Schweizer Bankgeheimnisse

Das Bankgeheimnis ist tot, Datenbanken werden laufend von Hackern geknackt. Nur das Geheimnis der Ruhe- und Sitzbänke, landauf landab von Verschönerungsvereinen (und manchmal auch Banken) gestiftet, bleibt bestehen. Hier wird es in 319 Fällen gelüftet – Liebespaare, Rentner, Ruhebedürftige, macht euch auf die Socken! Vielleicht hat’s ja noch Platz.

18. April 2015

Cover Schweizer Bankgeheimnisse„Glücklicherweise leben wir nicht nur im Land der Banken, sondern auch im Land der Sitzbänke. Zu Tausenden sind sie über die Schweiz verteilt und gewähren den Spaziergängern und Wanderinnen wohltuende Rast. Es ist doch immer wieder ein schönes Gefühl, sich hinzusetzen, wenn möglich anzulehnen, die müden Beine von sich zu strecken, das Gesicht der Sonne zuzuwenden, den Blick in die Ferne schweifen und die Seele baumeln zu lassen.“

Heisst es im Vorwort zu einem neuen Wanderführer, der sich auf überraschende, witzige und gekonnte Art einem Thema angenommen hat, das schon seit Jahren und – so scheint es – immer heftiger für rote Köpfe sorgt, dies aber nicht wegen des Wanderns: das Schweizer Bankgeheimnis. Mit dieser neuen Publikation ist es aufgehoben worden. Wenigstens in 319 Fällen. Denn so viele Schweizer Bankgeheimnisse verrät uns Reto Weber in seinem Wanderbuch, und das auf 33 Touren quer durch die Schweiz. Macht im Durchschnitt 10 Bänke pro Ausflug. Banken hat es manchmal auch, wie beim Spaziergang durch Zürich. In einer solchen Bank könnte man auch verweilen, jedenfalls, wenn man noch Scheine statt Schinkenbrote im Rucksack mitträgt. Doch auf der andern Bank ist es viel gemütlicher, und die Fotos zeigen wirklich besuchenswerte Sitzgelegenheiten zwischen Port d‘Ouchy und Stein am Rhein. Aufpassen muss man höchstens, dass sich dadurch die Dauer der Wanderung beträchtlich erhöhen kann.

„Schweizer Bankgeheimnisse“ reiht sich (in den vorderen Rängen) ein bei all den thematischen Wanderführern, die seit Jahr(zehnt)en Konjunktur haben. Zählen wir ein paar auf, von A bis Z:

Alpwandern. Alpinwandern. Architekturwandern. Autowandern (zum Beispiel mit „Der Automobilist als Wanderer“ von Wanderwegpionier Jakob Ess aus dem Jahre 1958). Badewandern. Bahnwandern (mit dem schönen Titel „Neben den Gleisen“). Barfusswandern. Baumwandern. Bergab- und Bergaufwandern (warum nicht beides?). Biwakwandern (Schlafsack nicht vergessen!). Burgenwandern. GA/Halbtaxwandern (jetzt noch machen, ab Sommer gibt es nur noch den roten Swiss Pass). Genuss- und Gourmetwandern (beim zweiten ist die Speisekarte um einige Gänge wichtiger als die Landeskarte). Gipfelwandern (nicht im Kanton Genf, da hat es eigentlich keine). Hüttenwandern. Höhenwegwandern. Höhlenwandern (Stirnlampe mitnehmen!). Hotelwandern. Industriewandern. iPad-Wandern. Kapellen- und Kraftortwandern. Kinder- und Kinderwagenwandern (nicht ganz das gleiche). Klimawandern. Kultur- und Literaturwandern (Theodor Fontanes fünfbändiges Werk „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ braucht mit dem Kindle weniger Platz). Moorwandern. Museenwandern (geht auch bei Regen). Nacktwandern (bitte nicht im Kanton Appenzell!). Naturparkwandern. Partisanen- und Politwandern (rote Socken sind ein Muss). Passwandern. Pilgern. Stadtwandern. Wasser- und Weinwandern (gesünder wahrscheinlich beide „W“). Weitwandern. Widmerwandern. Zurückwandern.

Es hat kein Ende – doch, am Schluss: Rollatorwandern. Aber vorher gehen wir noch Bankwandern. Da kann man auch gut ruhen.

Reto Weber: Schweizer Bankgeheimnisse. 33 Wanderungen und Spaziergänge zu schön gelegenen Sitzbänken in der Schweiz. Ott Verlag, Bern 2015, Fr. 38.-

Falesie di Gudo

Ein neues Klettergebiet im Tessin besucht. Ein Idyll zum Verweilen, zum Klettern eher gewöhnungsbdürftig.

17. April 2015

20150416_135044«Benvenuti al Canyon». So freundlich sind wir noch nie in einem Kettergebiet begrüsst worden. Canyon ist ein Sektor der Falesie di Gudo. Die Felsen hoch über der Magadinoebene sind vom Tal aus kaum sichtbar und erst vor wenigen Jahren von Tessiner Kletterern erschlossen worden. Aber nicht geheim gehalten, wie das in der Gegend einst üblich war. Im Gegenteil. Die Topos zum Herunterladen auf dem Internet beschreiben Anfahrt und Zugang im Detail, der Weg durch den Kastanienwald ist sorgfältig angelegt, alle paar Meter weisen kleine rotweisse Pfeile die Richtung – auch in Gegenrichtung!, man muss ja das Auto wieder finden – und dann das Täfelchen an einem Baum zur Begrüssung.
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20150416_123158Unter den bizarren Felsformationen des «Canyon» ist ein Rastplatz eingerichtet, mit Tisch und Bänken und selbst der Aschenbecher aus Granit fehlt nicht. Die Routen sind weithin sichtbar in gelber Farbe und grossen Buchstaben an die Einstiege geschrieben, mit Schwierigkeitsgrad. Haken, Umlenkungen – hier stimmt alles und auch das Ambiente. An den Birken und Kastanien spriesst das erste Grün, lässt den Blick noch frei über die Ebene und zum Ceneri, hoch am Himmel kreist ein Adler, am Fuss der Wand windet sich eine junge Ringelnatter. Idyll! Idyll! Hier hat jemand mit Hingabe und Sorgfalt einen kleinen Kletter-Freizeitpark eingerichtet und für die Klettergemeinde zur Verfügung gestellt.
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20150416_110558In dieses Paradies fällt nur winziger Wermutstropfen: Die Kletterei. «La roccia, sebbene non sia fra le migliori de Cantone, offre vie molto variate e mai banali», hat schon das Topo die Erwartungen etwas gedämpft. Vielleicht haben wir auch nicht gerade unsere Sternstunde getroffen, finden wir doch die Routen, die wir kletterten, na ja, nicht eben hinreissend, mal horrible Einzelstellen, mal ein Band, auf das man nicht fallen möchte, mal glatte Auflegergriffe, die Bewertungen ziemlich hart. Den Fels kann man halt nicht ändern und Klettern ist eine subjektive Angelegenheit. Der eine bricht sich die Finger, der andere leckt sie vor lauter Genuss. Das Gebiet ist sicher gewöhnungsbedürftig. Uns Verwöhnten fehlt wohl etwas die Geduld.

Klettern Alpensüdseite

Vor Jahren galten die Tessiner Klettergebiete als streng geheim, nur die lokalen Scoiattoli wussten wo und wie es die Wände und Platten hochging. Tempi passati. Heutzutage herrscht auf den Granitplatten von Ponte Brolla und anderswo oft Stau wie zu Ostern am Gotthard. Dank Bohrmaschine, sonnenhungrigen Freaks und rührigen Topo-Verlegern gibt es doch immer noch Neues und vorläufig Unbekanntes zu entdecken.

11. April 2015

Cover extrem SUD„Spät in der Nacht brachte uns die Post nach Bellinzona. Tags darauf ging es weiter nach Magadino und über den obersten Theil des Langensees nach Locarno. Hier schien sich das Wetter wieder zum Bessern zu wenden, so dass ich beschloss sofort in die Berge zurückzukehren und mit der Heimreise einen Besuch des Pizzo Basodine zu verbinden. Nachdem Trösch mit einiger Mühe von dem lebensfrohen, welschen Treiben sich losgerissen hatte, führte uns der Weg in der Abendkühle nach der landschaftlich, wie geologisch und botanisch merkwürdigen Schlucht von Ponte Brolla, wo tief unten der krystallhelle, blaugrüne Fluss durch schneeweissen scharfkantigen Fels sich einen gewundenen Kanal eingefressen hat.“

Der diesjährige Osterstau am Gotthard ist vorbei, auf geht’s in Tessin! Der Basler Wilhelm Bernoulli stimmt uns mit seinen „Streifzügen im Gotthard-, Adula- und Tessingebiet“ aus dem siebten Jahrgang des „Jahrbuch des Schweizern Alpenclub“ von 1871/72 bestens ein. Als Botaniker und Alpinist nahm er die Landschaft bei Ponte Brolla wahr, aber noch nicht als Kletterer. Die hohen Gipfel riefen, wie der Basòdino zuoberst in der Vallemaggia. Heute ist das etwas anders. Heute locken die scharfkantigen bis glattgeschliffenen Felsen, von Ponte Brolla taleinwärts bis – ja, bis fast zum Berg, den Bernoulli und der Urner Bergführer Joseph Maria Trösch dann doch nicht besteigen konnten, weil das Wetter nicht mitmachte. Am Südfuss des Basòdino liegt das Rifugio Piano delle Creste der Società Alpinistica Valmaggiese, und in seiner Nähe befinden sich drei kleine Klettergebiete. Ein Ziel allerdings für den Sommer. Doch gibt es genügend andere im Frühling – und wie!

Zwei neu erschienene Kletterführer entführen uns auf die Alpensüdseite. Einmal „extrem SUD“ aus dem berühmten Hause Filidor. 13 Jahre sind seit der Erstausgabe vergangen, nun halten die Kletterer und Kletterinnen, die es gerne schwierig und mehr mögen, wieder ihr Lieblingsbuch für sportliche Ausflüge zu den Felsen zwischen Domodossola, Locarno, Bellinzona und Lecco in den Händen. Gewohnt übersichtlich und klar geordnet, fehlt es an Nichts in diesem Werk. Und wer denn alle Felsen im Ticino aus der Nähe gegriffen hat, sollte mal ins Val di Mello fahren, das europäische Yosemite Valley.

Cover Varese e Canton Ticino„Varese e Canton Ticino Falesie“ von den Edizioni Versante Sud, also vom norditalienischen Pendant zum berneroberländischen Filidor, richtet sich nicht nur an extreme Climber, sondern auch an die Plaisirkletterer. Das macht der 2011 herausgekommene Filidor-Führer „plaisir SUD“ natürlich auch. Doch zurück zum Konkurrenzprodukt aus der Reihe „Luoghi verticali“. Darin werden mit der Region Varese auch Klettergebiete vorgestellt, die hierzulande kaum bekannt sind. Zum Beispiel Maccagno direkt am Lago Maggiore: „Interessante Linien, ein bemerkenswertes Panorama und gemütliche Bänke erlauben genussvolle Klettertage mit der gesamten Familie.“ Andiamo! Von Bellinzona bringt uns der Zug über Magadino in nur 38 Minuten dorthin.

Sandro von Känel: extrem SUD. Deutsch, Italienisch, Englisch. Edition Filidor, Reichenbach 2014, Fr. 48.- www.filidor.ch

Matteo Della Bordella, Davide Mazzucchelli: Varese e Canton Ticino Falesie. Oltre 50 siti di arrampicata a Varese, Lugano, Bellinzona, Biasca, Val Bedretto, Val Maggia e Locarno. Mit deutscher Übersetzung. Edizioni Versante Sud, Milano 2015, € 30.- www.versantesud.it

Wolkenmeer

Ich nime no’n Campari Soda
Wiit unter mer liit s’Wolkemeer
De Väntilator summet liislig
Es isch als gäbs mich nüme mee
Ich gsehn dur s’Fäischtr zwei Turbine
S’Flugzüg wankt liecht i de Luft
Dur s’Mikrofon seit de Copilot:
“On your left you can see Gärstenhorn, Wildgärst and Schwarzhorn over the clouds”
Und so tönt das Bild: www.youtube.com/watch?v=SbiNX8AFVsI
Bei der Mutthornhütte, 6. April 2015.

wildgärst

Trockenmauern

Fast so schwer wie ein Stein in einer Trockenmauer ist das besprochene umfassende Buch über die steinernen Kunstwerke, die fast unbeachtet die Landschaft schmücken und stützen. Lebenswelt für Pflanzen und Tiere, für Menschen, die von Terrassenkulturen lebten, schweisstreibendes Menschenwerk und fast selber Teil der Natur.

4. April 2015

RZ2a_Flyer.16.05.14.indd„Trockenmauern und Terrassenlandschaften sind ein kleines, aber sehr relevantes Beispiel dafür, dass der Mensch die Natur stark verändern kann, ohne sie zu zerstören. Unsere postmoderne Gesellschaft, die dies in allen Bereichen neu lernen muss, kann anhand solcher Beispiele sehr konkret erfahren, dass menschliche Naturveränderungen nicht automatisch ökologische Probleme verursachen, sondern der Mensch die Verantwortung für die dauerhafte ökologische Stabilisierung der von ihm veränderten Natur übernimmt.“

So setzt Prof. Dr. Werner Bätzing den Schlussstein unter seinen grundlegenden Essay „Leben in den Alpen – mit Zukunft?“, darin er sich mit den Trockenmauern in den Alpen befasst. Mit jenen Mauern also, die aus Steinen erbaut wurden, und zwar trocken, ohne Mörtel oder Zement. Einfach Stein auf Stein und Stein auf Stein. Aber was heisst da einfach? Kunstvoll ist das richtige Wort. Wie in der Trockenmaueranlage im Rebberg Clos de la Conchetta bei Sion, die als eindrücklichste Anlage des Wallis, der Schweiz, ja vielleicht der Welt gilt: Die bis zu 280 Meter langen Mauern sind je nach Stelle zwischen 12 und 22 Metern hoch. Nicht ganz so hoch, dafür freistehend ist der um 1840 erbaute Eisenbahndamm von Cei Mawr der Ffestiniog Railway in North Wales: 19 Meter. Einst fuhren die Güterzüge der Schieferbergwerke darüber, heute sind es Passagierzüge. An der alten Gotthardbahnlinie gibt es ähnliche verblüffende, intakte Trockenmauern, und die durch Mauern entstandenen Terrassenlandschaften von Linescio oberhalb Cevio in der Vallemaggia gehören zum Eindrücklichsten und Schönsten, was man im Tessin bewundernd erwandern kann. Oder muss ich schreiben: konnte? Denn Trockenmauern sind halt manchmal doch nicht für die Ewigkeit gebaut, sondern bedürfen der Pflege.

Nun hat die Stiftung Umwelt-Einsatz Schweiz ein Buch herausgebracht, das alles umfasst, was es zum Thema zu sagen, zu beschreiben und zu zeigen gibt. Eine von Fachleuten klar und verständlich verfasste, mit tollen Fotos und Zeichnungen illustrierte Publikation im Format 20 auf 30 Zentimeter, gut 1900 Gramm schwer; fast wie schön behauener Stein, den man oben drauflegt auf ein Trockensteinmäuerchen. Schlicht ein grosses „T“ steht auf dem Cover und auf dem Rücken des Buches, simpel und stilvoll wie die Mauern und Treppen, Gebäude und Brücken, denen es sich widmet. Kurz: das papierene Standardwerk für die steinernen Kunstwerke.

Auf 470 Seiten steht von Anfang bis Abspann alles drin über Trockenmauern. Wie man sie macht (und nicht), wie man zusammen arbeitet, wie sie entstanden sind und welche Bedeutung sie haben, welche reichhaltige Flora und Fauna sie beherbergen (so die Echte Osterluzei und den Osterluzeifalter), wo grossartige Beispiele zu besichtigen sind (eben zum Beispiel der Clos de la Conchetta bei Sion). Das wär doch ein Ausflug für den Ostermontag. In diesem Sinne: Ob zu Hause im Trockenen oder am Fuss einer Trockenmauer in den Sonnenstuben der Schweiz – frohe Ostern!

Stiftung Umwelt-Einsatz Schweiz (Hrsg.): Trockenmauern. Grundlagen, Bauanleitung, Bedeutung. Haupt Verlag, Bern 2014, Fr. 110.- www.haupt.ch, www.trockenmauerbuch.ch

In der Efeugrotte

Ein einzigartiges Klettergebiet in Finale, gut für Schatten an heissen Tagen. Mit kalten Fingern an den senkrechten Fels geklammert – wie Efeu.

3. April 2015

20150328_102719Mit Stirnlampen ausgerüstet klimmen wir über schmieriges Blockwerk höher, ziehen uns an vergammelten Fixseilen über Steilstufen hinauf. Rutschig und lehmig der Grund, die Höhle wird enger, dunkler, Platzangst kündigt sich an. Herzklopfen. Am Ende wird der Schacht so eng, dass wir die Rucksäcke und den Seilsack vor uns her schieben. Um eine Kante und dann stehen wir im Licht in einem gewaltigen Schacht, zwanzig Meter Durchmesser vielleicht, fast kreisrund, dreissig Meter über uns der Rand, von Gebüsch bekränzt. Tropfstein und senkrechter löchriger Kalk. Hier klettern?
«Da non perdere», steht im Führer. Die «Grotta dell’ Edera», die Efeugrotte also. Auf der einen Seite ein riesiges Fenster, Sintersäulen, Verschneidungen, Überhänge. Es ist kalt, draussen Sonne, wolkenloser Himmel über uns. Zu heiss zum Klettern an der Sonne, haben die Kollegen befunden. Mögen ja wohl recht haben. Es ist doch immer zu heiss oder zu kalt. Besonders bei so kleingriffigem löchrigem steilem Fels. Kaltstart ohne Aufwärmen in die Senkrechte. Ich bin froh, steigt der Freund vor. Es ist eine Erleichterung, wenn die Expressschlingen schon hängen und man weiss, dass es irgendwie geht. Auf halber Höhe ein schmales Band, rasten, in die Hände hauchen, die Finger sind schon klamm. Wärmen auch nicht auf beim Weiterklettern, denn die Griffe sind nun wirklich winzig, der Fels eisig, obwohl schon die Sonne in diesen Teil der Grotte scheint. Irgendwie schaffe ich es dann doch zur Umlenkung. Die zweite Route geht dann schon ganz gut.
20150328_102725«Da non perdere.» Die Grotte, eine gewaltige Doline eigentlich, ist auch ohne Klettern sehenswert. In einem der riesigen Fenster taucht eine Gruppe Jugendlicher auf, die staunen, schauen, wie unsere Freaks locker durch die Überhänge turnen. Italiener, Franzosen und wir, ein kleines Europa hat sich schon versammelt auf diesem winzigen versteckten Fleck Erde. Einst vielleicht Unterschlupf für Partisanen oder heimlich Verliebte? Ein wunderbares Volkslied fällt mir ein, ein Lied über versteckte Liebe aus dem Mugello bei Florenz. Die Liebe ist wie Efeu, wo sie sich anklammert, stirbt sie. So hat sich mein Herz an dich geklammert.
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L’amore è come l’ellera,
dove s’attacca muore
così così il mio cuore
mi s’è attaccato a te.
Nun, heute ist meine Liebe weit weg. Statt an ihr Herz, klammere ich mich an den kalten Fels. Im Mugello waren wir einst und es war ein so blauer Frühling wie heute. Auf dem Rückweg von jener Reise kamen wir zum ersten Mal nach Finale, doch an Klettern in diesen Felsen dachten wir noch nicht. So kreuzen sich unsere eigenen Wege immer wieder, die Wege von heute und jene von Gestern, Vorgestern. Die Liebe ist geblieben, auch jene zum Fels. Oh, wenn er nur nicht so kalt wäre, heute.

Sie & Er

Eisige Gletscher, wogende Busen, würzige Lippen. Bergerotik war schon immer deftig und heftig. Unser Rezensent rehabilitiert ein verrufenes Genre der Alpinen Literatur, das allmählich salonfähig zu werden scheint.

23. März 2015

Mimili„Ich ging im Zimmer auf und ab, ich hörte noch in meinem Innern die sanften Töne ihres Spiels, ich fühlte noch ihre Arme auf meinen Achseln, ihre würzigen Lippen auf meinem Munde, die Fülle ihres wogenden Busens auf meiner überseligen Brust.“

Dass ich Euch den alpinen Erotik-Roman „Mimili“ von Heinrich Clauren bis jetzt vorenthalten habe! Liegt es vielleicht daran, dass es den einstigen Bestseller nicht mehr als keusches Reclam-Bändchen gibt? Oder wollte ich im nächsten Jahr darauf eingehen, wenn es 200 Jahre her sein wird, dass sich der deutsche Offizier Wilhelm nach der Bergbauerntochter Mimili erstmals schier verzehrte? Und mit ihm die Leser, die im Berner Oberland verzweifelt nach dem Vorbild der Romanfigur suchten und sich mit dem Anblick der Jungfrau und ihren beiden Silberhörnern trösten mussten. Wie auch immer: Auf http://gutenberg.spiegel.de/buch/mimili-1691/1 könnt Ihr die Fortsetzung der Liebesgeschichte lesen.

Cover L'Alpe 68Wer im eben sich öffnenden Frühling Lust auf lustvolle Lektüre verspürt, sollte „Mimili“ kennenlernen. Und kann sich noch zwei weiteren Werken zuneigen. Da ist einmal die jüngste Nummer der edlen Zeitschrift “L’Alpe”: Nicht ganz zufällig ist es die 68. Ausgabe, die sich dem „Sexe de l’alpe“ widmet. Das „numéro (presque) érotique“ nähert sich mit sechs neckischen Beiträgen dem Thema Sie & Er. Da sind die gemalten Nackten im Schnee von Alfons Walde (beispielsweise auf dem Titelbild), die fotografierten von Georges-Louis Arlaud und Marcel Meys auf dem Gipfel. Dort sind die teils sehr freizügigen Plakate von Arosa und Champéry, die Maelle Tappy in einem klugen Essay enthüllt. Natürlich sind auch frivole Postkarten der felsig-eisigen Jungfrau abgebildet. Wie jene, auf der ein galanter Herr die schon etwas entblösste Dame mit folgendem Spruch unter dem Titel „Die schüchterne Jungfrau!“ ganz zu verführen versucht: „Aber liebes Kind, wir doch ganz alleine auf dieser Karte!“

Grand Hôtel - Addio NeveAlleine zu zweit sind auch die gemalten Figuren auf den Titelbildern der italienischen Zeitschrift „Grand Hôtel“. Sie meistens vollbusig wie ein Pin-up-Girl, er sportlich-locker wie James Dean. Diese Wochenzeitschrift kam 1946 auf den Markt und entführte die Leser und Leserinnen in eine bessere Welt als die Kriegsjahre. Ein Ausflug mit dem Fiat ans Meer oder in die Berge: Gab es für ein verliebtes Paar verlockendere Träume? Die Ausstellung „L’Italia di Grand Hôtel. Il sogno e la montagna“ im Museo Nazionale della Montagna „Duca degli Abruzzi“ in Torino zeigt noch bis zum 19 April 2015 eine Auswahl der hübschesten Covers. Wie beispielsweise das vom 26. Februar 1949 mit dem Titel „ADDIO NEVE!“

„Ich lag auf blumigem Rasen, und drüben die eisigen Gletscher. Selbst der Gipfel meiner Alpe war noch mit Schnee bedeckt“, lesen wir im ersten Kapitel von „Mimili“. Im dritten hat der Schnee die Unterlage gewechselt: „Mimili reichte mir aus der süßen Tiefe ihres schneeweißen Busens ein himmelblaues, einfaches Blümchen. ‚Hebt Euch das auf, und denket dabei mein. Wir nennen es Mannstreu, ich habe es heute Morgen gepflückt zu den Füßen der Bank, wo der viele Klee blüht; und nun lebt wohl, mein einziger Freund auf dieser Welt.‘“ Er ohne Sie?

L’Alpe n° 68, printemps 2015: Le sexe de l’alpe, € 18.-, Fr. 26.-. www.lalpe.com.

L’Italia di Grand Hôtel. Il sogno e la montagna, Cahier Museomontagna No. 186, € 15.-; Museo Nazionale della Montagna “Duca degli Abruzzi”, Piazzale Monte dei Cappuccini, 7, I-10131 Torino, www.museomontagna.org.

Eggenmandli versus Aktenberg

Mein Wissensdurst hinderte mich daran, Wetter und Berge vor dem Fenster zu sehen. Ich hielt meinen Blick auf Bücher gesenkt und tat so, als würde das Wetter draussen nicht stattfinden. Lange, viel zu lange mussten die Berge auf mich warten.

© Annette Frommherz

Eggenmandli 03 2015 (6)

21. März 2015

Einen halben Winter lang versuchte ich den roten Faden durch Paragraphen und Artikel zu finden, und das Zivilgesetzbuch lag schwer in meinen Händen. Der Berg vor mir bestand aus Lektüre über ein breites Thema, das es zu fokussieren galt. Kein anderer als der Liebste verstand es, mich aus Theorie und Taumel zu führen und mich auf die Skier zu stellen.
Der Südwind fegt hoch über uns, als wir im Urnerland in die Seilbahn nach Brüsti steigen. Während die Bauern im Tal bereits mit Wonne ihren Mist zetteln, heisst uns hier oben der Winter willkommen. Wir müssen die Felle gut halten, damit der Wind sie nicht wegfegt. Eggenmandli? Noch nie gehört. Unser Ziel vernimmt sich in der sächlichen und verniedlichten Form so putzig, als wäre es gar kein richtiger Berg, sondern ein Urner Maskottchen aus selbstgestrickter Wolle. Tatsächlich steht er rundum von höheren Gipfeln beschützt. Brunnistock. Wissigstock. Wissberg. Schlossberg. Sie ermöglichen es uns später, in windgeschützter Spur an Höhe zu gewinnen. Die Sonne tut dem aktengebleichten Gesicht gut, die kalte Luft reinigt die modernden Gedanken.Eggenmandli 03 2015 (19)
Wir queren den heiklen Südost-Hang des Brunnistocks, wo kürzlich zwei Nassschneelawinen sich gelöst haben. In den Lawinenkegeln liegen markant die harten Brocken von gepresstem Schnee. Doch fast schweizweit steht heute die Gefahrenstufe auf „gering“, und wir sind beizeiten unterwegs. Den steileren Aufstieg auf den Surenenpass nehmen wir im hellen Vormittagslicht. Auf der Kuppe posieren die Schneewechten wie wuchtige Wogen des Meeres; gleich müssten sie uns wegspülen.
So windstill, wie uns der Gipfel empfängt, hätten wir es uns nicht träumen lassen. Brot und Käse und endlich auch ein Gipfelkuss lassen mich die Theorien der letzten Monate gänzlich vergessen. Die Bedingungen sind so sicher, dass wir über den abschüssigen Nordosthang abfahren können, wo ein kurzer, über vierzig Grad steiler Engpass meine Fahrkünste provoziert. Der Schnee ist pulvrig und herrlich, und mein Liebster schmiegt sich in den Hang, als hätte er den ganzen Winter nichts anderes getan. Eggenmandli 03 2015 (35)Unten wird es flacher, bald müssen wir uns mit den Stöcken durch den Talboden von Waldnacht stochern. Vor uns liegt nochmals ein kurzer Aufstieg zur Bahn, die uns wieder hinunter ins Tal bringen wird, wo die Krokusse längst ihre Häupter gereckt und die Schneeglöckchen sich flächendeckend verbreitet haben. Ein Blick hinauf zum Eggenmandli. Ein schöner Berg! Ein herrlicher Tag! Wie nur konnte ich mich so lange hinter Büchern verstecken. Es darf nicht sein, dass mir die Berge abhandenkommen. Noch während ich schwöre, ist es mit meinem Handschlag besiegelt.

Naturnaher Tourismus

Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand des Bergsteigers ist … nein, nicht das Seil … es ist das Auto. Sagt ein Bonmot. Damit das nicht so bleibt, bringt ein umfassendes Handbuch Vorschläge für naturnahen Tourismus. Damit wir, wie weiland der gute Ebel, zu Fuss «nützlich und genussvoll» durchs Gebirge streifen und «fetter, muntrer» und mit gutem Gewissen wieder per OeV nach Hause zurückkehren.

16. März 2015

Cover Naturnaher Tourismus„Die Alpen gelten als Wiege des Fremdenverkehrs und sind seit 200 Jahren gesellschaftlich und wirtschaftlich auch durch den Tourismus geprägt. Der Alpentourismus durchlief alle Epochen, von der frühen Alpenbegeisterung und den Bergsteigertourismus des 18. und 19. Jahrhunderts, über den insbesondere mit dem Wintersport Einzug haltenden Massentourismus des 20. Jahrhunderts bis zu den seit einigen Jahrzehnten populären ökologischen Formen des Tourismus. Heute sind in den Alpen eine steigende Nachfrage nach naturnahen Angeboten und ein Trend zum naturnahen Tourismus festzustellen.“

Schreiben Dominik Siegrist, Susanne Gessner und Lea Ketterer Bonnelame von der HSR Hochschule für Technik Rapperswil in ihrer gross angelegten Studie zum naturnahen Tourismus. Wandern im Sommer, Schneetouren im Winter – der naturnahe Tourismus ist weit verbreitet. Für viele Destinationen, besonders in den Berggebieten, stellt der naturnahe Tourismus ein wichtiges ökonomisches Standbein dar. Für viele Schweizerinnen und Schweizer sind die heimischen Erholungsorte ein unverzichtbarer Bestandteil der Feriengestaltung. Seit der Aufgabe der Euro-Franken-Untergrenze sind die Tourismusregionen in der Schweiz noch stärker unter Druck.

Die drei Autoren haben in ihrem 309 Seiten umfassenden, mit 137 Fotos und 21 Tabellen angereicherten Werk zehn Standards für sanftes Reisen in den Alpen entwickelt. Diese wurden unter Einbezug von Experten aus sechs Alpenländern erarbeitet und in Fallstudien und von einem alpenweit tätigen Reiseveranstalter überprüft. Zu den Standards zählen Schutz der Natur, Pflege der Landschaft, gute Architektur, Raumplanung und Angebotsentwicklung, aber auch naturnahes Marketing.

Mit einer Checkliste wird Verantwortlichen von Destinationen und Regionen in der Schweiz, Frankreich, Italien, Österreich, Slowenien und Deutschland ein Werkzeug in die Hand gegeben, mit dem sie die Attraktivität ihrer Standorte steigern können. Naturnaher Tourismus spricht vor allem Inlandgäste und zahlungskräftigeres Klientel an. Die Stärkung des naturnahen Tourismus hilft somit auch, den Schweizer Bergtourismus gegen Wechselkursschwankungen widerstandfähiger zu machen. Dies ist wichtig für viele Alpenregionen, in denen es kaum wirtschaftliche Alternativen zum naturnahen Tourismus gibt. Und zugleich ist diese Art von Tourismus eine Rückkehr zu seinen Wurzeln.

„Es giebt sicher keine gesundere, stärkendere, die Lebenskräfte vermehrende Bewegung als das Reisen zu Fuss in einem gebirgigten Lande“, schreibt Johann Gottfried Ebel in seiner 1793 erstmals erschienenen „Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art in der Schweitz zu reisen“, dem Ur-Buch der Reiseführer für die Schweiz. Seine drei Nachfolger vom ILF Institut für Landschaft und Freiraum an der HSR listen in der Tabelle zu 33 Natursportarten gleich sechs verschiedene Arten von Fussreisen auf, vom Alpin- bis zum Winterwandern. Nochmals Ebel: „Die nicht zu starke und nicht zu milde Erschütterung des Unterleibs, das Athmen der reinen Bergluft, die verstärkte allgemeine und gleiche Ausdünstung, und die einfachen Nahrungsmittel, besonders die Milchspeisen, lassen die Gründe leicht begreifen. Deswegen sieht man die meisten Fussreisenden aus den Gebirgen fetter, muntrer, und an Körper und Seele thätiger zurückkehren.“ Und den Bereisten ergeht es hoffentlich ähnlich gut oder besser.

Dominik Siegrist, Susanne Gessner, Lea Ketterer Bonnelame: Naturnaher Tourismus. Qualitätsstandards für sanftes Reisen in den Alpen. «Bristol Schriftenreihe» Band 44. Haupt Verlag, Bern 2015, Fr. 36.- www.haupt.ch

Die Buchvernissage findet am Dienstag, 17. März 2015, um 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz in Bern statt. Ansprachen von Lea Ketterer Bonnelame und Dominik Siegrist, Mario Broggi von der Bristol-Stiftung sowie von Nationalrätin Silva Semadeni, Präsidentin Pro Natura. Anschliessend gibt es Apéro.

Der Falke am Cucco

Eine Begegnung im Fels, die Vogelschützern keine Freude gemacht hätte. Die Strafe folgt im Flug.

15. März 2015

Monte CuccoEs gibt Routen, die sind einfach Pflicht. Zum Beispiel «Oggi in stereo» am Monte Cucco, Finale. Kein Gedränge heute, doch am Einstieg hängt ein Zettel in einer Plastikmappe: «birds eggs! uova di rapace!» Brütende Vögel! Vielleicht der Grund, dass in diesem Sektor niemand klettert. Aber wo brüten denn die Vögel? In irgend einem der Löcher, die in dieser Route so schönen Griff bieten? Schwalben kreisen um die Wand, aber das sind wohl keine Felsenbrüter.
Wir packen das Seil aus, schauen links, schauen rechts, ob da nicht aus einem Gebüsch ein militanter Vogelschützer auftaucht und uns von der Wand prügelt. Aber wir sind ja nicht im Donautal … Und die italienischen Ornithologen wohl etwas toleranter als jene nördlich der Alpen … Schliesslich haben wir hier bei Freunden auch schon kleine Vögel am Spiess als Delikatessen serviert bekommen. Geschmackssache allerdings.
Also packen wir mal eine Route einige Meter rechts von «Oggi in stereo» an. Immer mit Blick hinüber zu den Löchern, aber da tut sich nichts. Beim Ablassen pendle ich vorsichtig zum grössten Loch, das ich bestens kenne. Kurz vor dem Ausstieg aus «Oggi in stereo», ein Untergriff und dann die Kante gepackt und ein scharfer Klimmzug und hinein in die kleine Höhle. Rasten, Arme schütteln. Dutzende Male gemacht. Und dann der Wunsch, einen Haken zu hängen, aber der winkt rechts in der Höhe, nach ein paar luftigen Tritten … Ein ideales Vogelnest, gewiss, und da liegt auch ein Federchen an der Kante. Also ablassen. Noch immer kein Vogelschützer in Sicht. Nun wage ich die Route gleich neben der gesperrten, «Domani in mono». Der Herrscher aller Wesen der Lüfte soll mir verzeihen. Ständig blinzle ich hinüber und hätte wohl besser auf meine Füsse geblinzelt, wo die denn stehen oder eben nicht, denn schon sind sie abgeschmiert und nun bin ich selber ein Vogel, der fliegt und fliegt … Der Grosse Vogel straft sofort!
Wanderfalke_579Gut, hat’s niemand gesehen. Also am Seil hochgezogen zum Haken und weiter, etwas vorsichtiger und ohne Blick zum Vogelnest. Und wieder pendle ich beim Ablassen vorsichtig hinüber, noch ein bisschen näher, und dann schauen wir uns verwundert an, der brütende Wanderfalke oder die Wanderfalkin. Ein grosses schönes Tier, braungrau gesprenkelt, weisse Brust, Krummschnabel. Und ich hoffe inständig, liebe Falkin, dass ich dich nicht allzu sehr erschreckt habe.
Es waren jedenfalls weise Kletterer, die den Zettel an den Einstieg gehängt haben. Ich hoffe, er wird auch noch respektiert, wenn um Ostern der grosse Run auf die Felsen der Gegend einsetzt. Und auch richtig verstanden, nicht dass einer noch meint, es handle sich um ein spektakuläres Versteck für Ostereier.
Die Brut der Wanderfalken dauert über einen Monat, lese ich, die Jungen fliegen nach über vierzig Tagen aus und bleiben dann noch einige Wochen im Revier. Um «Oggi in stereo» dieses Jahr nochmals zu klettern, müssen wir wohl im Herbst wiederkommen.
Am Abend sind wir übrigens von Freunden eingeladen in ein feines Restaurant am Villenhügel von Finale namens «Cucco». Hat aber nichts mit dem Kletterberg zu tun, sondern mit einem Partisanenführer, der so genannt wurde, und dessen Söhne heute das Lokal führen. Auf der Karte gibt’s vor allem Fisch – keine Vögel.

(Bilder aus dem Internet)