Und wieder neigt sich ein Sommer dem Ende zu

Auch die Schafe kehren ins Tal zurück. Dass der Sommer so trüb war, stand ihnen aber nicht ins Gesicht geschrieben.
Belalp, 30. August 2014.

1. September 2014

belalp

Es wurde Zeit

Die magische Grenze liegt bei Bergsteigern bei viertausend Metern. Es gibt zwar Berge, die tiefer liegen und durchaus attraktiver sind. Aber das können sie uns noch lange versuchen klarzumachen.

© Annette Frommherz

Alphubel 08 2014 (53)

Ich war kurzatmiger als in tieferen Lagen. Unter uns lag still der Gletscher und liess sich von meiner Stirnlampe beleuchten. Fünf Uhr morgens, seit einer Stunde waren wir unterwegs Richtung Alphubel. In der kurzen Nacht hatte ich kaum ein Auge zugemacht, denn die Herren der Schöpfung hatten sich in durchdringendem Schnarchen gemessen. Aber Berghütten sind ja nicht zum Schlafen da, nur zum Übernachten.
Es wurde Zeit mit meinem ersten Viertausender. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann wehe. Ich wusste, ich würde mir selber nicht nachgeben und das Objekt der Begierde noch vor meinem runden Geburtstag besteigen. Alphubel 08 2014 (61)So hatte ich es mit mir ausgemacht. Das Wallis gibt eine anständige Auswahl an Viertausendern her, sodass uns die Wahl nicht leicht gefallen war. Wir entschieden uns für den Alphubel, von der Täschhütte her über den Südostgrat, die „Eisnase“ hinauf. Von diesem Berg aus, so wurde mir versprochen, könne das Matterhorn in seiner ganzen Pracht bestaunt werden – schönes Wetter vorausgesetzt. Die Wolken spielten ein bisschen Verstecken. Mal hüllten sie den Prachtsberg in ein weisses Röckchen, mal legten sie sich als Schleier um den Gipfel, so, als wollten sie uns necken.
Embrüff, auf Walliser Deutsch „hinauf“, geht es Tausendfünfhundert Höhenmeter bis zum Gipfel des Alphubels. Dorthin, auf 4‘207 müM, gelangten wir die letzten hundert Meter durch dichten Nebel. Alphubel 08 2014 (66)
Wir vermissten das Gipfelkreuz, obwohl ich gut und gerne auf Kreuze verzichten mag. Es liege unter unseren Füssen unter dem Schnee, sagte uns der Bergführer, der seinen Gast auf dessen siebzigsten Viertausender hinaufgeführt hatte. Ich beglückwünschte ihn zu seinem Rekord, er gratulierte mir zu meinem ersten Viertausender. Mein Glücksgefühl hielt sich in Grenzen, als ich mich in der Kälte hinsetzte und aus meiner Guttra heissen Tee trank. Irgendwie hatte ich mir mein Ziel grandioser, bemerkenswerter und herausfordernder vorgestellt.
Alphubel 08 2014 (77)Die Kälte und der Nebel liessen uns nicht lange auf dem Gipfel weilen. Als wir abstiegen, unseren Berg von der anderen Seite her umrundeten und zum Alphubeljoch gelangten, wurde uns doch noch der volle Blick aufs Matterhorn geschenkt. Diese leicht geknickte Spitze, diese mächtigen Flanken, diese steilen Grate! Einhundertneunundvierzig Jahre sind es her, seit erstmals die Besteigung des Berges gelang. Ein Einheimischer sagte uns später, das Matterhorn entfalte seine Schönheit nur auf Schweizer Seite. Von der italienischen Seite her sei ds‘ Horu, wie die Walliser es liebevoll nennen, nur ein unbedeutender Tschugge, ein Felsen. Stolz sind sie, die Walliser.Alphubel 08 2014 (127)
Als wir uns vom Alpentaxi nach Täsch bringen liessen, sog ich nochmals mit allen Sinnen die Alpenwelt ein. Meine innere Stimme sagte: In diese Gegend müssen wir mal wieder. Die vertraute Stimme neben mir sagte: «In diese Gegend müssen wir wieder mal. Hier gibt es noch viel zu tun.»

Pilatus

Pilatus, der Berg. Einmal im Leben solle man ihn bestiegen haben, oder befahren mit der Zahnradbahn, die seit 125 Jahren Gäste auf die felsigen Höhen befördert. Gelegentlich werden dort oben sogar Einheimische gesichtet. Zum Beispiel Fotografen und Autorinnen für die besprochenen Bücher.

29. August 2014

Layout 1„Die steilste Zahnradbahn der Welt, eine noch luftigere Seilbahn, schmucke Hotels und beliebte Restaurants, Wanderwege unterschiedlicher Schwierigkeit, Aussichtsterrassen und Freizeitanlagen haben den Pilatus längst zu einem der beliebtesten und vielfältigsten Ausflugsziele der Zentralschweiz gemacht – zu einem Ausflugsziel, der Besucher aus fernen Ländern ebenso anzieht wie Leute aus der näheren Umgebung. Selbst Sportkletterer, Gleitschirmflieger und Extremskifahrer können hier, vor den Toren Luzerns und hoch über dem Vierwaldstättersee, ihren Leidenschaften frönen. Wie kaum ein anderer Berg in der Schweiz bietet der Pilatus eine prächtige Kulisse für die unterschiedlichsten Formen der Naturerfahrung.“

Schreibt Marco Volken in der Einleitung zum Bildband, den er zusammen mit Caroline Fink und Peter Krebs zum 125. Jubiläum der Zahnradbahn auf den Luzerner Hausberg am Lake Lucerne im Zürcher AS Verlag geschaffen hat. Fast alle Farbfotos sind von Volken: starke, romantische, ungewöhnliche, eisenbahntechnisch genaue Fotos. Einfach so vielfältig wie der Berg selbst. Wer wie ich – es sei hiermit zugegeben – noch nie auf dem Pilatus war, kennt ihn nun ziemlich gut, auch wegen der wohlinformierten und -formulierten Texte sowie der alten Schwarzweissbilder und bunten Plakate. Gleichzeitig verwandelt dieses Buch den bisherigen Gedanken, man sollte vielleicht einmal im Leben den Pilatus besuchen, in den brennenden Wunsch, dies gleich zu tun. Und zwar beim ersten schönen Tag, für den der Wetterbericht halbwegs blauen Himmel von morgens bis abends verspricht. Wenn’s dann trotzdem zu regnen oder zu schneien beginnt, ist’s nicht weiter schlimm: Wir ziehen das Buch aus der Reisetasche und lesen und schauen. Heimatkunde im besten Sinne, auf 1632 Meter über dem Vierwaldstättermeer. Oder zuhause natürlich.

Zentralschweizer Voralpen NESportkletterer, die nun genau wissen wollen, wie schwer die Routen am Esel sind, am zweithöchsten, von der Zahnradstrecke durchbohrten Gipfel des Pilatus, finden im neuen SAC-Kletterführer „Zentralschweizer Voralpen Nordost“ von Urs Lötscher alle nötigen Infos. Im Sektor Eselei beispielsweise sind 13 Routen zu klettern, vom Sancho Paso über den Goldesel bis zu Esel reck dich! Am Matthorn, an dessen Ostfuss die rote Bahn vorbeirattert, warten Routen mit so unterschiedlichen Namen wie Ochsetuur und Eigerblick, Paradies und Schrott, Sommer in Korsika und Wettermacher.

Wie gerade Wolken aber der Landschaft zu zauberhaftem Licht verhelfen, zeigt der Fotograf Armin Grässl in seinem postkartengrossen Buch „Best of Lake Lucerne“. Darin spielt der Pilatus eine Hauptrolle – of course.

Lake LucernePilatus also. Wer nun seine Flugzeuge fliegen sehen will, wandert am letzten August- und am ersten September-Wochenende nach Payerne an die Air14. Mit dieser Veranstaltung feiert die Schweizer Flugwaffe ihr hundertjähriges Bestehen. Mit in der Luft zum Beispiel das Trainingsflugzeug P-2 der Pilatus Flugzeugwerke AG, das am 27. April 1945 erstmals am Fusse des Pilatus abhob.
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Marco Volken, Peter Krebs, Caroline Fink: Erlebnis Pilatusbahn. Die steilste Zahnradbahn der Welt. Pilatus Railway Experience. The world’s steepest cogwheel railway. AS Verlag, Zürich 2014, Fr. 58.-

Urs Lötscher: Kletterführer Zentralschweizer Voralpen Nordost. Wägital/Mythengebiet/Morschach-Muotatal/Bisistal/Rigi/Pilatus. SAC Verlag, Bern 2014, Fr. 59.-

Armin Grässl: Best of Lake Lucerne. Till Schaap Edition, Bern 2014, Fr. 25.-

Trämul im Trämel

Klettern macht jung und vielleicht werden wir dabei wieder zum Kind. Ach, das Wallis, mit all diesen Erinnerungen. Den schönen, den traurigen.

28. August 2014

Traemul_chmoserDer Himmel ist nicht so blau wie auf dem Bild (das aus dem Internet abgekupfert ist), grau ist er, obwohl von meteoschweiz blau versprochen. Aber das kennen wir ja diesen Sommer und so stören uns auch die paar Tropfen nicht, die uns ins Gesicht fallen beim Sichern. Der Fels ist so rauh, dass ein bisschen Nässe nicht stört, es ist eigentlich der schönste Fels, den man sich zum Klettern träumen kann. Walliser Gneis, rotbraun, auch schön in der Farbe. Nur ein bisschen mit Magnesia bestäubt und die wichtigen Griffe mit weissem Magnesiapunkt markiert. Eigentlich eine Unsitte, dieses Markieren, denn so klettert man fast wie in der Halle. Immer auf Farbe weiss. Manchmal hilft’s ja auch. Und die Route lohnt sich allemal, Trämul, ein Mega-Klassiker gewiss. Warum die Route im Oberwalliser Kletterführer mit u geschrieben ist, das Gebiet aber mit e, bleibt Geheimnis. Oberwalliser Lautverschiebung vielleicht? Trämel nannten wir im Zürcher Oberland einen gefällten Baumstamm, aber ob das im Wallis das gleiche bedeutet, weiss ich nicht.
Jedenfalls schaffen wir diesen Trämul im Trämel ganz locker, die Wand ist steil, die Griffe jedoch recht praktisch angeordnet und genügend gross und das kühle Wetter sorgt für guten «Grip». Blick hinüber zur steilen Kante Tschak, wo sich Jüngere ein bisschen abmühen. Ho, die schaffte ich letztes Mal on-sight!
Ich beiss mir auf die Zunge. Warum misst man sich, je älter man wird, mit immer jüngeren? Kommt es daher, dass ich nicht alt werden will, wie mir ein Freund vorwarf. Vor 20 Jahren. Oder wird man im Alter wieder zum Kind? Ich weiss noch, wie ich mir das als Kind so vorstellte und zu meinem Vater sagte: «Wenn ich gross bin, bist du dann wieder klein, gell.» Und er sagte: «Genau so ist es.» Er war ja eigentlich ein grosser Witzbold, mein lieber Vater, trotz seiner Melancholie, seiner Traurigkeit, seinem tragischen Leben und seinen unerfüllten Träumen. Wenn er doch noch ein bisschen hier sein könnte. Hier bei uns in diesem schönen Wallis, könnte er unter den Föhren im Schatten sitzen und uns ein bisschen beim Klettern zuschauen. Da fällt mir ein, wie er meine Schwester und mich nach dem Tod unserer Mutter auf eine Reise ins Wallis mitnahm. Wohl um über den Verlust hinwegzukommen, uns vom Elend abzulenken, zu zerstreuen. Psychologen gab’s damals in unserer Welt noch nicht, nichtmal das Wort kannten wir. Wir übernachteten in einem kleinen Hotel in Brig, an der Wand hing eine Figur, die hiess «d Ganter Häx». Vater zeichnete sie ab. Woran man sich alles erinnert, seltsam.
Aber nun bin ich ja schon wieder am Fels, «Frost» heisst die Route mit einem schönen nicht so schwierigen Überhang aber am Ausstieg, wenn man sich schon über ein on-sight freut, wird’s kleingriffig und kompliziert. Na ja, Klettern soll ja nicht einfach sein, drum machen wir es ja. Und schon ist dieser schöne Tag wieder vorbei, wir packen, hinunter geht’s auf Postauto. Die Jungen machen noch weiter, dafür sind sie ja jung. Aber falls mein Vater recht hatte, damals, werden wir es ja auch wieder. Wartet nur!

Das Multitalent Philipp Gosset

Sohn eines Engländers und einer Bernerin und in Paris zum Ingenieur ausgebildet: dass aus solcher Biografie ein Visionär und Multitalent hervorgeht, wundert nicht. Eine Schutzhütte auf dem Gipfel der Jungfrau ist da noch das schlichteste seiner unzähligen Projekte – zum Glück ist dieses ein Luftschlösschen geblieben.

18. August 2014

Gosset„Section Bern. „Der Bau einer Hütte auf dem Jungfraugipfel“ war am 23. Februar [1887] Gegenstand eines Vortrages, den Herr Ingenieur Gosset hielt. Zweck eines solchen Baues wäre, Touristen, die zu später Tageszeit erst den Gipfel erreichen, ein Nachtquartier, oder solchen, die bei der Ankunft auf demselben wenig Aussicht finden, Gelegenheit zu bieten, die Vertheilung der Wolken bequem abzuwarten. Als Standort hat Herr Gosset das kleine Felsplateau ausersehen, das bloss 10 m unterhalb des Gipfels und 90 m westlich davon, mit Front gegen Mürren, liegt, wo der Hochfirn und der Weg vom Rothalsattel zusammentreffen, und wo der Gipfel in zwei Minuten erreicht wird. – Die Hütte, ganz aus Holz, würde 12 m lang und 3 m hoch; durch ingeniös konstruierte zweistöckige Pritschen könnten im Nothfall 32 Mann darin Unterkunft finden. (…)
Der Vortrag rief einer eingehenden Diskussion, die allerdings die kühne Idee des Herrn Gosset vollauf würdigte, aber doch nach verschiedenen Seiten hin Bedenken äusserte. Die Anlage eines Proviantvorrathes fand man z. B. unthunlich, da Touristen und Führer dann gerne darauf sich verlassen, aber in die grösste Noth kämen, wenn die vorhergehenden Besucher denselben aufgezehrt hätten. Man glaubte auch, ein solcher Bau würde unkundige und schwächliche Leute verlocken, die Besteigung zu unternehmen, und dann Unglücksfälle herbeiführen, wie sie gerade letzten Sommer am Matterhorn sich ereigneten.
Einstweilen bleibt die Sache nur Projekt, da ja noch der grösste Theil des nöthigen Geldes fehlt. (…) Das Projekt ist aber so eigenartig, dass dessen ausführliche Mittheilung gewiss viele Leser interessirt.“

Das tut sie, die Mitteilung der SAC-Sektion Bern in der „Schweizer Alpen-Zeitung“, dem „Organ für die deutschen Sectionen des Schweizer Alpenclubs sowie für alle Freunde der Alpenwelt“, vom 1. April 1887. Kein Aprilscherz war aber das eigenartige – ja einzigartige – Projekt einer Gipfelhütte auf der Jungfrau von Ingenieur Gosset. Es blieb beim Projekt, leider. Aber es zeigt, was sein Verfasser war: ein Mann mit kühnen Ideen. Einer, der hoch hinauswollte. Nicht nur an der Jungfrau, sondern überhaupt. Eine Biografie, die in diesen Tagen erscheint, heisst deshalb so: „Das Multitalent Philipp Gosset“.

Philipp Charles Gosset, am 11. März 1938 in Bern als Sohn eines Engländers und einer Bernerin geboren, am 24. März 1911 in Wabern bei Bern als Bernburger gestorben, war tatsächlich einer, der auf ganz verschiedenen Gebieten Talent zeigte und entwickelte. Gosset wuchs in Bern auf und liess sich in Paris zum Ingenieur ausbilden. Zurück in der Schweiz, betätigte er sich als Quartierplaner (Bern-Kirchenfeld), Eisenbahningenieur (Simplonstrecke), Topograf (und Kartograf) im Eidgenössischen Stabsbureau, Glaziologe (Vermessung des Rhonegletschers), Vermesser von Seetiefen (Lac Léman, Murtensee und Oeschinensee), Lawinenforscher, Speläologe, Ballistiker, Hüttenplaner, Landschaftszeichner, Illustrator, Übersetzer, Vortragsredner, Leiter der vom Vater geerbten Canadischen Baumschule in Wabern. Und nicht zuletzt als Alpinist (Erstbesteiger des Klein Doldenhorns). Tatsächlich ein Multitalent. Philipp Gosset war Mitglied des Alpine Club (seit 1859) und der Sektion Bern des SAC (seit dem Gründungsjahr 1863, mit Unterbruch von 1872 bis 1882).

Am 28. Februar 1864 überlebt er das erste tödliche Lawinenunglück, das sich während einer winterlichen Hochtour ereignet. Mit dem Führer Johann Joseph Benet, dem Erstbesteiger des Weisshorns und Fasterstbesteiger des Matterhorns, wollen Gosset und sein Freund Louis Boissonnet (mit dabei sind auch drei Träger) den stolzen Haut de Cry (2969 m) im Unterwallis besteigen. Wenig unterhalb des Gipfels müssen sie ein triebschneegefülltes Couloir queren. Was dann passierte, schildert Gosset im ersten Band des „Alpine Journal“ von 1863/64; sein „Narrative of the Fatal Accident on the Haut-de-Cry“ findet später Eingang in John Tyndalls Klassiker „Hours of Exercise“, Emil Zsigmondys Standardwerk „Die Gefahren der Alpen“ sowie in das wahrscheinlich meistgelesene Bergbuch überhaupt, in Edward  Whympers „Scrambles amongst the Alps“. Ausschnitt daraus:

„Bennen [so nannten die Engländer Benet] ging weiter, hatte aber erst wenige Schritte gemacht, als er einen tiefen schneidenden Ton hörte. Das Schneefeld spaltete sich vierzehn bis fünfzehn Fuβ über uns in zwei Theile. Anfänglich war der Riβ schmal, nicht breiter als einen Zoll. Ein schreckliches Schweigen folgte, das etwa zehn Secunden dauerte und dann durch Bennen unterbrochen wurde. ‚Wir sind Alle verloren‘, sagte er leise und feierlich.“

Nicht alle, zum Glück. Doch Benet und Boissonnet konnten nur noch tot aus dem Lawinenkegel geholt werden.

Georg Germann (Hrsg.): Das Multitalent Philipp Gosset 1838-1911. Alpinist, Gletscherforscher, Ingenieur, Landschaftsgärtner, Topograf. Mit Beiträgen von Steffen Osoegawa, Quirinus Reichen, Martin Rickenbacher und Jürg Schweizer. Verlag Hier und Jetzt, Baden 2014, Fr. 49.-

Die Buchvernissage findet statt am Mittwoch, 20. August 2014, um 18.00 Uhr im Bernischen Historischen Museum am Helvetiaplatz in Bern.

Glückskinder

Glückskinder nennt man jene, die günstige Umstände auf ihre Seite nehmen. Diesmal waren wir mittendrin: Wir angelten uns die drei schönsten Bergtage dieses Sommers. Und nicht nur das.

© Annette Frommherz

Engadin Veltlin 08 2014 (16)

13. August 2014

Die Gunst des Schicksals nutzen, dachte ich, und blinzelte in die Sonne. Vor drei Tagen waren wir bei kühlem Nieselregen in Pontresina gestartet und durchs Val Roseg hinauf in die Tschiervahütte gewandert. Tags darauf hatten wir bei herrlichem Sonnenschein den Piz Morteratsch bestiegen. Engadin Veltlin 08 2014 (38)
Über die Fuorcla Boval waren wir zur Bovalhütte hinabgestiegen, wo wir nach einer gewittrigen Nacht in aller Herrgottsfrühe entlang der Moräne liefen und den Morteratschgletscher querten, hinüber zur Isla Pers und entlang der Gemsfreiheit zur Fortezza hinauf. Ein felsiger Grat empfing uns mit einer Kletterei bis zur Bellavistaterrasse, wo wir die Steigeisen wieder montierten und am langen Seil über den weich gewordenen Schnee zur Marco e Rosa Hütte liefen. Engadin Veltlin 08 2014 (50)Knietief sanken wir bei jedem zweiten Schritt ein. Ich sah die Hütte von weitem, aber die Streichholzschachtel wollte und wollte nicht näher kommen. Das Leben eines Hüttenwarts muss trist sein, ging es mir später durch den Kopf, als ich nach einem erschöpften Nachmittagsschläfchen den Wandschmuck mit den nackten Frauen begutachtete. Entweder muss der Mann hier oben Holz hacken gehen oder ein deftiges Menü kochen. Unser Italiener wählte die zweite Variante und servierte im Einweggeschirr ein herzhaftes Menü, wie es sich in Italien gehört.

Nun also, dachte ich, als wir anderntags den gleichen Weg auf hart gefrorenem Schnee zurücklegten, nun also wollen wir auf den Piz Palü. Das Wetter liess keine Ausrede zu. Die abendlichen Wolken hatten sich in Luft aufgelöst, helles Sonnenlicht fiel glänzend auf die Schneehänge, und die morgendlichen trägen Schatten liessen unsere Gedanken gemächlich fliessen.
Engadin Veltlin 08 2014 (76)Die Gunst des Schicksals musste genutzt werden. Ich freute mich auf unser Vorhaben, aber die ausgesetzte Felskletterei auf den westlichen Gipfel, den Piz Spinas, war mir mit meiner Höhenangst nicht geheuer. Mit meinem Liebsten hatte ich mich auf die Umgehung dieses Gipfels geeinigt, indem wir von der italienischen Seite her die steile Nordflanke besteigen und somit zwischen dem Piz Spinas und dem Hauptgipfel auf den Grat gelangen würden. Keine einzige Spur war im harten Schnee zu erkennen, wie wir gegen die Flanke zuliefen. Es war mir, als wären wir die ersten, die hier durchkämen. Die Stille, die uns umgab und die einem manchmal tief im Herzen sitzt, fühlte sich mit einem Male bedrohlich an. Vor uns im Schatten lag diese schroffe, eisige Wand. Mein Pendant ging voran. Beide stemmten wir unsere Steigeisen in den harten Untergrund, suchten nach festem Halt und schlugen die Pickel ein.Engadin Veltlin 08 2014 (59) Der Rucksack lag mir schwer am Rücken und schien mich nach hinten in die Tiefe zu ziehen. Die Gunst des Schicksals nutzen, dachte ich dort in der Wand, nutze die Gunst des Schicksals; es ist dir wohl gesinnt. Ich schnaufte schwer. Vielleicht war es die Höhe, wahrscheinlich war es die Angst. Bis ich oben ankam, starb ich hundert Tode. Der schmale Grat, der mich erwartete, war die Zugabe, war die nächste Prüfung, die mir auflauerte. Weshalb tust du das, fragte ich mich, aber die Antwort wich dem konzentrierten Vorwärtslaufen. Da, wo der Grat sich auflöste für einen lauschigen Platz auf dem Hauptgipfel, da konnte ich endlich meinen Puls beruhigen. Das musste sein, denn vom Hauptgipfel bis zum Ostgipfel führt ein noch schmalerer Firngrat, der mir abermals die volle Konzentration abverlangte. Langsam, Schritt für Schritt, fokussierte ich meinen Blick auf die Fussspuren vor mir.Engadin Veltlin 08 2014 (61) Als ich den Grat endlich hinter mir lassen konnte, glaubte ich meinen Bruder zu spüren, wie er mir zuwinkte, vom Himmel herab, wo er schon lange wohnt. Um uns war eine Weite und war warmes Sonnenlicht, das uns umschmeichelte. Mein Liebster gab mir mehr als nur einen Gipfelkuss. Es waren immerhin drei Gipfel und er erleichtert. Und erst jetzt konnte ich mir meine Frage beantworten. Weshalb ich das tue? Glückskinder, dachte ich nur, wir sind Glückskinder.

Hütten im Hochgebirge

Eigentlich hatte unser Rezensent versprochen, zum «Buch der Woche» stets höchstens zwei Werke zu besprechen. Übernachten und Überleben im Gebirge ist aber doch ein zu breites Thema, als dass ein einziges Werk die historischen, architektonischen, kulinarischen, alpinistischen und psychologischen Aspekte behandeln könnte – hier also ein bunter Dreiklang, gelegentlich mit Zähneklappern.

11. August 2014

Hüttenbau im Hochgebirge„An dem Ort namens La Cravatta auf einer Höhe von über 4000 Metern habe ich 1866 fünf Nächte an einem Felsvorsprung verbracht, der einige Meter hervorstand. Ich habe eine kleine Schutzhütte gezeichnet, die in Trockensteinbauweise errichtet werden soll. Letztes Jahr, 1867, wurde diese Hütte dank der Arbeit der Bergführer von Valtournanche und eines Zuschusses des Alpenclubs unter grosser Anstrengung gebaut und mit einer Tür, einem kleinen Fenster und Schaffellen als Betten sowie einigen Haushaltutensilien ausgestattet. Diese Hütten sind ungeheuer nützlich, da sie dem Bergsteiger die grosse Mühe ersparen, Decken und anderes Gewicht mit sich zu tragen, und ihm bei schlechtem Wetter Schutz bieten.“

Die Balma della Cravatta auf etwa 4130 Meter war die erste Hütte, die am Matterhorn gebaut wurde, ein Jahr vor der alten Hütte am Hörnligrat auf gut 3800 Meter. Von beiden Hütten sind nur ein paar kümmerliche Mauerreste geblieben. Für die Balma della Cravatta wurde, wie der Name „Balm“ schon verrät, eine natürliche Grotte auf dem Cravatta genannten Schneeband am Pic Tyndall (4241 m) am Liongrat des Cervino zu einer sehr einfachen Schutzhütte ausgebaut, mit Platz für fünf Alpinisten. Ein ziemlich ausgesetzter Ort, aber sicher „ungeheuer nützlich“, wenn man sich vorstellt, wie der italienische Ingenieur und Geologe Felice Giordano dort oben fast schutzlos fünf Nächte verbrachte. Den Bericht über „seine“ Hütte am Berg der Berge schickte er 1868 dem Club Alpino Italiano, zu dessen Mitbegründern er zählt. Den hier zitierten Ausschnitt findet sich Luca Gibellos Darstellung über den „Hüttenbau im Hochgebirge“, die vor drei Jahren unter dem Titel „Cantieri d’alta quota“ erstmals erschien und nun in deutscher Sprache vorliegt.

Eine verrückte Hütte, diese Balma della Cravatta, nur zwei Jahre nach der heftig umkämpften Erstbesteigung des Matterhorns fast zuoberst erbaut. Mehr Notunterkunft wie heute das Solvaybiwak (4003 m) als ein komfortabler Übernachtungsplatz für eine Besteigung, wie es die Hörnlihütte (3260 m) war. Nun wird sie neu erbaut, um dann im nächsten Jahr, wenn 150 Jahre Erstbesteigung Matterhorn gefeiert wird, eröffnet zu werden. Zur Zeit kann auf dem Hirli, 400 Meter unterhalb der Hörnlihütte, in temporär erstellten Zweierzelten übernachtet werden. Alles weitere zum sogenannten Base Camp am Matterhorn auf www.hoernlihuette.ch/basecamp.html. Eine schöne Hommage an den Matterhorn-Erstbesteiger Edward Whymper, der für seine Matterhorn-Belagerung ein Bergsteigerzelt konstruierte und dieses in seinem Beststeller „Scrambles amongst the Alps“ ausführlich im Kapitel „Neue Versuche am Matterhorn“ beschreibt.

Zurück zu den Hütten im Hochgebirge: Wer sich für ihre Baugeschichte insbesondere in den Westalpen Italiens und der Schweiz interessiert, wird im Buch von Luca Gibello viel erfahren, überzeugende und weniger gemütliche hochalpine Unterkünfte, Berggasthäuser und Biwakschachteln kennenlernen. Die mit vielen meist schwarzweissen Fotos und einigen Plänen illustrierte Publikation gliedert sich in vier Teile und gibt einen Überblick vom 1779 erbauten „Hôtel“ am Montenvers ob Chamonix bis zum 2012 eingeweihten Refuge du Goûter am Mont Blanc.

FirnHüttenarchitektur ist das eine, Hüttenarbeit aber etwas anderes. Wer nur kurzfristig ein Dach über dem Kopf benötigt, um am nächsten Morgen weiter gegen den Gipfel zu steigen, erlebt und braucht die Hütte ganz anderes als diejenigen Personen, die wochenlang in der Hütte bleiben und zu ihr und den Gästen schauen: der Hüttenwart, die Hüttenwirtin und ihre Gehilfen. Was man dabei erleben kann, schildert Nicola Reiter im Buch „Firn. Aufzeichnungen am Gletscher“. Um ihr Auskommen als freie Gestalterin aufzubessern, verbrachte Nicola Reiter einen Sommer als Saisonkraft in der Hüfihütte oben im Maderanertal in den östlichen Urner Alpen. Als es nach tagelangem Nebel bereits Anfang August schneit (schlechte Sommer gab es also schon früher!), wird der Aufenthalt im Gebirge und die Zusammenarbeit mit dem knorrigen Hüttenwart zu einer Belastungsprobe. Ihren Alltag protokollierte Nicola Reiter in Form eines literarischen Tagebuchs. Der Eintrag vom 11. August beginnt so: „Keine Gäste, noch 20 Tage. Schneefall den ganzen Tag. Nebel, nasskalt.“ Und ein paar Zeilen weiter unten: „Aufgrund der seit Wochen konstant niedrigen Temperatur ist alles gefroren, und es kommt kein Wasser mehr vom Gletscher.“ Dem erfrorenen Gebirge stellt Nicola Reiter ihre Neugier, ihr Lebenswille, ihre Jugendlichkeit – und ihr Schreiben entgegen. Letzter Satz im privaten Hüttenjournal: „Als ich weiterlaufe, spüre ich, wie mit der Bewegung die Kälte langsam weicht.“

BBF_UmschlagWer in den Bergen nur eine warme Suppe und Schutz vor schlechtem Wetter sucht, wird hier fündig: im Berg-Beizli-Führer von Richi Spillmann. 1270 Hütten, Bergrestaurants, Alp- und Bergwirtschaften, Buvettes , Métairies und Grotti sind aufgelistet. Wir wär’s mit dem Restaurant Paradies in Findeln ob Zermatt, mit Ravioli di coda di manzo und freiem Blick auf den Cervino? Felice Giordano wäre entzückt.

Luca Gibello: Hüttenbau im Hochgebirge. Ein Abriss zur Geschichte der Hüttenarchitektur in den Alpen, SAC Verlag, Bern 2014, Fr. 59.-
Nicola Reiter. Firn. Aufzeichnungen am Gletscher, Spector Books, Leipzig 2012, Fr. 34.40
Richi Spillmann: Berg-Beizli-Führer 2014/15, Spillmann Verlag, Oetwil 2014, Fr. 39.-

Alpinwandern im Freiburgischen

Wandern im Welschland, das muss einem Ostschweizer erst mal in den Sinn kommen! Zweihundert Gipfel solls im Freiburgischen geben, steile wie die Gastlosen, aber auch sanftere, mit Sendemasten oder Gipfelkreuzen bestückte, und dazu auch noch den schönsten Hügel Zentraleuropas. Dass der den Röstigraben überbrückende Wanderführer unseres Rezensenten exakt zum 1. August erschienen ist, ist gewiss kein Zufall.

7. August 2014

Cover FreiburgEinen Berg giebt’s in der Schweiz –
Von den höchsten, schönsten einer,
Fühlet ihr der Neugier Reiz –
Auf, besteigt, wie Unsereiner,
Den Moleson, den Moleson!

Die deutsche Übersetzung der Moléson-Liedes findet sich im grausam schönen Gedichtband mit dem etwas langen Titel „Helvetiens Natürschönheiten, oder das Schweizerland, mit seinen berühmtesten Bergen, Thälern, See’n, Flüssen, Wasserfällen und Heilquellen, nebst Anhang über Städte, Schlösser, Denkmale etc.“ aus dem Jahre 1856. In einer Fussnote ist zudem erklärt: „Moleson ist der Rigi der westlichen Schweiz, indem er demselben durch seine erhabene und abwechselnde Fernsicht wenig oder nichts nachsteht. Man sieht die Alpen Savoyens, den Montblanc in der Mitte, die Walliser- und Berner-Hochgebirge, den Genfer-, Neuenburger-, Bieler- und Murtner-See.“ Schöne Aussichten, nicht wahr?

Der Moléson (2002 m) ist nicht der höchste, dafür – weil am Rande stehend – der auffälligste Berg der Alpes fribourgeoises. Und der bekannteste, seit man ab dem 18. Jahrhundert die Gipfel als solche wirklich wahrzunehmen, zu bewundern und schliesslich zu besteigen begann. Im „Historischen Lexikon der Schweiz“, das nicht eben viele Gipfeleinträge aufweist, erhielt er als einziger Freiburger Gipfel neben dem Mont Vully einen eigenen Eintrag, und auch in die massgebende französische Enzyklopädie Larousse kennt ihn. Die erste Freiburger Sektion des Schweizer Alpen-Club, die am 17. September 1871 in Romont gegründet wurde, heisst nach ihm. Charles Cornaz-Vuilliet widmet ihm im Buch „En pays fribourgeois“, das als dritter Band der Reihe „La Suisse romande en zigzag“ 1892 bei der Librairie de l’Université in Fribourg erschien, alleine zwölf Seiten. Abgedruckt ist natürlich auch das Moléson-Lied, auf Deutsch und im Greyerzerdialekt. Das tönt dann so:

Din la Suisse lia ouna montagne
Dei plie hauté, dei plie ballé.
Sche vojei la curiojità
Prindé la peina dè montà
A Moléson, à Moléson!

Voilà Le Moléson! Die Nummer 1 der Freiburger Berge. Und deshalb beginnt der neue SAC-Alpinwandern/Gipfelziele-Führer „Freiburg“, der seit dem 1. August 2014 in den Läden liegt, mit dem Moléson. Und hört mit dem Mont Vully (653 m) auf, dem „schönsten Hügel Zentraleuropas“, wie die Biologin Astrid Fasel in ihrem Beitrag über die Flora schreibt. Der Führer stellt in 49 Touren alle rund 200 erwanderbaren Gipfel des Kantons Freiburg vor. Also nicht nur die Freiburger Alpen, sondern auch ein paar ihnen vorgelagerte Hügel wie den Gibloux, der wegen seines 118 Meter hohen Antennenturms fast so gut erkennbar ist wie der Moléson. Da hat es Ziele darunter, an die sich nur die Liebhaber senkrechter Grasrouten wagen sollten, beispielsweise die Gastlosenspitze (1995 m). Doch es gibt auch leicht erreichbare Gipfel wie La Berra (1719 m), die mit dem Moléson, der Kaiseregg (2185 m) und dem Vanil Noir (2389 m) als Top of Fribourg zu den Bergen gehört, die jeder Freiburger Montagnard einmal im Leben besucht haben sollte.

Das neue Freiburg-Buch beschreibt nicht nur alle Wandergipfelrouten, sondern enthält auch Beiträge zu Blumen und Steine, zu Höhlenforscher und Höhenmessung, zu Gipfelkreuze und Grenzgipfel. Und zu Fribourg culinaire. Davon war schon Alfred de Bougy begeistert, als er in Sugiez am Fuss des Mont Vully einkehrte. In „Voyage dans la Suisse française et le Chablais“ aus dem Jahre 1860 schreibt er: „Je fis halte près du pont dans une pinte où je ne trouvai, pour me réconforter, que du fromage de Gruyère, – mais il était de première qualité; – du pain noir, – mais frais et d’un goût exquis, – et un de ces vins rouges, clairets, légers, agréables et sains, qui croissent sur les pentes du Vully.“ Schöne Aussichten, nicht wahr?

Daniel Anker, Manuel Haas: Freiburg. Le Moléson bis Kaiseregg, Vanil Noir bis Mont Vully. Reihe Alpinwandern/Gipfelziele, SAC Verlag, Bern 2014, Fr. 49.-

Die Voralpenwanderung

Schlechtes Wetter gibt es nicht, heisst es, nur schlechte Kleidung. Das tröstet uns wenig über das trübe Nass hinweg. Umso mehr heisst es jetzt: Optimistisch und entschlossen unter dem Regenhut hervorschauen.

© Annette Frommherz

Niederscherli 07 2014 (16)

2. August 2014

Angesagt waren eigentlich die stolzen Bündner Berge gewesen, doch das Wetter belehrte uns eines Besseren. Wie immer hat die Natur das Sagen und liess die Pläne, unsere schönen, einmal mehr durchkreuzen. So packe ich die Siebensachen für die Bergtouren wieder aus und die wenigen Utensilien in eine Tasche und fahre ins Bernische, wo das Wetter das gleiche ist und wo meine Schwoscht vor Urzeiten sesshaft geworden ist. Das Wiedersehen alleine macht schon glücklich, trübes Wetter hin oder her. Anderntags trauen wir uns doch vors Haus, im guten Glauben daran, der Regen möge uns nicht fortschwemmen. Niederscherli 07 2014 (18)Unweit von Niederscherli ist ein Bach arg über sein Bord geflohen, hat Salatköpfe und Krautstiele und Zucchetti eines schmucken Bauerngartens mitgeschwemmt und allerlei anderes auch. Der Wanderweg ist abgesperrt. Wir machen einen gehörigen Bogen um den Bach und stürzen uns hinein in das untheatralische Abenteuer dieser voralpinen Wanderung, wie wir sie bald nennen werden. Wärmende Ortsnamen begleiten uns: Liebewil und Herzwil, wie gut das tut. Vorbei an triefenden Lindenbäumen und wuchtigen Bauernhäusern, vorüber am schwarzglänzenden Fell der Rinder, die unbeweglich dieses Wetter erdulden. Wie Vorhänge von Bindfäden löst sich der Regen vom Himmel, und die Wolken hängen so tief wie selten. Wir haben uns trotzig den Regenhosen widersetzt, sodass wir bald mit nassen Hosen vorlieb nehmen müssen. Die Luft riecht modrig und feucht wie der Keller in meiner Kindheit.

Niederscherli 07 2014 (13)Dem Getreide hat das Wetter stark zugesetzt, schon beugen sich die schwarz durchsetzten Ähren ihrem Schicksal. Wir laufen mit Schirm und Charme durch die Weiler. Kein Misthaufen dampft, kein Huhn scharrt in der schlammigen Erde. Nicht einmal ein Hofhund mag uns bellend entgegenlaufen. Wir begegnen kaum einem Menschen, nur das Auto des Pöstlers überholt uns langsam, damit die Pfützen uns nicht noch mehr zusetzen. Er winkt uns zu, und sein mitleidiger Blick begleitet uns gedanklich noch eine ganze Weile. Das Wandern ist des Müllers Lust, vor allem bei schönem Wetter. Zwei Rehe fliehen in hohen Sätzen über ein Kornfeld. Wir wandern unbeirrt weiter zum nächsten Weiler, wo das Ortsschild von Mengestorf schon Moos angesetzt hat. Meine Schwoscht kennt den Weg wie ihre Hosentasche, so dass wir im Nebel und tropfend ohne GPS zurückfinden; zurück nach Niederscherli, das mir immer so lieblich daherkommt. Schlechtes Wetter? Gibt es nicht, aber nun sehnen wir uns nach einer Tasse heissen Kaffee.

Engadiner Hotellektüre

Was gibt es Öderes als Hotelferien bei Regen. Aber da heutige Hoteliers ihre Gäste rundum umsorgen und mit allem versorgen ist auch für Regenfälle gesorgt. Zum Beispiel mit hoteleigener Literatur. Wenn dann ein Hotel auch noch unsere geniale Bloggerin Annette als Exklusivautorin engagiert, kann man nur auf noch mehr Regen hoffen. Also gleich losfahren!, empfiehlt unser Rezensent. Und sonst einfach das Buch bestellen. Adresse unten.

28. Juli 2014

Cover Waldhaus„Ah, diese Aussicht, wie auf einem Dampfer, sagt sie und schaut aus dem Fenster, und draussen der Wald grün und gross wie das Meer. Lass uns mal eine Kreuzfahrt machen, sie nimmt seine Hand.“

Und wir, die wir (noch) nicht mit Arno Camenisch im Hoteldampfer sitzen? Lass uns ins Engadin fahren, vielleicht gar in dieser Woche. Weil am 1. August in Zernez das Volksfest zu 100 Jahre Schweizerischer Nationalpark über die Bühne geht: Unterhaltung mit Musik und Strassenkunst, Festwirtschaft, Kinderprogramm, offizieller Jubiläumsakt mit Bundesrätin Doris Leuthard, Verleihung des goldenen King Albert Mountain Award an den Nationalpark, Live-Übertragung durch das Schweizer Fernsehen. Also könnten wir auch zu Hause bleiben…

Und wo logieren wir, wenn wir trotzdem eine Fahrt ins Engadin machen? Zwei Hotels drängen sich auf. Weil zu beiden neue Publikationen erschienen sind, zum Waldhaus in Sils Maria und zum Schweizerhof in St. Moritz. Das Waldhaus gehört zu den bekanntesten Hotels der Schweiz, wie eine Schloss liegt es verankert auf einem waldigen Kliff hoch über dem Silsersee und dem Dorf Sils Maria, oder auch wie ein Luxusliner. Unbeweglich und doch voll in Bewegung, nicht zuletzt dank all der berühmten Leute, die im Waldhaus logier(t)en. Oder unten im Dorf, wie einst Friedrich Nietzsche. „Wir machen uns auf den Weg. Nietzsches Lieblingsweg aus Sils-Maria gen Süden, dann Richtung Sils-Baselgia. Morgens liegt ein herrlicher Frieden über der Landschaft. Über weiche Matten führt der Weg am Ufer des Silser Sees entlang. Der Wind weht sanft auf dem Hochplateau.“ So schildert der Philosoph Wilhelm Schmid seinen fiktiven Spaziergang mit dem Berufskollegen in der klugen Geschichte „Auf einen Kaffee mit Nietzsche im Hotel Waldhaus“. Einer von 19 Texten, die Autoren und Autorinnen eigens für das Waldhaus ins Sils Maria geschrieben haben und die nun im Buch unter dem Titel „Wie groβ ist die Welt und wie still ist es hier“ versammelt sind. Am besten liest sich die Anthologie natürlich in der Hotelbibliothek, oder dann auf der Halbinsel Chasté, ganz vorne bei der Nietzsche-Inschrift. Für den Beitrag von Chasper Pult brauchen wir allerdings ein Romanisch-Wörterbuch: „E la nav va inavant.“

Cover Anna MoosSchiffsähnlich steht das Hotel Schweizerhof über dem See von St. Moritz, mitten im Zentrum, aber mit freiem Blick über das Oberengadin. In diesem schönen Haus verbringt jeweils Anna Moos ihre kurzen und langen Ferien, geniesst das Hotel in vollen Zügen, wandert und skatet durch das Hochtal, bewundert die Berge und besucht das Segantini-Museum bei Schlechtwetter (soll es auch im Engadin geben, die Wetterprognose für Zernez und den Bundesfeiertag stimmt halbwegs sonnig). Anna Moos ist die rundum sympathische Heldin von Annette Frommherz, die im Auftrag des Hotels Schweizerhof zwei handtaschen- und rucksacktaugliche Schriften über Erlebnisse und Ereignisse im Hotel und im Engadin schrieb. Beginnt man zu lesen, so möchte man gleich losfahren, um dann auf dem Hoteldeck anzukommen:

„Still schmiegt sich die Nacht an sie, als Anna auf der Dachterrasse steht und frierend den Atemwolken zusieht, wie sie in der Schwärze verschwinden. Obwohl sie nur die dunklen Umrisse des Piz Rosatsch erkennen kann, fühlt sie sich von dem mächtigen Riesen beschützt. Lange steht sie da, ohne sich zu rühren.“

Wie groβ ist die Welt und wie still ist es hier. Geschichten ums Waldhaus in Sils Maria. Herausgegeben von Familie Dietrich und Kienberger. Mit sieben Fotografien in Schwarz-Weiβ von Christian Scholz. Weissbooks, Frankfurt aM 2014, Fr. 29.90.

Annette Frommherz: Anna Moos – Sommer im Hotel Schweizerhof St. Moritz, 2012, Fr. 12.50;
Anna Moos – Winter im Hotel Schweizerhof St. Moritz, 2013, Fr. 18.-. Zu bestellen bei der Autorin, numinosum@bluewin.ch.

Alles zur King Albert I Memorial Foundation und ihrer Preisträgern von 1994 bis 2014 unter www.king-albert.ch.