlenwandern (Stirnlampe mitnehmen!). Hotelwandern. Industriewandern. iPad-Wandern. Kapellen- und Kraftortwandern. Kinder- und Kinderwagenwandern (nicht ganz das gleiche). Klimawandern. Kultur- und Literaturwandern (Theodor Fontanes fünfbändiges Werk „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ braucht mit dem Kindle weniger Platz). Moorwandern. Museenwandern (geht auch bei Regen). Nacktwandern (bitte nicht im Kanton Appenzell!). Naturparkwandern. Partisanen- und Politwandern (rote Socken sind ein Muss). Passwandern. Pilgern. Stadtwandern. Wasser- und Weinwandern (gesünder wahrscheinlich beide „W“). Weitwandern. Widmerwandern. Zurückwandern.

Es hat kein Ende – doch, am Schluss: Rollatorwandern. Aber vorher gehen wir noch Bankwandern. Da kann man auch gut ruhen.

Reto Weber: Schweizer Bankgeheimnisse. 33 Wanderungen und Spaziergänge zu schön gelegenen Sitzbänken in der Schweiz. Ott Verlag, Bern 2015, Fr. 38.-

Falesie di Gudo

Ein neues Klettergebiet im Tessin besucht. Ein Idyll zum Verweilen, zum Klettern eher gewöhnungsbdürftig.

17. April 2015

20150416_135044«Benvenuti al Canyon». So freundlich sind wir noch nie in einem Kettergebiet begrüsst worden. Canyon ist ein Sektor der Falesie di Gudo. Die Felsen hoch über der Magadinoebene sind vom Tal aus kaum sichtbar und erst vor wenigen Jahren von Tessiner Kletterern erschlossen worden. Aber nicht geheim gehalten, wie das in der Gegend einst üblich war. Im Gegenteil. Die Topos zum Herunterladen auf dem Internet beschreiben Anfahrt und Zugang im Detail, der Weg durch den Kastanienwald ist sorgfältig angelegt, alle paar Meter weisen kleine rotweisse Pfeile die Richtung – auch in Gegenrichtung!, man muss ja das Auto wieder finden – und dann das Täfelchen an einem Baum zur Begrüssung.
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20150416_123158Unter den bizarren Felsformationen des «Canyon» ist ein Rastplatz eingerichtet, mit Tisch und Bänken und selbst der Aschenbecher aus Granit fehlt nicht. Die Routen sind weithin sichtbar in gelber Farbe und grossen Buchstaben an die Einstiege geschrieben, mit Schwierigkeitsgrad. Haken, Umlenkungen – hier stimmt alles und auch das Ambiente. An den Birken und Kastanien spriesst das erste Grün, lässt den Blick noch frei über die Ebene und zum Ceneri, hoch am Himmel kreist ein Adler, am Fuss der Wand windet sich eine junge Ringelnatter. Idyll! Idyll! Hier hat jemand mit Hingabe und Sorgfalt einen kleinen Kletter-Freizeitpark eingerichtet und für die Klettergemeinde zur Verfügung gestellt.
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20150416_110558In dieses Paradies fällt nur winziger Wermutstropfen: Die Kletterei. «La roccia, sebbene non sia fra le migliori de Cantone, offre vie molto variate e mai banali», hat schon das Topo die Erwartungen etwas gedämpft. Vielleicht haben wir auch nicht gerade unsere Sternstunde getroffen, finden wir doch die Routen, die wir kletterten, na ja, nicht eben hinreissend, mal horrible Einzelstellen, mal ein Band, auf das man nicht fallen möchte, mal glatte Auflegergriffe, die Bewertungen ziemlich hart. Den Fels kann man halt nicht ändern und Klettern ist eine subjektive Angelegenheit. Der eine bricht sich die Finger, der andere leckt sie vor lauter Genuss. Das Gebiet ist sicher gewöhnungsbedürftig. Uns Verwöhnten fehlt wohl etwas die Geduld.

Klettern Alpensüdseite

Vor Jahren galten die Tessiner Klettergebiete als streng geheim, nur die lokalen Scoiattoli wussten wo und wie es die Wände und Platten hochging. Tempi passati. Heutzutage herrscht auf den Granitplatten von Ponte Brolla und anderswo oft Stau wie zu Ostern am Gotthard. Dank Bohrmaschine, sonnenhungrigen Freaks und rührigen Topo-Verlegern gibt es doch immer noch Neues und vorläufig Unbekanntes zu entdecken.

11. April 2015

Cover extrem SUD„Spät in der Nacht brachte uns die Post nach Bellinzona. Tags darauf ging es weiter nach Magadino und über den obersten Theil des Langensees nach Locarno. Hier schien sich das Wetter wieder zum Bessern zu wenden, so dass ich beschloss sofort in die Berge zurückzukehren und mit der Heimreise einen Besuch des Pizzo Basodine zu verbinden. Nachdem Trösch mit einiger Mühe von dem lebensfrohen, welschen Treiben sich losgerissen hatte, führte uns der Weg in der Abendkühle nach der landschaftlich, wie geologisch und botanisch merkwürdigen Schlucht von Ponte Brolla, wo tief unten der krystallhelle, blaugrüne Fluss durch schneeweissen scharfkantigen Fels sich einen gewundenen Kanal eingefressen hat.“

Der diesjährige Osterstau am Gotthard ist vorbei, auf geht’s in Tessin! Der Basler Wilhelm Bernoulli stimmt uns mit seinen „Streifzügen im Gotthard-, Adula- und Tessingebiet“ aus dem siebten Jahrgang des „Jahrbuch des Schweizern Alpenclub“ von 1871/72 bestens ein. Als Botaniker und Alpinist nahm er die Landschaft bei Ponte Brolla wahr, aber noch nicht als Kletterer. Die hohen Gipfel riefen, wie der Basòdino zuoberst in der Vallemaggia. Heute ist das etwas anders. Heute locken die scharfkantigen bis glattgeschliffenen Felsen, von Ponte Brolla taleinwärts bis – ja, bis fast zum Berg, den Bernoulli und der Urner Bergführer Joseph Maria Trösch dann doch nicht besteigen konnten, weil das Wetter nicht mitmachte. Am Südfuss des Basòdino liegt das Rifugio Piano delle Creste der Società Alpinistica Valmaggiese, und in seiner Nähe befinden sich drei kleine Klettergebiete. Ein Ziel allerdings für den Sommer. Doch gibt es genügend andere im Frühling – und wie!

Zwei neu erschienene Kletterführer entführen uns auf die Alpensüdseite. Einmal „extrem SUD“ aus dem berühmten Hause Filidor. 13 Jahre sind seit der Erstausgabe vergangen, nun halten die Kletterer und Kletterinnen, die es gerne schwierig und mehr mögen, wieder ihr Lieblingsbuch für sportliche Ausflüge zu den Felsen zwischen Domodossola, Locarno, Bellinzona und Lecco in den Händen. Gewohnt übersichtlich und klar geordnet, fehlt es an Nichts in diesem Werk. Und wer denn alle Felsen im Ticino aus der Nähe gegriffen hat, sollte mal ins Val di Mello fahren, das europäische Yosemite Valley.

Cover Varese e Canton Ticino„Varese e Canton Ticino Falesie“ von den Edizioni Versante Sud, also vom norditalienischen Pendant zum berneroberländischen Filidor, richtet sich nicht nur an extreme Climber, sondern auch an die Plaisirkletterer. Das macht der 2011 herausgekommene Filidor-Führer „plaisir SUD“ natürlich auch. Doch zurück zum Konkurrenzprodukt aus der Reihe „Luoghi verticali“. Darin werden mit der Region Varese auch Klettergebiete vorgestellt, die hierzulande kaum bekannt sind. Zum Beispiel Maccagno direkt am Lago Maggiore: „Interessante Linien, ein bemerkenswertes Panorama und gemütliche Bänke erlauben genussvolle Klettertage mit der gesamten Familie.“ Andiamo! Von Bellinzona bringt uns der Zug über Magadino in nur 38 Minuten dorthin.

Sandro von Känel: extrem SUD. Deutsch, Italienisch, Englisch. Edition Filidor, Reichenbach 2014, Fr. 48.- www.filidor.ch

Matteo Della Bordella, Davide Mazzucchelli: Varese e Canton Ticino Falesie. Oltre 50 siti di arrampicata a Varese, Lugano, Bellinzona, Biasca, Val Bedretto, Val Maggia e Locarno. Mit deutscher Übersetzung. Edizioni Versante Sud, Milano 2015, € 30.- www.versantesud.it

Wolkenmeer

Ich nime no’n Campari Soda
Wiit unter mer liit s’Wolkemeer
De Väntilator summet liislig
Es isch als gäbs mich nüme mee
Ich gsehn dur s’Fäischtr zwei Turbine
S’Flugzüg wankt liecht i de Luft
Dur s’Mikrofon seit de Copilot:
“On your left you can see Gärstenhorn, Wildgärst and Schwarzhorn over the clouds”
Und so tönt das Bild: www.youtube.com/watch?v=SbiNX8AFVsI
Bei der Mutthornhütte, 6. April 2015.

wildgärst

Trockenmauern

Fast so schwer wie ein Stein in einer Trockenmauer ist das besprochene umfassende Buch über die steinernen Kunstwerke, die fast unbeachtet die Landschaft schmücken und stützen. Lebenswelt für Pflanzen und Tiere, für Menschen, die von Terrassenkulturen lebten, schweisstreibendes Menschenwerk und fast selber Teil der Natur.

4. April 2015

RZ2a_Flyer.16.05.14.indd„Trockenmauern und Terrassenlandschaften sind ein kleines, aber sehr relevantes Beispiel dafür, dass der Mensch die Natur stark verändern kann, ohne sie zu zerstören. Unsere postmoderne Gesellschaft, die dies in allen Bereichen neu lernen muss, kann anhand solcher Beispiele sehr konkret erfahren, dass menschliche Naturveränderungen nicht automatisch ökologische Probleme verursachen, sondern der Mensch die Verantwortung für die dauerhafte ökologische Stabilisierung der von ihm veränderten Natur übernimmt.“

So setzt Prof. Dr. Werner Bätzing den Schlussstein unter seinen grundlegenden Essay „Leben in den Alpen – mit Zukunft?“, darin er sich mit den Trockenmauern in den Alpen befasst. Mit jenen Mauern also, die aus Steinen erbaut wurden, und zwar trocken, ohne Mörtel oder Zement. Einfach Stein auf Stein und Stein auf Stein. Aber was heisst da einfach? Kunstvoll ist das richtige Wort. Wie in der Trockenmaueranlage im Rebberg Clos de la Conchetta bei Sion, die als eindrücklichste Anlage des Wallis, der Schweiz, ja vielleicht der Welt gilt: Die bis zu 280 Meter langen Mauern sind je nach Stelle zwischen 12 und 22 Metern hoch. Nicht ganz so hoch, dafür freistehend ist der um 1840 erbaute Eisenbahndamm von Cei Mawr der Ffestiniog Railway in North Wales: 19 Meter. Einst fuhren die Güterzüge der Schieferbergwerke darüber, heute sind es Passagierzüge. An der alten Gotthardbahnlinie gibt es ähnliche verblüffende, intakte Trockenmauern, und die durch Mauern entstandenen Terrassenlandschaften von Linescio oberhalb Cevio in der Vallemaggia gehören zum Eindrücklichsten und Schönsten, was man im Tessin bewundernd erwandern kann. Oder muss ich schreiben: konnte? Denn Trockenmauern sind halt manchmal doch nicht für die Ewigkeit gebaut, sondern bedürfen der Pflege.

Nun hat die Stiftung Umwelt-Einsatz Schweiz ein Buch herausgebracht, das alles umfasst, was es zum Thema zu sagen, zu beschreiben und zu zeigen gibt. Eine von Fachleuten klar und verständlich verfasste, mit tollen Fotos und Zeichnungen illustrierte Publikation im Format 20 auf 30 Zentimeter, gut 1900 Gramm schwer; fast wie schön behauener Stein, den man oben drauflegt auf ein Trockensteinmäuerchen. Schlicht ein grosses „T“ steht auf dem Cover und auf dem Rücken des Buches, simpel und stilvoll wie die Mauern und Treppen, Gebäude und Brücken, denen es sich widmet. Kurz: das papierene Standardwerk für die steinernen Kunstwerke.

Auf 470 Seiten steht von Anfang bis Abspann alles drin über Trockenmauern. Wie man sie macht (und nicht), wie man zusammen arbeitet, wie sie entstanden sind und welche Bedeutung sie haben, welche reichhaltige Flora und Fauna sie beherbergen (so die Echte Osterluzei und den Osterluzeifalter), wo grossartige Beispiele zu besichtigen sind (eben zum Beispiel der Clos de la Conchetta bei Sion). Das wär doch ein Ausflug für den Ostermontag. In diesem Sinne: Ob zu Hause im Trockenen oder am Fuss einer Trockenmauer in den Sonnenstuben der Schweiz – frohe Ostern!

Stiftung Umwelt-Einsatz Schweiz (Hrsg.): Trockenmauern. Grundlagen, Bauanleitung, Bedeutung. Haupt Verlag, Bern 2014, Fr. 110.- www.haupt.ch, www.trockenmauerbuch.ch

In der Efeugrotte

Ein einzigartiges Klettergebiet in Finale, gut für Schatten an heissen Tagen. Mit kalten Fingern an den senkrechten Fels geklammert – wie Efeu.

3. April 2015

20150328_102719Mit Stirnlampen ausgerüstet klimmen wir über schmieriges Blockwerk höher, ziehen uns an vergammelten Fixseilen über Steilstufen hinauf. Rutschig und lehmig der Grund, die Höhle wird enger, dunkler, Platzangst kündigt sich an. Herzklopfen. Am Ende wird der Schacht so eng, dass wir die Rucksäcke und den Seilsack vor uns her schieben. Um eine Kante und dann stehen wir im Licht in einem gewaltigen Schacht, zwanzig Meter Durchmesser vielleicht, fast kreisrund, dreissig Meter über uns der Rand, von Gebüsch bekränzt. Tropfstein und senkrechter löchriger Kalk. Hier klettern?
«Da non perdere», steht im Führer. Die «Grotta dell’ Edera», die Efeugrotte also. Auf der einen Seite ein riesiges Fenster, Sintersäulen, Verschneidungen, Überhänge. Es ist kalt, draussen Sonne, wolkenloser Himmel über uns. Zu heiss zum Klettern an der Sonne, haben die Kollegen befunden. Mögen ja wohl recht haben. Es ist doch immer zu heiss oder zu kalt. Besonders bei so kleingriffigem löchrigem steilem Fels. Kaltstart ohne Aufwärmen in die Senkrechte. Ich bin froh, steigt der Freund vor. Es ist eine Erleichterung, wenn die Expressschlingen schon hängen und man weiss, dass es irgendwie geht. Auf halber Höhe ein schmales Band, rasten, in die Hände hauchen, die Finger sind schon klamm. Wärmen auch nicht auf beim Weiterklettern, denn die Griffe sind nun wirklich winzig, der Fels eisig, obwohl schon die Sonne in diesen Teil der Grotte scheint. Irgendwie schaffe ich es dann doch zur Umlenkung. Die zweite Route geht dann schon ganz gut.
20150328_102725«Da non perdere.» Die Grotte, eine gewaltige Doline eigentlich, ist auch ohne Klettern sehenswert. In einem der riesigen Fenster taucht eine Gruppe Jugendlicher auf, die staunen, schauen, wie unsere Freaks locker durch die Überhänge turnen. Italiener, Franzosen und wir, ein kleines Europa hat sich schon versammelt auf diesem winzigen versteckten Fleck Erde. Einst vielleicht Unterschlupf für Partisanen oder heimlich Verliebte? Ein wunderbares Volkslied fällt mir ein, ein Lied über versteckte Liebe aus dem Mugello bei Florenz. Die Liebe ist wie Efeu, wo sie sich anklammert, stirbt sie. So hat sich mein Herz an dich geklammert.
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L’amore è come l’ellera,
dove s’attacca muore
così così il mio cuore
mi s’è attaccato a te.
Nun, heute ist meine Liebe weit weg. Statt an ihr Herz, klammere ich mich an den kalten Fels. Im Mugello waren wir einst und es war ein so blauer Frühling wie heute. Auf dem Rückweg von jener Reise kamen wir zum ersten Mal nach Finale, doch an Klettern in diesen Felsen dachten wir noch nicht. So kreuzen sich unsere eigenen Wege immer wieder, die Wege von heute und jene von Gestern, Vorgestern. Die Liebe ist geblieben, auch jene zum Fels. Oh, wenn er nur nicht so kalt wäre, heute.