Tektonikarena Sardona

Die Entstehung der Alpen auf Papier, 30 x 24 x 2 cm in Ausdehnung und Dicke. Das Buch „Tektonikarena Sardona – Faszination UNESCO-Welterbe“ macht’s möglich.

22. Juni 2018

„Endlich waren wir nun wieder in Sicherheit und durften ruhig und ohne Sorge für’s Weiterkommen an die Sonne auf ein ebenes Rasenstück liegen, um den Schauplatz der heutigen Arbeit zu betrachten. Aber ich hatte so genug von Felsköpfen bekommen, dass mir schon das Aufblicken zu ihnen fast übel machte; um so gemüthlicher schlenderten wir über den Schnee hin zum Segnespass. Ein Gang durch’s Martinsloch hatte keinen Reiz mehr und unterblieb auf Elmer’s Bemerkung hin: „Äch, mer müessted wieder chlättere!“

Mehr als verständlich, diese Bemerkung von Bergführer Heinrich Elmer nach der ersten Überschreitung der Tschingelhörner mit der ersten Besteigung des Grossen Tschingelhorns (2849 m) in den Glarner Alpen, ausgeführt am 23. Juli 1867 zusammen mit seinem 16-jährigen Sohn Peter und mit Dr. med Fridolin Schläpfer aus Tägerwilen. Der Gast beschrieb im sechsten „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1869-70 die „schlimme Kletterei“ über den „schauerlich zerrissen und nackt dastehenden Tschingelkopf, der wie alle seine Kumpane aus erzfaulem, abbrökelndem, in den verschiedenen Richtungen gelagertem grauem Schiefer besteht.“ Freundliche Felsbezeichnungen sucht man im Text so vergeblich wie die Tschingelhörner-Besteiger nach festen Griffen tasten. Auf dem Hauptgipfel bauten die Elmers einen Steinmann, während der Gast aus dem fernen Thurgau einen Zettel beschrieb, der in eine ausgetrunkene Flasche gesteckt und hinter einer Steinplatte deponiert wurde: „Wer meine Stimmung auf dem so mühsam errungenen, grausigen Gipfel erfahren will, den muss ich bitten, selbst hinzugehen und den Zettel zu lesen.“ Gipfelliteratur der ganz besonderen Art. Perfekt passend zu diesen ganz besonderen Hörnern aus brüchigem Fels.

Die Tschingelhörner nämlich, einst auch „Mannen“ oder „Jungfrauen“ genannt, sind das Herz des UNESCO-Weltnaturerbes Tektonikarena Sardona. Seit 2008 ist das gebirgige Dreieck der Kantone Glarus, Graubünden und St. Gallen auf der prestigeträchtigen Liste, die in der Schweiz zwölf Stätten umfasst: neun des Weltkulturerbes (zum Beispiel die Altstadt von Bern) und drei des Weltnaturerbes (noch die Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch und der Fossilienberg Monte San Giorgio). In der Tektonikarena Sardona lässt sich die Gebirgsbildung so eindrücklich erleben wie nirgendwo sonst auf der Welt. Das wäre natürlich ein Grund, die sogenannte Glarner Hauptüberschiebung vor Ort zu besichtigen, wandernd und vielleicht auch kletternd, zum Beispiel zum Martinsloch.

Das 18 m hohe und 15 Meter breite Loch ist ein einzigartiges Ziel. Jedes Jahr zur Sonnenwende im März und September scheint die Sonne durch dieses Loch unter dem Grossen Tschingelhorn auf das Glarner Dorf Elm und beleuchtet den Kirchturm rund zweieinhalb Minuten lang. Ganz selten blickt auch der Vollmond durchs Martinsloch auf Elm hinunter. Ein solches Naturschauspiel beeindruckt noch heute die Menschen; vielleicht noch eindrücklicher ist es, wenn man selbst in diesem riesigen Felsenfenster steht. Man blickt schier senkrecht nach Elm hinunter, man spürt den Wind, der hindurch düst, man begreift die Alpenfaltung, die sich hier in der Glarner Hauptüberschiebung so klar wie sonst nirgends zeigt.

Gemütlicher ist es aber, den neuen Bildband „Tektonikarena Sardona“ von Roland Gerth, Adrian Pfiffner und ihren Mitarbeitern zu bestaunen und zu lesen. Grossartige Boden- und Luftaufnahmen, aufschlussreiche geologische Fotos und verständliche Texte machen das Buch zum unverzichtbaren Begleiter drinnen und draussen. Millionenalte Erd- und Naturgeschichte wird auf 124 Seiten wirklich greif- und erlebbar. Die erste Doppelseite zeigt natürlich die durchs Martinsloch scheinende Sonne mit den schauerlich zerrissenen Tschingelhörnern. Ihnen – und der magischen Linie des Lochsitenkalks zwischen Flysch-Gesteinen unten und Verrucano-Gesteinen oben – begegnen wir immer wieder in diesem überaus reizvollen Buch, das nicht nur die eigentliche Tektonikarena Sardona umfasst, sondern auch Tödi, Calanda und Churfirsten, Tamina- und Rheinschlucht. Und den Bergsturz von Flims. Kurz: Langweilig wird es einem mit und in diesem Stück Schweiz nicht. Oder um es mit dem „Führer für Flims und Umgebung“ zu sagen:

„Es gibt wenig Gegenden, die, wie Flims, eine solche Mannigfaltigkeit von Spaziergängen und Wanderungen umfassen, vom gemächlichen Schlendern durch wohlgepflegte Parkanlagen bis zur tagelangen Berg- und Klettertour, auf welcher der höhendurstige Mensch oder der klubistische Fanatiker sein letztes Restchen Atem auspumpen kann.“

Roland Gerth, Ruedi Homberger (Fotos); Adrian Pfiffner, Thomas Buckingham, Harry Keel (Texte): Tektonikarena Sardona – Faszination UNESCO-Welterbe. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 48.-, www.as-verlag.ch

Les nouveaux alpinistes

Es wird immer neue Alpinisten geben, die noch wildere Sachen machen als die Vorgänger. Diese Geschichte seit 1982 untersucht Claude Gardien in einem spannenden Werk, allerdings etwas frankreichlastig, wie das halt so ist.

16. Juni 2018

«En 1982, un jeune homme de 21 ans escalade une des plus grandes parois des Alpes au petit trot, seul. Il est vêtu d’un pantalon de toile blanc et d’un sweatshirt tout aussi immaculé. Pas de sac, pas de casque: un foulard noué autour de la tête qui, s’il ne le protège pas des chutes de pierres, apporte une touche finale à un look assumé, décontracté, et à la mode des ces années-là.»

So beginnt ein neues Buch zur Geschichte des neuen Alpinismus, und so begann, mit diesem 21-jährigen Kletterer in hellen Klamotten und mit einem Stirnband, eine neue Ära im Bergsteigen. Diesen Beginn jedenfalls setzt Claude Gardien, französischer Bergführer, Bergjournalist und Bergbuchautor, in seinem jüngsten Werk „Les nouveaux alpinistes“. Der junge Kletterer heisst Christoph Profit; die Route, die er am 30. Juni 1982 in gut drei Stunden free solo durchstieg, ist die „Directe américaine“ in der Westwand des Petit Dru ob Chamonix. 1100 Meter senkrechter Granit, 1962 erstmals gemacht von den US-Amerikanern Gary Hemming und Royal Robbins. Einer der ganz grossen Anstiege der Alpen. Und dann kam dieser Kerl aus dem alpenfernen Rouen, schick gekleidet, und liess den Mythos erzittern – oder neu aufleben, je nach Standpunkt. Yves Ballu, grand seigneur der französischen Alpinismushistoriker, sah in diesem Solo la „fin de l’alpinisme“, wie Gardien etwas schadenfreudig anzumerken scheint. Denn Ballu veröffentlichte 1984 das Werk „Les alpinistes“. Und nun eröffnet Gardien mit „Les nouveaux alpinistes“ eine neue Seillänge; nur verständlich, dass er seinen Vorgänger in der Bibliographie ganz einfach vergessen hat… Mais oui, c’est la vie, im Tal unten und in den Högern oben.

Claude Gardien teilt sein Buch in zwei Hauptteile. Die knappe erste Hälfte blickt zurück auf etwas jüngere Geschichte nach 1982, als Traditionen in den Abgrund geschubst wurden, als die années fun für Furore und farbige Cover sorgten, als der Alpinstil im Himalaya so richtig in Fahrt kam und als der Kandertaler Jürg von Känel das Plaisirklettern erfand: «Le succés est immédiat. (…) Le concept est vite à la mode, il s’étendra un peu partout, y compris dans les montagnes de plus haute niveau.» Der zweite Teil behandelt die „histoire en marche“, vom El Capitan über die 8000er bis zum Cerro Torre.

Längere Textabschnitte zum neuen Klettern und Bergsteigen als Breitensport vermisst man un peu dans „Les nouveaux alpinistes“. Grosse und kleine, bekannte und unbekannte Namen an den höchsten und schwierigsten Wänden und Gipfel der Welt (und natürlich auch im Mont-Blanc-Massiv, mais bien-sûr!) machen den Hauptteil des Buches aus, und da verliert man manchmal ein wenig die Übersicht. Zumal dann hinten eine Chronologie und ein Verzeichnis der Alpinisten, Gipfel und Routen fehlen (excuse-moi Claude, aber bei Yves ist das alles drin!). Trotzdem: Es ist immer wieder gut, wenn die Geschichte des Alpinismus fortgeschrieben wird, gerade auch die jüngere und die jüngste.

Und dem Fazit von Claude Gardien auf Seite 245 wird man bestimmt vorbehaltlos zustimmen, ob die Kletterer nun drei Stunden oder drei Tage für die „Directe américaine“ brauchen, ob Bergwanderer vom Schafhubel aus nur die Nordwestwand des „Grindelwald Dru“ bewundern, wie das Scheideggwetterhorn vom Erstbesteiger genannt wurde:

«Tant qu’il y aura des montagnes, des femmes et des hommes pour lever les yeux vers elles, pour les aimer, il y aura des alpinistes, qui partiront chercher la réponse des hauteurs.»

Claude Gardien: Les nouveaux alpinistes. Éditions Glénat, Grenoble 2018, € 20.- www.glenatlivres.com

Simboli della montagna

“Der Pickel ist für den Bergsteiger, was die Pistole für den Cowboy“: Eine der überraschenden Erkenntnisse aus dem so breit wie tief angelegten Buch über die Symbole des Berges. Dazu gehört auch lo chalet svizzero.

6. Juni 2018

„Manchmal war mein Vater abends mit den Vorbereitungen für seine Bergtouren beschäftigt. Er kniete auf dem Boden und schmierte seine Schuhe und diejenigen meiner Brüder mit Walfischfett ein; er glaubte, er allein könne das richtig machen. Dann war im ganzen Haus ein groβes Geklirr von Eisenzeug zu hören: er suchte die Steigeisen, die Kletterhaken, die Pickel. Wo habt ihr meinen Pickel hingeräumt? donnerte er. Lidia! Lidia! Wo habt ihr meinen Pickel hingeräumt?“

Ausschnitt aus „Mein Familien-Lexikon“ von Natalia Ginzburg, das ich 1985 meiner Frau Eva als Lektüre für eine Skitourenwoche im April (im Tessin und Puschlav) schenkte, wie der Widmung zu entnehmen ist. Selbst habe ich das Buch auch gelesen; denn in die Seite 8, wo Tochter Natalia von den Bergtouren ihres Vaters Giuseppe Levi schreibt (Mutter Lidia Tanzi blieb lieber im Ferienhaus), machte ich ganz fein ein Eselsohr. Offenbar interessierte ich mich schon damals für das Schreiben über die Berge.

Und nun halte ich ein Buch in den Händen, darin hat es mehr als ein Eselsohr. Sollte man natürlich nicht machen. Doch bei der Lektüre von spannenden neuen, aber nicht teuren Werken ist das manchmal leider die einzige Methode, ein paar Schlüsselstellen zu markieren, wenn grad kein Schreibwerkzeug zur Hand ist. Das Werk, das ich so malträtierte, stammt von Franco Brevini, Dozent an der Universität Bergamo, Mitarbeiter beim „Corriere della Sera“ und Autor von rund 30 Büchern, darunter „Alfabeto verticale“ (2015). Auf dem Cover ein Ausschnitt aus dem Gemälde „Matterhorn“ von Hans Maurus. Klar doch: Dieser Berg ist ein, wenn nicht DAS Symbol der Berge. Die fünf andern, die Brevini in seinem Buch eingehend untersucht, sind: Die Tiere der Alpen (Adler, Gämse, Steinbock und Hirsch), lo chalet svizzero, das Edelweiss, Heidi und der Pickel.

Das Buch ist mit 26 meist farbigen Abbildungen illustriert, vom berühmten Scheuchzerschen Drachen über den Salewa-Adler und die SAC-Gämse bis zur Matterhorn-Toblerone und zu einem Pornostar mit dem Übernamen „Edelweiss“. Ein breit und tief angelegtes Buch, das die Bergsymbole auch dort aufgreift, wo man sie kaum vermutet. Und seine Fundstücke und Quellen sind nicht nur italienischer Herkunft, sondern stammen aus ganz Europa und darüber hinaus. Klar begegnet man bekannten Grössen und Büchern, insbesondere beim Cervino. Aber gerade beim Schweizer Chalet lernt man Ansichten und Ecken kennen, die man so noch nie gesehen hat. Kurz: Ein Buch, das seinem Titelbildgipfel alle Ehre macht. Einziger Nachteil: Im Italienischen sollte man etwas mehr verstehen als „monte“, „cima“ oder „zio dell‘Alpe“ (Alpöhi). Diesen Satz hier am Beginn des Kapitels zum sechsten Symbol der Berge dürfte man jedoch verstehen: „La piccozza per lo scalatore è come la pistola per il cowboy.“

Franco Brevini: Simboli della montagna. Il Mulino, Bologna 2017, Reihe “Intersezioni”, N°491, € 16.-. www.mulino.it

Begegnung im Calfeisental

Als Geologe im Gebirge blicke ich oft in die hintersten Winkel der Berge und begegne dabei Vierbeinigen, gefiederten oder über den Boden schlängelnden Wesen, aber selten meinesgleichen. Und noch weniger vom anderen Geschlecht. Einmal aber doch. Eine Phantasie.

30. Mai 2018

Zu Erkundungszwecken fuhr ich ins Calfeisental. Von Vättis wanderte ich zu Fuss zum Stausee und stieg dann auf dünnem Steig nach Panära auf. Dort verbrachte ich einen kalten Mittag auf der Bank beim Alpkreuz. Ich sass auf einem schmalen, grünen Bug über der engen Taltiefe und war doch noch überragt von himmelhohen Wänden. Sie waren in Nebelwolken gehüllt, aus denen heraus, über die Felsen hinab, die Lawinen donnerten, während ich fror.

Den Abstieg nahm ich über den Bärenpfad. Schmalster Steig unter frischem Lärchengrün, steil, das Kraut am Boden nass. Bei St. Martin sass ich etwas abseits auf einem grossen Stein. Hier öffnet sich das Tal nach oben hin, weit wie eine Schale. St. Martin selbst ist ein Parkplatz, ein paar Häuser, ein Restaurant und eine Handvoll flanierender Alpengäste, die einen mehr, die anderen weniger in Outdoor-Kleidung angetan.

Als ich grade talauswärts aufbrach, kam auf einmal von seitlichem Pfad, den ich bis dahin nicht wahrgenommen hatte, eine Frau herab und mir entgegen. An ihren dunklen Stiefeln mit fester Sohle, an den nassen Gamaschen, klebten Gräserpollen, Blütenblätter und Halmfetzten, aus dem ausgeblichenen Rucksack schaute Zaundraht hervor. Ihr dunkelblondes Haar, ebenfalls nass oder vielleicht auch länger nicht gewaschen, trug sie lose gebunden und blickte mit Augen, aus denen das Licht des blauen Himmels und das Dunkel des Bergsees leuchtete. Ich warf ihr ein scheues „Grüezi!“ zu, da kam ein scheues „Hoi“ zurück, und ihr unbeirrter, gerader Schritt trug sie fort, auf die Häuser zu. Doch dreissig oder vierzig Meter weiter, vor der Ecke um die sie gleich darauf verschwand, drehte sie sich noch einmal kurz um.

Da war ich ausnahmsweise froh um meine alten Stiefel, rundgelaufen, eine ausgerissene Öse je, bequem wie Mokassins, die Sohle ein Sicherheitsrisiko. War froh um meine geflickte, vom Dreck des Regentages bis hoch hinauf verspritzte Berghose und die alte Millet-Jacke, die um den Rucksack geknotet, diesen vor dem Regen schützen soll. Den Hammer am Gürtel, die Stifttasche mit dem von der Salzsäure gefressenen Loch schräg umgehängt, gebe ich wohl ein ähnliches Bild.

Unsere Schritte sind entschieden, ruhig und gerade, nichts ist ihnen im Weg. Landstreicher sind stolz und scheu, unsere Worte leise. Du kamst unerwartet, Älplerin, wecktest Misstrauen, das immer auch Interesse ist. Ich werde dich nicht suchen, dich auch nicht wiedersehen, doch wenn sich unsere Wege noch einmal kreuzen sollten, dabei kollidieren, dann braucht es vielleicht nur leise, vielleicht auch gar keine Worte.

Bergkrimis, 2. Seillänge

Alpenkrimis stauen sich in den Gestellen wie die Autos am Gotthard und die Alpinisten am Matterhorn. Gleich sechs von ihnen stellen den Bergtourismus ins Zentrum, mit mehr oder weniger schlimmen Folgen. Denn Erschliessung und Erschiessung reimt sich verhängnisvoll.

28. Mai 2018

„Wanderhalle?“ War Cyprian im falschen Film?
„Warum soll ein beliebter Sport nicht indoor abbildbar sein?“, gab Bachlinger ungerührt zurück, „bei Ski- und Kletterhallen klappt’s ja auch. Bergwandern ohne Berg, wohnortnah, wetterunabhängig, sieben-vierundzwanzig-dreihundertsechzig Grad. Das ist Nachhaltigkeit par excellence. Bergtourismus ohne Touristen am Berg, die nur unser Kapitel, die Landschaft, abnützen.“

Ausschnitt aus dem Gespräch unter Bergtourismusexperten im Alpenkrimi „Tod im Sommerloch“ von Andi Dick. Das Sommerloch ist aber nicht nur das Gegenteil zum Winterhoch, wenn der Skitourismus so richtig brummt. Oder dies jedenfalls tat, als es noch richtig Schnee bis in die Niederungen gab. Das Sommerloch ist auch ein Loch im Gebirge, darin Menschen verschwinden können, mehr oder minder freiwillig. Denn wie immer, wenn es um grosse Geschäfte und Gefühle, um Zank und Zukunft geht, schrecken Personen nicht vor bösen Taten zurück. Schon gar nicht, wenn einer der Tourismuspromotoren provozierend in die Runde fragt: „Wollt ihr den totalen Berg?“ Ja, wollen wir das? Anders gesagt, mit den Fragen auf der Buchrückseite: „Was ist das gröβere Verbrechen? Einen Skilift sprengen? Oder ihn bauen?“ Zwischen Erschliessung und Erschiessung versteckt sich nur ein dünner Buchstabe.

Der Bergtourismus und seine ganz unterschiedlichen Folgen für Berg und Bewohner bzw. Touristen ist das vorherrschende Thema in sechs neuen Alpenkrimis. Nicht alle sind so frisch und frech, forsch und fesselnd wie „Tod im Sommerloch“. Aber unterhaltend allemal, und erhellend ebenfalls. Hier fünf Abschnitte:

Zupacken müsse man, nicht Zaudern und Zagen.
Der Alpentourismus müsse ganz neu erfunden werden. Was man heute noch hätschele und pflege, sei ein Auslaufmodell.
Das Goms müsse vorangehen, Münster an vorderster Front.
Mit grosser Kelle müsse man anrichten, von allem Anfang an. Nicht mit dem Löffelchen. Sonst habe man gegen die Konkurrenz keine Chance.
„Klotzen, nicht kleckern“, rief Z’Blatten. (…)
Das Gommer Highland Resort sei das Herzstück eines neuen Tourismusmodells. Jawohl: des Gommer Modells.
Kaspar Wolfensberger: Gommer Sommer, S. 164.

„Das Engadin soll noch attraktiver werden für italienische Skifahrer. Vielleicht hast du schon davon gehört, Claudio.“
Ich schüttle den Kopf. Nein, das habe ich nicht.
„Die Italiener sollen bereits in Plaun da Lej am Silsersee die Möglichkeit haben, mit einer Seilbahn in die Höhe zu fahren. Unterhalb des Piz Lagrev gibt es fantastische Hänge, die nur darauf warten, erschlossen zu werden. Wie findest du das?“ Vanessa nimmt einen Schluck Cognac. „Du befasst sich doch mit Tourismuskonzepten.“
„Ich bin eher für eine langsame Entwicklung.“ (…)
„Der obere Teil des Tales würde gestärkt, Maloja und Sils könnten neben St. Moritz zu einem zweiten Zentrum werden. Zum neuen Resort würde als Attraktion das Heidi-Dorf Grevasalvas gebaut. Geplant ist auf dem Berg auch ein Studienzentrum für höheres Bewusstsein.“
Daniel Badraun: Krähenyeti, S. 67.

„Bald kommen die Russen wieder, mit prall gefüllten Taschen und schönen Frauen. Dann rollt der Rubel da oben.“
Studer blickte auf. „Russen sagen Sie. Die gehen doch nach Zermatt oder Kitzbühel.“
Gwerder schüttelte den Kopf. „Haben Sie eine Ahnung. Der Adam Zogg hat Beziehungen bis in den Ural. Es gibt dort ein ambitioniertes Skigebiet, das sich noch im Aufbau befindet. Der Tross rund um den Oligarchen Juri Boskow, der das Skigebiet dort aufbaut, trifft sich zweimal im Jahr mit Zogg. (…) Zogg empfing ihn mit offenen Armen. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und streben eine Partnerschaft an. Zwei Luxus-Resorts, ein Skipass. (…) Wenn Sie eine Saisonkarte in Riggen kaufen, können Sie damit zwei Mal pro Saison in den Ural fliegen und umgekehrt.“
Ralf Weber: Gipfelblut, S. 49f.

„Investieren gegen den Stillstand! Im Arlberg-Gebiet verbinden neue Lifte, die insgesamt fünfundvierzig Millionen Euro gekostet haben, die benachbarten Orte zu einem Giga-Skigebiet. Neunundneunzig Lifte! Und in Sölden befördert eine neue Gondelbahn viertausendfünfhundert Skifahrer pro Stunde auf den Gipfel.“
„Aber das ist doch ein absolutes Horrorszenario“, sage ich und bemühe mich noch um einen gemäβigten Tonfall, auch wenn mir das zunehmend schwerfällt. „Dieser Massentourismus ist doch grauenhaft. Und verheerend für unsere Umwelt. Denk doch nur an diese armen Stadtmenschen, die hierherkommen, um in den Berge Ruhe und Erholung zu suchen, und sich stattdessen plötzlich auf einem künstlich beschneiten Ballermann wiederfinden!“
Marc Girardelli, Michaela Grünig: Mordsschnee, S. 130f.

„Salut, ça va?“
„Très bien. J’étais libre aujourd’hui, j’en ai profité. Une poudreuse d’enfer.“
„J’ai pas bougé de la cabine de contrôle de la journée… Mais, je t’ai pas vu.“
Jérôme fait signe au serveur et commenda une tournée de bières.
„J’étais à Anzeinde en peau de phoque. J’aime pas aller skier en station le week-end, trop de monde, ça fait chier de faire la queue, et de partager les pistes avec tous ces connards de citadins.“
„Et moi“, ajoute Cédric, „j’ai passé ma journée sur le parking a faire la circulation pour ces abrutis de touristes.“
Marc Voltenauer: Qui a tué Heidi? S. 37.

„Sehen Sie es nicht als Problem, dass die Gäste, die alles inklusive haben, auβerhalb ihrer Karte natürlich nicht noch was dazubuchen?“, fragte Irmi.
„Selbst wenn das so wäre – es gibt genug Betriebe, die nicht bei der CoolCard dabei sind. Deren Gäste könnten alle bei Skydreams buchen. Tun sie aber nicht. Vielleicht weil Danners Firma zu teuer war und Danner zu wenig engagiert, zu arrogant gewesen ist. Wir ziehen uns diesen Schuh nicht an. In der weiten TL…“
„Bitte wo?“, fragte Kathi dazwischen.
„TL, Touristic Landscape. Der Tourismus ist ein weites Feld, das jeder beackern kann, wenn er professionell genug ist.“
Nicola Förg: Scharfe Hunde, S. 99f.

Der Geschäftsführer der Cool GmbH ist natürlich einer, ein scharfer Hund. Wie der Z’Blatten, der Zogg. Nicht alle überleben Buchungsgefälle und Buchseiten. Ihre Angestellten ebenfalls nicht immer. Touristen ergeht es manchmal nicht besser. Denn auch ein Alpenkrimi lebt schliesslich nicht von (originellen) Tourismuskonzepten allein.

Wie aber Alpenkrimis direkt tourismusfördernd sein können, enthüllt Katharina Löffler in der literaturwissenschaftlichen Arbeit „Allgäu reloaded. Wie Regionalkrimis Räume neu erfinden“. Darin geht es auch darum, wie im Allgäu Gemeinden, Unternehmen, Tourismus- und Heimatverbände den literarischen Erfolg mit Krimitourismus an Originalschauplätzen für sich nutzbar machen. Insbesondere mit der höchst erfolgreichen Reihe um Kommissar Kluftinger des Autorenduos Volker Klüpfel und Michael Kobr. Band neun „Himmelhorn“ wurde vor ziemlich genau einem Jahr an dieser Stelle vorgestellt, Band zehn „Kluftinger“ ist vor ein paar Wochen erschienen. Der erste expliziert als „Allgäu-Krimi“ bezeichnete Roman war allerdings „Schussfahrt“ von Nicola Förg. Und diese verhängnisvolle Schussfahrt fand, so aufgestellt sind wir noch nicht, draussen statt und nicht in einer Halle. Aber wer weiss?

PS: Schön, dass Literatur immer noch den Fremdenverkehr ankurbelt, auch Jahrhunderte nach Rousseau, Schiller und Byron. Wer sich für den Tourismus von einst und heute interessiert, wird am kommenden Wochenende die Qual der Wahl haben.
1) In Bergün an der Bahnlinie Chur – St. Moritz findet das zweite Bergfahrt Festivall statt, eine überraschende und überzeugende, vielgestaltige und vieltönende Entdeckungsreise in die Welt der alpinen Kultur. Vom 1. bis 3. Juni. www.bergfahrtfestival.ch
2) In Spiez an der Bahnlinie Bern – Interlaken bzw. Bern – Brig findet die Spiezer Tagung ’18 statt, und zwar zu diesem Thema: „Die grosse Welt kommt in die Berge. Die Entstehung des Tourismus im Berner Oberland.“ Da sprechen Fachleute über Bäder und Bahnen, über Hotels und Wilderness, über Touristen und über diese ganz besondere Form der Reisenden, die Alpinisten. Ihre Berichte von Erstbesteigungen und Erstbegehungen lesen sich oft wie Krimis. 1. und 2. Juni. www.spiezertagung.ch

Daniel Badraun: Krähenyeti. Gmeiner, Messkirch 2017, € 12.-, www.gmeiner-verlag.de
Andi Dick: Tod im Sommerloch. Panico, Köngen 2017, € 13.-, www.panico.de
Nicola Förg: Scharfe Hunde. Pendo, München 2017, € 15.-, www.piper.de
Marc Girardelli, Michaela Grünig: Mordsschnee. Emons, Köln 2017, € 12.-, www.emons-verlag.de
Marc Voltenauer: Qui a tué Heidi? Slatkine, Genève 2017, € 22.-, www.slatkineetcompagnie.com
Ralf Weber: Gipfelblut. Gmeiner, Messkirch 2017, € 12.-, www.gmeiner-verlag.de
Kaspar Wolfensberger: Gommer Sommer. Bilgerverlag, Zürich 2016, Fr. 34.-, www.bilgerverlag.ch
Katharina Löffler: Allgäu reloaded. Wie Regionalkrimis Räume neu erfinden. Transcript, Bielefeld 2017, € 45.-, www.transcript-verlag.de

Der Gärtner von Santa Caterina

Überraschende Begegnung im botanischen Garten der Einsiedelei von Santa Caterina oberhalb von Rio nell’ Elba. Die letzte von zehn Wanderungen auf der Insel.

Am Weg zum Monte Serra besuchen wir die Einsiedelei Eremo di Santa Caterina, eine Kapelle aus dem 17. Jahrhundert, Gemäuer aus dem frühen Mittelalter. Doch was uns lockt, ist der botanische Garten mit den einheimischen Pflanzen der Insel, Orto dei Semplici Elbano. Eingerichtet vom Botaniker-Ehepaar Garbari/Corsi aus Pisa. Ein stiller Ort der Einkehr, meditative Aura, gepflegte Gartenanlagen zwischen Trockenmauern, eingeteilt in Bereiche mit so poetischen Namen wie «Garten der Schmetterlinge» oder «Die heiligen Pflanzen der antiken Zivilisationen». Wir vergleichen die Blumen mit jenen, die wir auf unseren Wanderungen immer wieder angetroffen und zu bestimmt versucht haben. Zistrosen, Wegwarten, Schopflavendel, Binsenginster und endlich auch Salbei, nach dem wir immer wieder vergeblich gesucht haben.

Eintritt frei, Kollekte erwünscht. Ein älterer Gärtner glättet mit dem Rechen die Kieswege, schweigend in sich gekehrt, als beachte er die wenigen Besucher nicht. (Den Ort erreicht man nur zu Fuss.) Gelegentlich pickt er mit einem speziellen Instrument Blätter auf vom Boden auf, oder auch mal einen Papierfetzen. Dieser botanische Garten zeigt sich in perfekter Ordnung, die Pflanzen sauber beschriftet. Oberhalb der Salbeibüsche unter jungen Olivenbäumen stehen Bienenkästen in der blühenden Wiese. Honig mit von Hand geschriebenen Etiketten gibt es beim Wärterhäuschen zu kaufen. Dazu ein Produkt in kleinen Fläschen mit Pipette, Propolis. Es ist ein von Bienen gesammeltes Harz, ein altes Desinfektionsmittel zur Behandlung von Wunden und natürliches Antibiotikum, wie uns der Gärtner erklärt, der inzwischen recht gesprächig geworden ist. Wir verstehen nicht alles, kaufen aber ein Fläschchen und erfahren, dass der Gärtner seit vierzig Jahren Bienen züchtet. Zuvor sei er Radprofi gewesen, auch in der Schweiz gefahren, Tour de Romandie, Tour de Suisse, Tour de France und eine Etappe des Giro d’Italia habe er gewonnen, Parma-Savona 1969. Er gibt uns seine Visitenkarte. Ballini Roberto, Allevatore di Api regine. Züchter von Bienenköniginnen.

Dass wir auf den Monte Serra wandern wollen, direkt den Hang hinauf auf den Berg, an dem sich die Einsiedelei auf halber Höhe befindet, ein Hügel in unseren Augen, passt ihm gar nicht. Vehement will er uns zurückhalten, kein Weg sei da hinauf, und es hätten sich schon viele Wanderer verirrt. Schliesslich einigen wir uns mit ihm darauf, dass wir es versuchen und, falls es nicht geht, zurückkehren werden. Auch ziehen Nebel über den Grat, verhüllen unser Wanderziel. Wir folgen dann tatsächlich zu weit dem Weg, der von unserem Berg wegführt, finden dann dank unserem GPS-Track den Aufstieg durch Gebüsch und über Schutt und Steinplatten auf den Pfad, der uns schliesslich zum Gipfel führt. Aus dem Nebel fällt leichter Regen, so dass wir gleich weiterwandern, über den Grat, dann nach kurzer Rast hinab auf einen Pass, wo schon wieder die Sonne scheint. So dass wir weiterwandern über den Monte Strega und den Monte Campanello, auf schotterigem Weg steil direkt hinauf auf dem Grat und wieder hinunter.

Es ist ein Stück der Grande Traversata Elbana GTE, ziemlich unangenehm zum Gehen im steilen Schotter und durch die Wegführung ohne Kehren der Erosion ausgesetzt. Biker kommen uns entgegen, wir treten zur Seite, grusslos holpern sie vorbei auf diesem rollenden und kollernden Untergrund und beschleunigen die Erosion noch. Wie diese Hänge aussehen in zehn oder zwanzig Jahren mögen wir uns nicht vorstellen.

Inzwischen ist der Himmel wolkenlos, die Luft heiss. Die Gelateria am schönen Hauptplatz von Rio nell’ Elba hat noch nicht auf Saisonbetrieb umgestellt, so dass wir das Glacé dann erst unten am Hafen von Rio Marina schlecken können.

Matten Horn – Alle Echte Orth

Eime Spannan Wochern: Mit dem Buch „Alle Echte Orth. Geschichten aus Ortsnamen“ und mit den Buchautoren Emil Zopfi, Oswald Oelz und Franz Hohler, die am Donnerstag im Alpinen Museum in Bern 3 x 75 Jahre Berggeschichten erzählen.

22. Mai 2018

Matten Horn
Paar Manner Wil Bergsteig.
Reisen Nack Zermatt:
„Wollmar Staig Auf dem Berge:
Aufen Matten Horn!“

Ob sie es wohl schaffen, die drei Männer aus dem Flachland, die nach Zermatt reisen, um seinen berühmtesten Gipfel zu besteigen? Der Wunsch scheint höher zu sein als das Können, die Ausrüstung nicht durchwegs zweckmässig: Im Rucksack liegen „Chäsundbrot, Wasser Fläsch, Sonnen Krems, Landau Karter, Regenmantel.“ Oder liegt es an der Sprache, dass Zweifel zur geplanten Besteigung des Matterhorns aufkommen?

Aber genau das ist es ja. Die Matterhorntour erzählen Judith Stadlin und Michael von Orsouw nur aus Ortsnamen aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz. CH-3773 Matten ist ein Stadtteil von Interlaken, Horn gibt es gleich zweimal, mit Postleitzahl 9326 in CH und mit 83329 in Deutschland. Bergsteig (D-78567) liegt in Deutschland, wie Regenmantel (D-15306) ebenfalls. „Alle Echte Orth“ heisst dieses Buch mit 63 „Geschichten aus Ortsnamen“, unterteilt in 11 Kapitel und aufgelockert durch sechs „Werbach Pausin“. Die Matterhorntour stammt aus dem Kapitel „Abentheuer“ (D-55767), angesiedelt zwischen „Strand Lebehn“ und „Schwyz Inn Warmkammer“. Ein höchst amüsantes Buch; „Interlaken“ übrigens kommt im Kapitel „Liepe“ ausführlich zur Sprache, mit den Orten „Schenkelberg“ (D-56244) und „Venusberg“ (D-09430). Und wie war’s auf dem Matterhorn, fragen die Frauen zu Hause die Männer. Ihre nicht ganz aufrichtige Antwort: „Geil!“ (D-24960).

Wahrhaftige Touren an, zu und neben dem Matterhorn werden an diesem Donnerstag im Alpinen Museum in Bern aufgetischt. Emil Zopfi, Oswald Oelz und Franz Hohler, alle zwischen 4. Januar und 1. März 1943 geboren, erzählen aus 225 Jahren alpiner Erlebnisse. Und lesen aus ihren Bergbüchern vor. Hier schon mal drei Zitate zum Berg der Berge:

„Es ist der 19. Juli 1964. Schon früh weckt uns das Poltern und Klirren der Bergsteiger, die zum Matterhorn aufbrechen. Das Wettrennen um die ersten Plätze am Hörnligrat beginnt schon im Massenlager, setzt sich fort an den Tischen, um die man dicht gedrängt und verschlafen das Frühstück in sich hineinstopft.“
Emil Zopfi: FelsenFest. Noch schöner als Fliegen. AS Verlag 2016.

„Peter Schäffler lud mich immer wieder zum Eisklettern ein, er war einer der stärksten Bergführer Vorarlbergs. Wir kletterten stattdessen an der Galerie am Walensee. Peters grösste Freude war das Basejumping, dabei erlitt er eine schwere Fussverletzung. Deshalb benütze er auch Krücken, um zu seinen Absprungplätzen zu kommen. Letztmals sprang er von der Schulter am Matterhorn und schwärmte von seinem geilsten Sprung.“
Oswald Oelz: Orte, die ich lebte, bevor ich starb. AS Verlag 2011.

„Der Berg, auf dem wir stehen [das Weisshorn], ist eine Insel inmitten eines gewaltigen Wolkenmeers, aus dem immer wieder die Gischt zu uns heraufbrandet und die Sonne verschleiert. Einige wenige andere Inseln sind zu sehen, die Dent d‘Hérens und das Matterhorn, auch sie umspült von den Wolkenwogen, die oft so hoch geschleudert werden, dass sie die Gipfel verdecken, und in der Ferne treibt wie ein Eisberg der Mont Blanc.“
Franz Hohler: Immer höher. AS Verlag, 2014.

Judith Stadlin, Michael von Orsouw: Alle Echte Orth. Geschichten aus Ortsnamen. Nagel & Kimche, Zürich 2018, Fr. 28.90, www.nagel-kimche.ch

Alle echte Bergsteiger: 3 x 75 Jahre Berggeschichten. Emil Zopfi, Oswald Oelz und Franz Hohler erzählen aus 225 Jahren alpiner Erlebnisse und blicken gemeinsam in die Zukunft. Lesung und Gesprächsrunde mit anschliessender Signierstunde. Am Donnerstag, 24. Mai, 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz in Bern. www.alpinesmuseum.ch

Aufs Matterhorn von Elba

Eigentlich heisst dieser Berg an der Nordwestküste von Elba Monte Giove, 855 Meter über Meer. Wie geschaffen für den Einstieg in zwei Wanderwochen auf Napoleons Spuren.

«Schau doch auch mal auf die Landschaft und den Weg und nicht nur aufs GPS», mahnt meine Begleiterin. Allerdings, von der Landschaft ist noch wenig zu sehen. Rundum Zwergeichengebüsch, auch mal Kastanien oder Erdbeerbäume oder Totholz mit Efeu überwuchert. Macchia eben. Der Weg ist gut, mit Steinplatten belegt, gesäumt von Trockenmauern. Diente der Bewirtschaftung der Terrassen, die sich hoch hinaufziehen an den Hängen. Überwachsen, verlassen, dem Zerfall geweiht, Relikte einer kargen Landwirtschaft, die der Selbstversorgung der Insel diente. Heute kommt die Nahrung per Lastwagen und Fähre auf die Insel, das Geld aus dem Tourismus. Von uns also.
Schon wieder schaue ich aufs GPS. Zum ersten Mal bin ich mit so einem modernen Orientierungsinstrument unterwegs. Irgendwie habe ich es noch nicht so im Griff, die Einstellungen ändern sich stets, wenn ich es aus dem Hosensack ziehe. Wird sich schon geben, man war ja mal technisch gebildet. In Elba können gelegentlich plötzliche Nebel einfallen, habe ich gelesen, wie sich dann orientieren in diesem botanischen Labyrinth? Ich habe ein Wanderbüchlein gekauft, mit genauen Beschreibungen, die ich auch als Tracks herunterladen konnte. Rote Linien auf dem kleinen Bildschirm mit einem Pfeil, der zeigt, wo wir uns gerade befinden. Dazu Karten, also Orientierungshilfen im Überfluss. Nun sind wir auf gutem Weg, aber der Pfeil zeigt plötzlich neben den Track. Doch wo Track ist, ist kein Weg. Fake News also auch hier? Irgendwann sind wir dann wieder auf Track. Auch die Wegnummern, die gelegentlich auftauchen, stimmen mit denen im Wanderbüchlein nicht überein. Wie wir später erfahren, hat die Verwaltung des Naturparks «Parco Nazionale dell’ Archipelago Toscano» vor Kurzem alle Wege umnummeriert.

Nun ja, um es vorweg zu nehmen: wir haben den Gipfel gefunden und auch ein weiteres Dutzend Wanderwege, gelegentlich sogar dank meines kleinen Geräts, auf das ich nicht immer nur blicke, aber doch gelegentlich. Sicher ist sicher.
Nach einem Aussichtspunkt stossen wir auf den Kreuzweg zum Sanctuario Madonna del Monte mit Kirche, Rastplatz und zu dieser Jahreszeit noch geschlossener Bar. Napoleon hat sich hier wohl mal herumgetrieben, lesen wir auf einer Tafel. In der Nähe gibt’s bizarre Felsgebilde mit ein paar Kletterrouten, die wir zwei Tage später besichtigen, doch bleiben Seil, Klettergürtel und Expressen im Rucksack und das für den ganzen Rest unserer Inselferien. Nicht so unser Stil, finden wir. Zu kurz, zu hart, zu rau für die Finger.
Weiter also, durch Buschwald und Schrofen hinauf aufs Elbaner Matterhorn! Ein schön geformter Doppelgipfel, der eine mit telematischen Metallkonstruktionen bestückt und eingezäunt, der andere in leichter Blockkraxelei zugänglich für einen ersten Höhepunkt unserer Wanderferien. Während wir uns dem in gemächlichem Berglerschritt nähern, ausgerüstet wie für einen Dreitausender in den Alpen (aber wenigstens ohne Wanderstöcke!), überholen uns junge Leute in kurzen Hosen und leichten Schuhen und mit wenig Ballast.
Dann fällt der Blick weit übers Ligurische Meer im Norden, über das wir einen Gruss nach Finale schicken, Korsika im Westen liegt leider im Dunst. Nebenan der Monte Capanne, mit 1018 Metern höchster Gipfel der Insel, auch der bestückt mit viel Antennengerüst, einer Bar mit Aussichtplattform, einer Seilbahnstation für ein lustiges und luftiges Transportmittel mit schmalen Körben, in die zwei Menschen oder – wie wir zwei Tage später feststellen – ein Mensch und ein Hund passen. Sofern der Hund will natürlich.
Monte Capanne und viele andere Ziele liegen also noch vor uns. Schöne historische Wanderwege auch und solche, die vom vielen Wandern und Biken und von wühlenden Wildschweinen zerstört worden sind, von der Erosion ausgewaschen zu zwei Meter tiefen Runsen. Das vielleicht einer der Wermutstropfen während unserer Zeit auf der Insel.
Den Kletteführer haben also nicht gebraucht, und doch hat er uns zu einem Ziel geführt. Der feinen und freundlichen Pensione Da Annamaria in Chiessi an der Costa del Sole im Südwesten, Ausgangspunkt für schöne Wanderungen und allenfalls auch Kletterrouten. Und Ort für feines Essen. Was wieder einmal beweist: Die beste Unterkunft findest du nicht im Wanderbüchlein oder Touristenguide, sondern im Kletterführer.

Majestätische Berge

Am 19. Mai 2018 findet in der St George’s Chapel auf Windsor Castle die Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle statt. Hierzulande feiert man mit Publikation und Ausstellung Harry’s Ururururgrossmutter Queen Victoria, die vor 150 Jahren in Luzern logierte und in der Schweizer Bergwelt Ruhe und Erholung fand. Ein zweites Buch widmet sich den doppeldeutigen majestätischen Bergen.

16. Mai 2018

„Bei unserer Rückfahrt leuchtete der Mond über dem Gletscher & die Berge sahen unbeschreiblich wunderbar aus. Hoffmann & der Kutscher jodelten während der Fahrt.“

Hielt Queen Victoria (1819–1901) am 24. August 1868 in ihrem Journal fest. Vom 22. bis 25. August weilte die Königin von England, damals die mächtigste Frau der Welt, in einem bescheidenen Gasthaus auf dem Furkapass oben; in der ersten Nacht betrug die Temperatur in ihrem Raum gut 5° Celsius. Trotzdem: Dank des schönen Wetters, das sich glücklicherweise einstellte, wurden die Tage auf dem Hochalpenpass fast in jeder Hinsicht zum Höhepunkt ihres Aufenthaltes in der Schweiz vom 7. August bis 9. September. Die Monarchin, die als Countess of Kent unterwegs war, wohnte in dieser Zeit mit drei ihrer Kinder in der Pension Wallis auf dem Gütsch ob Luzern. Sie hatte die Reise in Erinnerung an ihren geliebten Gatten Albert von Sachsen-Coburg und Gotha unternommen, sozusagen als Abschluss der Trauerzeit. In der Schweiz und in den Bergen, abseits des Hofes und der Politik, konnte sich die Ururururgrossmutter von Prinz Harry, der in drei Tagen seine Meghan Markle heiratet, erholen, und Queen Victoria kehrte mit neuer Kraft auf die Insel zurück.

Im Gepäck hatte sie nicht nur ihr Journal, sondern auch zahlreiche Bilder. Denn Königin Victoria war eine sehr talentierte Zeichnerin und Aquarellistin (wie Prinzessin Louise übrigens auch). Das königliche Aquarell vom Rhonegletscher ist schlicht (und) grossartig. Zu bewundern ist es im Buch „Queen Victoria in der Schweiz“, das zum 150. Jubiläum ihrer Reise und zur gleichnamigen Ausstellung im Historischen Museum in Luzern erschienen ist. Anhand von Tagebucheinträgen und Originalbriefen beschreibt die Publikation die Umstände der Reise. Und die Folgen für die Schweiz: So hiess der 1870 vom Stapel gelassene Dampfer auf dem Lake Lucerne natürlich Victoria, und zahlreiche Hotels mit diesem Namen wurden eröffnet. Nur schade, dass hierzulande kein Gipfel der Berge, die die Queen doch so liebte und die ihr so gut taten, nach ihr benannt wurde. In Belize hingegen steht der Victoria Peak (1120 m), in Neuseeland gibt’s gleich zwei Mount Victoria.

Doch zurück in die Alpen. Nicht zufällig zeitgleich zu Buch und Ausstellung von Queen Victoria ist im gleichen Verlag eine ebenfalls sehr lesenswerte Publikation erschienen, die einerseits die Beziehung der britischen, italienischen und österreichischen Monarchien zu den Alpen beleuchtet und andererseits zeigt, wie sich das Alpenbild im 19. Jahrhundert wandelte, von der philhelvetischen Alpenbegeisterung der Aufklärung bis zum majestätischen Alpenbild der Belle Époque. In „Majestätische Berge. Die Monarchie auf dem Weg in die Alpen 1760–1910“ hat natürlich auch Queen Victoria ihren Auftritt, genauso wie die Regina Margherita, die vom 18. auf den 19. August 1893 in „ihrer“ Hütte auf der Punta Gnifetti/Signalkuppe (4554 m) übernachtete. Dieser Gipfel, der vierthöchste der Schweiz, gehört zum Monte Rosa, auch bekannt als Königin der Alpen. Passend dazu heisst es im Schlusswort: „Die Majestät der Gipfel entsprach auch der Majestät der Herrscher.“

Peter Arengo-Jones, Christoph Lichtin: Queen Victoria in der Schweiz. Hier und Jetzt, Baden 2018, Fr. 39.-

Jon Mathieu, Eva Bachmann, Ursula Butz: Majestätische Berge. Die Monarchie auf dem Weg in die Alpen. Hier und Jetzt, Baden 2018, Fr. 39.- www.hierundjetzt.ch

Ausstellung „Queen Victoria in der Schweiz 1868“ im Historischen Museum Luzern (bis am 16. September 2018); https://historischesmuseum.lu.ch/ausstellungen/Ausstellung_Queen_Victoria

Am Donnerstag, 17. Mai 2018 um 18.30 Uhr, findet im Historischen Museum Luzern an der Pfistergasse 24 die Podiumsdiskussion „Der Adel in den Alpen“ mit den BuchautorInnen statt. Eintritt frei. Im Anschluss kann die Ausstellung besucht werden.

Ferdinand Hodler und der Genfersee

Auf an den Lac Léman! In Pully bei Lausanne zeigt das dortige Kunstmuseum die Ausstellung „Ferdinand Hodler und der Genfersee. Meisterwerke aus Schweizer Privatsammlungen.“ Wer sie verpasst, kann sich mit dem feinen Katalog trösten.

26. April 2018

„Die Ferne ist blau. Übrigens ist Blau eine Farbe, die mir zu sagen scheint, was, wie der Himmel, wie der See, jenseits des Alltags, ungreifbar, herrlich ist.“

Das soll Ferdinand Hodler 1917 mit Blick auf den Genfersee gesagt haben. Auf seinen liebsten See. Im Landschaftswerk des am 15. März in Bern geborenen Malers nehmen Seelandschaften ein gutes Drittel ein, und davon zeigt mehr als die Hälfte den Lac Léman (und ein Drittel den Thunersee). 110 Gemälde sind in unmittelbarer Nähe zum Genfersee entstanden, bei 93 kommt zudem der Name im Titel vor. Der Léman war das Lieblingsmotiv des Künstlers, vom 1872 entstandenen Aquarell „Yvoire am Genfersee“ bis zu dem im März 1918 gemalten Werk „Genfersee mit Mont-Blanc und rosa Wolken.“ Am 19. Mai 1918 starb Ferdinand Hodler in Genf; Gertrud Dübi-Müller fotografierte den berühmten Schweizer am Vortag beim Spazieren am Quai du Mont-Blanc in Genf.

Ihre Fotos und 53 Werke sind bis zum 3. Juni 2018 in einer wunderbaren Ausstellung an einem ebensolchen Ort zu bewundern. Das Musée d’art de Pully bei Lausanne zeigt „Ferdinand Hodler und der Genfersee. Meisterwerke aus Schweizer Privatsammlungen.“ Bilder also, die man sonst kaum oder nicht zu sehen bekommt. Und Hodler hat den Lac Léman so grossartig gemalt wie kein anderer. Zur Ausstellung ist ein 208-seitiger Katalog publiziert worden, der mit Beiträgen von „Eisenbahn und Panorama: Ferdinand Hodlers Ansichten des Genfersee“ bis „Der letzte Spaziergang“ aufwartet und dabei die oft gemalten Berge Salève und Grammont besonders hervorhebt. Eine Chronologie dokumentiert die Beziehung des grossen Landschaftsmalers zum grössten See der Schweiz.

Und wie gelangen wir ins Musée d’art de Pully? Zu Fuss, mais bien-sûr! Von Ouchy alles dem Ufer entlang bis Port de Pully und hinauf in den alten Dorfkern. Vielleicht setzen wir uns unterwegs auf eine Bank oder einen Stein und nehmen ein Buch hervor. Zum Beispiel „Sissi will ein Junge sein“ von Margrit Kollmar, 1996 in der Mädchenbuch-Reihe „Das Internat am Genfer See“ erschienen: „Langsam schlenderten sie am Ufer entlang. Es war ein Bilderbuchtag: Auf dem blauen Wasser tanzten weisse Segel, und in der Ferne erhoben sich mächtig die Berge.“

Oder, dem Museumsbesuch mehr entsprechend, den Roman „Samuel Belet“ von Charles Ferdinand Ramuz: „,Setzen Sie sich, da ist es angenehm.‘ Und wirklich, es war angenehm. Man sass im feinen Sand, er gab nach wie ein Federkissen. Vor uns war der See; an jenem Tag wehte die Bise, sie trieb die Wellen auf den See hinaus; es schienen gar keine Wellen zu sein, denn man sah nur ihre sanft ansteigende Fläche, erst weiter draussen kamen die Schaumkronen. Das Wasser war so blau, dass es schwarz schien.“

Ferdinand Hodler und der Genfersee. Meisterwerke aus Schweizer Privatsammlungen. Herausgegeben von Diana Blome und Niklaus Manuel Güdel. Hatje Cantz/Musée d’art de Pully/Archiv Jura Brüschweiler, 2018, Fr. 48.- (mit Ticket der Hodler-Ausstellung Fr. 33.-).

Musée d’art de Pully am Chemin Davel 2. Die Ausstellung „Hodler et le Léman“ ist noch bis am 3. Juni 2018 zu besuchen. Das Museum ist offen von Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr;am Donnerstag bis 20 Uhr. Am Pfingstmontag bleibt es geschlossen; www.museedartdepully.ch Auch in Genf selbst wird Hodler in verschiedenen Gebäuden bis zum 27. Februar 2019 präsentiert; www.mah-geneve.ch. Und falls am letzten April-Wochenende Genf angesagt ist: Vom 25. zum 29. findet der Salon du livre statt, unter anderem mit den Éditions du Mont-Blanc.