Chronik zur Geschichte von Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz 1933-1945

Eine Chronik zum Bergsteigen und Wandern in der Sächsischen Schweiz während der Hitlerjahre zeigt, wie ein erschreckend grosser Spalt zwischen sportlichem und gesellschaftlichem Tun klaffen kann.

14. September 2018

12. September 1943
Der Dresdner Naturfreund Heinz Hempel (geb. 1912) verstirbt 31-jährig im KZ Sachsenhausen. 1933 war er im KZ Königstein-Halbestadt bzw. im KZ Hohnstein inhaftiert. 1934 wurde er im Prozess mit Arno Straube zu 19 Monaten Gefängnis verurteilt.

13. September 1943
Das Mitglied des „T.C. Wanderlust Dresden“, Erich Bönhardt, erliegt einem tödlichen Absturz am Seekopf im Verwall.

Zwei Todesmeldungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und wie sie leider in Deutschland und in angrenzenden Ländern während der nationalsozialistischen Diktatur an der Tagesordnung waren. Nicht der Tod am Berg. Sondern der gewaltsame Tod, zum Beispiel in einem Konzentrationslager, wie für Heinz Hempel vor 75 Jahren. Der 1934 mitverurteilte Arno Straube überlebte das KZ, nicht aber den Bombenangriff der Alliierten auf Dresden im Februar 1945.

Schwierige und schlimme Zeiten, die der Dresdner Alpinismushistoriker Joachim Schindler umfassend und minutiös aufgearbeitet hat. Seine „Chronik zur Geschichte von Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz 1933–1945“ schildert Jahr für Jahr und Tag für Tag, was damals im Klettereldorado Elbsandsteingebirge und in Dresden passiert ist: nicht nur klettersportliche Exploits wie die erste Durchsteigung der Schrammtorwächter-Nordwand, sondern die Machtergreifung der Nazis, die Zerschlagung der Opposition, die Ermordung der Juden, der Zweite Weltkrieg. 2500 Einträge, 1100 Bilder, Zeitungsausschnitte und Dokumente sowie 1700 Personen, die irgendwie an der Wander- und Bergsteigerbewegung Sachsens beteiligt waren; eine unglaubliche Fülle auf 376 Seiten.

Nur eine Seite nach den beiden oben zitierten Ereignissen vom September 1943 ist das Feldurteil vom 3. November abgebildet, darin zwei angeklagte Soldaten wegen Fahnenflucht zum Tod verurteilt werden; Verhandlungsleiter war der Kriegsgerichtsrat Rudolf Fehrmann, der, so lesen wir in der Chronik, die Vollstreckung anderer Todesurteile beaufsichtigte. Nun muss man aber wissen, dass dieser Rudolf Fehrmann, ein NSDAP-Mitglied der ersten Stunde, der Übervater des Kletterns in der Sächsischen Schweiz ist, mit zahlreichen Erstbesteigungen und –begehungen sowie als Verfasser des ersten Kletterführers für diese berühmten Sandsteinnadeln (1908); die zweite Auflage von 1913 legte die Kletterregeln fest, die heute noch mehrheitlich gelten. Drei Routen sind nach ihm benannt: der „Fehrmannweg“ am sächsischen Mönch, der „Fehrmannkamin“ an der Kleinen Zinne und die „Fehrmannverschneidung“ am Campanile Basso. Zwischen sportlichem und gesellschaftlichem Tun klafft halt oft und immer wieder ein erschreckend grosser Spalt.

Und solche Risse öffneten sich gerade im Dritten Reich. Es gab aber auch Kletterer, die sich gegen die diktatorischen Verhältnisse stemmten und die mit dem Leben davonkamen. Die Brüder Max und Erich Joppe, Mitglieder des Klubs „Felsenstern“ und Erstbegeher einiger Routen in der Sächsischen Schweiz, malten in der Nacht nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 an der Bahnüberführung beim Dresdner Hauptbahnhof eine Antikriegslosung an: „Nieder mit Hitler, nieder mit dem imperialistischen Krieg“ – und das in unmittelbarer Nähe des Dresdner Gestapositzes.

Die neue Publikation ist der dritte Teil der Chronik zur Geschichte von Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz; Teil 1 umfasst die Jahre 1864 bis 1918, Teil 2 1919 bis 1932. Nun arbeitet Joachim Schindler an der Fortsetzung.

Joachim Schindler: Chronik zur Geschichte von Wandern und Bergsteigen in der Sächsischen Schweiz 1933–1945. Sächsischer Bergsteigerbund (SBB), Dresden 2017, € 23.- Erhältlich beim SBB: www.bergsteigerbund.ch

Fallätsche

Microadventure am Uetliberg. Direttissima durch den Erosionstrichter ob Leimbach.

12. September 2018

Ein paar Schritte und die Zivilisation liegt hinter mir. Von der Sihltalstrasse in Leimbach führt ein Trampelweg dem Rutschbach direkt hinauf zur Fallätsche. Der Name des Bachs kündigt schon an, was kommt. Rutschiges Gelände, Sandsteinbänke, dazwischen Lehm- und Mergelschichten und zuoberst eine Bank Nagelfluh. Geologisch und botanisch interessantes Gelände, eine Welt für sich.

Vorderhand kämpfe ich mich fast wie durch Tropenwald-Dickicht – es ist ja auch ein Tropentag, der letzte dieses heissen Sommers wohl. Trotz Trockenheit ist die Vegetation üppig, meterhohe Gräser, Schachtelhalm, Dornengebüsch, Nadel- und Laubhölzer und Eiben, der Uetliberg ist einer der grössten Eibenstandorte Europas. Der Weg wird zum Bachbett, Sandsteinsstufen folgen sich, müssen auf erdigen Tritten umgangen werden. Höher oben kraxle ich dann nur noch auf allen Vieren, klammere mich an Wurzeln, Grasbüschel, Bäumchen oder einfach mit den Fingern in den Dreck. Fühle mich wie als Bub, als ich so oft und so einsam durch die Tobel und Höhlen des Zürcher Oberlandes streifte und deren Steilhänge hochkraxelte. Im Alter wird man wieder zum Kind, wird mir wieder einmal bewusst, geradezu körperlich. Und wie ein Kind geniesse ich die spielerische Kraxelei. Harmlos ist’s wohl nicht. Man könnte tatsächlich abrutschen, abstürzen, wäre nicht der Erste, der hier in Bergnot gerät oder gar zu Tode kommt. Letzte Nacht übrigens träumte ich vom Klettern, eine blockige Felswand hinauf, die plötzlich hinter mir zusammenstürzte. Ich erreichte aber das Ende der Route, ohne Angst.

Froh bin ich doch um die Trockenheit. Bei Nässe wäre die Route fast selbstmörderisch. Die rutschigen Tritte mit Laub bedeckt, das ich wegwische, bevor ich draufstehe. So wie man die Stufen in einer Eiswand putzt.

Eigentlich wollte ich zur so genannten Glecksteinhütte, die spektakulär auf einem Felsen thront, oft schon habe ich sie gesehen vom Teehüttli aus und dabei gedacht: da will ich mal hin. Nun bin ich da, finde sie aber nicht. Dafür unverhofft unter einem Überhang ein Bänklein und eine angekettete Gamelle mit Wandbuch, deponiert von einem Martin Mezger, vielleicht jenem, den ich kenne. Theologe war er, lebte im Glarnerland. Aber vielleicht gibt es mehrere Martin Mezger. Jedenfalls sei es schon das zweite Büchlein seit 2015, im ersten hätten sich zweihundert Leute eingeschrieben. Es gibt also offensichtlich einen inoffiziellen Fallätsche-Fanclub, zu dem ich nun auch gehöre, nach pflichtgemässem Eintrag.

Dann klettere ich weiter hoch, Trittspuren folgend, und erreiche sozusagen in Direttissima den Grat, begegne wieder Menschen, Wanderinnen mit Stöcken. Eine runde Stunde hat mein Mikroabenteuer oder Microadventure gedauert. Ich habe aber noch nicht genug von der eigenartigen Fallätschenwelt, steige ab zum Teehüsli und weiter unten, bei der Bristenstöcklihütte, die schwer am Abrutschen ist, quere ich wieder hinein in den grossen Trichter. Stehe plötzlich vor einem Hüttli, von dem ich noch nie gehört habe. «Felsenkammer» heisst es und gehört einem Club aus Leimbach mit etwa achtzig Mitgliedern, errichtet vor über hundert Jahren. Es gibt noch viele Hüttli am Uetliberg, fünf soll es allein in der Fallätsche geben. Hüttenromantik und Bergsehnsucht wird hier zelebriert. Abenteuerwelt vor der Haustür, Naturerlebnis ohne weite Reisen. Früher konnte man sich das auch gar nicht leisten. Es war die Zeit der Bergvagabunden und Wandervögel, der Knickerbocker und roten Socken. Aber auch besser betuchte Mitglieder des Akademischen Alpen-Clubs sollen an den Sandsteinklippen trainiert haben, ich weiss von Kletterern, die in den Sechzigerjahren hier mit Seil, Haken und Leiterli das technische Klettern übten. Fallätsche kommt ja von falaise, Felsen.

Am Schluss bin ich wieder auf dem Pfad beim Rutschbach, und da erinnere ich mich wieder an meine Jugendzeit. Für die Wanderungen, die nach einer Rundtour am Schluss wieder ein Stück weit der Anfangsroute folgten, hatte ich für mich den Begriff «Teppichklopferlauf» kreiert. Zeichnet man die Route auf, so gleicht sie einem Teppichklopfer mit Stiel. Nach einer Stunde und vierzig Minuten bin ich wieder am Ausgangspunkt, Bahnhof Leimbach. Leicht verschwitzt und glücklich.

Dreimal Graubünden

Drei neue Bücher geben ganz unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie das Alpenland Graubünden spricht und schreibt, tickt und wirkt.

6. September 2018

„Wenn man die Berge halb oben absägen würde, könnte man die obere Hälfte mit der Spitze nach unten in die Täler legen, und sie würden wie ausgemessen hineinpassen; und dann wäre alles eben.“

Und dann gäbe es Graubünden nicht. Jedenfalls nicht als Land der 1000 Gipfel, 150 Täler und 615 Seen. Und wohl auch nicht als Land der drei Sprachen und der zahlreichen Dialekte. Das Zitat stammt aus dem 1962 publizierten Roman „La müdada“ (deutsch „Die Wende“, 1984) von Cla Biert, der den Wechsel eines Unterengadiner Dorfes vom reinen Bauerndorf zu einer Auch-Tourismusdestination erzählt. Hauptfigur ist der junge Bauer Tumasch Tach, der sich in eine Touristin verliebt. Hoch oben auf einem Berggrat erinnert er sich an das Gedankenspiel aus seiner Kindheit mit dem Einebnen der Berge; vielleicht nicht zufällig kommt seine Liebste aus Dänemark, und dieses Land ist wirklich fast topfeben.

Cla Bierts Roman steht zusammen mit Ulrich Bechers „Murmeljagd“ von 1969 im Mittelpunkt von Andreas Bäumlers Aufsatz zu einer Literaturgeografie des Engadins: „Bergfantasien kartieren“. Er ist zu finden im eben erschienenen Band „Sigls da lingua – Sprachsprünge – Salti di lingua. Poetiken literarischer Mehrsprachigkeit in Graubünden“. Man lasse sich durch den etwas hochkletternden Untertitel nicht verunsichern. Was da auf 284 Seiten und mit 55 Farbabbildungen präsentiert und analysiert wird, lässt sich meistens auch ohne germanistischen Rucksack packen. Die Ausführungen zu Franz Hohlers „Totemügerli“ bzw. „Il malur da la fuorcla“ sind beispielsweise so lesenswert und interessant wie diejenigen zu Arno Camenisch, dem Shooting Star der rätoromanisch-deutschsprachigen Literatur Graubündens. Kurz: Ein starkes Buch zur Ferienecke der Schweiz und seiner Literaturtopografie, das zudem Lust macht, die besprochenen belletristischen Werke wieder oder endlich einmal zu lesen.

Unbedingt lesen sollte man ebenfalls „Authentische Kulissen. Graubünden und die Inszenierung der Alpen“ des Kulturwissenschaftlers und Sprachlehrers Thomas Barfuss, auch wenn man nicht jede philosophische Höhenwanderung mitmachen mag. Allein die Kapitelüberschriften wie „Autobahnraststätte Heidiland. Die multikulturelle Heimatschiene“, „Landquart Fashion Outlet. Das Dorf als Benutzeroberfläche“ oder „Samnaun Dorf. Lokalkolorit als Warenbühne“ lassen Dunkles und Erhellendes, unecht Vorgehängtes und echt klug Hinterfragtes erwarten. Und genau so ist es: Kunstvoll und gnadenlos seziert Barfuss die inszenierte Wirklichkeit des heutigen Graubündens mit seinen Shopping-Malls und Einkaufsdörfern, seinen Raststätten und Nullpunkten (ja, die gibt es auch). Zugleich geht das Buch weit über die 150 Täler und 1000 Gipfel hinaus, denn die hingestellten authentischen Kulissen für die Reisenden und weniger für die Bereisten gibt es ebenfalls in andern Regionen der Alpen. Am Schluss des Buches reisen wir gar in den Europapark Rust, wo der Schellen-Ursli durchs Walliser Dorf taumelt.

Aber nicht unbedingt lesen muss man den Band zu Graubünden aus der renommierten Reihe der Picus Lesereisen, die „erstklassige ortskundige Autorinnen und Autoren“, wie es im Prospekt heisst, von fast 150 Zielen von Abu Dhabi bis Zypern verfasst haben. Der Österreicher Martin Leidenfrost gibt sich zwar redlich Mühe, die „Bündner Wirren“, wie der Untertitel lautet, zu entwirren. Doch das gelingt ihm nur halbwegs, wie er selber zugibt: „Ich habe fast ganz Europa durchritten, habe jedoch kaum je einen Landstrich gefunden, in dem jedes Dorf anders ist. Nicht einmal das südliche Bessarabien reicht so richtig an Graubünden heran.“ Nun, dafür ist es in diesem Landstrich in Flussweite zum Schwarzen Meer schön eben.

Christa Baumberger, Mirella Carbone, Annetta Ganzoni (Hg.): Sigls da lingua – Sprachsprünge – Salti di lingua. Poetiken literarischer Mehrsprachigkeit in Graubünden. Chronos Verlag, Zürich 2018, Fr. 34.- www.chronos-verlag.ch

Thomas Barfuss: Authentische Kulissen. Graubünden und die Inszenierung der Alpen. Fotografien von Daniel Rohrer. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2018, Fr. 39.- www.hierundjetzt.ch

Martin Leidenfrost: Lesereise Graubünden. Bündner Wirren. Picus Verlag, Wien 2018, Fr. 22.- www.picus.at

Sigls da lingua – Sprachsprünge – Salti di lingua: Buchvernissage mit Podiumsdiskussion am Donnerstag, 6. September 2018, 18 Uhr in der Café Bar im Theater Chur; Buchpräsentation mit Kurzreferat und dreisprachiger Lesung am Freitag, 7. September 2018, 17.30 Uhr im Hotel Waldhaus in Sils/Segl.

Bergkrimis, 3. Seillänge

Der fünfte Fall für Léon Duval, der zehnte für Bruno Courrèges und Hubertus Jennerwein, der x-te für Rocco Schiavone: Sechs (Berg)krimis, die alle in diesem Jahr herauskamen.

29. August 2018

„Wissen Sie, ob sie Alpinistin war?“
„Bruno meint, ob sie in Felswänden geklettert ist“, erklärte Amélie.
„Nicht dass ich wüsste. Jedenfalls ist sie gern gewandert. Wir waren nach der Friedenskonferenz für einen Tag in den Schweizer Bergen.“

Alpinistin, Klettererin oder Wandererin: Differenzierende Bezeichnungen für Bergsportler kümmern die junge Archäologin Leah Wolinksky nicht mehr. Sie stürzte beim Klettern ab – Seilriss. Aber nicht beim Sportklettern, sondern beim „Politklettern“. An einer Schlossmauer wollte sie, hängend an einem Seil, eine politische Glaubensbotschaft anbringen. Was einem Gegner nicht gefiel, weshalb er kurzerhand das Seil durchtrennte. Martin Walkers „Revanche“, der zehnte Fall für Chef de Police Bruno Courrèges, ist kein Bergkrimi im engeren Sinn, vielleicht auch nicht im weiteren. Aber ein Kletterunfall, der sich dann als Mord entpuppt, steht am Anfang des jüngsten Falles der Erfolgsserie, die an einem fiktiven Ort im Périgord verortet ist.

Wir bleiben noch in Frankreich. „Das Dorf Ste. Agathe werden Sie vergeblich auf der Landkarte suchen, es ist meiner Fantasie entsprungen“, verrät Christine Cazon im Nachwort zu „Wölfe an der Côte d’Azur. Der fünfte Fall für Kommissar Duval“. Nun, das ist insofern eine Irreführung der Leser, als es in Frankreich rund zehn Sainte-Agathe gibt, wie www.geoportail.gouv.fr zeigt, wenn auch keines an der Côte d’Azur. Diesmal ermittelt Léon Duval in den Bergen und an der Küste, es geht um einen umstrittenen Wanderweg im Nationalpark und um den Wolf. Liegen sich Naturschützer und Schäfer nur in den Haaren, oder wird auch mit anderen Mitteln gekämpft? Eine hochspannende und -aktuelle Diskussion, verpackt in einen Krimi vom Rande der Alpen. Und: Findet die Journalistin Annie zurück zu Kommissar Léon? Wir gönnten es den beiden, mais bien-sûr!

Ebenfalls am Rande der Alpen ist der dritte Fall für Matteo Bruno angesiedelt, Besitzer einer Metzgerei in Cannòbio und ehemaliger Polizeipsychologe, Fischer und Berggänger. Auf dem Gipfel der Cima della Laurasca im Parco Nazionale Val Grande findet er einen Toten; jedenfalls zeigt der Mann, der auf einem Felsabsatz unter ihm liegt, keinerlei Regung. Doch wie die wahrscheinliche Leiche geborgen werden soll, ist sie plötzlich nicht mehr da. Warum? Und warum überhaupt stürzt jemand vom Gipfel? Fragen, die im Laufe des Krimis allerdings nur noch Nebenrollen spielen. Insgesamt ist der dritte Matteo-Fall von Bruno Varese weniger überzeugend als der Erste. Und dass die Cima männlich und eine Alp Alpe geschrieben werden, hemmt immer wieder das Lesevergnügen.

Wir bleiben noch in Italien, im Valle d’Aosta auf der Südseite des Monte Rosa-Massivs. In einem Bücherstand an der Via XX Settembre in Genua entdeckte ich den Band „L’anello mancante. Cinque indagini de Rocco Schiavone“ von Antonio Manzini. Seinen ersten Krimi „Pista nera“ um den von Rom nach Aosta strafversetzten Schiavone hatte ich im Juli 2016 auf www.bergliteratur.ch vorgestellt. In Genua schaute ich den Band mit den fünf Kurzgeschichten an, insbesondere diejenige mit dem Titel „Castore e Polluce“. Volltreffer: ein echter Bergkrimi – ein Bergunfall, der sich als Mord am Berg herausstellt. Clever und überraschend von einem Kommissar herausgefunden, der mit den Bergen und dem Bergsteigen gar nichts an der Mütze hat. Aber wofür hat man schliesslich Seilpartner auf dem Posten?

Echte Bergkrimis schreibt bekanntlich Irmgard Braun. „Nie wieder tot“ war ist erster (2014), es folgten „Mutig aber tot“ sowie zwei Fälle mit der Kletteroma Monika Trautner. Der fünfte Braunsche Bergkrimi erweckt das Ende des Daseins im Titel zu neuem Leben: „Tod an der Alpspitze“. An diesem 2628 Meter hohen Wahrzeichen von Garmisch-Partenkirchen passieren schreckliche Sachen. Damit ist nicht unbedingt die Sprayaktion am unübersehbaren Gipfelkreuz gemeint, sondern der Sturz eines Mitgliedes der Gruppe von Jana während der Begehung der berühmten Alpspitz-Ferrata. Wie immer in solchen Fällen taucht da die Frage auf: Hat jemand noch nachgeholfen? Und weshalb? Und wie immer lautet in diesem Fall die Antwort: selber lesen!

Das gilt natürlich auch immer wieder für Jörg Maurer und seine in Garmisch-Partenkirchen handelnde Serie um Kommissar Hubertus Jennerwein. Im zehnten Band mit dem genialbösen Titel „Am Abgrund lässt man gern den Vortritt“ steht für einmal aber nicht er im Mittelpunkt, sondern Ursel Grasegger, Bestattungsunternehmerin a.D. Ihr Mann Ignaz ist nämlich spurlos verschwunden, vielleicht beim Wandern abgestürzt? Was durchaus möglich wäre, denn die Graseggers haben an fast unzugänglichen Orten rund um ihren Kurort geheime Depots angelegt – keine Sache für Schwindelanfällige. Jennerwein hilft der Ursel, wenn auch contre-coeur. Und trifft dabei den Allgäuer Kriminalkommissar Kluftinger aus Kempten, genauso eine fiktive Figur wie er selbst und, was für ein schöner Zufall, ebenfalls mit dem zehnten Band auf dem Markt. Ausschnitt aus dem neuen Maurer, dessen rasantes Finale am Lago di Lugano von statten geht:

„Haben Sie vielleicht eine Landkarte von der Schweiz oder vom Tessin im Haus?“, fragte Jennerwein. „Sonst kaufen wir unterwegs eine.“
„Aber, Kommissar, in welcher Zeit leben Sie denn? Kein Mensch benützt heutzutage mehr eine Landkarte! Das ist doch im Internet alles viel genauer zu sehen.“

Martin Walker: Revanche. Der zehnte Fall für Bruno, Chef de Police. Diogenes Verlag, Zürich 2018, Fr. 34.90.
Christine Cazon: Wölfe an der Côte d’Azur. Der fünfte Fall für Kommissar Duval. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, Fr. 14.90.
Bruno Varese: Totenstille über dem Lago Maggiore. Ein Fall für Matteo Basso. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, Fr. 14.90.
Antonio Manzini: L’anello mancante. Cinque indagini de Rocco Schiavone. Sellerio editore, Palermo 2018, € 14.-
Irmgard Braun: Tod an der Alpspitze. Rother Verlag, München 2018, Fr. 18.50.
Jürg Maurer: Am Abgrund lässt man gern den Vortritt. Fischer Verlag, Frankfurt 2018, Fr. 24.90.

PS: Wer sich für Bergkrimis interessiert, findet entsprechende Hinweise auch in „Blüemlisalp – Schneezauber und die sieben Berge“. Die zweite Buchvernissage dieser neuen Bergmonografie des AS Verlages findet am Donnerstag, 30. August 2018, um 19.30 Uhr im Bächli Bergsport unweit des Bahnhofs Thun statt.

GastFREUNDschaften. 150 Jahre Hotel Nest- und Bietschhorn

Ein berühmtes Hotel, in dem fast alle Besteiger des Bietschhorns und anderer Berge im Lötschental abgestiegen sind, feiert den runden Geburtstag mit einem reichhaltigen Buch. Lesen und hinfahren!

26. August 2018

„Das neue Gasthaus zu Ried, in dem allen berechtigten Anforderungen mehr als entsprochen wird, ist eine vorzüglich gelegene Station für eine Fülle lohnender und bedeutender Exkursionen. Vortreffliche Führer findet man namentlich in den Brüdern Siegen, und was eine Hauptsache ist: Der Geldsack des Reisenden ist dort noch nicht zum Jagdobjekt geworden. Unter einem braven, unverdorbenen Volke, in einer erhabenen, grossartigen Natur wird Jeder sich wohl fühlen, der in dem still von der Welt gesonderten Thale, sei es Ruhe, sei es Anstrengung sucht.“

Im Sommer 1868 nahm das Hotel Nest- und Bietschhorn in Ried bei Blatten im Lötschental seinen Betrieb auf. Der erste Alpinist, der über diese neue Unterkunft schrieb, war Ernst Justus Häberlin (1847–1925), Rechtsanwalt und Kommerzienrat in Frankfurt am Main, Numismatiker und Alpinist. Seine Hotel-Empfehlung findet sich am Schluss des 90-seitigen Artikels über „Gletscherfahrten in Bern und Wallis im Sommer 1869“, abgedruckt im sechsten „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1869/70; heute fände sich eine solche auf Booking oder einer ähnlichen Plattform. Häberlin, Mitglied der SAC-Sektion Basel, hatte sich selbst vorbildlich an seine Empfehlung gehalten: Erstbesteigung des Breitlauihorns (3655 m) am 26. August 1869, des Lötschentaler Breithorns (3785 m) am 28. August 1869 und des Schinhorns (3797 m) am 30. August 1869, mit den Führern Andreas und Johann von Weissenfluh sowie mit Joseph Rubin (beim Breithorn). Einmalig, diese Erstbesteigung von drei grossen Lötschentaler Gipfeln innerhalb von nur fünf Tagen!

So einmalig wie das Hotel selbst, von dem aus die Alpinisten ihre Erstbesteigungen gestartet haben. Die Brüder Stephan und Joseph Ignaz Lehner von Gampel hatten die Idee und das Geld zum Bau des Hotels, von 1866 bis 1868 wurde es gebaut. Joseph Ignaz führte als Erster das Hotel, das auf den Namen Nesthorn getauft wurde, weil die Lötschentaler das Bietschhorn damals nur so benannten. 1890 übernahm die Hoteldynastie Schröter das später in Hotel Nest- und Bietschhorn umbenannte Haus, 1979 erwarben es Helene und Erwin Bellwald-Grob, 2011 übernehmen Esther Bellwald und Laurent Hubert die Führung. Hier sind fast alle Besteiger des Bietschhorns und anderer Berge im Lötschental abgestiegen und haben im „Travellers book Hôtel Nesthorn“ ihre Spuren hinterlassen. „Im Lesezimmer fand ich eines der interessantesten Fremdenbücher, das ich je gesehen. Männer wie Stephen, Freshfield, Coolidge, Dent, Zsigmondy, von Fellenberg, K. Schulz, Flender, Purtscheller und viele andere haben hier ihre Aufzeichnungen eingetragen. Das Bietschhorn hatte sie alle hergelockt,“ schreibt Eleonore Noll-Hasenclever im Bericht „Eine Besteigung des Bietschhorns“, die sie bei denkbar schlechten Verhältnissen am 9. Juli 1908 mit dem berühmten Bergführer Alexander Burgener macht.

Dieser Bericht findet sich im 248-seitigen Buch, das Helene Bellwald nun zum Jubiläum ihres Hauses herausgegeben hat: „GastFREUNDschaften. 150 Jahre Hotel Nest- und Bietschhorn.“ Ein reichhaltig illustriertes und geschriebenes Buch, verfasst von 21 Autorinnen und Autoren. Eine Zeitreise in die Vergangenheit, mit historischen, unterhaltsamen, traurigen und heiteren Kurzgeschichten. John Gregg zum Beispiel geht den beiden jungen Engländern Edward Felix Mendelssohn Benecke und Henry Alfred Cohen nach, die immer wieder zu Erstbesteigungen und –begehungen aufgebrochen sind; so auch am 16. Juli 1895 zu einer Tour, von der sie nicht zurückkehrten. Man hat sie bis heute nicht gefunden; ein Stein im Englischen Friedhof von Blatten erinnert an die beiden Unglücklichen. Da hatten die drei Erstbesteiger des Schinhorns mehr Glück. Beim nächtlichen Abstieg vom Beichpass Richtung Gletscherstafel gerieten Häberlin und seine beiden Führer in ein infernalisches Gewitter; zum Glück tauchten da auf der Moräne zwei junge Älplerinnen mit Laternen auf, wie „zwei rettende Engel“.

Helene Bellwald (Hrsg.): GastFREUNDschaften. 150 Jahre Hotel Nest- und Bietschhorn. Von Pionieren, Patrons und anderen schauerlichen, anmutigen, tratzhaften und fein herausgeputzten Personen. Geschichten, Dokumente und Fotos vom ältesten Hotel im Lötschental. Rotten Verlag, Visp 2018, Fr. 39.- www.nest-bietschhorn.ch

Blüemlisalp – Schneezauber und die sieben Berge

Wer ist die Schönste im ganzen Land? Die Blüemlisalp im Berner Oberland! 155 Jahre nach dem ersten Buch über sie und ihren Nachbarn Doldenhorn werden die sieben Schneeberge zwischen Kiental und Kandersteg in einer schönen Monografie vorgestellt.

15. August 2018

„Hier mussten wir wegen Nebel 2 Tage bleiben und leben so gut es ging. Am ersten schönen Morgen stiegen wir ab nach Bundalp, Kienthal, Reichenbach, mit der Bahn nach Bern.“

Notierte Paul Klee in sein Tagebuch. Zusammen mit dem Schulkameraden Walther Siegerist wanderte der heute weltberühmte Maler als 18-Jähriger Anfang Juli 1898 über das Hohtürli. Von Spiez marschierten die zwei Gymnasiasten nach Kandersteg und weiter auf die Oeschinenalp. Am vierten Juli ging es hinauf in die 1894 erbaute Blüemlisalphütte im Hohtürli, wo das Schlechtwetter die beiden festhielt. Klee vertrieb die Zeit mit Zeichnen; am 4. Juli zeichnete er seinen lesenden Kameraden auf der Pritsche ins zweite Passantenbuch der Hütte. Die Zeichnung ist in der Schrift „Die ersten 50 Jahre der Sektion Blümlisalp S.A.C.“ von 1924 abgebildet und blieb von den Klee-Kennern unentdeckt. Nun dient sie als Frontispiz der 20. Bergmonografie des AS Verlages: „Blüemlisalp – Schneezauber und die sieben Berge“, herausgegeben von Daniel Anker und Marco Volken.

Paul Klee ist nicht die einzige bekannte Persönlichkeit in diesem 208-seitigen Buch. Ferdinand Hodler und Edouard Kaiser, Heinrich Feder und Friedrich Dürrenmatt hobelten gekonnt mit Pinsel und Stift an der Blüemlisalp. Hanery Amman und Polo Hofer verewigten sie im „Alpenrose“-Lied: „Blüemlisalp i re Summernacht/Nachdäm i ha ne Bärgtour gmacht“. Für den Kandersteger Alt-Bundesrat Adolf Ogi ist sie „eine Kathedrale“. Sein Urgrossvater Fritz Ogi stand als Erster auf Blüemlisalphorn, Fründenhorn, Oeschinenhorn und Blüemlisalp-Rothorn, stieg als Erster von Norden auf die Wildi Frau und als Erster durch die Südwestflanken von Oeschinenhorn und Blüemlisalp-Rothorn ab – macht sieben Erstbesteigungen und Erstbegehungen an der Blüemlisalp. Ein Zufall? Wohl kaum. Denn die Zahl sieben spielt im Schneegebirge zwischen Kandersteg und Kiental eine Hauptrolle.

Sieben Gipfel hat die Blüemlisalp, vier Haupt- und drei vorgelagerte Gipfel. Westlich des Oeschinenhorns strecken drei andere Gipfel ihre Felsgrate und Firnflanken in den Himmel: das Fründenhorn sowie das grosse und das kleine Doldenhorn. Macht also wiederum ein Siebengebirge. Und genau diese sieben Berge bilden den Horizont im Gemälde eines unbekannten Malers, das seit der Restaurierung des Schaufelraddampfers „Blümlisalp“ den Damensalon verschönert.

Apropos Damen: Hermine Tauscher-Geduly, Alpinismus-Pionierin der alten Donaumonarchie, verfasste als erste Frau einen Bericht über die Besteigung des Blüemlisalphorn – ein Stück Bergliteratur vom Feinsten, in voller Länge zu geniessen im dritten Kapitel des neuen Buches. Das nicht zufälligerweise sieben Kapitel aufweist. Dazu eine 17-seitige Chronik von der ersten Erwähnung anno 1606 bis zur letzten undurchstiegenen Wand. Aber aufgepasst: Der Fels von Blüemlisalp & Doldenhorn hat keinen guten Ruf. Sicherer ist es, am Oeschinensee in den „Schneezauber und die Berge“ einzutauchen. Oder eine der beiden Buchvernissagen zu besuchen, entweder in der Blüemlisalp-Stadt Thun oder in Paul Klees Bern.

Daniel Anker, Marco Volken: Blüemlisalp – Schneezauber und die sieben Berge. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 49.80. www.as-verlag.ch

Zwei Buchvernissagen bei Bächli Bergsport: am Donnerstag, 23. August 2018, in der
Filiale Bern (Waldhöheweg 1); am Donnerstag, 30. August 2018, in der Filiale Thun (Gewerbestrasse 6): jeweils 19.30 Apéro, 20.00 Vortrag, 21.00 Uhr Lichterlöschen. www.baechli-bergsport.ch/bluemlisalp

La Patrouille

Die Frau als Hauptfigur, im jüngsten Comic des Waadtländers Derib und am diesjährigen Salon International du Livre de Montagne de Passy.

8. August 2018

…JE CROIS QUE J’AI DE PLUS EN PLUS BESOIN DE LA MONTAGNE…

Sagt Camille am Schluss des Buches zu ihrem Freund Michel. Sie stehen Seite an Seite, einander mit den Armen haltend, auf einer Alpweide hinten im Val d’Hérens und schauen zur Königin des Tales, zur Dent Blanche hinauf; neben ihnen grast Violette, die Reine des Vaches. Und, mais bien-sûr, ist auch Camille eine Art Königin: Sie hat nämlich die Patrouille des Glaciers erfolgreich absolviert, diesen berühmtesten Skitourenwettkampf der Schweiz, und das auf der langen Strecke von Zermatt nach Verbier zusammen mit Charlène und Jenny. Eigentlich wäre Camille gar nicht gelaufen; doch als Ersatzfrau für das Rennen musste sie einspringen, weil sich Mélanie bei einer Trainingstour verletzte. Dass Camille überhaupt das harte Training für die PDG aufnehmen und durchziehen konnte, verdankt sie Michel, der jeweils zu ihren Kühen schaute. „Merci de m’avoir permis de vivre tout ça…“, sagt sie zu ihm, hinten im Val d‘Hérens.

Eine schöne Geschichte, n’est-ce pas? Gezeichnet hat sie Derib, der bekannte Waadtländer Comiczeichner. Über 50 Alben hat Claude de Ribaupierre, wie er mit vollem Namen heisst, publiziert; „La Patrouille“ erschien im April 2018, pünktlich zur diesjährigen PDG. Entdeckt habe ich das 80-seitige Comic am letzten sehr heissen Samstag im Marin-Centre, dem grossen Einkaufszentrum einen Kilometer westlich des Zihlkanals, der die Deutschschweiz von der Romandie trennt. Aber nicht in einer Buchhandlung oder im Kiosk fand ich Camilles Abenteuer zwischen Matterhorn (ist natürlich auf dem Cover abgebildet) und Dent Blanche, zwischen Wettkampf mit Kühen und mit Tourenläufern, sondern im grossen Migros Markt, wo eine ganze Wand mit Comics steht. Mais oui, der Rösti- ist auch ein Kulturgraben. Die Patrouille des Glaciers aber überwindet ihn; und die Dent Blanche, die erhebt sich wie das Weisshorn genau auf der Sprachgrenze.

„Alors, les filles, vous êtes prêtes pour le grand jour?“ Das fragt der Sicherheitschef der PDG die drei Rennläuferinnen. Sie sind es. Wir sind es auch für ein Bergbuch, das einen der wichtigsten Sportanlässe in den Schweizer Bergen in eine schöne Geschichte verpackt hat, mit einer Frau als Hauptfigur.

Apropos Frau: Das Hauptthema des 28. Salon International du Livre de Montagne de Passy, der vom Freitag, 10. August, bis Sonntag, 12. August, stattfindet, lautet: „Les femmes de la montagne“. Alors, auf nach Passy, diesen sonnigen Flecken bei St-Gervais-les-Bains mit Blick auf den Mont Blanc. Ein spannendes Programm erwartet uns: Verlage mit ihren (neuen) Büchern, Buchantiquariate mit ihren Kostbarkeiten, Diskussionen, Filme. Am Samstag um 18 Uhr wird der Film „Les voyages extraordinaires d‘Ella Maillart“ gezeigt. Als Mitglied der Schweizer Skinationalmannschaft und als Skialpinistin hätte Ella die Begeisterung von Camille für die Patrouille des Glaciers und die Alpes valaisannes bestimmt gefallen.

Derib: La Patrouille. AS’Créations, Montreux 2018, Fr. 30.- www.derib.com, www.ascreations.ch

Salon International du Livre de Montagne de Passy, 10.-12.8.2018, https://salonlivremontagnepassy.jimdo.com

Dutch Mountains

Erfanden die Niederländer um 1660 unsere Berge? Vielleicht etwas mutig ausgedrückt. Aber die Holländer malten die Alpen auf neue, wegweisende Art. Mit dabei: der Zürcher Conrad Meyer. Mehr zu diesem Kulturaustausch im Kunstmuseum Winterthur und im Ausstellungskatalog.

1. August 2018

I was born in a valley of bricks,
Where the river runs high above the rooftops.
I was waiting for the cars coming home late at night –
From the Dutch mountains.

So startet der Song “In the Dutch Mountains” im gleichnamigen Album, das die niederländische Band The Nits 1987 veröffentlichte. Seit knapp einem Monat sind die holländischen Berge im Kunstmuseum Winterthur zu sehen – jedoch weder die einen, an die sich die Songschreiber erinnern, noch die andern, die es in den Niederlanden ja tatsächlich geben soll (der höchste Hügel, der Vaalserberg, liegt immerhin 322 Meter über der Nordsee). Nein, Ausstellung und Katalog „Dutch Mountains. Vom holländischen Flachland in die Alpen“ beleuchten die Landschaftsmalerei vom 16. bis ins 19. Jahrhundert und zeigen, wie holländische Maler die Darstellung von Gebirge neu kreierten, zuerst in Ideallandschaften, denen keine oder nur vereinzelt reale Natur zu Grunde lagen. Aber vor allem mit Jan Hackaert (1628–1690) begann eine ganz neue Ära, indem er zeichnete und malte, was er draussen sah. 1655 bereiste er die Schweiz im Auftrag des Amsterdamers Rechtsanwaltes Laurens von der Hem und schuf 40 grossformatige, wirklichkeitsgetreue Zeichnungen der Schweizer Gebirgslandschaft. Er war aber nicht alleine unterwegs; in Zürich lernte er nämlich den einheimischen Künstler Conrad Meyer (1618–1689) kennen, und gemeinsam zeichneten und aquarellierten sie am Zürichsee und in den Glarner Alpen. Faszinierend zu sehen, wie sich ihre Werke gleichen und doch nicht. Um 1660 malten dann sowohl Meyer wie Hackaert grosse Ölgemälde mit Bergen, der eine vom Gonzen ob Sargans, der andere von den Glarner Alpen am Horizont ob dem Zürichsee.

Überhaupt dieser Conrad Meyer: Da wäre eine grosse Ausstellung fällig. Immerhin sind in Ausstellung und Katalog elf seiner Werke zu bewundern. Namensvetter Felix Meyer (1653–1713) hat ebenfalls einen schönen Auftritt; bei seinem um 1700 entstandenen Ölbild „Berglandschaft mit See (Oeschinensee)“ dürfte es sich um das erste Gemälde dieses beliebten Sees am Fuss von Blüemlisalp und Doldenhorn handeln, auch wenn sich da Phantasie und Realität bei der Felsdarstellung noch etwas gar mischen. Da ist Caspar Wolfs „Das Oeschinental bei Kandersteg“ von 1777 realistischer und dramatischer zugleich – Wolf ist halt ein unerreichter Meister seines Fachs, genauso wie auf seine Art Alexandre Calame; er malt den Schlusspunkt der „Dutch Mountains“. Spannend zu sehen und zu lesen ist nun aber, wie die Gebirgsdarstellungen berühmter Schweizer Kunstmaler niederländische Wurzeln und Einflüsse haben. Eben: Vom holländischen Flachland in die Alpen. Ein Kulturaustausch entlang des Rheins, davon auch später noch die Rede sein wird. In der Erzählung „Wie die Berge in die Schweiz kamen“ berichtet Franz Hohler im Jahr 2000, wie Benedikt Matter den Holländern vorschlug, ihre Gipfel gegen die helvetischen Tulpen zu tauschen. Und so „nannte man den schönsten Berg in der Schweiz zu seinen Ehren das MATTERHORN.“ Schade eigentlich, dass Jan Hackaert nicht auch nach Zermatt gereist ist; dann hätte er bestimmt das erste Bild dieser Felspyramide gemalt.

Vom Malen singen The Nits in ihrer zweiten Strophe:

I met a woman in the valley of stone,
She was painting roses on the walls of her home.
And the moon is a coin with the head of the queen –
Of the Dutch mountains.

Dutch Mountains. Vom holländischen Flachland in die Alpen. Herausgegeben von Konrad Bitterli, Andrea Lutz und David Schmidhauser. Hirmer Verlag, München 2018, € 30.- Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunst Museum Winterthur vom 7. Juli 2018 bis 20. Januar 2019. www.hirmerverlag.de, www.kmw.ch

Anfängerglück: Die Schlinge

Wie aus einer einfachen Route ein Hochrisikospiel wird. Zum Thema Vandalismus am Fels

31. Juli 2018

Das Steinschlagnetz bei der Route Anfängerglück.

Da hing sie, sauber in eine felsenfeste Sanduhr gefädelt, gelegentlich auch wieder von Kletterern ersetzt, die sich um die Sicherheit ihrer Kolleginnen und Kollegen sorgen: die Schlinge. Und nun sie einfach weg. Ohne Ersatz. Abgeschnitten, ein Rest klemmt noch im Spalt. Die Sicherung – gewiss nicht so sicher wie ein guter Bohrhaken – fehlte. Letzte Woche und auch gestern klettere ich wieder mal, nach längerer Zeit, die Route «Anfängerglück» auf der Galerie. Sie ist ein Klassiker und gehört zur Geschichte dieses Klettergartens, seit wohl dreissig Jahren. Sie war unsere erste Route und schon damals hing da die Schlinge, die einem die Stufe bis zum nächsten Bohrhaken mindestens psychisch absicherte. Denn der nächste steckt in einer glatten Platte, und um ihn einzuhängen brauchen kleine Leute wie ich relativ kleine Krallgriffe. Man könnte also, im schlimmsten Fall, stürzen. Gut, ich kenne die Stelle, ich weiss, wie sie geht und besonders schwer ist sie ja auch nicht. Ich klettere sie auch ohne die Schlinge, ich weiss ja, was kommt. Aber es ist wahrscheinlich, dass hier auch Anfänger ihre ersten Kletterschritte auf der Galerie versuchen möchten, der Name lädt ein dazu und auch der Schwierigkeitsgrad: 6a+. Und für die könnte es doch recht kritisch werden.

Die Route hat sich verändert im Lauf der Jahre. Durch den Bau der Steinschlagnetze ist der untere Teil durch eine, von Transa gesponserte Leiter überbrückt worden. Sie beginnt nun bei einem Stahlpfeiler der gigantischen Steinschlagnetze, die der Kanton vor einigen Jahren in die Wand spannte und damit einige Routen teilweise oder ganz zerstörte. (Siehe Beitrag: Das Ende von Anfängerglück.) Nach dem zweiten Bohrhaken folgt die Stelle mit der nun fehlenden Schlinge. Vier Meter sind es ungefähr bis zum nächsten Haken, das ergibt mindestens acht Meter Sturz. Ist man gerade mit Einhängen beschäftigt, eine Hand in einen kleinen Griff gekrallt, die Füsse auf etwas abschüssigen Tritten, dann ergibt das der Seildehnung einen Zehnmetersturz – direkt auf den Stahlträger des Steinschlagnetzes. Es ist also sozusagen ein Selbstmordversuch, diese Stelle zu klettern.

Wer die Schlinge abgeschnitten hat, ohne für eine Ersatzsicherung mit einer neuen oder einem Bohrhaken zu sorgen, ist entweder sträflich gedankenlos, ein narzistischer Schwerkletterer oder schlicht ein Vandale am Fels. Aus einer schönen Route für Anfänger ist damit ein Hochrisikospiel geworden.

So High

Tennisfans greifen zu Martin Helgs „Wir sind Roger! Die Geschichte des Tenniskönigs Roger Federer“, erschienen im SJW Schweizerischen Jugendschriftenwerk. Kletterer und Comicliebhaber zu „So High“. Druckfrisch sind beide Publikationen.

28. Juli 2018

HÉHÉ… ÇA VA… C’EST PLUTÔT MARRANT… RIEN À VOIR AVEC LE TENNIS EN TOUT CAS!

Nein, Klettern, hat wirklich nichts mit Tennis gemeinsam. Das merkt der junge Romain Desgranges sofort bei seinem ersten Besuch in einer Kletterhalle. Eigentlich hätte er viel lieber Fussball gespielt, aber die Eltern wollten keinen Sport, bei dem an jedem Wochenende ein Match stattfindet. Stattdessen sollte der Sohn Tennis spielen, schwimmen gehen oder gar einen Kampfsport ausüben, aber dafür zeigte Romain jeweils null Talent und Motivation. Klettern hingegen, ça joue, von Anfang an. Wieder zuhause nach der première séance d‘escalade, ruft er seiner Maman: „ON POURRA ALLER ACHETER DES CHAUSSONS D’ESCALADE CE WEEK-END?“

Szenen aus dem dicken Comic „So High“ von Romain Desgranges & Flore Beaudelin. Mais oui! Romain Desgranges, 1982 geborener französischer Profikletterer und 2017 Gesamtweltcupsieger im Schwierigkeitsklettern, hat seine Geschichte aufgeschrieben und zusammen mit der Zeichnerin Flore Beaudelin in Buchform gebracht. Ein sehens- und lesenswertes Buch über einen, der auszog, Schwerkraft und Ängste zu überwinden. Denn so leicht sich die ersten Schritte an künstlichen Tritten und Griffen gestalten, so schwierig werden die Felsen draussen, insbesondere dann, wenn man wie Romain am Limit bouldert. Bouldern definiert sich ja als Klettern ohne Seil und Haken an Felsblöcken in Absprunghöhe, doch da gibt es ein paar Blöcke, an denen ein Absprung einem eher fatalen Absturz gleicht. Nach einer Tour du Monde zu Topzielen in Frankreich, Neuseeland und Südafrika kehrt Romain wieder in den Joshua Tree National Park in Kalifornien zurück, in dieses Wunderland der Felsen und Bäume. Rötliche, glattgeschliffene Granitblöcke und Monolithe unter einem knallblauen Himmel. Eine Route nach der andern schafft Romain, zuletzt bleibt So high übrig, eine überhängende Linie an einem Felsblock, der an einen riesigen Tennisball erinnert. Wer da ein paar Meter ob Boden plötzlich noch mit feuchten Händen und flatternden Nerven so kämpfen hat, wird sich vielleicht fragen, warum man nicht beim Tennisspielen geblieben ist. Doch oben, welch ein Gefühl! Auf Youtube gibt es dazu ein starkes Video mit Romain Desgranges: www.youtube.com/watch?v=u9tGGRvue0E. Ein guter Einstieg, bevor wir den gezeichneten autobiografischen Erlebnisbericht zur Hand nehmen. „Les conquérants de l’inutile“ heisst eines der berühmtesten französischen Bergbücher. „So High“ setzt die Eroberung des Nutzlosen fort.

Romain Desgranges & Flore Beaudelin: So High. Éditions Guérin, Chamonix 2018, € 24.90. www.editionspaulsen.com. Das Buch gibt es auch in einer englischen Ausgabe.