Skitour auf den Züriberg

Mikroabenteuer ist ein ultimativ-urbaner Trend. Warum also in die Ferne schweifen? – Das Abenteuer beginnt gleich hinter dem Haus. Nicht der Montblanc ist mein Ziel, sondern der Züriberg.

19. Januar 2017

Also los, weg aus dem Schaukelstuhl, mit dem Lift in den Keller, die Felle auf die Ski gezogen, gleich hinterm Haus in die Bindung getreten, den Hang hinauf und durch den Friedhof. Zwei Friedhofsarbeiter winken mir zu, lachen. Ich begehe also keinen Frevel, wenn ich meine Spur den Grabfeldern entlang ziehe. Dann das Rupperweglein hoch, wo Christa als Kind schon schlittelte. Man nannte es so, weil es so ruppig rüttelte mit dem Schlitten über die den gefrorenen Höcker hinweg. Auch heute vergnügen sich ein paar Mütter mit Kindern. Schön ist es doch, dass wieder einmal Schnee liegt bis in die Stadt. Die Ziegelhütte rechts liegen gelassen, die Hüttenkopfstrasse hinauf bis zum Gedenkstein für den Sturmwind Lothar, der hier gewütet hat, 1999. 200 Jahre zuvor wüteten in diesem Wald russische, österreichische, französische Truppen.
Doch jetzt ist alles friedlich, eine Frau mit Hund, ein Jogger in buntem Outfit, zwei rüstige Damen in strammem Schritt. Schwarzweiss die Welt, durch die ich hinaufsteige auf Waldstrassen, die mit Buchennüssen übersät sind. «Reiner weisser Schnee o schneie …» Das Gedicht von Gottfried Keller fällt mir ein. Vielleicht ist es ihm auf einem Spaziergang am Züriberg eingefallen. «Decke beide Gräber zu…», heisst es da. Hier sind es mehr als zwei, es sind tausende, Tausende Namenloser haben hier ihr Leben gelassen haben in den Schlachten bei Zürich. Wozu? Für nichts als die Machtspiele von Mächtigen. Die Welt hat nichts gelernt.
«Letziweg», «Batteriestrasse», «Massénastrasse». Namen erinnern an das Schlachten, an den französischen General, der die Koalition der Russen und Österreicher mit Kriegslist besiegte. Ich kehre ein Stück vor dem grossen Schlachtendenkmal um, bei einem Gedenkstein, der auch einem General gilt, einem schweizerischen, der nie eine Schlacht geschlagen hat. Adolf Hanslin, mein General, abgestürzt mit dem Helikopter, als ich in seiner Truppe diente, vor allem mit Jassen in irgend einer Landbeiz.
Ich ziehe die Felle ab, fotografiere den Gedenkstein. Ein in Gedanken versunkener Wanderer ganz in Schwarz lächelt mir zu. «Skitour auf den Züriberg», sage ich.
«Ja, man muss es benutzen, wenn’s schon mal Schnee hat.»
Früher war’s noch anders. Auch Max Frisch vergnügte sich auf Brettern am Züriberg, einfach auf der andern Seite, auf der «besseren». Die Ski, die ich von meinem Vater übernommen hatte, sahen genau gleich aus, richtige Bretter noch aus Eschenholz, keine Kanten, die Gleitfläche rot lackiert. Ich war mit ihnen immerhin auf dem Gemsfairen, meiner zweite Skitour. Bin also bescheidener geworden, altersbedingt. Aber den Gemsfairen würde ich wohl noch immer schaffen. Wer weiss?
Jetzt sause ich einfach mal die Waldstrassen hinab, schwinge im schönsten Tangotakt, manchmal sogar im Pulverschnee neben der festgefahrenen Piste. Die Mütter mit Kindern sind verschwunden, es ist schon etwas dämmrig geworden als ich durch den Friedhof kurve und den letzten Hang hinab bis vors Haus.
«A microadventure is an adventure that is short, simple, local, cheap – yet still fun, exciting, challenging, refreshing and rewarding», erklärt mir das Netz. Alastair Humphreys, ein britischer Autor und Abenteurer soll den Begriff geprägt haben, sein Buch «Microadventures» soll ein Bestseller sein. Ich brauche es nicht zu lesen, ich weiss ja, wie es geht.
Nach einer Stunde sitze ich wieder in der warmen Stube im Schaukelstuhl bei Tee und Birnbrot.

Der Grünten im Allgäu

Jetzt, nach tagelangem Schneefall fast überall, vergisst man rasch, dass noch zum Jahreswechsel wenig winterliche Stimmung war. Der tief verschneite Wald, durch den mein Nachmittagsspaziergang heute führte, weckte die Erinnerung an eine kleine Tour vor einem Jahr, als der erste Schnee um dieselbe Zeit gekommen war. Und zwar ausgerechnet an jenem Tag, als ich den Freund, der im Oberbayrischen lebt, zu einer Tour auf halbem Wege traf.

18. Januar 2017

P1050679Es schneite. In Sonthofen und in Burgberg schippten die Leute die Gehwege und warfen Häufen auf, während Christoph und ich, vom Bahnhof kommend, an ihnen vorbeispazierten, dem Grünten zu. Ich war ohne Anspruch an das Ziel und weil das Wetter an diesem Samstag schlecht war, würden wir einfach sehen wie weit und wohin wir gingen. Hauptsache war, dass wir uns zusammengefunden hatten, um einen Tag lang draussen zu sein.

Im Wald, wo wir von der Strasse abzweigten, war bereits eine Spur und unsere Gespräche mussten nicht durch Routensuche unterbrochen werden. So wurde der Wald um uns steiler und der Schnee tiefer. Das pulvrige liebliche Weiss wurde auch deshalb tiefer, weil es weiter und immer weiter schneite. Auf der Veranda des geschlossenen Grüntenhauses hielten wir Mittagsrast und zogen dann, nun spurenlos, eine eigene Trasse ins grosse Weiss tretend, den Hang gegen den Grat hinauf. Dort standen wieder Bäume, die von Schnee und Raureif vollkommen erstarrt waren, die unseren Blicken aber wieder so lange einen Halt gaben, bis die Häuser und Antennen der Sendestation aus den schneienden Nebeln auftauchten. Der Wegweisser zum Übelhorn, hier wegen einer grossen, zu Ehren der Gefallenen errichteten Steinsäule stets nur als Jägerdenkmal benannt, führte unter der Seilbahn hindurch ins Nichts eines steilen Nordhanges, von dem nur zehn Quadratmeter gepressten Schnees zu sehen waren. Schneebrettgefahr? Unsere Alternativroute leitete uns schliesslich über das Dach des Hauses, das beidseits über angehäuften Schnee erreichbar war, direkt unter den Gitterturm der Funkantenne und weiter tastend den schmalen Grat entlang, der von dort wie ein dünner Steg in den Nebel zog. Rundum vollkommene Weisse. Christoph, der voranging, meldete: „Hier ist eine Felsstufe“. Sie liess sich einfach abklettern. Später brach eine Wechte unter seinem rechtem Fuss und verschwand lautlos, zwanzig Meter weiter nochmal dasselbe. Es zeigte uns immerhin, dass wir noch dem Grat folgten. Dieser wurde alsbald wieder breiter und Bäume tauchten auf, dann Felsen, die aus dem Schnee wie Klippen aus dem Sand einer wandernden Düne schauten. Das alles war aber auch still, fast windstill, denn obwohl es hier vor kurzem noch, wie wohl fast immer bei schlechtem Wetter, stürmte, so fiel jetzt auch am Gipfel einfach nur noch Schnee durch Nebel.

Im Abstieg war der Schnee wunderbar. Federleicht, Millionen kleinster Sterntaler, die der Welt, die uns geschenkt wurden. Sie wirbelten um uns wie Glücksgefühle. Und immer mehr von ihnen fielen und segelten herab auf die weichen, weissen Betten der Lichtungen zwischen den Tannen, auf die Hauben der Baumstümpfe, die Geländer laubloser Äste im Bergwald. Auf einmal brach plötzlich die Sonne durch ein kleines, zufälliges Wolkenloch irgendwo anders am Himmel und erhellte die eingewinterte Welt ganz zauberhaft, denn plötzlich fingen für Minuten, in denen wir gebannt stehen blieben, die den Luftraum füllenden weissen Flocken zu leuchten an.

Dann nahmen wir noch den Weg durch die Starzlachklamm. Felswände umgaben uns hier und Wasserrauschen. Die Stege führten unter Reihen scharfer, langer Eiszapfen hindurch, zwischen denen wir uns duckend und windend vorwärts arbeiteten, kleine brachen und wie Buben im Mund zerkauten. An der Eingangshütte sassen wir in einem Unterstand und verzehrten die wieder herabgetragene Gipfelschokolade. Es schneite erneut dichter, und ich hatte das Gefühl, auch friedlicher denn je. Wir verliessen den Wald zur Dämmerung der Nacht und spazierten hinaus zu den Menschen, die schippten, Häufen aufwarfen, warme Lichter in den Stuben entzündeten, welche dann durch die Fenster zu uns heraus leuchteten. Eine friedliche, eine verspätete Weihnachtstour.

Skilust

Jetzt ist auch der Schwarzwald weiss und wer es noch nicht weiss, erfährt es hier historisch und wissenschaftlich und touristisch: Auch jenseits des Rheins kann man skifahren. Es muss ja nicht immer Gstaad sein, auch wenn scheint’s Sartre mal dort philosophischen Winterurlaub verbrachte. Was weiter noch in dieser geballten Ladung Skiliteratur? Eine Gebrauchsanweisung fürs Skifahren, zu der unser Rezensent auch noch eine Gebrauchsanweisung für korrekte Faktenrecherche mitliefert. Aber wir sind grosszügig, schliesslich ist das post-faktische Zeitalter angebrochen.

14. Januar 2017

„Noch vor wenigen Jahrzehnten wuβte man bei uns nur wenig davon, welches Frohgefühl eine Fahrt durch den winterlichen Wald in dem verzärtelten Groβstädter auszulösen vermag, und daβ ein Tag auf den verschneiten Bergen uns für Wochen entschädigt, die uns durch den Zwang der täglichen Arbeit an die dumpfe Stube fesselten.“

Cover Ski 1 BrettlehupferDie ach so wahren Worte konnte man am 30. Januar 1909 in „Die Woche. Moderne Illustrierte Zeitschrift“ lesen. Und jetzt wieder in einem gross angelegten Geschichtsbuch eben genau darüber, wie es dazu kam, dass die Städter plötzlich die Freuden des Skifahrens in verschneiten Wäldern und auf den Bergen mit Schnee entdecken. Dass die Bergler sich auch darüber freuten, wenn die Touristen nun auf einmal auch im Winter kamen. Ja, dass die Schreiner und die Druckereien ebenfalls froh über frische Arbeit waren. 516 Seiten dick ist das Buch „Brettlehupfer. Die Frühphase des Skilaufens im Hochschwarzwald (1890–1930)“ von Constanze N. Pomp: ein ebenso grossangelegtes wie grossartiges Werk, das am Beispiel des Schwarzwaldes zum ersten Mal wirklich ganz detailliert zeigt, wie sich der Skilauf in Mitteleuropa entwickelt hat, von den Pionieren mit den von Norwegen importierten Ski über die Rolle der Skiclubs bis zum Massenskilauf auf dem Feldberg. Wie Postkartenschreiber, Journalisten, Schriftsteller und Werbetexter zur Verbreitung des Skilaufs beitrugen, wie die Frauen davon profitierten, beispielsweise mit der Bekleidung – in Hosen liessen sich Kristianias einfach besser in den Schnee zaubern als in langen Röcken. Klar, es ist ein wissenschaftliches Buch, keine lockere Lektüre vor dem knisternden Chemineefeuer in der Skihütte, nach einem fröhlichen Tag auf den schmalen Brettern. Illustriert ist „Brettlehupfer“ mit 57 schwarz-weissen und farbigen Abbildungen.

Cover Ski 2 Ski BuchWer in Fotos vom Skilauf in all seine Facetten schwelgen möchte, von Tiefschneeabfahrten über Lifestyle und Mode bis zu den schönsten Chalets und Champions, sollte zum jüngsten Buch von Gabrielle Le Breton greifen: „Das ultimative Ski Buch – Legenden, Resorts, Lifestyle & mehr“. Auf dem Cover lächeln Jean-Claude Killy und Annie Famose bei den Alpinen Ski-Weltmeisterschaften in Portillo, Chile 1966; er mit den Ski Dynamic VR17, sie mit Rossignol Strato – Legenden auch sie. Ein Bildband zum Sich-Erinnern, zum Schmökern und Träumen. Dass nicht jede der meist grossformatigen 146 Farb- und Schwarz-Weiss-Fotografien ein Frohgefühl auslöst, ist verständlich. Aber dass die doppelseitige Foto mit Mönch und Jungfrau Zermatt als eines der ausgewählten weltbesten Skigebiete illustriert, ist dann doch ein böser Kantenfehler.

Cover Ski 3 GebrauchsanweisungDass Stürze zum Gleiten durch Schnee gehören, merken alle, die sich an die Gleitgeräte gebunden haben. Das ist auch bei der „Gebrauchsanweisung fürs Skifahren“ von Antje Rávic Strubel nicht anders. Drei Beispiele: Arnold Lynn schreibt sich Lunn, Chamonix kann nicht als Wiege des modernen Wintertourismus bezeichnet werden, und Alberto Tomba schied 1994 in Lillehammer im Riesenslalom nicht „schon im zweiten Lauf“ aus – wenn schon, dann im ersten… Trotzdem: Dieser winterliche Band aus Pipers Gebrauchsanweisungen liest sich flott und interessant. Auch wer sich mit dem Skifahren schon näher befasst hat, lernt viel Neues kennen.
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Cover Ski 4 GlisseDas gilt selbstverständlich ebenfalls für Band 75 der gediegenen Revue trimestrielle „L’Alpe“. Das Thema diesmal: „Glisse – La grande aventure.“ Comme toujours: eine kluge, erfrischende und überraschende Präsentation in Wort und Bild. Diesmal beispielsweise Jean-Paul Sartre als Skifahrer: „l’être et le ski“. Man kann sich den französischen Existenzialisten irgendwie nicht auf den schmalen Latten vorstellen. Aber er und seine Frau Simone de Beauvoir sollen in den 1930er Jahren in Gsteig bei Gstaad Skiferien verbracht haben. Quelle aventure! Gleichfalls sehr lesenswert im neuen Heft: „Abécédaire amoureux de la glisse.“

Cover Ski 5 SchwarzwaldUnd dann sind wir auch schon fast am Ende der heutigen Lese(ski)fahrt. Nur noch dieser Hinweis: Jetzt, wo der Schnee bis in die Niederungen gefallen ist, könnten wir doch tiefere Gebirge aufsuchen als die Alpen. Wie wär’s eben mit den Hügeln dort, wo der Skilauf am Ende des vorletzten Jahrhunderts Fahrt aufnahm? Als neuer Rother Skitourenführer liegt seit ein paar Wochen „Schwarzwald mit Vogesen“ von Matthias Schopp vor. Nach einer der Touren auf den Feldberg, den höchsten Gipfel des Schwarzwaldes, könnten wir doch vom Feldberger Hof eine SMS verschicken, mit ähnlichem Wortlaut wie auf einer Ansichtskarte vom 9. Februar 1907:

„Bin für eine Woche hier oben; treibe viel Sport. Kannst Du es nicht einrichten hierauf zu kommen? Ich würde mich sehr freuen Dich hier begrüssen zu können. Bringe Deine Skier mit, wenn Du keine hast, kannst Du sie hier erhalten. Also sei kein Frosch & komme. Du wirst Dich hier sicher amüsieren!“

Constanze N. Pomp: Brettlehupfer. Die Frühphase des Skilaufens im Hochschwarzwald (1890–1930). Mainzer Beiträge zur Kulturanthropologie/Volkskunde. Waxmann Verlag, Münster 2016, € 44.90, www.waxmann.com.

Gabriella Le Breton: Das ultimative Ski Buch – Legenden, Resorts, Lifestyle & mehr. Vorwort von Franz Klammer. teNeues Media, Kempen 2016, € 49,90, www.teneues.com.

Antje Rávic Strubel: Gebrauchsanweisung fürs Skifahren. Piper Verlag, München/Berlin 2016, € 15.- www.piper.de.

L’Alpe n° 75, Hiver 2017: Glisse – La grande aventure. Éditions Glénat, € 18.-, www.lalpe.com.

Matthias Schopp: Schwarzwald mit Vogesen. Rother Skitourenführer, München 2017, € 14.90, www.rother.de

Reisekarten der Schweiz

Wenn einer eine Reise tut – dann braucht er eine Karte. Schon die Römer orientierten sich damit in ihrem Reich und Pilger fanden Santiago de Compostela mit der Landkarte in der Hand (heute nicht mehr nötig, einfach der Ameisenstrasse folgen). Auch die Skirouten hat man inzwischen auf dem Smartphone, trotzdem: wer sich für Kartengeschichte interessiert, findet hier eine interessante Publikation.

6. Januar 2017

bildschirmfoto-2017-01-06-um-11-58-31„Worauf es ankam, das waren das Wetter, die Schneeverhältnisse, die Schnelligkeit unserer ‚Bretter‘, Verbesserungsmöglichkeiten einer falschen Technik, Karten mit neuen Abfahrten, die Gleichmäβigkeit des Brauns auf unserer sonnenverbrannten Haut, das unsere Zähne so weiβ und die bunten Farben unseres Halstuches so leuchtend machte!“

Königlich, nicht wahr? Passend zum heutigen Tag, mehrfach passend: Dreikönigstag, blauer Himmel, Schnee bis in die Niederungen. Und morgen ein ganz berühmtes Skirennen: der Männer-Riesenslalom am Chuenisbärgli. Aber geschrieben hat den Text zu dem, worauf es ankam, eine Frau: die Genferin Ella Maillart (1903–1997), Reiseschriftstellerin, Fotografin und Sportlerin. Anfangs der 1930er Jahre war sie Mitglied der Schweizer Skinationalmannschaft. Das Zitat findet sich im Kapitel „Lob des Skilaufs“ im 1952 publizierten Buch „Leben ohne Rast. Eine Frau fährt durch die Welt“; der Originaltitel lautet „Cruises and caravans“ und war 1944 in London erschienen.

Was im Winter natürlich bestens passt, sind Karten mit neuen oder auch alten Abfahrten: Skitourenkarten, in denen die lohnendsten Routen eingetragen sind. „Eine mit den genauen Routen versehene Karte ist wertvoller als die genaueste Beschreibung,“ schrieb der Skipionier, Führerautor und Alpinhistoriker Marcel Kurz im „Ski-Führer durch die Walliser Alpen. Band II: Vom Col de Collon bis zum Monte Rosa“ von 1924. Die ersten Skitourenkarten für die Schweiz waren 1912 auf den Markt gekommen; ab 1920 nahm ihre Zahl rapide zu und erreichte mit über 100 Exemplaren vor dem Zweiten Weltkrieg den Höhepunkt.

Aber es gab und gibt nicht nur Skikarten. Diese zeigen nur einen Aspekt der sogenannten Reisekarten. Zu dieser besonderen Gattung gehören auch Pilger-, Strassen-, Postrouten-, Schifffahrts-, Eisenbahn-, Velo-, Auto-, Wander- und Exkursionskarten. Die von Hans-Uli Feldmann geleitete Zeitschrift „Cartographica Helvetica“ widmet sich in ihrer jüngsten Ausgabe den Reisekarten der Schweiz: ein sehr informatives und wunderbar illustriertes Heft. Das erste Beispiel einer Reisekarte ist die streifenförmige Tabula Peutingeriana aus dem 12. Jahrhundert. Sie zeigt das Strassennetz im spätrömischen Reich von den Britischen Inseln über den Mittelmeerraum und den Nahen Osten bis nach Indien und Zentralasien. Aber erst am Ende des 15. Jahrhunderts lagen die ersten Pilgerkarten mit geographisch richtiger Orientierung vor; das Heilige Jahr 1500 und das mit ihm verbundene Bedürfnis zu einer Reise nach Rom förderte die Herausgabe solcher Karten in Mitteleuropa, und dabei bildete die Schweiz ein wichtiges Durchgangsland.

Eine Schweiz ohne Landeskarte, das können wir uns so wenig vorstellen wie eine Schweiz ohne Berge und Banken, Uhren und Schokolade, Skipisten und SBB. Wo kämen wir sonst hin? Genau das ist: Mit den Karten kommen wir voran. Im neuen Jahr erst recht.

Reisekarten der Schweiz. Von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. Cartographica Helvetica, Heft 53, Murten 2016; Format A4, 64 Seiten mit 90 farbigen Abbildungen, Fr. 25.-; info@cartographica-helvetica.ch, www.kartengeschichte.ch.

Mattstock

Letzte Wanderung dieses Winters und erste des neuen Jahres. Auf den Ammler Hausberg – ein Kunstspaziergang der besonderen Art.

3. Januar 2017

20170102_124708Ein hässlicher Berg, dieser Mattstock. Warum also hinaufsteigen, steile tausend Meter? Wegen dem Training? Wegen der Sonne überm Nebel? Weil man all die schönen Tage zuvor mit geschwollenem Fuss durch die Wohnung humpelte und dann auch noch auf dem Sofa herumlag mit Magengrippe, geplagt vom Virus Nummer 7? Zum Sylvester gab’s nur Züriwasser, keinen Champagner, zum Neujahr Haferschleimsuppe. Aber nun ist kein Halten mehr. Hinauf, hinauf. Der Mattstock ruft. Drunten bei der Galerie sind frierende Gestalten in Daunenjaken im Nebel herumgestanden, Klettern ist also heute keine Alternative. Auch der Fuss ist noch zu schonen, die Schmerzen die Altlast eines Sturzes eben dort unten und vor ziemlich genau 24 Jahren. Sprunggelenk gebrochen. Sowas prägt sich ein.
20170102_125108Und schon sind wir hoch oben am Berg, leichtfüssig trotz allem. Nur das mit der Sonne will nicht so recht, Schleierwolken filtern die Wärmestrahlung und ein scharfer Biswind tut das Seine. Wenigstens habe ich ausnahmsweise Handschuhe und Stirnband dabei. Jetzt kommen wir in den Bereich der Lawinenverbauungen, riesige Gatter aus rostigen Stahlträgern, zwischen denen sich der Weg durchschlängelt. «In Stahlgewittern» kommt einem in den Sinn, der Roman von Ernst Jünger aus dem Ersten Weltkrieg, und man fühlt sich fast wie vor Verdun oder am Hartmannsweilerkopf zwischen stählernen Verhauen, statt am friedlichen Mattstock.
Und eigentlich, so wandert der Gedanke beim Steigen. Ist der Berg mit diesem stählernen Schmuck eigentlich nicht wirklich hässlich. Sie schmiegen sich an den Hang, folgen seinen Strukturen und dienen schliesslich einem Zweck: Schutz des Sonnendorfes und seinem architektonischen Wildwuchs vor Lawinen. «Form follows function» lautete ja auch ein Grundsatz von gutem Design. Und wenn da unten eine Tafel verkünden würde, diese Stahlgebilde seien das Werk eines renommierten Künstlers, etwa Cristo oder Tinguely, dann würde die internationale Kunstwelt hierherpilgern. Im Heli wahrscheinlich. Schönheit ist eben relativ. Einen eigenartigen Kunstspaziergang mit bekannten Künstlerinnen und Künstlern gibt’s übriges in Amden weiter unten auch noch und bequemer erreichbar: www.atelier-amden.ch.
20170102_130517Mit diesen Gedanken finden wir den Mattstock schliesslich ganz schön, spektakulär jedenfalls, ganz besonders, und das findet auch der Herr, der uns mit Stirnband, Stöcken und gewichtigem Rucksack überholt. Wir kennen uns und wünschen uns «ä guäts Nüüs», er hat uns drüben überm See, wo wir einst ein stolzes Haus besassen, Sanitäres installiert und geflickt. Bei der Werkhütte macht er Halt, wir steigen weiter, bald beschwingt durch die Klänge des zusammenlegbaren Alphorns aus Carbon, das der sanitäre Klangkünstler aus dem Rucksack geholt hat. High-Tech und Heimatstil. Auch auf dem Gipfel, den wir nach ein paar Drahtseilzügen erreichen. Das obligate Kreuz, überragt vom Mast einer Wetterstation, ein Geländer gegen den Abgrund und ein Ruhebänklein. Aber ruhen mögen wir nicht, der Wind bläst uns eisig ins Gesicht. Also hinab, vorsichtig über eisige Stellen und später auf dem vor Trockenheit stiebenden Wanderweg. Wolken ziehen auf. An diesem Abend fällt der erste Schnee.

Alpine Journal 2016 & BERG 2017

Als Leser der Zeitschrift des SAC «Die Alpen» kann man nur erblassen vor Neid, wenn man hier erfährt, wie spannend, tiefgründig und welthaltig ein «Alpine Journal» des Londoner Alpine Club oder «BERG 2017» des DAV, OeAV und AVS daherkommen. Doch eigentlich liest man die «Alpen» ja gar nicht mehr und zum Glück gibt es Alternativen wie die besprochenen. Um mit dem Titel einer Reportage auszurufen: «Geht doch!» Nun, das neue Jahr ist im Anzug – vielleicht bringt es ja Überraschendes auch in der CH-alpinen Publizistik. (Die Redaktion.)

29. Dezember 2016

cover-alpine-journal-2016„Storm or sun I want to be in the mountains, peering around corners that hide small truths, always searching for bigger corners. Whether I reach the top or not means a lot less to me than seeing what lies in the middle.“

Schön, was da Ben Silvestre geschrieben hat, sehr schön! Um die Ecken schauen, um Neues zu entdecken, kleine Wahrheiten auf dem Weg zum Gipfel. Aber nicht er ist das Hauptziel, sondern der Weg dorthin. Was das neue Jahr bringen wird, wissen wir (zum Glück) nicht, aber wir gucken gwundrig um den Grat herum, bei Sturm – und bei Sonne sowieso.

Silvestres Wunsch zum Unterwegsein in den Bergen – und im Leben doch auch – findet sich in der jüngsten Ausgabe des ältesten und berühmtesten Bergsteigerjahrbuches der Welt. Im Untertitel von „The Alpine Journal“ heisst es: „A record of mountain adventure and scientific observation“. Sport und Wissenschaft in den Bergen: Das gilt seit 1863 unverändert, als der erste Alpinismusverein, der 1857 gegründete britische Alpine Club, zum ersten Mal seine Zeitschrift herausgab. Nun liegt der 120. Band vor, und noch immer macht es Freude, in den diesmal 457 Seiten zu blättern und zu lesen. Ein paar Highlights: Ben Silvestres Bericht „The Trouble with Happiness“ über die erste Durchsteigung der 1200 Meter hohen Ostwand des Jezebel East Summit (2880 m) in den fürchterlich abgelegenen Revelation Mountains in Alaska. Oder Derek Buckles Fazit einer Expedition in Korlomshe Tokpo Valley im Zanskar, wo die Erstbesteigung eines Matterhorn genannten Berges kurz unterhalb des 6050 Meter hoch geschätzten Gipfels scheiterte; rund 20 unbestiegene Berge soll es dort hinten noch geben – das wär doch ein Ziel fürs nächste Jahr! Ebenfalls spannend zu lesen: die Entwicklung der Sohle von Hadows wenig rutschfesten Schuhen bei der Erstbesteigung des Matterhorns zu den clever konzipierten Stiefeln von Mallory und Hillary am Everest. Und dann ist da noch der Überblick über die schottische Wintersaison 2015-16, mit dem Exploit eines Schweizers: „Dani Arnold’s repeat of Anubis is undoubtedly the most difficult Scottish ascent ever achieved by an overseas visitor.“

cover-berg-2017Auch in einem andern alpinistischen Jahrbuch geht es um Spitzenleistungen, um die jüngsten, aber auch um frühere. So beantwortet Nicholas Mailänder die Fragen, ob das Elbensandsteingebirge die Wiege des Freikletterns ist und wie weit Fritz Wiessner das amerikanische Free Climbing beeinflusst hat. Wie immer zeigt das Alpenvereinsjahrbuch BERG, das die Alpenvereine von Deutschland, Österreich und Südtirol gemeinsam herausgeben, eine grosse Themenvielfalt. Der BergWelten-Schwerpunkt gilt diesmal dem Skitourenparadies Sellrain, einer bei uns kaum bekannten Talschaft im Westen von Innsbruck. In der Rubrik BergMenschen werden die grossen Alpinisten Voytek Kurtyka aus Polen und Rolando Garibotti aus Argentinien porträtiert. BergFokus widmet sich den Wegen und Steigen: Wie entstehen Wege im Gebirge, wann vergehen sie, warum gibt es immer wieder Clinch um Wegerechte und was macht eigentlich gutes Gehen aus. Unbedingt lesen: Die Reportage von Axel Klemmer über unser Unterwegssein zwischen Premiumwegen und No-go-Areas – Titel: „Geht doch!“

Genau, das machen wir. Vorerst vom 2016 ins 2017. Mit oder ohne Schnee, im Sturm oder an der Sonne. In diesem Sinne: Happy New Year!

The Alpine Journal 2016. Volume 120. Edited by Ed Douglas. The Alpine Club, London 2016, Fr. 45.-. Erhältlich in der alpinen Buchhandlung Piz Buch & Berg in Zürich, www.pizbube.ch.

BERG 2017. Herausgegeben vom Deutscher Alpenverein (DAV), Österreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS); Redaktion Anette Köhler. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2016, € 18,90.

Hütten

Hütten sind die Sehnsuchtsorte der Alpen. Nicht der Gipfel ist das Ziel, sondern das gemütliche Refugium ohne Dusche und WLAN. Nicht hoch hinaus wollen wir, sondern dicht gedrängt um den Holztisch sitzen, Spaghetti und ein Glas Roten serviert bekommen von der jungen Hüttenwartin. Wem die Wolldecken zu kratzig und die modernen Duvets zu stinkig sind, hat hier die Wahl zwischen fünf Büchern. Fürs Sofa zuhause, WLAN und Dusche inklusive.

23. Dezember 2016

„Diese Hütte ist nicht ohne,
Doch Ida ist der Frauen Krone.
Drum lass‘ ich Hütte Hütte sein
Und kehre bei der Ida ein.
Wird der Kopf mir dann zu schwer,
So lieb‘ ich süssen Schlummer sehr;
Dann lass‘ ich Ida Ida sein
Und leg‘ mich hier ins Stroh hinein.“

Aus dem Hüttenbuch der Clubhütte, welche der Schweizer Alpen-Club SAC an der ersten Landesausstellung von 1883 in Zürich aufstellte; die Hütte war eine Kopie der Spannorthütte. In das Buch schrieben sich 12000 Besucher ein. Das Gedicht findet sich im Artikel „Ein interessantes Fremdenbuch“ in der „Schweizer Alpen-Zeitung“, Nr. 24, 30. November 1883, S .237. Bevor wir uns nun aber aufs Stroh oder auch aufs Sofa beim Weihnachtsbaum legen, hier ein paar neue Hüttenbücher, die wir schön verpackt unter denselben legen mögen.

cover-huetten-1An erster Stelle sei eine doppelbändige Publikation empfohlen, die der Deutsche Alpenverein, der Österreichische Alpenverein und der Alpenverein Südtirol gemeinsam herausgegeben haben: „Hoch hinaus! Wege und Hütten in den Alpen.“ Ein in jeder Hinsicht gewichtiges Werk zur Kulturgeschichte und Architektur der Hütten und Wege, mit insgesamt 674 Seiten, 570 s/w- und 308 farbigen Abbildungen; die beiden Bände sollten in keiner Haus- oder Hüttenbibliothek fehlen.

In Band 1 widmen sich 12 Kapitel ausführlich dem ganzen komplexen Thema, allen voran Martin Scharfes „Wege ins Behauste, Wege ins Offene.“

cover-huetten-2Diesen Essay wie natürlich das ganze Buch dürfen auch solche Bergsportler und Sofawanderer lesen, die noch nie in einer Hütte übernachtet haben – und dies auch nicht vorhaben; schon gar nicht in der kalten Jahreszeit, wenn in vielen Hütten nur die ungemütlichen Winterräume zugänglich sind, wenn überhaupt. Für Band 2 hat Michael Guggenberger alle Hütten, Biwaks und Aussichtswarten des Alpenvereins erfasst, die aktuellen und die aufgelassenen; insgesamt rund 1800 Bauwerke, in den Alpen, im Harz oder in den Anden, ob am Berg oder im Tal. Um in der Skihütte Ankl-Alm (1320 m) in den Bayerischen Voralpen den Sylvester zu feiern, ist es leider viel zu spät; sie diente nur einen Winter lang als Skihütte, um 1925…

cover-huetten-3„Hütten. Sehnsuchtsorte in den Alpen“ heisst das grossformatige Werk von Bernd Ritschel (Fotos) sowie Tom Dauer und Sandra Freudenberg (Text). Das Trio porträtiert ausführlich 17 Hütten in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz (hier Sciora, Coaz und Lauteraar) und stellt kurz noch andere Hütten und Biwaks vor, mit Bildern und/oder Stichworten.

Insgesamt 50 Unterkünfte in den Alpen, die einen Besuch lohnen; wenn nicht zu Fuss oder auf Ski, dann wenigstens vom Sofa aus. Denn Bernd Ritschel macht einfach sehnsuchtsvolle Fotos. „Hoch hinaus!“, denkt und wünscht man sich.

cover-huetten-4Genau das können wir im höchsten Massiv der Alpen mit Hochgenuss und hoher Anstrengung bestens tun. Beispielsweise im Refuge Vallot gut 400 Höhenmeter unter dem Mont Blanc; dort fanden schon zahlreiche Alpinisten rettenden Unterschlupf. So einst auch Peter Habeler, wie er im Buch „Das Ziel ist der Gipfel“ erzählt: „Als wir um drei Uhr nachmittags endlich auf dem Montblanc standen, waren wir völlig erschöpft. Noch mussten wir hinunter zur Vallothütte, wo wir ein weiteres Mal nächtigten.“ Nicht nur der Gipfel und der Weg sind das Ziel, sondern eben auch die Hütte.

cover-huetten-5Vielleicht sind es ganz besondere Bauten im Gebirge, wie diese da: „Wilde Hütten. 20 einzigartige Berg-Refugien ohne Dusche oder Wlan“. Eine 72seitige Broschüre, die Mountain Wilderness Deutschland herausgegeben hat. Darin präsentieren sieben Bergsteiger und Bergsteigerinnen ihre Lieblingsschutzhäuser in den Ostalpen, die „den richtigen Spirit bewahren, ehrenamtlich bewartet werden, Selbstversorgerhütten sind und/oder sich in auβergewöhnlicher Lage befinden“, wie es auf Rückseite heisst. Aber aufgepasst: Es könnte recht eng werden, zum Beispiel in der Biwakschachtel Breitgrieskarscharte im Karwendel mit gerade mal 3 Lagern.

Bevor wir über Weihnachten oder dann im nächsten Jahr in eine Hütte aufbrechen werden, hier noch zwei Tipps:
1) Die Ausstellung „Dreamland Alps – Utopische Projektionen und Projekte in den Alpen“ im Castello di Sasso Corbaro, dem obersten Schloss von Bellinzona, zeigt noch bis zum kommenden 8. Januar 23 Bauten mit Texten, Bildern und Modellen, darunter auch das geniale, tonnenförmige und leider nie gebaute Biwak von Charlotte Perriant und Pierre Jeanneret von 1938 sowie die bisher noch nicht realisierte Alpine Capsule von Ross Lovegrove auf dem Piz La Ila in den Dolomiten. Der Aufstieg vom Bahnhof Bellinzona zum Sasso Corbaro dauert nur 45 Minuten.
2) Nur bis zum 2. Januar kann die einzige SAC-Hütte in einer Stadt besucht werden. Während des Festivals Live on Ice beim Landesmuseum in Zürich ist der SAC wie 1883 mit einer Hütte vor Ort; Hüttenteams bereiten feine Gerichte zu, inklusive Schlummertrunk. Prost, e Guete und frohe Weihnachten!

Hoch hinaus! Wege und Hütten in den Alpen. Herausgegeben vom Deutschen Alpenverein, Österreichischen Alpenverein und Alpenverein Südtirol. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2016, 50 €.

Bernd Ritschel, Tom Dauer, Sandra Freudenberg: Hütten. Sehnsuchtsorte in den Alpen. National Geographic Verlag, München 2016, Fr. 48.50.

Dominique Potard: Les refuges du Mont Blanc. Éditions Guérin, Chamonix 2016, 56 €.

Wilde Hütten. 20 einzigartige Berg-Refugien ohne Dusche oder Wlan. Mountain Wilderness Deutschland, Wörthsee 2016. Zu beziehen unter info@mountainwilderness.de oder gleich herunterladen bei www.mountainwilderness.de.

Advent 2016

Fast könnte man über sie sagen: Alle Jahre wieder, ganz ohne Schneehauben auf Gartenzäunen, Mauerpfosten, Tannenbäumen… Gemeint ist die Adventszeit. Sie ist draussen so anders als in unserer alten, drinnen behaltenen Vorstellungswelt. Aber müssen wir uns nicht einfach nur umgewöhnen, gewöhnen an die neuen Bilder, auch im Gebirge? Vier lose Gedanken kamen mir dort. Ich schrieb sie auf.

20. Dezember 2016

20161130_l8Wenn ich in dieser stillen, kalten, kahlen Adventszeit durch die Bergwälder streife, dann geschieht es immer wieder, dass wenig vor mir ein Reh, eine Gams, ein Hirsch oder eine Hirschkuh steht und mich aus runden Augen reglos anblickt. Bis ich winke oder Hallo sage um zu zeigen, ich sehe dich! Dann springen die Tiere davon und Äste knacken, Steine rollen für kurz in der Stille.

Anders aber verhält es sich mit jenen Augen, die ich noch viel öfter treffe. Schwarzen, starren Augen, eckigen Löchern an Wald- und Lichtungsrändern, von Tarnnetzen verhangen wie dunkle Gespenster. Auch ihnen winke ich zu, aus grösserer Distanz oft, um ihnen zu zeigen, dass auch ich sie sehe, und vielleicht in der Hoffnung, dass sie lächeln, wenn ich winke. Sie bleiben aber reglos, immer. Zu tausenden stehen sie strategisch im Bergwald verteilt und überwachen dort den stillen, kalten, kahlen Advent.

Abends bei den Menschen, unten, ist Lichtzeit, Lichtlärm. Die Täler sind voll von hellen, gestochen-scharfen Punkten. Östlich ausserhalb Sargans nach Norden geblickt, erscheint vor mir plötzlich die Milchstrasse als breites Band am dunklen Himmel. Tausendfach jubilieren die Sterne, dicht an dicht. Doch dann ist es nur Triesenberg, die Stadt halb oben in der Nacht. Denn komme ich näher, so wachsen aus der Schwärze darunter die Kuppen des Hanges empor und modellieren die Häuserreihen in das Relief des Berges. Dann zerfliessen die aus der Ferne sterngeglaubten zu beleuchteten Strassenzügen der an die schwere Erde gebundenen Stadt. Und Licht ist wie glimmende, zäh herabkriechende Lava.

20161213_l8Draussen im Gebirge ist der Advent kahl, kalt und jeden Tag stiller. Die Bäche der schneelosen Tälchen und Gräben sind harte Netzwerke ohne Leben, Adern aus Glas über den Hängen. Die feuchte, weiche Erde ist hart wie Stein und federt den Schritt nicht mehr ab. Vielleicht aber, wer weiss, bringt der 24. einen milden Föhn, warm wie dein Atem, herein in die Tälchen und Hänge. Und vielleicht sind es dann sie, die Bäche hier oben, die bis zum Abend wieder zu murmeln, zu plätschern zu rauschen, zu singen beginnen.

Escalades Royales

Könige der Alpen gibt es viele, Könige der Bergführer, Könige der Senkrechten und der Überhänge und den Schlossherr im Südtirol, eher fast ein Kaiser. Na ja, zum Glück erzählt nun Bernard Marnette von den echten Königen und Königinnen und ihrer Bergleidenschaft, die sie so königlich menschlich macht und gelegentlich sogar sterblich und dadurch wiederum unsterblich. Hoffentlich folgt bald eine Übersetzung ins Deutsche.

16. Dezember 2016

cover-escalades-royales„Après de longues heures de tension nerveuse dans mon bureau du Palais, il me faut des instants de libération morale… Je vais retrouver là, l’équilibre de l’âme et du corps.“

Und wo fand der belgische König Albert I. (1875–1934) das seelische und körperliche Gleichgewicht wieder, das ihm bei der täglichen Arbeit im Königspalast in Brüssel immer wieder abhanden kam? Im Fels und Eis, beim Klettern und Bergsteigen. Vor allem aber beim Klettern, am liebsten in den Dolomiten, aber auch im Bergell oder in den Engelhörnern. Und, näher beim Büro, in den heimatlichen Felsen. Dort stürzte der Roi Alpiniste, wie man ihn nannte, am 17. Februar 1934 ab, beim Soloklettern in den Rochers du Vieux Bon Dieu in Marche-les-Dames bei Namur.

Sein Sohn Leopold III. (1901–1983), König der Belgier von 1934 bis 1951, setzte die royale Klettertradition war, meisterte noch schwierigere Dolomitenwände als sein Papa, zum Beispiel die berühmte Solleder-Route an der Civetta. Ja, er hatte gar im Sinne, die Eigernordwand zu machen. Als aber seine zweite Frau, Lilian Baels, beim gemeinsamen Aufenthalt in Grindelwald das entsprechende Gepäck entdeckte, liess sie es kurzerhand nach Brüssel zurück spedieren. Königin Lilian war keine Bergsteigerin, im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin Astrid, die 1935 bei einem Autounfall bei Küssnacht am Rigi ums Leben gekommen war.

Albert I. hatte mit seiner Kletterleidenschaft die ganze Familie angesteckt. Auch der zweite Sohn, Charles, traute sich in senkrechtes Gelände vor. Und Tochter Marie-José (1906–2001) unternahm zahlreiche grosse Touren, zuerst als Prinzessin und ab 1946 als letzte Königin von Italien. So am 11./12. September 1941, als sie mit den Führern Luigi Carrelino Carrel und Giulio Amato Bich das Matterhorn über den Italienergrat bestieg; bevor sie sich in die atem- und kraftraubende Scala Jordan am Gipfelkopf hängte, genehmigte sich Hoheit noch „un bicchiere di vino“. Schon ihre Mama, Elisabeth in Bayern, hatte das Klettern geliebt. Eine Postkarte vom 28. Juli 1912 an Ernest Solvay, den Sponsor des gleichnamigen Biwaks am Hörnligrat, unterschrieb sie mit „votre collègue alpiniste“.

Die Postkarte von Königin Elisabeth ist abgebildet im neuen Bildband „Escalades royales. Les rois et reines des belges alpinistes“ von Bernard Marnette. Ein sehr schön gemachtes und bebildertes Buch zur „histoire de l’alpinisme aristocratique au 20e siècle“. Das Fotoalbum einer bergbegeistern Familie, ergänzt um Texte voller Anekdoten und um einen nützlichen Stammbaum. Ein paar Mal stimmt eine geografische Zuordnung nicht ganz, aber das kümmert uns nicht angesichts all dieser königlichen Bergfahrten aus einem alpenfernen Land.

Am 1. August 1930 schrieb Roi Albert Ier in einem Brief an den Tourengefährten Walter Amstutz, der dann 1993 die schweizerische King Albert I. Memorial Foundation gründen wird: „C’étaient vraiment de belles courses, et j’en conserve le meilleur souvenir.“

Bernard Marnette: Escalades royales. Les rois et reines des belges alpinistes. Éditions Nevicata, Bruxelles 2016, 35 €, www.editionsnevicata.be

Hüttenzauber

Le Gardien – das war die Zeitschrift der Schweizer Hüttenwarte. Erscheint ab heute nur noch online. Inklusive den Text, den ich noch fürs Gedruckte geliefert hatte. Zum Nulltarif. Hier desgleichen für die Leserinnen und Leser von bergliteratur.ch.

boval_so_02_smEs war ein wolkenloser erster August vor vielen Jahren. Wir vier jungen Bergsteiger kehrten aus einer kleinen Nordwand zurück zur Hütte, erschöpft und mächtig stolz. Die Terrasse war überfüllt mit Wandervolk. Wir waren hungrig und brachten ein Paket Spaghetti in die Küche. Als Mitglieder der SAC-Jugend dachten wir, Suppe oder Teigwaren zum Kochen abzugeben gehöre zum Grundrecht der alpinen Hüttenkultur. Die Spagetti kamen auf den Tisch, verkocht und verklebt. Peter – heute ein erfolgreicher Architekt und Politiker – beklagte sich lautstark über die Kochkünste des überforderten Küchenteams. Da trat Hüttenwart G., ein Bündner Rauhbein, an unsern Tisch: «Verschwindet aus meiner Hütte! Und zwar sofort und auf Nimmerwiedersehen!» Wir fanden schliesslich im Tal Unterkunft bei italienischen Bauarbeitern in einer Baracke – und das an unserem Nationalfeiertag.
G. gehörte zu den gefürchteten Hüttenkönigen, die damals in den alpinen Unterkünften regierten. Seine Grobheit war legendär, übertroffen nur noch von seinem Kollegen und Spinnefeind M. auf der anderen Seite des Bergs, der für seine verbalen Ausfälle vor allem gegenüber Ausländern bekannt war. Es gab auch Hüttenwartinnen mit Haaren auf den Zähnen, etwa W., Witwe eines abgestürzten Bergführers, die streng und sauertöpfig in ihrem Reich waltete. Eine eigentliche Legend war M., denn um seine Hütte konnte ein Schneesturm noch so heftig toben, bevor er das Frühstück zubereitete, mussten die Wolldecken im Freien und unter seiner Aufsicht ausgeschüttelt und präzis gefaltet werden. Schweizerkreuz oben und Etikett «Füsse» unten.
Dass ich über zwanzig Jahre keinen Fuss mehr in eine SAC-Hütte setzte, hatte sicher auch andere Gründe, als die paar unerfreulichen Erfahrungen.
3575_4Es gab ja auch damals schon die freundlichen Hütten, die man gern besuchte – zum Beispiel jene der hübschen Hüttenwartin L., die auch eine gute Kletterin war. Nach einer Gewaltstour und vielen Stunden in einem Gewittertsturm empfing sie uns mit einem Kuss, einer tüchtigen Portion Spaghetti und lieh uns sogar trockene Hosen und Hemden aus ihrer eigenen Garderobe.
Als ich nach langer Absenz wieder einmal den Versuch wagte, in einer SAC-Hütte zu nächtigen, hatte sich die Welt verändert. Wir wurden von einer fröhlichen Studentin mit einem Cüpli mit eigenem Holundersirup begrüsst. Dann gab’s auf der Terrasse Cafè corretto und frisch gebackenen Zitronencake. Zum Viergangmenü wurde die Weinkarte gereicht. Der Hüttenwart – promovierter Germanist und passionierter Alpinist – setzte sich nach dem Dessert an den Tisch, begeisterte uns für den Klettergarten, den er in der Nähe eingerichtet hatte, und schwärmte vom Kulturprogramm der Hütte mit Bergtheater, Lesungen, Hüttenkonzerten und einer Kunstaktion. Nachts schlummerten wir unter Daunenduvets in einem nach frischem Nadelholz duftenden Viererzimmer. Zum Frühstück gabs Müsli, Butterzopf, Honig, Käse, Eier, Schinken. Alles Bio und aus der Region, appetitlich angerichtet, und auf jedem Tisch stand ein Sträusslein Alpenrosen. Als wir von der Tour zurückkamen, duftete es schon von weitem nach Aprikosenwähe und dem Kaffe Hüttenzauber mit Kirsch und Sahnehaube.
img_9127Gelegentlich werde ich in eine SAC-Hütte eingeladen für eine Lesung, die in der Regel zwischen Hauptgang und Dessert stattfindet. Ein interessiertes Publikum meist, auch wenn viele überrascht sind von dem unerwarteten Kulturevent. Sie sind ja zum Wandern oder Klettern zur Hütte aufgestiegen, doch kommt es sogar vor, dass der eine oder die andere eines der Bücher erwirbt, die ich im Rucksack heraufgeschleppt habe. Gemäss dem Sprichwort: «Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg.»
p1040513Unvergesslich ist mir eine Lesung in der Glecksteinhütte geblieben – nicht unbedingt wegen meinem Auftritt in dem mit Gästen überfüllten Aufenthaltsraum. Sondern wegen dem Honorar. Ich bat das Hüttenwartpaar, mir einen Begleiter fürs Wetterhorn zu organisieren. Tatsächlich engagierten sie einen Bergführer. Er gestand mir zwar, er sei während meinem Vortrag eingeschlafen, es sei so heiss gewesen in der Hütte er ziemlich müde. Er war ein ehemaliger Extrembergsteiger meiner Generation, und so konnten wir während des Aufstiegs in Erinnerungen schwelgen. Wir kletterten dabei so mühelos und schnell, dass wir als erste auf dem Gipfel waren, noch vor zwei jungen Seilschaften. Das Wetterhorn war gewiss mein schönstes Lesehonorar, es war auch meine letzte Hochtour und dazu die erste und einzige mit einem Bergführer. Bei der Hütte nahmen wir ein kaltes Fussbad, es gab Kaffee und Kuchen und ich war so glücklich wie selten im Leben.
Ich weiss, es gibt Leute, die der alten Hüttenromantik nachweinen, den kratzenden Wolldecken, den durchwachten Nächten in dumpfen Massenschlägen, der Erbs-mit-Sago-Suppe vor den verkochten Hörnli, dem sauren Veltliner und dem Pfeifenqualm. Für Nostalgiker gibt es sicher irgendwo noch die eine oder andere Hütte im Retroschick mit einem bärbeissigen Hüttenwart, der von alten Heldentaten erzählt. Zum Beispiel, wie sein Vater einst drei junge Grossmäuler aus dem Unterland an einem ersten August aus der Hütte jagte.