Messner, Bonatti, Loretan

Wer ist der Grösste? So könnte man sich fragen angesichts der Superlative, die sich um die drei Lichtgestalten des neueren Alpinismus versammeln. Walter, Reinhold und Erhard, Gestalten von fast antiker Grösse und Tragik. Ihr Biografien und ihre Abenteuer gehören zu den klassischen Stoffen der Alpingeschichte, die immer wieder neu erzählt werden können, die immer wieder neu faszinieren und bewegen und zu Kontroversen Anlass geben.

24. Oktober 2014

Cover Messner-Bonatti«En nous séparant à jamais sur le Nanga Parbat, cette passion [de l’alpinisme] allait décider de nos vies. Lui, Günther, perdit la sienne là-haut et j’entamai de mon côté, en survivant et sans en être conscient, le parcours qui m’a conduit à devenir ce que se suis: un aventurier connu, même de ceux qui ne connaissent pas la montagne. Ce n’est pourtant pas la célébrité qui m’a permis de comprendre, bien des années plus tard, que j’avais un frère que je ne connaissais pas. Pas un frère de sang; un de cœur qui partageait avec moi un idéal, une vision de la vie proche de la mienne. Dans l’esprit et avant tout dans l’action, Walter Bonatti est un frère inespéré.»

Schreibt, gewandt wie immer, einer der grössten Alpinisten aller Zeiten über einen der besten, den es je gab: Reinhold Messner (geb. 1944) über Walter Bonatti (1930-2011). In einem von Messner zusammen mit Sandro Filippini verfassten Buch, das genau vor einem Jahr auf Italienisch herauskam: „Il fratello che non sapevo di avere“. Der Bruder, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn habe. Oder, wie es in der gestern erschienenen französischen Ausgabe heisst: „Walter Bonatti, mon frère de cœur“. Mein Herzensbruder. Emotional und elegant zugleich. Auf der Rückseite eine grossartige Foto, aufgenommen bei der Verleihung des Piolet d’Or an Messner für sein Lebenswerk im Jahr 2010, ein Jahr nachdem Bonatti den gleichen Preis erhalten hatte: Reinhold, die Augen geschlossen, umarmt Walter, der den Kopf an seinen um 14 Jahre jüngeren Landsmann lehnt. Magnifique! Ein erinnerungswürdiges Bild zur Geschichte des Alpinismus, einmal ohne Fels und Firn.

Und ein Buch, das genau so menschliche Seiten aufschlägt. Messner erzählt, wie er Mitte der 1950er Jahre zum ersten Mal dem Namen Walter Bonatti begegnete, in einem Buch über grosse Bergsteiger und ihre Touren. Da las er von einem Italiener, der sich alleine in sechs Tagen durch den Südwestpfeiler der Petit Dru im Mont-Blanc-Massiv hochkämpfte, auf schier verlorenem Terrain und doch zuletzt oben bei Madonna ankommend. Von dieser Lektüre an kreuzten sich die Wege der beiden, zunächst etwas einseitig. 1971 jedoch widmete Bonatti sein zweites Buch „I giorni grandi“ Reinhold Messner – „junge und letzte Hoffnung des groβen, klassischen Bergsteigens.“ Kaum zu glauben: Erst am 5. August 2004 trafen sich die beiden erstmals, im Messner Mountain Museum auf dem Monte Rite.

Davon handelt das Buch. Von der nicht ganz leichten Annäherung zweier Persönlichkeiten bis endlich zur Begegnung und Umarmung. Unterbrochen wird diese Geschichte durch die grossen Bergfahrten Bonattis und auch von Messner. Als Fil rouge dient die Erstbesteigung des K2 durch Achille Compagnoni und Lino Lacedelli 1954, bei der Bonatti eine entscheidende Rolle spielte, aber zuletzt um eine mögliche Gipfelbesteigung geprellt, ja in höchste Gefahr gebracht wurde – ein Skandal, der von offizieller Seite erst Jahrzehnte später zugegeben wurde. Sieben ausführlich beschriebene Szenen Ende Juli hoch oben am zweithöchsten Berg der Welt und die Folgen davon: die Schlüsselstelle im Leben von Bonatti. Diejenige für Reinhold Messner war das Verschwinden seines Bruders Günther am Nanga Parbat im Juni 1970. Brüderliche Parallelen, festgehalten durch Bücher.

Layout 1„Après avoir souligné maints passage, je n’avais plus qu’une idée en tête: devenir aussi bon que Bonatti“, heisst es bei Messner. „Ich lebte in einer anderen Welt, wenn ich Rébuffat las.“ Gestand einer, der sich wie Bonatti und Messmer dem Bergsteigen verschrieb, einer, der nach Messner und Jerzy Kukuczka der dritte Mensch war, der alle 8000er bestieg: Erhard Loretan. Geboren am 28. April 1959 in Bulle, in die Tiefe gestürzt am 28. April 2011 am Grünhorn in den Berner Alpen. „Loretan war zweifellos der bisher erfolgreichste und beste Schweizer Bergsteiger“, hielt Oswald Oelz kürzlich in der NZZ fest. „Seine Einstellung, seine Schnelligkeit und sein Stil der Reduktion auf die eigenen Kräfte und des Verzichts auf Hilfsmittel machten ihn zu einem Impulsgeber des Weltalpinismus.“ Loretans Leben war nicht frei von Tragik, schüttelte er doch seinen sieben Monate alten Sohn zu Tode. Dafür wurde er 2003 zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt. Vor Gericht sagte er: „Die Strafe, die Sie mir auferlegen, ist kein Vergleich zu dem, was ich bis zum Ende meiner Tage mit mir trage.“ Auch in dieser Hinsicht ein Leben am Abgrund. So heisst der Untertitel der neuen Biografie über Erhard Loretan, die der französische Alpinjournalist Charlie Buffet verfasst hat. Ein dichtes, starkes, packendes Buch über einen Mann, der die Berge und das Leben meisterte – meistens.

Loretan, Messner, Bonatti: drei überlebensgrosse Alpinisten. Wer ihnen begegnen möchte, hat drei Möglichkeiten:

Erstens am 24. Oktober 2014, 19.00 Uhr, im Alpinen Museum der Schweiz in Bern. Dann wird der gesamte Nachlass von Erhard Loretan mit Fotos, Filmen, Tonbändern, Tagebüchern und Ausrüstungsgegenständen der Sammlung des Alpinen Museums übergeben.

Zweitens am 31. Oktober 2014 bei den Éditions Guérin in Chamonix, an der „soirée exceptionnelle que nous consacrons à Reinhold Messner“.

Und drittens, mais bien-sûr, in ihren neuen Büchern.

Reinhold Messner et Sandro Filippini: Walter Bonatti, mon frère de coeur. Éditions Guérin, Chamonix 2014, 24.90 €.
Charlie Buffet: Erhard Loretan. Ein Leben am Abgrund, AS Verlag, Zürich 2014. Fr. 39.80.

Sizilianischer Hard Rock

San Vito Lo Capo im Nordwesten Siziliens ist für Kletterer zur Top-Destination geworden. Diesen Herbst haben wir uns aufgemacht, das Felseldorado an der Küste des tyrrhenischen Meers zu erkunden.

23. Oktober 2014

IMG_4188Nachts sind die Felsen hinter dem Zeltplatz rot und grün beleuchtet, auf der andern Seite schlägt die Meeresbrandung gegen felsige Riffe. Die Sonne sinkt in Nebelbänke, ein Bild wie aus dem Ferienprospekt. Oh, wir sind ja in den Ferien.
Nach dem Klettern sind wir im Swimming Pool geschwommen, dann haben wir auf der Terrasse des Restaurants Kaffee getrunken, später einen Apero genehmigt. Es ist Oktober und es ist heiss. Vor dem Einschlafen Jagd auf Mücken, dann früh hinaus. Der erste Sektor der kilometerlangen Scogliera di Salinella ist in fünf Minuten erreicht. Wir sind nicht die ersten. Im Morgenschatten tummeln sich schon Kletterpaare und Kletterfamilien und Kletterrentner, Klettermütter mit Babies im Tragsitz machen sich bereit zum Aufwärmen. Einmal fragt ein Klettervater, der sein Baby in einer Höhle deponiert hat, man solle ihn rufen, wenn es schreie, er klettere mit seiner Frau im Sektor nebenan. Willkommen im Kletterresort El Bahira, dem Camping zwischen Fels und Meer.
IMG_4196Der Fels ist grandios, rauh und fest und griffig, also noch nicht so abgespeckt wie anderswo. Die Routen abwechslungsreich, gut abgesichert und sinnvoll eingebohrt, die Bewertung meist moderat. Das stärkt das Selbstbewusstsein, obwohl man ja eigentlich weiss: Das wäre in Finale keine 6a, sondern eher 5c. Aber wir sind ja jetzt in Sizilien, zum ersten und vielleicht nicht zum letzten Mal. Freundlich ist im Camping El Bahira alles (ausser die Bedienung gelegentlich), familienfreundlich und oldiefreundlich und sportfreundlich und überhaupt. Alles recht sauber und praktisch und auf die kletternden Gäste aus aller Welt zugeschnitten: Schweizer, Deutsche, Russen, Tschechen, Franzosen, Engländer haben wir getroffen. Das Personal weigert sich standhaft, italienisch zu sprechen. Wir haben Verständnis, es ist eine Botschaft: Wir gehören zur Welt, genauso wie ihr, auch wenn wir hier nur einen minderen Job machen.
Klettern könnte man hier ein Leben lang, sofern man sich am Gewusel um die Einstiege nicht stört. Gelegentlich ist ja sogar die Wunschroute frei, und sonst findet sich sicher eine andere oder ein Sektor, der nicht direkt an der Ameisenstrasse liegt und somit etwas weniger frequentiert ist. Die Stimmung ist jedenfalls friedlich und fröhlich. Eher selten haut jemand mit der Faust auf den Fels, weil er die Stelle nicht auf Anhieb schafft. (Es würde ja auch schmerzen, der Fels ist so rauh.)
Wems zu bunt wird, der kann ja in eines der vielen Gebiete der Insel ziehen, die nicht so top-in sind wie San Vito. Etwa in die Cavadonna bei Siracusa (falls er sie findet), eine ziemlich versteckte Schlucht mit steilem Zugang und fantastischen Routen, wo wir nur zwei Deutsche getroffen haben, die dort ein paar Tage mausallein das ganze Gebiet abkletterten. Total begeistert. Um den steilen Aufstieg zu umgehen, empfahlen sie uns, eine 6a zu klettern, die bis zur Hochfläche führt. Mit schwerem Rucksack im Nachstieg bei etwa 35 Grad ein Erlebnis der besonderen Art.
IMG_4206Zwischendurch auch mal eine Wanderung im Naturschutzgebiet Riserva dello Zingaro, wo es auch schöne Badestrände gibt, oder auf den Monte Cofano – zumindest ein Stück weit, bis uns ein heisser Sturm vertreibt, der direkt aus Afrika zu kommen scheint. In der Nacht dann ein grandioses Schauspiel: die ganze Bergflanke über der Scogliera steht in Flammen. Buschfeuer, vielleicht bewusst gelegt oder durch eine Zigarette aus dem Autofenster entfacht. Stimmen in der Nacht, die befürchten, das Feuer könnte über die Felswand herab das Camping in Brand setzen. Wo bleibt die Feuerwehr? Am Morgen ist der Spuk vorbei, die Bergflanke schwarz, da und dort steigt noch etwas Rauch auf.
IMG_4191Nach einer Woche verlassen wir unser Casa Mobile, ziehen weiter und denken schon darüber nach, wann wir zurückkehren werden.

Übermut tut gut

Meist sind es die kleinen Dinge, die unser Herz erwärmen. Für einmal war es etwas Grösseres, was Freude bereitete und schwärmen liess.

© Annette Frommherz

Hundwilerhöhe 10 2014 (31)

18. Oktober 2014

Der Liebste drängelte, sein neues Bike einzufahren. Nun denn, es war ihm nichts dagegen einzuwenden. Aus Erfahrung weiss ich, wie wichtig es den grossen Buben ist, ihr neues Spielzeug zu testen. Jetzt. Gleich. Sofort. Schon weil ich ein gefühltes Diplom für Herzensangelegenheiten besitze, konnte ich seinen Wunsch unmöglich ausschlagen.
Das Appenzellerland lockte mit seinen sanften Hügeln, die noch immer in einem satten Grün aufwarteten. Uns lächelte der Tag entgegen, als wir von Urnäsch über Gonten Richtung Hundwiler Höhi hielten. Hundwilerhöhe 10 2014 (3)Der Herbst trieb es bereits in bunten Farben, nur eine riesige Esche zeigte sich in einem derart frühlingshaften hellen Blätterkleid, dass wir nach der richtigen Jahreszeit Ausschau hielten. Die Gegend machte uns staunen: schön in die Landschaft gesetzt prächtige Höfe mit Fassaden voller Bauernmalerei, auf den Weiden gekonnt verteilt das Braunvieh und die weissen, bärtigen Ziegen. Es sah ganz nach der Sage aus, wonach hier einst ein Riese vorbeigewandert sein soll und aus seinem löchrigen Sack die Bauernhäuser herausfallen liess. Hundwilerhöhe 10 2014 (1)Den letzten steilen Rest bergauf zur Höhi mussten wir unsere Räder schieben, worauf Wanderer, die uns entgegenkamen, uns für die Rücksicht lobten und meinten, wir dürften schon fahren.
Dem Wanderer und Biker steht auf der Hundwiler Höhi, wenn nach dem Aufstieg sich Hunger und Durst bemerkbar machen, ein Berggasthaus zur Seite. Wir nahmen in der niederen Stube ein Auge voll von der heimatlichen Innenausstattung. Gehäkelte Spitzen, Streuwürze auf den hölzernen Tischen, blaue Saftkrüge. Perfekt getarnt hinter der Türe entdeckten wir eine Wurlitzer, die kultige Musikbox aus den Zeiten unserer Ahnen, mit der hier wohl seit Jahrzehnten die Vinylplatten aufgelegt wurden. Hundwilerhöhe 10 2014 (18)Ein Geldstück einwerfen, eine dieser schwarzen Scheiben wählen, und schon werden sie abgespielt, von James Browns „I feel good“ bis zum Appenzeller Streichquartett mit „Öbe Schtock ond Schtee“. Ein Arbeiter des Lokals war gerade damit beschäftigt, die leeren Harasse zu beigen. Er deutete auf den Kasten und meinte, der sei schon eine Weile defekt. Derjenige, welcher ihn reparieren sollte, laufe eben nicht gerne den Berg hinauf. Der Mann hob seine mageren Schultern etwas in die Höhe und sagte, er könnte das Ding zwar auf den Traktor hieven und hinunterfahren, aber in die Stadt wolle er damit nicht. Und so wird die Jukebox weiterhin hinter der Türe stehen, bis sich jemand ihrer erbarmt.Hundwilerhöhe 10 2014 (46)
Mein Liebster weilte indessen gedanklich bei seinem Bike. Er freute sich auf die Abfahrt, die steiler und länger würde als je erträumt. Übermütig schwang er sich auf sein Gefährt. Ich versuchte erst gar nicht, mit seinem Tempo mitzuhalten. Gar manches Mal entschwand er meinem Blickfeld, und mit einem spitzbübischen Lächeln im Gesicht wartete er ein gutes Stück weiter unten auf mich. Bevor es vergessen geht zu erwähnen: Er war zufrieden mit seinem neuen Bike. Mit ihm und mit dem ganzen Tag.

Bergfotografie

Bergfotografie boomt. Flickr, das größte Fotonetzwerk der Welt, hält unter dem Suchbegriff „mountain“ über 3,9 Millionen Fotos bereit. Nur das Thema Hunde und Katzen ist nicht zu schlagen. Die beiden Sujetgruppen bringen es auf 5,9 bzw. 5,3 Millionen Uploads, schreibt Arnold Holzer in „Bergauf“, dem Magazin des Oesterreichischen Alpenvereins. Zwei Bildbände schlagen bekannte und neue Seiten der Alpenfotografie auf.

17. Oktober 2014

„Um 12 Uhr, nach einem Aufenthalt von 2 Stunden und 10 Minuten, auf unserm gemüthlichen kleinen Wylerfeld, verliessen wir dasselbe, für mich jedenfalls auf Nimmerwiedersehen. Es lag mir daran, die Ansicht der höchsten Partie unmittelbar unter dem Gipfel nach Hause zu bringen. Auf schmalem, doch zur Noth Stand bietendem Eisgrate, 100 à 120 Fuss unter demselben, pflanzte ich noch einmal meinen Apparat auf und nahm die nämliche Ansicht doppelt, um ja einen Erfolg zu erzielen.“

Und der gebürtige Strassburger Jules Beck (1825-1904), Mitglied der Sektion Bern des Schweizer Alpen-Club, hatte Erfolg. Die Aufnahme vom 15. September 1872 mit dem Gipfelgrat des Mönchs und den beiden darauf stehenden Alpinisten gehört zu seinen bekanntesten – und auch zu den ersten Fotografien überhaupt, die bergsteigende Personen im nicht ungefährlichen Viertausendergelände zeigt. Wir sehen die Grindelwalder Führer Christian Michel und Peter Egger, die dreieinhalb Minuten still stehen mussten, bis die Aufnahmen im Kasten waren. Die (Berg)fotografie der Pionierzeit erforderte Geduld, Kraft und Glück – spannend nachzulesen in Becks Berichten, hier über den „photographischen Ausflug auf den Mönch“ im achten SAC-Jahrbuch von 1872.

Jenseits der Ansichtskarte

Die Foto vom Mönch findet sich auch in einem schön gemachten, spannend zu lesenden und (natürlich) bestens bebilderten Buch zu Geschichte und Gegenwart der Fotografie in den Alpen: „Jenseits der Ansichtskarte“ heisst der Bildband, der gleichzeitig als Katalog der gleichnamigen Ausstellungen in Waiblingen und Bregenz diente. Nun, und da hat der Rezensent geschlafen, die Ausstellungen vom Oktober 2013 bis zum Mai 2014 sind längst passé. Aber das Buch kann man immer noch in die Hand nehmen. Mit Erfolg.

ALP_BU_12_rl1

Dieses auch. Ich habe es allerdings bloss digital gesehen, nur kurz angelesen und angeschaut. Es heisst ganz einfach ALP und zeigt Fotos von Olaf Unverzart. Die schwere Kamera geschultert, stürmte der Wahlmünchner zwölf Jahre lang immer wieder Gipfel, Täler und Orte der ganzen Alpen. Auf der Suche nach der Bergwelt im Wandel: 90 Farbfotos voll atemberaubender Schönheit vs. analoger Hässlichkeit. Eine fragile Balance zwischen der zeitlosen Erhabenheit alpiner Landschaft und den von Menschen verursachten Eingriffen und Zerstörungen derselben, gepackt in einen 23 x 30 cm grossen Bildband. „Gerade weil Olaf Unverzart Berge, Baustellen, Grünland und Passstraßen in den Fokus rückt – und nicht diejenigen, die dort leben, herumkraxeln, arbeiten, fahren und flanieren –, gerade deshalb rücken die Menschen ins Zentrum der Aufmerksamkeit“, schreibt Tom Dauer in der Einführung. „Olaf Unverzarts Bilder scheinen das Wirkliche zu zeigen. Viel mehr aber noch verweisen sie auf das, was neben dem gewählten Ausschnitt passiert. Damit aber beziehen sie über das tatsächlich Sichtbare hinweg auch das Mögliche, das Unwägbare ein. Das, was Menschen passieren kann, wenn sie sich in die Berge begeben.“ Mit oder ohne Kamera.

PS: Wer sich für Bergfotografie und Bergfilm interessiert, findet hier ausgezeichnete Beiträge (und eine Foto von Jules Beck mit der Gipfelkletterei am Finsteraarhorn im Jahre 1882).

Klicken, schauen, lesen.

Jenseits der Ansichtskarte. Die Alpen in der Fotografie. Herausgegeben von der Stadt Waiblingen/Galerie Stihl Waiblingen und dem Vorarlberg Museum, Bregenz. Mit Beiträgen von Mathias Arnold, Werner Bätzing, Valérie Hammerbacher, Ingrid-Sibylle Hoffmann, Zara Reckermann und Ute Pfanner. Hirmer Verlag, München 2013, Fr. 40.-

Olaf Unverzart (Foto), Tom Dauer und Sophia Greiff (Text): ALP. Prestel Verlag, München 2014, Fr. 59.90.

Bergkrimis zum Zweiten

Was wäre das Leben ohne Bücher? Romane ohne Liebesgeschichten? Bergliteratur ohne alpin angehauchte Krimis? Einfach und flach. Eben.

16. Oktober 2014

„Es konnte losgehen: Aus der Seitentasche seiner Kletterhose zog er sein Smartphone heraus und rief das Routen-Topo auf. Konzentriert versuchte er, den dort skizzierten Wegverlauf in der realen Umgebung des Predigtstuhls wiederzufinden. Laut Topo beanspruchte der Soldatenweg zehn Seillängen für die insgesamt 270 Höhenmeter.“

Ist das die Zukunft? Vielleicht auch schon die Gegenwart? Ein Smartphone mit allen Infos. Und allen Geschichten. Lesestoff und Leitfaden – digital. Bücher liegen schwer im Rucksack und im Gestell. Und vom 8. bis 12. Oktober 2014 tonnen- und hallenweise in Frankfurt. 7000 Aussteller aus 100 Ländern zeigten Bücher, Bücher und nochmals Bücher: Die Frankfurter Buchmesse schlug auch in diesem Jahr wieder mit Rekorden zu Buche. Grund genug, ganz bescheiden und zum zweiten Mal in diesem Jahr auf neuere Bergkrimis hinzuweisen.

Cover Karwendelgold

Martin Schlemm enthüllt in „Karwendelgold“ ein tödliches Geheimnis. Unweit des Soldatenweges, am Fuss der Kreuzwand, versteckt sich in einer Höhle Kostbares aus mittelalterlicher Zeit. Wie nun plötzlich entdeckte Pergamente aus Familienbesitz die genaue Lage des Verstecks enthüllen, beginnt ein dramatischer Wettlauf zwischen Kriminellen, Kletterern und Kommissaren. Die Schatzsuche an der Vertikalen erinnert an die Fünf Freunde von Enid Blyton. Der Chefermittler Ignaz Greibl aus Garmisch-Partenkirchen scheint aber diese berühmten Kriminalgeschichten nicht zu kennen; er interessiert sich für Wagner – und seine Nachbarin. Was wäre ein Roman ohne Liebesgeschichte? Und das Klettern ohne Topo? Hier ist es.

Cover Jakobshorn

Um (tödliche) Familiengeheimnisse und Liebe zwischen Ermittlern und Aussenstehenden geht es auch in „Jakobshorn“ von Silvia Götschi. Bartholomäus Cadisch, der Dorfkönig von Davos, wird tot auf der Skipiste am Jakobshorn gefunden. Unfall oder Mord? Die Meinungen gehen ziemlich auseinander, mit unangenehmen Folgen. Das Davoser Matterhorn bleibt unbeteiligt: „Über dem Tinzenhorn in der Ferne hingen die verwischten Konturen eines abnehmenden Mondes. Sein blasses Licht reflektierte auf der glatten Fläche des Davosersees.“

 

Cover Mont Bisanne

Anders als das Tinzenhorn spielt der Mont Bisanne (1941 m) im zweiten Krimi von David Tanner um Antoine Kirchner, Chefreporter der Zeitung „Le Monde“, eine Hauptrolle. Im Winter ist dieser aussergewöhnliche Aussichtspunkt im Beaufortin vom Ort Col des Saisis mit einem Sessellift erreichbar, und genau an diesem Lift schwebt anfangs der Skisaison eines Morgens eine geschändete Frauenleiche zu Tal. Dass die brutale Tat in der Lokalzeitung nur einmal kurz erwähnt wird, macht den in der Normandie am Meer weilenden Kirchner stutzig. Und er macht sich auf in die tief verschneiten Alpen, in den Ort Chanterelle. Der Name ist fiktiv, genauso wie Olympiasieger Maxime Mortier aus diesem Skiresort. Aber die Story mit der unheimlichen Mischung von familiären und geschäftlichen Interessen, darin mann bzw. frau über Leichen geht, die scheint nicht an eisigen Haaren herbeigezogen. Empfehlenswerte Lektüre für die nächsten Skiferien.

Cover Adlerblut

Diese jedoch besser nicht in Berchtesgaden buchen. Denn dort lebt es sich offenbar gefährlich. Oder anders gesagt: Stirbt es sich auf unvorhergesehene Weise. Jedenfalls im Krimi „Adlerblut“ von Markus Bennemann. Die zweite Strophe aus dem Gedicht „Aroleid“ von Gottfried Keller gibt den Ton (und die Todesart) an: „Ein Berghirt hing in Todsgefahr/Am steilen Firnenrand,/Ihn stiess hinunter dort der Aar,/Wo keiner mehr ihn fand.“ Könnte man eigentlich wieder einmal ganz lesen! Hier ist das kellersche Adlergedicht.

 

Cover Steilhang

Digital da, analog dort. Die hier vorgestellten Bücher sind per Download lieferbar. So auch die Weinkrimis von Paul Grote. Für Bergliteraten empfiehlt sich „Tödlicher Steilhang“. Solch halsbrecherische Hänge streben links und rechts der Mosel in die Höhe. „Der Anstieg wurde anstrengend, das Schiefergeröll war locker, er rutschte weg – und fing sich wieder, doch als er den Kopf hob und sein nahes Ziel fixierte, rutschte er aus, wollte sich nicht am Rebstock festhalten, konnte sich sonst nirgends abstützen und fiel mit dem Gesicht auf die Steine. Es war ein harter Schlag.“

 

 

Bergsteigen ist gefährlich, das wissen wir. Rebbergsteigen offenbar auch. Weintrinken ebenfalls. Digital wär’s unproblematisch. Wirklich?

 

Martin Schlemm: Karwendelgold. Ein tödliches Geheimnis. Rother Verlag 2014, Fr. 18.-
Silvia Götschi: Jakobshorn. Emons Verlag 2014, Fr. 17.90.
David Tanner: Das eisige Herz der Mont Bisanne. Bastei Lübbe Verlag 2014, Fr. 14.90.
Markus Bennemann: Adlerblut. Ein Berchtesgaden-Krimi. Gmeiner Verlag 2014, Fr. 18.90.
Paul Grote: Tödlicher Steilhang. Mord an der Mosel. Deutscher Taschenbuch Verlag 2013, 15.90.

Sehnsucht nach den grünen Höhen

Ein Rezeptbuch gegen die Wandersucht – oder eines, das sie fördert oder beides? Der Verleger sagte an der Buchvernissage in Glarus, die siebzehn Wanderungen in diesem literarischen Führer bewegten sich im «Universum der Zopfis». Mag sein. Möge sich wer mag sein eigenes Universum erschliessen. Wandernd. Oder auf dem Sofa lesend und die Bilder betrachtend.

5. Oktober 2014

Sehnsucht_Umschlag„Von der Hochwacht aus überblicken wir einen großen Teil der Literaturlandschaft, die wir erwandert und ‚erlesen‘ haben – im Doppelsinn des Wortes: die Hügel des Zürcher Oberlandes, die Linthebene, hinter der wir den Walensee erahnen, das Glarnerland mit seinen Bergen und weit im Osten die Gipfel des St. Galler Oberlandes. Wir stellen uns vor, auf dem Aussichtsturm der Hochwacht sei nicht ein Panorama der Berge, sondern eines der Literatur montiert, mit den Namen von Autorinnen und Autoren, ihren Büchern und Geschichten.“

Genau dieses Panorama können wir seit ein paar Tagen in den Händen halten, können darin blättern, schauen und lesen. Überall, wo wir wollen, nicht nur auf der Hochwacht am Pfannenstiel östlich des Zürichsees, auch auf der Hohwacht bei Huttwil oder im Kurhaus Hohwacht ob Langnau im Emmental, im Hochbett einer Hütte oder im tiefen Keller einer Hochhauses. Am passendsten aber natürlich in der Literaturlandschaft, in die sich Christa und Emil Zopfi lesend und wandernd begeben haben. Und die nun in einem wunderbar formulierten, fotografierten und recherchierten Buch vorliegt: „Sehnsucht nach den grünen Höhen. Literarische Wanderungen zwischen Pfannenstiel, Churfirsten und Tödi.“

Wo Hermann Hesse nackt kletterte, wo Anna Göldin zur Richtstätte schritt, wo Max Frisch dem Pfannenstiel-Verehrer Albin Zollinger begegnete, wo Hans Morgenthaler fast alle Finger erfror, wo Ludwig Hohl den Ruf zum Dichter empfing und wo seine erste Freundin Getrud Luder zu Tode kam. An diesen und vielen weiteren Orten kommen wir mehr oder weniger nah vorbei, wenn wir dem Ehepaar Zopfi folgen, mit den Augen, noch besser mit den Füssen. Durchs Tösstal, am Walensee, entlang der Linth oder der Tamina. Nur an einem Tag, oder an drei Tagen hintereinander, immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln, immer mit genauen wandertouristischen und literarischen Infos und Tipps. Wichtiger noch: immer mit unglaublich vielen Begegnungen. Über fünfzig Autorinnen und Autoren begleiten uns, bekannte wie Theodor Fontane, Rainer Maria Rilke, Franz Hohler oder Eveline Hasler, doch ebenso verkannte, vergessene und vielversprechende. Einem der Literaten begegnen wir auf mehreren der 17 Wanderungen: Emil Zopfi selbst.

Wenn er uns mitnimmt ins Zürcher Oberland, dann lernen wir auch seine Gibswiler Jugendzeit kennen. Wenn er zum Tödi oder Glärnisch aufbricht, dann sind seine Bergmonografien mit dabei. Nicht aufdringlich, oh nein. Nur so en passant. Doch dieses Zurückgehen und Zurückverweisen auf die Wurzeln und den eigenen Weg macht aus diesem jüngsten literarischen Wanderbuch aus dem Rotpunktverlag ein ganz besonderes.

„Wandern kann süchtig machen“, schreiben Christa und Emil Zopfi in der Einleitung. Lesen ebenfalls. „Die Sehnsucht ist unstillbar.“ Das auch. Aber nun halten wir – aufgeklappt – ein Werk in den Händen, das sie lindert.

Christa und Emil Zopfi: Sehnsucht nach den grünen Höhen. Literarische Wanderungen zwischen Pfannenstiel, Churfirsten und Tödi. Rotpunktverlag, Zürich 2014, Fr. 45.-

Buchpräsentationen:
24. Oktober 2014, 20.30 Uhr. Zürich, Buchhandlung Orell Füssli am Bellevue.
8. November 2014, 16.00 Uhr. Brig, Alte Kaserne. BergBuchBrig.
20. März 2015, 20.00 Uhr. Urdorf, Gemeindebibliothek, Friedofstrasse 4.

Ausgeträumt

Zwei Bikes waren uns zum Testen überlassen worden. Nur die passende Tour musste noch gefunden werden. Im Zigerschlitz, wo das Wort „flach“ selten passt, wurden wir fündig. Doch etwas lag in der Luft.

© Annette Frommherz

Lachengrat 09 2014 (2)

30. September 2014

Von Näfels aus ging es gleich zur Sache, also hinauf. Kontinuierlich steil führte uns das Strässchen zum Obersee, in dem sich die schroffen Hänge spiegelten, die wir noch vor uns hatten. Ich hätte allen Grund gehabt, mich über den Sonnentag zu freuen: Kaum ein hämisches Wölklein hing am Himmel, die Luft war perfekt temperiert, mein Liebster wohl gelaunt. Und doch: Etwas trübte die Lage meines Gemütes.Lachengrat 09 2014 (7)
Entlang dem Obersee erprobten wir unsere Bikes der neuesten Generation. Die Gangschaltung war vom Feinsten. In allen Variationen testeten wir sämtliche Gänge, nachdem wir bis hierhin nur die zwei niedrigsten Einstellungen gebraucht hatten. Ich dachte an meinen treuen Drahtesel, der heute zu Hause bleiben musste und sich bestimmt schämte, weil er kein Neunundzwanzig-Zoll-Bike war.
Bis zur Lachenalp wurde der Weg, nun auf Kies, noch steiler. Zeitweise schoben wir unsere Räder. Isch öppis? fragte mein Liebster. Ich schüttelte den Kopf. Lachengrat 09 2014 (17)Was wollte ich ihm, einem Mann, denn sagen? Aber es nagte in mir. Der Lachengrat lag direkt vor uns – oder besser: über uns. Ich blinzelte in die Sonne und tat, was getan werden musste: Ich hob, wie der Mann vor mir, das Carbongestell hoch und buckelte es mit schweren Beinen den Hang hinauf. Die Mühe war es wert. Oben auf dem Lachengrat warfen wir unsere Blicke auf sämtliche lohnenden Seiten. Ein Jäger sass gut getarnt neben uns auf Grasbüscheln, streichelte mit der einen Hand seinen Hund und hielt mit der anderen sein Handy ans Ohr. Ich hörte ihn sagen: „Das chasch grad vergässe, es hätt hüt viel zvill Lüüt.“ Zwar erspähten wir keine weiteren Homo sapiens, doch zugegebenermassen auch kein Wild.
Die Glarner Gipfel reckten ihre Häupter. Alles hier schien makellos und rein. Alles hätte perfekt sein können. Und doch gab es mir einen kleinen Stich ins Herz. Mein Liebster schaute nichts ahnend hinab zum Klöntalersee, der wie ein schwarzes Loch in der Tiefe lag. Lachengrat 09 2014 (19)Wir zurrten unsere Helme fest. Der Lohn für den nahrhaften Aufstieg stand uns bevor. Beinahe zehn Kilometer bis zum See ging es nur abwärts. Der Sattel meines Bikes liess sich bequem per Hebelschaltung höher und niedriger einstellen. Welcher Luxus! Wir sausten die Strecke hinunter, Längenegg, Chängel, Lauiboden und Schwändeli flogen an uns vorüber. Entlang dem Ufer des Klöntalersees schauten wir hinüber zu den senkrechten Wänden des Glärnischmassivs. Schon zeigten die ersten Bäume ihre bunte Herbstkollektion, aber ich beachtete sie nur flüchtig. Ich ahnte es in meinem Innersten: Es war beschlossene Sache. Wehmut legte sich schwer auf meine Brust. Ich seufzte. Lachengrat 09 2014 (37)Die letzte Wegstrecke führte uns über Netstal zurück nach Näfels, wo ich mir schwor, niemals (niemals!) wieder auf einen Frauensattel zu verzichten.
Wir verluden die Räder in den Wagen, schütteten Wasser in die durstigen Kehlen und fuhren uns durch die zerzausten Haare. Eine schale Traurigkeit breitete sich in mir aus. Nichts würde mehr sein, wie es gewesen war.
Wieder daheim, beschlossen wir, müde zu sein. Am anderen Morgen dann die traurige Gewissheit: Er hatte es tatsächlich getan. Clooney, der George aller Frauen, ist nicht mehr zu haben.

Von nun an geht’s bergauf

Wolfgang Schaub ist nicht der einzige Rentner, der sich bei seiner Pensionierung sagte: von nun an geht’s bergauf. Und das hat er wortwörtlich gemeint. Auf die höchsten Spitzen Europas. Dass dabei auch ein Buch entstanden ist, zeigt wieder einmal: die grauen Panter sind im Kommen!

26. September 2014

Cover bergauf„Von nun an wird es immer bergauf gehen, verhalten zwar, aber hartnäckig, und vor allem oft in Gegenden, in die sich kein normaler Bergsteiger verirrt. Dabei werde ich immer wieder fragen: Was will ich hier? Was ist ein Berg? Was ist Höhe? Was ist ein Staat? Wo verlaufen seine Grenzen? Was ist überhaupt Europa? So ist es weniger ein Anliegen dieser Sammlung, Berge und Anstiegsrouten zu beschreiben, als vielmehr über Erlebnisse und Kuriositäten auf dem Weg zu merkwürdigen Ländern und Gebieten zu berichten. 130 Ziele sind es insgesamt. Ein paar davon werde ich herausgreifen.“

Wir auch. Zum Beispiel die höchsten Berge der 47 Staaten Europas. Gipfel wie Mont Blanc (beanspruchen gleich zwei Nachbarländer der Schweiz), Grossglockner und Zugspitze (ebenfalls Höhepunkte zweier anderer Nachbarländer, Triglav (Slowenien) oder Pic Alt de la Coma Pedrosa (Andorra). Anhöhen wie Gora Itschka (259 m; Top vom europäischen Teil Kasachstans) oder Møllehøj (170,86 m; Ejer Bavnehøj und Yding Skovhøj galten ebenfalls mal als „Gipfel“ von Dänemark). Eine Wegecke wie der Chemin des Révoires 24 für Monaco; von dort geht’s noch weiter bergauf – in Frankreich.

Statt Briefmarken oder Münzen sammelte der Pensionär Wolfgang Schaub lieber Berge. Auf seiner Suche nach einem geeigneten Rentnerprogramm zog und zieht es ihn auf die höchsten Punkte aller irgendwie politischen Gebilde Europas. Die offiziellen Staaten natürlich. Aber auch die autonomen oder halbautonomen Territorien, Zollausschussgebiete, Enklaven, Inseln, Theokratien (wie im griechischen Athos), souveräne Militärbasen usw. Ein Sammelsurium an Kulminationspunkten in Meter und Dezimeter, an Geschichte und Geschichten. Nachzulesen auf Schaubs Webseite www.gipfel-und-grenzen.eu und in seinem Buch „Von nun an geht’s bergauf“. Darin beschreibt er eher die ausgefallenen als die bekannten höchsten Höhen. Peña Trevinca in Galicien, Pinneberg auf Helgoland, Beerenberg auf Jan Mayen, Wyschka in Tschuwaschien, der namenlose höchste Punkt von Udmurtien. Zum Glück für Schaub – aber bei einem richtigen Sammler vielleicht auch leider – ist das Suworow-Denkmal in der Schöllenenschlucht weder eine Exklave Russlands in der Schweiz noch stellt es ein exterritoriales Gebiet dar. Das Grundstück gehört einfach dem russischen Staat. Das Denkmal wäre auch nicht so leicht zu besteigen, obwohl es vom Zugangsweg nur bergauf geht.

Wolfgang Schaub: Von nun an geht’s bergauf. Über Pinneberg und Pico auf die Gipfel Europas. Malik Verlag, München 2014, Fr. 29.90.

Der Simmentaler Giel

Es gibt sie noch, auch in jüngerer Gestalt: Eingeborene, die so treffend ins Landschaftsbild passen wie ein Alpaufzug am Berg. Mir ist ein solcher Einheimischer begegnet. Ein waschechter Giel eben.

© Annette Frommherz

Lenk Wildhornhütte 09 2014 (28)

25. September 2014

Der Giel, also ein junger Mann, ist in diesem Falle ein Mittzwanziger. Meine Nichte hatte ihn vor nicht allzu langer Zeit angelacht, und seither gehen sie gemeinsam des Weges. Im hintersten Dorf des Simmentals haben sich die Beiden ein Nestchen eingerichtet; dort, wo der Giel geboren und aufgewachsen ist. Während meine Nichte dem Tourismus unter die Arme greift, arbeitet der Giel als gestandener Handwerker.
So weit, so gut. Gestern noch wanderten meine Nichte und ich von der Iffigenalp aus auf die Wildhornhütte. Lenk Wildhornhütte 09 2014 (57)Die Regenwand hatte sich nachmittags bedrohlich dunkel vor uns erhoben, liess aber die schweren Tropfen erst niederprasseln, als wir bereits wieder im Trockenen sassen. Tags darauf, es war Sonntag, baten im Dorf die Glocken zum Kirchgang. Wir hingegen assen weiter von der feinen Züpfe und spielten „Wer bin ich“ (ich war Pippi Langstrumpf, meine Nichte irgendein norwegischer Langläufer und der Giel Barack Obama). Als wir später auf den Betelberg gondelten, schob die Sonne die Wolken gespenstisch vor sich her. Der Alprundweg bot am Gebirgskamm eine Kraterlandschaft, als würde man den Mond betreten. Trichterförmige Vertiefungen, sogenannte Dolinen, die als wertvolle Biotope gelten, wie ich auf den Tafeln des Erlebnispfades lesen konnte.Lenk Wildhornhütte 09 2014 (62)
Wie wir so des schmalen Pfades liefen, vernahm ich hinter mir ein Räuspern, ein leises Summen, und gleich darauf floss eine volle Stimme in den späten Sommertag:
Nur eis Blüemli cha Freud mache / nur eis Wort, das länget scho / es bruucht bestimmt nid grossi Sache / es muess eifach vo Härze cho / ts allerchlinschte Örtli zeigt / ts Gröscht, wos git, isch Dankbarkeit. Der Giel sang die Strophe aus tiefstem Herzen und hängte einen Jodel an. Ich setzte mit ein. Die Hände in den Hosentaschen und den Blick über die Moorlandschaft schweifend, hatte der Blondschopf Zeit und Musse für sich gepachtet.
Lenk Wildhornhütte 09 2014 (64)Apropos Zeit: Wenn den Gielen und Modis im Simmental die Arbeit bis zum Halse steht, so nennen sie das „z Füdle vou z tüe“, was ich aus Gründen politischer Korrektheit nicht ins saubere Deutsch übersetzen möchte. In städtischen Gebieten und in der Agglomeration wird das karge Wort „Stress“ verwendet. Das hört sich im Vergleich zum Berner Ausdruck weder melodisch noch dramatisch an, sondern einfach nur einsilbig und fade. Aber zurück zum Giel, der nun die nächste Strophe zum Besten gab:
I tarf läbe i de Bärge / i cha da deheime sy / uf däm Fläckli Heimaterde / darfsch du säge, du bisch mi / drum bi i o gärn bereit / um dir z zeige Dankbarkeit. Hätte er dazu die Schweizer Fahne geschwungen, mich hätte es nicht gewundert.
Zurück in der warmen Stube, gab er noch eins drauf. Lenk Wildhornhütte 09 2014 (65)Darf ich? fragte er und zog unter dem Tisch ein Schwyzerörgeli hervor. Er durfte, gerne. Und während ich seinen flinken Fingern zusah und der Polka lauschte, sinnierte ich darüber nach, mit welch grosser Heimatliebe der Giel hier ausgerüstet war. Doch eigentlich fehlt mir die Zeit, dies alles niederzuschreiben, denn ich habe noch z Füdle vou z tüe.

Lied “Dankbarkeit” von Franz Stadelmann (Schweizer Jodler, Komponist und Volksmusikant)

Grande Traversata delle Alpi

GTA – die grosse Alpentraversierung. Das klingt ein bisschen nach Hannibal, der es zwar nicht vom Monte Rosa bis zum Apennin schaffte. Eine Elefantentour ist es jedenfalls, laut den besprochenen Führer- und Bildbänden. Unser Rezensent sucht übrigens noch Begleiter für seinen Pensioniertentrip. Bitte auf der Redaktion melden! Start in fünf Jahren.

17. September 2014

Lieber Daniel
Herzlichen Dank für die Rezension der GTA-Führer in „Die Alpen“.
Da die Nachfrage nach diesen beiden Führern konstant hoch ist (ca. 1000 Exemplare werden pro Jahr pro Band verkauft), haben wir inzwischen einen Rhythmus von (alternierend) einer Neuauflage pro Jahr – auf diese Weise ist die Aktualität stets gesichert.
Ich lege Dir die 3. Aufl. des Nord-Teils bei. Die 3. Aufl. des Süd-Teils wird gerade gedruckt; ich kann Dir dann gerne ein Exemplar geben. Preis übrigens: DM/sFr. 28.-
Herzliche Grüβe
Werner

Cover Bätzing AlpenSchrieb mir am 6. März 1995 Werner Bätzing, damals noch Professor am Geographischen Institut der Universität Bern an der Hallerstrasse im Berner Länggass-Quartier. Im gleichen Jahr erhielt er einen Ruf an die Universität Erlangen-Nürnberg, an der er bis zu seiner Pensionierung im Sommer 2014 als Professor für Kulturgeographie tätig war. Diese Daten entnehme ich der Festschrift für Werner Bätzing zum 65. Geburtstag, die unter dem Titel „Leben in den Alpen. Verstädterung, Entsiedlung und neue Aufwertungen“ im Frühling 2014 im Haupt Verlag am Falkenplatz im gleichen Berner Quartier erschienen ist. So schliesst sich wieder ein Kreis, oder vielleicht besser: So führt ein Weg ans Ziel. Und der bekannteste von Bätzing ist natürlich die GTA.

Die Grande Traversata delle Alpi verläuft auf der piemontesischen Innenseite des riesigen Westalpenbogens vom Monte Rosa zum Apennin. Die grosse Durchquerung dieser italienischen Alpen führt durch Regionen, in denen wegen des starken Bevölkerungsrückgangs traditionelle Lebens- und Wirtschaftsweisen vom Aussterben bedroht sind. Angepasster (Wander-)Tourismus bremst die weitere Abwanderung; deshalb liegen die Unterkünfte meistens nicht in den Bergen, sondern in den Dörfern. Auch wurde die GTA nicht neu erstellt; sie benützt im Gegenteil Bergbauern- und Almpfade, alte Saumwege und Militärstrassen. Die GTA kann „ein Urlaubserlebnis vermitteln, das heute ziemlich selten geworden ist, nämlich die Entdeckung einer grossartigen hochalpinen Landschaft ohne Massentourismus“: So Bätzing im ersten Vorwort zu seinen GTA-Führern. Sie erschienen erstmals 1986; für die neue Ausgabe im Zürcher Rotpunktverlag im Jahre 2003 hat er sie vollständig überarbeitet. Insbesondere nahm er im Norden einen neuen Zugang aus der Schweiz zur GTA, und im Süden beschrieb er erstmals die Strecke bis ans Mittelmeer. Nufenenpass – Ventimiglia zu Fuss: was für ein Weg! Wer immer ihn ganz oder auch nur teilweise begehen will: Die beiden Bätzing-Führer gehören dazu wie gute Wanderschuhe. Man kann die GTA allerdings auch nur lesen – so spannend schreibt Bätzing über die Berge.

Cover Bildband GTAUnd man kann sie auch nur anschauen. Als erster hatte Eberhard Neubronner 1992 die GTA mit dem Bildbandführer „Der Weg. Vom Monte Rosa zum Mittelmeer“ visuell vorgeführt; die Neuauflage kam 2006 heraus. Nun liegt seit dem 7. März 2014 ein neuer, grandioser Bildband aus dem Rother Verlag vor: „Grande Traversata delle Alpi. Durch die ‚vergessenen‘ Täler des Piemont“ von Iris Kürschner und Dieter Haas. Die beiden haben auch die GTA-Rother Wanderführer verfasst. Aber wer sich so richtig in diese einmalige Weitwanderung einstimmen möchte, sollte zu diesem Bildband greifen. Ich jedenfalls mach das immer wieder. Und nach meiner Pensionierung in genau fünf Jahren starte ich an der Nufenenpassstrasse und trekke 67 Etappen, 900 Kilometer und 62‘000 Höhenmeter weit bis hinunter ans Meer. Wer kommt mit?

Iris Kürschner, Dieter Haas: Grande Traversata delle Alpi. Durch die „vergessenen“ Täler des Piemont. Rother Verlag 2014, Fr. 55.90
Tobias Chilla (Hg.): Leben in den Alpen. Verstädterung, Entsiedlung und neue Aufwertungen. Festschrift für Werner Bätzing zum 65. Geburtstag. Haupt Verlag 2014, Fr. 48.-