Ein Sommerabend auf dem Balkon

Der Balkon ist wohl zweihundert Meter lang, zwanzig breit. Phantastischer Blick auf die Berge und den See. Was will man mehr? Kleine Reise in die Vergangenheit.

27. Juni 2017

Wir sind dem Wasser entstiegen, wie einst das Leben. Kühl, trotz grosser Hitze. Schon beim Schwimmen haben wir hinaufgeschaut, hoch oben der Balkon, an die gelbgraue Wand geklebt, noch immer im Sonnenglast. Übermorgen ist der längste Tag. Und ich wollte das noch einmal erleben. Einen Sommerabend auf der Galerie. Wie damals, wie in unvergesslichen Tagen.
Das Thermometer bei den Eisenklammern am Zustieg zeigt noch immer dreissig Grad. (Wer hat das eigentlich an die Wand geklebt?) Kein Mensch zu sehen, ist ja wohl klar. Bei dieser Hitze! Trotzdem wundern wir uns, gab es doch eine Zeit, wo «mann/frau» sich traf, an Sommerabenden nach der Arbeit oder dem Baden. Damit es sich anfühlt wie damals, haben wir ein Auto gemietet. Sonst kommen wir im Sommer am Morgen, wenn der Balkon noch im Schatten liegt, die Wand dahinter ausgekühlt. Nur selten Kletterer am Werk. «Triathlon» nennen wir solche Expeditionen. Wir kommen mit dem Bus, wandern die Strasse hinab, klettern, wandern weiter zum Seeufer, Lago Mio, Sprung ins Wasser. Wandern, klettern, schwimmen.
Heute jedoch sind wir aus dem Wasser gekommen, während der ersten Route sind unsere Körper noch frisch. Dann staut sich die Hitze. Trotz Schatten. Roter Kopf, schweissige Hände. Wir bleiben allein. Ein Spinner wohl, der nicht anders kann. Läuft dem Vergangenen hinterher, mit seiner geduldigen Begleiterin. Engelsgeduldig. Doch alles muss stimmen. Und stimmt doch nicht. «Die alten Strassen noch …» Wir denken an die Freunde, Freundinnen, die jetzt anderswo sind. In einer Hütte, hoch im Gebirge vielleicht. Der Mürtschenstock im Abendlicht gegenüber, er steht wie immer. Bleibt uns treu, bleibt uns verbunden. Ein Satz fällt mir ein. «Melancholie ist die Schwester der Nostalgie.»
Dann wandern wir durch den Wald hinab, die Luft noch immer drückend, schwül. Hoffentlich keine Zecken, diesmal! Das Bad im See frischt auf. Dann noch eine winzige Enttäuschung. Die Küche im Lago Mio ist geschlossen, keine Bratwurst mehr auf dem Grill. Ein letzter Nussgipfel noch zum Bier, nicht ganz stilecht und schon ein bisschen trocken. Nochmals schwimmen, Kaffee. Dann ins Auto, heimwärts.

Gipfelziele

Es gibt Leute, die sammeln Gipfel wie andere Briefmarken. Viertausender die einen, Hügel die andern (zum Beispiel Pedro Lenz). Dabei geht es weder um Höhenmeter noch um Sinnfragen. Der Weg ist das Ziel. Virtuellen Gipfelstürmern genügt es auch, die Routenbeschreibung zu lesen und die Bilder zu betrachten.

21. Juni 2017

??.06.16
1st in 2016!
or, more likely, first who
could get the pen to work

Eintrag von R. B. (die ganze Unterschrift ist kaum lesbar) im Gipfelbuch des Nufenenstock (2866 m) in den westlichsten Tessiner Alpen, vielleicht genau heute vor einem Jahr geschrieben. Das vollständige Datum ist nicht mehr zu entziffern: Kleine „Gipfelbewohner“ konnten am Buch nagen, da der Gipfelbuchbehälter Löcher aufweist. Ich selbst trug mich am 22. August 2016 ein – eine Erkundungstour für die Neuauflage meines ersten Wanderführers „Gipfelziele im Tessin“, die Thomas Bachmann und ich gemeinsam erwandert und erarbeitet haben.

336 Seiten, 266 Farbfotos, 178 Gipfel, 88 Touren, 77 Hütten, 36 Routenskizzen, 11 Kapitel, 4 Jahreszeiten, 2 Autoren, 1 Sehnsucht. Gibt zusammengezählt 999 – also tausend Mal das Tessin. Von oben halb im Urnerland bis ganz unten zum südlichsten Gipfel und Ristorante der Schweiz. Von ganz links am Walliser Rand bis rechts gegen Italien. Vom höchsten Hoger, dem Rheinwaldhorn, bis zum tiefsten, dem Burghügel mitten in Bellinzona. Dieses Wanderbuch stellt mit viel Hintergrund und allen nötigen Infos Traumwege und -ziele in Helvetiens Sonnenstube vor. Damit wir dem auf der Alpennordseite doch immer wieder vermissten Himmelsgestirn etwas näher kommen, gibt es bei jeder Tour eben mindestens einen Höhepunkt zu erwandern. Anders gesagt: Vor der Pizza auf der Piazza immer noch ein Pizzo! Aber auch wer einzig am Lido von Ascona hocken oder gar nur vom Ticino träumen will, kommt mit diesem handlichen Führer weiter.

Der Schweizer Alpen-Club geht fremd. Zum ersten Mal in seiner 154-jährigen Geschichte veröffentlicht der SAC einen Führer für eine Region ausserhalb der Schweiz. Der neue Alpinwander-Führer „Ossola“ stellt 50 überaus lohnende Ein- und Mehrtagestouren im Dreieck Nufenenpass, Monte Rosa und Centovalli vor, mit der Stadt Domodossola als Angelpunkt. Die beiden bestens bekannten Autoren Remo Kundert und Marco Volken beschreiben vor allem Gipfel und Pässe, aber auch Schluchten und Hütten im wilden Stück Piemont zwischen den Kantonen Wallis und Tessin. Ein Terrain par excellence für wunderbar würzige Alpinwanderungen in den Schwierigkeiten T2+ bis T6-, präsentiert mit allen wichtigen Infos und wuchtigen Farbfotos. Und mit Hintergrundgeschichten zu Blumen und Walsern, zum Nationalpark Val Grande und Eiskessel des Monte Rosa, zu heiligen Bergen und vergessenen Transitrouten zwischen der Schweiz und Italien. Nichts wie los ins Ossola, das ja vor der Haustüre liegt – nur 1 Stunde und 38 Minuten braucht der Zug von Bern nach Domodossola. Mehr noch: Das Ossola verbindet den tiefsten und den höchsten Punkt der Schweiz – den Lago Maggiore und die Dufourspitze.

Auf sein Urteil ist Verlass! Auf Leslie Stephen, Erstbesteiger des Blüemlisalphorns, Verfasser des wegweisenden Alpenbuches „The Playground of Europe“ (1871) und Vater von Virginia Woolf: „Weder Chamonix noch Zermatt können sich, meiner Meinung nach, mit der Grossartigkeit und Genialität des Entwurfes des Berner Oberlandes messen.“ Und er dachte dabei natürlich an Eiger, Mönch & Schreckhorn. Aber zwischen Sanetsch- und Sustenpass erheben sich noch ein paar andere markante Gipfel. Das auf dem Beatenberg wohnende Führerpaar Sabine und Fredy Joss stellen im handlichen Alpinwander-Führer „Berner Oberland“ 40 meist unbekannte Gipfelzieltouren vor, mit Kärtchen, genauen Infos und tollen Fotos. Und im Anhang mit Hintergrundinfos zu Natur und Kultur. Aber aufgepasst: Wer schon beim Aufstieg zum Schloss Thun mit Atem- und Schwindelbeschwerden zu kämpfen hat, wird die hochspannenden, oft auch schwierigen Ausflüge aufs Spitzhorn bei Gsteig und aufs Spitzhorn bei Lauterbrunnen, auf den Roten Totz, das Rothorn oder den Rotstock nicht wirklich geniessen können.

Sommerzeit = Hochtourenzeit. Bei diesen Temperaturen wie jetzt während der Sommersonnenwende locken die ganz hohen Gipfel der Alpen erst recht, auch wenn die Nullgradgrenze über 4000 Meter steigt. Aber 0° ist nicht 30°, und am sehr frühen Morgen, wenn der über Nacht gefrorene Firn vielleicht gar noch unter den Steigeisen knirscht, wird man froh um Windjacke, Handschuhe und Mütze sein. Wie man nun am besten, sichersten und auch am gäbigsten auf über 4000 Meter hohe Gipfel kommt, zeigt uns Caroline Fink mit „Leichte 4000er Alpen. Die Normalwege auf 35 hohe Gipfel vom Dôme de Neige bis zum Piz Bernina“. Faszinierende Fotos, hautnah recherchierte Hintergrundtexte, meter- und minutengenaue bergtouristische Infos, Detailkarten und Höhenprofile machen den Führer zum idealen Begleiter für all die kühlen Höhen von A wie Aletschhorn (4193 m) bis Z wie Zumsteinspitze (4562 m). 35 hohe Gipfelziele werden vorgestellt, das sollte reichen für diesen Sommer. Und wenn nicht, dann können einige von ihnen im Frühling auch bestens mit Ski bestiegen werden.

Aber der Schweizer Schriftsteller Pedro Lenz wird wohl weder die Ski noch die Steigeisen an die Schuhe schnallen werden. Der Zeitschrift „Made in Bern“, die der „SonntagsZeitung“ vom 18. Juni 2017 beilag, verriet er: „Ich bin eher der Hügel- als der Bergtyp. Viertausender machen mich unruhig.“

Daniel Anker, Thomas Bachmann: Gipfelziele im Tessin. 88 Wanderungen zwischen Gotthard und Generoso. Rotpunktverlag, Zürich 2017, Fr. 42.-

Marco Volken, Remo Kundert: Alpinwandern Ossola. Zwischen Lago Maggiore, Nufenenpass und Monte Rosa. SAC Verlag, Bern 2017, Fr. 49.-

Sabine und Fredy Joss: Alpinwandern/Gipfelziele Berner Oberland. Vom Saanenland bis zum Sustenpass. SAC Verlag, Bern 2017, Fr. 49.-

Caroline Fink: Leichte 4000er Alpen. Die Normalwege auf 35 hohe Gipfel vom Dôme de Neige bis zum Piz Bernina. Bruckmann Verlag, München 2017, Fr. 26.90.

Rund um den Mürtschen

Der Mürtschen ist unser Kailash, immer mal wieder wandern wir rundum. Ob’s zur Erleuchtung reicht, ist nicht sicher. Bestimmt aber zur Erbauung und Ermüdung.

19. Juni 2017

«Nach der 13. Umrundung des Kailash bekommt der Pilger Zutritt zur inneren Kora. Vorgebliches Ziel jedes Buddhisten sei es, den Kailash 108-mal zu umrunden. Wer dies schafft, der erlangt nach buddhistischer Lehre die unmittelbare Erleuchtung.» (Wikipedia.)
Wir sind keine Buddhisten und glauben an keine Heiligen, doch der Berg, an dessen Fuss wir 21 Jahre lang lebten (also heilige 3 mal 7 Jahre), ist und doch so etwas wie heilig geworden. Mindestens einmal im Jahr hinauf und einmal rundum, damals. Heute mit einem Freund aus Kolumbien, der gut zu Fuss ist. Seine tägliche Trainingsstrecke im 2640 Meter hohen Bogotà beträgt 400 Höhenmeter.
Durch Obstalden und rasch an unserem ehemaligen Haus vorbei, ein Blick in den Garten, der gepflegt erscheint und für Kinder mit allerhand Spielgerät ausgestattet, aber verlassen wie der Rest des Dorfes. Sonntagmorgen, schon wird es heiss. Der Aufstieg zum Glück zum Teil durch Wald, fällt auch leicht durch Gespräche, Erinnerungen. Lange Geschichten verbinden uns.
Im Beizli auf dem Hüttenberg meldet sich auch niemand auf unser Rufen, gern hätten wir Steffi begrüsst. Die Wähe steht bereit und duftet, eine Tafel verkündet, das Beizli sei offen ab irgendwann bis 18 Uhr. Vielleicht ist sie am Heuen in den Hängen oben, wo eine Mähmaschine rattert und wir einst unsere Schwünge in den Pulverschnee zogen.
Kleiner historischer Exkurs auf der Meerenalp für Damen aus Konstanz, deren Führer auch nicht weiss, dass hier Internierte Dienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg rodeten und Kartoffeln pflanzten. Staunend betrachten sie die eingemeisselte Inschrift auf einem Felszacken, wundern sich auch über den Fehler in der Rechtschreibung: Alprhodung.
Statt der Geschichte widmen wir uns dann der Botanik. Wie unterscheidet man Germer und gelben Enzian? Sie blühen noch nicht, dafür viel Knabenkraut und blauer Enzian und viel Weiteres, Buntes rund um den Robmen. Wie unterscheiden sich Arven und Föhren? Das ist später, gegen Obermürtschen, die Frage. Zur Mürtschenfurggel hin, dem höchsten Punkt der Wanderung, interessieren uns Gesteine. Kalk, Karst, Urgestein, Verrucano.
Die Wanderung rund um den Mürtschen ist ein Gang durch Naturwunder, eine Anbetung der Schöpfung in ihrem eigenen Namen, ohne Priester oder Heilige. Die Erleuchtung ist das Erlebnis selbst.
Nun also bergab, die Knie spüren es, doch die Stöcke bleiben im Rucksack. Wir schaffen das noch immer. Wir bewundern eine vielfarbige Viehherde, schwarz, braun, weiss, gross und klein, bunt gemischt, ein Symbol friedlicher Koexistenz. Unser freund filmt und freut sich am klingenden Konzert der Kuhglocken. Wenn den Auslandschweizer in Bogotà das Heimweh übermannt, wird er zum Smarthphone greifen und dem Glockengeläut der friedlichen Schweizer Kühe lauschen.
Kurze Rast im Beizli am Talsee, wo wir auch Susanne noch begrüssen können, die Mutter der Wirtin. Die mir auch noch das Du anbietet, eine Ehre für den Zu- und wieder Wegzüger. Der nun wieder wegzieht, mit dem Bus nach Näfels hinab, wo es im Kiosk feine einheimische Glacé gibt.

Klausenpass

Pässe verbinden, man weiss es. Täler, Siedlungen, Kulturen. Über Pässe wird gestritten, gewandert, gerast, geradelt. Der Klausenpass, man darf es wohl sagen (z.B. als Glarner), ist etwas Besonderes. Ein schönes Buch wert also, auch das verbindet: Geschichte und Gegenwart einer einzigartigen alpinen Landschaft.

16. Juni 2017

„Mittwoch, 17. Juli 1946:
Die erste Tour de Suisse nach dem Weltkrieg führt über den Klausen und den Gotthard.
Die 5. Etappe der Tour de Suisse führt von Zug nach Lugano (215 km) erstmals über den Klausen und zum wiederholten Male wieder über den Gotthard. Auf beiden Pässen erscheint als erster Gino Bartali, der auch Etappe und Gesamtwertung gewinnt.“ Ist unter http://www.urikon.ch/UR_Sport zu lesen.

Die Tour de Suisse des Jahres 2017 führt weder über Klausen noch Gotthard, aber Alpenpässe sind natürlich einige zu meistern, vorgestern Mittwoch der Simplon, gestern Donnerstag San Bernardino und Albula. Wer mit dem Rad gerne Pässe befährt, wird um den Klausenpass (1948 m) zwischen Linthal und Altdorf keine Kurve machen können, und wer dies lieber motorisiert mit zwei bzw. vier Rädern tut, erst recht nicht. Die langen Geraden auf beiden Seiten, viel mehr aber noch die kunstvollen Kurven auf der Glarner Seite der im Jahre 1900 eröffneten Passstrasse fordern zum rassigen Fahren geradezu heraus. Doch bis das möglich war, dauerte es mehrere Jahrzehnte. Da hatten die Bergbauern, vor allem die aus dem Urnerland, mit ihren Vierbeinern schon längst, nämlich seit dem Mittelalter, von den saftigen Weiden zwischen Schächentaler Windgällen und Clariden Besitz ergriffen.

„Die Klausenstrasse gehört zu den technisch anspruchsvollsten Alpenpassstrassen der Schweiz und erschliesst eine atemberaubend schöne Landschaft. Die Besonderheit der Klausenstrasse liegt in der fast durchgängigen Besiedlung und der Nutzung als Bergrennstrecke von 1922 bis 1934“, schreibt Marion Sauter in ihrem geschichtlichen Bildband zur Erschliessung des Klausenpasses. „Saumpfad – Lini – Speedway“ lautet der Haupttitel dieses tiefgründig getexteten, wunderbar mit alten und neuen Schwarzweissfotos bebilderten und sorgfältig editierten Buches. Urner Alpwirtschaft, Glarner Textilindustrie, Tourismusgeschichte, Militärstrategie – all das hat Platz im querformatigen Buch. Eine Augenweide sind die historischen Aufnahmen von Michael Aschwanden, oft gespiegelt mit aktuellen des Urner Fotografen F.X. Brun. Das Gasthaus zur Post in Spiringen zum Beispiel: links noch ungeteert die Passstrasse beim Gasthaus, Personen, wohl die Wirtsfamilie, sitzend an zwei weiss gedeckten Tischen unter einem mächtigen Baum; rechts das heutige Gasthaus, hinter kleinen Bäumen wohl der Garten, draussen an der breiten Asphaltstrasse drei Schilder: „Seniorenmenu 17.-“, „Feine Zuger Kirschtorte“ und „Biker Herzlich Willkommen.“

Irgendwie amüsant auch die Geschichte des Grenzsteins zwischen den Kantonen UR und GL auf dem Urnerboden. Aschwandens Foto von 1900 zeigt den Stein freistehend neben der Strasse, nebenan zwei Bergbewohner, die sich die Hand geben, vielleicht ein Urner und ein Glarner; eine Lawinen riss das Monument jedoch 1917 mit. Der Stein wurde auf die andere Strassenseite gezügelt und mit einer Stützmauer geschützt. In Sauters Buch sehen wir ihn auf einer Postkarte mit Rennauto: Speedway eben. Tempi passati. Umso schöner, dass solche Publikationen Geschichte und Gegenwart gekonnt verbinden und aufleben lassen.

Marion Sauter: Saumpfad – Lini – Speedway. Die Erschliessung des Klausenpasses. Edition Typundso, Emmenbrücke 2016. Fr. 69.- Bestellung unter: klausenbuch@edition-typoundso.ch

In der Pfalz

Heisse Tage im sagenhaften Sandsteinfelsenland. Auf Himmelsleitern hoch über weiten Wäldern.

13. Juni 2017

«Ich geh in mei Palz un trink Wei.» Ich erinnere mich nicht, woher ich dieses Lied kenne, aber es geht mir dauern durch den Kopf. Doch wir sind nicht wegen dem Pfälzer Wein hergekommen, sondern wegen den Felsen, den bizarr geformten rötlichen Sandsteingebilden, die da und dort aus den Wäldern ragen, die sich über die Hügel dahinziehen. Manchmal ist es Kein Fels, sondern ein Schloss oder Fels und Burg in einem, wie beim Drachenfels, an dem wir am Morgen kletterten.
Nachmittags klettern wir am Heidenpfeiler, mit 60 Metern höchste Wand des Gebiets, ziemlich direkt der brennenden Sonne ausgesetzt. Hie und da ein kühler Lufthauch. Muss ja sein, auf einer Route, die Himmelsleiter heisst, ein «Pflichtklassiker» gemäss Führerbuch. Das ist so dick wie ein Altes Neues Testament zusammen. Hunderte Routen also und keine leichte darunter, sagt Robert.
Die erste Seillänge der Himmelsleiter ist weder Leiter noch himmlisch, ziemlich vermoost, wird wohl kaum mehr geklettert, trotz Pflicht. Zu deren Erfüllung genügen offenbar die zwei oberen Seillängen, wo es dann immer luftiger wird. Die erste zu Beginn auch noch moosig, Griffe und Tritte jedoch geputzt – hoffentlich keine seltenen Moose! Dann steilt sich die Sache auf, wird krass überhängend und ausgesetzt und streng. Es scheint, dass in der Pfalz alle Routen mit unmöglichen Überhängen enden durch Risse führen, die einem schon beim Hinschauen Angst machen. Gut ist Freund Robert ein in zig Bigwalls erfahrener Friend- und Keileleger. Das geht so schnell, ich kann kaum zuschauen, wie er die Geräte setzt. Muss dann auch nicht vorsteigen, da ich immer die Ausrede finde, die Sicherungen herausholen gehe im Nachstieg besser.
Während wir also auf der Felsenleiter dem Himmel zustreben, wacht am Wandfuss Roberts Hund über unsere Rucksäcke und verbellt von Zeit zu Zeit Räuber und friedliche Kletterer oder Wanderer. Zur Strafe muss ihm Robert am Abend ein paar Dutzend Zecken aus dem Fell holen – wir sind zum Glück verschont geblieben.
Verbellt wurde übrigens auch Robert am Morgen, nicht von einem Hund, sondern von einem Kletterer, der auf sein Magnesiasäcklein zeigte: «Magnesia ist hier nicht erlaubt!»
«Also verboten?»
«Nein, nicht verboten, doch nicht erlaubt.»
Ein juristisch komplexes Problem also. Der strenge Felspolizist – Robert stufte ihn als Oberlehrer ein, und da er selber den Titel «Studiendirektor» trägt, kann er nicht weit daneben liegen. Der Mann kontrollierte nun tatsächlich den Inhalt von Roberts Magnesiasäcklein. Es war leer. Robert benutzt flüssiges Magnesia, aber das sei ein noch schlimmeres Vergehen, befand der grimmige Oberkletterer. Die Griffe würden auf ewige Zeiten zugepappt. Er wiederholte das, bis ihn seine Partnerin sanft zum Weitergehen aufforderte.
Also gut, wir haben beim Klettern viele Magnesiaspuren angetroffen und uns an offenbar zugepappten Griffen ganz gut festgehalten. Und uns an der Anekdote mit dem Pfälzer Felspolizisten bei echtem Pfälzer «Wei» auch noch köstlich amüsiert. Nicht nur illegal Magnesia verwendet, sondern auch auf einem illegalen Zeltplatz übernachtet. So wie einst die echten Räuber in diesem Land, die man dann auch auf echte Himmelsleitern geschickt hat, nämlich auf Schafott.

Peaks of the Balkans

Noch sind die Grenzen offen, aber wer weiss. Vor wenigen Jahren herrschte auf dem Balkan noch Krieg, vor Monaten wurden Stacheldrahtzäune hochgezogen. Zeit also, den Frieden zu nutzen für eine Wanderung durch eine noch fast unberührte Landschaft.

8. Juni 2017

„Bis heute ganz klar die schönste Etappe: von der Szenerie, den Wegen, der Abwechslung, dem Wetter und der Geschichte. Diese Kalkzinnen links und rechts im: Engelhörner und Dru gleichzeitig, vielleicht noch unbestiegen. Das Ropojana-Tal: jahrzehntelang Sperrgebiet zwischen Albanien und Jugoslawien. Unten der umgestürzte Grenzstein, oben die kaputten Bunker von Enver Hoxha. Ohne diese Überreste würde man den Grenzübertritt von Montenegro ins Nachbarland gar nicht merken. Oder doch? In Albanien sind die Wegmarkierungen wie in der Schweiz, weiss-rot-weiss.“

Das notierte ich am 8. Juni 2016 in mein Tourenbuch. Auf der vierten Etappe unserer achttägigen Wanderung auf dem Peaks of the Balkans Trail kamen wir aus dem Ropojana Valley über den Pejës-Pass (1707 m) nach Thethi im Shala-Valley, ins Herz des Prokletije-Gebirges. Seit 2012 führt der insgesamt 192 Kilometer lange Weitwanderweg durch die drei Länder Kosovo, Montenegro und Albanien. Er wurde geschaffen, um Grenzen zu überwinden, den Tourismus zu fördern – und um Bergbewunderern die Augen für andere europäische Gebirge und Gesellschaften zu öffnen.

Die Mischung von nah und fern, bekannt und unbekannt ist, in einmalig und überwältigend zugleich. Waren unsere Alpen auch so, bevor sie vom Tourismus fast ganz in Beschlag genommen wurden? Diese ursprüngliche Schönheit nachhaltig nutzen, das ist das Ziel des Balkan-Peace-Park-Projekts. Der Wandertourismus soll den Einheimischen in den abgelegenen Tälern der drei Länder nach dem Kosovokrieg von 1998/99 neue Perspektiven aufzeigen – und uns Fussreisenden neue Erlebnisse in einer beinahe unberührten Natur ermöglichen. Ein natur- und sozialverträglicher Tourismus soll es sein. Einer, der auf lokalen Ressourcen aufbaut. Einer, der die einst vorhandenen wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den Regionen wieder in Gang setzt.

Wer möchte da nicht mitmachen? Täglich vier bis acht Stunden auf alten Wegen durch eine überraschend grossartige Natur und Kultur gehen, in Dörfern und Hütten übernachten, Slow Food der etwas andern Art geniessen. Als Währung auf dem ganzen Trekking dient der Euro, auch in Albanien, obwohl nicht zur Eurozone gehörend. Und sich verständigen tut man sich meistens in Englisch. Nur unser Bergführer und Wanderleiter, der 33jährige Enis Shehu aus Albaniens Hauptstadt Tirana, wo er in einer Boulderhalle arbeitet, bevorzugt als zweite Sprache das Italienische, weil er es von klein auf mit italienischen TV-Programmen gelernt hat. Muttersprache Albanisch hat auch unser zweiter Begleiter, Rhahim Tërnava, 39 Jahre alt, Chef des Tour-Operators Traveks aus Kosovos Hauptstadt Priština. Wie er im Juni 2016 alles organisierte, da ein Lastpferd, um unsere Rücken zu entlasten, dort ein Minibus, um uns abzuholen oder in ein besonderes Restaurant zu fahren – schlicht grandios. Und weil er am ersten Abend in Priština gemerkt hatte, dass die Schweizer Wanderer auch gern mal ein Glas Wein oder zwei trinken, trug er extra gekaufte Flaschen über den ersten Gipfel, den Hajla (2403 m).

Ein Prost also nicht nur auf diesen Gipfel und auf unsere Begleiter auf dem Peaks of the Balkans Trail, sondern auch auf den neuen, sehr gut gemachten Führer zu diesem Dreiländerrundeweg, der mit einer Fülle höchst nützlicher Infos auch abseits der Trails aufwartet.

Max Bosse, Kathrin Steinweg: Peaks of the Balkans. Albanien, Kosovo und Montenegro. Dreiländerrundweg und Tageswanderungen. Rother Wanderführer 2016, € 14.90.

www.peaksofthebalkans.com www.balkanspeacepark.org
www.traveks.com/tours/peaks-of-balkan

Die unterirdische Schweiz

Die Schweiz ist doch grösser als man meint! Fast 4000 Kilometer Stollen durchlöchern unsern Grund und Boden und das Gebirge. Platz für Forschungslabors, Atombunker, Hotels und noch viel mehr. Dass wir von Höhlenbewohnern abstammen, wussten wir. Die besprochene Literatur zeigt: wir sind es noch immer.

31. Mai 2017

„Alle theoretisch begehbaren unterirdischen, künstliche angelegten Tunnels, Kavernen, Schutzräume, Spitäler, Bahnhöfe, Einkaufszentren, Bunker und Stollen in der Schweiz ergäben heute aneinandergereiht eine Röhre von Zürich bis Teheran, 3750 Kilometer lang. Das ist weltrekordverdächtig, in der Relation zur Landesfläche unerreicht.“

Schreibt Jost Auf der Maur, der seit Jahren „Die Schweiz unter Tag“ erforscht und sie nun unter diesem Buchtitel ans Tageslicht hervorgeholt hat. Vom Urnerloch über die befahrenen und nie benutzen Eisenbahntunnels mit ihren Dörfern bis zu den Bundesratsbunkern und dem (untauglichen) Atomschutzbunker in der Autobahnröhre: Die Schweiz als Emmentaler ist viel löchriger als angenommen. Dieses hochspannende und tiefschürfende Buch erhellt die meist unbekannte unterirdische Schweiz. Da kommt man aus dem Staunen nicht heraus, und der Schnauf geht einem in der feuchten Kellerluft schier aus. Nochmals ein Zitat zur Schweiz, die seit Jahrhunderten ihr angestammtes Territorium meist in den Bergen, aber auch im Mittelland unter der Oberfläche vergrössert: „Das gesamte herausgebrochene Material würde einen Güterzug von mehr als 10000 Kilometern Länge füllen. Wäre der Zug mit 60 km/h unterwegs, bliebe die Barriere eines Bahnübergangs sieben Tage lang geschlossen.“

Die künstlich gebaute unterirdische Schweiz ist vielerorts überraschend gut zugänglich – der Autor gibt 18 Tipps für Ausflüge in die helvetische Unterwelt, von Zürich bis Biasca, von Genf bis Sargans. Taschenlampe nicht vergessen, und ein Helm ist vielleicht auch ganz nützlich.

Das gilt sicher ebenfalls für diejenigen, die auf eigene Faust Wege im schweizerischen Untergrund erkunden möchten. Zum Beispiel in alten Bergwerken. Doch aufgepasst auf morsche Balken und Böden! Sicherer ist es, wenn man an einer Exkursion der Schweizerischen Gesellschaft für historische Bergbauforschung teilnimmt. Die SGHB gibt aber auch die Zeitschrift „Minaria Helvetica“ heraus, die sich mit fundierten Beiträgen Themen und Regionen widmet. Heft 37 stellt den „Erzbergbau im Gental“ vor. Bereits um 1350 wurde an der steilen Bergflanke der Planplatte im Gental Eisenerz gewonnen und über den Erzweg in den Talboden nach Bürglen bei Meiringen transportiert, wo die erste Schmelzhütte im Oberhasli stand. Tempi passati. Doch die Löcher im Berg sind noch vorhanden. Aufsuchen kann man sie auch. Aber vor dem Hineinkriechen bitte zur heiligen Barbara beten!

Jost Auf der Maur: Die Schweiz unter Tag. Eine Entdeckungsreise. Echtzeit Verlag, Basel 2017, Fr. 32.-, www.echtzeit.ch

Minaria Helvetica, Heft 37/2016: Erzbergbau im Gental. Schweizerische Gesellschaft für historische Bergbauforschung, Fr. 25.-, www.sghb.ch

Karin Steinbach Tarnutzer (Text), Robert Bösch (Fotos): Schauplatz Schweiz – Hightech aus dem Berginnern. Eine Reportage aus dem ehemaligen Bergwerk Sargans. Geo, Juni 2017.

Lesung und Gespräch mit Jost Auf der Maur zu „Die Schweiz unter Tag. Eine Entdeckungsreise“ am Donnerstag, 8. Juni 2017, um 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz in Bern.

Belchenflue

Jura, warum nicht mal? Wandern ist angesagt, schönes Wetter auch, fast zu heiss eigentlich. Und literarische Spuren gibt’s auch noch.

28. Mai 2017

Der Kaffee im Avec am Bahnhof in Sissach ist, na ja…, wir haben ihn getrunken. Das Maisbrötli «frisch von gestern» gegessen. Den Weg zum Aufstieg auf den Zunzgerberg gefunden. Im Wald ist’s kühl, lauschig. Später dann dehnen sich auf der Höhe Getreidefelder, Kirschplantagen, sogar mit Früchten, also offenbar vom grossen Frost verschont. Bei einem Bauernhof kaufen wir ein Gläschen Jurahonig, werfen die Münzen ins Kässeli. Der Wanderführer, in dem wir die Route gefunden haben, warnt vor ein paar Hundert Metern Asphalt, eine «Durststrecke» – die asphaltierten Zufahrten zu den Höfen verschweigt er. Wir wandern dann halt manchmal im Gras neben der Strasse, ein scheues Pferd weicht uns aus. Und dann kommt auch wieder Wald, Schatten. Schliesslich entscheiden wir uns für das Bergrestaurant Oberbölchen, lassen den Gratweg rechts liegen, da der Durst inzwischen recht plagt und der Proviantmeister den Kalorienbedarf für 20 Kilometer Strecke und 1000 Meter Aufstieg irgendwie falsch berechnet hat. Dass das Haus am Berg aber auch Rastplatz für Töfffahrer und motorisierte Rentner und Familien ist, haben wir im Führerbuch und auf der Landkarte nicht so genau mitbekommen. Immerhin, der Kellner ist freundlich, der Nussgipfel klein aber nicht unfein. Also weiter, steil hoch, im Sound der kurvigen Passstrasse.

Die Belchenflue, wir wissen es, war der erste Gipfel des berühmten Bergsteigers und Kommunisten Lorenz Saladin, der uns zeitweise doch ziemlich beschäftigt hat. Wir wandern also auf seinen Spuren. Ausführlich schildert seine Biografin Annemarie Schwarzenbach, wie Lenz als kleiner Bub mit seinem älteren Bruder Sepp aufbrach, um die «Böchefuä» zu besteigen. Hunger litten sie und Durst nach dem langen Marsch durchs Waldenburgertal hinauf. Das Angebot eines Bauern, sie könnten bei ihm übernachten und Milch bekommen, lehnten sie ab, marschierten unentwegt weiter. Annemarie Schwarzenbach schreibt:

«Es war stockfinster, als sie schliesslich auf dem Gipfel ihres grossen Berges anlangten. Lenz klagte ein bisschen, er war durstig und hungrig, die Nacht kalt und einsam. Den beiden todmüden Buben sank der Mut. Dem Älteren, selber den Tränen nahe, fiel ein, zu sagen: ‹Aber du darfst nicht heulen, Lenz›, und der Kleine antwortete verständig: ‹Nein, sonst sagt der Bauer wieder, wir seien Knöpfe!› Dann legten sie sich auf dem Waldboden nieder, Sepp nahm den jüngeren Bruder in den Arm, sie deckten sich mit dem Kittel zu, und als sie erwachten, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Lenz stellte es sofort fest: ‹Jetzt ist die Sonne früher als wir aufgestanden!› Einen Augenblick schien es ihnen, sie seien um den eigentlichen Sieg und Höhepunkt des grossen Abenteuers betrogen. Aber sie standen auf dem Gipfel, unter ihnen verzog sich der Nebel, weithin konnten sie Täler, Felder, Wiesen, Dörfer und einen Flusslauf überschauen, die Sonne wärmte ihre steifen Glieder – und sie hatten den grossen Berg bestiegen! Später meldete sich der Hunger; ein bisschen besorgt, aber noch lange nicht entmutigt, machten sie sich auf den Heimweg.»

Die Belchenflue war Lenz Saladins erster «grosser Berg», viele weiter folgten bis zum letzten, dem Khan Tengri, nach dessen Besteigung er an Erfrierungen starb und 1936 am Fuss des Iniltschek-Gletschers sein Grab fand, das lange Jahre verschollen blieb.

So denken ich also auf der felsigen Spitze dieser Fluh an den vor 81 Jahren Verstorbenen, für und über den ich zwei Bücher herausgegeben habe: Die Neuauflage der Biografie von Schwarzenbach und ein Fotobuch mit Texten und Recherchen, zusammen mit Robert Steiner. Ein feiner Wind weht auf dem Gipfel, die Schweizerfahne flattert. Auf dem Alpenzeiger orten wir weit im Osten im Dunst den Säntis und stellen uns vor, Tausende von Kilometern weiter in jener Richtung rage der Siebentausender Khan Tengri in den blauen Himmel Kirgistans und neben ihm eine Schneekuppe, die den Namen Pik Saladin trägt.

Der Abstieg durchs heisse Dürsteltal hinab nach Langenbruck dehnt sich qualvoll. Wir meiden den Wanderweg an der prallen Sonne, wandern lieber auf der Asphaltstrasse, die zum Teil im Schatten liegt. Langenbruck macht uns dann einen eher zwiespältigen Eindruck, etwas heruntergekommene Häuser an der Hauptstrasse, ein seltsames Militärmuseum, eine staubige Baustelle. Wir sitzen in einem kleinen Park, holen im Coop eine Flasche Schorle, pflegen unsere wunden Füsse.

Neue Bergkrimis

Bergsteigen ist gefährlich, wir wissen es. Aber dass wir im Gebirg auf Schritt und Tritt von Mördern bedroht, von Terroristen verfolgt, vergiftet oder in Abgründe gestossen werden, ist doch eher ein neueres Phänomen. Alles nur Fiktion? Vielleicht. Aber wir wissen auch, dass die Wirklichkeit bekanntlich die Fiktion überholt. Der Hillary-Step am Everest ist sicher nicht wegen dem Klimawandel oder einem Erdbeben abgebrochen. Da waren Terroristen am Werk!

23. Mai 2017

„Der Felsen hatte einen leichten Überhang nach vorn, es war nicht möglich, ihn von dieser Seite zu besteigen, wenigstens nicht ohne Kletterzeug. Jennerwein trat näher und strich mit der Hand über einige spitz herausstechende Kalksteine. Er ging um den Koloss herum, dort sah er, dass er zwar nicht gerade bequem, aber doch ohne Seil und Haken hinaufklettern konnte. Der Felsen bot oben einen bequemen, ebenen Standplatz, von dem aus man einen guten Blick auf die Lichtung hatte. Ein perfekter Platz.“ (Seite 238)

Wozu?  Nur um einen guten Blick zu haben? Oder doch für mehr? Um gut schiessen zu können? Vielleicht! Jedenfalls geht es um mehr als ums blosse Hinaufkraxeln. Wobei das durchaus eine für die Geschichte entscheidende Tätigkeit ist. Das Hinunterfallen übrigens ebenfalls – wobei dies dann öfters nicht ganz freiwillig geschieht. Wie und wo auch immer: Felsen und Lichtung bei der Schroffenschneide unweit des Eibsees südwestlich von Garmisch-Partenkirchen sind sozusagen der Angelpunkt im neunten Alpenkrimi von Jörg Maurer, der Ende April 2017 erschienen ist. Genau dort passiert das Hauptverbrechen, dort werden die wichtigsten Funde gemacht, dort wachsen die süssesten Erdbeeren. Doch letztere waren nur zum Essen da.

„Im Grab schaust du nach oben“ ist Maurers jüngster Streich um Kommissar Jennerwein und seine Crew. Ein schöner, passender Titel wie derjenige, der vor Jahresfrist erschien: „Schwindelfrei ist nur der Tod“. Dreizehn (!) Bergkrimis haben sich in diesem Jahr bei mir angesammelt, ein 35 Zentimeter hoher, knapp 4500 Seiten dicker und gut 5 Kilo schwerer Stapel, dem es immer schwindliger wurde. Höchste Zeit also, diesen Berg abzutragen.

Machen wir eine Bergkrimireise, vom Bernbiet via Eibsee und Südtirol bis Apennin und Pyrenäen. In Tony Drehers „Gletschertod“ finden Christian und Daniela auf dem Gauligletscher in den östlichen Berner Alpen eine Leiche, die der Gletscher freigegeben hat. Ein bisher unbekanntes Opfer des Absturzes der amerikanischen Dakota im November 1946? Journalist Mike Honegger beginnt zu recherchieren – und könnte plötzlich selbst ein Opfer werden. Nicht unbedingt in den Bergen, sterben ist ja auch im Flachland möglich. Eine spannende fiktive Fortsetzung des realen Crash des Flugzeuges, dessen Trümmer mit der Zeit und dem Gletscherrückgang Stück für Stück zum Vorschein kommen. Aber aufgepasst: „Klettern war nicht ungefährlich.“ (S. 37)

Skifahren auch nicht. Tom Winter, Sicherheitschef einer Bank und Hauptheld in Peter Becks „Korrosion“, überlebt den Abgang eines Schneebrettes im Skigebiet Riederalp nur knapp. So beginnt der Thriller, mit dem Sturz in eine Gletscherspalte am Titlis endet er. Dazwischen spielen die Berge keine Rolle, ausser in ein paar Szenen bei bröckeligen Vulkanen auf den Azoren und in den Nuba-Bergen im Süden des Sudan. Kein Buch für zarte Wanderer und Seelen. Ausschnitt aus dem Gespräch zwischen Tom und Kerstin: „Ihre Groβmutter wollte, dass ihre Asche auf dem Titlis verstreut wird.“ – „Scheiβe.“ – „Keine Angst, es hat eine Seilbahn.“ – „Der Berg macht mir nichts aus.“ (S. 127)

Dem fünffachen Sieger des Ski-Gesamt-Weltcups, Marc Girardelli, auch nicht. Seiner Co-Autorin im Skikrimi „Abfahrt in den Tod“ wahrscheinlich schon eher, jedenfalls wenn sie am Start des Lauberhorn- oder des Hahnenkamm-Abfahrtlaufes stünde. Dort werden Anschläge auf den Wengener Skirennläufer Marc Gassmann verübt, die Ex-Freundin und Polizistin Andrea Brunner soll ihn beschützen. Hansi Hinterseer, Ex-Slalomkünstler und Immer-noch-Schlagersänger, gratuliert im Grusswort mit „Hub ab, Marc“ zum „wirklich gelungenen Werk“. Ich muss gestehen, dass ich die Rennen lieber im TV sehe als im Buch lese. Auch wenn Karl Erb, Bernhard Russi und Matthias Hüppi kaum solche Kommentare abschossen: „Wie eine Kanonenkugel – geballte neunzig Kilogramm Lebendgewicht – flog er nun zum Österreicher-Loch vor.“ (S. 16)

Soweit fliegen wir (noch) nicht. Zwischenlandung in den Allgäuer Alpen, am Himmelhorn mit seinem berühmt-berüchtigten Rädlergrat. Landen kann man am senkrechten Grasgrat natürlich nicht, oder dann nur ganz unten, nach dem Fall. Genau dort liegen drei tote Alpinisten – um Gottes Willen, warum stürzten sie ab? Unfall? Anschlag? In „Himmelhorn“ (2016), dem zehnten Kluftiger-Fall der Kultkrimi-Reihe von Volker Klüpfel und Michael Kobr, steht das Bergsteigen im Mittelpunkt des Geschehens. Nicht zufällig heisst ein Hund, der gerne Landjäger frisst, Messner. Nicht zufällig zieren Pickel und Seil das Cover. Der Showdown findet am Himmelhorn statt, obwohl Klufti von diesem Gipfel gar nicht begeistert ist: „Ich kann das eh nicht nachvollziehen, dass es immer noch genügend Deppen gibt, die auf derart steilen Bergen rumkraxeln. Das ist anstrengend, saugefährlich, und wenn du oben bist, musst du den gleichen Weg auch noch zurück. Und das Schlimmste: An so einem Gipfel kannst du noch nicht mal einkehren. Dabei gibt es so schöne Bergbahnen bei uns im Allgäu, mit Restaurants und befestigten Wegen und einem Parkplatz direkt an der Talstation.“ (S. 71)

Das ist es! Exakt in einem solchen Gasthaus bei der Seilbahnbergstation in den Berchtesgadener Alpen sind „Die Toten von der Falkneralm. Mein erster Fall“ von Miroslav Nemec untergebracht. Bekannt als Kommissar Ivo Batic aus dem Münchner „Tatort“ schildert der Autor in seinem ersten Krimi ein buchstäblich mörderisches Wochenende und spielt so den klassischen Fall um Realität und Fiktion elegant durch – hoch oben auf dem Berg, von dem niemand runter kommt, weil die Seilbahn streikt. Und als sie am Schluss endlich wieder fährt, sagt die Lilli: „Der Berg ruft.“ (S. 236)

 

Und das Allgäu ruft uns zurück, bigotsch noamol! Dabei ruft es laut zurück, mit „Das stille Gift“ von Nicola Förg. Ein unappetitliches Voralpenleben, darin die Kommissarinnen Irmi Mangold und Kathi Reindl diesmal wühlen müssen. Das Schicksal meint es nicht gut mit dem Bauern Schwaiger: Sein behinderter Sohn kommt ums Leben, die Kühe verenden an einer rätselhaften Krankheit, eine nach der andern. Ist der Abwasserkanal schuld, oder nicht eher doch die Agrarmafia? Mächtige Gegner für das Ermittlungsduo. Ein Alpenkrimi, der unter die Haut geht. Und zu Beginn geht der Dreck auf die Haut, beim Touristenpaar, das das „Bschütte“ aus nächster Nähe erlebt: „Das war ein tätlicher Angriff. Ich hätte tot sein können.“ – „Ja, an dem Gestank, den du ausdünstet, kann man tatsächlich sterben.“ (S. 17)

Bleiben wir trotzdem. Allerdings nicht im Allgäu, sondern etwas weiter östlich im Werdenfelser Land, mit dem Zentrum Garmisch-Partenkirchen. Dort also, wo Jörg Maurers unbedingt zu lesenden Alpenkrimis um Kommissar Jennerwein Crew spielen. Im achten Band mit dem bergliterarisch abgrundtiefen Titel „Schwindelfrei ist nur der Tod“ hält dieser nicht nur am Fels Ernte, sondern auch in einem Heissluftballon. Mehr noch: Wegen eines familiären Geheimnisses droht Jennerweins Existenz wie ein Ballon zu platzen. Auch anderen Figuren droht(e) Unheil: „Ich – oder Professor Held. Einer von beiden sollte den Lehrstuhl bekommen. Die ganze Abteilung machte eine Wanderung. Eine Bergwanderung. Ich habe ihn gestoβen. Aber mehr aus Scherz. Es war ein Unfall.“ (S. 363)

Unfall oder Verbrechen? Könnte beides auf der Wanderung durch die Bletterbachschlucht passieren. Der Grand Canyon Südtirols entstand vor rund 15‘000 Jahren, ist 8 Kilometer lang, 400 Meter tief. Und Schauplatz eines abscheulichen Verbrechens. In „Der Tod so kalt“ von Luca D’Andrea kommen drei junge Einheimische 1985 von der Wanderung durch die Schlucht nicht zurück – schliesslich findet ein Suchtrupp ihre Leichen. Den Täter vermutet man im Bekanntenkreis, doch das Dorf hüllt sich in kaltes Schweigen. Dreissig Jahre später beginnt der US-Amerikaner Jeremiah Salinger, der seiner Frau in ihre Heimat gefolgt ist, unangenehme Fragen zu stellen: den Leuten im Dorf – und uns Lesern. Schon bald wird er seine Neugier bereuen. Ein Atem und Schlaf raubender Thriller. Nur: „Die Berge kümmern sich nicht um dich.“ (S. 87)

Tun sie auch nicht anderswo. Den Lärchen von St. Gertraud im Ultental im Südtirol dürfte es egal sein, dass eines Morgens an ihrem Fuss die Leiche eines Mädchens gefunden wird. Nicht so dem einheimischen Commissario Grauner und seinem neapolitanischen Amtskollegen Saltapeppe: In ihrem zweiten Fall nach „Der Tote am Gletscher“ (bergliteratur.ch berichtete darüber) haben sie es in „Die Stille der Lärchen“ wieder mit schweigsamen Dorfbewohnern und eher redseligen Zugezogenen und Touristen zu tun. Auch mit den Schriftstücken ehemaliger Gäste, denn im Ultener Mitterbad kurten einst Sisi, Bismarck, Kafka, Thomas Mann und andere Berühmtheiten. Heute ist das Kurbad verfallen. Um in die Ruine zu gelangen, ist Klettergeschick von den Ermittlern gefragt: „Sie lieβen Seil, Gurt und Karabiner am Fuβe des Baumstammes liegen. Silvia Tappeiner kletterte voran, mit wenigen Griffen und Schritten war sie am Fenster angelangt. Grauner kämpfte sich hinterher.“ (S. 276)

Dass das Leben kein Schleck, sondern eher ein Kampf ist: Das weiss Cesare bestens. Er wohnt in einem piemontesischen Tal unweit der Grenze zu Frankreich. Als sein Kollege Fausto, mit dem er Jahrelang Flüchtlinge von Italien über die Berge ins Nachbarsland geschleust hat, ermordet aufgefunden wird, gilt er sofort als Hauptverdächtiger. Was folgt, ist eine altbewährte Krimikonstellation: Der Verdächtige muss auf eigene Faust ermitteln und kommt der Wahrheit plötzlich gefährlich nahe. Aber das ist in Davide Longos preisgekröntem Roman „Der Steingänger“ nur ein Erzählstrang. Andere sind beispielsweise Landschaft und Leben in einer halbverlassenen Alpengegend: „Der Pfad führte weiter bergauf, vorbei an Mauern, die die Leute im Tal hochgezogen hatten, um dem Wald ein Stück Land zu entreiβen. Seit sich keiner mehr um die Terrassen kümmerte, wuchsen darauf wilde Brombeeren und Brennnesseln.“ (S. 17)

Das Leben in den Bergen gleicht eben manchmal einem Überleben. Wer will schon kümmerliche Terrassenflächen beackern? „Trübe Aussichten“! So lautet der deutsche Titel des Krimis von Francesco Guccini und Loriano Macchiavelli. Der italienische scheint nicht viel heller: „La pioggia fa sul serio“ – der Regen meint es erst. Folge des Dauerregens: ein Erdrutsch. Beim Aufräumen wird die Leiche des Geologen Antonelli gefunden: Missgeschick oder tödliche Missgunst? Marco Gherardini von der italienischen Forstpolizei klärt den Fall des Dorfes Case di Sopra im Appennino tosco-emiliano auf. „Der Apennin ist zwar nicht mit den Alpen oder den Rocky Mountains zu vergleichen, doch wie jedes Gebirge fordert er gelegentlich ein Opfer, das Leben eines Menschen, der sich in einer Anwandlung von Stolz oder Leichtsinn stärker als der Berg wähnt.“ (S. 80)

Genau das tut Perez sicher nicht. Der Delikatessenschmuggler und Lebemann Perez ist der ungeübteste Fussgänger der gesamten Côte Vermeille, also jener südfranzösischen Küste, wo die Pyrenäen steil ins Mittelmeer abfallen – oder sich aus diesem empor wuchten, um dann zwischen Frankreich und Spanien wild gezackt dem Atlantik entgegen zu streben. Yann Sola hat um den gehfaulen Privatermittler zwei Krimis verfasst – perfekte Ferienlektüre, zum Beispiel für die Auffahrtstage. Während „Gefährliche Ernte“ nur nach dem Genuss von viel Banjuls als Bergkrimi bezeichnet werden kann, ist „Tödlicher Tramontane“ durchaus bergsportlich angehaucht, so mit dem Chemin Walter Benjamin zum Torre de Querroig. Perez macht den Weg allerdings lieber mit dem Auto, mais bien-sûr! Ausschnitt aus dem Gespräch zwischen ihm und seiner Mitfahrerin: „Bist du ein Krimineller?“, fragte sie frech. „Wenn man seine Geschäfte in den Bergen macht, dann stimmt doch was nicht. Ich frag ja nur…“ (S. 154)

In alphabetischer Reihenfolge:
Peter Beck: Korrosion. Emons Verlag, Köln 2017, € 12.-
Luca D’Andrea: Der Tod so kalt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017, € 15.-
Tony Dreher: Gletschertod. Gmeiner Verlag, Messkrich 2017, € 13.-
Nicola Förg: Das stille Gift. Piper Verlag, München 2016, € 10.-
Marc Girardelli, Michaela Grünig: Abfahrt in den Tod. Emons Verlag, Köln 2017, € 11.-
Francesco Guccini, Loriano Macchiavelli: Trübe Aussichten. btv-Verlag, München 2016, € 10.-
Volker Klüpfel, Michael Kobr: Himmelhorn. Kluftingers neuer Fall. Droemer Verlag, München 2016, € 20.-
Lenz Koppelstädter: Die Stille der Lärchen. Ein Fall für Commissario Grauner. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, € 10.-
Davide Longo: Der Steingänger. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Rheinbeck bei Hamburg 2016, € 10.-
Jörg Maurer: Schwindelfrei ist nur der Tod; Im Grab schaust du nach oben. Fischer Scherz Verlag, Frankfurt aM 2016 bzw. 2017, je € 15.-
Miroslaw Nemec: Die Toten von der Falkneralm. Mein erster Fall. Knaus Verlag, München 2016, € 20.-
Yann Sola: Tödlicher Tramontane. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, € 10.-

Literarisches Reisefieber

Bekanntlich führen viele Wege nach Rom. Goethe schaffte es zu Fuss, aber wer sich das nicht antun will, und trotzdem auf literarischen Pfaden wandern, findet gegenwärtig eine schöne Auswahl an Wanderführern für alle Gegenden des Landes. Hier zwei aktuelle Werke mit Routen von dies- und jenseits des Röstigrabens.

16. Mai 2017

„Meine neue Wohnung ist mit einem Balkon versehen, auch schreib ich hier an einem veritablen Schreibtisch, mal was ganz Neues.“

Und wie Robert Walser schrieb an seinen insgesamt 15 Adressen in Bern: über 1600 Prosastücke, Gedichte und dramatische Szenen. In der Länggasse wohnte Walser während seiner Berner Jahre von 1921 bis 1929 nur gerade einmal, nämlich vom Mai bis Oktober 1924 an der Fellenbergstrasse 10 bei der Pauluskirche. In Zukunft werde ich in dieser Strasse immer zum Balkon hinaufschauen.

Literaturstadt Bern: Da sind noch zahlreiche andere Namen zu nennen. Paul Nizon ebenfalls in der Länggasse und etwas weiter weg am Wohlensee, Friedrich Dürrenmatt im Obstbergquartier, Verena Stefan beim Bärengraben, Mani Matter auf der Bundesterrasse, Elio Pellin am Gäbelbach, Peter Bichsel „Im Hafen von Bern im Frühling“, Franz Hohler am „Rand von Ostermundigen“. Druckfrisch erschien „Aaregeflüster“ von Desirée Scheidegger. Ebenfalls streckenweise an den Aare spielend und kaum aus dem Druck gekommen: der Wander- und Veloführer „Literarisches Reisefieber“ von Ursula Kohler. Darin wenden wir uns, in Worb startend, der Aare zu und suchen zuletzt den Meret-Oppenheim-Brunnen in der Berner Innenstadt auf. Meret Oppenheim war nämlich nicht nur eine bildende Künstlerin, sondern auch eine Dichterin.

Die Sprachwelt von Oppenheim auf der Wanderung von Worb nach Bern: Eine der zwanzig Touren, auf die uns Ursula Kohler in die ganze Schweiz mitnimmt, mit viel literarischem Hintergrund und allen touristischen Informationen. Vom Aroser Weisshorn des „Sportdichters“ Hans Roelli bis ins Zürich der Heidi-Erfinderin Johanna Spyri. Mit Max Frisch durchs Erlenbacher Tobel, mit Laure Wyss durch die Twannbachschlucht und mit Lisa Wenger durch die Gorges du Pichoux. Otto Frei begegnen wir am Bodensee, Henri-Frédéric Amiel am Genfer See.

Apropos Genf: Ebenfalls frisch ab Presse ein anderes literarisches Wanderbuch, wobei hier der Fokus mehr auf dem Wort und weniger auf der konkrete Route liegt – „Regards croisés sur Genève. Promenade littéraire“. 21 zeitgenössische Autoren und Autorinnen mit Genfer Wurzeln oder Bezug beschreiben in komischen, tragischen, träumerischen und ganz alltäglichen Geschichten einen Teil ihrer Stadt. So Daniel de Roulet über „Rousseau et le grand magasin“ oder Alain Bagnoud über „La rue des bars“. Im Vorwort bringt Darius Rochebin den ersten Literaten auf den Plan, der Genf in einem seinen Werke einen wichtigen Platz einräumte: Julius Cäsar mit „De bello Gallico“. Darin findet sich der Ausdruck „maximis itineribus“, was so viel heisst wie „in möglichst grossen Märschen“ oder „in Eilmärschen“. Eine Tätigkeit, die Robert Walser alles andere als fremd war. Marschieren, wandern, spazieren, gehen. In der 1917 erschienenen Erzählung „Der Spaziergang“ schrieb er:

„Spazieren […] muß ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, wäre vernichtet.“

Ursula Kohler: Literarisches Reisefieber. Kreuz und quer durch die Schweiz – zu Fuss und mit dem Velo. AS Verlag, Zürich 2017, Fr. 39.80, www.as-verlag.ch

Regards croisés sur genève. Promenade littéraire. Illustrations et couverture de Pierre Wazem. Préface de Darius Rochebin. Éditions Slatkine, Genève 2017, Fr. 25.- www.slatkine.com

Die Buchvernissage von „Literarisches Reisefieber“ findet statt am Freitag, 9. Juni 2017, um 18 Uhr im Travel Book Shop am Rindermarkt 20 in 8001 Zürich. Anmeldung an info@as-verlag.ch.

Vom 18. bis 21. Mai 2017 in Bern: «Spazieren muss ich unbedingt». Robert Walser und die Kultur des Gehens. Veranstalter dieser internationalen Tagung sind die Pädagogische Hochschule Bern und das Zentrum Paul Klee. Am Donnerstag Nachmittag, Freitag und Samstag hochspannende Vorträge, so zum Beispiel zu „Walsers Tempi und Gangarten im Zeitalter der Beschleunigung“; am Sonntag Morgen dann eine Stadtwanderung vom Robert Walser-Zentrum zum Zentrum Paul Klee. www.robertwalser.ch

Und noch ein literarisch-touristischer Hinweis: www.literatur-karten.ch ermöglicht Streifzüge durch das Land der Dichtung. Die Literaturlandkarten der Schweiz führen von Achim von Arnim über Robert Walser und Emil Zopfi bis Stefan Zweig.