Schnee

„Auf den letzten Graten, zwischen knochenbleichem Fels, liegt schon der Schnee, weiss, wie ein Jauchzen…“. So ein Satz konnte nur ein Skifahrer schreiben. Max Frisch war einer; das Zitat stammt aus „Blätter aus dem Brotsack“ (1940). Wir jauchzen auch: Der Schnee ist da. Die Schneebücher ebenfalls. Wir wünschen schwungvolles Blättern und Lesen.

13. November 2017

Es schneielet, es beielet
Es geit e chüele Wind
D’Buebe lege d’Händsche a
U d’Meitschi loufe gschwind.

Machen wir Mädchen und Buben. Aber nicht nur die Handschuhe ziehen wir an, sondern auch die Skis. Dann können wir noch schneller unterwegs sein. Auf geht’s in den Schnee, jetzt, wo er bis in die Niederungen gefallen ist! Im Folgenden seien vier neue Bücher vorgestellt, in denen die weissen Flocken die Hauptrolle spielen, im Guten wie im Bösen.

Der französische Radioreporter Alexandre Pasteur stellt in „Legendäre Skirennfahrer“ 47 Skirennfahrerinnen und Skirennfahrer vor, die erstens häufig zuoberst auf dem Podest standen (und immer noch stehen, auch wenn Seriensiegerin Mikaela Shiffrin am Samstag im ersten Slalom der neuen Weltcup-Saison nur Zweite wurde) und die zweitens ebenfalls durch ihre Geschichte und Ausstrahlung zu Persönlichkeiten wurden. 21 berühmte Meitschis und 26 Buebe, von Émile Allais und Christl Cranz bis Marcel Hirscher und eben Mikaela Shiffrin. 13 aus Österreich, 9 aus Frankreich und 6 aus der Schweiz (Lise-Marie Morerod, Erika Hess, Pirmin Zurbriggen, Maria Walliser, Vreni Schneider und Didier Cuche); fehlt aus helvetischer Sicht eigentlich nur einer, unser Bernhard Russi. Trotzdem: ein überzeugendes Skibuch, mit starken Bildern und legendären Geschichten. Ich persönlich mag mich noch gut an Jean-Noël Augert erinnern, wie er auf seinen Dynamic-Skis durch die Slalomtore flitzte. Als ich dann auch solche Latten mit dem Doppelstreifen auf den Spitzen hatte, versuchte ich es Jean-Noël gleichzutun – vergeblich.

Der 22. Band der Internationalen Gesellschaft für historische Alpenforschung widmet sich dem Thema „Sport und Freizeit“. Heute sind Freizeitaktivitäten fester Bestandteil der alpinen Identität und haben die ehemals landwirtschaftliche oder industrielle Prägung verdrängt. Im Sport spiegeln sich gesellschaftliche Veränderungen, er wird damit zu einem interessanten Forschungsgebiet. Die Autoren untersuchen in drei Sphären (Luft, Boden und Untergrund) und in drei Sprachen die veränderten Formen der Aneignung der Alpen durch den Menschen und damit verbunden seinen neuen Umgang mit der Natur. Dabei ist nicht erstaunlich, dass der Schneesport an erster Stelle der acht Beiträge liegt: der Frauenskilauf im Schwarzwald; il turismo della neve Alpi italiane; alpinismo e ski (wie sich die publizistischen Bergbilder der Schweiz in der Zwischenkriegszeit veränderten); de la cure d’air à l’or blanc (der Schweizerische Interverband für Skilauf und die Herausforderungen des Skisportes in der Schweiz von 1920 bis 1960). Spannende Themen. Und gleichzeitig ein paar weitere Tore zur immer noch fälligen, umfassenden Geschichte des Skilaufs in der Schweiz.

Die Story über die mächtige Schneebrettlawine, die am 19. Februar 2012 auf der Freeride-Abfahrt Tunnel Creek am Cowboy Mountain im Kaskadengebirge im US-Bundesstaat Washington drei Tote forderte, erschien am 20. Dezember 2012 als Webpublikation der „New York Times“ – und ist dort immer noch zu lesen, versehen mit Fotos und Videos. In der Taschenbuchreihe „True Tales“ des DuMont Reiseverlages ist John Branchs Recherche nun auf Deutsch erschienen. Eine rasant und vielschichtig erzählte Geschichte über Glück und Unglück beim Skilauf, über Lawinen- und Menschenkunde, über Gruppenzwang und Drang nach der ersten Spur im Pulverschnee. Leider vermasselt die deutsche Übersetzung das atemberaubende Gleiten und Lesen immer wieder, weil „meadow“ anstatt mit Weide, Matte oder noch besser Grashang mit Wiese übersetzt wurde. Und eine Wiese ist fürs Pülverle und Lawinenabgehen einfach ein mässig geneigter Untergrund.

Wer jetzt findet, Schnee bis in die helvetischen Niederungen sei sowieso des Teufels, mag darauf hoffen, dass er anderswo fällt. Zum Beispiel in Griechenland. Vor ziemlich genau einem Jahr kam auf Griechisch, Englisch und Deutsch der erste Skitourenführer für Griechenland heraus: „Skitouren mit Meerblick“ von Christian Mayer. Mit Ski auf den Olymp, den höchsten Gipfel des Landes, oder auf den Psiloritis, den höchsten von Kreta: Sie wären doch Ziele für den Spätwinter. Jetzt, im Frühwinter, dürfte der Karava (2184 m) in den Agrafa-Bergen in Thessalien besser für erste Schwünge im frischen Schnee geeignet sein. Der Wetterbericht jedenfalls verspricht für diese Region von Mittwoch bis Sonntag Schneefall. Es schneielet, es beielet…

Alexandre Pasteur: Legendäre Skirennfahrer. AS Verlag 2017, Fr. 58.- www.as-verlag.ch

Michaël Attali, Anne-Lise Head-König, Luigi Lorenzetti (Hg.): Sports et loisirs – Sport und Freizeit. Geschichte der Alpen/Histoire des Alpes/Storia delle Alpi, Band 22. Chronos Verlag 2017, Fr. 38.- www.chronos-verlag.ch

John Branch: Die Lawine. Freeski-Albtraum am Tunnel Creek. DuMont True Tales 2017, € 8.- www.mairdumont.com Um die englische Orignalversion zu lesen, gibt man am einfachsten auf Google ein: cowboy mountain avalanche.

Christian Mayer: Skitouren mit Meerblick – Griechenland. Anavasi editions, Athen 2016, Fr. 29.90. Erhältlich bei der Buchhandlung Piz Buch & Berg, www.pizbube.ch

Philosophie des Kletterns – ABC de l‘alpinisme

Wer eine Philosophie des Kletterns schreibt oder übersetzt, müsste wohl erst mal etwas vom Klettern verstehen, bevor er über das Einrichten von Routen und Schlagen von Haken tiefsinnige Gedanken verfasst. Selbst der renommierte Suhrkamp Verlag ist offensichtlich vor alpinliterarischen Missgriffen und Fehltritten nicht gefeit. Halten wir uns also an das alpine ABC in französischer Sprache über die Gründe, warum wir die Berge lieben. Da gibt’s wenigstens keine Übersetzungsfehler.

8. November 2017

„Beim Sportklettern steckt man die Routen von oben her ab. Die Kletterer schnallen sich oben sicher fest und steigen dann langsam ab, um die Route zu bereinigen, zu üben und mit Haken zu versehen.“

Quatsch! Oder auf Englisch: Bullshit! Denn diese ziemlich falsche Definition von Sportklettern stammt vom amerikanischen Ethikprofessor und Kletterer Dane Scott aus seinem Beitrag „Freiheit und Individualität ‚on the rocks‘“ im Buch „Die Philosophie des Kletterns“. Es erschien 2014 erstmals auf Deutsch im mairisch Verlag und nun als günstige Taschenbuchausgabe im sehr renommierten Suhrkamp Verlag. Die Originalausgabe von 2010 heisst „Climbing – Philosophy for Everyone: Because It’s there“. Und genau hier mag der Haken stecken: In den USA wird vielleicht Sportklettern wie bei Dane Scott verstanden; hierzulande aber ist diese Definition schlicht falsch.

Nicht die einzige brüchige Passage im Buch mit dem hochtrabenden Titel. Die Schwierigkeiten beginnen bereits damit: climbing ist viel mehr als klettern; es umfasst auch das Bergsteigen im klassischen Sinn. Und so folgen sich ungenaue und falsche Begriffserklärungen und Übersetzungen wie die Griffe in einer Kletterhalle. Ein weiteres Beispiel: Bei der ersten freien Begehung der Salathé-Wall des El Capitan sei der Vorsteiger „ohne Sicherung geklettert.“ Quatsch: Da war das Seil zum Nachsteiger, da waren die mobilen Sicherungsgeräte, die der Vorsteiger gelegt hat und in die er mittels der Karabiner ins Seil eingehängt hat. Aber er hat die Sicherungsgeräte (Klemmkeile, Haken) nicht als Haltepunkte für Hände und Füsse benutzt. Anders gesagt: Es gibt ein ziemliches Gefälle zwischen der ungenügenden Übersetzung und der immer wieder herbeizitierten Phänomenologie des Geistes von Hegel.

Trotzdem: Ein paar der übersetzten Beiträge sollten durchaus gelesen werden, so derjenige „über das Schlagen von Griffen“. Und die beiden originaldeutschen „Klettern ist beides. Über Dualismus“ sowie „Abschied vom unendlichen Gipfel“ sowieso. Zum Beispiel auf der Fahrt nach oder zurück von Brig; dort findet von Mittwoch bis Sonntag zum 12. Mal das Multimediafestival „BergBuchBrig“ statt. Am Eröffnungsabend steht der Film „The Art of Climbing“ auf dem Programm, am Samstag Mittag zwei weitere Kletterfilme, am Sonntag Mittag der Kletterfilm „Tupendeo – one mountain, two stories“ von Robert Steiner. Nicht verpassen!

Zum ersten Mal hingegen findet der „Salon de la Montagne“ im Rahmen der Genfer Herbstmesse „Les Automnales“ statt, und zwar vom kommenden Freitag bis Sonntag im Palexpo. „Plus de 60 exposants venus de Suisse et de France se rassembleront pour vous présenter leurs activités et vous proposer des animations ludiques et évidemment sportives“, heisst es auf www.automnales.ch/salon-de-la-montagne. Mit dabei auch das Alpine Museum der Schweiz, das die Biwak-Ausstellung „Good News from Afghanistan“ und ein paar Exponate aus dem Nachlass von Erhard Loretan zeigt.

Und was lesen wir auf der Fahrt nach oder zurück von Genf? Ein aktuelles französisches Buch, das sich grundlegend mit dem Bergsteigen befasst, mais bien-sûr! Mein Vorschlag: „Pourquoi nous aimons gravir les montagnes“ von Marco Troussier, Bergführer, Ausbildner, Jazzer und Schriftsteller. Sein zugleich handliches wie tiefgehendes Buch über die Gründe, warum wir das Besteigen der Berge lieben, hat er als (nicht erschöpfendes) ABC aufgebaut, von A wie Air über C wie Cairn (Signal) bzw. (Andacht) und R wie Refuge oder Rêve bis Z wie die Z-Route an der Meije. Das ganze hübsch garniert mit meist älteren schwarzweissen Fotos und Zeichnungen. Un petit cadeau!

Stephen E. Schmid, Peter Reichenbach (Hg.): Die Philosophie des Kletterns. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, € 10.-, www.suhrkamp.de

Marco Troussier: Pourquoi nous aimons gravir les montagnes. Abécédaire (non exhaustif) de l’alpinisme. Les Éditions du Mont-Blanc, Les Houches 2017, € 14.90, www.leseditionsdumontblanc.com

www.bergbuchbrig.ch
www.automnales.ch/salon-de-la-montagne

Die Schlange

Eine Begegnung am Fuss der Wand. Vor lauter Freude über die kleine Schlange vergessen wir fast das Klettern.

3. November 2017

Ich bin schon beim erste Haken, als meine Partnerin ruft: «Komm nochmals herunter, das ist eine kleine Schlange.»

In Zeitlupe windet sich das Reptil durch Schotter und Laub, grau gemustert, einen halben Zentimeter dick und fast zwanzig lang, der Kopf dunkel gefärbt. Ein mikroskopisches Zünglein tastet sich durch die winzige Welt dieses einsamen Wesens. Ein Wunder, dass es überlebt hat an diesem Ort, an dem oft ziemlich Betrieb herrscht, die Leute nicht immer darauf achten, was da kreucht und fleucht. Was ist es wohl? Auch die jungen Kletterer, die wir fragen, wissen es nicht. Wohl am ehesten eine Kreuzotter. So winzig und schon halb in Winterstarre wird sie uns bestimmt nicht beissen. Wir haben keine Angst vor Schlangen. Hier auf der Galerie haben wir auch schon junge Ringelnattern gesichtet, die kennen wir. Das ist dieses kleine Wesen wohl nicht, die gelbe Schuppe am Kopf fehlt. Eine Aspisviper? Wohl eher selten in der Gegend.

Zwischen den Seillängen beobachten wir unsern neuen Freund oder unsere Freundin, wie er oder sie verschwindet, wieder auftaucht in einem Polster von feinem Klee. Diese Ruhe, diese Gelassenheit. Die fehlt uns. Ein deutscher Kletterer fällt uns ein, der ein Buch veröffentlicht hatte mit Tipps, wie man die persönliche Klettertechnik verbessern könnte. Einer lautete: Stell dir vor, du bist ein Tier. Ein Affe, eine Eidechse oder Schlange zum Beispiel, ja, das stand in dem Buch. Per Zufall kam dieser Kletterautor einmal auf die Galerie, alles schaute zu, wie er eine schwere Stelle versuchte, sich abmühte. Wir munterten ihn auf, riefen: «Stell dir vor, du bist eine Schlange!» Fies eigentlich, aber schliesslich schaffte er die Stelle, als Schlange, Eichhörnchen, Schwalbe oder was immer.

Mit der Zeit verlieren wir unser Reptil aus den Augen. Wir hoffen, es überlebe den Winter und begegne uns im nächsten Frühling wieder, grösser und schneller noch. Gebt acht auf der Galerie, liebe Kletterfreunde und -freundinnen. Schaut auch mal nach unten, nicht nur nach oben.

Kaleidoskop der Schweizer Kartografie

Was bestimmt die Schweiz ausser Banken und Uhren, Schoggi und Nescafé? Blöde Frage: Berge natürlich. Überall und seit jeher. Seitdem ein paar kräftige Bergbauern auf einer grünen Matte oberhalb des blauen Vierwaldstättersees Freiheit und Beistand geschworen haben sollen. Und womit kann man wissen, wie diese Matte heisst und die Höger drumherum? Wie hoch sie sind, wie stotzig und eisig? Und wie man hinauf kommt, zu Fuss, per Bahn oder vielleicht gar nicht? Mit einer Karte natürlich. Eine neue Publikation beleuchtet präzise wie ein Uhrwerk und verführerisch wie Schokolade die Schweizer Kartografie.

2. November 2017

„Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge zog es in Scharen nach Amerika. Allein im 18. Jahrhundert wanderten mehr als 25‘000 Eidgenossen mit Kind und Kegel in die damals noch englischen Kolonien aus. Als Ursache für die Auswanderung vermerkten die Chronisten grosse Armut sowie religiöse oder politische Intoleranz der hiesigen Behörden. Einige Abenteurer hatten aber auch patriotische, ja geradezu utopische Ziele. Sie planten ihre Kolonien als Vorposten einer besseren Welt oder als Verheissung einer neuen Zivilisation.“

Von einem solch angestrebten Paradies handelt die 1737 in Bern gedruckte Schrift „Neu-gefundenes Eden“, die zwei Karten enthält. Die zweite heisst „Eden in Virginia: von der Helvetischen Societet erkaufte 33 440 Jucharten Land Ao. 1736“ im Massstab 1:125‘000. Eine ziemlich ungewöhnliche und sicher ziemlich unbekannte Schweizer Karte. Solche aber gibt es nicht nur für die Schweiz, sondern eben auch für ausländische Gebiete und Bedürfnisse.

Karten, die entweder von Schweizer Autorinnen und Autoren stammen oder die von einem Schweizer Verlag publiziert wurden: Der Berner Kartograf Markus Oehrli verfasste zwischen August 2015 und Dezember 2016 den Blog „Karte der Woche“, wobei die vorgestellten 70 Dokumente einen Querschnitt des Schweizer Kartenschaffens zeigen. Der Blog diente als Beitrag der Schweizerischen Gesellschaft für Kartografie für das Internationale Jahr der Karte. Oehrli wählte vor allem solche Karten aus, für die die Schweizer Kartografie bekannt oder sogar weltberühmt ist, von topografischen Karten über Stadtpläne und Vogelschaukarten, Strassen- und Schulkarten bis zu Panoramen und Reliefmodells. Die ältesten Karten stammen aus dem frühen 16. Jahrhundert, die jüngste von 2016. Die Karte „Mount Washington and the heart of the Presidential Range, New Hampshire“ im Massstab 1:20‘000 erschien 1988, und zwar printed by Orell Füssli + Co. Fast hundert Jahre älter ist die „Karte des Russischen Reichs: mit Angaben der Eisenbahnen und inneren Wasserwege“ im Massstab 1:15‘000‘000, 1895 gedruckt von Kümmerly & Frey.

Eine bunte Kartenmischung also, die nun in anderer Form greifbar ist. In ihrem jüngsten Heft bringt die Halbjahreszeitschrift „Cartographica Helvetica“ 58 der Oehrlischen Kartenporträts in aktualisierter und überarbeiteter Form. Ein wunderbares, höchst interessantes Kaleidoskop von schweizerischen Kartenwerken, farbig präsentiert, informativ und unterhaltsam kommentiert. Ein ungeahntes Schau- und Lesevergnügen. Zum Beispiel mit dem Abschnitt „Diesseits von Eden“.

Markus Oehrli: Kaleidoskop der Schweizer Kartografie. Cartographica Helvetica, 2017, Heft 55. Fr. 25.- Verlag Cartographica Helvetica, Untere Längmatt 9, 3280 Murten, info@cartographica-helvetica.ch, www.kartengeschichte.ch.

Etichette delle montagne

Etiketten erzählen Geschichten. Zum Beispiel jene, die drei Kriegsgefangene zum Ausbruch bewegte – nicht in die Freiheit, sondern um einen Berg zu besteigen. Andere sind vielleicht harmloser. Zeigen das Matterhorn oder Rasierklingen oder eine Schöne im Skidress. Ein Universum für Sammler.

25. Oktober 2017

„Eines Tages wurden Büchsenfleisch mit Gemüse, Marke ‚Kenylon‘, ausgegeben – eine Sorte, die bisher in dieses Lager nicht geliefert worden war. Auf jeder Büchse war ein Etikett geklebt, das als Handelsmarke eine Ansicht des Kenya zeigte, von einer Seite, die wir noch nicht kannten. Wir vermuteten, es könne nur die Südansicht sein oder noch wahrscheinlicher die von Süd-Süd-West. Es war für uns eine Enttäuschung, zu sehen, daβ die Gipfel von dieser neuen Seite her genau so schwierig aussahen, ja daβ es hier anscheinend noch mehr Gletscher gab als auf den Nordhängen.“

Ein Schlüsselerlebnis für den italienischen Kriegsgefangenen Felice Benuzzi und seine Mitinsassen im britischen Camp 354 bei Nanyuki, mit Blick auf den Mount Kenya, den zweithöchsten Berg Afrikas – sein höchster Punkt ist der Batian (5199 m). Den Mt. Kenya will Benuzzi unbedingt besteigen, und mit Giovanni Balletto und Vincenzo Barsotti bricht Benuzzi im Januar 1943 aus dem Kriegsgefangenenlager aus, um mit heimlich zusammengestellter Nahrung und sehr primitiver Ausrüstung den verlockenden Berg zu besteigen. Als Navigationsmaterial haben die Ausbrecher zwei Skizzen (eine nach einer Fotografie, die andere mit dem Feldstecher erarbeitet) und eben die Kenylon-Büchsenfleisch-Etikette dabei. Die Bergsteiger gelangen bis 5000 Meter hinauf und kehren zurück ins Lager 354, wo sie zu je einem Monat Einzelhaft verurteilt werden. In Anerkennung des „sporting effort“ des Ausbruchs wird die Strafe auf eine Woche verkürzt.

Felice Benuzzis Buch ist ein Klassiker der Alpinliteratur: „Fuga sul Kenya – 17 giorni di libertà“ erschien 1947, die englische Ausgabe 1952 unter dem starken Titel „No Picnic on Mount Kenya“, die deutsche 1953 als „Flucht ins Abenteuer. Drei Kriegsgefangene besteigen den Mt. Kenya“; die Rückseite mit der Kenylon-Etikette ist hier abgebildet.

Natürlich ist diese berühmte Etikette auch im 336 Seiten starken Bildband „Etichette delle montagne. Immagini di commercio“ zu finden, der sich mit den Etiketten beschäftigt, auf denen Berge, alpine Landschaften und Szenen zu finden sind. Ganze 747 Etiketten sind abgebildet, von 1865 bis heute, sauber geordnet nach Getränken, Lebensmitteln, Früchte und Gemüse, Tabak und Zündhölzern, Textilien, Ölen und Seifen, Rasierklingen und Intimtüchleins, Parfüm und Pastillen, Geräten aller Art sowie touristischen Schildern und Anhängern. Ein Universum, oft übersehen, hier schön versammelt und beschriftet, dazu mit italienischen und englischen Texten erklärt.

Und welcher Berg ist am häufigsten abgebildet? Höchstwahrscheinlich das Matterhorn. Auf 21 Etiketten zeigt es seine unverwechselbare Form, auch seitenverkehrt. Ebenfalls auf der Essense de lavande „Mont-Blanc“ von 1910 ist es zu finden. Da hatten Benuzzi und seine Freunde ja Glück: Ein Matterhorn hätte ihnen im kenianischen Hochland nichts genützt.

Aldo Audisio, Laura Gallo: Etichette delle montagne. Immagini di commercio. Raccolte di documentazione del Museo Nazionale della Montagna. Priuli & Verlucca, Ivrea 2016; Euro 39.50. Volume bilingue Italiano-Inglese.

Die gleichnamige Ausstellung im Museo Nazionale della Montagna in Turin ist noch bis zum 3. Dezember 2017 zu sehen.

Klettern im Jura

Klettern in den Alpen – passt bestens. Klettern im Mittelland – etwas weniger; gibt aber schon ein paar Seillängen, auch draussen. Und Klettern im Jura – geht wiederum bestens. Zwei neue Führer zeigen, wo es am schönsten und am schwierigsten ist. Anseilen bitte!

21. Oktober 2017

11.11.[73] Jura: Im Schilt. Zwischen La Huette und Sonzeboz. Viele wunderschöne Routen, schwierig. Wir machten Normalweg IV-V, 120 m. Herrlicher Fels, todsichere Standplätze. Res und ich bezwangen noch eine Artificiel-Route (A1, -IV).

Eintrag aus meinem zweiten Tourenbuch, mit nicht ganz korrekter Schreibweise: Die beiden Ortschaften im Berner Jura schreiben sich La Heutte und Sonceboz, und ob man Standplätze als todsicher bezeichnen kann, bleibe mal dahingestellt. Immerhin war man damals froh, wenn wenigstens an den Standplätzen wirklich verlässliche Felshaken steckten. Neunzehn Jahre alt war ich bei meinem ersten Kletterausflug im Jura, und bis ich dorthin zurückkehrte, sollten weitere vier Jahre vergehen. Dabei liegt das zweite Gebirge der Schweiz so nahe vom Mittelland wie die Alpen, und klettern kann man dort mindestens so gut. Wandern natürlich auch, gerade im Spätherbst, wenn die Schneefallgrenze zu sinken beginnt, wie MeteoSchweiz nun ankündigt: „Am Sonntag oft stark bewölkt und zeitweise Niederschlag, besonders am Alpennordhang. Schneefallgrenze auf 1000 bis 1300 Meter sinkend.“

Wer aber lieber klettert, greift zu zwei neu aufgelegten Führern aus dem Hause Filidor. Sandro von Känel und seine Mitarbeiter präsentieren in „plaisir Jura“ und „extrem Jura“ auf je 358 Seiten so viele wunderschöne Routen in allen Schwierigkeitsgraden, dass wir für die nächsten Jahrzehnte genug zum Klettern im Schweizer Jura haben. Und gar un peu darüber hinaus. Im Plaisir-Band sind nämlich acht Gebiete aus dem Französischen Jura, fünf aus dem Elsass und eines aus dem Schwarzwald beschrieben, die unbedingt einen Besuch lohnen. Zum Beispiel die Trois Commères, die drei Klatschbasen, bei Morez; das Dorf liegt nur 13 Kilometer entfernt von La Dôle, dem westlichsten Gipfel der Schweiz. Oder die rötlichen Bunt-Sandsteine von Gueberschwihr, „ein wirkliches Plaisir-Paradies zwischen Weinbergen und traditionellen Winzerhöfen“, wie es im Führer heisst.

Wie immer in den handlichen Werken der Edition Filidor: klar und kundig das Ganze. Texte und Topos, Skizzen und Fotos: alles tipptopp. All die präsentierten Gebiete und Seillängen: verlockend bis vielleicht unmöglich – letzteres vor allem im Band „Extrem“, wenigstens für Otto Normalkletterer. Bevor man sich im Schilt also an die mit 7a bewertete Route „La Symphonie des mousquetons“ wagt, sollte die Normalroute gemacht werden, ein „Klassiker mit deutlichen Gebrauchsspuren“.

Sandro von Känel: plaisir Jura sowie extrem Jura. Filidor Verlag, Reichenbach 2017, je 44 Fr. Gratis dazu gibt es einen Downloadcode für eine kostenlose Anwendung auf iOS und Android, damit man die Führer auch auf dem Smartphone konsultieren kann. www.filidor.ch

Bergromane

Frankreich ist Ehrengast an der diesjährigen Frankfurter Buchmesse vom 11. bis 15. Oktober. Auf der Fahrt in die Geburtsstadt von Goethe (ihm ist u.a. der 44 Meter hohe Goetheturm am Stadtrand geweiht) und von Ernst Justus Häberlin (Mitglied der SAC-Sektion Basel und Erstbesteiger von Breitlauihorn, Lötschentaler Breithorn und Schinhorn vom 26. bis 30. August 1869) könnten wir doch einen Bergroman lesen, einen französischen natürlich. Oder auch einen deutschen, mais oui!

10. Oktober 2017

Je frémis: c’est Matthieu Charraz, le champion, en personne.

– Matth, je te présente Emma Lindley, ma nouvelle colocataire; une brillante sociologue qui nous vient des États-Unis pour sa thèse. Emma, voici Matthieu, un ami.

Il plante ses yeux dans les miens. Malgré son sourire, je ressens une certaine distance; Matthieu Charraz en impose.

– Et sur quoi travaillez-vous, mademoiselle!

– La prise de risques en montagne, dis-je, mal à l’aise.

– Ah oui?

Oh ja! Die erste Begegnung zwischen den beiden Hauptfiguren im ersten Roman der französischen Autorin Mélanie Valier „Et si tout s‘arrêtait là?“. Und es hört nicht auf damit, natürlich nicht. Sonst wäre es ja kein Roman… Emma Lindley und Matthieu Charraz werden sich wieder begegnen in Chamonix, der Hauptstadt des Alpinismus. Gerade er, der Champion des Freeridens und des Trail Runnings, wird ein bevorzugtes Objekt ihrer soziologischen Untersuchung über das Risiko des Bergsports im Zeitalter des Internets, der Social Media, der Helmkamera. Mehr noch: Die beiden verlieben sich ineinander – was wäre ein (Berg-)Roman ohne Liebesgeschichte? Und diejenige von Emma und Matth ist heiss. Es wird nicht nur geklettert und gerannt, gesurft und geflogen. Mais non!

Das Regionalradio „France Bleu“ sprach zu Recht von einem „thriller érotico-montagnard“, und die Bergzeitschrift „Vertical“ meinte, es gebe nicht häufig einen solchen Roman zu lesen: „C’est courageux, novateur, féminin.“ Wer also nun, wenn Frankreich in Frankfurt an der Buchmesse zu Gast ist, einen zeitgenössischen französischen Bergroman lesen möchte, sollte sich mit Mélanie Valier zum Mont Blanc und zur Aiguille Verte aufmachen.

Ebenfalls in den französischen Alpen, vor allem im Écrins-Massiv, spielt der dritte Roman des bekannten französischen Bergpublizisten François Labande. Wie bei Mélanie Valier wird das Geschehen in „La ligne d’horizon“ aus weiblicher Ich-Perspektive erzählt. Bic Calmet, 50 Jahre alt, alleinerziehende Mutter, Bergführerin, engagiert sich in ökologischen Bewegungen gegen die fortschreitende Erschliessung der Berge und hat sich um zwei nicht ganz pflegeleichte Söhne zu kümmern: Der eine arbeitet als Arzt in humanitärem Dienst in Syrien, der andere taucht in der rechtsextremen, terrorverdächtigen Szene von Marseille unter. Das volle Programm also. Verständlich, wenn Bic ihrem Seilpartner während einer Winterbesteigung gesteht: „C’est là que je suis bien. Là-haut. Tu comprends?“

Verstehen wir bestens, mais bien-sûr! Gipfelglück, kurz gesagt. So heisst auch der Roman von Uschi Grudzinski und Evelyn Holst. Er ist im real existierenden Gradonna Mountain Resort oberhalb des Bergdorfes Kals am Grossglockner im Osttirol angesiedelt, handelt von verschiedenen Paaren (Touristen und Einheimischen), die sich finden, wieder finden und verlieren, die dort oben den Sinn des Lebens suchen, zu finden glauben – oder ganz einfach auch arbeiten müssen. Ein rasanter, kitschiger, unterhaltsamer Berghotelroman. Bergsport wird auch getrieben.

„Prima“, lobte Lucas und fühlte sich wie Reinhold Messner. Wie gut, dass er sich gestern Abend noch in den Hotel-Bibliothek den Berg- und Klettersteigführer ausgeliehen und sich über diese Tour informiert hatte. Als hätte er’s geahnt. „Jetzt geht’s hier die Felsrinne hoch. Ihr könnt euch an diesem Fixseil festhalten.“

Machen wir. Allons-y! Lisons!

 

Mélanie Valier: Et si tout s‘arrêtait là? Éditions Glénat, Grenoble 2017, € 20.- http://montagne.glenatlivres.com

François Labande: La ligne d’horizon. Éditions du Fournel, L’Argentière-La Bessée 2016, € 19.- www.editions-fournel.fr

Uschi Grudzinski, Evelyn Holst: Gipfelglück. Atlantik Bücher, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2017, € 15.- www.atlantik-verlag.de

Von Col zu Col

Das Wetter war durchwachsen angesagt, doch wir hatten einen Plan B ausgearbeitet: Eine Route über zwei Pässe und zwei Gletscher, zu der wir kaum Informationen hatten, die beinahe unbekanntes Land war. Und wieder einmal wurde ein B Plan zum ganz besonderen, vielleicht zum grösseren Erlebnis.

9. Oktober 2017

Die Cabanne de Valsorey liegt hoch inmitten eines Steilhanges, klein auf einer Felsenkuppe. Es ist eine Bergsteigerhütte wie sie immer seltener zu finden sind. Das Plumpsklo liegt zwanzig Meter abseits auf einem Felsen in einem Blechcontainer, und weil im Schneefall vor zwei Tagen das Rohr gefroren und geplatzt war, ist der Brunnen daneben trocken und still. So muss man sich mit den Schneeresten behelfen, oder zum Waschen den Eimer voll Wasser nehmen, den die beiden Frauen, die hier wirten, als Ersatz neben den Brunnen gestellt haben.

Auf ihrer Rückseite wird die Hütte dräuend überragt von den tausend Meter hohen Flanken des Grand Combin, düsterer Fels, aus dem jetzt am Nachmittag das gepolter tauender und abbrechender Eiszapfen zu hören ist. Der beste Platz ist eine meterbreite Holzbank auf der Vorderseite, auf der wir nachmittags ein Vitamin-D Bad nahmen und abends die lange Dämmerung im Westen begleiteten. Dorthin geht der Blick frei und weit zu den stachligen Felsrücken des Mont Blanc-Gebiets, jetzt, Anfang September, eine Welt eingeschneiter Felsburgen, deren Gletscherzungen und Eisbrüche sich in die kaum einsehbaren Schluchten geflüchtet haben. Nur am alles weit überragenden Fast-Fünftausender in ihrer Mitte triumphieren sie emporschlängelnd über die Felsen. Während still, tief unter uns, silberne, fast durchsichtige Nebelstreifen vom Val d´ Entremont hereinzogen, beobachteten wir das schwindende Licht, den Sonnenuntergang hinter dem Mont Blanc. Erst als sich der zaghafte Schimmer des Mondes in den obersten Flanken der Brenva-Seite bemerkbar machte, gingen auch wir leise hinein in die längst schlafende Hütte.

Am Morgen waren wir vier die einzigen der insgesamt acht Gäste, die um Fünf bei einem dunklen Frühstück sassen. Als wir später die felsigen Hänge anstiegen, überschwappten uns wieder und wieder einzelne Nebel, die sich von einem wogenden Meer knapp unterhalb der Hütte lösten, über uns und dann an den Felsflanken in die Höhe krochen, um oben an den Graten zu verschwinden. Eine hohe Wolkendecke saugte den Mondschein in sich auf, wie ein Schwamm eine silberne Flüssigkeit, und leuchtete fahl über der schwarzen Erde. Das Leuchten wurde blasser während wir höher stiegen, bis es langsam in ein Rot tauchte, das eine irgendwo aufgehende Sonne kurz zwischen Horizont und Wolkendecke warf. Die letzten Meter zum Col de Meitin, auf dem uns plötzliche und jäh ein eisiger Nordwind anfuhr, stiegen wir schliesslich im Licht eines grauen Tages auf.

Jenseits, unter uns, lag das Gletscherbecken, eine gelbliche, spaltendurchzogenen Firnfläche, auf der weiss der Schnee von vor zwei Tagen, in langen, unterbrochenen Dünen lag. Der Weg dort hinab führte über einen blanken Steilhang und einen offenen Bergschrund und kostete uns Zeit da wir in zwei Seilschaften gingen und Eisschrauben ein- und ausdrehen mussten. Kaum unterhalb des Grates war der Wind wieder verschwunden, doch zog vom Glacier de Corbassiere langsam ein grosser Nebel herauf. In diesem Nebel schlichen wir handbreit vorbei an kleinen Spalten, die sich nach unten zu Kathedralen weiteten, als blicke man vom First eines Kirchenschiffes hinter einem verrutschten Ziegel ins Innere. So präsentierte sich uns das Plateau des Maisons Blances als eine Stadt der Hallen und Säle, die wir über ihre löchrigen Dächer passierten. Auf den Felsen am Fuss des Combin de Boveire spielte ein Sonnenfleck in dem wir rasteten. Der grosse Nebel war jetzt angestiegen und lag uns gegenüber am Grand Combin, vor dessen breiten Eisbalkonen er nur ein schmaler, unscheinbarer Streifen war.

Der Col de Panossiere, unser nächster Übergang, setzte fünfzig Meter hoch felsig auf den Gletscher ab. Wir erreichten ihn in einem weiten Rechtsbogen durch mal glattgeschliffene, mal brüchige Felsen und betraten auf seiner anderen Seite den Glacier de Boveire. Breite Spalten zogen kreuz und quer und verschwanden schmäler werdend im Neuschnee, den wir in tastenden Bögen durchspurten. Weiter unten umgingen wir eine Bruchzone am Rand einer Felseninsel, von der aus sich an manchen Orten Geröll auf die Spalten ergoss, während an anderen grosse, längliche Blöcke zu Brücken verklemmt waren, auf denen wir mit unseren Steigeisen kratzend balancierten, oder in einem kurzer Boulder über den Abgrund gelangten. Über die unterste Zunge und ihr steiles Ende hinab, gelangten wir schliesslich direkt neben dem Gletschertor auf das steinige Vorfeld.

Wie durch einen Tunnel gingen wir später hoch auf einer schmalen aber begrünten Moräne absteigend erneut durch dichten Nebel, als von der anderen Seite leise und wie von weit her, Kuhglocken zu hören waren. Unterhalb der Wolkenbasis durchstreiften wir Beete reifer Heidelbeeren und mussten uns dann gut fünfzig Meter weit durch Erlengestrüpp schlagen, ehe wir einen Weg erreichten, der über Weiden und durch Wald ins Tal führte und uns von seinen Rändern her überreich mit Himbeeren beschenkte.

Kein Tropfen Regen war gefallen und keinem Menschen waren wir begegnet.

Landschaften

Auch Bücher sind Landschaften. Schliesslich ist auch Lesen und Bilder Betrachten «das Resultat einer permanenten Interaktion zwischen Menschen und der physikalischen Umwelt». Wie weit sich der Begriff dehnt, zeigt der Berg von Literatur zum Thema, den unser Rezensent hier auftürmt bzw. abbaut. Berge zerfallen, wie wir wissen, Landschaft bleibt. Ob flach, steil oder eben: Papier.

6. Oktober 2017

„Eine Landschaft lebt nicht nur durch das in ihr Sichtbare, sondern ebenso durch die Gestalten, die in ihr unsichtbar – oder nur in hindeutenden Spuren – anwesend sind, ob sie nun aus Büchern, Bildern, Erinnerung oder Überlieferung stammen; das Vergangene, Erfundene oder Wirkliche gilt hier gleich viel; in je gröβerer Dichte sich solche Erscheinungen einstellen, um so mehr hat die Landschaft Figur.“

Es ist ein jeder Hinsicht gewichtiges Buch, in dem sich auf den weissen Seiten 470-471 dieses Zitat von Franz Tumler aus seinem Text „Österreichische Landschaft“ gross abgedruckt findet; er stammt aus Tumlers Werk „Landschaften und Erzählungen“ von 1974. Das passt perfekt zu diesem gut zwei Kilo schweren und 560 Seiten dicken Buch „Landschaftslektüren. Lesarten des Raums von Tirol bis in die Po-Ebene“. Es erkundet auf wissenschaftliche, literarische und künstlerische Weise unterschiedlichste Landschaften in diesem Teil der Alpen bis hinunter ins Delta des mächtigen Alpenflusses. Entstanden ist es aus der Tagung „Grenzräume – Raumgrenzen: Ländliche Lebenswelten aus kulturwissenschaftlicher Sicht“ im April 2015 an der Uni Innsbruck.

„Es gibt viele Arten, Landschaften zu betrachten“: So beginnt Susanne Rau ihren grundlegenden Beitrag „Land und Landschaften“. Sie definiert Landschaft als „das Resultat einer permanenten Interaktion zwischen Menschen und der physikalischen Umwelt“. Wie sich diese Definition so verblüffend wie überzeugend künstlerisch umsetzen lässt, zeigt Katharina Cibulka in der Arbeit „ist heute morgen“. Sie reiht alte Holzschindeln, die einst ein Haus bedeckten und es vor Kälte und Nässe, Sonne und Wind schützten, wie Dominosteine an verschiedenen Orten aneinander – auf Wiesen im Gebirge und neben einer Pferderennbahn, in alten Gebäuden, aufgegebenen Fabrikanlagen und modernen Räumen – und fotografiert die Installationen. Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Diese Fragen stehen da wahrhaftig im Raum. Man möchte den Holzschindeln natürlich mal live begegnen; fürs Erste begnügen wir uns mit den Farbfotos in „Landschaftslektüren“.

Nicht alle Beiträge sind so unmittelbar einleuchtend und berührend wie diejenigen von und zu Katharina Cibulka. Was aber Stefan Alber mit dem Mobiliar des Zimmers 206 des Hotels Pragser Wildsee gemacht hat, geht ganz schön unter die Haut. Und im epischen Gedicht „im atemgeröll mein lied“ von Christoph W. Bauer taucht der Begriff „heimatmoränen“ auf. Ob sich Francesco Petrarca darunter etwas hätte vorstellen können? Er, der um 1336 den Mont Ventoux bestieg und mit seinem Bericht darüber das Landschaftsbewusstsein initiierte.

Wer sich für die Auseinandersetzung mit Landschaft und Raum einst und heute interessiert, kann zu zwei weiteren Publikationen greifen. „Landschaftsqualität im urbanen und periurbanen Raum“ geht den Fragen nach, was Landschaftsqualität denn überhaupt ausmacht, welche Funktionen Landschaften gerade im städtischen und halbstädtischen Raum, als im Mittelland, erfüllen müssen und wie sie weiter entwickelt werden können. Keine Lektüre für Minuten. Aber man darf sich ja auch mal in etwas hineinknien, das uns alle angeht.

Im Beitrag „Der Berg als König. Aspekte der Naturwahrnehmung um 1600“ für die „Berner Zeitschrift für Geschichte“ setzt sich Jon Mathieu wie immer informativ und unterhaltsam zugleich mit einem Epos auseinander, das einen etwas langatmigen Titel hat – der Beginn lautet so: „Ein Neuw, Lustig, Ernsthafft, Poetisch Gastmal, vnd Gespräch zweyer Bergen, In der Löblichen Eydgnossenschafft, vnd im Berner Gebiet gelegen: Nemlich dess Niesens vnd Stockhorns, als zweyer alter Nachbaren…“ Autor dieser barocken, 1606 erstmals aufgelegten Landes- und Weltkunde ist Hans Rudolph Rebmann (1566-1605), lange Pfarrer in Thun. Niesen und Stockhorn erzählen sich gegenseitig, was sie alles wissen, und das ist nicht wenig. Hier deshalb nur acht der 14‘000 Verse der Erstauflage:

Die Jungfrau hoch zu bsteigen schwer,
Wan nicht ein Horn der Münch dran wer,
Der Berg zween Gibel hoch auffgricht,
Der Schnee den einen lasset nicht
Der in bedecket allezeit,
Sein spitzigen Grad sieht man weit;
Der ander Spitz der Münch vast rund
Ein Jäger ihm ersteigen kundt!

 

 

 

 

 

Markus Ender, Ingrid Fürhapter, Iris Kathan, Ulrich Leitner, Barbara Siller (Hg.): Landschaftslektüren. Lesarten des Raums von Tirol bis in die Po-Ebene. Transcript Verlag, Bielefeld 2017, € 35.- www.transcript-verlag.ch

Landschaftsqualität im urbanen und periurbanen Raum. Herausgegeben vom Institut für Landschaft und Freiraum, HSR Hochschule für Technik Rapperswil. Haupt Verlag, Bern 2016, Fr. 44.- www.haupt.ch

Jon Mathieu: Der Berg als König. Aspekte der Naturwahrnehmung um 1600. In: Berner Zeitschrift für Geschichte, N° 01/17, Fr. 20.- www.bezg.ch

Mettmen im Schnee

Früh ist der Schnee gefallen. Gestern noch bis 1700 Meter. Ob Mettmen noch geht?

1. Oktober 2017

Noch einmal in diesem Herbst. Es sind noch Rechnungen offen. Hakenhänger, an Stellen, die einst leicht von der Hand gingen. Das Alter, aber bitte nicht ständig klagen. Schau nach vorn.
Die Seilbahn ist gut besetzt, Wanderer, Rentner, Familien mit Kindern, ein Hund. Sonne, Schnee liegt bis zum Stausee. Wir könnten ja auch wandern, aber zuerst einen Kaffee im neuen Berghaus, Berghotel-Mettmen. Die Bedienung freundlich, Glarnertüütsch, heimatlich. Das Haus passt gut in die Landschaft, Holzfassade. Initiative eines mutigen Ehepaars, das zuvor die Leglerhütte bewirtschaftet hat, Chapeau! Und es läuft gut, hören wir, besser als erwartet. Als wir erwartet haben. Was uns doch sehr freut.
Der See, randvoll, ein Spiegel. Wir stapfen durch den Schnee hinauf gegen die Felsen. Klettern? Ja, es geht. Der Fels ist trocken, sonnenwarm, griffig, herrlich. Mettmen eben. Wir sind allein, Stille, nur der Piff eines Murmeltiers schreckt uns auf.
Am Fuss der Wand bilden sich Pfützen vom schmelzenden Schnee. Aufgepasst, dass die Seile nicht nass werden! Auch das schaffen wir. Und auch die Stellen, die mir das letzte Mal zu schaffen machten. Es geht, es geht, es geht noch immer. Fein! Noch was Leichtes, als Kletterdessert. Das dann doch nicht ganz so leicht ist. Aber leichten Herzens steigen wir ab. Noch ein Kaffee auf der Sonnenterrasse. Blick zum tief verschneiten Glärnisch. Glück.