Seit die Kletterhalle in S. den Tages- und Rentnerrabatt aufgehoben hatte, war Nobi nicht mehr mitgekommen. Doch dann hatte er Paul angerufen: «Du, in L. gibt’s eine Halle, soll super sein und kostet tagsüber für Pensionierte nur 10 Franken. Gut erreichbar übrigens mit OeV.»
OeV, das klang in Pauls Ohren wie Bahnhof, aber warum nicht mal. Schliesslich war schon das Lösen des Tickets am Automaten schon Teil des Abenteuers, und Max wollte auch wieder mal dabei sein. Er kletterte zwar kaum mehr, aber sicherte solid mit seinem Gewicht.
So wanderten denn die drei Unentwegten durch ödes Industrieland, leiser Regen rieselte auf ihre Köpfe und Kappen. Schirm? Bewahre! Doch nicht alte Bergsteiger mit Biwakerfahrung, gestählt in Steinschlag und Sturm.
«Klettereldorado» stand auf dem roten Kubus, den sie schliesslich mit Pauls GPS orteten. Beim Eingang stiessen sie auf eine lärmende Schar Kinder im unteren Kindergartenalter, die auf dicken Matten herumhopsten, mit Spielzeugautos und Stoffbären spielten. Auf einem Tischchen stand eine Schale mit Früchten, Getreideriegel lagen herum und Getränkefläschchen. Zwei junge Frauen hielten Aufsicht, eine fütterte gerade ein Baby nach der Naturmethode.
«Ich glaub’ wir haben uns in der Adresse geirrt», murmelte Franz.
Paul meinte trocken: «Ich bin auch ein Kindergarten.»
Sie schrieben sich ein, füllten Formulare aus, kreuzten das Feld «erfahrene Bergsteiger» an, liessen sich von der jungen Frau am Tresen ausführlich informieren über die Haus- und Kletterordnung, unterschrieben , bezahlten und zogen sich in der Garderobe um. Paul kam sich etwas komisch vor in den neuen hautengen und pinkfarben glitzernden Kletterhosen, die ihm seine Flamme auf den Geburtstag geschenkt hatte. Er, der einst auf den Eiger trainiert hatte, fühlte sich ohnehin irgendwie daneben in der Halle, in der nun schon Vorschulkinder wie junge Äffchen an farbigen Griffen herumturnten. Überhaupt das mit den Farben. Sein Arzt meinte zwar, Bewegung im Alter wäre jedenfalls gut und die Farbe als weiteres Aufmerksamkeitsmoment würde auch die geistige Beweglichkeit trainieren. Nobi machte es sich einfach und behauptete, er sei farbenblind von wegen dem Zucker. Franz schrie ihm während des Sicherns hinauf: «Nicht den Griff dort links, der ist grün. Du bist doch auf gelb!»
«Im Frühling gehen wir dann wieder mal an den Brüggler», meinte Paul. «Da sind alle Griffe gleich grau.»
«Nee», meinte Nobi, der die 5a bis zum Top geschafft hatte. «es gibt dort auch grüne. Gras nämlich.»
«Ich dachte, du seist farbenblind.»
Paul packte gleich eine 6a an, schliesslich war er ein Eiger-Veteran. Also … geschafft hatte er ihn ja damals nicht, schuld war nur das Wetter gewesen, ein verregneter Bergsommer. Und eigentlich hatten sie ja nur den Mittellegigrat im Aug gehabt, aber mit den Jahren und dem immer wieder Erzählen war schliesslich die Nordwand draus geworden. Eiger war Eiger, Nobi hatte es auch nur mal mit einem Führer aufs Matterhorn geschafft wie tausend andere. Und Paul schaffte es bis zum dritten Express, dann fehlte einfach ein Griff. Den musste jemand abgeschraubt haben, unmöglich konnte ein Mensch den nächsten erreichen. Er hing im Seil und neben ihm tänzelte die junge Frau, die vorhin ihr Baby gestillt hatte, leicht und lächelnd an ihm vorbei … Unten schaute er verstohlen aufs Täfelchen und las – 6c!!!
An der Kaffeebar unterhielten sie sich dann sehr laut über früher, Franz hatte ja sogar mal eine Erstbegehung gemacht, irgend ein Plattenschleicher auf der Furka. «Ein oberer Fünfer», verkündete er.
Nebenbei und ziemlich laut erwähnten sie ihr ehrwürdiges Alter, so dass es die jungen Klettermütter hören mussten. Jetzt hing ein von ihnen wie eine Spinne unter einem Dachüberhang und bewegte sich leicht und locker. «Wenn die dann mal in unserem Alter sind …», meinte Nobi und seine Stimme klang etwas melancholisch.
Ein junger Mann in roter Jacke trat hinter den Tresen und sagte: «Ich hab’ euch beim Klettern zugeschaut, meine Herren. Eure Sicherungstechnik ist leider nicht mehr a jour. Ich zeige euch nachher, wie man den Grigri richtig handhabt.»
Paul war perplex. Nun kletterte er seit über fünfzig Jahren, hatte noch mit Schultersicherung begonnen und Dülfersitz zum Abseilen und hatte in Bergschuhen Fünfer geführt und da kam so ein Schnaufer und wollte ihm was beibringen. Schon wollte er den Typ abputzen, da spürte er Nobis Hand auf dem Arm.
«Danke, wir lassen uns gern belehren», hörte er ihn sagen. «Man wird alt wie ne Kuh und lernt immer dazu.»
Es wurde dann doch noch ein gemütlicher Nachmittag, und selbst Franz schaffte noch schnaufend und ächzend eine 5a mit seinen beinahe achtzig Jahren.
Kletterrentner
«Bewegung» lautet die wirkungsvollste Medizin, die der Gerontologie zur Verfügung steht. Und welcher Ort eignet sich als Therapiestation besser als eine Kletterhalle. Hier kann man auch wirklich alt aussehen und niemand kümmert’s.
27. Januar 2012Piz Viroula
Viroula, Piz (Zuoz). Urk. 1536 Araviroula, in Valle Rauirolae. Abl. von vorröm. rova “Erdschlipf, Riss, Sturz” mit Doppelsuffix -ari-ola. (Andrea Schorta, Wie der Berg zu seinem Namen kam, Chur 1991).

Les années montagne et Les grandes premières du Mont-Blanc
Alpingeschichte à la francaise. Von der Besteigung des Dôme du Goûter 1784 bis zu Mazeaud, Desmaison und Konsorten und dem tragisch verunglückten Patrick Berhault.
25. Januar 2012
„Quand, plus tard, la vraie grande histoire de l’alpinisme s’écrira avec des gens sérieux, qui établiront des statistiques, compareront des ascensions, le nom de ‚Berhault’ restera, mais ils n’auront jamais mesuré la grâce et l’intensité du bonheur que procurait la montagne à ce guide. Berhault était en montagne comme les poissons sont dans l’eau, c’était vital.
Il n’y a pas à interpréter sa mort – parfois j’ai cru me le permettre. Non. Sur cette arête du Taeschhorn (4491 m), dans le Valais, Patrick a fait un faux pas vers 4400 mètres à 11 h 25, le 28 avril 2004. Un faux pas, c’est comme quand un tennisman loupe son revers ou son engagement et que la balle sort de la ligne. Un faux pas, en alpinisme, a juste une autre conséquence qu’un point perdu.“
Schreibt der französische Journalist, Buchautor, Fernsehmoderator und Bergsteiger Jean-Michel Asselin in seinem jüngsten Buch über Patrick Berhault, einen der grössten und bekanntesten Alpinisten Frankreichs der letzten Jahrzehnte, der mit 47 Jahren auf dem Verbindungsgrat vom Täschhorn zum Dom abstürzte, während des mit Philippe Magnin unternommenen Versuches, die 82 Viertausender der Alpen in 82 Tagen zu besteigen. Es fehlten noch 17, als Berhault einen Fehltritt machte.
In seinem Buch „Les années montagne. Une histoire de l’alpinisme au XXe siècle“ blickt Jean-Michel Asselin vor allem auf die Zeit und die Ereignisse zurück, die er selbst als Redaktor der Zeitschriften Montagnes Magazine, Vertical und Alpinisme et Randonnée direkt miterlebt hat, wobei einige wichtige alpinistische Exploits der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kurz erwähnt werden. Die Zeit zwischen 1962 und 1970 bezeichnet Asselin etwas verwegen gar als „préhistoire“. Da würden sich die Meyers, welche vor 200 Jahren an die erfolgreichen Erstbesteigungen von Jungfrau und Finsteraarhorn wagten, uralt vorkommen… Omnipräsent ist der Jean-Mi, allerdings nur im eloquenten Text und nicht auf den Bildern. Unter diesen finden sich auch solche, die man zum Beispiel als Leser der erwähnten Zeitschriften noch kaum gesehen hat, insbesondere ältere, wie Pierre Mazeaud und René Desmaison wahrscheinlich in einem Biwak – grad optimistisch schauen sie nicht drein, fast eher wie Fische am Trockenen, um den Vergleich von Asselin aufzunehmen, und die Zigarette von Mazeaud ist auch schon halb geraucht.
Mazeaud und vor allem Desmaison spielen natürlich auch wichtige Rollen im rot eingebundenen Geschichtsbuch „Les grandes premières du Mont-Blanc“ des französischen Journalisten und Alpinisten Gilles Modica. In 22 Kapiteln rollt er die alpinistische Geschichte des Mont-Blanc-Massivs auf, von der ersten Besteigung des höchsten Berges der Alpen anno 1786 (eigentlich beginnt er noch früher, mit der Besteigung des Dôme du Goûter am 17. September 1784) bis zum „L’âge des enchaînements“, darin Patrick Berhault seinen grossen Auftritt hat. Das Buch ist sehr schön gemacht, konsequent schwarz-weiss illustriert (manchmal sind die Fotos freilich etwas gar klein geraten). Den Auftakt macht ein farbiges, aufklappbares Panorama des Mont-Blanc-Massivs, von der Aiguille du Chardonnet bis zur 4000 Meter hohen Aiguille de Bionnassay. Auf ihren scharfen Graten darf man sich keinen Fehltritt leisten.
Jean-Michel Asselin: Les années montagne. Une histoire de l’alpinisme au XXe siècle. Éditions Glénat, Fr. 62.50.
Gilles Modica: Les grandes premières du Mont-Blanc. Éditions Guérin, Chamonix 2011, Fr. 72.20.
Unwissende Lawinen
Das Lawinenbulletin meldet erhebliche bis grosse Lawinengefahr. Gerade richtig, um einen Lawinenkurs abzuhalten. Draussen. Da, wo das Wetter stattfindet.
© Annette Frommherz

Es ist unter Berglern ein alteingesessener Spruch: ‚Die Lawine weiss nicht, dass ein Bergführer dabei ist’. Was heissen mag, dass auch erfahrene und ausgewiesene Bergführer einem Restrisiko ausgesetzt sind. Die Natur ist unberechenbar. Der Mensch fühlt sich erhaben und geistreich und ist auf Mutter Erde ein doch gleichwohl unbedeutendes Wesen, das hier nur zu Gast ist und sich unterordnen muss. Ob ihm das passt oder nicht.
Die Hänge oberhalb Fideris im Prättigau sind unser Ziel. Fideris, schreibt mir gleichentags ein Kollege, kenne er nur vom Militärdienst. Sie hätten dort mit den grossen Kanonen herumgedonnert und die Kühe erschreckt, von den Gämsen ganz zu schweigen. Männer - nur so nebenbei - scheinen die Schweiz ortschaftsmässig oft nur vom Militärdienst her zu kennen. Wir Frauen sind da viel unbelasteter. In den Heubergen kennt sich unser Bergführer hingegen so gut aus wie in seiner Hosentasche, denn hier ist er gross geworden.
Die Hütten ob Fideris sind mit Schnee satt bepackt. Tags zuvor hat es nochmals vierzig Zentimeter Neuschnee hingeworfen. Der Wind hat ganze Arbeit geleistet: uns empfängt an manchen Stellen frischer Triebschnee. Unser Bergführer schaufelt tief in die weisse Masse, um die verschiedenen Schichten des Schnees zu erklären. Als die ersten begrabenen Alpenrosen zum Vorschein kommen, hoffe ich, er möge mit graben bald aufhören. Wir wollen doch die Murmeltiere in ihrem Winterschlaf nicht stören.
Es ist erstaunlich: als unerfahrene Mitläuferin sieht man die Gefahren kaum und verlässt sich vorerst auf das Wissen des erfahrenen Begleiters. Bald erkennt man, dass dies nicht genügt und Eigenverantwortung in den Bergen von grosser Bedeutung ist. Schaufel und Sonde im Rucksack und ein LVS am Leib sind noch keine Gewähr für richtiges Handeln. Gefahren abschätzen, Alarmzeichen erkennen und daraus richtig entscheiden können gehört genauso zur Notwendigkeit im Schnee wie das Material, das richtig eingesetzt werden will.
Ich habe einiges dazugelernt an diesem einen Tag. Fast hätten wir vergessen, etwas zu essen und zu trinken, so sehr waren wir beschäftigt mit Theorie und Tiefschnee. Heu habe ich auf den Heubergen keines gesehen, dafür jede Menge dieses weissen Pulvers, das mir je länger je lieber wird.
Skirentner
Rentner sind eine eigene Spezies, der Begriff erinnert an Rentier und irgendwie haben die beiden Wesen etwas miteinander zu tun. Sie lieben den Schnee, sie sind schnell, es sind Fluchtwesen. Fragt sich, wovor sie flüchten? Gedanken eines Rentners beim Fellen.
20. Januar 2012
Der Parkplatz liegt noch im kalten Schatten, als die Männer ihren geheizten Allradfahrzeugen entsteigen, bärtig und weisshaarig, die Felle sind aufgespannt, das Lawinensuchgerät umgeschnallt. Einschalten, in die Bindung treten, Blick auf die Uhr und dann geht’s los. Noch vor den andern, den jüngern, die auch eben eingefahren sind und natürlich noch die Felle aufkleben müssen und auch sonst herumtrödeln. In Einerkolonne folgt man der Spur, scharf das Tempo gleich zu Beginn, schweigend und verbissen im Zickzack den Hang hinauf. Paul voran wie immer, es ist seine 27ste Skitour diesen Winter und die dritte auf diesen Gipfel, wie alle andern führt er Buch; im Frühling werden es gegen 70 Touren sein, so der Jahresschnitt, in einem Superwinter stand er gar 156 Mal auf den Latten. Er schaut auf die Uhr, heute, mit den andern, gibt’s keine Rekordzeit wie letzte Woche, als er allein nach zwei Stunden, siebzehn Minuten und ein paar Sekunden die Hand ans Gipfelkreuz schlug. Heute ist wenigstens Max nicht dabei, der Bremsklotz. Er müsse im Ferienhäuschen im Tessin was an der Heizung machen, weiss Nobi. Sei ja wohl eine Ausrede, Max merke wohl selber, dass er den andern allmählich zur Last falle. Geht ja auch schon gegen die achtzig. Paul platzierte dann den Witz des Tages: Früher zogen sich die Alten auf einen Berg zurück oder in die Wälder, wenn sie nicht mehr mitkamen. Heute ins Ferienhäuschen im Tessin. Alle lachten, aber eigentlich fanden sie die Bemerkung gar nicht so lustig. Eigentlich ziemlich daneben, typisch Paul eben. Und jetzt, beim Aufstieg, fragt sich der eine oder andere: Und ich? Wann bin ich dran? Und dann beisst er wieder auf die Zähne, denn jetzt tauchen die andern auf, ziemlich dicht schon dran, und Paul legt einen Zacken zu. Die sehen zwar auch schon wie Pensionierte aus, frühpensioniert wohl, dass die unter der Woche losziehen können. Und dann noch mit Frauen dabei. Mein Gott. Früher kamen die Frauen ja auch noch mit auf Tour, aber Alice ist schon länger verstorben, und für die andern war es ja mehr Pflicht. Heute sagen sie, ich bin froh, ist er aus dem Haus, sonst steht er mir nur in der Küche herum. Ja Alice, die hatte noch Charakter. Konnte jassen und in den Hütten war sie immer bei den Letzten, die unter die Decken krochen. Paul hat inzwischen eine neue, eine aus dem fernen Osten. Haushälterin sozusagen. Man spricht nicht darüber, nur als Paul einmal fehlte, meinte Max: Vielleicht kann sie ja Wasserski fahren. Und Nobi nuschelte was von Piz Matratz und so. Na ja. So sind halt die Zeiten. Und die Jungen da hinten drängen, stehen Nobi schon fast auf die Ski, gerade jetzt, wo es noch steiler wird vor der Hütte. Aber zur Seite treten kommt nicht in Frage, überholen links, heisst es ja auch im Verkehr. Der letzte Hang, man riecht schon den Kaffee fertig. Das kämpfen wir noch durch, so wie wir uns durchs Leben gekämpft haben, mit Haken und Ösen. Es ist, als sei einem da hinten das Gerippe auf den Fersen, das mit der Sichel und dem Stundenglas. Als gehe es darum, den letzten Funken Leben zu verteidigen gegen das Unwiederbringliche, das einen doch irgendwann einholt. Wie den Werni letzten Sommer auf dem Weg über den Sardonapass. Das Herz halt. Bei der Hütte lassen wir die andern ziehen, der Kaffee hier gehört zur Tradition. Die zwanzig Minuten werden von der Marschzeit abgezogen, wenn man sie zu Hause einträgt.
Walensee
Winter. Die Seen scheinen durch, als wären sie aus Glas. Zumindest auf den ersten Metern. Wo Himmel aufhört und Wasser beginnt, zeigt sich nur am vereinzelt angewehten Laub, das friedlich Schiffchen fährt. Und am Knick der mittleren Dalbe*.
Au am Walensee, 17. Januar 2012.
* Zugegeben, die Dalbe gehört nicht zu meinem Wortschatz, ich hab sie mit dem Internet gefischt. Obwohl mir der Blick in Seen ausserordentlich gefällt, bin ich weder Seefahrer noch Fischer, kein Kapitän und keine Wasserratte. Mein Verhältnis zu grossen Wasseransammlungen, so faszinierend sie mir auch erscheinen, ist eher vorsichtig. Es sei denn, es handle sich um ein Schneeflockenmeer.
18. Januar 2012
Frostige Zeiten
Vereinbarte Klettertermine lassen sich ohne triftigen Grund nicht absagen. Das musste ich erfahren, als ich Minusgrade für ein Verschieben angeben wollte. Klettertermine seien Ehrensache, hiess es. Kälte hin oder her.
© Annette Frommherz

Sein Flehen lässt mich erweichen. Er sei schon über einen Monat nicht mehr in seiner Fallenflue gewesen, sagt er am Telefon. Er, der in der Zwischenzeit eine Expedition auf den höchsten Berg Amerikas, dem Aconcagua, geleitet hat, will sich nicht abschütteln lassen. Ich stelle mir gerne vor, wie er den Hörer zwischen Achsel und Kopf klemmt, auf den Boden kniet und die Hände zum Bitten zusammenlegt. Ich tue, was ich in solchen Situationen sonst nie tue: Ich gebe nach.
Nach der bislang kältesten Nacht in diesem Winter zeigt das Thermometer minus fünf Grad. Zwei Schichten Thermounterwäsche und mehrere Schichten Flies, Faserpelz und Windstopper sollen mich vor dem Erfrieren bewahren. Auf dem Weg Richtung Schwyz warnen die Moderatoren im Radio vor der Kälte; man solle die dicke Jacke nicht vergessen. Danke, zu spät, meine hängt zu Hause im warmen Schrank. Mein Kletterpartner lässt sich nicht abwimmeln, als ich ihn anrufe. Er habe vorgesorgt und zwei dicke Daunenjacken dabei. Und drei dünnere. Als Madame Etoile von einer unstabilen, emotional schwierigen Woche redet, die an unserem Selbstbewusstsein nagen wird, bin ich aufs Äusserste gefasst.
Mit Schneeschuhen gelangen wir an den Rand der Felsen; tief unter uns ruht im Schatten das Muotathal. Wir seilen uns gleichzeitig fünfunddreissig Meter an der Südwand auf das obere Band im Sektor Gülden ab. Die Bise lässt uns die Reissverschlüsse ganz nach oben ziehen. Geschmeidig und lautlos zieht der Falke seine Runden. Wir kennen uns. Schon bald wird er weiter hinten sein Nest bauen, wie jedes Jahr. Die Kletterer werden seine Brutzeit nicht stören; weder wir noch andere. Das ist genauso Ehrensache wie Klettertermine einhalten. Eine Maus huscht schnell in ein Loch im Felsen. Weiss der Teufel, was die hier oben verloren hat.
Wir setzen uns auf das schmale Felsband und ehren diesen Kraftort mit einem Becher Tee. Die Route, die ich klettern wollte, muss ich sein lassen. Oben im Überhang tropfen dicke Eiszapfen, die sich lösen könnten. Viele Varianten für meinen Kletterlevel gibt es in diesem Sektor nicht. Eine 6a+ ist die einzige Alternative, und an dieser werde ich mir die Zähne ausbeissen; auch im Nachstieg. Schon der Einstieg in die Route lässt mich fast verzweifeln. Die Finger der rechten Hand zwängen sich in einen engen Riss, während die linke einen etwas gelungeneren Griff erhält. Für das rechte Bein gibt es einen schwungvollen Auftakt mit einem weiten Tritt, und das linke darf sich ziemlich schnell ein griffiges Absätzchen suchen. Die Sinterstellen im Kalkgestein mehren sich, je weiter ich klettere. Wie feine Nadeln stechen die verhärteten Tropfstellen in meine Fingerbeeren. Mein Kletterpartner genehmigt sich nach meiner kräfteraubenden Kletterpartie ein paar schwerere Routen.
Die Kraft der Sonne lässt bald nach. Unsere Finger sind klamm. Wir blasen zum Rückzug, traversieren über das untere Felsband, indem wir uns am fest montierten Seil mit Karabinern sichern. Ich meide jeden Blick nach unten und konzentriere mich darauf, Fehltritte zu verhindern. Die könnten der Gesundheit schaden.
Mein Selbstbewusstsein ist an diesem Tag – entgegen der Voraussagen – nicht abhanden gekommen, emotional fühle ich mich stabil, der Montag ist gerettet und weder Finger noch Zehen sind erfroren. Madame Etoile hat wohl etwas übertrieben.
Frauen im Aufstieg
Ein neues Buch zur weiblichen Alpingeschichte auf den Fersen von Bergsteigerinnen, Wissenschaftlerinnen, Wirtinnen und Trägerinnen, die in den Bergen ihr Leben, ihre Leidenschaft oder ihren kargen Lohn fanden. Und ein paar männliche Stimmen dazu von vorgestern.
17. Januar 2012
„Heute hat sich die Frau einen sehr guten Platz in den meisten Sportarten erobert. Manchmal steht ihre Leistung der des Mannes kaum nach.
Beim Alpinismus ist es anders. Wohl gehen viele Frauen und Mädchen in die Berge, doch nie können sie männlichen Bergsteigern ebenbürtig werden. In ganz seltenen Fällen gab und gibt es Alpinistinnen, die an Können männlichen Bergsteigern nahekommen, die auch imstande sind, selbständig schwierige Fahrten auszuführen.
Doch kommen solche Ausnahmen äußerst selten vor. Es liegt eben nicht im Wesen einer Frau, an der Spitze eines Kampfes zu stehen. Aus diesem Grunde wurde oft die Behauptung aufgestellt:
‚Frauen gehören nicht in die Berge.‘
Diese Ansicht ist falsch. Es ist gar nicht die Aufgabe der Frau, zu führen. Das ist Sache des Mannes. Dagegen sind Frauen oft ausgezeichnete, aufopferungsvolle Gefährten.
Das Bergsteigen hat gerade für Frauen einen sehr großen erzieherischen Wert. Die weibliche Psyche ist für Eindrücke oft viel empfänglicher als die des Mannes. Die Großartigkeit der Hochgebirgswelt hat, als Gegensatz zu ihrem oft recht oberflächlichen, eintönigen Alltagsleben, auf Frauen meist einen ausgezeichneten Einfluß. Und auf Bergfahrten hat so manches Mädchen das gelernt, was ihm bis dahin unbekannt geblieben war: Selbstzucht, Gehorsam und Kameradschaft. Für Flirt und Hofmachen ist in den Bergen kein Platz.“
Heute? Eher von gestern, ja von vorgestern ist das, was der Wiener Alpinist und Schriftsteller Kurt Maix (1907-1968) von den Frauen am Berg im 1935 veröffentlichten Buch „Der Mensch am Berg. Von der Freude, dem Kampf und der Kameradschaft der Bergsteiger“ schrieb. Im gleichen Jahr gelang Loulou Boulaz und Raymond Lambert die zweite Durchsteigung der Nordwand der Grandes Jorasses, zwei Tage nach der ersten Durchsteigung dieses sogenannt letzten Problems der Alpen. 1933 hatten Micheline Morin, Nea Morin und Alice Damesme als erste Frauenseilschaft die schwierige Meije im Dauphiné traversiert. Und Damesme hatte mit Miriam O’Brien 1929 die erste „männerlose“ Überschreitung des Grépon in den Aiguilles de Chamonix gemacht. Was den französischen Alpinisten und Schriftsteller Etienne Bruhl zu folgender Aussage bewog: „Den Grépon gibt es nicht mehr, freilich sind noch einige Felsen dort, aber als Klettertour existiert er nicht mehr. Nun da er von zwei Frauen allein begangen wurde, kann kein Mann mit Selbstachtung ihn noch besteigen. Schade, denn es war eine schöne Bergtour.“ Kurt Maix hätte voll Mitgefühl zugestimmt.
Wie gesagt: Das war gestern. Heute gibt es das Buch „Frauen im Aufstieg. Auf Spurensuche in der Alpingeschichte“ von Ingrid Runggaldier aus Bozen, Publizistin, Filmerin, Übersetzerin und Kulturreferentin des Alpenvereins Südtirol. Sie hat sich nicht bloss an die Fersen von Bergsteigerinnen geheftet, welche mit oder ohne männliche Begleitung auf die Gipfel stiegen, sondern sich ebenfalls auf die Fährten von Wissenschaftlerinnen, Wirtinnen und Trägerinnen begeben, welche in den Bergen ihr Leben, ihre Leidenschaft oder vielleicht auch nur ihren kargen Lohn fanden. Bevor das angeblich schwache Geschlecht starke Bergtouren wie den Grépon oder die Dachstein-Südwand unternehmen konnte, musste zuerst der Schritt aus dem textilen und gesellschaftlichen Korsett gewagt werden. Wie das die Frauen und Mädchen schafften, davon erzählt die Autorin mit vielen Beispielen. Und lässt die Protagonistinnen zu Wort kommen – sofern diese überhaupt schrieben oder schreiben durften. Manchmal auch nur unter dem Namen des Ehemanns oder des Neffen, wie Margaret Anne Jackson und Meta Brevoort. Spannend auch die Geschichte zu den Frauenalpenclubs und alpinen Schriftstellerinnen. Sehenswert all die klug ausgewählten Illustrationen. Zudem eine Fundgrube, gut erschlossen durch Bibliografie, Anmerkungen und Personenregister.
„Frauen im Aufstieg“ deckt die weibliche Alpingeschichte von den Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg ab, mit dem Schwergewicht in den Dolomiten, wo die Frauen in Sachen Können, Geschicklichkeit und Mut beim Klettern den Männern schon bald ebenbürtig waren. Was Kurt Maix, der sich in den Ostalpen ja gut auskannte, eigentlich hätte wissen müssen, als er über Frauen am Berg schrieb.
Ingrid Runggaldier: Frauen im Aufstieg. Auf Spurensuche in der Alpingeschichte. Edition Raetia, Bozen 2011. Fr. 86.-
Starkes Team
Die Weissenberge gehören den Glarnern. Und ein bisschen auch mir. Denn sie erzählen Geschichten, wie sie mir dort begegnen.
© Annette Frommherz

Fünfundachtzig sei er schon, sagt er, und seine Frau auch. Sie seien halt nicht mehr so schnell, meint er, als müsste er sich entschuldigen, als ich ihn bergauf überhole. Sie müssen ja nicht pressieren, sage ich, das haben Sie bestimmt genug in Ihrem Leben. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie nun mehr zur Verfügung haben als unsereins.
Seine Frau ist hinter ihm geblieben. Er wartet auf sie. Mit gekrümmtem Rücken und einer geduldigen Achtsamkeit setzt sie einen Fuss vor den anderen. Die roten Schneeschuhe sehen an ihr fremd aus. Nun hat sie aufgeholt.
Die Weissenberge heissen auch im Sommer so, wenn sie grün sind. Winterthur besteht ja auch den Sommer durch. Genau wie Finstersee an keinem solchen See liegt, schon gar nicht an einem finsteren. Aber das ist eine andere Geschichte.
Das Dorf Matt im engen Sernftal liegt schon bald im Schatten. Mit Sonne sind sie winters nicht verwöhnt, die Mattmer oder Mattener oder wie sie sich nennen mögen. Weiter oben finden die Sonnenanbeter nicht nur mildere Temperaturen, sondern auch Routen, auf denen sich die Masse breit verteilen kann. Die einen zieht es Richtung Leidplangge, die anderen zum Zindelchopf oder Fuggstock.
Schön, sage ich zu meiner Verbündeten, der Sonne. Sie scheint unbeteiligt. Alleine unterwegs zu sein hat auch seine Vorteile. Schnell kommt man mit anderen Artgenossen ins Gespräch. Noch versuche ich herauszufinden, ob es Mitleid ist, das dazu bewegt, mich anzusprechen – ich könnte als sozial verkümmert angesehen werden -, oder weil es einfacher ist, als Zweisamkeit zu stören.
Oben, unweit des Stäfeli, setze ich mich und schreibe und lese. Der Mann und die Frau mit den roten Schneeschuhen kommen bald dazu. Sie setzen sich und trinken Tee. Schön, gäll, sagt der Mann, und tätschelt seiner Frau das Knie. Er ist schwerhörig, sagt sie zu mir, Sie müssen laut zu ihm reden. Früher, sagt er, ohne mich anzuschauen, früher sind wir oft in die Berge. Ich sage laut zu ihm: Da haben Sie sicher viel zu erzählen. Aber er hat es nicht gehört. Er schaut in die andere Richtung, hinüber zum Garten des Vreneli, und ich wünschte mir, die Beiden seien dort oben auch schon gewesen.
Er hilft ihr mit den Schneeschuhen, bietet ihr nochmals Tee an, sie bricht ihm ein Stück Schokolade ab. In ihren Worten, in ihren Bewegungen liegt Vertrautheit. Ich kann mich kaum satt sehen an den Beiden, die wohl mehr als ihr halbes Leben Seite an Seite verbracht haben und noch immer so sorgsam miteinander umgehen.
Weit hinten ist Mehl am Horizont gestreut, die Dimensionen verblassen zum Einerlei. Mir ist kalt geworden. Später überhole ich nach meiner Rundtour die Beiden wieder. Ihre Schritte sind langsam. Wir begrüssen uns wie alte Bekannte. Mögen sie, denke ich, noch lange zusammen unterwegs sein.
Den Alltag verloren
So unbeschwert wie heute geben sich die Tage selten. Amden bettet sich behaglich auf die Sonnenterrasse. Durchaus: der Blick nach oben zu Mattstock und Gulmen lässt mich anerkennend nicken. Die Natur posiert ganz selbstbewusst.
© Annette Frommherz
15. Januar 2012
Behutsam lasse ich den Alltag fallen. Heute bin ich alleine unterwegs; mit mir und meinen Gedanken. Es ist ein selten gewordenes Stelldichein, und ich geniesse es. Mir fehlt es an nichts, ausser dass ich einem Mitläufer gerne gesagt hätte, wie blumig der Rosentee mit Honig schmeckt und wie vollkommen er in diese paradiesische Umgebung passt.
Es knirscht unter meinen Schneeschuhen. Kaum habe ich die Piste mit den Skifahrern und Snowboardern hinter mir gelassen, liegt der Schnee unberührt und die Weite vor mir. Millionen von Diamanten sind hier grosszügig gestreut worden und funkeln in der Mittagssonne. Tannen beugen sich mit schwerer Last. Tierspuren kreuzen sich. Ich bleibe stehen und lausche. Es ist die Sehnsucht nach Stille. Die Lautlosigkeit, in der selbst der Tinnitus, der üble Bursche, sich still ergibt und mich für einmal höflich in Ruhe lässt.
Ich will die Zeit geniessen, die uns noch bleibt bis zum prophezeiten Weltuntergang. Was uns Mahner und Weissager auch verkünden: Es ist gut, daran erinnert zu werden, dass wir nicht unendlich auf diesem Planeten weilen dürfen. Wonach wir streben, wer und was uns wichtig ist, was wir nicht wiederholen mögen: darüber nachzudenken lohnt sich. Hier ist der ideale Platz, um meine Gedanken fliessen zu lassen, kreuz und quer durch die Gezeiten meines Lebens. Schnee rieselt von einem Ast in meinen Nacken und kühlt. Ein Seufzer, der unbemerkt nach draussen flüchtet, lässt mich aufhorchen. Es ist, als wärs die letzte Sorge, die aus meinem Innersten entweicht. Eine verirrte Wolke hängt zwischen den Tannenwipfeln und sucht vergeblich nach seinesgleichen. So blau der Rest des Himmels ist, so rein ist nun mein Atem. Der Alltag liegt tief begraben unter dem Schnee, vielleicht sogar im Innern der Erdkugel. Ich mag ihn nicht ausgraben. Ich mag nach überhaupt nichts graben. Ausser nach mir selbst. Die Sonne wärmt weich mein Gesicht.

