Grenzsteine

Ein Gebiet zu Fuss umrunden hat etwas Beschwörendes: Dass die Grenzen denn nur bleiben wie sie sind. Gerade jetzt in dieser Zeit, wo wieder Grenzen verschoben werden, Steine hin oder her. Also macht euch auf die Socken, umrundet eure Gemeinde, euren Kanton, euer Land! Vielleicht genügt ja auch das Lesen der entsprechenden Wanderführer.

24. Februar 2015

Cover AG„Die Spannung steigt. Der erste Grenzstein naht. Dort! Ein Monolith von 1764. Eingemeisselt das Berner Wappen. Der Bär von links nach rechts gehend, heraldisch falsch und dennoch Zeugnis geopolitischer Machenschaften aus der Zeit vor dem Wiener Kongress. Der Bär als Grenzsymbol zwischen Aargau und Solothurn. Toleranter Aargau. Schmaler Weg durch den Pfaffentann. Schwere Flocken fallen auf matschigen Boden. Schmal auch die Grenzsteine. Hinüber kurz nach Solothurn. Im Westen dunkler Himmel. Die Sturmfront naht.“

Kurze Passage des ersten Tages der langen Wanderung rund um den Kanton Aargau, die René P. Moor vom 7. Januar 2012 bis zum 3. August 2013 unternommen hat. Nicht an einem Stück, sondern immer wieder, zu verschiedenen Jahreszeiten, mit verschiedenen Leuten, aber immer schön der Reihe nach, und am Schluss noch um die Exklave des Klosters Fahr herum. Insgesamt 383 km, verteilt auf 20 Etappen. Auf der ersten – mit dem ersten Grenzstein – von Aarau nach Olten, 22.9 km, 560 m Aufstieg, 550 m Abstieg, 5 Std. 50 Min. reine Wanderzeit, 8 Grenzüberschreitungen. Lesen geht schneller: 210 Seiten weist das handliche Buch „Aargau rundum. Zu Fuss entlang der Kantonsgrenze“ auf.

Die fussgängerische Umrundung und Erkundung eines Kantons so ziemlich mitten in der Schweiz. Durchschnitt pur. Aber eben doch nicht: Wer mit René wandernd oder lesend unterwegs ist, lernt ein wichtiges Stück Schweiz besser kennen. Denn er schreibt nicht nur über den Weg und die Grenzsteine, sondern schaut über den Wegrand hinaus, stellt bekanntere und völlig unbekannte Sehens- und Wissenswürdigkeiten vor, isst für uns Aargauer Schokolade (Chocolat Frey, die seit 1950 der Migros gehört, mit einem Marktanteil von 35% in der Schweiz), trinkt ein Feldschlösschen und hat immer ein Buch der reichhaltigen Literatur aus diesem Kanton im Rucksack.

Cover GENach Fläche ist der Aargau der zehntgrösste Kanton in der Schweiz, nach Einwohnern aber die Nummer vier. Eine viel höhere Dichte weist ein anderer eidgenössischer Kanton auf, der noch ein bisschen jünger ist als der Aargau mit Geburtsjahr 1803. Es ist der Kanton Genf, der am Wiener Kongress 1815 der Eidgenossenschaft angegliedert wurde, wie Neuenburg und Wallis. Flächenmässig ist Genf der sechstkleinste Kanton, einwohnermässig jedoch der sechstgrösste. Während Aargau an sechs Kantone grenzt und mit dem Rhein an Deutschland, ist Genf fast ganz von Frankreich umgeben und nur auf einem schmalen Stück Land mit dem Kanton Waadt und so mit der Schweiz verbunden. Allerdings liegen auf Waadtländer Grund noch zwei Genfer Exklaven: „De quoi satisfaire l’amateur de bornes le plus exigeant,“, schreibt Olivier Cavaleri in seinem vierten Führer zur „Histoire de bornes“ in der Romandie. Nach der geschichtlichen Erkundung des Grenzverlaufs im Jura neuchâtelois und vaudois sowie zwischen Frankreich und dem Wallis hat sich der welsche Grenzsteinspezialist den Frontières de Genève angenommen. 20 Wanderungen und zahlreiche Exkurse lassen die Herzen der Grenzschlängler höher schlagen. Mit Genf rundum zu Fuss würde ich warten, bis die Sturmfronten durchgezogen sind: Die Promenades franco-suisses sind im späteren Frühling am schönsten.

René P. Moor: Aargau rundum. Zu Fuss entlang der Kantonsgrenze. Edition Wanderwerk, Burgistein 2014, Fr. 26.-. Zu bestellen unter www.wanderwerk.ch

Olivier Cavaleri: Histoire de bornes. Les frontières de Genève. Balades – découvertes – histoire. Editions Slatkine, Genève 2014, Fr. 34.- www.histoiredebornes.ch

150 Jahre SAC Pilatus

Kletterverbote sind eher aus unserem nördlichen Nachbarland bekannt. Nun hat unser Rezensent aber ein hiesiges entdeckt, es betrifft einen so genannten «Honigstein» und der gehört schon seit 1872 der Sektion Pilatus des SAC – ausgerechnet – und die wird dieses Jahr 150jährig. Man muss die Feste feiern wie sie fallen. Und halt auf den Pilatus klettern, statt auf den Honigstein. Der wird dafür in der schönen Festschrift gewürdigt.

16. Februar 2015

Cover 150 Jahre SAC PilatusVom fernen Wallis kam einst ich her
Auf des Rhonegletschers eis’gem Rücken;
Und jetzt, gestrandet, verlassen und bedroht
Von Geldes und arger Menschen Tücken
Steht mir der SAC zu treuer Wehr.

Am 21. April 1934, dem Tag der 70-Jahr-Feier der Sektion Pilatus des Schweizer Alpen-Clubs, erhielt der Findling von Roggliswil in der Nordwestecke des Kantons Luzern die obige Inschrift auf einer bronzenen Tafel. Seit 4. Augst 1872 steht der Honigstein, wie dieser wunderbar in der hügeligen Landschaft liegende Stein auch genannt wird, unter alpenclubistischem Schutz; die Sektion Pilatus kaufte ihn für 100 Franken dem Bauer ab, auf dessen Land er stand. Bohrlöcher zeugen aber noch davon, dass er wie sehr viele erratisches Blöcke in der Schweiz auch ein anderes Schicksal hätte erleiden können; ein Teil von ihm wurde beim Bau eines Schulhauses und einer Kapelle gebraucht. Nun ist er Naturdenkmal, Ausflugsziel und das Wahrzeichen von Roggliswil.

Dem Honigstein ist eine Seite gewidmet im Jubiläumsbuch der neunten Sektion des SAC. Der Club wurde am 19. April 1863 im Bahnhofsgebäude Olten gegründet, zählte bis Ende jenes Jahres sieben Sektionen und vergrösserte sich im folgenden um zwei: am 4. Januar 1864 um die Sektion Rätia in Chur und am 31. März um die Sektion Pilatus in Luzern. Zu ihrem runden Geburtstag gab die jubilierende Sektion aus dem Herz der Schweiz eine interessante, abwechslungsreiche und klassisch illustrierte Jubiläumsschrift heraus, die alle Aktivitäten der Sektion abdeckt, von der Andenfahrt bis zur Zukunft im Jahre 2039. Im Untertitel heisst die Schrift „150 Jahre SAC Sektion Pilatus“, im Haupttitel schlicht „150“. Eine Zahl, die man sich in diesem Jahr in alpinistischen Sachen wird merken müssen.

Zum Beispiel: 150 ans de la Section genevoise du Club Alpin Suisse (am 14. Mai 1865 in Genf gegründet; 1. Präsident wurde der Zahnarzt François Thioly, der am 3. August 1868 die erste Überschreitung des Cervin von Zermatt nach Breuil unternahm). Bleiben wir doch grad im Wallis: 150 SAC Sektion Monte Rosa (am 4. Oktober in Sitten gegründet). Und in diesen knapp fünf Monaten passierte allerhand zwischen Rhonegletscher und Genfersee. Auswahl von ein paar Gipfeln, die erstmals betreten wurden: Dammastock (durch den SAC-Mitbegründer Albert Hoffmann-Burckhardt mit seinen Führern), Gross Grünhorn und Lauterbrunnen Breithorn (durch den SAC-Mitbegründer Edmund von Fellenberg), Aiguille du Chardonnet, La Ruinette, Grand Cornier, Obergabelhorn. Fehlt da nicht ein ganz grosser Gipfel? Mais oui: das Matterhorn!

Mehr zu diesem berühmtesten Kletterberg der Welt ein ander Mal. Hier bloss noch eine Bemerkung zum Honigstein. Eine unübersehbare Tafel beim kurzen Zugangsweg über Ackerland listet die Besuchsregeln auf: „Kein Reitweg für Pferde/Ponys und Esel“ oder „Beim Stein nicht campieren und auch keine Brätelstelle errichten“. Und, extra gross vermerkt: „Klettern verboten.“

150. 150 Jahre SAC Sektion Pilatus. 2014. ISBN 978-3-85902-398-7. Fr 39.- plus Fr 8.50 für Porto und Verpackung. Zu bestellen unter SAC Sektion Pilatus, Postfach 7844, 6000 Luzern 7, oder unter chronik@sac-pilatus.ch.

Stöcklichrüz

Skitour auf einen Hügel am Zürichsee – ein seltenes Ereignis. Der anhaltenden Kälte und dem strahlenden Wintertag sei Dank.

13. Februar 2015

P1040463Im Zug kommt mir wieder mal ein alter Witz in den Sinn. Welches ist die lustigste Bahnstation der Schweiz? Siebnen. Weil man vor Lachen aussteigen muss. Heute steigen wir aber nicht vor sondern in Lachen aus. Und der Himmel lacht, wenn wir schon bei dem lustigen Thema sind. Hochnebel war angesagt, nichts davon ist zu sehen. Nur weisse Winterlandschaft im Sonnenlicht. Wo’s hochgeht, ist leicht zu finden, die Tour ist eine Piste. Wir sind, wie immer, zu spät für den unberührten Pulverschnee, aber was solls. Wer ihn heutzutage sucht, muss spätestens bei erheblicher Lawinengefahr losziehen, sonst kommen einem andere zuvor. Ausser das Wetter und die Kälte schenken einem einen so schönen Skiberg wie das Stöcklichrüz im Pulverschnee, was wegen der Klimaerwärmung nur noch alle paar Jahre mal vorkommt.
Frohgemut fellen wir hoch, überholt von ein paar Schnellen. Beim ersten Kreuz gibt’s Rast und Tee. Der Hügel macht seinem Namen Ehre, auch am Gipfel schauen zwei Kreuze ins Tal, eins in die March, das andere nach Einsiedeln mit dem Kloster. Der höchste Punkt ist einem Triangulationsdreieck vorbehalten. Die Landestopografie (also Wissenschaft) steht hier über der Religion (also dem Glauben). Das macht das Stöcklichrüz irgendwie säkular, trotz dem religiösen begründeten Namen.
P1040477Aber wir sind ja noch im Aufstieg. Früher muss die Tour wohl jedes Jahr machbar gewesen sein, gehörte sie doch ins Standardprogramm als Einsteigertour bei der IO des SAC Bachtel, der ich damals angehörte. Ich sehe den IO-Leiter noch vor mir, Walter Z., eine Art Vaterfigur mit weisser Dächlikappe, Knickerbockern, einem Rubi-Rucksack mit Lederboden und stets eine Zigarette im Mundwinkel. Ruhig und bestimmt, eine Autorität. Mit uns jungen Wilden hatte er eher Mühe, weil wir lieber privat kletterten, als auf IO-Touren. Am ehesten kamen noch Skitouren in Frage. Also hiess es: teilnehmen oder den ausgeliehenen Eispickel wieder abgeben. Ich entschied mich fürs Abgeben.
Auf jener Skitour im Bündnerland war ich nicht dabei, als es passierte. Die IO fuhr ab von einem Gipfel auf eine Alp, ein Prachtstag wie heute. Fünf starke Skitourengänger baten den Chef, nochmals zu einem weiteren Gipfel aufzusteigen, Walter hatte nichts dagegen. Die Fünf wurden von einer Lawine verschüttet, vier nur noch tot geborgen. Darunter mein Kletterfreund Hans T. Der Fall endete vor Bundesgericht, das Walter Z. wegen fahrlässiger Tötung verurteilte. Er hatte den Lawinenbericht nicht beachtet. Er habe zeitlebens unter dem Urteil gelitten, sagte man, ist wenige Jahre darauf verstorben. Ich bin kein Jurist, habe mich aber nach dem schweren Militär-Lawinenunglück an der Jungfrau im Jahr 2007 gewundert, dass die Bergführer freigesprochen wurden, trotz sehr schlechtem Lawinenbericht. Das Bundesgerichtsurteil im Fall der IO Bachtel sollte ja eigentlich wegweisend sein, Gregor Benisowitsch ist in seiner alpin-juristischen Dissertation ausführlich darauf eingegangen.
Vielleicht wälze ich an diesem so schwerelosen Tag am Stöcklichrüz so schwere Gedanken, weil in den letzten Tagen wieder viele Menschen in Lawinen umgekommen sind. Darunter eine Gruppe der SAC-Sektion Lägern. Und ein Tourenleiter der Sektion Bachtel am Gulmen, einem Hügel, von dem man sagt, da könne man bei jeden Verhältnissen hinauf. Wie aufs Stöcklichrüz.
P1040473Inzwischen sind wir auf dem Gipfel angekommen, der Biswind bläst und lässt die gefühlte Kälte absinken. Schnell die Felle weg, kurz in die Runde geschaut: Bachtel, Säntis, Bockmattli, Vrenelisgärtli, irgendwo die Mythen. Alles im hellen Licht, schneebedeckt, und in der Tiefe der mattgrüne See, Rapperswil, die Inseln, der Damm. Und Lachen, das Dorf, das mit neuen Wohnquartieren fast zur Stadt gewachsen ist. Dann Picknick an einem windgeschützten Schneehang, Abfahrt auf der verkrusteten verfahrenen Piste, gelegentlich noch ein unberührtes Stück Pulverschnee. Ein paar Schwünge, ein bellender Hund bei einem Hof, die letzte leicht geneigte Fläche mit Stockhilfe. Ein alter Mann, dem wir auf der Strasse begegnen, sagt: «Ah, die Stöckliabfahrt.» «Ja, und zuvor der Aufstieg», sagt einer von uns.

(Fotos Heini Gächter)

Weissenstein

Der Berg ruft, heisst ein Gemeinplatz. Geht’s um den Weissenstein, so ruft der Berg nach Bahn. Dabei gibt’s ja auch schöne Wanderwege hinauf und jetzt, wo der Weissenstein wirklich weiss ist, geht’s auch mit Ski und Fellen. Das vorgestellte Buch wendet sich jedoch definitiv nicht an die Selbstbeweger, sondern an jene, die gerne schweben oder sässelen oder sich schleppen lassen. Und davon gibt’s bekanntlich mehr als genug.

10. Februar 2015

Cover Weissenstein“Die Alpenansicht vom Weissenstein ist namentlich im Winter unvergleichlich; während ein unendliches Nebelmeer über Tälern und Hügeln wogt, leuchtet oben die strahlende Sonne und spendet gesunde Wärme bis zu 32° Celsius; dazu grüsst aus dem Süden der glitzernde Kranz der Alpen vom Säntis bis zum Mont Blanc, und im Norden erheben sich, Inseln gleich, die Erhöhungen der Vogesen und des Schwarzwaldes aus dem grauen Meer. Der Weissenstein bietet vor allem ein vorzügliches Skiterrain, namentlich für Anfänger; ein zum Kurhaus gehöriges Gebiet von über 100 Hektar, in dem Sprunghügel errichtet sind, ist für ausgiebiges Training ganz besonders geeignet.“

Diese Aussichten auf Berge und Bewegung oberhalb der „reizenden mittelalterlichen“ Stadt Solothurn verspricht der 1912 in zweiter Auflage erschienene Führer „Winter in der Schweiz: Wintersport und Winterkuren“ von Adolf Eichenberger und seinen Mitarbeitern wie Alt-Nationalrat Dr. Albert Gobat, Jacob Christoph Heer, Pfarrer Camill Hoffmann und Gustav Hügel. So möchte ich auch zum Nachnamen heissen, um über Wintersport zu schreiben: Hügel. Allerdings schrieb der Gustav kaum übers Skifahren, wie mich Wikipedia belehrte: Der Österreicher wurde 1887, 1889 und 1900 Weltmeister im Eiskunstlauf.

Doch zurück auf den Weissenstein, den Solothurner Hausberg mit dem Kurhaus auf 1284 Meter über dem Mittelmeer. Der Führer von 1912 empfahl den Aufstieg mit Wagen von Gänsbrunnen, mit dem Schlitten von Oberdorf – und natürlich zu Fuss von Solothurn aus. Dabei wäre es damals schon möglich gewesen, mit einer Drahtseilbahn an die winterliche Wärme zu rattern – wenn sie denn gebaut worden wäre. Die Konzession für ein solothurnisches Projekt lag am 21. Dezember 1904 vor und wurde gar bis zum 1. Januar 1915 verlängert. Nur eben, in die Tat und Juralandschaft wurde es nicht umgesetzt, sowenig wie eine Zahnrad- und eine Luftseilbahn, deren Projekte ebenfalls in jenen Jahren eingereicht wurden. Und auch der Personen- und Güteraufzug „Porta Jura“, der aus dem Weissensteintunnel der Solothurn-Moutier-Bahn in einem 500 Meter tiefen Vertikalschacht auf die sonnige Matte geführt hätte, blieb spätestens im Oktober 1935 im Dunklen, als das Projekt zurückgezogen wurde. Die Idee der „Porta Alpina“ im Gotthard-Basistunnel war also nicht so revolutionär, wie man vielfach glaubte.

Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war es endlich möglich, mit der Bahn zum Kurhaus zu fahren: mit der von-Roll’schen Sesselbahn des Typs VR 101. Quer zur Fahrtrichtung sitzend, Wind und Wetter ausgesetzt, schwebten die Besucher vom 29. Dezember 1950 bis zum 1. November 2009 in die unvergleichliche Höhe und wieder hinab. Die Sesselbahn am Weissenstein war die zehnte ihrer Art in der Schweiz. Total wurden schweizweit 13 VR-101-Bahnen (ohne temporäre Anlagen) gebaut: 12 Sessel- und 1 Gondelbahn. Die erste Anlage dieser ersten kuppelbaren 2er-Sesselbahn der Welt entstand 1945 in Flims. Das System war ein Verkaufsschlager. So waren an der Weltausstellung in New York 1964/65 gleich zwei VR 101 mit Frischluft-Kabinen à vier Personen in Betrieb – der Swiss Sky Ride.

Die Bergbahngeschichte am weissen Solothurner Hügel von den Anfängen bis zur neuen Gondelbahn, mit Schwerpunkt auf der altehrwürdigen Sesselbahn, um deren Erhalt jahrelang gekämpft und gestritten wurde: Das schildert ein sehr schön gemachtes Buch, mit vielen spannenden Themen nicht nur für Bahntechnik-Freaks, mit tollen Fotos von der nun abgebrochenen Sässelibahn, mit einer Übersicht über alle VR-101-Bahnen in der Schweiz und mit einem Film (in der beigelegten DVD).

Wie seilbahn-weissenstein.ch zu entnehmen ist, sind heute die Schlittelwege Nord und Süd offen. Am 21./22. Februar 2015 finden zudem die 1. Schneesporttage auf dem Weissenstein statt, mit Langlaufen, Biathlon, Schneeschuh- und Winterwandern, Schlitteln, Raclette-Hüsli, Schneebar und Après-Ski. Skifahren? Das war gestern. Zum Beispiel am 8. Februar 1908, beim ersten Skirennen auf dem Weissenstein. Die Abfahrtsstrecke, so heisst es im Buch „Der Weissenstein bei Solothurn. Natur und Geschichte unseres Juraberges“ von 1952, „erstreckte sich vom Weissensteinsignal oberhalb des Kurhauses in gerader nordwestlicher Richtung ein Stück den Schitterwald hinunter. Dann stapften die jungen Fahrer unter den blitzenden Kristallgirlanden des schweigenden Forstes hinauf über die schneeige Weite bis zur Röti und glitten stolz zum Kurhaus zurück.“

Die Sesselbahn am Weissenstein 1950–2009. Bergbahngeschichte von 1904-2014. Dokumentiert von Christian Schneider, Benjamin Forter, Wolfgang Wagmann, Katharina Arni-Howald, Toni Kaiser und Peter-Lukas Meier. Rothus Verlag, Solothurn 2014, Fr. 48.-

Alpenorte

Mann und Frau, eingeschneit in einer Alphütte. Wie das endet, kann man sich denken. Oder im ersten der beiden vorgestellten Bücher nachlesen. Dass bei Winterferien in den Alpen das Skifahren Nebensache ist, ist bekannt. Es muss ja nicht immer in der Alphütte funken, auch andere Formen alpiner Architektur fördern den Wintergenuss. Details dazu im zweiten Buch.

31. Januar 2015

Cover Ski heilEr sah sie an und hätte sie am liebsten in seine Arme geschlossen, aber er bezwang sich.
„Darf ich fragen, wie Sie geschlafen haben?“
„Na, die Betten im Hotel Engadin Kulm sind ja etwas weicher. Ich glaube, ich fühle meine sämtlichen Knochen, aber geschlafen habe ich trotzdem vorzüglich. Es ist wohl noch fürchterlich früh, daß Sie das kostbare Petroleum wieder verbrennen.“
„Leider nein! Es ist schon fast halb zehn.“
„Dann können wir ja gleich gehen?“
„Auch das nicht. Wir sind regelrecht eingeschneit, und ich kann nicht einmal die Tür öffnen.“
„Herrgott, dann können wir wieder nicht fort?“
„Ich glaube schwerlich, denn es schneit noch immer.“
„Dann müssen wir womöglich bis zum Frühjahr hier bleiben und werden ganz verschüttet? Ja, bis dahin sind wir ja längst tot!“

Werden sie natürlich nicht sein, die Helden in „Ski-Heil! Sportroman“ von Otto von Hermsdorf (alias Otfrid von Hanstein). Das 120-seitige, westentaschengrosse Büchlein erschien als Band 16 der Lipsia-Bücher der Vogel & Vogel G.m.b.H. in Leipzig um 1920. Der Roman, eigentlich mehr eine Erzählung, schildert das halb zufällige Zusammenkommen von Erna von Schuckmann und Victor von Holten in einer tiefverschneiten Oberengadiner Alphütte. Er rettet sie aus dem Schnee – und aus den Ansprüchen eines New Yorkers. Mit einem Smartphone wie heute hätten die beiden wahrscheinlich nicht in der Hütte übernachten müssen. Für Erna & Victor wird sie immer ein besonderer Alpenort bleiben, mehr noch als das Hotel Kulm in St. Moritz.

AlpenorteAlpenorte mit besonderer Architektur stellen Claudia Miller & Hannes Bäuerle in einem gediegen gemachten Bildband vor, auf 184 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Fotos und Plänen. Von Häusern, die seit Generationen im Familienbesitz sind, über modern sanierte Chalets und zu Hotels umgebaute Ställen bis zur einsamen Hütte: So weit reicht das Portfolio der 25 vorgestellten Bauten. Zehn befinden sich in Österreich, neun im Südtirol, vier in Bayern und nur gerade zwei in der Schweiz (das Hotel Piz Tschütta in Vnà im Unterengadin und die Monte-Rosa-Hütte). In „Alpenorte – über Nacht in besonderer Architektur“ geht es aber gerade nicht nur darum – die Autoren erzählen auch von den Geschichten der Betreiber über Entstehung oder Weiterführung des Hauses und vom Leben und den Menschen in den Alpen, jedenfalls an solch vorzüglichen Orten. Wenn man in diesem Buch blättert und sich die wunderbaren Wohnzimmer, heimeligen Schlafkojen, gemütlichen Küchen und sonnigen Balkone anschaut, so möchte man gleich dorthin fahren (ist auch meistens möglich) und ein paar Tage ausspannen. Mit passender Begleitung und Lektüre. Etwas Schneefall darf auch nicht fehlen.

Claudia Miller, Hannes Bäuerle: Alpenorte – über Nacht in besonderer Architektur/Alpine Retreats – unique hotel architecture. Edition Detail, München 2014, 49 €

Davos: Skifahren und Freeride

Skifahren könnte die eben in Davos versammelten Wefpolitiker durchaus zu neuen Ideen beschwingen. Auch in der free Economy regieren bekanntlich Freerider bzw. Abzocker, im Gegensatz zu den stumpf vorgewalzte Pisten hinunter-blochernden Staatswirtschaftern. Auf die Ski also, meine Herren und Damen, statt ins Foyer zum Champagner. Die einschlägige Literatur präsentiert unser Skirezensent hier.

22. Januar 2015

Cover Skifahren Davos„Es gibt in den ganzen Alpen kein berühmteres Ski-Gebiet als das der Landschaft Davos.“

Steht als Motto über dem Führer „Ski-Touren in den Bergen um Davos“ von Hermann Frei und Henry Hoek. Nun könnte man über diese übermütige Behauptung skilängenlang diskutieren, ob nicht Chamonix, Cortina d’Ampezzo, Kitzbühel, St. Anton am Arlberg, Wengen-Grindelwald, Verbier oder Zermatt-Cervinia ebenso berühmte Ski-Gebiete sind. Sicher ist: Weltweit am meisten für Schlagzeilen und Einschaltquoten sorgt alljährlich wieder Davos im Januar. Allerdings weniger wegen des SKI, sondern wegen des WEF. Und das seit 1974.

Hier widmen wir uns aber den Brettern, die gleiten, und nicht dem Parkett, auf dem die Mächtigen der Welt ihre Auftritte hinlegen. 1902 (oder 1903) wurde der Davos English Ski Club gegründet, am 12. Februar 1903 ganz sicher der Ski-Club Davos (SCD). Und dieser publizierte nach dem 21. Januar 1906, als die Parsennhütte eingeweiht wurde, einen der ersten Skitourenführer für ein Gebiet in der Schweiz – ein Publikationsdatum fehlt in der 16-seitigen, postkartengrossen Broschüre „Ski-Fahrten in den Davoser Bergen.“ Grösser, dicker, stabiler sind die „Davoser Skitouren“ von Hermann Frei aus dem Jahre 1919, ebenfalls vom SCD herausgegeben. 1932 kam der Nachfolger von Frei und Hoek heraus. Und nun liegt ein aktuelles Werk vor: „Freeride Guide Davos Klosters“ von Christian Frei, Ruedi Berli und Roger Fischer. Ein kompakter, schenkeltaschentauglicher, clever aufgebauter und gluschtig illustrierter Führer, der die schönsten bekannten und wildtierverträglichen Tiefschneeabfahrten mit Ausgangspunkt ab einer der vielen Bergbahn- oder Skiliftstationen schwungvoll vorstellt, ganz nach Motto „kurz aufsteigen und lang abfahren“.

freeride_umschlag.inddBeim Pischahorn (2980 m) wird unter Positivem zum Beispiel gesagt: „Herrlicher Skitouren-Berg mit wunderbarer Aussicht in alle Himmelsrichtungen. Relativ oft besuchter Gipfel. Die wunderbare lange Abfahrt durchs Mattjisch Tälli ist während der ganzen Wintersaison ein Genuss.“ Unter Negativem steht zu lesen: „Setzt gut Kenntnisse in alpinen Skitouren und genügend Kondition für den Aufstieg voraus. Die Tour nur bei einwandfreier Sicht und guten Verhältnissen in Angriff nehmen. Die Abfahrt entlang der Aufstiegsroute ist nicht lohnenswert.“ Hangneigung, Exposition, Höhenmeter Aufstieg und Abfahrt sind angegeben, Routenfoto und Kartenausschnitte liegen bei. Die Texte sind auch in Englisch, was die Mitglieder des DESC freuen würde. Alles ist da, nur selber er-fahren muss man das Pischahorn noch. Und Schnee sollte es natürlich auch haben.

Und den hat es dort oben, behauptete jedenfalls der Vorvorvorfahrer des Freeride Guide: „Keine Gegend der Schweiz mit Ausnahme vielleicht des Gotthardgebietes hat regelmäβig jeden Winter eine so hohe und lange liegenbleibende Schneedecke als das Davoser Gebiet.“

Christian Frei, Ruedi Berli, Roger Fischer: Freeride Guide Davos Klosters. Verlag Freeride Guide, Grindelwald 2014, Fr. 36.- www.freerideguide.ch

Familiengeschichten

Glück und Unglück im Gebirge. Was für die meisten eine kurze und schnell vergessene Pressenotiz, beschäftigt die Angehörigen ein Leben lang. Oft sind es erst die Enkel, die sich für das Schicksal ihrer Vorfahren interessieren. Ein Glücksfall, wenn sie auf Aufzeichnungen wie die besprochenen zurückgreifen können. Glück, wenn auch oft im Unglück.

15. Januar 2015

A LA PIEUSE
MEMOIRE DE
GASTON SAPIN
DE ROSSENS
TOMBÉ LE 18 AOÛT 1945

Cover Vanil NoirEine Totentafel am Gipfelkreuz des Vanil Noir (2389 m). Ich fotografierte sie am 21. September 2010 bei der Überschreitung des höchsten Berges der Freiburger Alpen. Nicht die einzige solche Tafel. Bereits beim Aufstieg zur Cabane de Bounavaux hängt eine ganz besondere, weil sie nicht allein ein „pieuse mémoire“, ein frommes Andenken an den Verstorbenen sein will, sondern die Unfallschuld den Verunfallten zuschiebt und den Betrachtern gleichsam eine Warnung mit auf den Weg gibt: „Ballade imprudente LIONNEL + OLIVIER Le 3 juin 2001“. Oberhalb der Hütte eine ähnliche Inschrift: „Ici Xavier t’invite à la prudence, ne l’oublie pas. 14.7.1990.“ Und so geht es weiter, eine Tafel auf dem Col de la Bounavalette, eine am kettengesicherten Südflankenweg. Unter derjenigen für Gaston Sapin ist eine Tafel angeschraubt für den bedauernswerten Antoine Robert, „FOUDRAYÉ LE DIMANCHE 28 JUILLET 1946 AU SOMMET DU VANIL NOIR.“

Gut drei Wochen bevor Antoine vom Blitz erschlagen wurde, hatte man Gaston endlich gefunden, nach monatelangen Suchaktionen. Am 18. August 1945 war er nicht nach Rossens zurückgekehrt. Die Hüttenwirtin der Cabane de Bounavaux hatte sein Vorbeigehen in ihrem Journal noch notiert. Dann kein Lebenszeichen mehr. Der Vater kam, zuerst alleine, am nächsten Tag mit einer Rettungskolonne, später mit Freunden, mit Dorfbewohnern – überall suchten sie auf und rund um den Vanil Noir. Gaston Sapin blieb verschollen. Am 4. August 1946 fand man ihn, am Fuss der Nordostwand, zuhinterst im Vallon de Morteys in einer Felsspalte. „La partie du côté du froid avait encore sa peau et ses chairs, le visage enfoui contre le sol était brunâtre et émacié comme celui d’une momie.“

Als ich die Totentafel von Gaston Sapin fotografiert, war es einfach dies. Mehr nicht. Kein Blitz, keine leichtsinnige Tour. Im letzten Oktober aber erhielt ich ein hübsches, postkartengrosses Büchlein von 60 Seiten zugeschickt mit folgender Widmung: „Pour Daniel Anker, ce texte sur une montagne de mémoire, en hommage cordial, C. Reichler.“ Ich begann zu lesen. Wie der junge Mann auf den Vanil Noir steigt und weg bleibt. Wie er gesucht, gefunden, ins Tal gebracht – und wie die Bergungsaktion fotografiert wird. Wie die Mutter vor Trauer ernsthaft erkrankt, bis man ihr im Spital in Freiburg ihren ersten Enkel ins Bett legte, der um Weihnachten im gleichen Spital zur Welt gekommen war. Ein paar Tage später konnte sie gesund nach Hause gehen. „Vous aurez compris que j’étais cet enfant nouveau-né.“

Man hatte es schon auf den ersten Seiten im dichten, packenden Text gespürt, dass der Vanil-Noir-Besteiger eine ganz wichtige Rolle in Leben des Autors Claude Reichler spielte und dies immer noch tut. Er war sein Onkel. Mehr noch: Claude ersetzte sozusagen Gaston. Davon handelt das jüngste Buch des ehemaligen Professors für französische Literatur und für Kulturgeschichte an der Uni Lausanne. Von dieser schwarzen Zinne am Freiburger Horizont – und von der Macht und der Bedeutung der schwarz-weissen Fotos der Bergung, die zu Hause in einer Schachtel aufbewahrt wurden, als Reliquie. Eine Totentafel, eine Fotoschachtel, ein Buch: une montagne de mémoire.

Cover SchwarenbachEnde des letzten Jahres lag nochmals ein rucksacktaugliches Buch im Briefkasten, mit folgender Begleitkarte: „Sehr geehrter Herr Anker. Emil Zopfi hat mich gebeten, Ihnen meine Schwarenbach Erzählung zu senden. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen.“ Das hatte ich. Ruth Spälti-Aellig, seit Jahrzehnten in Glarus wohnhaft, hat ihre Kindheitserinnerungen an Schwarenbach aufgeschrieben. Von 1937 bis 1947 (und dann in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre nochmals) führten Ihre Eltern das traditionsreiche Berghotel am Gemmipass. Das wusste ich nicht. Für mich war Schwarenbach eins mit den Stollers; ich hatte mir gar nie überlegt, dass eine andere Familie dort tätig war. Nun weiss ich es: eben Werner und Martha Aellig. Wie sie zum Berghotel kamen, wie sie nach dem strengen Aufstieg von Kandersteg oben eintrafen, was für Freuden und Leiden so ein Hotelbetrieb gab, an schönen Hochsommerwochenenden genauso wie an trüben Wintertagen – und wie all dies Ruthli erlebte: Das und noch mehr lesen wir im 72-seitigen Erinnerungsbuch. Am besten täte man’s natürlich in Schwarenbach selbst, auf sonnigen, windgeschützten Bänken vor den starken Mauern. Das Restaurant ist offen, das Hotel am 17. Januar auch. Vom 24. Januar bis zum 3. Mai 2015 ist es dann durchgehend geöffnet.

Schwarenbach ist zugänglicher, weniger gefährlich als der Vanil Noir, im Winter sowieso, aber auch im Sommer. Doch an der Gemmi können ebenfalls Unfälle passieren, und die Verunfallten mussten abtransportiert werden. Machte so ein Transport in Schwarenbach Halt, hätte Ruthli im Haus drin bleiben sollen. Aber: „Meine Neugier konnte ich nicht ganz bezähmen. Liess die Plane über dem Kanadier noch den Kopf frei, bedeutete es, dass der Verunglückte noch lebte. Bei einem Toten war die Plane vollständig zugeschnürt.“

Claude Reichler: Vanil Noir. Éditions Zoé, Carouge 2014, collection mini, Fr. 6.-

Ruth Spälti-Aellig: Schwarenbach. Kindheitserinnerungen 1937-1947. Spälti Druck, Glarus 1914, Fr. 17.- Erhältlich in Schwarenbach, in der Bücher-Ecke in Kandersteg sowie in der Buchhandlung Wortreich in Glarus.

Schattenspiele

Gestern im Bisistal.
Alplen (UR), 8. Januar 2015.

9. Januar 2015

alplen

Zauberformel

Ein Blick aufs Schaltzentrum der Macht (zumindest der schweizerischen): Finsteraarhorn, Bundeshaus, Eiger, Mönch und Jungfrau, die fünf Parteien im Bundesrat.
5. Januar 2015.

bundeshaus berner alpen

Jahrbücher

Vor fünfundfünfzig Jahren las ein junger Mann ein paar alte Jahrbücher des SAC. Hingerissen von spannenden Berichten beschloss er, Bergsteiger zu werden. Die SAC-Jahrbücher sind verschwunden, andere haben überlebt, zum Glück, wie unser Rezensent berichtet.

7. Januar 2015

Cover AJ 2014„The settled conditions experienced in the principal Alpine regions during the first week of January 1914 enabled the Italian brothers Angelo and Romano Calegari, accompanied by Gaetano Scotti, to complete a successful expedition on New Year’s Day. Climbing on foot from a bivouac above the Simplon Pass the made the first winter ascent of the Fletschhorn, reaching the summit by way of the Fletschjoch and descending the same route by moonlight.”

So beginnt das Kapitel „One Hundred Years Ago“ im jüngsten Band der ältesten Bergsteiger-Zeitschrift. Seit dem März 1863 erscheint das „Alpine Journal“ des britischen Alpine Club. Volume 1 umfasst die Jahre 1863/64 und ist 448 Seiten schwer. Volume 118 steht für das Jahr 2014: 427 Seiten vollbepackt mit Infos und Fotos, Stories von heute und gestern, spannenden Touren in der ganzen Welt der Berge und Felsen. Die Rubrik „Vor hundert Jahren“ ist immer so lesenswert wie die „Area Notes“, wo wichtige Besteigungen und Begehungen des letzten Jahres aufgelistet sind, im schottischen Eis so gut wie am helvetischen Eiger. Rezensionen von Büchern machen einmal mehr deutlich, dass die Bergliteratur weiter reicht als die zehnte Auflage der „schönsten Höhenwege zwischen Mont Blanc und Matterhorn“ oder die erste Auflage von „Schneeschuhtouren für Spätaufsteher“. Frank Nugents „In Search of Peaks, Passes and Glaciers. Irish Alpine Pioneers“ dürfte so eine lesenswerte und hierzulande unbekannte Neuerscheinung sein. Immerhin setzten Iren ihre Schuhe als Erste auf die Gipfel von Eiger, Weisshorn und auch fast Matterhorn. Kurz: das AJ ist wie immer ein grossartiger Fundus von Wissens- und Lesenswertem. „A record of mountain adventure and scientific observation“ seit über 150 Jahren, wie der Untertitel lautet. Nicht verpassen: das alljährlich wiederkehrende grosse Bergabenteuer von Paul Ramsden und Mick Fowler auf einen gottverlassenen 6000er, diesmal auf den Kishtwar Kailash (6451 m). Für seine pionierhaften Leistungen am Berg erhielt Fowler, Past-President des Alpine Club, 2012 den King Albert Mountain Award, den die King Albert I. Memorial Foundation alle zwei Jahre vergibt. Eine Seite im neuen „Alpine Journal“ stellt diese Stiftung vor, und ihr Präsident Dominik Siegrist fragt sich in einem so klugen wie bedenkenswerten Text: „Who Owns the Mountains?“ Ja, wem gehören sie eigentlich, die Berge? Und können wir mit ihnen machen, was wir wollen? Oder dürfen bzw. sollten.

Titel.inddFragen über Fragen. Sie werden teilweise auch gestellt und beantwortet in einem andern Jahrbuch, das ebenfalls Ende des letztes Jahres erschien, aber im Titel das nächste hat. Das Alpenvereinsjahrbuch BERG 2015, das der Deutsche Alpenverein (DAV), der Oesterreichische Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS) gemeinsam herausgeben. Wie immer eine grosse Themenvielfalt. Der BergWelten-Schwerpunkt gilt diesmal den Zillertaler Alpen. Genau: In diesem südlichen Seitental des Inntales im Tirol warten nicht nur die Schürzenjäger auf Besucher, sondern auch grosse Gipfel wie der Ahornspitz, an dem 1840 mit dem Salzburger Domherr Peter Carl Thurwieser das Bergsteigen begann. Die Thurwieserspitze erhebt sich aber in der westlichen Ortlergruppe. Die Rubrik BergFokus wendet sich den  Auslandsbergfahrten zu, zum Beispiel den wissenschaftlich motivierten Expeditionen der Brüder Schlagintweit. In der Abteilung BergSteigen wird von Lust und Frust des Expeditionsbergsteigens in Alaska berichtet. Neue Wege in der BergKultur beschreitet der Kulturgeograf Werner Bätzing (auch er erhielt den King Albert Mountain Award) mit der Niederösterreichischen Landesausstellung 2015: Im Zentrum steht die Ötscherregion, ein Kleinod in den Nördlichen Kalkalpen. BergWissen bringt die Fakten zu aktuellen Sachthemen auf den Tisch: Wie ist es um die Gletschersituation im Himalaya und Karakorum bestellt? Wie wirken sich Bewegung und Sport neurologisch aus? Und ganz praktisch: Wie ist es um die perfekte Tourenplanung im digitalen Zeitalter bestellt?

Die Wintererstbesteiger des Fletschhorns hatten www.alpenvereinaktiv.com nicht zur Hand. Es dürfte ihnen nicht entgangen sein, dass sich das Fletschhorn von der Saaser Seite eigentlich leichter erreichen lässt als von der Simplonstrasse aus. Am Neujahr 1914 dürften sie aber einfach nur froh gewesen sein, als sie in der Abenddämmerung endlich auf dem damals noch 4001 Meter hoch gemessenen Gipfel standen: „Siamo molto stanchi, ma felici per la conquista invernale della bellissima montagna.“

The Alpine Journal 2014. Volume 118. Edited by Bernard Newman. The Alpine Club, London 2014, Fr. 45.-. Erhältlich in der alpinen Buchhandlung Piz Buch & Berg in Zürich, www.pizbube.ch.

Alpenvereinsjahrbuch BERG 2015. Herausgeber Deutscher Alpenverein (DAV), Oesterreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS); Redaktion Anette Köhler. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2014, € 18,90.

Wer den Bericht über „La prima ascensione invernale del Fletschhorn“ lesen will, findet ihn auf books.google. Und wer mehr zu den Gebrüdern Angelo und Romano Calegari – und auch zu ihrer Schwester Carla – erfahren möchte, schlägt die entsprechende Seite in „Badile – Kathedrale aus Granit“ von Marco Volken auf.