Der Zauberberg

Zauberberge gibt es viele, es hat wohl jeder Berg seinen eigenen Zauber. Aber «den» Zauberberg gibt es nur einmal, und wer ihn gelesen hat, hat sich wahrlich auf einen Berg von Buch hochgearbeitet. (Anmerkung der Blog-Redaktion: Der diesthabende Redaktor hat auf halbem Weg aufgegeben.) Aber man muss ja nicht unbedingt lesen, man kann in Davos auch auf den Spuren des Dichters Thomas Mann wandern und sich als Hans Castorp fühlen – ohne Tuberkulose hoffentlich.

15. Mai 2012

„Ein einfacher junger Mann reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. Er fuhr auf Besuch für drei Wochen. Von Hamburg bis dort hinauf, das ist aber eine weite Reise; zu weit eigentlich im Verhältnis zu einem so kurzen Aufenthalt. Es geht durch mehrerer Herren Länder, bergauf und bergab, von der süddeutschen Hochebene hinunter zum Gestade des Schwäbischen Meeres und zu Schiff über seine springenden Wellen hin, dahin über Schlünde, die früher für unergründlich galten.“

So beginnt ein ganz berühmter Roman, nach dem anderthalbseitigen Vorsatz. Mit „Ankunft“ ist das erste Kapitel im ersten Buch überschrieben: Da kommt der Held in Davos an, nach der langen Reise von Hamburg her. Hans Castorp heisst er. Schon in der kleinen Station Davos-Dorf wird er von seinem lungenkranken Vetter Joachim Ziemßen aus dem Zug geholt, weil von dort der Weg zum Sanatorium kürzer ist als von Davos-Platz aus. Drei Wochen gedenkt Castorp im Internationalen Sanatorium „Berghof“ zu verweilen – es wurden sieben Jahre, vom August 1907 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Als äusseres Vorbild für den „Berghof“, den Hauptschauplatz des berühmtesten Davoser Romans, diente die Höhenklinik Valbella auf der linken Seite im Hochtal von Davos. Als eine der Vorlagen für die inneren Räumlichkeiten fungierte das 1909/11 erbaute Waldsanatorium auf der rechten Talseite. Dort war Katia Mann 1912 ein halbes Jahr zur Kur.

Thomas Mann besuchte seine Frau; heute vor 100 Jahren, am 15. Mai, traf er in Davos ein und blieb bis zum 12. Juni. Fast wäre er – wie sein Romanheld – länger geblieben, als Professor Friedrich Jessen einen kranken Punkt in der Lunge feststellte. Doch auf Anraten seines Hausarztes kehrte Mann ins Flachland zurück und begann an der „Davoser Novelle“ zu arbeiten. Aber die Erzählung  wuchs sich zum Roman aus, den Mann – mit dem Unterbruch des Ersten Weltkrieges – im September 1924 beendete. Zwei Monate später erschien „Der Zauberberg“.

„Der Zauberberg“ ging in die Weltliteratur ein und setzte Davos das wichtigste literarische Denkmal. Im August 2012 stehen die 10. Literaturtage Davos ganz im Zeichen von Thomas Mann. Für kulturinteressierte Gäste wurde das Sommerangebot „Farbenkraft und Zauberberg“ geschaffen, eine zweitägige Kulturwanderung auf den Spuren von Ernst Ludwig Kirchner und Thomas Mann (je ein Wochenende im Juni, Juli und Oktober). Und dann gibt es noch den Thomas-Mann-Weg, der vom Waldhotel Davos zur Schatzalp führt. Entlang des 2,6 km langen Weges befinden sich zehn Tafeln, die als literarische Stationen die Bezüge von Manns Werk zu Davos aufzeigen. Der Weg führt unter anderem zum Lieblingsplatz Hans Castorps und endet beim Thomas-Mann-Platz auf der Schatzalp, der hinter dem botanischen Garten Alpinum Schatzalp angelegt wurde.

„Das Steigen freute Hans Castorp, seine Brust weitete sich, er schob mit der Stockkrücke den Hut aus der Stirn, und als er, aus einiger Höhe zurückblickend, in der Ferne den Spiegel des Sees gewahrte, an dem er auf der Herreise vorübergekommen war, begann er zu singen.“

Thomas Mann: Der Zauberberg. S. Fischer Verlag, Berlin 1924. Als Fischer Taschenbuch, Fr. 19.90

Muotatal

Es grünt, im Tal der Löcher und Wälder.
Unweit des Hölllochs, 14. Mai 2012.

14. Mai 2012

Canadian Mountain Place Names

Es gibt ein Gebirge, wo die Gipfel Mount Feuz, Häsler, Furrer oder Huber heissen. Oder auch De Gaulle. Die Geschichten dazu fasst ein Buch zusammen, das vielleicht auch Lust macht, die kanadischen Rockies zu besuchen. Und vielleicht den Mount Louis zu erklettern, der dem Kingspitz gleicht.

MICHEL: Peak [3077 m]; 1901; Dawson. This was applied by Wheeler in honour of Friedrich Michel of Meiringen, who was briefly employed as a guide at Glacier House. He became so homesick after only a few weeks on the job in 1901 that he was discharged. The peak is the lowest und most westerly of the various summits of Mount Dawson, and Michel never got near it. See also Feuz.

Armer Michel! Von Berner Oberland in die kanadischen Rocky Mountains gefahren, wie andere Oberländer Führer auch, um Routen auf neue Gipfel zu erforschen, und dann krank vor Heimweh geworden. Dabei können es die Berge dort drüben durchaus mit den Engel- und Gelmerhörnern aufnehmen: Der Mount Louis zum Beispiel sieht aus wie der Kingspitz. Obwohl nicht eben erfolgreich, wurde der Michel trotzdem mit einem Gipfel in den Selkirk Mountains in Kanada geehrt.

Die kurze Geschichte von Friedrich Michel aus Meiringen findet sich im Buch «Canadian Mountain Place Names». Was nach einer langweiligen Aufzählung von Bergnamen und Erklärungen dazu aussieht, ist in Wirklichkeit ein hochspannendes Buch über ein riesiges Gebirge, über den Umgang der Menschen damit, über einzelne Schicksale. Bergführer aus dem Berner Oberland nahmen an der Eroberung der Rockies und der Columbia Mountains teil, und weil die Berge keine Namen hatten wie bei uns das Mittaghorn, das Täschhorn oder das Bietschhorn, gaben oft die Bergsteiger den Gipfeln Namen. Und da wurde grosszügig auf Personennamen zurückgegriffen, etwas, das in den Schweizer Alpen nicht so häufig der Fall war (immerhin ist die höchste Spitze der Eidgenossenschaft nach einem General und Kartografen genannt). Aber in den kanadischen Bergen stehen viel mehr Namensberge, eben nicht nur der unbedeutende Michel Peak, sondern auch der Feuz Peak, der Häsler Peak, der Mount Fuhrer, der Mount Huber. Emil Huber (1865-1939) war ein Zürcher Alpinist, der an der Erstbesteigung des Mount Sir Donald teilnahm, und dieser Gipfel in der Glacier Range ist einer der spektakulärsten von ganz Kanada, zwar bei weitem nicht so hoch wie das Matterhorn, aber von ähnlich abweisender und zugleich anziehender Form.

Das Buch über die kanadischen Bergnamen ist ein Buch zum Schmökern, zum Querlesen, zum Nachschlagen. Und dient auch der Horizonterweiterung. Vielleicht müsste man einmal dorthin zum Bergsteigen! Ziele gibt es mehr als genug, vom Abbott Pass bis zum Zinc Mountain (Edward Whymper taufte ihn so). Oder wie wär‘s mit dem Mount de Gaulle, dem Mount King Albert, ja dem Anniversary Peak?

Glen W. Boles, Roger W. Laurilla, William L. Putnam: Canadian Mountain Places Names. The Rockies and Columbia Mountains. Rocky Mountain Books, Calgary 2006, www.rmbooks.com. In der Schweiz erhältlich bei Piz Buch & Berg, www.pizbube.ch.

Secret Mission

Der Titel dieses alpinistischen Thrillers könnte auch über der Geschichte seiner Wiederentdeckung durch unseren literarischen Sherlock Holmes stehen. Offenbar ist dabei auch viel Geld geflossen, aber man weiss ja, Sammeln macht süchtig.

6. Mai 2012

„The night seemed interminable and the planets marched with inexorable slowness. The cold grew und grew, until by midnight the temperature must have been degrees below zero.
To the reader it may be romantic that I was seated next to the woman of my choice under the stars, but romance blossoms only in those who are warm, well fed and comfortable, and I doubt whether Romeo and Juliet would have done anything but curse their fate had they been made to spend the night in the snow at an altitude of twenty thousand feet above sea level.”

Nicht nur die Kälte im Notbiwak in einer Eishöhle auf 6100 Meter über Meer, auf dem Fluchtweg über einen unbekannten Pass im Everest-Massiv, setzt dem Ich-Erzähler Tom Trevanion und seiner Mabel Wilberforce sowie ihren Begleitern zu, sondern auch, dass sie von Hunzerger und andern Nazi-Schergen verfolgt werden. Die Szene spielt im Zweiten Weltkrieg, der englische Professor Wilberforce hat eine Geheimwaffe entwickelt, die kriegsentscheidend sein könnte. Als überzeugter Pazifist will er aber von einem militärischen Einsatz nichts wissen und flieht mit Tochter und Geheimplan in den Himalaya. Davon haben die Engländer und die Deutschen unabhängig voneinander erfahren, worauf es zu einer dramatischen Verfolgungsjagd durchs Gebirge kommt. Ein alpinistischer Thriller mit viel Zeitkolorit – und einer Lovestory. So richtig etwas fürs Gemüt und gegen die Nazis

„Secret Mission“ heisst der Mountain Thriller von Frank Smythe (1900-1949), einem der besten und berühmtesten britischen Bergsteiger, Bergschriftsteller und –fotografen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein paar Daten: Ende der 1920er Jahre Erstbegeher der beiden grossartigen Routen „Sentinelle Rouge“ und „Route Major“ in der Brenva-Flanke des Mont Blanc; 1931 Erstbesteiger des  Kamet (7556 m), des damals höchsten bestiegenen Gipfels der Welt; 1933 Erstbesteigungsversuch am Mount Everest, mit einem Aufstieg alleine in der Nordwand bis auf 8570 m – ein physischer und psychischer Grenzgang. Smythe lebte vom Bergsteigen und vom Schreiben darüber; ein Vorläufer von Reinhold Messner oder Chris Bonington. Manche der Bücher, wie „Camp 6“, berichten von Leistungen an der Grenze des Menschenmöglichen; andere, wie „Mountain Holiday“, schildern Erlebnisse und Erfahrungen, die sich auch dem einfachen Bergsteiger und Bergwanderer erschliessen. Das einzige fiktive Werk scheint „Geheime Mission“ zu sein.

Es stand schon lange auf meiner Wunschliste alpiner Krimis, konnte es aber nie finden. Als ich im letzten November „Secret Mission“ (mit Schutzumschlag und einem Brief von Smythe an Bip Pares, bekannte englische Illustratorin, welche das Cover und die Vorsatzkarte für dieses Buch schuf) im Angebot von Tony Astill (www.mountaineeringbooks.org) fand, mailte ich ihm sofort: “I always wanted to read (and to have) this crime novel, for my collection of mountaineering crime novels. So, Tony, how much for this Smythe?” Seine Antwort: “Daniel, are you sitting down?“.

Frank S. Smythe: Secret Mission. Hodder & Stoughton, London 1942.

Fakir Trip

Klettern wie ein Gedicht, klettern wie das Begehen, Begreifen einer Skulptur. Vielleicht Kunst, vielleicht Nonsense. Oder die Wiederkehr des immer Gleichen, frei Nietzsche.

2. Mai 2012

Foto Marco Volken (Ausschnitt)

Ich weiss genau, wie diese Stelle zu klettern ist. Es ist wie ein Gedicht, das ich vor Jahren auswendig gelernt habe. Fuss rechts sehr hoch auf eine Leiste, linke Hand auf einem seichten Aufleger, rechte Hand an eine schmale Leiste gekrallt, links antreten und dann mit der Rechten dynamisch hochschnellen zu einer Zacke, die ich mit drei Fingerspitzen fassen kann, dann links hoch eine Leiste für den Fuss suchen. Und so weiter. Die Stelle ist in meinem Kopf eingebrannt, unauslöschlich ins Langzeitgedächtnis wie gewisse Kindheitserinnerungen, die man im Alter immer deutlicher vor sich sieht. Ja, ja, der Fakir Trip. Heinz sagte mal, man sollte ihn nie als letzte Route klettern, es brauche da einfach noch ein bisschen Reserve. Zum Einhängen vor allem, sich mit einer Hand an diese winzigen Zacke klammernd, ist das wirklich kein Schleck. Aber dahin komme ich gar nicht, ich zögere und Zögern verträgt es hier nicht, die Spannung ist weg und die Zacke meilenhoch entfernt. Ich suche sogar links nach einem Tritt, in höchster Verzweiflung, aber eigentlich weiss ich schon, da ist nichts, das reicht nur zum kurzen Antreten, da ist ja auch ein weisser Punkt hingetupft, der sagt: tritt hier an. So wie das Fläschchen in Alice’s Wunderland sagt: trink mich. Na gut, ich trinke nicht und trete nicht, ich hänge. Zu viel Kraft verbraucht, weil links am Gürtel keine Expressen mehr baumelten, und zum Umhängen hing ich bloss an zwei Fingern und tänzelte nervös auf einem schmalen Band herum. Jetzt wären Fakirkünste gefragt, aber die gehen mir nun definitiv ab. Nomen non est omen.

Eine Route wie den Fakir Trip habe ich mal als eine Art begehbarer Skulptur beschrieben. Mikroformen des Gebirges, Falten und Verwerfungen und Überschiebungen und die winzige Zacke wird zum Matterhorn. Eine Skulptur nicht nur zum Anschauen, sondern zum Begreifen im wahren Sinn des Wortes. Betreten, begreifen. Moderne Skulpteure wünschen sich doch, dass Menschen ihre Werke nicht nur beschauen, sondern betasten, beschnuppern, spüren, fühlen, sich anschmiegen. Klettern bietet all das und noch mehr.

Aber diese Skulptur ist nicht Menschenwerk – was denn sonst? Darüber gehen die Meinungen auseinander, lassen wir das. Die Haken, die da stecken, sind jedenfalls nicht durch höhere Macht gesetzt, sondern von den Glarner Gebründern R+U Aebli, lese ich in einem alten Führerwerk, in dem noch die Namen der Erschliesser oder Entdecker oder Einrichter oder Erstbegeher verzeichnet sind. Wenigstens die Nachnamen. Neuere Topobücher ersparen sich diese offenbar überflüssige Information. Hier könnte man ins Sinnieren kommen über die Begriffe: Was ist Entdeckung, was ist Erfindung, wem gebührt die Ehre. Oder über die Geschichte der Führerliteratur im modernen Klettersport.

Aber ich hänge ja noch immer am Haken und stecke die Hände ins Magnesiasäcklein und das Minimatterhorn rückt nicht näher. Lassen wir das. Eine Woche lang habe ich gelitten, gejammert, dann sind wir wiedergekommen und ich habe meine Expressen am Gürtel schön sortiert und in einem Schwung den Zacken erreicht und die Umlenkung wie eh und je und die Welt ist wieder in Ordnung. Wenigstens hier auf der Galerie, aber sonst? Wir wissen ja, vergessen wir das für ein paar Minuten.

Bergfahrt 2012 Nachklang

Bergfahrt 2012, Fortsetzung der Erfolgsgeschichte mit 190 Gästen. Eine Rückschau von Jules Schröder, Fotos von Marco Volken.

27. April 2012

Ende der schlaflosen Zeit. Emil Zopfi eröffnet die Bergfahrt 2012

© Jules Schröder, Wetzikon

Man erwartete Aehnliches wie an bisherigen Tagungen: spannende Berichte von Abenteu­ern, Glück und Tragik, Lesungen, Vorträge, Diskussionen und szenische Aufführungen in im­mer neuen und spannenden Aufmachungen trotz des gleichen Themas, jedesmal mit dem Gefühl, zum ersten Mal dabei und überwältigt zu sein. Und auch in diesem Jahr erlebten wir keine Wiederholung. Der Fächer von Berg, Klettern und Literatur hat sich um eine Spanne weiter geöffnet.

Andreas Weissen von der BergBuchBrig eröffnet mit Alphornklang

Kurt Diemberger, ein Wunder an geistiger Präsenz und Ausdruckskraft im hohen Alter, ist vorangegangen. Seine eindrücklichen Reportagen allein waren schon eine Steigerung. Ihnen war aber noch ein neuer, leiser Ton beigemischt, der Aufmerksamkeit auf sich zog. Der sechste Sinn, vielleicht am besten mit dem Unbewussten oder einem Warner vergleichbar, und ein siebter Sinn, der im Bedarfsfall zwischen Gefühl und klarem Urteil entscheidet, kön­nen sich ergänzen oder widersprechen und bei wacher Wahrnehmung am Berg lebenswich­tig sein. Wenn man die lebendigen Erzählungen tief genug in sich hineinlässt, nimmt man diese zwei zusätzlichen Sinne wahr. Sein Blick auf Wetter, Wolken, Schnee, Farbe des Him­mels, Windrichtung und –stärke sind mehr als Beobachtung und Analyse. Kurt Diemberger spricht mit dem Berg – er hält Zwiesprache mit ihm.

Karin Steinbach-Tarnutzer im Gespräch mit Kurt Diemberger

Damit liess Kurt Diemberger einen Schimmer Morgenröte aufleuchten, der im nachfolgen­den Gespräch zwischen den kletternden Frauen zu einem neuen Tag in einem neuem Licht wurde. Sie suchten und fanden verschiedene Antworten auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Frau und Mann beim Klettern. Jahrzehntelang kämpften sie gegen Feindschaft, Ablehnung, Vorurteil Widerstand und für Anerkennung. Dieser kann sich die Männerwelt heute nicht mehr verschliessen.

Maya Albrecht und Annette Frommherz lesen Bergtexte.

Aber nicht Argumente oder Emanzipation gaben den Aus­schlag. Es sind schlicht die Leistungen der Frauen. In Planung, Technik Ausdauer, Leidens­stärke und Willenskraft sind sie – waren sie schon immer – den Männern ebenbürtig. Aber der Berg verlangt mitunter auch Eigenschaften, mit denen die Natur die Frauen besser aus­gerüstet hat. Beweglichkeit, Anpassungsfähigkeit, Geschmeidigkeit – oft auch eine ausgefeil­tere Taktik – sind in manchen Situationen der Kraft und der Unbeugsamkeit überlegen.

 

Früh los: Silvia Metzeltin, Patricia Purtschert, Heidi Schelbert und Ruth Steinmann lesen vor.

Mit diesen Erkenntnissen bewegen wir uns immer noch bloss auf der Seite der Kletterer. Es gibt aber auch noch einen Berg. Unter Männern sind Strapazen und Gefahren das Haupt­thema sowie die Frage, wie man das Verlangen danach verstehen soll. Frauen sprechen an­ders darüber. Das Verlangen ist für sie kein Geheimnis, keine Sucht und auch keine Flucht. Es gibt die Lust, die Bestätigung, die Freude, das Erlebnis. Und vom Berg sprachen sie liebevoll.

 

Bergpodium unter Frauen: Maya Albrecht, Marcelle Marceau, Silvia Metzeltin, Caroline Fink, Heidi Schelbert, Ruth Steinmann.

So schimmerte eine neue Ebene der Wahrnehmung durch, die nicht nach dem Verstehen für das eigene Tun fragt. Aber seit Frauen klettern, scheint der Berg endlich jemandem zu be­gegnen, der ihn versteht. Wenn für Männer die Höhe des Berges seine wichtigste Eigen­schaft ist, haben wir an dieser Tagung erstmals und eindrücklich auch etwas über seine Tiefe erfahren. Sie lässt sich nicht messen, so wenig wie das Wesen eines Menschen. Wer den Berg aber so wahrnimmt, dem ist er ein Wesen – fast möchte man sagen, ein beseeltes We­sen. Denn nur mit einem solchen ist Zwiesprache möglich. Und ohne diese Zwiesprache fin­det sich auch keine Antwort auf die Warum- oder Sinnfrage. Vielleicht haben wir sie deswe­gen bis jetzt immer vergeblich gestellt. Frau sei Dank.

 

Bergtheater. Gian Rupf in «Sez Ner» nach dem Roman von Arno Camenisch.

Die anschliessende Aufführung aus „Sez Ner“ von Anro Camenisch mit Gian Rupf und Hans Hassler behandelte ein ganz anderes Thema. Das eintönige Leben einer Alpgemeinschaft zwischen dem Senn und seinen Gehilfen in all seinen Absonderlichkeiten wurde mit Feinge­fühl und mit höchstem schauspielerischem Können auf die Bühne gebracht.

Gian Rupf und Hans Hassler in «Sez Ner».

Ein realistisches Bühnenbild war kaum möglich. Die nötigen Utensilien waren treffende visuelle Metaphern. Das Spiel war eindrücklich. Es entliess einen mit der Frage, ob die Einsamkeit der Alpwirt­schaft das menschliche Gemüt so verarmen, so verrohen muss. Vielleicht hängt es nicht zu­letzt ebenfalls mit einem Unverständnis für das Wesen des Berges zusammen.

 

 

 

 

Wanderlust

Nachdem der Wanderstock zur Pflichtausrüstung jeden Spaziergängers erklärt worden ist, gehört nun auch das Buch im Rucksack zum Tagesbefehl in Sachen Wanderlust. Die Gedanken der Dichter und Denker mögen noch so schwer sein, am Rücken tragen sie sich leicht. Hier die Rezension der neuesten Pflichtlektüre für Wanderer und Wanderinnen.

24. April 2012

Das Wandern ist des Müllers Lust,
   Das Wandern!
Das muss ein schlechter Müller sein,
Dem niemals fiel das Wandern ein,
   Das Wandern.

Das kennen wir doch, dieses Gedicht, dieses Lied! Könnten gleich mitsingen, jedenfalls die erste Strophe. Die vier andern schon weniger. Und den Namen des Dichters? Kennen wir kaum. Dabei ist es ganz einfach: gleich wie derjenige, der da gerne wandert. Müller also, Wilhelm Müller, geboren am 7. Oktober 1794 in Dessau, gestorben ebenda am 1. Oktober 1827.

„Wanderschaft“ heisst das Gedicht. „Wanderlust“ das Buch, worin das Lied aktuell zu finden, zu lesen und zu singen ist. Zusammen mit andern 30 Texten zum Thema, ausgewählt von Daniel Kampa für den Diogenes Verlag. „Ein Buch für jeden Rucksack“ – wie ein Kleber auf dem Umschlag verspricht. Und so machen wir uns mit Robert Walser auf den Weg, natürlich mit einem der Schriftsteller, der ein Leben lang hin und her, weit und lang gewandert ist und schliesslich auf einer Wanderung liegen blieb. Erfreuen uns mit Joseph von Eicherdorff an romantischen Wäldern, überleben mit Alfred Andersch ganz knapp eine Wildnistour im hohen Norden, begegnen ganz kurz dem hier auch schon vorgestellten „Lenz“ von Georg Büchner, planen mit Remco Campert eine Fussreise nach Paris. Arnold Kübler hat sie gemacht und darüber ein Buch geschrieben, doch in diesem Lesebuch wandert er nicht mit. Mehr als die Hälfte der ausgewählten Autoren werden bei Diogenes verlegt, was weiter nicht erstaunt. Die Angaben zu ihnen, zu den Erstausgaben der Texte und zum jeweiligen Kontext sind etwas mager geraten, doch vielleicht dachte sich der Verlag, 288 Seiten sind für den Rucksack genug. Mit Doris Dörrie ist übrigens auch eine Frau mit von Partie; auf ihrem Inkapfad will man eher lesend gehen als umgekehrt.

Gehört nicht beides sowieso irgendwie zusammen? Erst recht heute am 23. April, am Welttag des Buches! „Alle meine Romane sind mir beim Gehen eingefallen“, sagt Georges Simenon; also muss er viel gegangen sein. „Der richtige Spaziergänger ist wie ein Leser, der ein Buch nur zu seinem Zeitvertreib und Vergnügen liest“, doziert Franz Hessel im Aufsatz „Die Kunst spazieren zu gehen.“ Und was schreibt Max Frisch „Vom Wandern“? So der Titel eines Essay, der am 11. Oktober 1936 in der Neuen Zürcher Zeitung erstmals erschien: „Man muss gepilgert sein, […] weil die Landschaft nicht wie ein schlechtes Buch ist, wo man die mittleren Seiten einfach überschlagen kann und das Ende dennoch begreift, nein, man muss ihre leisen Übergänge mitmachen.“

Wandern und lesen: Darüber liesse sich ein Buch schreiben. Da müsste auch folgende Szenerie Platz finden. „Nahe bei Vevey liegt Clarens, und gerade hinüber Meillerie, die Szenen von Rousseaus Heloïse“, schrieb 1779 der Engländer William Coxe in „Sketches of the Natural, Civil and Political State of Switzerland“, 18 Jahre nach Erscheinen des Briefromans „Julie ou La nouvelle Héloïse“ des Genfers Jean-Jacques Rosseau. „Ich nahm deswegen aus Lausanne diesen Roman aus einer Lehnbibliothek mit und verglich die Landschaft, wie ich sie fand, mit den Gemälden dieses berühmten Schriftstellers. Kleinigkeiten kann man prächtig ausstaffieren; aber kein Pinsel, soviel Seele er auch hat, wird die wunderbaren und hohen Werke der Natur erreichen; und auch Rousseaus Farben unterliegen der Schönheit dieser Landschaft. Ich las mit Aufmerksamkeit die vornehmsten Stellen dieses außerordentlichen Werks; und nun, da ich das Theater ganz vor meinen Augen sah, stiegen im Durchlesen Empfindungen in mir auf, die ich zuvor nie gefühlt hatte.“

Nach dermassen hohen Gefühlen wollen wir mit Wilhelm Busch die Wanderung beschliessen, so wie es „Wanderlust“ vorgibt:

Nun gut. Du musst ja doch verreisen.
So fülle denn den Wanderschlauch.
Vielleicht vernimmst du neue Weisen,
Und Hühneraugen kriegst du auch.

Wanderlust. Ein Lesebuch, Diogenes Verlag, Zürich 2012, Fr. 15.90.

Spaziergänge

Warum denn in die Ferne schweifen, wenn man mit Hohlerschem Humor die Faszination der Nähe zu Fuss erkunden kann. Auf eigenen Schusters Rappen oder dann im Sofa mit seinen Texten, die von großer Achtsamkeit und Beobachtungsgabe zeugen – wobei die Nähe machmal auch Südkorea heissen kann. Denn die Welt ist ja klein geworden, auch für Berufsspaziergänger, Schwamendingen ist uns so nah oder fern wie Seoul.

14. April 2012

„Einen See will ich aufsuchen heute, um an seinem Ufer einen Schattenspaziergang zu machen.
In Ziegelbrücke, diesem potemkinschen Dorf, das keinen eigenen Poststempel hat, in dem aber sogar die Schnellzüge von Wien halten, damit man nach Glarus umsteigen kann, besteige ich den Regionalzug nach Sargans und verlasse ihn schon zwei Minuten später in Weesen wieder. Bei diesem Bahnhof ist überhaupt kein Dorf zu sehen, bloß eine gigantische Lagerhalle für Altmetall. Dafür bin ich auch gleich in einer Ufermoorlandschaft mit ehrwürdigen Pappelbäumen, welche als Windbrecher die Linthebene beschützen, und nach kurzer Zeit stehe ich auf einem Kiesstrand und begrüße den Walensee, diesen merkwürdigen Fjord zwischen den Dinosaurierzacken der Churfirsten und den Buckeln der Voralpen. Durch die Dunstdecke über der Wasseroberfläche könnte sich jederzeit das Haupt eines Seeungeheuers erheben.“

Der Auftakt zu einem Spaziergang am schattigen Ufer des Walensees, zuerst nur bis Mühlehorn, dann aber noch weitere drei Stunden bis Walenstadt, wo der Spaziergänger oder Wanderer endlich ein Bad im See nimmt. Ein Jahr lang, vom 12. März 2010 bis zum 4. März 2011, hat der Schweizer Autor und Kabarettist Franz Hohler jede Woche einen Spaziergang unternommen. Was ihm dabei widerfahren und aufgefallen ist, hat er festgehalten, wie schon 2005 im Buch „52 Wanderungen“. Natürlich ist Hohler in den letzten sieben Jahren nicht jünger geworden, aber wer jetzt glaubt, seine Touren seien flach wie der Walensee geworden, irrt sich. Das geht’s hinauf bis auf den Tödi und hinunter in den neuen Eisenbahntunnel von Zürich, da geht’s von seiner Wohnung aus in alle vier Himmelsrichtungen, querbeet durch Strassenschluchten und Hinterhöfe, über Zäune und Eisenbahndämme, und manchmal auch durch ein Stück Wald.

In seinen zwei- bis dreiseitigen Texten, die von großer Achtsamkeit und Beobachtungsgabe sowie vom typischen hohlerschen Humor geprägt sind, setzt sich der Berufsspaziergänger auch mit der Frage auseinander, was ihm – und indirekt auch: was uns – heute Heimat bedeuten kann. Im Bergalgatal im Avers wie in der Unterführung beim Bahnhof Seebach unweit von Oerlikon. Mir persönlich gefällt der Stadtwanderer Franz am besten, weil sich da einer zu Fuss aufgemacht hat, mit dem Notizbuch durch unsere Zivilisation zu stiefeln. Warum denn in die Ferne schweifen, sieh, das Spannende liegt so nah! Wobei Hohler auch in Ferne spazieren geht, in den Högern von Südkorea beispielsweise.

Aber am Samstag, 21. April 2012, wollen wir an den Walensee fahren; nur spazieren wir dann nicht dem Schattenufer entlang, sondern steigen in die sonnige Höhe nach Amden; wir könnten auch fahren. Einfach vor zehn Uhr sollten wir im Gemeindesaal eintreffen, ja besser noch früher, denn der Saal wird voll von Berggängern und Literaturwanderern sein; eigentlich ist die Veranstaltung schon ausgebucht, aber vielleicht findet ja ein Bergfahrtenleser den Weg von Ziegelbrücke nach Amden nicht, so dass ein Platz frei wird. Dort oben auf der Sonnenterrasse findet die von Emil Zopfi angeregte und organisierte „Bergfahrt – Begegnung mit alpiner Literatur“ zum fünften Mal statt.

Der Österreicher Kurt Diemberger, eben 80 geworden, stellt am Morgen sein jüngstes Buch vor: „Unterwegs zwischen Null und Achttausend. Bilder aus meinem Leben“ (AS Verlag). Schwerpunkt am Nachmittag ist der Frauenalpinismus. Den Auftakt macht die Journalistin und Fotografin Caroline Fink mit einer Multimedia-Präsentation, gefolgt von Texten von Annette Frommherz und Maya Albrecht. Darauf stellt Patricia Purtschert ihr ausgezeichnetes Buch „Früh los. Im Gespräch mit Bergsteigerinnen über 70“ vor, und drei von ihr porträtierte Alpinistinnen ergreifen selbst das Wort: Silvia Metzeltin, Heidi Schelbert und Ruth Steinmann. Anschliessend moderiert Caroline Fink ein Gespräch unter verschiedenen Generationen über die Rolle der Frauen im Alpinismus. Danach gibt es eine Kaffeepause – was es übrigens auch nach einer Männerrunde gäbe. Das Finale der diesjährigen Frühlingsliteratour bildet ein Theaterstück nach einem gebirgigen Text: diesmal nach dem Älplerroman „Sez Ner“ von Arno Camenisch, inszeniert von Schauspieler Gian Rupf und Akkordeonist Hans Hassler. Zuletzt, wenn die Abendsonne die Churfirsten hoch über dem Walensee zu färben beginnt, wird vielleicht nochmals das Alphorn von Andreas Weissen ertönen.

Franz Hohler: Spaziergänge. Luchterhand Verlag, München 2012, Fr. 27.50.

Sommerwanderungen und Winterfahrten

Literarische Spaziergänge haben gegenwärtig gerade wiedermal Konjunktur. In den Buchhandlungen stapeln sie sich, doch die leichtfüssigsten und witzigsten verstauben vielleicht schon seit Jahrzehnten oder noch länger in Antiquariaten. Unser Buchschnüffler hat sich wieder mal auf die roten Socken gemacht und mit Hilfe seiner Ehefrau ein paar Fundstücke nach Hause getragen. Man wundert sich, dass da noch Platz ist.

11. April 2012

„Es wird zu viel gereist in der Schweiz und zu wenig spazieren gegangen. Unbegreiflich ist das keineswegs, im Gegenteil, sehr natürlich. Touristen, die sich nur wenige Wochen in einem Lande aufhalten können, das vom schwäbischen Meer bis zum Leman reicht und vom Engadin bis zum nach Frankreich hineinreichenden Jura so unendlich viel Abwechslung bietet, wollen möglichst von allem naschen. Aber genußvoller ist es doch, wenn man Jahr für Jahr nur ein bestimmt begrenztes, kleineres Gebiet sich zum Wanderziel setzt und in diesem Bezirk dann recht behaglich sich umsieht. Daß wir Landesbewohner es so machen, ist selbstverständlich und uns nicht als sonderliche Tugend anzurechnen; wir haben’s eben in dieser Beziehung bequem. Ich kann in Bern noch bis gegen elf Uhr vormittags meiner Berufsarbeit obliegen und nachmittags etwas nach vier Uhr bereits auf irgend einem einsamen Hügel hinter Mürren Alpenrosen pflücken.“

Und das ohne Fahrt mit dem eigenen Auto von Bern nach Stechelberg, sondern per Bahn – und mit dem Schiff von Thun nach Interlaken West, inklusive der aus vier Gängen bestehenden Table d’hôte zu Fr. 2.50; die Hälfte kostete die „tüchtige Portion Wiener Schnitzel“, mit welcher sich der Ausflügler vor über 100 Jahren begnügte. Sein Name: Joseph Victor Widmann. Geboren 1842 im tschechischen Brünn, aufgewachsen im Pfarrhaus von Liestal, Studium des evangelischen Theologie in Heidelberg und Jena, Direktor Einwohnermädchenschule in Bern, ab 1880 Feuilleton-Redaktor der Berner Tageszeitung „Der Bund“ (wo er Robert Walser zu ersten Veröffentlichungen verhalf), Schriftsteller, Italienkenner, unermüdlicher Wanderer und Spaziergänger. Widmann starb am 6. November 1911 in Bern, der Widmann-Brunnen plätschert seit 1914 am Südende des Hirschengrabens in Bern. Am Nordende überschaut Schultheiss und Feldherr Adrian I. von Bubenberg das Verkehrsgewühl unweit des Bahnhofs; im Sockel des Denkmals ist die an die Belagerung von Murten erinnernde Inschrift zu lesen: „So lange in uns eine Ader lebt, gibt keiner nach.“

Doch lassen wir Adrian die Stellung halten und kehren zu J.V. zurück; der ausgeschriebene Vorname findet sich kaum in seinen Publikationen. Die Überlegungen zum Spazieren, zum Reisen und zur günstigen Verkehrslage von Bern finden sich zu Beginn von „Zum obern Steinberg. Sonntagsspaziergang in den Berner Alpen“ im 1897 erschienenen Buch „Sommerwanderungen und Winterfahrten“ mit insgesamt elf Berichten. Meine Frau Eva fand das Buch am Ostersamstag in Brockenhaus Brocktopus in Gals am Fusse des Jolimont im Seeland, zusammen mit diesen beiden Büchern: „Aus den Schweizer Bergen. Drei Geschichten für Kinder und auch für Solche, welche die Kinder lieb haben“ von Johanna Spyri (zweite Auflage von 1890, mit folgender Widmung: „Ihrer lieben Cousine Olga Körber zur Confirmation. Palmsonntag 1910. Alice Weiss“); „In die Umgebung von Bern! Vorschläge zu lohnenden Ausflügen von Bern aus“ (dritte Auflage von 1921, der städtische Verkehrsverein gab den Führer erstmals 1913 heraus).

Die drei Bücher sind hübsche Ergänzungen für meine Büchersammlung. Und wunderbar lesbar, jedenfalls Joseph Victor Widmann. Sein Stil: leicht ironisch, leicht lehrerhaft, aber immer leichtfüssig. So wie er auch unterwegs war: aufmerksam und neugierig im besten Sinne. Ein Beispiel von der Aprilreise nach Savoyen, notiert auf der Bahnfahrt von Bern nach Lausanne:

„Es fahren mehr gute Novellen in der Welt spazieren, als geschrieben werden, und die besten wahrscheinlich dritter Klasse. Ich hatte ein Pärchen gegenüber, junge Eheleute, die von der Hochzeitsreise zurückkehrten, er ein prächtiger, stattlicher Bursche, sie ein blondes, engbrüstiges Rempelchen von nicht mehr erster Frische. Aber er ging mit dem jungen Frauchen doch recht behutsam und gewissermaßen respektvoll um, während sie bei aller Zärtlichkeit und schmachtenden Hingabe ein wenig die Herrin zu spielen suchte. Und das war sie wohl auch ursprünglich gewesen. Je länger ich die beiden mir ansah, die rauh zerarbeiteten, kolossalen Hände des jungen Mannes und dazu die Haltung der jungen Frau beobachtete, desto klarer ward mir, daß die begüterte Bauerntochter den schönen Knecht geheiratet hatte.“

Joseph Victor Widmann: Sommerwanderungen und Winterfahrten. Huber Verlag, Frauenfeld 1887. Bei www.zvab.com erhältlich. Und so: https://dlib.stanford.edu:6521/text1/dd-ill/sommer-winter.pdf; einfacher via Werke-Liste von Widmann in seinem Wikipedia-Eintrag.

Ungeschriebene Gesetze

Die Schwerkraft ist eine Kraft, die schwer auf einem lasten kann. Das musste ich feststellen, als ich in der Wand hing mit allem Drum und Dran.

© Annette Frommherz

8. April 2012

Ich habe die Gesetze nicht gemacht. Die sind von anderen ins Leben gerufen oder erforscht worden, ich schwörs. Das Gesetz der Schwerkraft zum Beispiel. Wie ich da so hänge in meinem Klettergurt, im Überhang, geht mir dieses ungeschriebene Gesetz durch den Kopf, und auch, wie ich aus dieser misslichen Lage wohl wieder herauskomme. Er, der weiter oben noch schnell einen Stand bohren wollte, sagte, ich solle mich einfach mal abseilen, er komme später nach. Bis wohin denn, fragte ich noch. Einfach dem Seil entlang, sagte er, bis zum kleinen Absatz, in der Nähe des Tännchens, du weisst schon. Und, sagte er noch, als ich mein Abseilgerät schon im Seil eingehängt hatte und daran war, den am Karabiner befestigten schweren Rucksack zwischen die Beine zu klemmen: Übrigens hat es auf halber Strecke noch einen Express, aus dem du das Seil nimmst, und den Express hängst du aus.

Daran konnte ich mich gut erinnern, während ich mich abseilte, dem Seil entlang; wo denn sonst. Das Seil drängt sich ja nach der Schwerkraft, und ich nicht minder. So näherten wir uns, der Rucksack und ich, immer mehr dem schmalen Felsenband. Wohl denn, das Muotathal lag unten in einiger Entfernung friedlich im Schatten, und mir wurde immer wärmer. Den abgestorbenen Baum, der seine knorrigen Äste flehend in den Himmel streckte, sah ich zu spät, und kratzte mir die bleichen Waden auf. Mit den aufgekratzten Waden war ich so beschäftigt, dass ich nicht merkte, wie der Express klammheimlich seitlich an mir vorüberzog. Zu spät, als ich ihn sah. Wie sollte ich nun an ihn herankommen und das Seil aushängen.

Ich suchte nach den Hütern der Gesetze. Vergeblich. Neben dem Zivilgesetz und dem Obligationenrecht gibt es ja noch einige Gesetze mehr, die unser Land befehlen. Aber das wichtigste – in meiner momentanen Situation – war hier klar das Gesetz der Schwerkraft.
Hm, versuchte ich Logik in die Sache zu bringen, und dachte nach. Mein Kletterpartner hatte mir garantiert, dass unten das Seil befestigt sei oder, was er als weitere mögliche Variante vorgegeben hatte, im Mindesten ein Knoten am Seilende angebracht sei. Ich zog am Seil. Ich konnte das Ende sehen – weder festgemacht noch ein Knoten. Hm, dachte ich, jetzt gibt es zwei Varianten, denn der Klettergurt schnitt mir inzwischen unangenehm das Blut in den Adern ab. Die erste Variante: Du ziehst das Seil aus dem Express und seilst dich friedlich bis zum Absatz ab – vorausgesetzt, das Seil ist lange genug. Und der Express hängt oben eben weiter, wo er ist. Die zweite Variante: Du schreist nach oben. Ich wählte die zweite, sie war mir, ganz unheldenhaft, die einfachere. Bis mein Kletterpartner zur Stelle war, genoss ich baumelnd die Aussicht in der Morgensonne. Es war Montag. Die Woche stand unter einem guten Stern, wenn nicht gar unter einem guten Gesetz. Dem Gesetz der Nächstenliebe. Mein Kumpane erlöste mich vom Ungemach, zog den Express ein, und unten auf dem Absatz war ich dann gesetzlos einer 6a+-Route ausgesetzt. Da half kein Flehen, keine Ausrede und kein Augenklimpern. Da musste ich durch, also hinauf. Die mit Magnesium gekennzeichneten Stellen meines Gefährten sollten mir den Weg weisen, aber wegweisend war schlussendlich die Erkenntnis, dass eine 6a+-Route für unsereins als ungeeignet abgehakt werden kann. Ich kam hinauf, ich schwörs auch diesmal, aber nur mit dem Gesetz der Nächstenliebe, vielem Ach und Weh und mit gutem Zureden. Und mit meiner letzten Kraft.