Naturpunkt

Zwanzig Jahre die Welt erkunden mit 45 Wanderführern aus dem rotpunkt Verlag. Sicher ein Grund zum Feiern und Wandern und Diskutieren. Warum eigentlich rotpunkt? Davon reden doch die Kletterer? Oder versteckt sich dahinter gar eine politische Botschaft? Antworten gibt das Naturpunkt-Jubiläum – vielleicht.

24. Mai 2016

Cover Pässespaziergang„Die alten Säumer benötigten keine Wanderbücher. Uns modernen Wandernden weist der vorliegende Band den Weg über die Passwege – in touristischer wie thematischer Hinsicht. Das Buch zeigt in einer engagierter Art und Weise die historischen und aktuellen Zusammenhänge auf, die die durchwanderten Landschaften in sich bergen.“

Genau 20 Jahre ist es her, dass diese programmatischen Zeilen erstmals zu lesen waren: im Vorwort des ersten Bandes einer neuen Reihe von Wanderbüchern. „Der Weg entsteht beim Gehen“ betitelte Peter Glauser, damals Zentralsekretär der Naturfreunde Schweiz, seinen Einleitungstext zu Dominik Siegrists „Pässespaziergang. Wandern auf alten Wegen zwischen Uri und Piemont.“ Der Start der Naturpunkt-Reihe des Zürcher Rotpunktverlages erfolgte im Mai 1996. Seither sind insgesamt 45 Bücher mit dem grünen Naturpunkt erschienen und haben über 145‘000 Leserinnen und Leser auf Wanderreise geschickt – oder aufs Sofa, denn diese Wanderbücher kann man auch nur lesen.

Passend zum Jubiläum kommen diese Wanderführer in neuem Kleid daher: aussen leicht, hell und handlicher, innen übersichtlicher und moderner. Aber immer noch mit dem gleichen Anspruch, mehr als nur vordergründige Führer zu sein, die bloss sagen, wo es durchgeht. Hintergründige Texte begleiten immer die Routen. Im „Pässespaziergang“ allerdings müssten zwei von ihnen angepasst werden: der eine zum Nichtbau von Neu-Andermatt, der andere zum Bau des Gotthard-Basistunnel. So ändern sich die Geschichten und Aktualitäten, und mit ihnen die Naturpunkt-Führer.

Cover Im AlpenrheintalIn neuem Gewand sind fünf Führer erschienen: drei Neuauflagen (die beiden Bände „Grande Traversata delle Alpi“ von Werner Bätzing sowie „Jurawandern“ von Philipp Bachmann, mit neuem Start über die Lägern), ein Best Of der erfolgreichen Kinderwanderführer „Bergfloh“ von Remo Kundert und Werner Hochrein. Und ganz frisch und munter „Im Alpenrheintal“ von Andriu Maissen, der uns quer durch die Grenzregion zwischen der Schweiz, Österreich und Liechtenstein führt. Eine für viele wohl eher unbekannte Gegend. Es ist ungemein lohnend, dorthin zu reisen, auszusteigen, den Rucksack zu schultern – und loszuziehen auf einer der 18 Routen, die der Autor vorschlägt. Zum Beispiel auf Route 16 von Vaduz quer durchs Ländle, mit der Lektüre über „Gott, Fürst und Vaterland“ im Kopf. Wandern ist schliesslich mehr, als einen Fuss vor den andern zu setzen.

Andriu Maissen: Im Alpenrheintal. Auf Wanderschaft zwischen Bodensee, Alpstein und Sargans, Fr. 39.90
Philipp Bachmann: Jurawandern. Von der Lägern bei Zürich zur Rhoneklus bei Genf, Fr. 39.90.
Remo Kundert, Werner Hochrhein: Bergfloh. Die schönsten Berg- und Hüttenwanderungen mit Kindern in der Schweiz, Fr. 39.90.
Werner Bätzing: Grande Traversata della Alpi. Teil 1: Der Norden, Fr. 26.50; Teil 2: Der Süden, Fr. 28.50. Beide Bände zusammen Fr. 49.-
Alle Bände Rotpunktverlag Zürich, 2016.

Am Mittwoch, 25. Mai, feiert der Rotpunktverlag ab 19 Uhr das Naturpunkt-Jubiläum im Alpinen Museum in Bern. Mit einem Rückblick auf historische Wanderbücher, der Vorstellung der Neuheiten und der Diskussionsrunde „Wozu heute noch Wanderbücher?“ Die Mitwanderer heissen Daniel Anker, Philipp und Thomas Bachmann, Katharina Conradin, Thomas Gloor, Andriu Maissen, Marco Volken und Programmleiter Andreas Simmen. Im Anschluss Apéro mit verschiedenen regionalen Spezialitäten.

Ruscada

Ins Tessin fährt man zum Klettern. Oder zum wildromantisch wandern. Als wir beides mischten und zu einer Tour verrührten, wurden wir dorfbekannt.

20160506_112144Am frühen Abend kamen wir in Camedo im Centovalli an. Zwei Herren mittleren Alters und insgesamt nicht mehr ganz ohne Lebenserfahrung, tauchten wir mit hoch bepackten Rucksäcken auf um, wie zwei junge Spünde, auf dem Dorfspielplatz zu nächtigen. Wenn wir uns so sahen, merkten wir, dass wir aus alter Gewohnheit handelten, und wenn wir uns dann anblickten, schmunzelten wir, freuten uns über unsere Freiheit von vier Tagen und wussten, dass wir es richtig machten, so wie früher. Unser Schlafplatz ist kein Spielplatz, wie man ihn aus dem Mittelland kennt. Er liegt auf einer Waldlichtung, und das Gras steht hoch zwischen den Tischen und Bänken, im ehemaligen Sandkasten, um die noch funktionierende Schaukel und die kurze steile Wippe herum, unter der Seilbahn. Als wir gerade beschlossen hatten, keinen Tee mehr zu kochen um möglichst nachts nicht aus dem Schlafsack zu müssen, kam der junge Vater der, uns den Tipp des Spielplatzes gegeben hatte, im Dämmerlicht vom Waldrand daher, den vierjährigen Sohn an der Hand. Er hatte für jeden ein Bier dabei und mit Brocken von Deutsch, Italienisch und Zeigen auf der Karte redeten wir über unser morgiges Vorhaben. Das Kind, mit seinen schulterlangen blonden Locken wie ein kleiner Ritter, streifte durchs hohe Gras und kroch, als es endgültig dunkel wurde, dem Vater auf den Schoss. Als der kleine einzuschlafen drohte und die beiden den Rückweg antraten, legten wir uns in die Schlafsäcke, und ehe ich mich auf die Seite drehte, blickte ich noch lange aus der Lichtung des Waldes, in dem die Käuzchen riefen, hinaus in den Himmel, den die Sterne übersäten.

Am frühen nächsten Morgen querten wir mit leichtem Rucksack vom Weiler Lasa, einen kaum sichtbaren Weg entlang westwärts in die Waldschluchten unter den Südwänden des Pizzo Ruscada. Im dunklen tiefen Grund des zweiten dieser Tobel füllten wir die Flaschen für den Tag und stiegen dann linkshaltend über den steilen, noch frühlingslichten Waldboden empor. Am Pkt. 1433 m genossen wir ein aussichtsreiches zweites Frühstück in der Vormittagssonne, über uns die geneigten Plattenfluchten des Weiterweges. Auch in den Felsen wuchsen überall kleine Bäume, Wacholder, und dunkelrote Primeln, Aurikel des Urgesteins. Wir kletterten nach Lust und Laune über die Platten oder stiegen zweibeinig die Vegetationsbänder entlang, ganz wie es jedem gerade beliebte. Nach einer flachen Schulter mit weichem Gras schnitt die Gratrippe enger zusammen. Links schien sie überzuhängen, und auch rechts wurden die geneigten Platten immer kürzer, ehe sie entlang einer von unten näher und näher rückende Kante in eine Schlucht abbrachen. So kanalisierte sich das weitläufig beliebige Strömen unserer Kletterwege mehr und mehr, um schliesslich zu einem an der Flanke eines Gratturmes steckenden Haken zu fliessen. Wir hintersicherten ihn lieber noch mit einer Schlinge, ehe wir gut dreissig Meter auf eine von oben nicht einsehbare Verschneidung abseilten und von dort über Platten auf den Grat zurück stiegen, der uns, nun noch schmäler doch ohne Schwierigkeit, wie über einen hohen Steg weiter führte. Als wir über die Schrofen auf und ab vom West- auf den Hauptgipfel hinüber gingen, noch mehr aber beim nicht enden wollenden Abstieg nach Camedo, spürten wir die tausendsechshundert Höhenmeter und am Ende zehn Stunden des Tages ganz ordentlich in unseren ungeübten, nicht mehr jungen Knochen rumoren.

Zurück beim Dorfspielplatz war dieser von zwei alten Leuten und einem Kind unerwartet belebt. Sie schaukelte die Enkelin, er sass auf der Bank neben uns, man verstand ihn kaum. Ja, wir waren auf den Ruscada gestiegen, entlang einer Felsrippe aus den Tobeln im Südwesten, und ja, wir schliefen hier, ob es nicht kalt sei, sie hatten schon von uns gehört, vom Vater des kleinen Ritters, oder von jenem Deutschschweizer, der wie schon gestern Abend so auch heute, später mit seinen zwei Hunden hier vorbei kam und fragte, was wir vor hätten, heute, dann wie es uns dabei ergegangen war. Hätte es im Dorfe Camedo noch einen Pfarrer gegeben, einen hageren Herrn mit langer schwarzer Soutane und ausladendem Hut, er hätte uns sicher ebenfalls ausgefragt und danach in ein grosses Buch einen Eintrag geschrieben. Über die Beiden, die an jenem Tag von weit her kamen und den Ruscada von der Rückseite nahmen.

So wäre es früher gewesen. Heutzutage tauschten wir, als wir berichteten, Mailadressen und verschickten später Bilder.

Neuseeland

Wir leben einfach im falschen Jahrhundert. Ein Autor behauptete sogar mal: Abenteuer gebe es heutzutage nur noch in den Archiven. Darüber kann man sich streiten. Aber dass sich in Archiven zuweilen höchst Abenteuerliches findet, zeigt das besprochene Buch über einen ehemaligen Schweizergardisten – vielleicht liest es sogar Papst Benedikt im Ruhestand.

13. Mai 2016

Cover Jakob Lauper „Um elf Uhr ungefehr ehe wir nur daran denken konten kam eine trübe Wolke ueber eine Bergspitze hergezogen u. auch beinahe in demselben Augenblike fing es an stark zu regnen wir glaubten das es nur den Uebergang eines Gewiters wäre, aber es hielt an und regnete immer starker nun fing es an zu schnien Handgroβe Floken fielen herunter u. in kurzer Zeit war alles mit Schnee bedekt wir waren nun an die oberste Spitze des Satels gekomen. er besteht aus gebrochenen Felsenstüken u. ist einige Hundert Schrite beinahe eben wir machten halt er beobachtete seyne Jnstrumente u. sagte mir das wir viertausend Fuβ ueber der Meresflächer wären es war ein Uhr Nachmitag u. schneite sehr stark auch ziemlich kalt er sagte zu mir ich denke es ist besser wir schiken nun diesen Man zurük etwas später u. es fällt zuviel Schnee u. er kann nicht mehr zurükkehren so üebernahm ich nun das ganze Gepäk u. noch acht Biscuits mehr mit. wir gingen nun von einander ich u. Hr. Wit. nach Westen u. der andere Man zurück nach dem Lagerplaze den wir am Morgen verlassen hate.“

Wären der Tagebuchschreiber und sein Herr mit dem Gepäckträger vom Whitcombe-Pass (1239 m/4025 ft) zurück nach Osten und nicht weiter nach Westen in unbekanntes Gelände abgestiegen, so hätte die Gedenktafel an der heutigen Strassen- und Bahnbrücke über den Taramakau River nicht aufgestellt werden müssen – die Inschrift lautet:
In 1863 JOHN HENRY WHITCOMBE
AND JAKOB LAUPER CROSSED THE
SOUTERHN ALPS BY WHITCOMBE PASS
WHITCOMBE WAS DROWNED IN THE
TARAMAKAU RIVER 6 MAY 1863

Whitcombe war nicht der Erste, der in den ungestümen Flüssen auf der Westküste der neuseeländischen Südinsel unterging. Der Tod durch Ertrinken wurde vor 150 Jahren gar „New Zealand Death“ genannt. Das Westland, wohin Whitcombe und Jakob Lauper aus Giffers FR im Frühling 1863 abstiegen, gehört zu den regenreichsten Regionen der Erde. Der Landstrich wird von einem Kranz hoher Berge umgeben und war einst kaum zugänglich. Einen besseren Zugang, ja vielleicht gar für eine Strasse, wollte der Engländer mit seinem Freiburger Führer erkunden. Nicht zuletzt deshalb, weil man im Westland Gold vermutete – und schliesslich auch fand. Allein schier ununterbrochener Regenfall und Urwald machten aus der hoffnungsvollen Kleinexpedition einen dramatischen Überlebenskampf, aus dem sich Lauper nur mit knapper Not rettete, nachdem er seinen Herrn nicht aus den Fluten des Taramakau River ziehen konnte. Nun ist Laupers „Umständlicher Bericht über die Expedition u. den Tod des Hr. Withcomb“ aus dem Jahre 1863 erstmals im Original-Wortlaut in deutscher Sprache erschienen. Ein guter Anlass, diesen Lauper kennenzulernen, an den in den Southern Alps der Lauper Peak (1929 m), der Lauper Stream und das Lauper Bivouac erinnern. In den Schweizer Alpen gibt es ja Lauperrouten an Eiger, Mönch, Jungfrau und Grosshorn, die am Eiger und Mönch über das Lauperschild bzw. die Lauperrippe führen. Und im Schweizerland auf Grönland erhebt sich der Lauper Bjerg (2580 m). All diese Bezeichnungen ehren Hans Lauper (1895–1936).

Zurück zu seinem Namensvetter Jakob (1815–1891). Was führte dieser Lauper für ein spannendes Leben zwischen Sensebezirk, Schweizergarde und Südinsel! Der Sohn des Landammans von Giffers war Student am Jesuitenkollegium St. Michael in Freiburg; Hellebardier in Rom; Verschollener in der Fremde; Kleinbauer, Familienvater, Friedensrichter und Börsenhasardeur wieder in der alten Heimat; Auswanderer nach Australien; Abenteurer in Neuseeland; greiser Weltenbummler; Leuchtturmwärter. Von diesem reichen Leben handelt die reich bebilderte und illustrierte Publikation aus den Veröffentlichungen des Kulturzentrums der päpstlichen Schweizergarde. Passt doch bestens zu Pfingsten. Der angekündigte Regen leider auch.

Damian Zingg, Hilary Low, Hans Kalbermatten, Edward Cary: Hunger und Gold. Das Leben des Neuseelandpioniers und früheren Schweizergardisten Jakob Lauper (1815–1891) und sein Expeditionsbericht aus den Alpen Neuseelands von 1863 im Originalwortlaut. Veröffentlichungen des Kulturzentrums der Päpstlichen Schweizergarde Nr. 4. Rotten-Verlag, Visp 2015, Fr. 29.-

www.1815.ch/rottenverlag/shop/hunger-und-gold/

 

Traum bleibt Traum

Gestern ein Versuch an meiner Traumroute. Oder besser gesagt, ein Besüchlein. Na ja, es gibt halt Grenzen. Ich träume also weiter.

11. Mai 2016

100525_0177_amden_zopfiWenn ich keinen Schlaf finde, stelle ich mir oft eine Kletterroute vor, eine ganz bestimmte. Ich kenne sie gut, habe sie früher oft geklettert, sie ist nicht lang, zwanzig Meter vielleicht, aber schwierig (für mein Niveau). Vor meinem inneren Auge lasse ich den Fels vorüberziehen, ich arbeite mich Griff um Tritt höher, hänge die Haken ein, packe energisch den Klemmgriff der Schlüsselstelle links, übergreife mit der Rechten in den Untergriff, spreize in den Halbmondtritt hinüber, finde mit der Linken das entscheidende Zweifingerloch … Vielleicht bin ich jetzt eingeschlafen, oder auch schon früher, unten bei der überhängenden Schuppe … bin kletternd ins Traumland des Unbewussten hinübergeglitten. Mein Einschlafritual funktioniert nicht immer, aber immer nur bei dieser einen Route, auch wenn ich es mit andern auch schon versucht habe. Warum, das ist mir selber ein Rätsel. Vielleicht, weil ich diese Route in Wirklichkeit schon einige Jahre nicht mehr klettere. Ich schaffe sie nur noch im Traum. Das heisst, ich träume immer noch davon, sie eines Tages doch wieder zu versuchen, wer weiss, es könnte ja ein Wunder geschehen. Letzthin war ich so weit, also fest entschlossen, doch es tummelten sich schon ein paar Junge am Einstieg, und da wollte ich keine peinliche Vorführung riskieren. Es ist schon so, einmal ist es zu kalt, dann wieder zu heiss, dann hat es zu viele Zuschauer oder es hat kürzlich geregnet und ein Wasserstreifen zieht über die Route herab. Oder dann bin ich gerade nicht in Form. Na ja, ich klettere sie nun halt im Traum, meine Traumroute.

Als ich ein junger Kletterer war, gab es noch keine Kletterhallen, und wenn es im Spätherbst einschneite in den Bergen, dann war für ein paar Monate aus mit Klettern. Eine grosse Leidenszeit begann, denn ich war damals (schon) süchtig nach Bergen und Felsen. Lag ich im Bett, dann liess ich die Traumrouten des vergangenen Sommers wie Filme vor dem inneren Auge vorbeiziehen, um sie wieder und immer wieder zu erleben. Später begann ich dann, diese Bilder aufzuschreiben, kleine Erlebnisberichte entstanden und ein verständnisvoller Redaktor des Infoblättchens meiner Alpen-Club-Sektion druckte sie ab. Selbst bei der Zeitschrift «Die Alpen» des SAC kam ich einmal zu Ehren mit einem Bericht über eine wilde Klettertour in den Salbittürmen. Im Grunde genommen haben mich meine Träumereien zur Schriftstellerei geführt. Heute scherze ich gelegentlich, wenn es damals schon Kletterhallen gegeben hätte, wäre ich nie Schriftsteller geworden, aber vielleicht ein Vorläufer von Ueli Steck & Co. Ich hätte ja dann im Winter trainiert, statt geträumt und geschrieben.

Der irisch-amerikanische Schriftsteller Frank McCourt erzählt in seiner Autobiografie, wie er als mausarmer Einwandererbub in New York abends in seiner kalten und dunklen Kammer unter die Bettdecke kroch und sich mit «Kino im Kopf» die Zeit vertrieb. Genau so wie ich mit meinen Kletterträumen. Bestätigt hat mich auch der deutsche Schriftsteller Martin Walser mit der Aussage: «Schreibend antworten wir auf einen Mangel.»

Nun, vielleicht werde ich meine Traumroute doch nochmal versuchen, wenn alles stimmt, Temperatur und körperliche Form und auch alles andere. Ich hoffe einfach, dass ich dann an der Schlüsselstelle nicht einschlafe.

 

P.S.

Gestern stimmte einfach alles, also fast alles. Die Route trocken, keine Zuschauer, vielleicht ein bisschen zu heiss schon. «Ein kleines Besüchlein», meinte meine Partnerin. Also los. Eben hatte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben. Doch schon beim zweiten Haken schaffte ich das Übergreifen nicht und hing. Irgendwie sah die Stelle doch etwas anders aus als in meinen Träumen. Bei der Schlüsselstelle brannte dann die Sonne wieder auf die Wand, keine Chance, den Zangengriff zu halten. Also ab. Na ja, ich habe die Route schon hundertmal geschafft. Das ist halt schon Jahre her. Aber wie sagt man so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich aber vielleicht doch schon ein bisschen früher …

(Foto Marco Volken)

 

Alpenreisen

Nachrichten aus einer Zeit, als Alpenwanderer bzw. Alpenreisende noch Zeit hatten, mehr als SMS- oder Whatsapp-Nachrichten und Bildli zu versenden. Die alten Reiseberichte klingen wie Poesie, aber das ist ja auch ein verschwindendes Genre. Leider ist gerade schönes Wetter angesagt, aber sicher wird es irgendwann wieder regnen, so dass wir Zeit finden, in den schönen alten Büchern zu schmökern. Wer sich die Kosten fürs Antiquariat sparen will, findet die Alpenreisen auch auf Google books.

6. Mai 2016

Cover Helvetica EOS„Die ganze Welt theilte sich in zwei Hälften ein, in eine in zahllosen Dörfern, Städten und Cantonen fröstelnde und die Nebelüberschwemmung beklagende und eine in Sonnenschein und Lichtglanz strahlende und in himmlischer Wärme sich erfreuende. – Jene Welt war mir völlig entzogen, ich sah auch nicht den Rauch eines einzigen Schornsteines. Es war mir, als überschaute ich die Erde zur Zeit der Sündfluth, welche das Nebelmeer auf das Frappanteste nachbildete.“

Schön beobachtet und noch schöner beschrieben, das herbstlich-frühwinterliche Nebelmeer beim Aufstieg von Brienz aufs Brienzer Rothorn. Oder auch so: Der Nebel „war durchaus wie ein ausgespanntes weiβes Tuch, das man an den Kanten für jedes Thal, für jeden Berg zurecht geschnitten und überall knapp angepaβt und eingespannt hatte.“ Autor dieser so präzisen wie poetischen Zeilen ist Johann Georg Kohl. Ja, Kohl wie der Helmut. Aber der Johann Georg? Wohl noch nie gehört. Ich jedenfalls nicht, obwohl mir ja die Reiseliteratur zur Schweiz des 19. Jahrhunderts nicht ein gänzlich unbeschriebenes Blatt ist.

Vor gut einer Woche lag der prächtige neue Helvetica-Katalog des EOS Buchantiquariats Benz von Zürich in meinem Briefkasten. Darin entdeckte ich einige kostbare Bücher, darunter auch drei Bände „Alpenreisen“ von Johann Georg Kohl, erschienen von 1849 bis 1851 in Dresden und Leipzig. Spannend, fand ich, zahlbar ebenfalls. Wikipedia half mir weiter zum Autor. Hier eine Zusammenfassung: Johann Georg Kohl (1808–1878), Sohn eines Weinhändlers in Bremen, studierte Rechtswissenschaft in Göttingen, Heidelberg und München. Nach dem Tod seines Vaters musste er mittellos sein Studium 1830 abbrechen. Er wirkte dann für sechs Jahre als Hauslehrer in Kurland. Nachdem er Sankt Petersburg, Moskau und das südliche Russland bereist hatte, lebte er ab 1838 meistens in Dresden. Von dort aus bereiste er fast alle Länder Europas, von 1853 bis 1858 besuchte er Nordamerika. Immer hielt er seine Reisen in Büchern fest. 1858 kehrte er nach Bremen zurück, 1863 wurde er zum Stadtbibliothekar ernannt.

Cover AlpenreisenUnd dann durfte ich das Paket mit Johann Georg Kohl in Empfang nehmen. Band 1 enthält die Winterfahrten im östlichen Berner Oberland und nach Unterwalden sowie die Frühlingsreise in der Urschweiz, Band 2 die Sommerreise durch die rhätischen Alpen und auf die italienische Seite sowie die Herbstreise nach Savoyen und durch den Jura, Band 3 – etwas weniger interessant – Naturansichten aus den Alpen. Kurz: Eine Fundgrube, und immer noch lesenswert. Ein weiteres Beispiel von der Tour aufs Brienzer Rothorn.  „Als wir von der glatt beeisten Höhe bergabwärts zu steigen uns anschickten, und ich in die Tiefe hinabblickte, wandelte mich wieder ein wunderlich kitzelndes Gefühl von Furcht und Schwindel an. Ich wuβte gar nicht, wie ich die Füβe setzen und wie ich mich drehen sollte. Doch zündete ich mir schnell eine Cigarre an und blies ihren Rauch möglichst gleichmüthig in die Luft, um mir vor meinem Führer den Anschein von Muth zu geben.“

Cover Annuaire CAFZum Rauch noch eine kleine Episode aus einer andern Publikation des 19. Jahrhunderts, die ich letzte Woche in einem Buchantiquariat neben der Église Saint-Julien in Arles kaufte. Der 26. Jahrgang des „Annuaire du Club Alpin Français“ enthält den Bericht „Excursion en Gruyère (Suisse) et ascension de la Hochmatt (2155 mèt.)“ von Mme Paul Bouchard, membre du CAF, secrétaire-adjointe de la Section de Haute Bourgogne (so ist der Bericht gezeichnet).  Leider konnte ich bis jetzt den Vornamen der Ehefrau von Monsieur Bouchard nicht herausfinden. Zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin besteigt sie im Sommer 1898 die Hochmatt. Madame skizziert auch die Begegnungen mit den Sennen, die sie unterwegs treffen und bei denen sie in einer Alphütte übernachten.

„Vos femmes ne montent-elles jamais vous voir?“ demandons-nous aux bergers. – „Non, mais on a sa pipe“, répond très sérieusement le plus vieux.

Johann Georg Kohl: Alpenreisen. Drei Theile. Arnoldische Buchhandlung, Dresden und Leipzig 1849-1851.

Helvetica-Katalog auf http://www.eosbooks.ch  zum Herunterladen als pdf oder zum Bestellen (Fr. 5.-). Die drei Bände von Kohls „Alpenreisen“ sind freilich verkauft…

Geschichte der Landschaft in der Schweiz

Braucht Landschaft schön zu sein? Ist die Schweiz ein schönes Land? Was nehmen wir überhaupt wahr von dieser Landschaft, die sich ständig verändert, ständig neu gesehen wird, von den Jägern und Sammlern bis zu den Tunnel- und Strassenbauern.

25. April 2016

MathieuBackhausHuerlimannBuergi_LandschaftSchweiz_RZ.indd„Wer nur nach ästhetischen Kriterien über Landschaft schreibt, verkennt die Realität. Es droht eine Art Ghettobildung: Auf der einen Seite die vernachlässigten Zonen unter 1000 Meter über Meer, dort darf man alles verbetonieren. Oberhalb dieser magischen Grenze muss man alles unter eine Käseglocke tun. Das ist nicht sinnvoll.“

Sagt einer, der es wissen muss: Alpenforscher Jon Mathieu, Gründungsdirektor des Istituto di Storia delle Alpi an der Università della Svizzera italiana, Umweltgeschichtsdozent an der ETH Zürich und heute Professor an der Uni Luzern. Er wohnt an den Alpenstrasse in Burgdorf, mit Blick auf die Berge – und aufs Mittelland. Nochmals ein Ausschnitt aus dem Interview, das im Schweiz-Teil der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ am 17. März 2016 aus Anlass der Publikation seines jüngsten Werkes erschien: „Als ich das Register verfasste, war ‚Mittelland‘ der meistgenannte Begriff. Es ergibt keinen Sinn, wenn wir uns tausendmal über Johann Wolfgang von Goethe am Gotthard unterhalten. Wir wollen den Menschen nicht ihre Sehnsuchtslandschaften austreiben, aber ein bisschen ihren stereotypen Blick brechen.“

Genau das tut das Buch „Geschichte der Landschaft in der Schweiz. Von der Eiszeit bis zur Gegenwart“ (Mathieu ist einer der vier Herausgeber). Mehr noch: Das 380-seitige, sorgfältig editierte, illustrierte und mit hochspannenden Literaturhinweisen garnierte Werk bricht nicht nur den eingeschränkten Blick auf eine wie auch immer schöne Landschaft, sondern erweitert ihn grandios um ästhetische, geschichtliche, gesellschaftliche, politische, kulturelle, wirtschaftliche und ökologische Winkel. Das Team von 21 renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermittelt in diesem Sammelband einen ebenso sachkundigen wie detailreichen Überblick über Geschichte und Entwicklung der vielfältigen Landschaften der Schweiz, von den ersten Jägern und Sammlern im Gebiet der heutigen Schweiz bis zum Gotthard-Basistunnel.

Der Zustand der Schweizer Landschaft verändert sich stetig – früher durch die Macht der Natur, heute hinterlässt der Mensch selbst immer mehr seine Spuren. Doch wie genau hat sich die Landschaft in der Schweiz in den letzten 15’000 Jahren gewandelt? Diese erste historische Darstellung der Landschaft in der Schweiz behandelt Zeit und Raum in vier Teilen: Die Epoche der Waldlandschaft, Landesausbau in Mittelalter und Neuzeit, Urbanisierung – die Moderne kommt, Landschaft zwischen Agglomeration und Wildnis. Mit diesen Titeln wird gleich deutlich, dass da viel abgehandelt und erklärt wird: Wie das Land entstanden ist, wie es von den Bewohnern immer stärker umgewandelt wird, wie die Menschen die Landschaft überhaupt wahrnehmen, abbilden und verherrlichen, wie sie geschützt werden muss – und vielleicht auch nicht? Die Antworten dazu stehen im Buch. In der Einleitung fragt uns Jon Mathieu:

„Braucht Landschaft immer schön zu sein?“

Jon Mathieu, Norman Backhaus, Katja Hürlimann, Matthias Bürgi: Geschichte der Landschaft in der Schweiz. Von der Eiszeit bis zur Gegenwart. Orell Füssli Verlag, Zürich 2016, Fr. 49.90.

Am Donnerstag, 28. April 2016, um 19 Uhr in der Buchhandlung Haupt am Falkenplatz 14 in Bern: Einführung und Gespräch zum Buch „Geschichte der Landschaft in der Schweiz“, mit den Herausgebern Jon Mathieu und Matthias Bürgi; Moderation Dominik Siegrist.

Das Interview mit Jon Mathieu in der „Zeit“ vom 17. März 2016 ist hier zu lesen: www.zeit.de/2016/13/landschaft-geschichte-schweiz-jon-mathieu.

 

 

FelsenFest

Vom Fels und von blumigen Bergwiesen. Hier erzählt einmal der Webmaster selber. Einiges findet sich ja schon in diesem Blog, anderes anderswo. Doch «Es ist wie mit den Griffen: Hält man ein Buch fest in der Hand, gibt das mehr Halt als die flüchtigen Zeilen auf dem Bildschirm.»

23. April 2016

Felsenfest_Cover.indd „Als ich an Pfingsten 1959 mit der Jugendgruppe des Alpen-Clubs durchs Schaffhauser Kamin auf den Altmann kletterte, zum ersten Mal am Seil, war Alfred Graber ein bekannter Autor. Seine Wander- und Bergbücher konnte man selbst am Bahnhofskiosk kaufen, sie trugen so romantische Titel wie «Melodie der Berge» oder «Ihr Berge, strahlend unvergänglich». Da leuchtet gleich der Morgenstrahl vom Altmann auf. Mit meinen ersten bescheidenen Texten wandte ich mich in einem Brief an den verehrten Schriftsteller, der im Tessin seinen Lebensabend verbrachte. Er antwortete freundlich und mit väterlichem Rat etwa in dem Sinne: Interessant, mach weiter so, aber zu einem Buch reicht es noch lange nicht.“

Es reichte. Gut sogar. Und zu mehr als einem Buch. Im Online-Katalog der Schweizerischen Nationalbibliothek ergibt „Emil Zopfi“ 89 Treffer, „Alfred Graber“ nur 61. In den nächsten Tagen wird der „Sohn“ den „Vater“ um zwei weitere Bücher übertreffen. Mit dem alpenrosig-duftig präzisen Text im wunderschönen Bergwiesenbuch von Roland Gerth. Und mit seinem neuen Bergbuch „FelsenFest“. Ein hintergründiger Titel für 50 Kurzgeschichten vom Klettern und Bergsteigen und Schreiben darüber. Vom Leben mit den Bergen, mit dem Fels. Vom Nicht-los-lassen-Können, weder vom Griff noch vom Griffel. Fest ist der Fels, und der Fels ein Fest. Nicht immer, aber doch so oft, so intensiv, dass man ihn nicht missen, nicht loslassen möchte und kann. Auch wenn er brüchig ist, es vielleicht auch wird mit dem Alter.

Vor 57 Jahren begann Emil Zopfi mit Bergsteigen und Klettern – Schreiben hat auch immer dazugehört. „Am Samstagabend um halb sechs Uhr treffe ich mit grosser Verspätung im Bahnhof in Göschenen ein, wo mich mein Klettergefährte Hansruedi Horisberger erwartet. Nach kurzer Begrüssung streben wir mit Riesenschritten der Göscheneralp zu. Höchste Eile ist geboten, wollen wir doch noch heute den Fuss des 2. Salbitturmes erreichen.“ So begann Zopfis erster veröffentlichter Text, der 1962 in der SAC-Zeitschrift „Die Alpen“ erschein. Das Debüt als Autor.

CoverBergwiesenDie Türme Salbitschijen tauchen auch in der jüngsten Publikation wieder auf, ja beschliessen sie sogar. Mit „Villigerpfeiler: Der letzte Traum“ ist die 50. Geschichte überschrieben. So lesenswert wie die 49 vorhergehenden Geschichten ebenfalls. Und das, obwohl die meisten schon online publiziert wurden. Es ist halt wie mit den Griffen: Hält man ein Buch fest in der Hand, gibt das mehr Halt als die flüchtigen Zeilen auf dem Bildschirm. Mehr noch: Auf Papier sind die Klettergeschichten neu zusammengebunden worden, die neun Seillängen heissen nun „Sehnsucht“ und „Spuren“, „Glück“ und „Trauer“, „Melancholie“ und „Kraft“. Und bereichern sich so gegenseitig. Wie die weisse Narzisse, auch Dichter-Narzisse genannt, den Osthang der Dent de Lys in den Freiburger Alpen zum Blühen bringt.

„FelsenFest“: eine Melodie der Berge, die kräftig widerhallt. Und die wir noch lange vernehmen wollen. Natürlich auch am 23. April, dem Welttag des Buches.

Emil Zopfi: FelsenFest. Noch schöner als Fliegen – 50 Kurzgeschichten. AS Verlag, Zürich 2016, Fr. 29.90.

Roland Gerth (Fotos), Emil Zopfi (Text): Faszination Bergwiesen – Die schönsten Wiesenlandschaften der Schweiz. AS Verlag, Zürich 2016, Fr. 45.-

Buchvernissage von „FelsenFest“ am Freitag, 29. April 2016, um 18 Uhr im Bächli Bergsport, Binzmühlestrasse 80, 8050 Zürich. Anmeldung erwünscht auf www.baechli-bergsport.ch.

Der Geologe im Bergwaldfrühling

Die Frühlingstage werden mehr und wärmer. Und für mich, den kartierenden Geologen, wird es Zeit in die Bergwälder aufzubrechen und meinem Handwerk nachzugehen.

22. April 2016

GeologenkartiergerätUm diese Jahreszeit muss der Geologe in die Wälder, denn jetzt zeigt sich hier der Untergrund am offensten. Zwischen dem langsam nach oben abstreifenden, weissen Winterkleid und dem von unten nachrückenden schattengrünen Pflanzenreich ist die feste Erde zugänglich wie sonst das ganze Jahr über nicht. So quere ich mit Hammer, Stift und Kartierbrett bewaffnet, und mit langsamem, sanft belastendem Tritt über die Steilhänge, bin dabei in jedem Winkel ihrer Oberfläche auf der Spur dessen was meine, was unsere grossen Berge formt.

An den Südhängen des Seeztals, in den steilen Kalkfelswäldern und auf den dazwischen sich erstreckenden Wiesenterrassen, ist die Luft so mild dass sie von unten strömt und wie warmer Atem über die Haut streicht, einzelne trockene Blätter aufnimmt und trägt, tanzen lässt. In den noch lichten Wäldern, durch die ich streife, blühen zahlreich die frühen Blumen, die Buschwindrosen, die Leber- und Schlüsselblumen. Auf den flacheren Terrassen herrscht dagegen noch blendende Helle, weiss strahlt hier der Schnee in der Sonne. Und speist die Bäche, überall ist Wasser. Es rauscht und tobt in den Schluchten der Kalkfelswälder, und es gluckst und strömt auf den Terrassen unter dem Schnee hervor, zwischen den Blöcken der Bergsturzmassen. Und es matscht über die Stiefel auf den noch braunen, gerade vom Schnee frei gegebenen Feuchtwiesen wo das fettig leuchtende Dunkelgrün der noch kleinen Sumpfdotterblätter die gelbe Pracht ihrer Blüten erahnen lässt.

Durch die noch nicht belaubten Kronen fällt das Sonnenlicht vor einem Baumstamm auf den Boden wie eine Einladung, der ich mich nicht entziehen kann. Es ist eine Geborgenheit wie im weichsten Bett, in der ich spüre wie die Erde meinen Herzschlag wiedergibt.

Schicksal am Piz Orsalia

Küsse wie Steinschlag! Dieser historische Bergkrimi ist einfach alles: Flüchtlings-, Kriegs-, Partisanen-, Schmuggler-, Ski- und Liebesroman. Aus der literarischen Gletscherspalte gehoben vom Berner Krimi-Urgestein Paul Ott. Mordsgut also gewiss.

15. April 2016

Cover Schicksal am Piz Orsalia„Ich gehe jetzt unter dem Wandfluhhorn, Pizzo Biela heisst‘s italienisch – den Grat entlang bis zum Pizzo Orsalia und steige über die Alp Wolfsstaffel ab. Du gehst unter der Marchenspitze zur Gurinerfurka und zum Krameggpass –  deine Karte hast du doch mit? Gut! Dann steigst du über die Grossalp ab. Spätestens Schlag Zwölf sind wir beide im Kantonnement. Verstanden?“

Jawohl, Korporal Renker! Wir werden dort sein. Aber nicht in der Militärbaracke in Bosco/Gurin, dem einzigen von alters her deutschsprachigen Tessiner Dorf zuhinterst in einem Seitenast der Vallemaggia. Sondern im Hodlersaal im Alpinen Museum der Schweiz in Bern, pünktlich zur Buchvernissage Ihres wieder aufgelegten Romans „Schicksal am Piz Orsalia“ am 21. April 2016, fast pünktlich zum Unesco-Welttag des Buches zwei Tage später. Wir werden den Weg bestimmt finden, so wie Grenzwacht-Korporal Oswald Jenzer und sein Untergebener Peider Capun am Ende des Zweiten Weltkrieges die mehr oder weniger geheimen Wege an der Grenze zu Italien auch gefunden haben. Die Schmuggler sowieso.

In Kärnten aufgewachsen, verfasste der Schweizer Schriftsteller Gustav Renker (1889-1967) rund 100 Romane und zahlreiche Erzählungen, insbesondere aus der Welt der Berge und der Musik. Sein Werk über Bosco/Gurin erschien 1946, wurde gar noch ins Französische übersetzt, war aber nicht greifbar ausser in ein paar Bibliotheken. Nun erscheint der Bergroman in der Edition Mordstage, die sich der Wiederveröffentlichung verschollener Schweizer Kriminalromane widmet. Denn „Schicksal am Piz Orsalia“ ist nicht nur Flüchtlings-, Kriegs-, Partisanen-, Schmuggler- und Skiroman, sondern auch ein Krimi. Und ein Liebesroman, wo kämen wir sonst hin?

„Jenzer stiess die Türe auf – im Halbdunkel erhob sich von der Bank neben dem offenen Herd Frau Medeia von Gunten. Sie ging dem Eintretenden entgegen mit ruhigen, feierlichen Schritten wie eine Priesterin zum Opfergang.“ Und jetzt? Wir machen einen Schritt. „Er riss sie an sich und küsste sie wild auf die Lippen, Wangen, Stirne – seine Küsse prasselten wie Steinschlag auf ihr Gesicht.“

„Wer ist die geheimnisvolle Frau, die jedes Jahr einmal mit Oswald Jenzer in einer einsamen Berghütte eine Nacht verbringt?“ So fragte der alte Klappentext von „Schicksal am Piz Orsalia“. Die Leser erfahren die Antwort bei der Herli-Hütte ob Bosco/Gurin: Medeia Alphaios, von Geburt Griechin, verheiratet mit dem bürgerlichen, frommen und sehr langweiligen Berner Kaufmann Bendicht von Gunten, hatte Oswald Jenzer, damals noch Student der Architektur, zufällig auf einer Griechenlandreise kennengelernt. Aus gemeinsamem Interesse für die Antike wurde mehr. Oswald gab das Studium auf, brauchte aber auf seine Griechin nicht ganz zu verzichten. Wo er als Grenzwächter auch Dienst tat, einmal im Jahr trafen sich die beiden in einer Hütte in den Bergen. Wir lassen sie dort liegen und lesen weiter, auf dem neuen Buchrücken.

„Auf einem einsamen Gang trifft Peider Capun zwei weitere Protagonisten: den Schmuggler Silvio Casari und einen Käfersammler namens Paul Aebi. Als Kellnerin im ‚Edelweiss‘ ist Enrica angestellt, die Schwester von Silvio Casari,“ heisst es da. Dieser Käfersammler wird erschossen – was wäre ein Krimi ohne einen Toten? Er wird nicht der einzige bleiben. Die Ereignisse an der Grenze oben spitzen sich zu, aus den Schmugglern werden Fluchthelfer. „Als die SS auf jüdische Flüchtlinge schiesst, müssen die Menschen Stellung beziehen. Die Fragen nach Krieg, Flucht und dem Schicksal des Einzelnen in schweren Zeiten werden für die Schweiz in dringlicher Art gestellt. Sie sind heute wieder gültig und geben diesem Roman von Gustav Renker eine bedrückende Aktualität.“

Gustav Renker: Schicksal am Piz Orsalia. Mit der Erstveröffentlichung von autobiografischen Aufzeichnungen, dem Nachwort von Paul Ott und einer Bibliographie Gustav Renkers. Edition Mordstage, Bern 2016, Fr. 19.90.

Buchvernissage am Donnerstag, 21. April 2016, um 19 Uhr im Alpinen Museum Bern. Mit kurzer Lesung aus „Piz Orsalia“ durch Paul Ott, biographischen Ausführungen durch Beatrice Renker (Enkelin von Gustav), Präsentation der „Edition Mordstage“ durch Kurt Stadelmann und Musik vom Walliser Drummer Jonas Imfeld. Anschliessend Apéro im „Las Alps“.

 

Di Schnell

Jede Route hat ihre Geschichte, jeder Kletterer, jede Kletterin erlebt sie anders. Es sind nicht die Griffe und Tritte, die zählen. Es sind die Menschen.

9. April 2016

SAC-Jahrbuch_1988_de-23-1Gestern wieder mal geschafft. «Di Schnell» auf der Galerie ist immer eine Herausforderung – für mich. In neuen Topos ist sie wohl zu recht höher eingestuft als einst: 6c. An der Schlüsselstelle hoch oben gibt’s nichts zu mogeln. Man schafft sie oder schafft sie nicht. Kein Hängen und Hangeln hilft, der letzte Haken will erklettert sein. Und seit der zweitletzte einen halben Meter tiefer gebohrt worden ist, kann man auch schöne Flüge machen. Meine Geschichte beginnt an dieser Stelle, ein kühler Sonntag war’s, viel Volk am Werk. Freunde, Freundinnen, man trifft sie heute nur noch selten hier. Also da hing ich zum ersten Mal und schaffte die Stelle nicht. Eine Express blieb hängen, ich am Boden. Am Boden zerstört. Corinne hatte Erbarmen, kletterte die Route und rettet mein Equipment. Sie war damals gerade im Glarnerland tätig als Lateinlehrerin unserer Tochter. Eine der stärksten Kletterinnen der Szene, hatte einen schweren Kletterunfall im Donautal überlebt.

Manchmal treffe ich sie im Kraftraum, wir plaudern ein bisschen. Corinne trainiert auf dem Laufband für Marathon. Zwischendurch war sie auch mal Airobic-Meisterin. Klettern? Ja, mit ihrem Adoptivsohn in der Halle, sagt sie. Ihr Ehemann ist vor einigen Jahren verstorben, allein zieht sie die zwei adoptierten Kinder auf. Eine kleine, starke, mutige Frau. Vielleicht erwähne ich auch manchmal Die Schnelle und den geretteten Express. Oder wie wir sie einst in San Diego besuchten, nach einer Kletterreise durch die USA, und am Sandstrand vor ihrer Wohnsiedlung im Atlantik badeten,

«Sieht man dich auch wieder mal auf der Galerie?», frage ich. Vielleicht, ja. Dann geht sie nicht zum Laufband, sondern zu einer Stange, macht Aufzüge. Bevor ich gehe, lacht sie mir zu: «Ich schaff noch ein paar.»

Also dann, Wiedersehen. Wie wär’s mit Der Schnellen? Die schafft Corinne bestimmt noch.

(Foto aus dem Jahrbuch SAC 1988. Artikel von Hanspeter Sigrist und Corinne Stutz: Die Rolle der Frau im Bergsteigen und Klettern.)