ClimbLed – Klettern digital

Im Verdrängungswettbewerb der Kletterhallen sind neue Ideen gefragt. Eine davon ist die elektronische Steuerung des Schwierigkeitsgrades an der Kunstwand. Die Halle «Griffig» in Uster hat die Nase vorn – wir haben geschnuppert.

18. Dezember 2014

IMG_4304Hier hat meine Kletterkarriere begonnen, vor über 50 Jahren. Uster sah damals noch bescheiden aus, machte noch nicht auf Grossstadt. Vom Bahnhöfli die Bahnhofstrasse hinab und dem Fabrikkanal entlang zum Zellweger, das war mein täglicher Weg. Es gab aber damals schon eine Gruppe von wilden Kletterern, denen ich mich anschliessen durfte, so genannt Extremen, und beim Zellweger lernte ich Elektronik. Und nun gibt’s die Kletterhalle, die beides verbindet: Klettern und High-Tech. Ein grauer Klotz draussen im Niemandsland zwischen Spital, Autobahn und Sportplätzen. Eine weite helle Halle, saubere Garderoben, Café, Kinderecke, schöne Routenauswahl und an diesem Mittwochnachmittag mässig belebt.
IMG_4303Und da gibt’s nun eben ClimbLed, eine Wand mit schwarzen Griffen, die mit roten oder grünen Leuchtdioden bestückt sind. An einem Touchscreen kann die Schwierigkeit eingestellt werden, von 5c bis 7a+, und entsprechend leuchten die erlaubten Griffe auf. Es drängt sich gerade eine Gruppe der iPhone-Generation zu den zwei Routen, die elektronisch gesteuerte Kletterwand macht den Jungs und Mädels offenbar Spass. Vielleicht ist das ja die Zukunft: eine ganze Halle so bestückt, würde bestimmt Kosten sparen, das personalintensive Um- und Neuschrauben von Routen würde wegfallen. Auch müsste man nicht mehr anstehen, bis eine Route im gewünschten Grad frei ist, denn wo immer ich anpacke, die Schwierigkeit entspricht exakt meinen individuellen Möglichkeiten und Trainingswünschen. Die Testanlage – so wird ClimbLed offenbar verstanden – ist wohl nur der der erste Schritt der Automatisierung und Digitalisierung des Kunstkletterns. Zukünftig wird selbstverständlich gespeichert, wer welche Route geschafft hat – Sensoren stellen fest, wenn ich einen unerlaubten Griff berühre. Google klettert mit.
IMG_4310Mit Schrittmotorantrieb können sich zukünftig die Griffe auch drehen und so den Grad feintunen. Spätere Technologien werden auch beliebige Strukturen aus einer künstlichen Wand wachsen lassen, ich stelle mir eine Art ultraschnellen 3-D-Drucker vor. Und nicht genug: Ganze Klettergebiete oder jedenfalls Vierstern-Routen lassen sich quasi per Copy-Paste 1:1 abbilden. Heute ist Galerie angesagt, morgen Schillingsflue. Der reale Fels, so ahnen wir, wird allmählich überflüssig. Per Knopfdruck, bzw. Fingertip auf den Touchscreen, ist augenblicklich alles da, wozu real eine lange Anreise und ein mühsamer Zustieg erforderlich ist. Ein Eldorado des Klettersportes also steht in Aussicht. Vielleicht gibt’s dann doch noch ein paar Ewiggestrige, die sich ins reale «Eldorado» am Grimselsee bemühen und dabei ihren ökologischen Fussabdruck strapazieren. Aber vielleicht gibt’s dannzumal dort ja auch ein Steuerpult am Fuss der Wand und eine Reihe von Leuchtdioden bis zum Gipfel.

Miss Jemima

Wahrscheinlich trug sie knöchellange Röcke, die legendäre Jemima Morrell, auf der ebenso legendären ersten organisierten Schweizerreise des noch legendäreren Thomas Cook. Sowohl im Originaltext wie auch auf ihren Spuren oder beides mit Vergnügen folgen kann, wer den Vorschlägen unseres Rezensenten folgt.

9. Dezember 2014

Cover Jemima„Nach dem Frühstück begaben wir uns erneut in die Obhut eines Bergführers, von dessen deutscher Sprache wir wenig verstanden, der sich aber dennoch gut um die Damen zu kümmern wusste, als sie den unteren und gröβeren (er erstreckt sich über 300 Quadratkilometer) Gletscher erkundeten. Die erste Stunde stiegen wir durch Heufelder und vereinzelte Tannenplanzungen auf, dann nahmen wir einen schmalen Pfad, der in die Wand des Mättenbergs gehauen war. Die heiβe Sonne zeigte keine Gnade und tat ihr Bestes, uns zerschmelzen zu lassen, wenn sie schon den Gletscher nicht bezwingen konnte.“

Seit Jemima Morrell (1832-1909) mit ihren Reisegefährten am 7. Juli 1863 den Unteren Grindelwaldgletscher besucht hat, ist das scheinbar ewige Eis schon tüchtig abgeschmolzen. Was aber der Lektüre von Miss Jemimas Journal überhaupt keinen Abbruch tut. Eine so erfrischende, pointierte und manchmal auch bissige Lektüre habe ich in diesem Jahr selten gelesen. Ein weiteres Beispiel, diesmal vom 27. Juni 1863 beim nächtlichen Bezug des Hotels in Genf, nach der Anreise von Paris (mit Frühstück um fünf Uhr morgens): „Wir bewältigten die 140 Stufen zu unseren Zimmer und löschten froh Licht und Gedanken für die Nacht.“

Am 26. Juni 1863 war eine ungewöhnliche Reisegruppe aus sieben jungen Männern und Frauen, die sich in London zum Junior United Alpine Club zusammengeschlossen hatten, zu einer von Thomas Cook organisierten Tour durch die Schweiz gestartet. Newhaven, Paris, Genf, Chamonix (das zählte man damals grosszügig noch zu den Schweizer Alpen), Wallis, Gemmi, Interlaken, Kleine Scheidegg, Rigi, Luzern, Olten, Neuchâtel und wieder Paris und Newhaven  waren die Stationen der dreiwöchigen, abenteuerlichen Pauschalreise mit Maultieren und Postkutschen, zu Fuss, mit der Eisenbahn und dem Dampfschiff. Die 31-jährige Jemima Morrell führte über diese „First Conducted Tour of Switzerland“ ein Tagebuch, das im Frühling 2014 zum ersten Mal auf Deutsch erschien, nachdem es 100 Jahre nach der Niederschrift durch Zufall entdeckt und dann veröffentlicht wurde.

Cover BewesAls Zusatzlektüre zu Miss Jemimas Journal empfiehlt sich unbedingt das fast dreimal so dicke Buch von Diccon Bewes: „Immer schön langsam. Eine Zeitreise durch die Schweiz auf den Spuren von Thomas Cook.“ Noch eine Spur länger als der deutsche Titel ist die englische Originalausgabe: „Slow Train to Switzerland: One Tour, Two Trips, 150 Years – And a World of Change Apart.“ Zusammen mit seiner Mutter hat sich der Engländer und Wahlschweizer Bewes auf die Spuren von Jemima begeben und darüber einen unterhaltsamen und lehrreichen Bericht geschrieben. Geschickt schildert er, was sich verändert hat – und was nicht. Da und dort baut er vielleicht eine Stufe zu viel ein, und wo er über die Anfänge des Skifahrens schreibt, kann er einen Sturz nicht vermeiden. Trotzdem: Ein schönes Buch über die Geschichte des Reisens, über die Schweiz und ihren Tourismus – und über eine Miss, die Gletscher besucht und das in ihrem Blog gleich festhält.

Jemima Morrell: Miss Jemimas Journal. Eine Reise durch die Alpen. Roger & Bernhard, Berlin 2014, Fr. 25.90.
Diccon Bewes: Immer schön langsam. Eine Zeitreise durch die Schweiz auf den Spuren von Thomas Cook. Malik Verlag, München 2014, Fr. 34.90.

Wildhuser Schafberg

Schafbergwand, mittlerer Wandteil, Sektor Südturm, «Plattenwand», 6c/6c+ (oder 5c, A0), Erstbegeher Albrecht Bösch und Peter Frei, 23. Juli 1975, klassische Plattenkletterei, Klemmkeile, Friends und Schlingen nötig.

Oder: die Einsamkeit des Vorsteigers.

Alp Fros, 29. November 2014.

1. Dezember 2014

wildhuser_schafberg

L’ Inverno è venuto

Wer sich nach Schnee, Ski und eiskalten Nordwänden sehnt, kann sich mit den besprochenen drei Büchern hervorragend vorbereiten. Von der Eigerwand im Winter bis zu Steilabfahrten auf Kreta. Italienischkenntnisse vorausgesetzt – ausser bei einem Titel.

Cover Inverno“Cerchiamo nello zaino qualche cosa da mangiare, ma è tutto un blocco di ghiaccio. Impossibile far scaldare dell’acqua, troppo ripido il tratto in cui siamo fermi. Pazienza, mettiamo del cioccolato sotto le maglie, lo mangeremo più avanti.”

So kalt ist es heute kaum, dass das Essen im Rucksack zu einem Eisblock gefroren ist und wir ein Stück Schokolade unter das Hemd stecken müssen, damit es dank der Körperwärme auftaut und essbar wird. Und wenn es auch so kalt wäre, steckten wir wohl kaum unter dem Eisschlauch in der Eigernordwand, wo sich nur schlecht ein Platz findet, um im Kocher Eis oder Schnee zu schmelzen.

Mit einem heissen Punch oder einem Glühwein jedoch findet sich in der warmen Stube sicher ein Platz, um ein paar kalte Geschichten in winterlichen Büchern zu lesen. Diesmal in italienischen Publikationen – Ihr kennt doch das Lied, darin der inverno einen kurzen Auftritt hat. Aber der ist diesmal nicht vorbei, im Gegenteil: Heute ist der meteorologische Winterbeginn.

Eiskalte Platten und Couloirs, Hände und Hosenbeine, manchmal auch Gefühle und Hoffnungen serviert uns Ivo Ferrari mit „Alpinismo d’inverno. Storie all’ombra di grandi pareti“. 48 Abenteuer in kühlen Alpenwänden von 1973 bis 2013, darunter eben die erste italienische Winterbegehung der Heckmair-Route am Eiger durch Marco und Sergio Della Longa vom 5. zum 8. Januar 1990, unter dem Titel „Freddo Eiger“. Allerdings ist es in der Nordwand immer ein bisschen kalt. Ganz sicher war es das am 7. November dieses Jahres, als Martial Leiter und ich durch teils knietiefen Pulverschnee von der Station Eigergletscher auf die Kleine Scheidegg hinunter stapften, während weisse Staublawinen unentwegt über Spinne, Bügeleisen und Eisfelder wischten. Meraviglioso!

Cover Skitouren Lombardei - GraubündenAber vielleicht sind wir ja keine Nordwandgesichter, weder lesend noch kletternd. Winter schon, Schnee ebenfalls, doch bitte auch Sonne. Skifahren wäre beispielweise eine Alternative zum eisig-schattigen Klettern. Genauer: Skitouren. Mit eigener Kraft hochsteigen. Earn your turns. Sorry – es geht ja um italienische Winterbücher. Da ziehe ich eines aus dem Zaino, aus dem Rucksack: „Scialpinismo tra Lombardia e Grigioni“ von Giorgio Valè. 91 ausgewählte Skitouren zwischen Comer See, Veltlin, Engadin und Graubünden. Wer da nicht seine Turns, seine Schwünge, findet, dürfte mit den beiden Brettern (oder mit dem einzigen Brett) noch nicht wirklich warm geworden sein. Und, das für diejenigen, die eine ähnliche Erfahrung mit dem Italienischen gemacht haben: Diesen Führer gibt es auch auf Deutsch. Wunderbar!

Cover VagabondiUnd dann? Wenn wir die 91 Touren zwischen Grigna und Palü gemacht, die Eigernordwand wandernd oder skifahrend bewundert haben? Dann suchen wir uns neue weisse Ziele. Alberto Sciamplicotti hat sie gefunden, für uns erkundet und aufgeschrieben. In „I vagabondi delle nevi“ beschreibt, nein; erzählt er seine Skifahrten in Pakistan und Iran sowie auf Kreta. Creta con gli sci? Die fast südlichste Insel Europas mit Schnee. Nun, das dortige Gebirge Lekfa Ori bedeutet ja weisse Berge. Nichts wie hin! Bevor die Schokolade zu schmelzen und unser Singen beginnt: „L’inverno è passato.“

Ivo Ferrari: Alpinismo d’inverno. Storie all’ombra di grandi pareti. Alpine Studio, Lecco 2014, € 19.00, www.alpinestudio.it
Giorgio Valè: Skitouren in der Lombardei und in Graubünden. 91 ausgewählte Touren zwischen Comer See, Valtellina, Engadin und Gaubünden. Milano 2013, € 29.50, www.versantesud.it
Alberto Sciamplicotti: I vagabondi delle nevi. Alpine Studio, Lecco 2014, € 15.00, www.sciampli.it

Zweifach St. Moritz

Friedrich Nietzsche hielt es vor über hundert Jahren nicht lange aus in St. Moritz – und so geht es heute noch manchen Besuchern angesichts dieses baulichen «Gerümpels zwischen Bad und Dorf» und den Pelz und Perlen tragenden Blondinen aus fernen Landen. Die Autorinnen und Autoren der besprochenen Bücher allerdings haben es ausgehalten und «die Stadt im Dorf» offenbar auch lieb gewonnen. Vielleicht braucht es dazu einfach etwas mehr Zeit, als sich Nietzsche nahm, – und wohl auch etwas mehr Geld.

25. November 2014

Cover St. Moritz Stadt im Dorf„Vor allem bei Erstbesuchern, die auf der Suche nach ihrer Vorstellung von St. Moritz durch den Kurort wandern, macht sich Ernüchterung breit. Ist dieses Gerümpel zwischen Bad und Dorf wirklich St. Moritz? Vor Ort laufen die geweckten Erwartungen ins Leere. Der Erfolg der Marke hat sich längst vom Gebauten gelöst. Der Tourist erkennt in der Summe von Einzelinteressen kein Gemeinsames mehr und verliert die Orientierung. Überwältigende Privatheit macht St. Moritz zum Nicht-Ort. Denn das Fehlen von öffentlichem Raum, der ‚Personen miteinander mischt und eine Vielfalt von Aktivitäten anzieht‘ [Richard Sennett, 1983], lässt das gesellschaftliche Leben versiegen. Dieses Nicht-ankommen-Können ermüdet, ‚hässlich‘ ist das Attribut der einen, von ‚Betonwüsten‘ sprechen andere. Anstelle eines freundlichen Willkommens durch die strahlende St. Moritzer-Sonne unterkühlen kalte Betten das Bild des Stadtdorfes. Hier wird nicht gewohnt, sondern Geld parkiert.“

Nicht eben sonnige Worte von einem Duo, das seit zwölf Jahren unter der berühmten Sonne von St. Moritz lebt und arbeitet. Cordula Seger ist Kulturwissenschaftlerin und Politikerin, Christoph Sauter Architekt. Nun haben sie zusammen mit Jan Alinče jun. und Dagmara Żukowska ein grosses und dickes, schönes und fundiertes Buch zu ihrem heimatlichen Ort verfasst. Es heisst schlicht „St. Moritz“ und hebt im Untertitel das Besondere dieses weltberühmten Fleckens im Oberengadin hervor: „Stadt im Dorf“. Zweiteilig ist auch das 275-seitige Werk. Einerseits eine mit starken alten und neuen (von Michael Peuckert) Fotos illustrierte Kulturgeschichte und Architekturkritik der Siedlung, die zwischen Dorf und Stadt hin und her wandert. Und andererseits ein mutiger, wahrscheinlich aber Papier bleibender Entwurf, wie der Ansammlung von Bauten zwischen Bad und Dorf, zwischen See und Berg ein neues Gesicht mit mehr öffentlichem Leben gegeben werden könnte. Wenn diese aufgezeichnete Zukunft wohl utopisch ist, so sind doch Vergangenheit und Gegenwart von St. Moritz noch nie so kompakt (und kritisch) gewürdigt worden. „Es geht darum, einen Marschhalt einzulegen und sorgfältig zu prüfen, wie St. Moritz auf Basis der Analysen, Auslegeordnung und Anregungen von Christoph Sauter und Cordula Seger seine bauliche Zukunft in die richtige Richtung steuern kann“, fordert Hans Peter Danuser von Platen im Nachwort.

Cover St. Moritz einfachDanuser schrieb aber nicht nur dieses Nachwort, sondern auch ein ganzes Buch. „St. Moritz einfach. Erinnerungen ans Champagner-Klima“ nennt der ehemalige Kurdirektor von St. Moritz seine Memoiren. Der Hauptteil besteht aus 30 Geschichten über seine 30 Direktionsjahre von 1978 bis 2008, unter anderem über Heidiland und Polo auf Schnee, Alphornreisen und Schickimicki, Glacier Express und Gourmet Festival, Top of the World und auch Flops. Danuser erzählt aber ebenfalls über sein Leben zuvor und danach, über seine sonnige Wahl zum Kurdirektor und die schattige Ablösung.

Wer in den beiden Büchern wandernd las und liest, hat zwei Möglichkeiten, um das Champagner-Klima mit 322 Sonnentagen und parkiertem Geld vor Ort zu erleben: 1. einfache Fahrkarte lösen; 2. retour lösen. Als Unterkunft empfiehlt sich das Hotel Kulm. Nicolaus Guidon berichtete 1908 in „Engadin Express & Alpine Post“ über die Geschichte des Fremdenverkehrs im Engadin: „Schon im Jahre 1864 auf 1865 hielten sich im Kulm zwei fremde Gäste während des Winters auf, erholten sich von schwerer Krankheit und zogen dann gestärkt von dannen.“ Der Start der Wintertourismus vor 150 Jahren. In St. Moritz. Wo sonst?

Christoph Sauter, Cordula Seger: St. Moritz. Stadt im Dorf. Hier und Jetzt, Baden 2014, Fr. 89.-
Hans Peter Danuser: St. Moritz einfach. Erinnerungen ans Champagner-Klima. Somedia Buchverlag, Glarus/Chur 2014, Fr. 29.-
Buch-Vernissage: 25. November 2014, 19.30 Uhr, Buchhandlung Schuler, Chur
Buch-Präsentation: 3.Dezember 2014, 20.30 Uhr, Hotel Laudinella, St. Moritz.

Monte Sordo, immer wieder

«Eines der schönsten Massive des Gebietes, hervorragender Fels, traumhafte Landschaft, phantastische Routen in allen Schwierigkeitsgraden, kurz, ein Muss.» So steht es in einem Kletterführer von Finale. Aber das sehen nicht alle so.

23. November 2014

OLYMPUS DIGITAL CAMERADas Wetter, wolkenlos und warm, es ist Mitte November. Vor vier Tagen hat es in zwei Stunden so viel geregnet wie sonst in drei Monaten, erzählt man uns. Zeigt uns Handyfotos: in Finalborgo stand das Wasser meterhoch in den Strassen. Trockenmauern stürzten ein, Bäche rauschten über die Felswände, rissen Runsen in die steilen Talflanken, verschütteten Strassen und Wege. Doch heute, alles vergessen, alles wie immer, die Felsen trocken, die Temperatur angenehm. Finale, der Traum vom Klettern.
Zum Abschied, und das wie oft, geht’s hinauf zum Monte Sordo, dem Berg, der nichts hört. Unser Pflichtprogramm beginnt mit der Placca delle bimbe, eine Aufwärmeroute, die aber auch schon recht in die Finger geht. Sofern es überhaupt was hat für die Finger. Der Fels ist löchrig, Finalefels eben. Auch wenn sie kleinen Mädchen gewidmet ist, wie der Name suggeriert, man muss zupacken.
Bald trifft ein junges Paar ein, sie sprechen deutsch und fragen nach unserer Route. Der Mann blättert im Kletterführer, mit farbigen Klebern sind Seiten markiert. «Ah, hier sind wir.» Ja, da ist eine Route, und da, und da. Anseilen, er entledigt sich des Tshirts, es ist ja schon recht warm und ein trainierter Oberkörper sieht echt stark aus. Das Muskelspiel zeigt sich, und man wundert sich, dass er sich für eine 5c entscheidet. Den grossen, oben nach rechts sich neigenden Riss, der sich durch den zentralen Sektor zieht. L’arco dei Guaitechi, die erste die logische Route durch die Wand, im Juni 1973 erstbegangen von Gianni Calcagno, einem der bedeutendsten italienischen Alpinisten, der 1992 am Denali ums Leben kam. Und von Alessandro Grillo, ein Kletterpionier, der für seine Erschliessertätigkeit im Finalese von der Gemeinde Finale Ligure mit dem Premio «Una vita per Finale» ausgezeichnet worden ist. Die Route ist also ein Klassiker im historisch Sinn wie auch im Stil: Risskletterei, spreizen, stemmen, piazzen.
Der junge Sportsmann mit der nackten Brust schafft denn die Länge auch mit etwas hängen und schimpfen, seine Begleiterin will nicht nachsteigen. «Gefällt mir nicht!»
Nun gut, man will ja Spass haben, sich nicht aus Pietät vor der historischen Bedeutung der Route die Finger kaputt machen. Wen interessiert denn schon die Geschichte einer Route und ihrer Erschliesser. Der Junge, nun wieder im Tshirt, setzt zu einer Schimpftirade an, die kein Ende nehmen will und von der wir vor allem das immerzu wiederholte Wort «Scheisse» vernehmen. Es ist also eine Scheissroute und Finale ist überhaupt totale Scheisse mit diesem Scheissfels und den Scheisslöchern (ich fasse zusammen). Zum Glück, denke ich, ist der Berg taub, wie sein Name sagt, sordo, sonst würde er vielleicht ein Stück Fels auf die frustrierten Besucher schmeissen.
Nervöses Blättern im Führerbuch, dann Beratung. Wohin könnten wir denn fahren, wo der Fels nicht so scheisslöchrig und scheissabgespeckt und überhaupt ist? Das sei, höre ich zwischendurch, überhaupt nicht Sportklettern sondern nur … eben. Übrigens auch der Führer des braven Thomas Tommasini muss noch dranglauben: Scheisse.
Nun habe ich ja eigentlich nichts gegen das Wort, ich habe es sogar mal in einem Text verwendet, für den ich vom Schweizer Alpenclub einen Literaturpreis erhielt, trotz Gegenstimme einer Frau Vögeli in der Jury, die sich eben an diesem Wort störte. Aber man braucht es halt manchmal, es rutscht einem raus, aber doch bitte mit Mass.
Wir klettern also weiter unser Programm, die beiden Jungen beruhigen sich, packen zusammen und ziehen still und leise davon. Wohin, haben wir nicht verstanden, hoffen einfach, dass sie irgendwann doch noch Felsen finden, die nicht scheisse sind, sondern eben so, wie sie sich das zuhause vorgestellt haben, als sie das Führerbuch studierten und mit farbigen Klebern die Sektoren markierten. Und wenn nicht, dann gibt es ja auch Kletterhallen, da ist der Fels bestimmt nicht scheisse, denn es gibt gar keinen.

Grimsel

Der Grimsel oder die Grimsel? Jedenfalls geht es in diesem Buch um umkämpftes Terrain. Kraftwerk, Arvenwald ect. Im Totensee sollen einst die Leichen von Franzosen geschwommen sein. Heute ist’s eine Idylle. Nebel treiben, der See blaut. Tote allenfalls wenn im Sommer die Motorräder über den oder die Grimsel brausen.

21. November 2014

An der Grimsel Cover„Kein Ort in der Welt, über den so verschiedene Ansichten geltend gemacht werden. ‚Ich gehe wenigstens einmal im Jahre hinauf, sagte mir ein Freund, der ein himmlisches Plätzchen am Thunersee sein nennt, zuweilen selbst scheue ich den langen Weg durch das Hasli zum zweiten Male nicht, um dort oben ein paar köstliche Tage zu verleben. Die frische Bergesluft stärkt mich, das leichte Wasser trinke ich mit mehr Wohlbefinden, als zu Hause meinen Wein, und ich fühle mich so heiter, so heimelig in der Familie des Wirthes, daβ ich stets mit wahrem Vergnügen mich unter diesem Dache finde.‘ Ich gab ihm Recht. Hatte ich denn nicht auch manchen Tag dort zugebracht, bei schönem und schlechtem Wetter, und das Plätzchen lieb gewonnen? Wir waren noch im Gespräche, uns manchen freundlich erlebten Augenblickes erinnernd, als meines Freundes liebliche Frau sich uns zugesellte. ‚Und ich, rief sie aus, als ihr des Gegenstand des Gespräches bekannt geworden, ich kann nicht begreifen, was ihr Alle an der Grimsel findet. Ich kenne keinen traurigeren Fleck auf Gottes Erdboden. Sollte man nicht glauben, im Grabe der Schöpfung selbst zu sitzen. Mein Mann hatte mir das Alles so schön ausgemalt, daβ ich mich verführen lieβ, ihn einmal zu begleiten. Ich bin nie unglücklicher gewesen, als während der paar Tage, welche wir oben zubrachten. Eine finstere Schwermuth, deren ich nicht Meister werden konnte, hatte sich meiner bemächtigt.‘“

Lese ich im Buch „Im Gebirg und auf den Gletschern“ von Carl Vogt, das 1843 im Verlag von Jent & Gaβmann in Solothurn erschien. Das Exemplar wurde vom „Lese-Cabinet, Papier & Spielkarten Verlag Alexander Pulver, Marktgasse N° 91 in Bern“ verkauft, wie einem Kleber zu entnehmen ist. Sechs der elf Kapitel spielen auf der Grimsel und im Haslital. Ein Buch zur Grimsel also. Und nun halte ich ein druckfrisches Buch in der Hand: „An der Grimsel“ von Susanne Vettiger. Ein Werk über „Landschaft, Berge, Menschen“, wie die Einladung zur Buchvernissage vom Samstag, 22. November 2014, in Buchhandlung Piz Buch & Berg in Zürich verspricht. „Es gibt darin vieles zu entdecken mit den Augen, dem Kopf und dem Herzen. Aus dem Nebel in die Sonne und zurück.“

Der graue Buchdeckel ist drei Millimeter dick und hat keinen Umschlag. Auf dem Cover ist eine Nebel-Fotografie zu erahnen, die sich auf der Rückseite lichtet und den Blick auf einen Stausee freigibt. Das Buch gliedert sich in drei Teile. Auf den ersten 175 Seiten ohne Pagina und Legenden zeigt Susanne Vettiger 120 Fotos des Grimselgebietes: Berge und Beton, Granit und Gras, Hospiz und Hütten, Maschinen und Moränen, Strassen und Strommasten, Wasser und Wege. Zu jeder Jahreszeit. Archaisch und idyllisch, verspielt und verbaut, neblig und sonnig. Im zweiten Teil finden sich 60 Portraits von Menschen, die an der Grimsel leben und arbeiten: Einheimische und Zugewanderte, Erwachsene und Kinder. Und im dritten Teil lesen wir die ausführlichen, vorder- und hintergründigen Legenden zu den Fotos. Die erste laute so:

„Am Totensee. 2164 m. ü. M. an der Grimsel. Offenbarung, aus dem Nichts. Wetterwechsel, unvergleichliches Licht, schroffe, abweisende Felswände, unergründliches Blau der Seen. Schwemmebenen-Orte mit eigenem Rhythmus. Das Auge findet immer Neues. Wer sich bewegt, wird durch seine Wahrnehmung bewegt. Sehen, fühlen, erkennen, fragen und finden; LEBEN. Es ist ein persönliches Schauen und sich erleben, individuelles Sein.“

Schade, dass die Ehefrau des Freundes von Carl Vogt schon lange nicht mehr unter uns weilt. „An der Grimsel“ wäre das perfekte Weihnachtsgeschenk. Sie könnte damit die Grimsel erleben ohne hinaufzufahren.

Susanne Vettiger: An der Grimsel. Verlag du + ich, Basel 2014, Fr. 58.- www.du-i.ch.
Buchvernissage: Piz Buch & Berg, Müllerstrasse 25, 8004 Zürich, ab 14 bis 17 Uhr, www.pizbube.ch.

Schneeestrich

Gleichzeitig ein Blick nach oben: Der Winter hat schon mal kräftig an der Tür geklopft und sein erstes Bürdeli abgeworfen. Wie hier am Pizzo Forno. Unter dem blauen Fenster versteckt sich, schwarz in weiss, das Dörfchen Doro, bereit für den langen Schlaf.
Pollegio, 16. November 2014.

17. November 2014

pizzo forno

Regenstube

Wasser findet sich immer seine Wege. Gestern goss es in der Leventina von allen Seiten und an den ungewohntesten Stellen, frei, ungehindert, über Felswände ohne Bachrinnen, vorbei an verdutzten Bäumen. Immerhin gibts dort kaum Böden, die wären nicht mehr alle oben.
Pollegio, 16. November 2014.

leventina

Wer suchet, der findet

«Auf der Alm, di gibts koa Sünd», lautet ein alter Spruch. Wie das gemeint ist, erzählt der Alpenpionier Johann Jakob Weilenmann anlässlich eines alpinen «Schäferstündchens» vor der Besteigung des Fluchthorns im Jahr 1861. Wie Sie zu diesem und andern pikanten und spannenden Geschichten aus den Bergen kommen, erfahren Sie von unserem Rezensenten.

10. November 2014

Cover aus der Firnenwelt„Die Sennerinnen ziehen Schuhe und Strümpfe aus und ohne weitere Toilette hüpfen sie angekleidet in zwei verwegenen Sätzen ins hohe Bett hinein. Seltsam aber! Warum lassen sie einen so weiten Raum zwischen sich? Hoffentlich soll doch keiner von uns etwa… Nein! Nur der Gedanke schon ist ja empörend! — Und doch! Kaum wagt meine zartfühlende Feder das Schreckliche zu berichten — scheint so was planirt zu sein. Wer ist wohl der Auserkorene, das Opfer? Am Ende gar ich? Bin mir gar nicht bewusst, so prima vista die Gunst der beiden Damen erobert zu haben — des veni, vidi, vici — traurig genug, ach du lieber Himmel! — kann sich so ein alter Knabe selten mehr rühmen. Rasch löste sich indes das Rätsel und kaum waren sie geborgen, die Beiden, als ohne dass ein Wort vorangegangen, hinein in ihre Mitte mit kühnem Sprung, der Schäfer sich schwung! Verdutzt, kaum meinen Augen trauend, staune ich das Manöver an. Da liegt er, der Hahn im Korb, bis an die Ohren unter der berghohen Federdecke begraben und hat sicherlich nicht über Kälte zu klagen, und mir, der alleine noch im finstern kalten Hüttenraume steht, bleibt wohl nichts anderes, als aufs eine Lager mich zu werfen und an des Kühers Rücken mich zu schmiegen. Er ist ein schmutziger, blödsinniger Tropf.“

Armer Johann Jakob Weilenmann an diesem Juliabend 1861 auf der Alp Larein in der östlichen Silvretta, unweit des heute berühmten Skigebietes Ischgl-Samnaun zwischen Österreich und der Schweiz. Wie es dem Schäfer zwischen den Sennerinnen unter der berghohen Bettdecke erging, schreibt Weilenmann, Mitbegründer der Sektion St. Gallen des Schweizer Alpen-Clubs, im Bericht „Ersteigung des Fluchthorns (3403 m)“ nicht – das überlässt er der Phantasie des Lesers. Seine Nacht hingegen thematisiert er: „Übrigens lag ich über Erwarten gut und warm neben meinem düngerduftenden Schlafgenossen. Je weniger Verstand, um so mehr animalische Wärme entwickelte er.“ Während bei anderen Alpinautoren nur Gipfel, Grate und Geologie zu Papier gebracht wurden, nahm sich Weilenmanns zartfühlende Feder sozusagen auch dem freibleibenden Raum zwischen den zu besteigenden Anhöhen an: den Einheimischen auf der Alp oben und im Dorf unten, besonders dem zarten Teil. Unvergesslich die Begegnung zwischen dem bärtigen St. Galler und einer hübschen Lötschentalerin – nachzulesen teilweise auf www.bergliteratur.ch vom 21. September 2012.

Die romantisch angehauchte und allein unternommene Fahrt ins Lötschental und die sehr abwechslungs- und hindernisreiche Erstbesteigung des Fluchthorns am 12. Juli 1861 zusammen mit seinem Leibführer Franz Pöll sind mit Genuss ganz zu lesen in Weilenmanns gesammelten Schriften „Aus der Firnenwelt“. Sie kamen von 1872 bis 1877 in drei Bänden heraus und 1924 nochmals in zwei Bänden. Nun kann man diesen Doppelband günstig erstehen an einem Bücherbazar des SAC.

Der Berg der Bergbücher wächst und wächst. Damit die neuen Bergbücher noch Platz finden in der SAC-Zentralbibliothek in Zürich, müssen die Doubletten weg. Dass es dort überhaupt doppelt und mehrfach vorhandene Werke gibt, liegt vor allem daran, dass die SAC-Zentralbibliothek vor einiger Zeit die grosse Bibliothek der Sektion Uto übernehmen durfte. Die rund 2000 ausgeschiedenen Doubletten werden nun zu einem bescheidenen Preis zum Kauf angeboten.
Der Bücherbazar findet statt am Freitag, 14. November 2014, 14-17 Uhr und am Samstag, 15. November 2014, 9-17 Uhr, und zwar im Seminarraum P01.10 (auch bekannt als Seminarraum C) der Zentralbibliothek Zürich, Zähringerplatz 6, 8001 Zürich.

Wer also Weilenmanns „Firnenwelt“, Band 8 der „Clubführer Bündner Alpen – Silvretta und Samnaun“ von 1934 mit ausführlichen Beschreibungen und zahlreichen Literaturangaben oder das „Itinerarium für die Silvretta- und Ofenpassgruppe oder die Gebirge des Unterengadins“ von Eduard Imhof aus dem Jahre 1898 der eigenen Büchersammlung einverleiben möchte, sollte an diesem Novemberwochende in die Zentralbibliothek nach Zürich wandern. Ebenfalls diejenigen, die mit Otto Zwahlen den „Kampf um die Eigernordwand“ miterleben, mit Günter Oskar Dyhrenfurth zum „dritten Pol“ vordringen oder mit „Zauberberg der Männer“ bzw. „Zürichs Zauberberg“ ganz unterschiedliche Anhöhen kennenlernen möchten. Ja überhaupt alle, die Bergbücher noch gerne als Rucksack-, Sofa oder Bettlektüre haben.