Rund um Zürich

Um Zürich dreht sich vieles in der Schweiz – aus Sicht der Zürcher eigentlich alles. Um Zürich kann auch wandern, nicht nur über Züri- und Üetliberg, sondern noch viel weiter. Zum Beispiel zur Claridenhütte, wie der Umschlag des besprochenen Wanderführers zeigt. Sie gehört der Zürcher Oberländer SAC-Sektion Bachtel. Alles klar!

25. August 2016

Cover Wanderatlas Zürich-Südwest„Das Land, wo die Zitronen blüh’n, ist vielen bekannt. Dafür sorgten und sorgen heute noch die Reisebüros, Autounternehmungen und auch die Bahnverwaltungen. Das Land aber, das wir meinen, ist die nähere und weitere Umgebung unseres Wohnorts, die Landschaft. Viele, die in Mailand, an der Riviera, in Paris, in Wien und an andern Orten des Auslands gut Bescheid wissen, sind alt geworden, ohne die Schönheiten und die historischen Stätten ihrer Nachbarschaft kennengelernt zu haben.“

Unter dem Titel „Kennst Du das Land…?“ startete das Vorwort des ersten Bandes der ersten richtigen Wanderführer-Reihe für die Schweiz. Zwischen 1933 und 1948 erschienen 18 Bände des „Wanderatlas der Zürcher Illustrierten“, die mit Text und Karten, worauf die nummerierten Wegverläufe eingetragen sind, Landschaft und Sehenswürdigkeiten rund um Städte der Deutschschweiz und des Tessins vorstellten. Nicht weiter erstaunlich, dass das Gebiet rund um Zürich am besten abgedeckt wurde, mit Band 1 „Zürich-Südwest“ (1933), Band 7 „Winterthur Süd“ (1935), Band 10 „Zürich Nord-West“ (1937) und Band 15 „Zürich Ost“ (1946). Und die Wanderungen von Band 3 „Luzern Ost“ (1934), Band 6 „Olten – Aarau“ (1935), Band 8 „Schaffhausen“ (1936) und Band 14 „Zugerland“ (1938) gehören doch auch fast noch zum Züribiet, nöd?

Cover Rund um ZürichNun haben die gediegenen und mit ihrem grünen Leinenumschlag schön erkennbaren Wanderführer von einst einen Nachfolger gefunden, der die Runde um Zürich vor allem Richtung Süden noch weiter ausdehnt, zum Brienzer Rothorn, zur Gafallenlücke ob Andermatt und zum Sunnenhörnli im Glarner Sernftal. Im grünen Rother Wanderführer „Rund um Zürich“ stellt der im Berner Gürbetal lebende Journalist, Buchautor und Fotograf René P. Moor 53 Touren zwischen Schaffhausen und Gotthard vor. Die Auswahl umfasst gemütliche Kulturspaziergänge, rassige Gipfel- und Passtouren, mehrtägige Hüttentreks. Zu jeder Wanderung sind natürlich alle wichtigen Informationen zusammengestellt: genaue Routenbeschreibungen, Wanderkarten mit eingetragenem Routenverlauf, Höhenprofile, Einkehr- und Übernachtungstipps, An- und Rückseite mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wer ohne digitale Hilfe den Weg nimmer findet, kann die GPS-Daten downloaden. 149 Fotos machen gluschtig, das Raus-aus-der-Stadt und Rein-ins-Land (aber eben nicht Ausland!) sofort und immer wieder umzusetzen. Denn es gibt viel zu erleben in den 390 Stunden und auf den 1000 beschriebenen Kilometern.

Möge also der jüngste Führer von René P. Moor „in den Taschen recht vieler Wanderer über Berg und Tal getragen werden, dem Benützer als treuer Führer und Weggefährte.“

PS: Von der 18 Bänden des „Wanderatlas der Zürcher Illustrierten“ fehlt mir nur noch einer: Band 4 „Basel Süd-West“ (1934).

René P. Moor: Rund um Zürich. 53 Touren zwischen Schaffhausen und Gotthard. Rother Wanderbuch, München 2016, Fr. 21.90.

Über den Säntis

Warum steigt ihr auf Berge? Dann noch solche, auf die eine Seilbahn gerade Hunderte von Ausflüglern befördert? Gewiss nicht wegen der Aussicht.

23. August 2016

IMG_5439Irgendwann ist mir der Floh ins Ohr gesprungen: Zu Fuss auf den Säntis! Okay, im vergangenen Herbst sind wir von der Ebenalp hinaufgewandert, haben im Alten Säntis übernachtet und bewunderten vom Bett aus den Sonnenaufgang. Nun habe ich mir die Nordflanke vorgenommen, von der Schwägalp aus, erschreckend mächtig baut sich da der Berg auf vor einem, fast schon gar eine Eigernordwand, halt einfach Grashänge zwischen den Felsbändern statt Eisfelder, 1249 Höhenmeter. Ich bin an diesem kühlen schönen Spätsommermorgen nichtmal der Einzige, im Gegenteil. Wie ich da hinaufschaue sehe ich eine wahre Ameisenstrasse den Berg hochkrabbeln, hell klickern die Wanderstöcke durch den stillen Tag. Es geht ganz leicht, zu meinem Erstaunen, da ich letzthin nach einer Stunde Wanderung schon total erschöpft auf ein Bänklein sank. Doch irgendwie scheint der Berg zu rufen und ich überhole die ersten Wanderstöckler und dann weitere und bald wird’s zum Spiel. Überholen, «grüezi und merci», aber keinesfalls überholt werden. Die Blumenpracht in den Hängen, der Tiefblick aufs neue Hotel der Schwägalp und den weiten Parkplatz, die Kraxelstellen mit Drahtseilen und Eisendornen, alles wunderbar. Dass nebenan die Seilbahn Stöckelschuhtouristinnen und ihre Begleiter und Anhänge in die Höhe trägt, ist egal. Denn ich steige ja nicht für sie den Berg hoch, ich steige für mich, hier und jetzt und atme ganz leicht und nehme einen Schluck Züriwasser aus der Flasche. Es scheint, der Säntis habe einen Magnet eingebaut, der zieht. Auch die zwei Jungen, die mich ganz am Anfang rasend schnell überholt habe, überrannt beinahe, hole ich ein, und als sie beim Bergrestaurant Tierwies erschöpft auf die Terrasse sinken, tänzle ich vorbei und esse weiter oben nur einen Banane. Ja, vielleicht habe ich noch den Tango in den Beinen von gestern Abend und im Blut Traubenzucker wie jener 98-Jährige, der noch jede Woche auf die Rigi steigt, 800 Höhenmeter in 8 Stunden. Also gut, ich schaffe den Säntis in zweieinhalb.
Meine Tour ist übrigens auch eine Erinnerung an einen der grossen Bergsteiger der Ostschweiz, Seth Abderhalden, der am 20. November 1960 auf diesem Weg in einer Lawine ums Leben gekommen ist. Halte Ausschau ob da jemand vielleicht ein Täfelchen montiert hat, aber ich finde keines. Nur von einer Frau vernehme ich im Vorbeigehen, dass ein Bekannter im Winter hier heraufgestiegen sei, mit Pickel und Steigeisen, und da und dort sehe ich einen Bohrhaken, der offenbar den Winterbergsteigern als Sicherung dient. (Kurze Erinnerung an den Südwestpfeiler des Grossen Drusenturms, eine Route von Seth und Peter Diener, etwas vom Schrecklichsten, was ich je geklettert bin in meiner extremem Jugendzeit. Schwer und brüchig gefährlich und nur dank meinem furchtlosen genialen Kletterfreund Hansruedi habe ich die Tour überlebt.)
Leute kommen mir entgegen, die mit der Seilbahn hochgegondelt sind und nun auf dem Weg absteigen – auch das gibt es. Eine Frau fragt, ob man bestraft würde, wenn man ein Edelweiss pflückt. Ich kann sie beruhigen, aber sie hat ja gar keines. Dann eine Familie mit einem Kind, das mir nicht grösser vorkommt als meine Enkelin, die gerade Laufen gelernt hat.
Bei der Himmelsleiter, die ich vom vergangenen Herbst kenne, ist mir ein Paar mit Hund auf den Fersen, doch kann ich sie noch abhängen, denn die Eisenstufen und Stifte und Drahtseile findet der Hund offenbar gar nicht so himmlisch.
Dann sitze auf der Terrasse des Alten Säntis bei Kaffee und Apfelkuchen. Und hetze gleich weiter, ein rüstiger Rentner ohne Wanderstöcke (ja, das gibt’s noch, eher selten zwar), über den Lisengrat zum Rotsteinpass und hinab nach Unterwasser. Eher langweilig talaus, zur Abwechslung stürzen mir im Morast einer Alp ein paar Schwein entgegen, zum Schluss noch militärischer Marsch auf Asphalt. Dann ein kurzer Abstecher zu den Thurfällen, «der Quelle aller Dinge», wie der Toggenburger Schriftsteller Peter Weber schreibt, der hier im Rauschen des Wassers Inspiration empfangen hat. Der rasende Rentner allerdings, ein Eile, das Postauto noch zu erreichen, verzichtet auf Inspiration und Meditation und knipst nur ein paar Föteli.

Ein Lauf durch die Zeit

Der Schweizer Alpen-Club bezeichnet sich heute als Sportverband – noch vor wenigen Jahren ein Sakrileg, denn man strebte ja nicht nur in die Höhe sondern nach «Höherem». Und findet sich heute in den Niederungen vereint mit Fifa und IOC. Doch die Geschichte ist unerbittlich, wie das besprochene Buch darstellt. Bald wird wohl auch Ueli Steck nach einem Speed einem Dopingtest unterzogen.

18. August 2016

Cover Ein Lauf durch die Zeit„Sind Sie Spörtler?“
„Nein, ich bin Bergsteiger.“

Auf diese Kurzformal brachte der Luzerner Lehrer, Alpinist und Höhlenforscher Hugo Nünlist 1945 den Gegensatz zwischen Bergsteigen und Sport – einen Gegensatz allerdings nach der damaligen noch vorherrschenden Meinung des Schweizer Alpen-Club. Die Unterscheidung zwischen Bergsteigen und Sport geht auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück, als die Engländer planmässig die Gipfel der Alpen eroberten. Für sie waren die Berge „the Playground of Europe“, wie Leslie Stephen sein 1871 erstmals aufgelegtes Werk betitelte. Der Erstbesteiger des Biesch- und Schreckhorns schrieb: „climbing is a pleasure to me“. Sein Landsmann Albert Frederick Mummery sprach vom „mountaineering as unmixed play“. Und Edward Whymper, der Erstbesteiger des Matterhorns, schrieb im Vorwort seines Klassikers „Scrambles amongst the Alps“, diese seien „holiday excursions“ gewesen: „They are spoken of as sport, and nothing more.“

Bergsteigen = Sport? Und nicht mehr? Für viele SACler war das Bergsteigen mehr als Sport, wenn es denn überhaupt Sport war. Beispiel Carl Egger, Ehrenmitglied des SAC, in seinem Beitrag „Wandlungen der Bergsteigerpsyche 1863–1938“ im Jubiläumsband der SAC-Zeitschrift „Die Alpen“ zum 75jährigen Bestehen des Vereins: „Wo früher der angehende Bergsteiger sich langsam vom Leichten zum Schwierigeren einübte und vor gewissen Standardtouren ein Gefühl der Hochachtung aufbrachte, da beginnt heute der Anfänger ohne Respekt vor Gefahren und ohne Hemmungen gerade mit den berühmtesten Routen, erklärt sie für leicht und wenig interessant. Das Sensationsbedürfnis muss schon auf anderem Wege gestillt werden, und da kommt nun der moderne Klettersport mit dem Sichmessen an der Schwierigkeit, mit ihrer Graduierung und mit Überlisten von Überhängen mittels Flaschenzug und Mauerhaken wie gerufen – nur dass diese Art von Akrobatik nichts mehr mit Bergsteigen zu tun hat und ebensogut in einem Steinbruch oder an einer Hausfassade ausgeübt werden kann.“

Tempi passati zum Glück. Der damalige Zentralpräsident Frank-Urs Müller positionierte in einem Interview in den „Alpen“ im Jahre 2009 den Club ganz klar: „Wir sind primär ein Bergsportverband.“ Und so stört sich der SAC heute sicher auch nicht daran, dass im Buch „Ein Lauf durch die Zeit. Sportgeschichte – eine Einführung“ der Alpinismus auch mitmacht. Nicht an vorderster Stelle zwar, aber der Bergsport ist dabei, im Text und mit Bildern, so zum Beispiel mit demjenigen der fünf Alpinisten, die 1895 auf einem riesigen Gletschertisch des Rhonegletschers stehen bzw. hocken. Wie akrobatisch das Emporkommen auf den Felsen war, sieht man leider nicht…

Im Buch „Ein Lauf durch die Zeit“ geht es um Sport als kulturelles und historisches Phänomen, um Sport als Kult von Olympia bis zur Fankurve, um Ausgrenzung und Einbindung von Menschen durch Sport, um Sport und Politik, um Sport und Wirtschaft unter dem Titel „Vom Cheeseburger zum Sportmenü“. Die Einführung in die Sportgeschichte findet am Beispiel des Laufens statt – in den Minuten, in denen ich diesen Text schreibe, läuft die Schweizer Leichtathletin Selina Büchel an den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro über 800 Meter. In vier Jahren werden endlich auch die Bergsteiger an einer Olympiade teilnehmen dürfen: In Tokio 2020 steht erstmals Sportklettern auf dem Programm, neben Karate, Skateboarding, Surfen und Baseball/Softball. Das hat am 3. August 2016 das Internationale Olympischen Komitee bei seiner Sitzung in Rio bekannt gegeben.

Darauf wollen wir anstossen. Mit Robert Eggimann, der 1938 in der SAC-Zeitschrift festhielt: „Das moderne Bergsteigen – ein Cocktail in verschiedenen Farben, eine Mischung aus Ungleichem, weil man heute Bergsteigen mit Akrobatik vermischt und Klettern mit Fassadenklettern verwechselt, weil man eine Besteigung für einen Einbruchdiebstahl hält – das moderne Bergsteigen lässt uns dem Bergsteigen der Anfänge nachtrauern, dem gesunden Getränk, klar, natürlich und einfarbig, wie der reine und goldene Wein aus Aigle oder Yvorne.“

Thomas Notz, Dominique Fankhauser, Eric Jeisy, Walter Mengisen: Ein Lauf durch die Zeit. Sportgeschichte – eine Einführung. hep Verlag, Bern 2016, Fr. 42.-

Hüttenlesung

Auch SAC-Hütten feiern Geburtstage. Die Cadlimohütte zum Beispiel den hundertsten. Anlass für eine kleine Lesung zwischen Spaghetti und Dessert.

14. August 2016

20160813_081934Die Idee ist scheint’s in Finalborgo entstanden, wo das Hüttenwartpaar Christine und Heinz in der Spaghetteria am Nebentisch sass. Ich hab’s vergessen, aber einerlei. Ich bin da, den Aufstieg vom Ritomsee her geschafft zur Hütte, die ich ohne die Einladung zur Lesung wohl nie mit einem Besuch beehrt hätte. Warum auch? Die Frage haben sich wohl viele schon gestellt. Warum hat die Sektion Uto im Kriegsjahr 1916 an diesem Ort fern eines bedeutenden Gipfels eine Unterkunft gebaut? Selbst der Hüttenverwalter an unserem Tisch weiss keine Antwort. Aber nichts desto Trotz sei sie seit Anbeginn gut gelaufen und heutzutage, wo Bergwandern Trendsport geworden ist, ohnehin. Tessin ist Wanderland und diese Gneisgegend, wo ein wunderschöner See den andern ablöst, ist ein Wanderparadies – beliebt auch bei Bikern wie jenen, der sich verspätet hat und dann dankbar in der Hütte eine Matratze zum Schlafen findet. Natürlich nicht wie wir im Separée bzw. Winterraum oder Hundekammer, je nachdem. Zuerst muss ich natürlich den Aufenthalt abverdienen, vor dem Znacht und nach dem Hauptgang Geschichten vorlesen. Zum Glück gibt’s in der kürzlich sehr schön erweiterten Hütte zwei Räume, so können die Literatur-Uninteressierten und die zahlreichen Kinder weiter spielen und jassen und schwatzen, während ich die Alpin-Literatur-Interessierten in geschlossener Gesellschaft unterhalte. Es ist bei so Hüttenlesungen ja immer alles ein bisschen ad-hoc, auch die Einführung des Autors beschränkt sich meist wie hier auf: «Du stellst dich doch selber vor, gell. Ich muss jetzt halt leider wieder in die Küche.»
Na ja, so verpasst halt der Hüttenwart, der direkt unter dem Grossen Mythen aufgewachsen ist, schliesslich auch meine Hommage an die Mythen und seine Nussgipfel. Wie bei Hüttenlesung so oft komme ich mir wie der Hase in der Fabel vor, denn es heisst: «Franz Hohler war auch schon da.» So gebe ich mir denn redlich Mühe, auch mit dem Zwei am Rücken eine anständige Figur zu machen. Oh, da kauft sogar jemand ein Buch und dann erst noch ein prominenter Hüttengast: Vasco Pedrina, als Co-Präsident der Unia ehemals «mächtigster Gewerkschafter der Schweiz». Mit seiner Frau ist er zum ersten Mal von seinem Heimatort Airolo hier heraufgestiegen, auf Rat seines Nonnos hin «nur bei stabilem Wetter, da man sich sonst im Nebel schön verirren könnte».

20160813_101358Nun, das Wetter ist stabil, die Hütte voll, die Stimmung gut. Mit Vasco tausche ich ein paar Remineszenzen aus meiner Gewerkschaftszeit aus und auch für ihn habe ich noch einen Tessin-Text als Hommage auf Lager.
Auch sonst lernen wir sehr nette und tüchtige Wanderer und Wanderfrauen kennen, mit denen wir uns prächtig unterhalten und am nächsten Tag zusammen zum Lukmanier wandern können. Also durch Gegenden, in die wir sonst nie verirrt hätten. Unsere neuen Freunde ziehen weiter, wir dagegen besteigen das Postauto, erhitzt und glücklich über zwei feine Tage in den Tessiner Bergen. Als Erinnerung kommt auch noch ein dickes Stück Käse vom Kiosk mit.

Balades dans les gorges de Suisse romande

Dass zwischen der deutschen und der welschen Schweiz eine tiefe Schlucht klafft, wissen wir alle: der Röstigraben! Nun gibt’s aber auch noch weitere interessante Gräben bzw. Gorges zu entdecken im Welschland, mindestens 19 wie der vorliegende Wanderführer zeigt. Hat man sie alle abgewandert, so stellt man vielleicht fest: der 20. ist wie durch ein Wunder verschwunden. Rösti gibt’s überall.

8. August 2016

Cover Balades dans les gorges„Dann kömmt man an die Pissevache. Der Bach derselben heisst Salanche, und fällt zwischen 2-3000 Fuss hoch; er gehört zu den schönsten Wasserfällen der Schweitz. Vormittags steht er so im Sonnenlicht, dass die prächtigsten Regenbögen sich bilden; von beyden Seiten kann man den Steinhügel hinansteigen, und sich ihm nahe stellen. Auf der östlichen Seite ist der Anblick schöner als auf der westlichen.“

Diese Empfehlung gab Johann Gottfried Ebel 1793 in seiner „Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art in der Schweitz zu reisen“. Der Ebel war er erste richtige und immer wieder aufgelegte, auch ins Französische und Englische übersetzte Reiseführer der Schweiz. Der Pissevache-Fall bei Martigny zählte damals trotz – oder vielleicht auch wegen seines Names: Kuhpissfall tönt ja noch immer leicht anrüchig – zu den Top-Sehenswürdigkeiten der Schweiz. Diesen Rang hat ihm der von Goethe besungene Staubbachfall bei Lauterbrunnen oder der Reichenbachfall bei Meiringen, wo Conan Doyle seinen Sherlock Holmes in die feuchte Tiefe fallen liess, längst abgelaufen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil der Salanfe-Stausee heute einen Teil des Wassers zurückhält – an seinem sicheren Strom verdient man besser als an dem unsicheren der Touristen.

Aber die Salanfe können wir immer noch hautnah erleben, etwas weiter oben, in der Dailley-Schlucht, wo der Bach zwischen Granitwänden in die Tiefe stürzt, hinter dem eingeklemmten Block hindurch. Eine eindrückliche Szenerie, die man 1895 erstmals den Touristen erschlossen hat. 100 Jahre später erneuerten freiwillige Arbeiter den Schluchtweg vollständig und verlängerten ihn noch gegen unten: So hält der schöne Schauder, den wir beim Begehen der Treppen empfinden, länger an.

Im Vallée du Trient gibt es noch drei andere Schluchten, deren Wege alle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet wurden, damit die Touristen in die wilde Natur regelrecht eintauchen konnten. Schluchtwandern war damals in, und ist es auch heute wieder. In der extremen Form des Canyoning, und in der sanften Form mit den Treppen und Stegen, die in abenteuerlichen Konstruktionen in senkrechte Felsspalten gebaut wurden. Auch die Anlagen der Gorges du Triège und der Gorges mysterieuses sind renoviert worden, und so können wir wieder genussvoll durch Naturschönheiten reisen, die uns ohne menschliche Eingriffe verborgen blieben.

Die touristische Aufbereitung des Gebirges durch den Bau spektakulärer Wege durch eigentlich unzugängliches Gelände zwecks emotioneller Unterhaltung der Reisenden und finanzieller Unterstützung der Bereisten: Da stellt sich die Frage, wie weit diese Aufbereitung gehen darf – gerade heute, wo der Bau immer aufwändigerer Hängebrücken vor allem bei Seilbahnstation schwer im Trend ist. Da hatten es die Schluchtwege-Erbauer einst einfacher: Ihre Konstruktionen hingen nicht aussen am Berg, sondern drinnen.

Nun ist ein Führer erschienen, der 19 Schluchtwege der Romandie beschreibt, von der Taubenloch-Schlucht bei Biel-Bienne durch die Poëta-Raisse im Val de Travers und die Gottéron-Schlucht bei Fribourg bis zum Paradis des gorges rund um Martigny und zur Dala-Schlucht bei Loèche-les-Bains. Zu jeder der Schluchten gibt es ein paar Zeilen Geschichte und Geografie, dann eine genaue Wanderbeschreibung sowie praktische Informationen, zum Beispiel, ob man baden kann oder ob der Weg auch kinderwagentauglich ist (Poussettes: oui en version tout-terrain). Eine Karte und zahlreiche eindrückliche Farbfotos illustrieren den Führer von Stefan Ansermet. Und wann ist die beste Zeit für die Balades dans les gorges? An einem heissen Sommertag natürlich, wenn das Sonnenlicht die Wasserfälle in den kühlen Schluchten zum Leuchten bringt.

Stefan Ansermet: Balades dans les gorges de Suisse romande. Éditions Favre, Lausanne 2016, Fr. 28.-

Ein schöner Sonntatg

Heute einmal nicht in den Bergen, sondern auf dem Velo im flachen Land. Mit schweren Gedanken im Gepäck.

7. August 2016

Vater_MutterMit dem Velo fahren wir über Land, Kirchglocken klingen, der Himmel wolkenlos, die Berge blau und fern. Wie wir so dahingleiten und die Gedanken dahintreiben, fällt mir ein ebenso schöner und friedlicher Sonntagmorgen ein, und ich rechne und es ist fast auf den Tag genau 65 Jahre seither. Sommer, Sonne, die Berge im Blau. Auch meine Mutter stieg damals aufs Velo, die Kirchglocken klangen, sie musste sich beeilen um rechtzeitig zum Gottesdienst ins Nachbardorf zu kommen. Ich konnte nicht mitfahren, wie so oft hinten auf dem Gepäckträger, ich musste oder durfte zur Sonntagschule ins Dorf.
Meine Mutter war eine tüchtige Bergwanderin, eine starke Bergbauerntochter, eine tüchtig Fabrikarbeiterin. Ich erinnere mich an gemeinsame Wanderungen auf die Chrüzegg oder im Glarnerland auf Mettmen und zu Verwandten auf die Braunwaldalp. Ein bisschen übermütig sei sie manchmal gewesen, sagte mein Vater, er habe sie einmal im Durnachtal aus den Felsen herunterholen müssen. Sie habe einfach gerade hinuntergewollt, obwohl er wusste, dass da kein Weg war. Ein schönes Foto zeigt die beiden auf einer Bergwanderung zur Claridenhütte mit Stöcken und groben Schuhen und meine Mutter in einem fast eleganten Kleid mit Jäcklein und Rock. Was für eine schöne junge Frau sie doch war. Als Kind ist man sich das gar nicht bewusst.
Nun also, an jenem schönen Sonntag hatten wir keine Wanderung vor, Vater war in Frankreich in den Ferien. Es war übrigens der 29. Juli, der Tag, an dem Hugo Koblet als Sieger der Tour de France mit grossem Vorsprung in Paris einfuhr. Ein historischer Velotag also.
Meine Mutter stieg auf ihr neues Velo, das keinen Rücktritt mehr hatte, wie das alte, sondern Übersetzungen. Sie fuhr hinab ins Dorf und an der Einmündung zur Landstrasse krachte sie in ein grosses schwarzes Auto, das in gemächlichem Tempo daherfuhr, am Steuer ein Bäckermeister und neben ihm seine Geliebte. Sie hatte wohl mit dem Rücktritt bremsen wollen, vermutete man später, sei sich noch nicht ans neue Velo gewöhnt gewesen.
Nun, diese Geschichte habe ich so oft schon erzählt, sie füllt ein ganzes Buch (Lebensgefährlich verletzt). Heute an diesem schönen Sonntag ist es wahrscheinlich genau 65 Jahre her seit der Beerdigung meiner Mutter.

Eiskalte Bücher

Eis schmilzt, und irgendwann in nicht allzuferner Zukunft wird auch die letzte Gletscherleiche ans Tageslicht gekommen sein und der eisige Schmuck der Alpen, das Reservoir des kostbaren Nass nur noch Erinnerung – in Büchern vielleicht wie den vorgestellten. Sofern Bibliotheken den Klimawandel und all die andern Katastrophen der modernen Welt überdauern.

2. August 2016

„Eine Eisregion von gewaltiger Ausdehnung, ergreifender Erhabenheit umgibt hier den Wanderer. Er glaubt sich in Mitte einer erstarrten, buchtenreichen See versetzt, so topfeben öffnen sich allerwärts die Thäler.“

Der St. Galler Johann Jakob Weilenmann war nicht der Erste, als er Mitte August 1859 den Konkordiaplatz betrat, das bis zu 900 Meter dicke Herzstück des Aletschgletschers. Aber wahrscheinlich war er einer der ersten Alpinisten, der diese gewaltige Eisregion ganz allein durchstreifte. In Gletscherstafel im Lötschental hinten war er gestartet und erreichte nach fünf Stunden Aufstieg die Lötschenlücke, wo er das Reich des Aletschgletschers betrat. Wo er „etwas Wurst und Brod“ ass, „einige Tropfen Kirschwasser und Zucker“ zu sich nahm. Und dann durch die grösste Gletscherwelt der Alpen wanderte, über verschneite Gletscherspalten hinweg und an offen liegenden vorbei zum Märjelensee hinab, wo er einen englischen Forscher traf, der die Bewegungen des Gletscher vermass.

Cover AletschEin paar Jahrzehnte später besuchte ein anderer Forscher den Aletschgletscher, untersuchte ihn aber nicht mit „Messtisch, Beil, Stricke, Pfähle“, sondern mit der Kamera. Und mit seinem Stift, den er so geschickt und anschaulich zu führen weiss wie weiland der Johann Jakob. Er heisst Marco Volken, ist ein Urahne von Alois Volken, dem Erstbesteiger der Jungfrau (1811) und des Finsteraarhorns (1812). Sein jüngstes Werk, das er am 4. August 2016 in Naters bei Brig vorstellt, wird so Bestand haben wie die beiden Bände „Berg- und Gletscherfahrten in den Hochalpen der Schweiz“, die Gottlieb Studer, Melchior Ulrich und Weilenmann 1859 und 1863 herausgaben und teilweise selbst schrieben; die „Streifereien in den Berner- und Walliser Alpen“ mit der Tour über den Aletschgletscher finden sich im zweiten Band.

Marco Volken präsentiert bekannte und vor allem unbekannte Geschichten rund um das grosse Eis, über seine kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung, von seiner Entdeckung und Erschliessung, vom Tourismus und der Bergsteigerei. Die atemberaubenden Aufnahmen lassen anklingen, wie grandios und zugleich schutzbedürftig dieses Naturwunder ist. Ein grossartiges Bilder-, Lese- und Nachschlagbuch zum grössten Gletscher der Alpen, mit dem Querformat von 27 x 21 cm wahrscheinlich etwas zu sperrig für den Rucksack, jedoch passend für jeden Haushalt, in dem es (noch) Bücher gibt.

Cover Welten aus EisIn meiner Bibliothek stehen über 30 Bildbandführer aus dem AT Verlag. Jetzt ist einer der schönsten, zugleich leider auch vergänglichsten Bände hinzugekommen: die „Wanderungen zu den eindrücklichsten Gletscherlandschaften der Schweiz“ von Caroline Fink. Grund für die Wehmut, die das Buch durchweht: Der Titel „Welten aus Eis“ dürfte in naher Zukunft abgeschmolzen sein, wenn die Klimaerwärmung so weiter ansteigt wie bisher. Aber noch können Aletsch- und Gornergletscher, Glacier de la Plaine Morte, Vadret da Morteratsch und Ghiacciaio del Basòdino bewundert und mit der nötigen Vorsicht auch betreten werden. Wie und wo man das am besten macht, was man wissen sollte über das scheinbar ewige Schweizer Eis: All das steht cool geschildert und fotografiert in diesem Buch, angereichert durch Berichte zu Glaziologie, Eiszeit, Gletschersagen und zur Archäologie am abschmelzenden Eis.

Cover GletschereisGenau darum geht es in zwei weiteren Publikationen. Im Zentrum von „400 Jahre im Gletschereis“ stehen der Theodulpass (3295 m) zwischen dem schweizerischen Zermatt und dem italienischen Breuil-Cervinia – und der sogenannte „Söldner“, ein um 1600 dort oben verunglückter und viel später im Eis gefundener Mann, dessen Waffenbesitz Anlass zu Spekulationen gibt. Seit dem Ende der Kleinen Eiszeit Mitte des 19. Jahrhunderts gibt der sich zurückziehende Theodulgletscher archäologische Schätze frei, kostbare Zeugen vergangener Passbegehungen. Zu den Funden gehören unter anderem römische Münzen und Maultierknochen, aber auch Kleiderreste und ein Rasiermesser mit einem Griffschale aus Kuhhorn. Gletscherschwund sei Dank.

Cover SchnidejochWegen des Rückzuges der Gletscher wurde die Route über das Schnidejoch im 21. Jahrhundert auch für Wanderer, die nicht den Übermut eines Weilenmanns besitzen, wieder begehbar. Und damit kamen Fundsachen zu Tage, die beweisen, dass dieser Weg schon vor rund 5000 Jahren begangen wurde. Man fand unter anderem ein Köcherfragment, Pfeile aus Holz, Reste von Lederschuhen, zudem aus der Römerzeit eine Fibel. Dass die Römer das Schnidejoch als direkte Verbindung zwischen der Thunersee-Region und dem Wallis benutzten, hatte man schon lange gewusst, da im Iffigsee die Grundmauern einer Herberge gefunden worden waren. Aber dass die Zeitgenossen von Ötzi am Schnidejoch Gegenstände liegen liessen, zeigt einmal mehr, dass die Alpen schon in vorgeschichtlicher Zeit erwandert wurden. Dazu gehört auch der Lötschenpass. Nun hat Albert Hafner, Professor für prähistorische Archäologie an der Universität Bern, mit seinen Mitautoren die Funde und die Arbeit an beiden Pässen minutiös in zwei A4-grossen Bänden mit insgesamt 524 Seiten und 416 Abbildungen erfasst.

Auf so viel Arbeit mit dem Eis wollen wir anstossen. Denn, um nochmals Weilenmann zu zitieren, als ihn der überraschte englische Gletscherforscher dazu aufforderte: „Einen Schluck Wein schlägt man nie aus.“

Marco Volken: Aletsch. Der grösste Gletscher der Alpen. AS Verlag, Zürich 2016, Fr. 68.- www.as-verlag.ch

Caroline Fink: Welten aus Eis. Wanderungen zu den eindrücklichsten Gletscherlandschaften der Schweiz. AT Verlag, Aarau 2016. Fr. 49.90, www.at-verlag.ch

Sophie Providoli, Philippe Curdy, Patrick Elsig (Hrsg.): 400 Jahre im Gletschereis. Der Theodulpass bei Zermatt und sein „Söldner“. Hier + Jetzt Verlag, Baden 2015. Reihe des Geschichtsmuseums Wallis, Band 13, Fr. 39.-, www.hierundjetzt.ch

Albert Hafner: Schnidejoch und Lötschenpass. Archäologische Forschungen in den Berner Alpen / Schnidejoch et Lötschenpass. Investigations archéologiques dans les Alpes bernoises. Bern 2015, 2 Bde. Fr. 68.– Zu beziehen beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern, adb@erz.be.ch. www.be.ch/archaeologie

Buchvernissage „Aletsch“: Donnerstag, 4. August 2016, 18.30 im World Nature Forum an der Bahnhofsstrasse 9a in Naters bei Brig (ein paar Schritte nördlich des Bahnhofs Brig und der Rotten).

An der Betonwand

Was tun an einem schönen Sommertag, wenn Kletterpartner fehlen? Wenn die blauen Berge locken und die Sehnsucht einen fast verzehrt?

28. Juli 2016

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Es ist zum Verzweifeln. Ein perfekter wolkenloser Tag nach dem andern, beliebig freie Zeit, doch niemand, der mit einem in die Berge oder an die Felsen käme. Die Jungen sind bestimmt auf grossen Routen unterwegs – sie anzurufen getraut sich der Alte ohnehin nicht – die Altersgenossen verbringen diese Wochen im Ferienhaus mit den Enkeln, vermutet man. Ein Mail schicken? Aufs Handy anrufen? Ich hab’s ja ein paar Mal versucht, irgendwann gibt man auf.
Gegen Abend wird der Leidensdruck zu gross, ich packe Kletterschuhe in einen Migrossack und mache mich auf zur Uni Irchel. Unterwegs stoppt ein Elektrobike neben mir, ein Bekannter, braun gebrannt, schwärmt vom Matterhorn, das er gestern mit Bergführer überschritten hat. Zmutt auf, Hörnli ab, er nennt fantastisch kurze Zeiten, die ich gleich wieder vergesse. So wie ich das Matterhorn vergessen habe. Schon lange. Seit dem schrecklichen Unfall damals …
«Tschau und machs guet …»
Die Betonwand beim Sportzentrum liegt im Schatten, tatsächlich trainiert da ein Junger mit Kraushaar. Kurzer Blick. Ich ziehe die Kletterschuhe an. Die Wand ist knifflig, winzige Griffe und Tritte. Der rohe Beton fühlt sich an wie kleinkörnige Nagelfluh. Risse, Leisten, Schuppen, Überhänge, alles ist da. Geht ganz schön in die Finger, ist auch bestes Training fürs Stehen auf fast nichts und fürs Gleichgewicht. Es gibt auch grosse Griffe für Anfänger (oder wenn’s nicht anders geht), da klettert jetzt eine junge Frau in Turnschuhen ganz hinauf. Also ich würde das nicht unbedingt wagen, die Wand ist zu hoch für einen Sturz. Der Kraushaarige ermutigt sie. Dann verbeisst er sich wieder in eine Kombination aus winzigen Griffchen im überhängenden Teil, putzt sie mit der Zahnbürste. Versucht wieder und wieder. Er bietet mir Magnesia an. Ich schaue mir mal sein Problem an, keine Chance, die Griffchen zu halten.
Trotzdem sagt er: «Du hast sicher schon viele Klassiker geklettert.»
Vielleicht ist das ja ein Lob. Er kommt aus Dresden, ein Elbsandsteinfreak. Klettert auch im Bockmattli, im Jura, auf der Galerie. Hat leider nicht gerade viel Zeit, Prüfungen.
«Bockmattli, war mal mein Gebiet», sage ich.
«Hast du den Supertramp geklettert?»
«Vor vielen Jahren.»
«Donnerwetter!»
«Ich war dort mit einem super Kletterer. Hätte nicht alles vorgestiegen.»
Stimmt nicht ganz. Ich bin wohl gar nichts oder vielleicht eine leichtere Seillänge vorgestiegen.
Ich weiss nicht, ob ich wieder mal mit meinem Alter kokettiert habe, obwohl ich mir das ja abgewöhnen will. Jedenfalls schätzt mich der Junge auf fünfzig, vielleicht ein bisschen darüber … Mein wahres Alter glaubt er nicht.
«Du kannst ja mal googeln. Gib einfach Emil, Kletterer, Zürich ein. Dann findest du mich.»
Ob er es gemacht hat, weiss ich nicht. Jedenfalls packe ich zufrieden meine Schuhe ein und fahre nach Hause. Fast ein bisschen beglückt. Wie wenig braucht es doch.
Doch heute bin ich wieder verzweifelt. Strahlender Tag und gar nicht mehr so heiss. Eigentlich perfekt für die Galerie im Morgenschatten, dann hinab an den See zum Baden. Ich sitze am Computer, die Storen heruntergelassen, schreibe. Schon als junger Mensch habe ich geschrieben, wenn ich nicht klettern konnte. Aus Verzweiflung, Sehnsucht, was immer auch. Man sagt doch, im Alter kehre man wieder zurück in die Jugend und Kindheit. So ist es wohl. Auf die Betonwand verzichte ich heute.

Bild vom Internet.

Ex Libris delle Montagne

Diese Buch- und Ausstellungsbesprechung ist auch ein Lehrtext. Was ist ein Ex Libris? Ein Verlag, der früher auch mal Schweizer Literatur herausgab? Ein Unternehmen der Migros-Gruppe? Eine Firma, die Bücher schreddert? Bitte lesen Sie weiter und erfahren Sie das Geheimnis des lateinischen Begriffs. Und noch viel mehr.

25. Juli 2016

„Uno spazio di libertà in pochi centimetri quadrati.“
Cover Ex Libris
So nennt der italienische Sammler und Buchantiquar Gastone Mingardi die Ex Libris, also jene nur Quadratzentimeter kleinen Kunstwerke aus Papier, die vorne in ein Buch geklebt werden, um damit zu markieren und zu zeigen, wem es gehört. Einer Privatperson, einem Verein, einem Hotel oder Hütte, auch einer Bibliothek. Solche Buchbesitzpapiere wurden erstmals in Deutschland im 15. Jahrhundert verwendet; sie erfreuten sich vor allem im 19. und 20. Jahrhundert grosser Beliebtheit. Zu meiner Taufe erhielt ich mein Ex Libris, 4,5 x 5,5 cm gross, gestaltet von Grossonkel Hans Schreyer, Graphiker und Bergsteiger. Aber er wählte kein alpines Sujet, sondern ein maritimes: meine Initialen geformt aus einer weissen Leine, die mit einem weissen Anker auf blauem Grund verbunden ist.

Auch wenn Signor Mingardi mein Ex Libris gekannt hätte, wäre es nicht in seine Sammlung aufgenommen worden. Denn er sammelte nur gebirgige Sujets. Und eine Leine, ein Seil macht ja noch keinen Berg. Doch wenn ein solcher zu sehen, ja gar nur zu erahnen ist, zum Beispiel als Hintergrund für eine nackte Frau – wie beim Ex Libris von Eduard Rüfenacht von 1903, gemalt vom berühmten Berner Plakatmaler Emil Cardinaux –, dann fand eine solche Zeichnung natürlich Gefallen.

Nun hat Gastone Mingardi seine Sammlung dem Museo Nazionale della Montagna „Duca degli Abruzzi“ di Torino vermacht, wohin sie perfekt passt. Denn ein Spezialgebiet des Alpinmuseums von Turin sind alpine Erscheinungen auf Druckzeugnissen: Plakate, Titelbilder von Zeitschriften, Reklamemarken, Albums, Prospekte, Kofferkleber, Fruchtpapiere, Etiketten, Verpackungen, Speisekarten, Kalenderblätter, Aktien, Banknoten, Kreditkarten etc. Und eben Ex Libris. Dazu gibt es jetzt eine Ausstellung und einen Katalog aus der Reihe „Raccolte di documentazione del Museo Nazionale della Montagna“. Das Buch umfasst 264 Seiten und 546 Ex Libris von 1593 bis heute (sie werden hinten genau beschrieben), enthält schlaue Texte auf Italienisch und Englisch, ein Künstlerverzeichnis und eine Bibliographie.

Beim Anschauen wird wieder einmal offenbar, wie ungemein vielfältig Alpines dargestellt wird, gerade auch auf diesen kleinen Abbildungen, für die der Künstler offenbar noch mehr Freiheiten geniessen konnte als sonst. Welcher Gipfel, wenn ein erkennbarer gewählt wurde, am meisten zu sehen ist, dürfte klar sein: das Matterhorn. Erstaunlich allerdings, dass das Bucheignerzeichen von Antonio Carrel, bekannter Bergführer von Breuil-Cervinia, nicht die italienische Seite zeigt, sondern diejenige von Zermatt. Passender dasjenige von Emilio Comici: die Nordwand der Grossen Zinne, die er 1933 erstmals durchstieg. Besonders gelungen, und deshalb auch als Sujet für Buchumschlag und Ausstellungsplakat gewählt: Hans Dotzler sitzend auf einem Berg von Büchern. Und was steht auf dem ersten Ex Libris von Reinhold Messner von 1979? „Più in alto, più in libero.“

Ex Libris delle Montagne. Incisori di vette. A cura di Aldo Audisio e Laura Gallo. Raccolte di documentazione del Museo Nazionale della Montagna. Priuli & Verlucca, Ivrea 2016, Euro 37.50

Ex Libris delle Montagne. Incisori di vette. Ausstellung im Museo Nazionale della Montagna „Duca degli Abruzzi“ in Turin vom 1. Juli bis 27. November 2016. www.museomontagna.org

Am heissesten Tag des Julis

An einem sehr warmen Sommertag früh nachmittags einen endlos erscheinenden Südhang aufzusteigen, zeugt nicht von alpinistischem Spürsinn für die Routenwahl. Lässt man sich ablenken, kann es einem doch passieren, und dass es auch dann den Betroffenen kein Schaden ist, davon soll hier berichtet werden.

23. Juli 2016

Tersol_AnstiegAm heissesten Tag des Julis, früh morgens, fuhren vier Geologen, die auch schon alpinistisch tätig waren, mit dem ersten Postauto nach Vättis, tief drinnen im Bauch der Alpen. Von dort wollten sie hinaus und weit hinauf bis auf den Pizol.

Durch die Schatten der Wälder in der Taltiefe des Gebirges gelangten sie zum Gigerwald wo der Pfad nach Norden in die Schluchten abzweigt. Überall und rund herum waren nun Felswände und Steine, bunt, gefaltet und übereinander geschoben. Die Geologen vergassen darüber das Alpinistische und diskutierten. Oder philosophierten sie? Jedenfalls redeten sie in einem fort, kaum dass dazwischen, wie zufällig, ein Schritt in die Höhe fiel. Das ging so lange bis die Sonne und mit ihr die Hitze auf einmal um die Ecke kam und selbst in der tiefen Schlucht den letzten Schatten tilgte. Als die Vier kurz darauf an den Beginn des langen Hochtales Tersol kamen, war es bereits Mittag und sie hielten Rast. Ganz hinten, hinter ansteigenden Schuttwüsten zeigte sich das Gipfelziel, noch in weiter Ferne.

Nach der Mittagspause folgte kein Schläfchen im Schatten, sondern es folgten tausend Höhenmeter. Jeder stieg sie für sich allein, in seinem Tempo und in schweissgebadete Meditation versunken, kaum ein Wort fiel mehr. Keiner war mehr Geologe, denn die Steine unter jedem Schritt waren allen gleichgültig geworden, waren nichts als vor den Schuhspitzen auftauchende, endlos ansteigende Milliardenschaften. Höher oben ging es über Schnee, durch einen Hohlspiegel, dessen Brennpunkt man nicht entrinnt und in dem es vollständig still ist. Windstill, lautstill, schattenstill. Erst Stunden später erwachten sie wieder aus dieser Meditation. Im leichten Lüftchen, das am Gipfel wehte, trocknete der Schweiss und es kehrten die Worte nach und nach zurück. Vom Panorama aufgemuntert, erzählten sich die Vier nun von den durchstiegenen Routen und bestiegenen oder noch zu besteigenden Gipfeln im weiten Rund. Dann wurde den späten, aus dem Bauch des Gebirges herauf wiedergeborenen Alpinisten bewusst, wie weit sie noch hinab mussten.

Pizol_AussichtIm Firn der den Gletscherrest auf der Nordseite bedeckte, waren zahllose Spuren zu sehen, die von jenen zeugten, welche bereits den ganzen Tag über Alpinisten gewesen, und die um diese Zeit aus der Höhe längst verschwunden waren. Unter ihnen muss es laut gewesen sein, ein Grüssen alle fünf Minuten, ein Jahrmarkt der Bergsteigerei, der sich vor kurzem erst verlaufen hatte. Auch die Nachzügler erreichten irgendwann noch, über Firn gleitend, über Blöcke springend, durch Pfadkurven rennend die Taltiefen wieder in denen der Tag selbst in der frühen Nacht noch glühte.