Illegal am Everest

Das Buch «Illegal am Everest – Mein steiniger Weg auf der Suche nach dem Glück» erzählt das hochspannende Leben des Schweizers Hans-Peter Duttle. Am Dach der Welt fand er das Glück nicht. Aber nur hat er es gefunden, am Rande des Ostermundigenberges.

22. April 2018

„Der Gipfel des Everest ist noch in unwirklicher Ferne. Der Monsun steht mit seiner ungeheuren Wolkenwand vor uns, und ich bin besorgt um den Rückmarsch. Wegen unsorgfältiger Seilhandhabung stürzen Roger und Woodrow einen Eishang hinab. Roger erleidet eine Gehirnerschütterung; die Nacht verbringen sie in einem Biwak. Trotzdem wollen sie weiter. Ich muss die Amerikaner bewundern: mit verbissener Zähigkeit sind sie bisher vorgegangen, klug berechnend und organisierend. Nun wollen sie nicht aufgeben. Ich helfe ihnen noch ein Stück weiter hinauf, verbringe dann aber die folgenden vier Tage untätig auf dem Nordsattel im Zelt. Mich plagt ein stechendes Zahnweh, das ich mit dem Taschenmesser erfolglos zu beheben suche.

Etwa 500 m weiter oben stürzt Woodrow wieder, kann sich aber beim Vorbeisausen am Zelt festkrallen. Sein Arm ist schwer aufgeschürft. Erst jetzt gibt er sich geschlagen. Beim Abstieg vom Nordsattel stürzt er noch zweimal ab, schlittert über offene Spalten und kommt davon. Ich eile ihm zu Hilfe, lasse aber meinen Rucksack an einem Eishaken hangen. Woodrow taumelt nur noch, die folgende Nacht verbringen wir im Freien. Am nächsten Tag eile ich allein bis zur Moräne des Ost-Rongphu-Gletschers und hoffe, dadurch meine Kameraden nachzuziehen. Aber mein Rucksack bleibt am Nordsattel, und meine Kameraden erscheinen nicht. Irgendwo muss ein Proviantlager sein; doch ich finde es nicht. Nun muss ich mich auf eine zweite Freinacht vorbereiten, ohne jede Ausrüstung. Mit knurrendem Magen baue ich aus Steinen und chinesischen Brettern eine winzige Zelle und verbringe die erste gute Nacht seit langer Zeit. Am nächsten Tag helfe ich Woodrow hinunter. Auf dem zweiwöchigen Rückmarsch trage ich seinen Rucksack, sein Zelt und die 16-mm-Filmkamera, da ich meine eigene Ausrüstung nicht mehr holen kann.“

Dass der Schweizer Hans-Peter Duttle 1962 den Weg zum und vor allem vom Everest überlebt hat, grenzt an ein Wunder. Nicht dass er mit seinen drei amerikanischen Gefährten ohne Erlaubnis den höchsten Berg der Erde anging, ist das wirklich Erstaunliche. Sondern wie Duttle, Woodrow Wilson Sayre, Norman Hansen und Roger Hart im Alpinstil und ohne grosse Erfahrung im Höhenbergsteigen eine solch gefährliche und meilenweite Route wählten, um zum Ziel ihrer geheimen Wünsche zu gelangen und eine Höhe von 7500 Metern erreichten. „Ein erfahrener Bergsteiger und Himalayamann kann es kaum begreifen, dass diese ‚Helden‘ mit dem Leben davongekommen sind“, schimpfte der Himalaya-Chronist Günter Oskar Dyhrenfurth 1962 in der SAC-Zeitschrift „Die Alpen“; eigentlich befürchtete er aber, dass die Behörden der geplanten und bewilligten US-Everest-Expedition seines Sohnes Norman nun plötzlich Steine in den Weg legen könnten, weil Amerikaner illegal am Everest unterwegs waren.

Immerhin durfte Hans-Peter Duttle 1966 unter dem Titel „Everest Nordsattel 1962“ dann in der Clubzeitschrift selber die wagemutige Kleinexpedition schildern, mit einer Warnung von Seiten der Redaktion allerdings: „Die nachfolgenden Aufzeichnungen sollen von unsern Lesern lediglich als wahrheitsgetreue Erzählung eines Erlebnisses aufgenommen werden.“

Aber Duttle hat noch mehr zu erzählen, viel mehr. Nun ist nämlich das Buch zu seinem Leben erschienen, das Reto Winteler nach langen Gesprächen mit Duttle geschrieben hat. Liest man schon nur die Orts- und Ländernamen des Inhaltsverzeichnisses, wird es einem schier schwindlig: Beirut, Bern, La Paz, Lima, Zermatt, Maisprach im Baselland, Eskimo Point und Port Burwell in Kanada, Peru/Bolivien, Andermatt, Pangnirtung (Kanada), Avrona im Unterengadin, Bern, Rongbuk. Und 1962 eben Nepal/Tibet – Everest, der mit Abstand höchste und gefährlichste Wegabschnitt von Duttle auf der Suche nach dem Glück. Aber es ist nicht nur die Geschichte dieses Abenteuers, die das Buch so lesenswert und spannend macht, auch für Nicht-Bergsportler. Es geht um einen Menschen, der (s)einer Idee von Glück mutig und geradlinig nachgeht. Am Schluss sagt er: „Am Ideal des einfachen Lebens halte ich fest. Die Arktis oder das Tibet braucht es nicht dazu. Gümligen ist gerade recht.“

Was für ein Weg! Am 28. März 2018 ist Hans-Peter Duttle 80 Jahre alt geworden.

Hans-Peter Duttle mit Reto Winteler: Illegal am Everest. Mein steiniger Weg auf der Suche nach dem Glück. Wörterseh, Gockhausen 2018, Fr. 34.90. www.woerterseh.ch

Am Mittwoch, 25. April 2018 um 19 Uhr, findet im Alpinen Museum der Schweiz in Bern die Vernissage statt. Durch die Veranstaltung führt Frank Baumann; zu seinen Gästen gehören Abenteurer Duttle und Autor Winteler. Platzzahl beschränkt: Anmeldung an anmeldung@woerterseh.ch, Tel. 044 368 33 68.

Wanderwelt Val Müstair

Im östlichsten Zipfel der Schweiz liegt ein sonnenverwöhntes Tal – das Val Müstair. Ein Naturjuwel für alle Jahreszeiten, wie ein neuer Wanderführer eindringlich zeigt.

17. April 2018

„Während Tausende und aber Tausende auf den groβen Verkehrswegen nach Anleitung der rothen Bücher die Schweiz durchzogen, begab ich mich meiner Gewohnheit nach auf Abwege, nicht aus Menschenscheu, an der ich nicht leide, sondern um einen Theil der Schweiz kennen zu lernen, der vom Touristenschwarm noch gänzlich gemieden und verschont ist. Einsame Pässe führen dahin.“

Stimmt immer noch es bitzeli, auch wenn der Touristenschwarm das Val Müstair in den vergangenen 150 Jahren schon erreicht hat. Als der deutsch-schweizerischer Kriminalrechts- und Rechtswissenschaftler sowie Reiseschriftsteller Eduard Osenbrüggen (1809–1879) das Münstertal besuchte und darüber im vierten Kapitel seines zweiten Bandes der „Wanderstudien aus der Schweiz“ von 1869 berichtete, muss das Tal jenseits des Ofenpasses wirklich noch kaum bekannt gewesen sein. Es war auch ein sehr weiter Weg dorthin; noch heute dauert die Reise von Bern nach Müstair Posta 4 Std. 47 Min., mit Umsteigen in Zürich, Landquart, Saglians und Zernez. Aber dann sind wir da – und schon fast aus der Schweiz heraus; nur ein paar Schritte weiter weg beginnt Italien mit dem Vinschgau.

Auf der Fahrt dorthin könnten wir auf books.google.ch den Text von Osenbrüggen lesen. Insgesamt sind sechs Bände mit Wanderstudien erschienen, der letzte zwei Jahre nach seinem Tod, herausgegeben von Pfarrer Ernst Buss. Darin findet sich ein Bericht von Pfarrer Ernst Müller, Erstbesteiger des Oeschinenhorns an der Blüemlisalp. Und dieses Horn wiederum ist auf dem Titelbild von Osenbrüggens Prachtsband „Das Hochgebirge der Schweiz“ abgebildet. Aber ich schweife ab. Eigentlich soll es ja ins Münstertal gehen, und zwar zum Wandern, zum richtigen. Mit dem Herrn Rechtsprofessor (seit 1875 übrigens Ehrenbürger der Stadt Zürich) und seinen Büchern nämlich kommen wir mehr zum Studieren und kaum zum Wandern. Anders hingegen mit dem jüngsten Band aus der Naturpunkt-Reihe des Zürcher Rotpunktverlages, der auf seine Art das Vorstellen von bekannten und unbekannten Regionen der Schweiz fortsetzt.

Anfang April erschien der Naturpunkt-Wanderführer „Wanderwelt Val Müstair“ von Daniel Fleuti und Andrea Kippe. Das mit zahlreichen Farbfotos ausgestattete Buch stellt 20 Wanderungen, 6 Schneeschuhtouren und 4 Winterwanderungen in der Region zwischen Ofenpass und Glurns vor. Kartenskizzen, genau wandertouristische Infos, ein umfangreicher Serviceteil sowie Hintergrundartikel zu Natur, Kultur und Geschichte machen den Führer zum unverzichtbaren Begleiter für einen Besuch dieser Tal- und Berglandschaft am östlichen Rand der Schweiz. Tour 17 führt auf ihren östlichsten Gipfel, auf den Piz Chavalatsch (2762 m); eine happige Sache, doch unbedingt lohnend für Leute, die je 1600 Höhenmeter im Auf- und Abstieg locker bewältigen. Schon Eduard Osenbrüggen stand dort oben: „Die Aussicht vom Piz soll bei der günstigsten Beleuchtung bis nach Wien reichen, welche Angabe ich weder bestätigen noch bestreiten kann, aber doch bezweifle.“

Daniel Fleuti, Andrea Kippe: Wanderwelt Val Müstair. Wanderungen und Schneeschuhtouren zwischen Ofenpass und Glurns. Rotpunktverlag, Zürich 2018, Fr. 38.- www.rotpunktverlag.ch

Am Dienstag, 17. April 2018 um 19.30, präsentieren die Autoren ihren Wanderführer an der Buchtaufe in der Buchhandlung am Hottingerplatz in Zürich, inkl. Apéro mit Münstertaler Spezialitäten; www.buchah.ch. Am Samstag, 16. Juni 2018, findet die Buchvernissage mit Wanderung im Val Müstair statt.

Bernd Arnold – Ein Grenzgang

Eine biografische Dokumentation über den besten und bekanntesten ostdeutschen Kletterer, über seine Heimat und über den Fast-Todessturz am Fuss der Trango Towers im Karakorum. Ein schön gemachtes Buch mit einem mehrdeutigen Titel.

13. April 2018

„Kurz vor Weihnachten fahre ich noch einmal nach Hohnstein, um Bernd zu interviewen, Material zu sichten und Informationen zu sammeln. Da ich keinen Stress will, sitze im Zug, die Strecke von Berlin nach Dresden kommt mir wie eine Reise durch eine eisgraue Taiga vor, es gibt offenbar keinen Ort, für den sich der Halt eines Eurocity-Zuges lohnte. Ab Pirna drücke ich wie ein Kind die Nase an die Scheibe und zähle, beginnend mit dem Postakegel, leise all die Gipfel auf, an denen ich vorbeifahre. Es sind viele.“

Der Besucher kennt sie. Obwohl er nicht dort wohnt, sondern im westdeutschen Hildesheim. Der Besuchte kennt sie alle, bestens sogar. Er wurde 1947 im ostdeutschen Hohnstein geboren, wohnt immer noch dort und ist seit gar 2006 gar Ehrenbürger der Stadt in der Sächsischen Schweiz, auch bekannt als Elbensandsteingebirge. Und in diesem Gebirge hat es schier unzählige Gipfel; Nadel, Türme, Wände aus Sandstein. Ein Klettereldorado, vielleicht gar das Eldorado. Die Sächsische Schweiz gilt als eine der Wiegen des Felskletterns. Und Bernd Arnold hat schier unzählige neue Routen erschlossen, schwierigste und allerschwierigste Wege. Einfach der beste ostdeutsche Kletterer seiner Generation. Über ihn hat Peter Brunnert eine sehr schöne und sehr lesenswerte biografische Dokumentation geschaffen, mit dem vielsagenden Titel „Ein Grenzgang“.

Ein Grenzgang, klar, beim Klettern. Wenn man das Limit am Fels so pusht wie Bernd Arnold, dann ist das logischerweise ein vertikaler Gang an der Grenze. Dann war da die politische Grenze, die sich nicht überklettern liess. Obwohl er häufig Einladungen zu Kletterreisen in den Westen bekam, liess man ihn nie ausreisen. 41 Jahre alt war Arnold im Sommer 1988 und auf dem Zenit seines Klettervermögens. Durch die Fürsprache seiner Freunde Kurt Albert und Wolfgang Güllich ergab sich eine neuerliche Einladung zu einer Expedition des Deutschen Alpenvereins an die Trangotürme im Karakorum. Mit einem konstruierten Verwandtschaftsverhältnis nutze er die Einladung zu einer Silberhochzeit in München zu einer „Beurlaubung“ in den Westen, die ein halbes Jahr dauern sollte. Ein Grenzgang nur für ihn – und auch für Ehefrau Christine zu Hause, die unter behördlichen Schikanen zu leiden hatte, während der Mann zahlreiche schwierige Alpentouren unternahm. Dann eben die Expedition zu den gut 6000 Meter hohen Trango Towers, eine gewaltige Sache, Kletterei auf höchstem Niveau, in jeder Hinsicht. Nur das gute Wetter ist nicht mit von Partie. So scheitern die Deutschen am „Norwegerpfeiler“ am Grossen Trangoturm; dafür gelingt die erste Rotpunkt-Begehung der „Jugoslawenroute“ am Nameless Tower. Niederlage und Sieg. Zuletzt noch fast ein Todesopfer: Beim Materialrücktransport fällt Arnold in eine Spalte – Rettung und Rehabilitation werden nicht nur für ihn zum schmerzlichen Grenzgang, eindringlich beschrieben von Peter Brunnert. Ein Wunder, dass Bernd noch lebt – und wieder klettern kann.

Und so endet das Buch – und einer der Besuche von Brunnert in der Sächsischen Schweiz, natürlich mit Erkletterung von ein paar Gipfeln und mit hochspannenden Dialogen zu Gegenwart und Zukunft in diesem weltberühmten Klettergebiet:

„Inzwischen haben wir Hohnstein erreicht. Am Hoftor in der Max-Jacob-Straβe frage ich Bernd:
‚Und was hast du heute noch vor?‘
‚Ich werde mich jetzt erst mal in die Badewanne begeben, meine Knochen ins warme Wasser legen und froh sein, dass ich über nichts mehr nachdenken muss.‘“

Peter Brunnert: Bernd Arnold – Ein Grenzgang. Eine biografische Dokumentation. Panico Alpinverlag, Köngen 2017, Fr. 39.60, www.panico.de, www.peter-brunnert.de, www.sandsteinblogger.de

Grimsel

Das Buch „Grimsel“ zur Biwak-Ausstellung «Baustelle Fortschritt. Emil Zbinden und der Staumauerbau Grimsel-Oberaar» (bis 19. August 2018) im Alpinen Museum in Bern zeigt grösstenteils bisher unveröffentlichte Bilder und Fotografien der Grossbaustelle im Berner Oberland. Der Blick liegt dabei auf technischen ebenso wie auf sozialhistorischen Aspekten des Baustellenbetriebs.

5. April 2018

„Wir gingen hin, schauten uns um und beschlossen gemeinsam, dem Wachsen dieses Riesenwerkes beizuwohnen, zu versuchen, es festzuhalten in allen seinen Phasen und sozusagen von allen Seiten.“

Das Vorhaben der drei Berner Kunstmalerkollegen Eugen Jordi, Rudolf Mumprecht und Emil Zbinden gelang gut. So gut, dass die Kulturzeitschrift „Du“ ihnen im Mai 1954 das ganze Heft widmete. Ihnen und den Fotografen, die von 1950 bis 1953 den Bau der gigantischen Staumauer Oberaar im Grimselgebiet festhielten. Mehr: Eine Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern und die Publikation „Grimsel“ befassen sich jetzt wieder eindringlich mit dem Thema „Kunst und Bau“. Nicht Kunst am Bau: Eine Staumauer ist eine Staumauer: gross, mächtig, unübersehbar. Und wichtig natürlich auch: ein verlässlicher Energielieferant. Damals und heute erst recht.

Wenn so eine Staumauer gebaut ist, dann steht sie da. Wie sie aber gebaut wurde, von wem und unter welchen Bedingungen: Das ging oft vergessen. Und genau das zeigen nun Buch und Ausstellung. Wie die drei Künstler und die Fotografen Heinz Bysätz, Anita Niesz, Hans Tschirren und Jakob Tuggener den Bau je auf ihre Art dokumentieren, fasziniert mächtig: Die riesigen Betontürme und die Berglandschaft hier, die Arbeiter mit der Bohrmaschine und in der Baracke dort – mal farbig skizziert und aquarelliert, mal schwarz-weiss gestochen scharf. Nochmals Jordi, Mumprecht und Zbinden im „Du“-Heft: „Wir möchten diesen wesentlichen Teil unserer Zeit zeigen: die Technik. Die Technik in Verbindung mit unserer Landschaft, die nun einmal die Berge sind, die Ameise Mensch darin, die Arbeit, die sie physisch und psychisch, planend und ausführend leistet.“ Anders gesagt: Schöne Berg(werk)e.

Grimsel. Staumauerbau im Bild. Werke von Emil Zbinden, Eugen Jordi, Heinz Bysäth, Anita Niesz, Hans Tschirren und Jakob Tuggenert. Mit Texten von Beat Hächler, Anne-Catherine Schröter, Jürg Spichiger, Andrea Tognina und Etienne Wismer. Herausgegeben vom Förderverein Emil Zbinden. Edition eigerArt, Verlag X-Time, Bern 2018, Fr. 25.- www.edition-eigenart.ch

Die Buchvernissage von „Grimsel“ findet am Freitag, 6. April, um 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz statt. Dort ist als Biwak #21 die Ausstellung „Baustelle Fortschritt“ Zeichnungen und Fotos vom Bau der Staumauer Grimsel-Oberaar zu sehen (bis am 19. August 2018). Zudem gibt es spannende Veranstaltungen zum Thema, im Museum selbst und in der Grimselregion: www.alpinesmuseum.ch Der Kunstraum Grand Palais (an der Thunstrasse 3, ein paar Schritte vom Museum entfernt) zeigt noch bis 15. April die passende Installation „Le Grand Dehors“; www.grandpalais.ch

Philosophische Betrachtungen über die Alpen

Der Berg ruft seit (mindestens) 232 Jahren. Damals in einer 32-seitigen Schrift. Heute in Europas grösster Ausstellungshalle, im Gasometer Oberhausen, fern der Berge.

28. März 2018

„So hören wir oft unter uns die bittern Klagen über die nachbarlichen Alpen, wenn unsre Sommer im Verhältnisse zu unsrer südlichen Lage nicht so heiβ, nicht so anhaltend, unsre Nächte nicht so warm sind, als in andern Gegenden, wenn an unsern Hügeln nicht der feurige Wein wächst, wie auf den Gebürgen am Rhein, der Mosel, und der Aar: oder wann der Winter mit verdoppeltem Froste uns härter überfällt, als das übrige nördlichere Deutschland, oder wann ein später Frost unsere Blüthen versenget, oder ein Hagelwetter die Hoffnung des Sommers zernichtet, oder die früher zurückkehrende Kälte die Früchten des Herbstes drückt, dann kömmt all das Unheil von den bösen Nachbarn, den Alpen.“

Schön beschrieben, sehr schön. Ganz nah am Leben erfasst, mit guten Beispielen aus dem Alltag. Es ist ja auch ein Vortrag, aus dem hier zitiert wird. Einer, der heute vor genau 232 Jahren gehalten und der dann gedruckt wurde von Anton Franz, kurfürstlich Hof-Akademie u. Landschaftsdrucker. 32 Seiten, von denen ich bis vor kurzem nichts wusste. Vom Autor auch nichts. Er heisst Stephan von Stengel, mit vollem Name Stephan Christian Freiherr von Stengel (1750–1822), „ein pfälzisch-bayerischer Aufklärer, liberaler Finanz- und Wirtschaftsfachmann im Dienst des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern, Staatsrat und Generalkommissar der Landesdirektion Bamberg, Radierer und Zeichner sowie Mäzen und Kunstsammler“, wie ich auf Wikipedia lese. Und Schriftsteller, müsste noch ergänzt werden. 1775 regte von Stengel, so erfährt man weiter in der digitalen Enzyklopädie, „die Gründung der Deutschen Gesellschaft an, um die Erkenntnisse in Kunst und Wissenschaft einer breiten Leserschaft zu vermitteln und die Schriftsprache zu verbessern“. Nun, diese Sprache beherrschte der Freiherr, schriftlich und eben mündlich.

„Philosophische Betrachtungen über die Alpen. Als die bairische Akademie der Wissenschaften das Andenken ihres glorwürdigsten Stifters Maximilian des Dritten, und den Tag ihrer Stiftung feyerte, in einer öffentlichen Versammlung vorgetragen von Stephan von Stengel, der Akademie ordentlichem Mitgliede, den 28sten März 1786.“ So lautet der vollständige Titel dieser Schrift, die man auch auf https://books.google.ch lesen kann. Ich erhielt sie von Christoph Schwarzenbach vom Buchantiquariat Hegnauer an der Münstergasse in Bern. Eine Pretiose, die einen Platz neben Gottlieb Sigmund Gruners „Die Eisgebirge des Schweizerlandes“ erhalten wird. Ein Werk, so die Fussnote l), das Stephan von Stengel durchaus kannte.

Von den bösen Alpen spricht/schreibt der Freiherr in bayerischen Diensten nur auf den ersten Seiten. Dann zählt er all die Vorzüge der Alpen auf: Wie sie die vom Meer anwehenden Wolken abhalten, wie sie das Wasserschloss für halb Europa sind, wie es mitten in den Bergen wärmer sein kann als am Rande, wie die Luft dort oben rein ist, wie das Vieh auf den Bergrücken Nahrung findet und den Seuchen des Tieflandes entrückt ist, wie die Menschen in den Alpen gesünder und stärker sind. Kurz: Die Alpen „sind die Freunde des Menschengeschlechts“ (Seite 31).

Und: Stephan von Stengel reiste bestimmt in diesem Jahr ins nördlichere Deutschland. Dort, im riesigen Gasometer von Oberhausen, wurde am 16. März die Ausstellung „Der Berg ruft“ eröffnet. Sie, so lese ich auf der Website, „zeigt die Vielfalt der Berge und erzählt von der ewigen Faszination, die diese imposanten Welten in kargen Höhen und dünner Luft auf uns Menschen ausüben. Die Ausstellung lässt ihre Besucher teilhaben an den legendären Erstbesteigungen der berühmtesten Gipfel der Erde, sie berichtet von großartigen Triumphen und dramatischen Niederlagen. Und sie erzählt von der jahrtausendealten Ehrerbietung, mit der Menschen den Bergen begegnen; denn sie waren stets auch Orte religiöser Verehrung, der Zuflucht und Besinnung in Abgeschiedenheit, voller Mythen und Geheimnisse.“ Und über allem wacht ein verkehrt aufgehängtes Matterhorn.

Stephan von Stengel: Philosophische Betrachtungen über die Alpen. München 1786.

Der Berg ruft in Bern: www.hegnauer-antiquariat.ch
Der Berg ruft im Ruhrgebiet: www.gasometer.de/de/ausstellungen/der-berg-ruft

Letzter Versuch

«Herr es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.» Es ist zwar kein Herbsttag, wie in Rilkes Gedicht. Frühling ist es, aber Herbst im übertragenen Sinn. Ein Abschied.

26. März 2018

Nach dem dritten Haken ist Ende. Ich weiss genau, wie das hier geht, doch Wissen allein ist nicht Macht, wie eine Redensart glauben macht. Ich weiss es genau. Hundertmal geschafft. Vielleicht auch nur siebenundsiebzig oder sechsundfünfzig. Das letzte Mal vor acht Jahren: 17. Juni 2010. Ich weiss das, weil mich Marco Volken fotografiert hat. Pizza Buch, die Kultroute. Jeden Griff, jeden Tritt kenne ich im Schlaf. Stelle ich mir vor, wenn ich nicht einschlafen kann. Und jetzt das. Ich weiss genau, wie es geht, aber es geht einfach nicht. Ich kann den Griff nicht halten, es fehlt die Kraft. Die Freunde feuern mich an. Es hat keinen Zweck – das hat Klettern ja ohnehin nicht – und ist man überfordert, erst recht nicht. Es wäre so schön gewesen. Noch einmal wie einst, so leicht und beschwingt und im Bewusstsein: es geht, es geht wie immer. Doch ein Immer gibt es nicht, wie man weiss, aber nicht wahrhaben will.
Es gibt Menschen, die wissen genau, wann es Zeit ist für den Abschied. So wie Rilke in dem wunderbaren Gedicht schreibt. «Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren. Und auf den Fluren lass die Winde los.» Es gibt Menschen, die den Herbst geniessen können. Befreit von allen Zwängen. Ich gehöre offenbar nicht dazu. Ich hadere und weiss doch, dass das alles nur schwerer macht. Es wäre so schön gewesen. Die Bedingungen bestens. Zwei gute Freunde, die Haken sind eingehängt, was alles einfacher macht. Ich fühlte mich gut in Form, obwohl, schon eigentlich zu viel geklettert an dem Tag. Ich wusste, wenn es einen Moment gegeben hat, während den letzten Jahre, dann ist es dieser. Zwei oder drei Versuche hatte ich noch gemacht im Lauf der Zeit, bin zum Schlüsselzug gekommen, gescheitert. Heute kein Hauch einer Chance, auch nur den zu erreichen, zwei Haken weiter oben. Den Zangengriff, den Untergriff, das Zweifingerloch. Die Griffe und Tritte, die sind wie alte Bekannte, Stationen eines Wegs, den man immer wieder gegangen ist. Real und noch viel mehr in Gedanken, in Träumen.
«Die Route ist schwerer geworden», trösten mich die guten Freunde, «abgespeckt, rutschig». Sie schaffen das noch immer leicht, obwohl auch nicht mehr die Jüngsten. Guter Trost ist teuer. Ich weiss doch genau, älter werden ist ein unablässiger Abschied. Heute, morgen, jeder Tag. Viele Abschiede sind mir leichter gefallen. Ein Haus verkauft, eine Arbeitsstelle aufgegeben, einen Beruf verlassen, ein eigenes Unternehmen beendet, Manuskripte in die Schublade gesteckt,eine Mulde mit Möbeln, Geräten, mit Alltagsgegenständen eines langen Lebens gefüllt. Warum mir gerade dieser Abschied so schwer fällt, ist mir letztlich ein Rätsel. Es ist das Irrationale, das mich in diese seltsame felsige Welt treibt, diese tiefe Sehnsucht, deren eigentlicher Grund mir verschlossen bleibt. Für immer wohl.

(Foto Marco Volken)

Bergkrimis, 1. Seillänge

Die Zahl neuer Bergkrimis ist immer noch im Aufstieg begriffen. Aber der Absturz droht unablässig, und das hat mit dem Thema und dem möglichen Tatort zu tun. Grundsätzlich gibt’s nämlich drei Möglichkeiten, warum jemand runterfällt: Unfall, Selbstmord – oder Mord.

23. März 2018

„Unterdessen hatte er den Weg über das Eis eingeschlagen und ich folgte ihm. Mein Herz war zu voll und ich fand keine Worte, um ihm irgend etwas zu erwidern. Aber während ich ging, erwog ich die verschiedenen Umstände, deren er Erwähnung getan, und beschloß, zum mindesten seine Geschichte anzuhören. Hauptsächlich war es Neugierde, die mir diesen Entschluß eingab, aber auch ein schwaches Gefühl des Mitleids mengte sich hinein. Ich hatte ihn bisher für den Mörder meines Bruders gehalten und war begierig, aus seinen Worten eine Bestätigung oder Widerlegung dieser Ansicht zu vernehmen.“

Der Mörder? Am Berg! Genau. Der Ur-Berg-Krimi sozusagen. Und Weltliteratur. „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ von Mary Shelley. Sie verfasste den Roman 1816/17, er erschien erstmals am 1. Januar 1818. Der Roman erzählt die Geschichte des jungen Schweizers Viktor Frankenstein, der an der damals berühmten Universität Ingolstadt einen künstlichen Menschen erschafft. Und dieser für Unruhe und Untaten, am Salève bei Genf und auf dem Mer de Glace ob Chamonix. Am Berg eben. Ein Ausschnitt aus „Frankenstein“ markiert den Einstieg in die Anthologie „Gefährliche Ferien. Die Alpen“. Allerdings wird darin dem Titel nicht immer Genüge getan. „Eigermönchundjungfrau“ von Alex Capus spielt in Bern, Veit Heinichens Beitrag in Triest. Was dafür eher fehlt, sind alpinistische Texte von heute zu den gefährlichen Alpen: von Emil Zopfi zum Beispiel oder von Volker Klüpfel/Michael Kobr. Immerhin: Jörg Maurer tritt auf, und der von Laura de Weck inszenierte Dialog zwischen der Verkäuferin in einem Sportgeschäft in den Bergen und dem potentiellen Nacktwanderer – nicht Mörder! – ist herzerwärmend.

„Markus Schmitz wurde in der Silvesternacht in Murnau getötet. Wo waren Sie denn in der Silvesternacht?“
„Allein auf dem Zahn.“
„Wo, bitte?“, fragte Kathi.
„Hoch über dem Graswangtal. Der Berg sieht aus wie ein überdimensionaler Backenzahn mit ein bisschen Karies vielleicht.“

Ausschnitt aus dem Verhör, das Kommissarin Kathi Reindl mit der verdächtigen Bettina Gerstner führt, im jüngsten Alpen-Krimi von Nicola Förg: „Rabenschwarze Beute“. Wie schon in den letzten Krimis geht es auch wieder ums Tierwohl bzw. –elend. Um Vögel mit Federn diesmal, die massenhaft an den von Menschen errichteten Konstruktionen verenden. Aber es geht auch um schräge Vögel, die aus Gier und Rache alles daran setzen, dass Mitmenschen nie mehr zu einem Höhenflug oder einer Hochtour ansetzen können.

„Das Trio hatte ebenfalls die Besteigung des Piz Beverin vorgenommen. Frank wäre allerdings jede Wette eingegangen, dass sie niemals den Gipfel erreichten. Die schlagen sich gegenseitig den Schädel ein, bevor sie oben auf dem Heidbüel sind, dachte er verächtlich.“

Und wie! Denn wandern kann ganz schön gefährlich werden. Da kommt das Monster über den Gletscher gerannt, dort wartet der Mörder hinter der nächsten Wegbiegung. Oder die Mörderin. Monster gibt es im Erstlingskrimi „Tod am Piz Beverin“ von Rita Juon nicht, die andern aber schön. Potentielle und wirkliche. Oder rutschte der deutsche Tourist am Beverin einfach aus? Der Weg vom Hoch Büel auf den berühmten Piz jedenfalls ist verdammt abschüssig. Ein kleiner Fehltritt genügt.

„Grundsätzlich gibt’s drei Möglichkeiten, warum jemand runterfällt: Unfall, Selbstmord oder Mord.“

Erklärt Polizist Bär der Privatdetektivin Pallas im Krimi „Alpenfrauen. Fall zwei für die unwiderstehliche April Pallas“ von Daniela Schwenk. Das Cover mit den verschneiten Dauphiné-Alpen, dem Warnschild „Achtung Absturz“ und dem Titel verspricht einen hochspannenden Bergkrimi. Dieser hier ist hauptsächlich in Zweisimmen angesiedelt, und die Gipfel im Simmental sind halt nicht ganz so markant und mörderisch wie Barre des Écrins und Meije. Aber abstürzen ist auch am Niderhorn möglich. Nach einem Fall über eine höhere Wand wird man freilich kaum mehr einen Unterschied der drei oben erwähnten Absturzursachen feststellen können. So viel sei verraten: Es war Mord.

„Der Klettersteig forderte einiges an Geduld und Diskussionen, denn dort waren trotz der frühen Stunde bereits zwei Familien mit Kindern und drei bis an die Zähne ausgerüstete Klettersteig-Anfänger unterwegs.“

Auch in einem Klettersteig kann man runterfallen, wenn auch nicht allzu tief, wenn das Klettersteigset korrekt montiert wurde. Die Verletzungsgefahr allerdings ist mächtig. Das gilt auch bei der Handhabe mit einem Beil, insbesondere dann, wenn es gegen den Kopf geführt wird, wie in „Verraten. Monika Trautners 2. Fall“ von Irmgard Braun. Die Fallhöhe eines Beils musste der bergbegeisterte Oliver Baudel erfahren, bei einem Fest an Tegernsee. Kletterdetektivin Trautner und ihr Enkel Liam ermitteln in den Bayerischen Alpen, am Lago di Garda (mit seinen berühmten Vie ferrate) und in den Dolomiten. Zum Showdown kommt es dann auf der Skitour am Aiplspitz, dessen Gipfel teilweise mit einem Drahtseil erklommen wird. Es ist die Schlüsselstelle, und genau dort wartet ein Monster auf Monika.

„Vom Wanderweg, auf dem er eine Strecke weit gelaufen war, war bald einmal nichts mehr zu sehen. Einen vorgespurten Schneeschuhpfad gab es längst nicht mehr. Immerhin sah er die dick verschneiten Weiden und Erlen am Rottenufer.“

Eigentlich hätte Kriminalpolizist a. D. „Kauz“ Walpen, ein Üsserschwiizer mit Gommer Wurzeln, der in Münster seinen Ferienwohnsitz hat, gar nicht mit Schneeschuhen über die Rottenebene von Reckingen nach Münster stapfen dürfen, im Kriminalroman „Gommer Winter“ von Kaspar Wolfensperger. Erstens nicht wegen drohender Lawinengefahr. Und zweitens, ja: Waren in den letzten Tagen nicht schon Schneeschuh- und Langläufer auf mysteriöse Art und Weise gestorben? Doch! Walpen, der Ermittler wider Willen, ist dem Täter oder der Täterin auf der Spur, auch im tiefen Schnee. Oder gar er bzw. sie ihm? Geschickt verbindet Wolfensperger kriminalistisches und literarisches Knowhow mit der Gommer Berglandschaft und Gesellschaft. Und das bereits zum zweiten Male. Denn „Gommer Winter“ ist der Folgeband von „Gommer Sommer“. Nun warten wir auf den „Gommer Frühling“. Auch als Geschichte zum Lesen.

Anna von Planta (Hrsg.): Gefährliche Ferien – Die Alpen. Diogenes Verlag 2017, Fr. 15.- www.diogenes.ch
Nicola Förg: Rabenschwarze Beute. Pendo Verlag 2018, Fr. 24.- www.piper.de
Rita Juon: Tod am Piz Beverin. Orte Verlag, Fr. 26.-, www.orteverlag.ch
Daniela Schwenk: Alpenfrauen. Fall zwei für die unwiderstehliche April Pallas. Ulrike Helmer Verlag 2017, Fr. 28.- www.ulrike-helmer-verlag.de
Irmgard Braun: Verraten. Monika Trautners 2. Fall. Rother Verlag 2017, Fr. 18.- www.rother.de
Kaspar Wolfensberger: Gommer Winter. Bilgerverlag, 2018, Fr. 40.- www.bilgerverlag.ch

Lesungen:
Freitag, 23. März 2018, 20.15: Rita Juon liest aus ihrem Krimi „Tod am Piz Beverin“ im Buachlada Kunfermann in Thusis; www.buachlada-kunfermann.ch
Freitag, 23. März 2018, 18.30: Kaspar Wolfensberger liest aus seinen beiden Gommer Krimis im Rahmen des Krimiabends mit mehreren Autoren am Literaturfest Luzern; www.literaturfest.ch/programm

La marche – Karl Spazier

Ambulo ergo sum. Je marche donc je suis. Ich gehe, also bin ich. Das kann man lesend erfahren. In der Jubiläumsausgabe der Kulturzeitschrift «L’Alpe». Und sicher auch mit «Wanderungen durch die Schweiz» von 1790, die neu aufgelegt wurden. Der Autor heisst – Karl Spazier.

15. März 2018

«Marcher pour vivre ou vivre pour marcher, au fil de l’histoire, au gré des parcours de vie, nous oscillons à chacun de nos pas entre ces deux réalités.»

So schliesst Olivier Cogne, Direktor des Musée dauphinois in Grenoble, das Editorial zur Jubiläumsausgabe der Zeitschrift „L’Alpe“. Das eben erschienene 80. Heft dieser dicken und schönen alpinen Kulturzeitschrift widmet sich auf 60 Seiten dem Gehen, dem nützlichen, dem erzwungenen, dem fröhlichen Sich-Fortbewegen auf zwei Füssen. Den eigenen und vielleicht auch fremden, wie das Cover jedenfalls ironisch zeigt: eine lächelnde Berglerin, die einen ängstlichen Kunstmaler auf dem Rücken über eine schmale Holzstammbrücke trägt. «Es geht ganz gut so», scheint sie den Betrachtern zuzuzwinkern. Der Wiener Maler Imre Maria Benkert schuf 1858 diese mit «Eine moderne Reiseart» betitelte Lithografie.

«Aujourd’hui, autoroutes et routes asphaltées nous font oublier que la marche fut notre principal véhicule», heisst im grossen Aufsatz mit dem Titel «Je marche donc je suis». Ich gehe, also bin ich. Ambulo ergo sum. Pierre Gassendi erfand diese Formel im Jahre 1592, die damals – und für viele Leute noch heute: Bergbauern und Bergsteiger, Zivilisationsflüchtende und Asylsuchende – wichtiger und lebensentscheidender war bzw. ist als die berühmte Formel «Ich denke, also bin ich». Ein anderer Beitrag in der Jubiläumsnummer geht der Frage nach, ob das Gehen eine «invention littéraire» sei und gibt die Antwort mit Texten von Conrad Gesner, Johann Wolfgang Goethe und George Sand.

Kurz: Ein spannendes Heft. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sechs Seiten dieser Forderung nachgehen: «Sauvons le Musée alpin suisse». Gut, wenn das in seiner Existenz bedrohte Alpine Museum der Schweiz in Bern solch fundierten Support erhält. Deshalb: Wer die Petition zur Rettung noch nicht unterzeichnet hat – voilà: http://rettungsaktion.alpinesmuseum.ch/

Und dann noch dies, wunderbar passend zum Titelbild mit dem ängstlichen Kulturtouristen. Im Jahr 1789 besuchte Karl Spazier, Schriftsteller, Liederkomponist, Opernsänger und Erzieher aus Leipzig, die Schweiz und das angrenzende Frankreich. Zu Fuss, per Kutsche und mit dem Schiff. Von Basel nach Bern, von Bern an den Genfersee, durch das Berner Oberland via Entlebuch in die Zentralschweiz und weiter nach Zürich, Schaffhausen, Basel. Die Reise hielt Spazier im 1790 erschienenen und nun neu aufgelegten Buch «Wanderungen durch die Schweiz» fest. Zum Beispiel seinen Besuch in Meillerie, berühmt geworden durch den Briefroman «Julie ou la Nouvelle Heloïse» von Jean-Jaqcues Rousseau. «Um sieben Uhr war ich schon in Meillerie, einem schmalen, unreinlichen Fischerorte», notierte der Autor und störte sich an den kotigen Strassen und den grunzenden Schweinen. «Das thut wehe, denk’ ich, obgleich die unschuldigen Säue nichts dafür können, daß man die Heloise gelesen hat.» Dann wanderte Spazier mit einem Führer (die Einheimischen wollen und sollen ja auch am Tourismus verdienen) zum Rousseau-Stein oberhalb des Dorfes. Dorthin also, wo der Romanheld St. Preux sass und mit feuchten Augen über den See zu seiner geliebten Julie blickte – ein Handy gab es ja damals noch nicht, um ein SMS zu schicken. Aber oh je, der wandernde Tourist aus Deutschland geriet vom sicheren Weg und in vermeintliche Todesgefahr, aus der er sich mit der Hilfe des Führers befreite. «Mit bebendem Knie stieg ich hinab, und dankte Gott aus vollem Herzen, wie wir wieder in Meillerie waren. Nun that es mir unaussprechlich wohl, daß ich die Schweine wieder grunzen hören konnte.»

L’Alpe, N° 80, printemps 2018: La marche. Utile, forcée, joyeuse. Un dossier. Éditions Glénat, Grenoble 2018, Fr. 26.- www.lalpe.com; www.lalpe.com/allemand/

Karl Spazier: Wanderungen durch die Schweiz. Gotha 1790. Neu herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von René P. Moor; 2 Bände, Edition Wanderwerk, Burgistein 2018, Fr. 26.- www.wanderwerk.ch

Glarner Wunderland

Da gat eim z‘Härz uf, beim Anschauen des Bildbandes «Glarner Wunderland». Warm ums Herz wird es einem aber auch heute Dienstag, 6. März, wenn zu Ehren des Kantonsheiligen Fridolin am Abend die Fridlisfüür angezündet werden.

6. März 2018

Hüttenzauber
Auf grüner Matte wartet die Fridolinshütte auf die Gipfelstürmer, mit Herzen auf dem Fensterbrett und Kuchen auf dem Buffet. Seit 1923 steht sie an diesem Platz.“

Heute Dienstag, am Namenstag von Fridolin, dem Kantonsheiligen von Glarus, werden die weiss-rot-schwarzen Fensterläden der Fridolinshütte (2109 m) am Tödi dicht verriegelt sein, und Kuchen wird es dort erst wieder im Sommer geben. Am 6. März werden Gipfelstürmer in anderen Hütten Kaffee & Kuchen geniessen, zum Beispiel im Ortstockhaus ob Braunwald, 1931 realisiert von Hans Leuzinger; seit dem Sommer 2016 erstrahlt das denkmalgeschützte Haus mit seiner halbrunden Form in neuem Glanz. Bei Sonnenschein gibt es kaum einen schöneren Platz im Glarnerland, um auf Fridolin (und überhaupt) anzustossen. Am Abend jedoch sollte man sich an einem der Fridolinsfeuer im Tal unten erwärmen. Die Fridlisfüür, wie die Glarner sie nennen, gehören ursprünglich zu den vorchristlichen Frühlingsfeuern; sie sollen den Winter vertreiben und den Frühling ins Land einziehen lassen. Hoffen wir also auf ihre Wirkung nach den zu kalten und zu schneereichen Tage der letzten Zeit.

„Glarner Wunderland. Von den Gipfeln bis ins Tal“: So heisst ein neuer, querformatiger Bildband mit Fotos von Maya Rhyner und Michèle Albrecht, Texten von Claudia Kock Marti und einem Vorwort von Emil Zopfi. 220 Seiten vollgepackt mit stimmungs- und verheissungsvollen Fotos von diesem eher kurzen, aber tief eingeschnittenem Alpental, das vom Tödi bis an den Rand der Linthebene hinunter reicht. Zu bieten hat der Zigerschlitz, wie das Tal auch genannt wird, ganz viel. „Glarner Wunderland“ zeigt dies eindrücklich: vom höchsten Gipfelkreuz bis zum Grüeziweg ob Ennenda; vom eiskalten Wildmadsee ob Elm bis zum Sandstrand bei Gäsi am Walensee; von den Rauti-Arven zu den Richisau-Ahornen; vom Vrenelisgärtli bis zum Veloweg von Linthal nach Ziegelbrücke, genannt Fridliweg. Anders gesagt: auf ins Glarnerland! Wenigstens zu seine schönsten Buchseiten. Fridolin wird sich freuen.

Maya Rhyner, Claudia Kock Marti, Michèle Albrecht: Glarner Wunderland. Von den Gipfeln bis ins Tal. Vorwort von Emil Zopfi. Baeschlin, Glarus 2017, Fr. 58.- www.baeschlinverlag.ch

Fridolinsfeuer finden am 6. März unter anderen an folgenden Orten statt: Elm, Haslen, Mitlödi, Schwanden, Schwändi und Sool.

Das Päckchen

Happy Birthday! Heute feiert Franz Hohler seinen 75. Geburtstag. Sicher mit Blumen, Grüssen, Grussartikeln (z.B. WOZ) und vielleicht auch einem Päckchen. Und wenn nicht, so heisst doch wenigstens sein letzter Roman so. In dem vieles verschwindet, zum Beispiel auch ein Mann auf der Abfahrt zur Schreckhornhütte.

1. März 2018

„Vor vier Tagen bin ich sechzig geworden.“

Der erste Satz in Franz Hohlers Buch „52 Wanderungen“, das 2005 herausgekommen ist. Ein Jahr lang machte sich der Autor auf den Weg und ging durch sein Heimatland, spazierend, wandernd und kletternd, einmal pro Woche. Die erste Tour führte in sihlaufwärts. Oft war er allein unterwegs, allein mit sich, seinen Gedanken, seiner Neugier, seinem Skizzenblock.

Allein unterwegs sein. Darum geht es auch im jüngsten Buch von Franz Hohler, dem Roman „Das Päckchen“. Ausschnitt von Seite 115:

„Hast du den Fehler schon herausgefunden?“
„Ich glaube schon“, sagte Ernst, „willst du mal schauen, wie man vom Jungfraugebiet zur Schreckhornhütte kommt?“
Jacqueline schüttelte den Kopf. Sie war keine Kartenleserin. „Hat er eine falsche Route genommen?“
„Nicht unbedingt“, sagte Ernst, „das Obere Eismeer hat er jedenfalls erreicht. Aber –„
„Aber?“
„Aber allein. Das war sein Fehler.“

Und dann ist Ernst Stricker auf dem Weg, den gleichen Fehler zu machen. In den Bergen, aber auch im Alltag. Alles nur wegen eines mysteriösen Telefonanrufes und in der Folge eines Päckchens mit einem kostbaren Inhalt, einer verschollenen Handschrift aus dem 8. Jahrhundert. Die Hauptfigur ist Bibliothekar und Bergsteiger, glücklich verheiratet mit Jacqueline. Bis er eben unvermutet und ungewollt in diese Geschichte mit dem Päckchen hineinschlittert, wie auf frisch gefallenem Schnee. „Warum er den Hörer abgenommen hatte, konnte er sich später nicht mehr erklären.“ Mit diesem Satz beginnt der neue Roman. Er erinnert an denjenigen der ersten Geschichte von Franz Hohler, die im Dezember 1972 in „Westermanns Monatshefte“ abgedruckt wurde: „Am Rand von Ostermundigen steht ein Telefon.“ So heisst auch die Erzählung selbst und der Erzählband: „Der Rand von Ostermundigen.“

Lang ist’s her. Viele wunderbare Bücher hat Franz Hohler geschrieben, „immer höher“ (Titel des Bergbuches von 2014) ist der Stapel geworden. Und nun also das Päckchen. Das aufgemacht wird, Schicht um Schicht. So verfährt auch dieser Roman. Denn der Autor verbindet geschickt die Geschichte von Ernst und Jacqueline mit derjenigen der Frau, deren Mann alleine mit Ski vom Jungfraugebiet zur Schreckhornhütte unterwegs war. Und mit dem Mönch Haimo, der das so kostbare Buch schuf, ein lateinisch-althochdeutsches Wörterbuch. Auf einem Berg, im Kloster Montecassino südlich von Rom, vereinigen sich beide Erzählstränge. Es ist das 25. Kapitel.

Franz Hohler wird heute, am 1. März 2018, auch ein Päckchen erhalten, bestimmt sogar mehrere. Den eingangs zitierten Satz zu den wöchentlichen Wanderungen schrieb er nämlich am 5. März 2003.

Lieber Franz: Alles Gute zum 75. Geburtstag!

Franz Hohler: Das Päckchen. Luchterhand Verlag, München 2017, Fr. 30.-, www.luchterhand-literaturverlag.de