Der Medaillen-Schneider

Schweizer Sport- und Skigeschichte hautnah: mit zwei Büchern über Goldmedaillen-Gewinner und mit einem Basar voller Berg- und Skibücher, Karten und Panoramen.

13. November 2018

„Ich dachte, ich müsste schneller skifahren und nicht einfach einen anderen Anzug anziehen.“

Sagt der Schweizer Abfahrtsolympiasieger und -weltmeister Bernhard Russi im Buch, darin es eben genau um das geht: Wie rundum passende Bekleidung Sportler schneller machen können. Und da ist ein anderer Schweizer ab 1972 allen davon gefahren: der 1932 geborene Hans Hess. Ob Ski alpin oder Skisprung, Eislauf oder Segeln, Rad- oder Motorradfahren: Für dreissig, insbesondere aerodynamische Sportarten hat der unermüdliche Tüftler die richtige Bekleidung hergestellt. Und richtig meinte meistens schneller, mit weniger Luftwiderstand. Die Presse feierte ihn als „Hexenmeister“, „Anzugprofessor“ oder „schnellsten Schneider der Welt“. Nun hat die Journalistin Ines Rütten ein spannendes, mehrschichtiges Buch über Hans Hess verfasst: die Biografie über einen Schneider, der (Schweizer) Sportgeschichte geschrieben hat.

Bernhard Russi ist nicht der einzige Sportler, der für „Der Medaillen-Schneider. Wie Hans Hess Athleten aus aller Welt zu Gold verhalf“ ein Interview gegeben hat. Weitere stammen von Marie-Theres Nadig und Walter Steiner, von den Crazy Canucks, den verückten kanadischen Skirennfahrern, vom Radrennfahrer Daniel Gisiger und vom Seitenwagenpilot Rolf Biland. Alle standen sie mehrmals zuoberst auf dem Podest, und das eben nicht nur wegen ihres Könnens, sondern auch dank des richtigen Anzugs aus dem Atelier von Hans Hess im thurgauischen Aadorf. Unvergesslich sind die Skiweltmeisterschaften 1987 von Crans-Montana, als die Schweiz acht von zehn Goldmedaillen gewann. Erika Hess, Vreni Schneider und Maria Walliser, Peter Müller und Pirmin Zurbriggen siegten in den hautengen, roten und mit gelben Streifen versetzten Anzügen. Ein Foto zeigt Hans Hess strahlend neben den ebenso strahlenden Athleten. Den vielleicht berühmtesten Dress entwarf der „Pionier im Bereich moderner Sportbekleidung“ (Wikipedia) ein paar Jahre später, nämlich den knallgelben Dress im Käse-Look; er war der letzte von ihm entwickelte Anzug vor Beendigung seiner Tätigkeit im Jahr 1994. Im Käse-Dress gewann Urs Lehmann, heute Präsident von Swiss-Ski, 1993 die Abfahrt der Ski-WM im japanischen Morioka. Lehmann schrieb natürlich das Vorwort zum Medaillen-Schneider.

Und zu einem zweiten Buch zur Schweizer Skigeschichte ebenfalls. In „Ski Alpin. Gold für die Schweiz“ porträtieren Initiant und Projektleiter Heinz Egli und Autor Lars Wyss die 47 Sieger an Weltmeisterschaften und Olympiaden. Und das rückblickend von den olympischen Winterspielen in Pyeongchang 2018 bis zur ersten Skiweltmeisterschaft überhaupt, die 1931 in Mürren stattfand, wo die Schweiz zweimal Gold gewann (Walter Prager in der Abfahrt, David Zogg im Slalom). Dabei sind die Porträts der Skirennfahrerinnen und Skirennfahrer von heute um einige Tore bzw. Seiten länger als diejenigen von vorgestern. Gerade von Madeleine Berthod (Jg. 1931) und von Renée Colliard (Jg. 1933), die an der Winterolympiade von Cortina d’Ampezzo 1956 Gold in der Abfahrt bzw. im Slalom holten, würde man aber gern ein bisschen mehr erfahren und sehen.

Buchmässig sind wir also bereit für die Skiwettkämpfe des kommenden Winters, ob im eng anliegenden Dress oder im weit geschnittenen Anorak spielt beim Blättern und Lesen keine grosse Rolle. Wenn der Schnee weiterhin nicht so richtig fallen will, so könnten wir uns auf die Piste nach weiteren (Ski)büchern machen, und zwar am nächsten Freitag und Samstag in der Zentralbibliothek Zürich. Dort hat der Schweizer Alpen-Club seine Bibliothek integriert. Um aber Platz für den ständig wachsenden Bergbücherberg zu schaffen, hat die Bibliothekskommission des SAC doppelte Exemplare ausgeschieden. Die rund 1000 Doubletten werden nun zu einem sehr bescheidenen Preis zum Kauf angeboten; manche werden gar gratis abgegeben. Wer also einen dieser ausgezeichneten Clubführer von Heinrich Dübi, Marcel Kurz oder Maurice Brandt mit vergessenen Routen und zahlreichen Literaturangaben konsultieren, wer eines der wunderbaren Panoramas, die einst den SAC-Jahrbüchern beilagen, aufklappen und an die Wand hängen möchte, sollte in die Zentralbibliothek nach Zürich stöckeln.

Ines Rütten: Der Medaillen-Schneider. Wie Hans Hess Athleten aus aller Welt zu Gold verhalf. AS Verlag 2018, Fr. 39.80.

Lars Wyss, Heinz Egli: Ski Alpin. Gold für die Schweiz. Die Sieger. Weber Verlag 2018, Fr. 49.-

Buchvernissage mit Hans Hess: Dienstag, 13. November, um 19 Uhr im Rotfarbkeller im Areal Rotfarb an der Hauptstrasse 47 im thurgauischen Aadorf.

Berg-Bücher-Basar: Freitag, 16. November 2018, 14-17 Uhr; Samstag, 17. November, 9-17 Uhr, im Seminarraum C der Zentralbibliothek Zürich am Zähringerplatz 6 in Zürich.

Interviwagt

Ich bleibe noch ein wenig

Zwei neue Bildbände zeigen das Gebirge auf neue Art. Da verweilt man gerne noch ein wenig oder länger.

8. November 2018

„Meine Gedanken kreisen wie ein Adler um den Berg, betrachten ihn aus verschiedenen Blickwinkeln und Distanzen, fokussieren Details und bestimmen schliesslich – dies dann eher aus dem Bauch heraus – Ziel und Motiv der Illustration.“

Schreibt die Illustratorin Esther Angst im Vorwort ihres heute erscheinenden Buches „Ich bleibe noch ein wenig. Illustrationen aus den Bergen“. Ein – ich sag’s gleich jetzt – grossartiges Buch: vielschichtig, geheimnisvoll, überraschend, tiefgründig. Schwarzweisse und farbige Zeichnungen, Aquarelle, Druckgrafiken, eine Illustration präziser und gleichzeitig stimmungsvoller als die andere, gekonnt in Szene und auf einer oder zwei Seiten gesetzt, strukturiert von kurzen Texten, in denen die Künstlerin über Nah und Fern erzählt, über ihre Glarner Berge und über die beiden Veloreisen bis in den Fernen Osten. Stark, ganz stark! Man schaut sich die Illustrationen an, immer wieder, und entdeckt Details, die man beim ersten Blick überblättert hat. Zum Beispiel bei der Druckgrafik „Linthschlucht mit neuem Weg“ im Kapitel „Am Wasser“: Wir blicken von oben in die tiefe Schlucht, an der einen senkrechten Schluchtwand verläuft ein Schwindel erregender Pfad, und plötzlich sehen wir den einsamen Wanderer mit Stock, der bald einen Spalt in der Wand auf zwei schmalen, sicher wackeligen Brettern überschreiten muss. Und dann – wir wandern mit den Augen weiter – ist der Pfad durch herabgestürzte Steine blockiert. Ob der Mensch da durchkommt – oder bleiben muss in der Schlucht, ein wenig oder für immer? Wir wissen es nicht. Gleich nebenan eine Reiseskizze aus Tadschikistan, die Schlucht des Panj, wieder ein Atem beraubender Weg, mit Einheimischen und teils schwer beladenen Tieren. Alltag im Gebirge, gekonnt festgehalten für Bergkünstler und Comicpoeten, Radbummler und Stubenhocker.

Ja, an diesem so ganz eigenen Bergbuch bleibt man gerne noch ein wenig. Das gilt auch für den ebenso druckfrischen Fotoband aus dem gleichen Verlag: „zwischensaison“ von Simon Walther. Die eine Zwischensaison, nämlich diejenige vor der Wintersaison, geht ja zur Zeit dem Ende entgegen; an Orten mit natürlichem und künstlichem Schnee kann Ski gefahren werden. Aber der nächste Frühling kommt bestimmt, und genau diese Zeit, wenn der Schnee schmilzt, die Lifte still stehen und die Fensterläden verriegelt sind, wenn die Pistenmarkierungen, Schneekanonen und Toilettenhäuschen zur Seite gestellt werden: Dann war Simon Walther mit seiner Kamera unterwegs und legt nun einen überzeugendes und gleichzeitig beklemmendes Bildband vor. Letzteres deshalb, weil wir dort und zu dem Zeitpunkt, als die Aufnahmen entstanden, lieber nicht noch ein wenig blieben, ja überhaupt nicht sein möchten. Aber: So sieht es dort oben eben aus – nach der Hauptsaison. Alltag im Gebirge, gekonnt festgehalten für Melancholiker und Wintervermeider, Skihasen und Touristen bzw. Touristiker.

Esther Angst: Ich bleibe noch ein wenig. Illustrationen aus den Bergen. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 48.-

Simon Walther: zwischensaison. Mit einem Vorwort von Markus Mäder. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 48.-

BergBuchBrig: Am Freitag, 8. November 2018, gibt es Veranstaltungen zu beiden Neuerscheinungen, um 15 Uhr mit Simon Walther und um 18.45 Uhr mit Esther Angst. Die Fotos von „zwischensaison“ werden in einer Sonderausstellung gezeigt.

Buchvernissage und Ausstellung von „Ich bleibe noch ein wenig“: Galerie feldegg93 in Zürich, 15. November bis 8. Dezember 2018; Vernissage am Donnerstag, 15. November, 18 Uhr; Lesung und Künstlergespräch am Samstag, 24. November, 15 Uhr; www.feldegg93.ch

Vernissage von „zwischensaison“: Am 29. November 2018 um 18 Uhr im Hotel „Säntis“ auf der Schwägalp.

Mit Frauen unterwegs

Drei druckfrische Bücher von Frauen erzählen vom Unterwegssein in neuen Gegenden, wobei das Ich mehr oder weniger Raum einnimmt.

2. November 2018

„Sechs Reisen nach Zentralasien hatten meine Neugier derart erregt, dass ich Nepal besuchen wollte, sobald es möglich wäre, und bevor die modernen Zeiten dieses unvergleichliche lebende Museum zuschanden machen würden.“

1951 öffnete sich Nepal der westlichen Welt, nachdem es über hundert Jahre lang von jeglichem fremden Einfluss abgeschnitten war. Eine der ersten Reisenden im Land mit den höchsten Bergen der Welt war die Schweizer Schriftstellerin und Sportlerin Ella Maillart (1903–1997). Die Reise nach Nepal wird ihre letzte grosse Forschungsexpedition, worüber sie 1955 in „The Land of the Sherpas“ berichtet. Die französische Ausgabe „Au pays des Sherpas“ erscheint erst 2017; die deutsche liegt nun in der von Peter von Matt herausgegebenen Kollektion bei Nagel & Kimche vor, mit einem Vorwort von Denis Bertholet, einem Nachwort von Felicitas Hoppe sowie mit Anmerkungen versehen von Pierre-François Mettan. „Im Landes der Sherpas“ ist ein Buch von 184 Seiten, mit 65 schwarzweissen Fotos von Ella Maillart, aufgeteilt nach Hochgebirge und Pilgerstätten.

Ein Bijou von einem Buch: tiefgehender Haupttext, kluge Begleittexte, Fotos von einem Land, das es so nicht mehr gibt. Aber auch das Vergleichsland, von dem aus sich Maillart in die unbekannte Ferne aufmachte, gibt es so nicht mehr. Sie verglich nämlich „das Leben der Sherpas mit dem der Alpenbewohner“, insbesondere mit demjenigen der Bewohner von Chandolin, einem der höchstgelegenen Dörfer der Schweiz auf knapp 2000 Metern, wo Maillart seit 1948 wohnte, wenn sie nicht gerade unterwegs war. Wie eben 1951 am Fusse des höchsten Gipfels der Welt. Von ihm schreibt sie: „Diesen Chomolungma haben wir nach einem Leiter der Vermessungsbehörde Everest getauft, der glücklicherweise ‚ewige Ruhe‘ bedeutet, was gewiss vielen anderen englischen Namen vorzuziehen ist.“

Everest! Der Traumberg. Für viele, ja wohl die meisten, bleibt er einer. Nicht für Bonita Norris. Im Mai 2010 stand sie als 22-jährige und damals jüngste Britin ganz oben. Das obligate Buch kam allerdings erst im letzten Jahr heraus: „The Girl Who Climbed Everest“. Das Mädchen erreichte 2011 den Nordpol, im gleichen Jahr den Ama Dablam und 2012 als erste Britin den Lhotse. Ausschnitt aus „Miss Everest“, wie ihr Buch auf Deutsch heisst: „Ich stapfte noch ein paar Schritte vorwärts, an andern Bergsteigern vorbei, die im Schnee saβen oder sich über ihre Rucksäcke beugten. Ich streckte eine Hand aus und legte sie auf den Scheitel des Gipfels. Höher ging es nicht. Dies war ein Zeichen des Respekts. Ein ‚Dankeschön‘ an den Berg, dass er mich seine Flanken hatte hinaufklettern lassen und mir nun diese wenigen kostbaren Augenblicke auf seiner Spitze schenkte. Diese letzten verbleibenden Zentimeter wären für immer das Sinnbild der unendlichen Geschichte zwischen mir und dem Everest.“

Von der Miss Everest zur Miss Alpen. Im Sommer und Herbst 2017 marschierte und reiste die Deutsche Ana Zirner, Jahrgang 1983, alleine und mit wechselnder Begleitung vom slowenischen Ljubljana bis ins französische Grenoble. In „Alpensolo“ erzählt sie von dieser Fussreise durch das vielbereiste Gebirge, schreibt vom Glück, unter dem Sternenhimmel zu biwakieren, berichtet von Begegnungen auf Wegen und Hütten, lässt uns teilhaben an den Freuden und Sorgen unterwegs. „Auf dem Piz Duleda nehme ich mir vor, den Rest des Tages gelassener anzugehen. Gegen meine Schmerzen kann ich im Moment sowieso nichts tun. Und gegen die Menschenmassen auch nichts. Die Berge gehören nicht mir, sie gehören nur sich selbst, und auch wenn mir diese Einsicht heute schwerfällt, will ich versuchen, mich für alle zu freuen, die die Möglichkeit haben, hier oben zu stehen.“

Ella Maillart: Im Land der Sherpas. Mit einem Nachwort von Felicitas Hoppe. Nagel & Kimche, München 2018, Fr. 35.-
Bonita Norris: Miss Everest. DuMont, Ostfildern 2018, Fr. 25.-
Ana Zirner: Alpensolo. Allein zu Fuβ von Ost nach West. Malik, München 2018, Fr. 30.-

BergBuchBrig, Donnerstag 8. November, 17 Uhr: Ella Maillart – Im Land der Sherpas; Lesung und Buchpräsentation mit Felicitas Hoppe. www.bergbuchbrig.ch
Bücher Pustet in Landshut, Donnerstag, 8. November, 19.30 Uhr: Ana Zirner präsentiert ihr Buch „Alpensolo“. www.landshuter-literaturtage.de

Schnee in den Abruzzen

Herbstferien in den Abruzzen. Und was nimmt man heim aus den Bergen und vom Strand? Bücher von glücklichen und unglücklichen Abenteuern im Winter.

26. Oktober 2018

„Speriamo di raggiungere Pietracamela. I piedi nelle medesime condizioni. Tempo pessimo.”

Was für ein trauriger, letzter Eintrag von Paolo Emilio Cichetti im Hüttenbuch des Rifugio Garibaldi vom 12. Februar 1929. Fast nicht mehr leserlich, weil mit der Faust geschrieben; die Finger abgefroren genauso wie die Füsse, seine und die des Gefährten Mario Cambi. Am Freitag, 8. Februar 1929, waren die zwei erfahrenen Alpinisten, Mitglieder der Sektion L’Aquila des Club Alpino Italiano, vom Dorf Assergi ob L’Aquila ins Rifugio Garibaldi im Gran Sasso-Gebirge aufgestiegen, bei sehr viel Schnee; die Hütte mehr oder weniger eingeschneit, auch drinnen, und es fehlte eine Schaufel. Missliche Verhältnisse also, und trotzdem versuchten die beiden Unentwegten anderntags die erste Winterbegehung des Südostgrates des Corno Piccolo (2655 m) über die Route Chiaraviglio-Berthelet. Allein der viele Schnee, die grässliche Kälte und die hereinbrechende Nacht verhinderten den vollen Erfolg. Immerhin fanden sie noch Zeit, mit dem Selbstauslöser ein Foto zu machen: Paolo schaut noch zuversichtlich drein, die Sonnenbrille locker in die Haare geschoben; Mario hingegen ist gezeichnet, ein Verband hängt über seinem linken Auge, gehalten von der Sonnenbrille.

Das Foto bildet das Titelbild eines reich illustrierten Buches, das ich am vorletzten Sonntag im Rifugio Duca degli Abruzzi nach der erfolgreichen Besteigung des Corno Grande (2912 m) fand, des höchsten Gipfels der Abruzzen und des ganzen Apennins überhaupt: „Febbraio 1929: L’ultima ascensione di Mario Cambi et Paolo Emilio Cichetti“ von Pasquale Iannetti. Es beginnt mit dem Eintrag von Paolo im Buch des Rifugio Garibaldi und legt dann die ganze Tragödie frei. Denn die zwei Winterbergsteiger sollten nie in Pietracamela ankommen: Paolo Emilio Cichetti wurde am 18. Februar drei Kilometer vom Dorf entfernt gefunden, Mario Cambi erst am 25. April, weiter weg tief unter dem Schnee. An beiden Fundorten wurde ein Grabmal errichtet. Am Corno Grande gibt es seither einen Torrione Cambi, am Corno Piccolo einen Torre Cichetti.

Das Buch geht aber über die letzte Tour der beiden Unglücklichen hinaus, deren Leben und Touren mit Text und Bild beschrieben sind. Pasquale Iannetti schildert die Zwischen- und die Kriegszeit im Gran Sasso d’Italia; Kletterer, Skifahrer und normale Touristen zogen ihre Runden, später dann Soldaten. Namen tauchen auf, die wir eher aus den Alpen kennen; so Aldo Bonacossa und Ninì Pietrasanta, die vom 13. auf den 14. März 1932 die erste Skidurchquerung des Gran Sasso von Ost nach West unternahmen, wobei sie auch im Rifugio Garibaldi vorbeikamen.

Skifahren in den Abruzzen: Das geht natürlich bestens, schliesslich liegt in den Bergen dort oft viel Schnee. Roccacaramanico auf 1050 Meter über der Adria in der Provinz Pescara gilt als einer der schneereichsten Orte von ganz Italien mit durchschnittlich drei Metern Schnee pro Saison; im Februar 1929 lagen dort gar zehn Meter. Der Ort befindet sich im Parco Nazionale della Majella, in einem Hochtal zwischen dem Massiccio della Majella und den Montagne del Morrone. Dass sich deren Gipfel wie der Monte Amaro (2793 m) allerbestens für Skitouren eignen, erfährt man in „Majella l’altra neve. Attività sportive ed escursionnistiche invernali nel Parco Nazionale della Majella“. Ich fand den Führer in der Libreria Europa im Zentrum von Ortona, einer quirligen Stadt an der Adria.

Meer und Berge – beziehungsweise Meerberge oder mehr Berge. Gerade in den Abruzzen ist das erfahrbar, zum Beispiel in Roccaraso am Südrande des Parco Nazionale della Majella. Bis vor zwei Wochen hatte ich noch nie von diesem (Ski)ort gehört, obwohl er doch eines der Zentren des Pistenskilaufs in Mittelitalien ist – „la Cortina d’Ampezzo del Sud“ wird Roccaraso genannt. Wie die Eisenbahn den Startpunkt setzte und wie es dann aufwärts ging mit Wettkämpfen und Sprunganlagen, Hotels und Liften, entwickelt Ugo Del Castello in „Roccaraso – due solchi sulla neve lunghi 100’anni“. Den Bildband entdeckte ich in einer Papeterie in Vasto am Meer.

Zwei Spuren im Schnee – oder wenigstens zwei Bretter auf dem Schnee. Am Wochenende vom 27./28. Oktober 2018 geht es los, nicht im Apennin allerdings, sondern in den Alpen. Der Skiweltcup startet in Sölden.

Pasquale Iannetti: Febbraio 1929: L’ultima ascensione di Mario Cambi et Paolo Emilio Cichetti. Artemia Nova Editrice; Mosciano 2018, € 28.-

Majella l’altra neve. Attività sportive ed escursionistiche invernali nel Parco Nazionale della Majella. Edizioni Parco Nazionale della Majella, Sulmona 2017, € 8.-

Ugo Del Castello: Roccaraso – due solchi sulla neve lunghi 100’anni. Paolo de Siena Editore, Pescara 2010, € 15.-

Bergromane, zweiter Standplatz

Und wieder vier Romane, darin Berge eine mehr oder minder grosse Rolle spielen.

22. Oktober 2018

„Marie und Jakob müssen aufbrechen. Sie klettern den Berg hinauf, höher und immer noch höher, dem Himmel entgegen. Knapp unter den Gipfeln, wo keine Bäume mehr wachsen und die Gemsen kaum mehr etwas zu fressen finden, steht ganz hinten in einer Felsspalte, von nirgendwoher und für niemanden sichtbar auβer für die Vögel im Himmel, Jakobs selbst gebauter Unterschlupf; ein Dach aus Lärchenholzbalken und Schiefersteinen zwischen zwei Felswänden, vor dem Eingang ein Bärenfell, dahinter ein Bettlager und eine Feuerstelle. Von hier oben haben Marie und Jakob über die Felsenkante einen schönen Blick hinunter auf die Alp.“

Ein glücklicher Ort für das junge Liebespaar, für Romeo und Julia aus dem Jauntal: dieses Versteck hoch oben in den Gastlosen. Das Dumme ist nur, und deshalb lacht Jakob nicht: „Er weiβ, dass die Berge zwar groβ, die Welt aber klein ist.“ Dass er und seine Marie einmal wieder ins Tal werden absteigen müssen, wo sie Ärger erwartet und Schlimmeres. Oder doch nicht? Die herzzerreissende Geschichte der reichen Bauertochter Marie und des armen Kuhhirten Jakob erzählt Max seiner Tina in einer langen und kalten Nacht im Auto, das bei der Abfahrt vom Jaunpass hinunter nach Jaun im heftig fallenden Schnee stecken geblieben ist. Geschickt verwebt Alex Capus in seinem jüngsten Roman „Königskinder“ zwei Liebesgeschichten von einst und heute und flechtet immer wieder das flüchtige Glück in den Bergen hinein, das sich bis Versailles erstreckt, wo Prinzessin Elisabeth ein heile Welt abseits vom Königshof erbaut.

Das Glück in den Bergen sucht ebenfalls die Bestsellerautorin und Icherzählerin Liz Lenzlinger, und zwar in Arosa. So heisst auch gleich der Berghotelroman der Bestsellerautorin Blanca Imboden, versehen mit diesem härzigen Untertitel „Von Bären, Eichhörnchen und Mister 99-Prozent“. Ein kitschiges, locker lesbares Buch; überraschend, für wen es ein richtiges Happyend und für wen es nur ein halbes gibt. Mehr „Arosa gibt“ als „Arosa nimmt“ – so lautet ein Werk des Bergromankönigs Gustav Renker von 1948. Beide Bücher dürfen natürlich auch auf einer Fahrt nach Davos gelesen werden. Blanca Imbodens Making-of eines Romans als Roman: Literaturgeschichtlich ist das ja keine Novität, aber doch immer wieder hübsch zu lesen, sogar mit der Jasskönigin Monika Fasnacht, die einen starken Auftritt hinlegt und in Arosa offenbar einen Unterschlupf gefunden hat.

Glück in einem Unterschlupf finden. Wobei Glück ein zu starkes Wort ist dafür, wie die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia im Versteck überleben, das ihnen der Kunstschmied Reinhold Duschka während der Naziherrschaft in seiner Werkstatt in Wien eingerichtet und ermöglicht hat. Besonders am Wochenende müssen sie aufpassen, dass sie sich nicht verraten, denn dann ist ihr Beschützer in den Bergen unterwegs. „Am Seil. Eine Heldengeschichte“ hat Erich Hackl sein Werk genannt, das auf dem Cover das Gemälde „Berglandschaft“ des berühmten österreichischen Malers Alfons Walde zeigt. Ein eindringliches, dichtes Buch mit 117 Seiten – und eine wahre Geschichte; eine Gedenktafel für Reinhold Duschka ist an der Mollardgasse 85a angebracht. „Am Seil“ ist kein Bergroman, wohl nicht mal im weiteren Sinne. Doch wie mit einem Seil, das Duschka am Wochenende am Peilstein im südlichen Wienerwald in den Händen hält, sichert er auch Regina und Lucia vor dem Fall in die Hände der Gestapo. Nach dem Krieg versucht Reinhold, Lucia für das Bergsteigen zu begeistern: „Es war ein furchtbar heiβer Tag, und ich zitterte schon vor dem Abstieg. Erst als wir oben waren, sah ich, daβ man den Gipfel auf der Rückseite bequem über einen Serpentinenweg erreichen konnte. Das hat mich so beeindruckt, daβ ich nie mehr klettern wollte. Wozu die ganze Plage mit Seil, Gurt und Haken, wenn es auch anders geht.“

Dass Bergsteigen nicht unbedingt glücklich macht, merkt manchmal auch der Führer Michel Charmoz bei seinen Gästen: „Rien ne convenait, tout était décevant. À l’ombre il faisait froid, au soleil il faisait trop chaud, et puis à quoi ça sert de marcher si la vue est meilleure depuis le téléphérique?“ Zum Glück gibt es noch andere Kunden, wie beispielsweise die Musikerin Elsa, die auf dem Mont Blanc oben in neue Welten eintaucht: „Elle respirait avec des yeux, comme si elle insufflait ce paysage dans son cerveau à chaque gonflement de sa poitrine.“ Sehr anschaulich beschreibt Denis Ducroz, selbst Bergführer, Filmemacher und Schriftsteller in Chamonix, in „Le pont de neige“, wie ein Aufenthalt in den Bergen zu Glück verhelfen kann (oder auch nicht). Im Mittelpunkt seines überzeugenden Romans steht ein Bergführer, der sich oben gut bis bestens zurechtfindet, unten aber nicht und schliesslich scheitert. Es geht um Freiheit, Verantwortung und Gerechtigkeit, und da prallen die Gegensätze zwischen Berg und Tal oft hart aufeinander. Wie bei der Seilbahn auf die Aiguille du Midi, die im Viertelstundentakt die beiden Welten verbindet: „Le téléphérique, c’est le bonheur assuré.“ Fragt sich nur für wen genau?

Alex Capus: Königskinder. Hanser, München 2018, Fr. 29.-
Blanca Imboden: Arosa. Von Bären, Eichhörnchen und Mister 99-Prozent. Wörterseh, Gockhausen 2018, Fr. 25.-
Erich Hackl: Am Seil. Eine Heldengeschichte. Diogenes, Zürich 2018, Fr. 27.-
Denis Ducroz: Le pont de neige. Glénat, Grenoble 2018, € 20.-

Alpenclub der Tiere

Das Bilderbuch „The Animals Alpine Club“ erschien 1910 und hat nichts von seinem Charme verloren. Endlich aber kann man es auf Deutsch lesen.

5. Oktober 2018

Er erhebt sich, erst langsam und schön Glied für Glied,
doch es scheint, als ob er ganz unverletzt blieb.
„Ja, die andern, die finden das Klettern ganz nett,
aber ich geh jetzt nach Hause und leg mich ins Bett.“

Sagt ausgerechnet der Löwe Leo, das Wappentier Englands. Gemeinsam mit seinen Freunden, dem Elefanten Jumbo und dem Flusspferd Hippo, wollte er einen Gipfel besteigen, unter Führung von Bär Brun und seinen drei Söhnen. Aber unterwegs, beim Herausziehen von Jumbo aus einer Spalte, reisst auf einmal das Sicherungsseil, Leo verliert den Halt und stürzt in den Abgrund, während sich Jumbo noch grad retten kann, indem er den Rüssel ums Bein eines Führers schlingt. Und während sich Leo aufrappelt nach dem vom Schnee abgebremsten Fall, erscheint den oben gebliebenen Alpinisten das Brockengespenst, wie weiland dem Whymper und den beiden Führern Taugwalder. Kein Zufall natürlich, so wenig wie die tierische Siebnerseilschaft. Auf dem Matterhorn oben waren am 14. Juli 1865 auch sieben Alpinisten gestanden, bloss kamen dann nur drei heil unten an. Dramatische Szenen am Berg, eben auch für bergsteigende Tiere.

Kaum zu glauben, dass es 108 Jahre gedauert hat, bis die zeitlose Geschichte über eine tierische Bergtour ins Deutsche übersetzt wurde. Aber vielleicht ist es auch gut, dass deutsche Leser erst jetzt der Seilschaft der drei Touristen Elefant, Flusspferd und Löwe unter der Führung von vier Bären folgen können. Denn der Schweizer Schauspieler, Schriftsteller und Musiker Dan Wiener hat „The Animals Alpine Club“ des englischen Kinderbuchautors Graham Clifton Bingham mit den köstlichen Illustrationen von George Henry Thompson kongenial über- und in Verse gesetzt. Gemeinsam erleben die Tiere Abenteuer, in die eben hintersinnig viel Alpinismusgeschichte gepackt ist, die (Vor)-Leser aber keineswegs zu kennen brauchen. Die treffenden Verse und heiteren Zeichnungen erfreuen in jedem Fall Geist und Gemüt.

Ein Klassiker der Alpinliteratur für Klein und Gross. Für angehende und zurückgetretene Bergsteiger. Und für solche, die Berge nur in einem Bilderbuch erleben wollen. Aber beim Hüttenabend, da wären sie vielleicht schon gerne dabei – hier fünf Zeilen aus dem Original:

There was plenty to eat,
And the cider was sweet,
And Jumbo vowed he’d never had such a treat.
“Pour old Leo, how he would have liked it”, he said,
Never dreaming that he was safe home and in bed!

Graham Clifton Bingham, George Henry Thompson: Alpenclub der Tiere. Aus dem Englischen übertragen von Dan Wiener. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 29.80.

Bergsteigen für Zootiere – mit Dan Wiener: am Samstag, 27.Oktober 2018, von 14 bis 15.30 Uhr, im Zoo Zürich, Kaeng Krachan Elefantenpark, 1. Stock Thailodge. Eine Veranstaltung im Rahmen von „Zürich liest“. www.zuerich-liest.ch/veranstaltung/bergsteigen-fuer-zootiere–mit-dan-wiener/20181027140000/

Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft

Ein neues Buch des Alpenprofessors Werner Bätzing mit 228 aussagekräftigen Fotos.

1. Oktober 2018

„Der Nordrand der Alpen bei Bern: Blick vom hochgelegenen Rande des Gürbetals aus etwa 900 m Höhe über das schmale Flysch-Band mit seinen weichen Gesteinen auf die erste Alpenkette, die Berner Voralpen, die aus Kalkstein bestehen. Der markante Gipfel links ist das Stockhorn, 2190 m, in der Bildmitte Nünenenflue, 2010 m, und Gantrisch, 2175 m, rechts der Ochsen, 2188 m (Mai 1995).“

Meine Heimatberge, die da in einem neuen Alpenbuch halbseitengross abgebildet sind. Direkt an der Gürbe in Belp aufgewachsen, im Herbst 1962 mit acht Jahren erstmals auf der Bürglen rechts vom Gantrisch gestanden, im Juni des nächsten Jahres dann auf dem Gantrisch selbst. Gipfel Nummer 2 und 3 in meinem Tourenbuch, und auch der erste, die Kaiseregg, liegt etwas weiter westlich in dieser ersten Kette, wenn man von Norden, genauer: von Bern und Umgebung, auf die Alpen schaut. Schön natürlich, wenn in einem druckfrischen Buch über das wichtigste Gebirge von Westeuropa ein solches Foto auftaucht. Sie trägt die Nummer 35, illustriert den Abschnitt „Groβlandschaften der Alpen“ und liegt im Kapitel „Die Natur der Alpen“. Titel des Buches: „Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft“. Autor: Werner Bätzing.

Werner Bätzing, geboren 1949 in Kassel, ab 1995 Professor für Kulturgeographie am Institut für Geographie der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg und seit seiner Emeritierung Ende September 2014 Leiter des Archivs für integrative Alpenforschung, beschäftigt sich seit 1976 mit den Alpen. Seine Forschungs- und Lehrtätigkeit, seine Publikationen, die sich auch an ein grosses Publikum richten, sein Newsletter sowie seine Mitgliedschaft als wissenschaftlicher Berater in wichtigen Alpen-Organisationen machen Bätzing zu einem führenden Experten für die Probleme des Alpenraumes in interdisziplinärer und internationaler Perspektive. Seine Analysen des anhaltenden Wandels von ländlich geprägten Kulturlandschaften hin zu modernen Freizeit-, Stadt-, Transit- und Wildnislandschaften waren und sind wegweisend für den ganzen Alpenbogen.

Sein Hauptwerk „Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft“ hat sich seit 1984 zum Klassiker kritischer Alpenliteratur entwickelt und nun eine ganz besondere Erweiterung erfahren. Die neue Publikation sei ganz bewusst für diejenigen Personen gedacht, die kein dickes Alpenbuch lesen wollen oder können, schreibt Werner Bätzing. Und: „Ich habe diesen Bildband so konzipiert, dass durch die gezielte Auswahl und Abfolge der 228 Fotos meine inhaltliche Sicht der Alpen auf eine anschauliche Weise optisch sichtbar wird. Die Bildlegenden und die kurzen Begleittexte sollen die Aussagen der Fotos vertiefen, aber die Fotos sollen stets im Zentrum stehen. Ich habe den Eindruck, dass ich inhaltlich sehr aussagekräftige und eindrucksvolle Fotos zusammengestellt habe.“ Hat er tatsächlich. Nicht nur von meinen Heimatbergen. Sondern auch von solchen, in denen diese irgendwie abgehauen ist bzw. wurde.

Werner Bätzing: Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft. wbg Theiss, Darmstadt 2018, € 38.-, www.wgb-wissenverbindet.de

Von Hütte zu Hütte, von Hotel zu Hotel

Noch einmal ein paar Tage wandernd unterwegs sein, bevor der Winter einbricht. Drei neue Führer machen Vorschläge.

27. September 2018

„Das weltabgeschiedene, hoheitsvolle Canariatal und das mit lieblichen kleinen Seen, sogen. Meeraugen geschmückte Hochtal von Cadlimo bieten dem Alpinisten und rüstigen Touristen Ueberraschungen und Naturgenuss die Menge. Durch diese Täler hindurch wird er sich den Weg nach den eisgekrönten Gipfel des Piz Blas und Piz Rondadura bahnen. Für den Sommerfrischler kommen sie nicht in Frage, da er ausser den wenigen befahrenen Sommeralpen keine Ansiedelungen findet. Um so reichlicher erwarten ihn Bequemlichkeit, Ruhe und reine Luft in der idyllisch und weich zwischen Bergen eingebetteten Val Piora, die mit ihrem spiegelklaren Ritomsee, den ausgedehnten Alpenrosenfeldern, den starkatmenden Wäldchen und hellgrünen Alpen ein Paradies von entzückendem Reize und heimeliger Intimität darstellt.“

Blumige Beschreibung von Johannes Vincent Venner in seinem 1925 in dritter Auflage erschienenen Buch „Der Tessin – die Perle der Schweiz. Ein Führer durch das ennetbirgische Land.“ Aber leider nicht ganz fehlerfrei, abgesehen davon, dass mit dem Tessin normalerweise der Fluss und nicht das Land bezeichnet wird. Was Venner vergessen hat, ist die 1916 eröffnete Capanna Cadlimo der Sektion Uto des Schweizer Alpen-Clubs (SAC), zu der schon damals Wege durch die drei genannten Täler führten, durchaus auch begehbar für Sommerfrischler. Die Capanna Cadagno der Sezione Ritom der Società Alpinistica Ticinese (SAT) hingegen wurde erst 1934 auf einer dieser Sommeralpen im Val Piora errichtet. Nicht mehr zur Verfügung für Tessinwanderer stand das erste, 1876 eröffnete Hotel Piora am spiegelklaren Lago Ritóm; es versank 1917 im Wasser, als der Staudamm erhöht wurde.

Die Hütten von Cadlimo und Cadagno sowie die weiter nördlich gelegene Camona da Maighels CAS stehen im Mittelpunkt einer viertägigen Wanderung im Gotthard-Massiv, die der druckfrische SAC-Führer „Bergwandern von Hütte zu Hütte“ vorstellt. Insgesamt 30 mehrtägige, leichte Hüttentouren in der Schweiz hat David Coulin ausgewählt, wovon eine im Waadtländer Jura. Das Besondere dabei: Am ersten Tag immer eine kurze Tour, so dass man nach einer vielleicht doch langen Anreise noch gemütlich und ohne Stirnlampe zur Hütte gehen kann. Und dabei sind es nicht nur SAC-Hütten, sondern auch einfache Nachtlager in einer Alphütte oder gar ein Zimmer in einem Berghotel. Los geht‘s, solange der Altweibersommer andauert und die Hütten offen bzw. bewirtschaftet sind.

Am Wildwasser des Val Canaria kommt vorbei, wer mit Jürgen Wiegand und Heinrich Bauregger den „Gotthardweg“ unter die Füsse genommen hat. Die beiden Autoren beschreiben die Etappen inkl. Varianten von Basel oder von Schaffhausen bis Mailand, detailliert und – ganz wichtig – mit genauen Angaben zu den Unterkünften. Das ist ja schliesslich etwas vom Wichtigsten, dass man nach knapp sechs Stunden Weg vom Gotthardpass in Deggio eine Bleibe für die Nacht findet. Und am andern Tag in Anzonico, und schliesslich in Milano. Von Schaffhausen aus braucht man dorthin via Chiasso 27, von Basel via Luino 30 Tage. Nichts wie los, solange der Gotthard noch nicht zugeschneit ist; allerdings lassen sich viele Etappen ganzjährig durchführen, beispielsweise diejenige von Sursee nach Sempach.

Seen gibt es auch im Dreiländereck Steiermark, Salzburg, Oberösterreich zu bewundern. Route 15 im Wanderführer „Der Dachstein“ von Hannes Hoffert-Hösl steuert von den Gosauseen durch das Radltal den Ort Hallstatt am gleichnamigen See an; unterwegs erfährt man lesend und sehend viel zu Friedrich Simony, den Dachstein-Professor. Natürlich wird auch der Hohe Dachstein (2995 m) bestiegen, wohl eher ein Ziel für rüstige Touristen als für Sommerfrischler. In diesem Naturpunktführer mit Tages-, Höhen- und Weitwanderungen wird freilich nicht nur stramm gegangen und arg, vielleicht auch ängstlich geschwitzt (übrigens auch auf Schneeschuhen). Nein: Die vielen Hintergrundartikel zu Natur, Kultur und Geschichte machen das Buch zu einem Ganzjahreswerk. Aufi geht‘s!

David Coulin: Bergwandern von Hütte zu Hütte. SAC Verlag, Bern 2018, Fr. 49.-
Jürgen Wiegand, Heinrich Bauregger: Gotthardweg. Rother Wanderführer, München 2018, Fr. 19.90.
Hannes Hoffert-Hösl: Der Dachstein. Wanderungen im Dreiländereck Steiermark, Salzburg, Oberösterreich. Rotpunktverlag, Zürich 2018, Fr. 34.-

Am Sonntag, 7. Oktober 2018, findet bei der Capanna Cadagno das traditionelle jährliche Treffen „Il piacere d’incontrarsi in capanna“ statt. Alles weitere unter www.satritom.ch.

Menschen am Weg

Das jüngste Buch von Emil Zopfi ist eine sehr persönliche Erinnerung an Menschen, die sein Leben begleitet, beeinflusst, bestimmt, bereichert haben. Und unser hoffentlich auch.

22. September 2018

„Wenn ich mich als Laufbub bewähre, kann ich im kommenden Frühling eine Lehre beginnen. In der Fabrikkantine lese ich am Samstag nach Arbeitsschluss in der Schweizer Illustrierten, die dort aufliegt, eine Artikelserie über die Eigernordwand. Atemlos verfolge ich die dramatische Schilderung des italienischen Bergsteigers Claudio Corti, während dessen Seilgefährte Stefano Longhi ums Leben kam. Die Gefahren der Berge machen Angst, üben aber auch eine eigenartige Faszination aus. Ich bin mit meinem Vater über Pässe und Gletscher gewandert, ich kenne die Berge, habe schon Lawinen und Steinschläge gesehen. Klettern jedoch, so wie Johannes oder die Helden des Eigers – das wird zum heimlichen Wunsch. Auf meinen Botengängen durch die Fabrik träume ich von Abenteuern in Fels und Eis.“

Wäre aus dem Laufbub Emil in der Firma Zellweger in Uster auch der Schriftsteller und Kletterer Zopfi geworden, wenn er nicht als Jugendlicher mit dem packenden Schreiben über das Bergsteigen in Kontakt gekommen wäre, wenn er nicht den Kletterschilderungen des Lehrlings Johannes gelauscht hätte, der ihn zudem ermunterte, Bücher zu lesen? Ja, wenn ihn dieser Johannes nicht mit auf Tour genommen hätte? Nochmals ein Ausschnitt aus dem Kapitel „Johannes der Retter“ im jüngsten Buch von Emil Zopfi:

„Berge und Literatur. An der Fräsmaschine hatte mir Johannes eine Türe zu zwei Welten geöffnet, jenseits des Alltags in der Fabrik. Er hat mir Wege gewiesen, die fortan in meinem Leben immer wichtiger wurden. Klettern und Schreiben.“

Mit 75 Jahren schaut Emil Zopfi zurück auf sein Leben in einem sehr persönlichen und berührenden Buch: „Menschen am Weg“. Einer dieser Menschen ist eben der Johannes Peyer, der ihn „aus dem Gefängnis der Fabrikwelt“ entführt und dem er später, auf einer Wanderung, ein letztes Mal begegnet. Zopfi erzählt von Menschen, die ihn ein kurzes oder auch ein langes Stück begleitet haben, von Glarus nach Zürich, ins Rheinland und in die Toskana, nach Berlin und London, über Palästina ins Tessin. Meisterhaft verwebt er Erinnerungen an schicksalshafte grosse und kleine Momente in 31 Begegnungen, von der „Babetta – meine schöne Mama“ bis zu seiner Frau Christa. Mit ihr klingt ein schönes und reiches Buch aus, das alle lesen sollten: die Zopfianer sowieso, weil sie damit an viele stimmungsvolle Stunden mit seinen Büchern erinnert werden und doch so viel Neues kennenlernen werden; und diejenigen, die noch nie ein Werk von Zopfi gelesen haben, begegnen hier einem (Schweizer) Autor und seiner Zeit wunderbar nah und wegweisend.

Emil Zopfi: Menschen am Weg. Begegnungen. Rotpunktverlag, Zürich 2018, Fr. 34.- www.rotpunktverlag.ch, http://zopfi.ch/menschen_am_weg/

Lesungen aus «Menschen am Weg»:
22. September 2018, 13.30 Uhr. Röslischüür, Röslistrasse 9, 8006 Zürich.
26. September 2018, 20 Uhr. Buchhandlung Bellini, Goethestrasse 5, 8712 Stäfa
5. Oktober 2018, 20 Uhr. Landesbibliothek Glarus.
25. Oktober 2018, 19.30 Uhr, Buchhandlung im Volkshaus Zürich, im Rahmen von «Zürich liest».
9. November 2018, 18 Uhr, Zeughaus Kultur Brig. Im Rahmen von BergBuchBrig.
16. November 2018, 19.30 Uhr, Buchhandlung BUK, Schachenstrasse 15a, 6011 Kriens.
1. Januar 2019, 17 Uhr, Gemeindesaal, 3996 Binn. Im Rahmen der Binner Kulturabende.
7. Februar 2019, 19.30 Uhr, Culture Time, Wylandstrasse 26, 8400 Winterthur.

Chronik zur Geschichte von Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz 1933-1945

Eine Chronik zum Bergsteigen und Wandern in der Sächsischen Schweiz während der Hitlerjahre zeigt, wie ein erschreckend grosser Spalt zwischen sportlichem und gesellschaftlichem Tun klaffen kann.

14. September 2018

12. September 1943
Der Dresdner Naturfreund Heinz Hempel (geb. 1912) verstirbt 31-jährig im KZ Sachsenhausen. 1933 war er im KZ Königstein-Halbestadt bzw. im KZ Hohnstein inhaftiert. 1934 wurde er im Prozess mit Arno Straube zu 19 Monaten Gefängnis verurteilt.

13. September 1943
Das Mitglied des „T.C. Wanderlust Dresden“, Erich Bönhardt, erliegt einem tödlichen Absturz am Seekopf im Verwall.

Zwei Todesmeldungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und wie sie leider in Deutschland und in angrenzenden Ländern während der nationalsozialistischen Diktatur an der Tagesordnung waren. Nicht der Tod am Berg. Sondern der gewaltsame Tod, zum Beispiel in einem Konzentrationslager, wie für Heinz Hempel vor 75 Jahren. Der 1934 mitverurteilte Arno Straube überlebte das KZ, nicht aber den Bombenangriff der Alliierten auf Dresden im Februar 1945.

Schwierige und schlimme Zeiten, die der Dresdner Alpinismushistoriker Joachim Schindler umfassend und minutiös aufgearbeitet hat. Seine „Chronik zur Geschichte von Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz 1933–1945“ schildert Jahr für Jahr und Tag für Tag, was damals im Klettereldorado Elbsandsteingebirge und in Dresden passiert ist: nicht nur klettersportliche Exploits wie die erste Durchsteigung der Schrammtorwächter-Nordwand, sondern die Machtergreifung der Nazis, die Zerschlagung der Opposition, die Ermordung der Juden, der Zweite Weltkrieg. 2500 Einträge, 1100 Bilder, Zeitungsausschnitte und Dokumente sowie 1700 Personen, die irgendwie an der Wander- und Bergsteigerbewegung Sachsens beteiligt waren; eine unglaubliche Fülle auf 376 Seiten.

Nur eine Seite nach den beiden oben zitierten Ereignissen vom September 1943 ist das Feldurteil vom 3. November abgebildet, darin zwei angeklagte Soldaten wegen Fahnenflucht zum Tod verurteilt werden; Verhandlungsleiter war der Kriegsgerichtsrat Rudolf Fehrmann, der, so lesen wir in der Chronik, die Vollstreckung anderer Todesurteile beaufsichtigte. Nun muss man aber wissen, dass dieser Rudolf Fehrmann, ein NSDAP-Mitglied der ersten Stunde, der Übervater des Kletterns in der Sächsischen Schweiz ist, mit zahlreichen Erstbesteigungen und –begehungen sowie als Verfasser des ersten Kletterführers für diese berühmten Sandsteinnadeln (1908); die zweite Auflage von 1913 legte die Kletterregeln fest, die heute noch mehrheitlich gelten. Drei Routen sind nach ihm benannt: der „Fehrmannweg“ am sächsischen Mönch, der „Fehrmannkamin“ an der Kleinen Zinne und die „Fehrmannverschneidung“ am Campanile Basso. Zwischen sportlichem und gesellschaftlichem Tun klafft halt oft und immer wieder ein erschreckend grosser Spalt.

Und solche Risse öffneten sich gerade im Dritten Reich. Es gab aber auch Kletterer, die sich gegen die diktatorischen Verhältnisse stemmten und die mit dem Leben davonkamen. Die Brüder Max und Erich Joppe, Mitglieder des Klubs „Felsenstern“ und Erstbegeher einiger Routen in der Sächsischen Schweiz, malten in der Nacht nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 an der Bahnüberführung beim Dresdner Hauptbahnhof eine Antikriegslosung an: „Nieder mit Hitler, nieder mit dem imperialistischen Krieg“ – und das in unmittelbarer Nähe des Dresdner Gestapositzes.

Die neue Publikation ist der dritte Teil der Chronik zur Geschichte von Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz; Teil 1 umfasst die Jahre 1864 bis 1918, Teil 2 1919 bis 1932. Nun arbeitet Joachim Schindler an der Fortsetzung.

Joachim Schindler: Chronik zur Geschichte von Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz 1933–1945. Sächsischer Bergsteigerbund (SBB), Dresden 2017, € 23.- Erhältlich beim SBB: www.bergsteigerbund.ch