Schöne Berge

Schöne Schweizer Berge sind nicht nur schön, sie sind auch schön populär. Mehrere Ausstellungen zeugen davon. Die begleitenden Publikationen ebenfalls. Auf nach Basel, Bern und Schaffhausen. Oder aufs Sofa.

19. Februar 2018

„So sehen die Berge aus und dort oben ist es schön. Das sieht man an der Sammlung des Alpinen Museums gut. Diese Bilder sprechen eigentlich immer eine Einladung aus: Kommt!“

Machen wir natürlich: Wir kommen. Nach Bern, nach Basel, nach Schaffhausen. Dort unten ist es auch schön, dort bewundern wir schöne Berge auch bei unschönem Wetter. „Schöne Berge. Eine Ansichtssache“: So heisst die neue grosse Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz. Rund 150 Gemälde der eigenen Sammlung wurden aus Keller und Depot geholt und hängen nun sauber und schlau geordnet auf zwei Stockwerken. Eine Kunstausstellung, die mehr als das ist: Sie geht den Fragen nach, wer hier eigentlich malt, warum und für wen? Weshalb dieses Bedürfnis nach schönen Bergen? Wo ist die Realität – und wo beginnt der Kitsch? Vielleicht dann, wenn die Berglandschaft nur als schön gezeigt wird und alles Unschöne sozusagen übermalt wurde? Ansichtssache eben, wie der Untertitel der Ausstellung betont. Ansichtskarte ebenfalls: Denn zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen, die aus 40 farbigen Postkarten mit Bergbildern zum Heraustrennen und aus einem Textheft besteht; mit der hintergründigen Ode „Pourquoi les montagnes“ des Lausanner Theaterautors Antoine Jaccoud und mit einem ebensolchen Gespräch über schöne Berge, darin Bernhard Tschofen die oben zitierte Einladung anspricht.

Wir gehen nach Bern. Vielleicht auch zum Bergmalen, vielleicht gar mit einem Bergbild unter dem Arm. Denn Bergbildbesitzer dürfen ihr Lieblingsbild einen Monat lang im Museum ausstellen. Und wenn wir noch Ende Februar 2018 nach Bern gehen, könnten wir die nicht immer schönen, aber immer faszinierenden Berggebilde des Engadiner Bildhauers und Malers Not Vital in der Galerie Kornfeld betrachten.

Aber dann gehen wir nach Schaffhausen, ins Museum zu Allerheiligen. Dort ist bis zum 2. April 2018 Bernhard Nehers grossartige und -angelegte Sammlung von Schweizer Kleinmeistern zu besichtigen. Im 18. und 19. Jahrhundert schufen heimische und ausländische Künstler Zeichnungen und grafische Blätter, um sie an Reisende zu verkaufen. Schweizer Landschafts- und Trachtenbilder wurden von all den schönen Orten des Landes geschaffen, die auf den klassischen Bildungsreisen besucht wurden. Schliesslich wollte man ein Souvenir nach Hause nehmen – Ansichtskarten waren noch nicht auf dem Markt, Berggemälde meistens etwas gar sperrig. Aber so ein Blatt vom Rhonegletscher oder von Rheinfall hatte im Gepäck gut Platz. „Tour de Suisse“ heisst die Ausstellung – und der grossformatige Katalog dazu. Entstehung und Funktion der Kleinmeisterkunst werden exemplarisch erläutert. Hochwertige Abbildungen von Druckgrafiken und zahlreichen, erstmals publizierten Handzeichnungen aus allen Regionen der Schweiz machen die Publikation zu einem Standardwerk.

Zuletzt gehen wir nach Basel. Dort zeigt die neue Sammlungsausstellung nämlich „Schweizer Berge“. Schöne Stücke von Johann Ludwig Aberli, Joseph Anton Koch, Alexandre Calame, Giovanni Segantini, Ferdinand Hodler, Ernst Ludwig Kirchner und anderen berühmten Malern. Die Stars also, während in Bern mehr Werke des bergmalenden Fussvolkes zu entdecken sind. An beiden Orten aber das, wovon der Begleittext zur malerischen Erkundung der Berge erzählt: „Sehnsucht nach Rückzug vom Alltag, das Erlebnis der Schönheit der Natur, das Gefühl über den Dingen zu schweben und die Überwältigung durch etwas, das uns übersteigt.“ Buchstäblich, jedenfalls draussen. Drinnen etwas weniger bzw. anders. Immer aber: schöne Berge. Wir kommen.

Schöne Berge. Kunst und Kitsch aus der Gemäldesammlung. Ein Postkartenbuch. Herausgegeben vom Alpinen Museum der Schweiz. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2018, Fr. 24.- www.scheidegger-spiess.ch

Tour de Suisse. Schweizer Kleinmeister aus der Sammlung Bernhard Neher. Katalog zur Ausstellung im Museum zu Allerheiligen. Herausgegeben von Matthias Fischer und Monique Meyer. Hirmer Verlag, München 2017, Fr.48.- www.hirmerverlag.de

Alpines Museum der Schweiz, Bern: Schöne Berge. Eine Ansichtssache. 23. Februar 2018 bis 6. Januar 2019. Vernissage am 22. Februar 2018, 19 Uhr; Anmeldung unter info@alpinesmuseum.ch. Zur Ausstellung gibt es ein reichhaltiges Veranstaltungsprogramm mit Bergmalkursen, Sonntagsspaziergängen, Feierabendwanderungen und Mittagsgehen sowie mit der Sonderausstellung im Biwak „Baustelle Fortschritt – Emil Zbinden und der Staumauerbau Grimsel-Oberaar“ vom 15. März bis 19. August 2018. www.alpinesmuseum.ch
Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen: Tour de Suisse. Schweizer Kleinmeister aus der Sammlung Bernhard Neher. Bis am 2. April 2018. www.allerheiligen.ch
Kunstmuseum Basel: Schweizer Berge. Neue Ausstellung im Hauptbau. www.kunstmuseumbasel.ch
Galerie Kornfeld, Bern: Not Vital. Noch bis am 28. Februar 2018. www.kornfeld.ch

Rigi & Co.

Beide Bücher kosten 20 Franken, beide sind an Umfang und Dicke eher klein. Aber nur eines ist inhaltlich gross.

15. Februar 2018

Uuf, i d’Hand d’r Bärgstock g’noh,
mir wei mit’nand uf d’Rigi goh!
Es söll m’r dört g’wüss lustig sii.
M’r seit, sie heige guete Wii.

So soll die erste und ziemlich unbekannte Strophe des bekannten Rigilieds lauten. Googeln wir nämlich „Rigilied Text“, so erscheint in Zehntelsekunden an erster Stelle der Refrain, den wir doch alle kennen und hoffentlich auch mitsummen können: „Vo Luzärn uf Wäggis zue/bruucht me weder Strümpf no Schue.“ Christian de Simoni, in Bern lebender Schriftsteller, hat sich auf die Socken gemacht und einen witzigen und hintergründigen, ernsthaften und (selbst)ironischen Essay über dieses Rigilied geschrieben, darin er Herkunft, Bedeutung und Besteigung gekonnt auf- und vermischt. Wir wissen nicht immer, wie fest der Boden unter unseren Schuhen ist, auf dem wir uns lesend der Königin der Schweizer Berge nähern, mit einigen Umwegen in die fast allgemeine Literatur- und ziemlich persönliche Lebensgeschichte. Fest den Bärgstock in der Hand, immer einen Jodel auf den Lippen und wenn möglich nicht zu viel vom feinen Wein trinkend, machen wir fröhlich die Wanderung mit, auf die uns der Autor mitnimmt. Zum Beispiel so: „Das Rigilied wurde rasch zum Soundtrack, die Hymne der Hobbyberggänger. Der Sommerurlaubs-Hit, die Rigi war das Mallorca des 19. Jahrhunderts.“ Holje-guggu, holje-guggu!

Etwas weniger jodeln vermögen wir mit einem Buch, darin die Rigi selbstverständlich auch ihren Auftritt hat: In „Das kleine Buch der groβen Berge“ schreibt Patrick Brauns über „50 Berge, die Sie kennen müssen, um die Schweiz zu verstehen“. So lautet der schöne Untertitel. Im Bergregister sind 103 Namen aufgelistet, von Allalinhorn über Bundesterrasse und Münsterhügel, Schlossberg Vaduz und Toblerone bis Zugerberg, das Inhaltsverzeichnis umfasst 90 Berge, Pässe und Anhöhen wie Muottas Muragl und Vue des Alpes, Monte Rosa und Monte Verità. Durchaus interessant und richtig, dass sich besondere Schweizer Berge auch unterhalb von 1000 Metern befinden. Aber warum sich nicht auf 50 wirklich grosse Berge beschränken, so klein sie topografisch auch sind? Nicht die einzige Frage zu diesem Buch. Auf Seite 23 heisst es, dass das Bietschhorn den ältesten Bergnamen der Schweiz hat (1233), auf Seite 149 steht, dass der Moléson schon um das Jahr 1000 namentlich bekannt war. Das Matterhorn ist nicht der vierthöchste Berg der Schweiz, unter seinen Erstbesteigern befanden sich nicht nur Engländer und Zermatter, sondern auch ein Bergführer aus Chamonix. Und Aussichtspunkte mit dem Attribut „Rigi“ locken nicht nur in der Schweiz und in Süddeutschland Besucher an, sondern auch in Frankreich, Italien, Indien und Wales. Ob man dort das Rigilied auch kennt? Möglich ist’s, insbesondere in Italien. Denn, so schreibt Christian de Simoni, finde sich schon in der römischen Lyrik Versatzstücke des Rigilied-Mythos:

Die Rigi zu besteigen, ist wie Feuer,
Es wärmt dich und erfreut
Und regt dein Verlangen an
Zu tanzen.

Christian de Simoni: Das Rigilied. Herkunft und Bedeutung. Mit einem Nachwort von Elio Pellin. edition taberna kritika, Bern 2017, Fr. 20.- www.etkbooks.com, www.rigilied.ch

Patrick Brauns: Das kleine Buch der groβen Berge. 50 Berge, die Sie kennen müssen, um die Schweiz zu verstehen. Midas Verlag, Zürich 2017, Fr. 20.- www.midas.ch

Ein kalter Hauch

Einmal begann ich in Weisstannen, stieg mit den Ski auf sonnig milder Südseite zur Madfurggel auf und fuhr im herrlich pulvrigen Schnee der Nordseite fast bis nach Flums hinab. Das machst du nochmal, dachte ich eine gute Woche später, dieses Mal über den nächsten Pass. Doch dort kam es anders.

14. Februar 2018

Noch im Schatten stieg ich hinter dem Dorf das Tal hinein, dann hinauf zur Alpe Obersiez, wo auf einmal die gemütliche Spur, der ich folgte, in die andere Richtung lief. Vor mir, zu meinem Pass hin, lagen einsam ein Hang, dann ein Couloirartiger aber breiter Durchschlupf, dann ein Hochtal. Alles in der prallen Sonne. Der blendende Schnee war weich und tief. Ich schwitzte. Und ich freute mich auf die Rast, oben, noch in der Sonne, und auf den Pulverschnee der Schattenseite.

Es kam anders.

Später, im Werdenböll, hinterstes Schillstal, sitze ich unter ein paar Tannen auf einem aperen Fleck, zwei Meter vor mir die junge Schils, die plätschert. Geistesabwesend beobachte ich amöbenförmige Luftblasen, die von Zeit zu Zeit unter dem Eis hindurchhuschen, das vom Rand bis halb zur Bachmitte reicht. Mir ist kalt. Ich bin erschöpft. Die Skitour war lang, ist noch nicht zu Ende. Der Schnee war schlecht, Windharsch, knietief, achthundert Höhenmeter. Einmal brachte mich ein zugewehter Block zu Fall. Nach prallem, tief sulzigem Sonnenaufstieg, alles verschwitzt, war nahe der Höhe, bei plötzlich eisigem Wind, keine Pause. Alles dauerte viel zu lange und das Trinken war zu wenig, ist längst aus. In meine Jacken gehüllt sitze ich in der Sonne auf dem aperen Fleck unter den Tannen und friere noch immer. Meine Kehle ist durstig, trockener Hustenreiz bei tiefem Luftzug. Das Plätschern der Schils jagt mir frostige Schauer über den Rücken. Wie eisig muss dieses Wasser sein, dass Luft in Amöben unter Eisränder treibt, wie brennend kalt? Bräche ich hinein, die Kleider nass, finge ich unmittelbar schweres, triefendes Feuer, das mit stichflammenartig raschem Griff mein Herz umschliessen würde, so fest, dass ihm kein atmen mehr möglich wäre.

Tödliches Wasser.

Tödlich hätte Wasser schon bei der Abfahrt sein können. In seiner trockenen, gebundenen, vom Wind aufgenommenen und wieder abgelagerten Form.

Guten Mutes war ich von der Fansfurggla in die zunächst flachen Hänge gefahren, in lockeren Schnee, der so tief war, dass ich darin bald zum Stehen kam, woraufhin ich schob, erneut schwitzte, diese Mal im kalten, schattigen Wind, der den lockeren Schnee um mich auf und an mir vorbei, schneller als ich mich schieben konnte, vor mir her trieb, das ganze lange, leicht fallende Plateau entlang. So erreichte ich umtanzt die Kante und blickte hinab in den Steilhang, in den hinein der Wind all die Schneefahnen, die er auf der Hochfläche aufgehoben und an die Hand genommen hatte, wie ein untreuer Gefährte wieder fallen liess. Windschnee hatte sich seit Stunden über den nordseiteigen Steilhang gelegt, den ich abfahren wollte. Auf den ich gehofft hatte, ich, der hier weit und breit alleine war, und der niemandem gesagt hatte, wohin ich ging.

Windschnee im Steilhang ist Schneebrettschnee. Was ich vorhatte, war unmöglich. Noch weniger aber wollte ich die ganzen Strapazen zurück. Deshalb schloss ich die Augen und stiess mich ab, schnitt quer in den Hang und schwang schwer im tiefen, kompakten, über hunderte Höhenmeter von der fegenden Luft marmorierten Weiss, das hielt. Es war gut gegangen. Achthundert Höhenmeter Hoffen und Bangen, kräftezehrendes Stemmen, bis hinab zum aperen Fleck an der Schils, wo wieder ein kleiner Punkt Sonne war, in dem ich mit trockener Kehle fror, der aber auch ein kleiner Fleck ohne trockenes oder nasses, ohne tödliches Wasser war.

Als ich mich endlich aufraffte, fand ich wenig später eine harte Spur das Tal hinaus. Während des leichten Gleitens in die Tiefe wurde die Sonne wärmer, fast frühlingshaft, und meine Kraft kehrte zurück. Was lag hinter mir? Ein Pass zwischen Weistannental und Schilstal, nichts weiter. Kein dramatischer Schneesturm, keine dünne, eisige Höhe. Und doch war da, bedrohlich, für kurze Zeit ein kalter Hauch um mich gewesen.

Altherrentreffen im Schnee

Die erste (und vielleicht einzige) Skitour dieses Winters, ein sonniger Tag mit Überraschungen.

10. Februar 2018

Wir finden ja immer eine Ausrede, um die Skiausrüstung im Keller zu lassen. Enkelin hüten, schlechter Schnee, Nebel, Lawinengefahr, Sonne im Süden, perfekt zum Klettern. Wir sind auch langsam zu alt oder zu bequem, um uns mit Skiausrüstung und den dicken Plastikschuhen an den Füssen zum Tram zu schleppen, dann zum Zug, zweimal umsteigen und Postauto und so weiter. Auch bei Skitürelen gilt: der wichtigste Ausrüstungsgegenstand ist das Auto.
Aber diesmal half nichts. Wetter in der Höhe perfekt, unten ein grauer Deckel, eine schöne Schicht Neuschnee gefallen, Lawinenbericht gut – und in der Tiefgarage steht das Auto des Sohnes, der gerade durch Indien reist. Also die Skiroute aufs Laucherenstöckli von map.geo.admin.ch kopiert und dann los!
Den Parkplatz finden wir, ein Zufall eigentlich. Auf der Skikarte ist er nicht eingetragen. Zwei Autos stehen schon da, aus einem weissen Landrover steigt eine älterer Herr, weiss und hager und faltig und Stöpsel im Ohr. Die zieht er dann raus, Fredi ist’s und mit ihm da ist die Erinnerung. Grosse Zinne Nordwand, 1965. Wir kletterten die klassische Comici, Fredi mit Robi links von uns die direkte Hasse-Brandler. Ein Gewitter, kalter Regen, wir kamen noch zum Zelt, die beiden Jungs mussten in der Wand biwakieren. Später schrieb ich dann mal ein Porträt über den erfolgreichen Unternehmer in der Mode- und Gastrobranche Fredi Müller, Inhaber des Kaufleuten in Zürich. Wir unterhalten uns kurz übers Klettern, Jungstar der Szene war er damals, machte dann lange Pause, klettert heute wieder. «Am liebsten im Granit».
Dann fährt wieder ein Auto ein, wieder ein älterer Herr, es ist Willi. Auch er ein alter Bekannter vom SAC Zimmerberg, von Skitouren, auch er bekannt mit Fredi. Ein zufälliges Altherrentreffen also. Die Vergangenheit, alter Gemeinplatz, holt dich ein wo immer du bist. Selbst auf einer kleinen Skitour. «Die erste diesen Winter», gestehen wir etwas kleinlaut. «Ihr müsst nicht auf uns warten.»
Fredi rauscht ab, Willi fellt uns geduldig voraus, durch Wald, Nebelfetzen und auf weiter sanfter Schleife zum Gipfel. Dort trifft auch er einen Bekannten. Über uns spannt sich der Himmel wolkenlos, im Muotatal liegt dicker Nebel, das Panorama ist phantastisch, tausend Gipfel, Zacken, Hügel, die Mythen und überm Tal der Blüemberg, Teil unserer Familiengeschichte.
Der Schnee pulvrig doch wie immer, wenn wir uns mal aufraffen für eine Tour, schon ziemlich verfahren. Der treue Willi wartet immer wieder auf uns, sein Freund taucht ab. Dann sitzen wir in Oberiberg im «Roggenstock» auf der Sonneterrasse bei Kaffee, heisser Schokolade und Kuchen. Vielleicht war’s ja doch nicht die letzte Skitour des Winters.

Bergromane

Nur Ski(lift) fahren ist schöner als lesen. Aber was, wenn der Schlepper plötzlich nicht mehr rattert. Dann lesen wir. Hier sind vier Vorschläge. Viel Spass beim Fahren über die weissen Seiten!

8. Februar 2018

„Und was machen wir jetzt, fragt Paul und schaut den Georg an, das ist ja afängs eine triste Sache, das mit dem Schnee, und jetzt ist uns auch noch der schöne Schlepplift abgelegen, die gute Seele.“

Steht auf der zweitletzten Seite im jüngsten Buch von Arno Camenisch mit dem schönen und traurigen Titel „Der letzte Schnee“. Ja, was machen wir jetzt? Ganz einfach: Wir beginnen vorne, lesen auf der zweiten Seite das hier: „Sie stehen neben dem Skilift mit den Händen in den Hosentaschen und schauen den Skilift an, ein schönes Ding, gell, sagt der Paul, er schaut den Georg an, Baujahr 1971, der Klepper macht noch lange mit.“ Hoffentlich, wenigstens auf den nächsten knapp 100 Seiten, auf denen wir lesen, wie Georg und Paul beim ihrem Skilift in den Bündner Bergen stehen, zu ihm schauen wie zu einem Kind, ihn pflegen und hegen, hoffen, dass auch mal Leute kommen zum Skifahren. Und dazu reden, über Gott und die Welt und das Dorf, die zwei älteren Männer. Täglich tun sie das im Winter, eine gute Woche lang hören wir ihnen zu, ihren Gesprächen, ihren Anspielungen, ihrem Leben. Dazu rattert und surrt der Schlepplift, wenn er denn in Gang gebracht wurde von Georg und Paul. Der Sound der Rollen und Bügel begleitet uns wie der Sound der Sprache von Camenisch. Am Schluss fällt der Strom aus, doch die Sätze begleiten uns noch auf ein paar Seiten, bis ganz am Ende „das Tal allmählich im Nebel verschwindet.“

Und was machen wir jetzt? Wir ziehen das nächste Buch aus dem Rucksack, haben ja Zeit auf der sonnigen Bank vor dem alten Skilifthüsli, lehnen uns an die warme Holzwand, jetzt, wo der Lift still steht und die Bügel traurig am Seil hängen. Melancholisch angehaucht ist auch das Buch von Christian E. Besimo: „Die Kraft der Düra. Geschichten aus dem Tessin.“ Sie spielen im Val Verzasca, ohne dass der Autor das Tal genau verortbar beschrieben würde, fast verlassene Alpen, karges Gras und viel Stein, schlaue Ziegen und schwierige Verhältnisse. Im Zentrum steht Matteo, der immer wieder seine Hütte aufsucht, trotz Schnee und Nacht und Sturm und manchmal auch zu viel Vino, wenn er beim Freund Sergio auf der Alp weiter unten weilt. Matteo also, auf der Suche nach sich selbst, nach seinen Vorfahren, dort hinten im wilden Tessiner Tal. Und am Ende steht er da „und wusste, dass Angelina für ihn unerreichbarer geworden war als je zuvor.“

Und was jetzt? Ein anderes Buch natürlich, wir haben ja Zeit, die Sonne steht noch über dem Berg. Einen richtigen Roman nehmen wir hervor, „Anderberg“ von Andreas Schwab. Eine etwas verschachtelte Geschichte um „einen grössenwahnsinnigen Hotelbau in den Alpen“, wie wir auf dem Umschlag lesen. Panta Rhei heisst dieses Hotel, das im Zentrum des Romans und über dem Dorf angesiedelt ist, wo es trotz Bedenken und Ränke gebaut wurde. Und dann eine Veränderung erfährt, fast so, wie wenn der Schnee ausbliebe und der Lift stillstünde. Auf der Landkarte existiert „Anderberg“ nicht, aber wenn wir beim Lesen manchmal an den geplanten Hotelturm in Vals gedacht haben, liegen wir sicher nicht falsch.

Und zum Schluss zücken wir noch den Bergroman von Ellen Berg hervor: „Manche mögen’s steil.“ Im Zentrum agiert diesmal Viktoria Elsässer, eine IT-Fachfrau, die in der digitalen Welt definitiv besser zurechtkommt als in der analogen. Doch auf der Hütten und im Steilfels, die Vicky auf einer Team-Trainings-Tour kennenlernen muss, hilft ein Smartphone nur bedingt weiter. Besser sind da schon die starken Arme des Bergführers, und die Friends, die man allerdings nicht in den Fels hämmert, wie zu lesen ist. Über solche bergsportlich flachen Stellen lesen wir grosszügig hinweg, freuen uns dafür an echt komischen Passagen drunten im Tal. Und ziehen schon mal die Daunenjacke an, wo die Sonne sich anschickt, hinter den Liftberg zu versinken. Am Ende sehen wir Vicky und ihren Seilgefährten (der Name sei nicht verraten) beim Klettern, und die letzten Wort von ihr und des Romans lauten so: „Wo wir sind, ist oben. Für immer.“

Arno Camenisch: Der letzte Schnee. Engeler-Verlag, Schupfart 2018, Fr. 25.- www.engeler-verlag.com
Christian E. Besimo: Die Kraft der Düra. Geschichten aus dem Tessin. Mit schwarz-weissen Fotos des Autors. edition bücherlese, Hitzkirch 2017, Fr. 31.90. www.buecherlese.ch
Andreas Schwab: Anderberg. Offizin Verlag, Zürich 2017, Fr. 28.90. www.offizin.ch
Ellen Berg: Manche mögen’s steil. (K)ein Liebes-Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2017, € 11.- www.aufbau-verlag.de

Der Weg zur Spitze – und nach Bern

France Prešeren gilt als der grösste slowenische Dichter. Sein Todestag, der 8. Februar 1849, ist der offizielle Tag der Kultur in Slowenien. Nejc Zaplotnik ist der bekannteste alpine Schriftsteller des Landes. Sein Werk „Pot“ („Weg“) steckt in jedem Rucksack. Und steht im Zentrum des slowenischen Alpinabends im Alpinen Museum in Bern am 3. Februar 2018.

31. Januar 2018

Wer an ein Ziel gelangen will
wird leer bleiben, nachdem er es erreicht hat.
Wer aber den Weg gefunden hat
wird das Ziel immer in sich tragen.

Mit diesem Zitat aus der Bibel des slowenischen Alpinismus beginnt ein ganz starkes Buch über diesen Alpinismus. Der Autor dieser Bibel heisst Nejc Zaplotnik, geboren 1952, gestorben am 24. April 1983 in einer Lawine am Manaslu. 1979 hatte zusammen mit Andrej Štremfelj zum ersten Mal den kompletten Westgrat des Mount Everest begangen. 1981 erschien sein Buch „Pot“, auf Deutsch „Weg.“ Dieses Buch lesen alle Slowenen, ob Bergsteiger oder nicht. Und nun können wir ein Buch über Nejc Zaplotnik lesen, über seine Seilgefährten, über Slowenien. Über ein Alpenland also, nah und fern zu gleich.

Was hat Slowenien gemeinsam mit der nach Fläche doppelt und nach Einwohnern vielmal so grossen Schweiz? Die Berge, und zwar die gleichen, nämlich die der Alpen! Mehr noch: Richtige Slowenen müssen einmal im Leben das Türmchen aus Blech auf dem höchsten Gipfels des Landes berühren. Nicht von ungefähr ziert der Triglav (2864 m) das Staatswappen und ist auf der 50-Eurocent-Münze abgebildet, inklusive des Liedtitels „Oj, Triglav, moj dom“ (Oh Triglav, mein Zuhause). Diese unbedingte Leidenschaft zum Berg nahmen und nehmen die Slowenen aber auch mit auf die höchsten Gipfel der Erde. Die preisgekrönte Alpinhistorikerin Bernadette McDonald hat sich nach dem Buch über polnische Alpinisten („Klettern für Freiheit“) nun mit der faszinierenden und hierzulande noch kaum bekannten Geschichte des Bergsteigern im ehemaligen Jugoslawien und insbesondere in Slowenien beschäftigt: „Der Weg zur Spitze. Die Geschichte des slowenischen Alpinismus“. Ein vielschichtiges, bergsportliches wie gesellschaftliches Werk, in dessen Zentrum eben die Schrift „Pot“ von Nejc Zaplotnik steht.

Aus Anlass des Preseren-Tags, des slowenischen Tags der Kultur (France Prešeren, der grösste slowenische Dichter, starb am 8. Februar 1849), laden nun die Botschaft der Republik Slowenien Bern, das Alpine Museum und der AS Verlag zum gemeinsamen Alpinabend am Helvetiaplatz in Bern. Robert Steiner, Schriftsteller und Extremkletterer, übersetzte „Alpine Warriors“ von Bernadette McDonald ins Deutsche. Er stellt die wichtigsten Stationen in „Der Weg zur Spitze“ vor und diskutiert dann mit den zwei Alpinisten Urban Novak und Marko Prezelj über den slowenischen Alpinismus von einst bis morgen. Im Restaurant „las alps“ klingt der Abend aus mit einem Apéro slowenischer Spezialitäten, offeriert von der Slowenischen Botschaft. Dober apetit in na zdravje!

Bernadette McDonald: Der Weg zur Spitze. Die Geschichte des slowenischen Alpinismus. AS Verlag, Zürich 2017, Fr. 39.80, www.as-verlag.ch
Samstag, 3. Februar 2018, 20 Uhr, im Alpinen Museum am Helvetiaplatz in Bern: Der Weg zur Spitze – Die Geschichte des slowenischen Alpinismus. Anmeldung erwünscht: booking@alpinesmuseum oder 031 350 04 40.

Festungen in der Schweiz

Einer Festung glich Davos wegen des WEF in den letzten Tagen. In der Schweiz gibt es aber Festungen, die länger Bestand haben. Auch wenn die meisten von ihnen spätestens seit 1989 ihren eigentlichen Zweck verloren haben. Ein Bildband stellt helvetische Festungsbauten aus dem 19. und 20. Jahrhundert vor, von der Ajoie bis nach Andermatt.

26. Januar 2018

Stöckli, 2483 m
Prächtiger Aussichtspunkt, von allen Seiten leicht zu erreichen, besonders von der Oberalp aus häufig besucht. Annäherung an das ca. 200 m weiter südlich auf dem Grat gelegene Fort Stöckli verboten!

Verstanden? Jawohl Korporal! Der Befehl stammt aus dem ersten Band des „Führer durch die Urner-Alpen“, verfasst vom Akademischen Alpen-Club Zürich und 1905 erstmals erschienen. Passend zum Annäherungsverbot war das Fort auf der Landeskarte der Schweiz bis 1989 nicht vorhanden. Heute ist die ganze Anlage sauber eingezeichnet, am bequemsten digital einsehbar: http://maps.geo.admin.ch; mit dem per Mausklick verfügbaren Luftbild kann gar der Verlauf der Schützengräben genau verfolgt werden.

Bis vor ein paar Wochen kannte ich das Fort Stöckli zuoberst im sonnigen Skigebiet Nätschen ob Andermatt nicht; einer der Lifte heisst Stöckli. Dabei „versteckt“ sich dort oben eine ganz besondere Anlage, wie der Mitte Dezember 2017 herausgekommene Bildband „Festungen der Schweiz“ verrät: „Das Fort Stöckli gehörte zu den ehemals bedeutenden Werken der schweizerischen Landesverteidigung. Neben dem Fort Chaberton (3130 m. ü. M.) in den französischen Westalpen zählt das mit Fort mit einer Höhenlage von rund 2400 m. ü. M. zu den höchstgelegenen Festungen im ausgehenden 19. Jahrhundert.“ Es hat sich gut erhalten, wie die acht Fotos zeigen. Unter feindlichen Beschuss kam es nie, nur sozusagen unter internen, denn es erreichte die gesetzten militärischen Ziele nicht. Mit ein Grund, warum um Andermatt herum so viele sicht- und unsichtbare Festungen entstanden sind, auf Gipfeln und tief im Berginnern. Aber nicht nur rund um den Gotthard; die ganze Schweiz wurde im 19. und 20. Jahrhundert von Tausenden von militärischen Festungsbauten überzogen und durchlöchert. Einen Teil von ihnen dokumentiert der Bildband, den die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte nun vorlegt.

Kunstgeschichte und Bunker? Klar doch! Diese Festungen gehören zum architektonischen Kulturerbe der Schweiz wie Kirchen, Hotels und Chalets, einfach von der Öffentlichkeit weniger beachtet, verständlicherweise. Wobei: Gerade die im Zweiten Weltkrieg betonierten Bunker wurden oft als Chalets getarnt. Die Tarnung ist mehrheitlich geblieben, der eigentliche Zweck aber ging verloren, wie beim Fort Stöckli schon lange. Seit dem Ende des Kalten Kriegs werden viele Anlagen nicht mehr militärisch genutzt. Thomas Bitterli, Juri Jaquemet und Maurice Lovisa stellen eine Auswahl wichtiger Bauten aus der ganzen Schweiz vor und gehen auf Fakten zur Geschichte, Architektur und aktuellen Nutzung ein. Rund 150 Fotografien von Michael Peuckert zeigen die besondere Ästhetik der Anlagen und geben faszinierende Einblicke in eine meistens verborgene Welt. Ausführlichere Bildlegenden wären da und dort hilfreich, Kartenausschnitte mit den einst geheimen Objekten immer. Denn heute darf man sich ihnen annähern.

Thomas Bitterli, Juri Jaquemet, Maurice Lovisa (Text), Michael Peuckert (Fotos): Festungen in der Schweiz – Fortifications de Suisse. Reihe Pages blanches. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2017, Fr. 90.-, www.gsk.ch

Schneegeschichten

Hahnenkamm ob Kitzbühel und Inferno ob Mürren: Skirennfahren steht an diesem Wochenende zuoberst, wenn nicht im Schnee, so doch am Bildschirm. Wer lieber Skigrössen auf Papier nachfährt, kann dies in zwei druckfrischen Publikationen tun. „Mit dem Finger in den Schnee geschrieben“, wie es Clo Duri Bezzola vor 20 Jahren formulierte.

19. Januar 2018

„Greifen solche Wettrennen weiter über in unser eigentliches Gebiet, z.B. zum oder vom Gipfel des Kitzbüheler Horns, so erheben wir lauten Protest, sperren für solche Tage unsere Schutzhütten, die in diesem Gebiet liegen, verbieten Wege und Grundstücke, wo wir Besitzer sind, und suchen überhaupt durch eifrige Propaganda solche Entwürdigung unserer lieben Berge möglichst zu hindern.“

Protest von Mitgliedern des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins gegen den Skilauf im Allgemeinen und gegen Skirennen im Besonderen, erhoben in den „Mitteilungen des DuOeAV“ von 1910. Genützt hat der Protest nix, der Skilauf nahm weiter Fahrt auf, die Wettkämpfe am Kitzbüheler Horn wurden zu einem der Höhepunkte des Skiweltcups. Vom Skifahren in den Bergen von Kitzbühel schrieb nun einer, aus dessen Schriften normalerweise beim sommerlichen Bergsport zitiert wird, insbesondere zum freien Klettern ohne den Gebrauch von Mauerhaken. Dass Paul Preuss auch ein begeisterter Skitourenfahrer war und über die Fortbewegung in den winterlichen Bergen lesenswerte Spuren hinterliess, ist weniger geläufig. Für Giorgio Daidola, den 1943 geborenen italienischen Skipapst und Telemarkguru, gehört Preuss zu den zwölf wichtigen Figuren in der Geschichte des Skialpinismus im Allgemeinen und zu seiner eigenen im Besonderen.

„Sciatori di Montagna. 12 storie di chi ha fatto la storia dello scialpinismo“ heisst das druckfrische Buch von Giorgio Daidola, darin er bekannte und vergessene Pioniere des Skibergsteigens vorstellt: Wilhelm Paulcke, Piero Ghiglione, Paul Preuss, Marcel Kurz, Ottorino Mezzalama, Léon Zwingelstein, Ettore Castiglioni, Toni Gobbi, Philippe Traynard, Heini Holzer und Michel Parmentier. Arnold Lunn ist selbstverständlich bei diesem illustren Dutzend dabei; sein von ihm gestartetes Inferno-Rennen am Schilthorn in Mürren wurde erstmals am 29. Januar 1928 ausgetragen und findet morgen Samstag, 20. Januar 2018, zum 75. Mal statt. Illustriert ist das rucksacktaugliche Buch mit einigen schwarzweissen und farbigen Fotos, darunter zwei kaum bekannten des Schweizers Marcel Kurz. Am Schluss stellt Leonardo Bizzaro zwölf Bücher näher vor, „che hanno fatto crescere lo scialpinismo“. Darunter „Alpinisme hivernal. Le skieur dans les Alpes“ von Kurz aus dem Jahre 1925 und die beiden grossartigen und –formatigen Bildbandführer „Les grands raids à ski“ von Michel Parmentier von 1983/84. Sie alle, inklusive das neue Buch von Daidola, bereichern eine Skibibliothek aufs Schönste.

Das tut gleichfalls der 44., im November 2017 erschienene Band von „Quarto“, der viersprachigen Zeitschrift des Schweizerischen Literaturarchivs SLA. „Scrit … en la naiv“ ist der Titel dieses von Annetta Ganzoni konzipierten und betreuten Bandes: „… in den Schnee geschrieben“. Im Editorial fragt sie sich, ob „Schriftsteller aus den Bergen eine besondere Beziehung zum Schnee“ haben. Die vielfältigen Antworten stammen hauptsächlich aus der bündner romanischen Literatur wie Cla Biert oder Andri Peer, aber auch von Gerhard Meier oder Maurice Chappaz. Aus dem Kinderbuch „La naivera“ (Der grosse Schnee) von Selina Chönz und Alois Carigiet werden – passend zu den starken Schneefällen der letzten Zeit – diese Zeilen zitiert: „Die grosse Wächte löst sich oben,/man hört ein Sausen und ein Toben,/und eine dicke Wolke Schnee/rollt dumpf zu Tal, o weh, o weh!“ Das Heft ist mit „schneereichen Fotos und Manuskripten aus Privatarchiven und aus Archiven und Nachlässen des SLA illustriert“ – schön und einzigartig wie eine Schneeflocke.

Damit wären wir wieder oben am Start. Und freuen uns auf das hier, das in den „Mitteilungen des DuOeAV“ von 1910 auch geschrieben steht: „Und ist eine flotte Abfahrt – auch wenn es um die Wette geht – nicht herrlich? Ist es nicht alpin, sein Können mit der Natur des Berges so in Einklang zu bringen, dass wir in sausendem Fluge sturzlos zu Tal eilen?“

Giorgio Daidola: Sciatori di Montagna. 12 storie di chi ha fatto la storia dello scialpinismo. Prefazione di Daniel Anker. Mulatero editore, Piverone (TO) 2017, € 19.-

Quarto n. 44/2017: „Scrit … en la naiv“ – „… in den Schnee geschrieben“. Concezpt e redacziun Annetta Ganzoni. Archiv svizzer da litteratura, Berna 2017. Erhältlich in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern, bei den Éditions Slatkine in Genf oder im Buchhandel, Fr. 15.-

Sternennacht – Frech genug musst’ auch noch sein

Frauen in den Bergen sind nicht ganz so rar wie Bergbücher von Frauen, im Gegenteil. Im Schweizer Alpen-Club zum Beispiel machen die Frauen heute schon knapp zwei Fünftel aus, Tendenz steigend. Bergsteigerinnen, die neben dem Pickel auch zum Stift bzw. zur Taste greifen, bleiben die Ausnahme. Hier aber sind gleich zwei ausnehmend gute zu melden.

10. Januar 2018

„Was Joe Simpson konnte, das kann ich auch, denke ich trotzig und muss fast über mich selber lachen. Ich blicke in das Meer von Büßereis, das mich von dem Geröllhang trennt, der zum Grat hinaufführt. Eine unendliche Distanz, und ich habe nur wenig Zeit, wenn Peter leben soll. Wenn ich leben will. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich überhaupt eine ernsthafte Chance habe, bis zur Scharte zu kriechen. Aber ich muss leben, der Tod ist bereits hier, und das Einzige, das mir übrig bleibt, ist, auf das Leben zu setzen. Ich setze mich auf das Eis und beginne. Die ersten Büßerstufen gehen nach unten. Wenigstens sitze ich in der Sonne, nicht im Schatten.“

Ältere Bergfreunde mögen sich erinnern: „Sturz ins Leere“ von Joe Simpson erschien erstmals 1988, erlebte zahlreiche Auflagen (und Übersetzungen) und wurde 2003 verfilmt. Erzählt wird ein Bergdrama in den Anden, in dem es dem Autor nur ganz knapp gelingt, ins Leben zurückzukriechen. Atem beraubend und Gänsehaut erzeugend. Eine ähnliche Geschichte hat die Alpinistin und Literaturwissenschaftlerin Isabel Suppé erlebt: Im Juli 2010 stürzen sie und ihr Seilgefährte Peter an der Ala Izquierda (5532 m) in den bolivianischen Anden 400 Meter über die Südostwand ab und bleiben schwerstverletzt am Wandfuss liegen. Isabel kann sich, mit zertrümmertem Fuss und unbändigem Lebenswillen, in letzter Sekunde retten. Aber dann beginnt die zweite Leidenszeit mit unzähligen Operationen. Wie nun Isabel Suppé diese Geschichte im Buch erzählt – und zwar auf Deutsch als eine ihrer sechs Sprachen, die sie beherrscht –, ist grossartig und bewundernswert, vielschichtig und gekonnt. Atem beraubend, Gänsehaut erzeugend und Hoffnungen stiftend. Ein Bergbuch, das viel mehr als ein solches ist. Das verspricht ja auch das Cover: ein Ausschnitt aus „Sternennacht“ von Vincent van Gogh. So lautet auch der spanische Originaltitel: „Noche estrellada“. Derjenige der italienischen Ausgabe gefällt ebenfalls sehr gut: „Una notte troppo bella per morire.“

Und wie ist’s mit diesem Titel da: „Frech genug musst’ auch noch sein“? Er stammt vom Buch der Münchnerin Christl Gensthaler, von Beruf diplomierte Haushalts- und Ernährungswissenschaftlerin, Pädagogin und Musikerin, aus Passion Alpinistin. Keine extreme, aber eine zünftige: Eiger und Piz Bernina, schwierige Wände in den Dolomiten und im Wilden Kaiser. Am Seil ihrer Bergführer hat die Christl so manche Tour gemacht, auf die viele Männer stolz sein könnten. Mehr noch: In ihrem Buch mit dem Untertitel „Über den Watzmann bis zum Matterhorn“ schreibt sie über 20 Jahre Bergsteigen in den Alpen, und sie macht das gekonnt, frisch und auch ein wenig frech. Ein Buch, das Mut macht, die Passion zu leben. In diesem Fall zum Pickel zu greifen (ihn hält die Autorin auf dem Foto auf der Buchrückseite, am Gipfelkreuz des Matterhorns). Und zum Stift!

Isabel Suppé: Sternennacht. Eine Geschichte vom Leben und Schreiben. AS Verlag, Zürich 2017. Fr. 29.80.

Christl Gensthaler: Frech genug musst’ auch noch sein. Über den Watzmann bis zum Matterhorn. AS Verlag, Zürich 2017, Fr. 29.80. www.as-verlag.ch

Moderne Zeiten

«Modern times» sind eigentlich immer, und so ist es doch beruhigend (für Alt und Jung), dass auch die vorgestellten 100 modernen Top-Routen dereinst alt aussehen werden. So sind halt die Zeiten. Also nicht gleich hinlaufen und am Einstieg anstehen. Die Deluxe-Edition im edlen Schuber wird auch der Grossvater noch mit Freude durchblättern und sich erinnern.

7. Januar 2018

„Für Jürg von Känel hat der neue Kletterstil mit dem Bergsteigen im üblichen Sinn nichts mehr zu tun‘. Es ist nicht mehr das Gipfelerlebnis gesucht, sondern man versucht, immer schwieriger zu klettern, die Sturzgrenze immer ein wenig weiter hinauszuschieben. Deshalb werden nur noch Routen geklettert, in denen der Fels absolut fest ist und wo ‚man gut sichern kann‘. Denn in solchen Schwierigkeiten, wo der Kletterer das Gesetz der Schwerkraft aufzuheben scheint, ‚liegt ein Sturz sicher drin…‘“

Ende der 70-er Jahre im letzten Jahrhundert waren neue Zeiten beim Klettern angesagt. Mit „Freier Gang an der Sturzgrenze“ ist mein Artikel vom 31. Oktober 1979 in der „Berner Zeitung“ überschrieben, im Untertitel heisst es: „Der sechste Grad aus ‚ausgedient‘ – ein neuer Kletterstil kommt auf: all free.“ Vor rund 40 Jahren begann beim Klettern ein neues Zeitalter, insbesondere in den Alpenländern. Einer der damaligen Pioniere war der Berner Oberländer Jürg von Känel. 1978 eröffnete er zusammen mit Martin Stettler am Granitpfeiler neben der Gelmerseebahn im Grimselgebiet die Route „Fair Hands Line“. Der Name war und ist Programm: klettern by fair means. „Verzicht auf alle künstlichen Hilfsmittel wie Felshaken, Klemmkeile, Trittleitern, Quergangsseile usw.“, wie in der BZ zu lesen war. „Der Kletterer darf zur Fortbewegung nur noch einsetzen, was er sowieso schon mitbringt: seinen Körper.“

„Fair Hands Line“ gehört zusammen mit den Routen „Dingomaniaque“ in der Verdon-Schlucht und „Schwalbenschwanz“ in der Südwand der Marmolada zu den zweitältesten, die für den druckfrischen Bildbandführer „moderne zeiten. 100 legendäre Freikletterouten in den Alpen“ ausgewählt wurde. Die älteste aber sind die „Pumprisse“ am Fleichbankpfeiler im Wilden Kaiser, 1977 erstmals durchstiegen von Helmut Kiene und Reinhard Karl. Mit dieser Route wurde die starre sechsstufige Schwierigkeitsskala gesprengt und der siebte Grad offiziell eröffnet. Vom neuen Freiklettergeist beflügelt, erschlossen in der Folge Kletterer wie Jürg von Känel schier unzählige Routen: freier, schwerer und anders als das bisher Dagewesene. Moderne Zeiten eben.

Achim Pasold und Ralph Stöhr stellen 100 moderne Routen aus dem ganzen Alpenbogen vor, von den Gorges du Verdon in Südfrankreich bis zum Schneeberg bei Wien. 27 stammen aus der Schweiz, von der „Mamba“ am Miroir d’Argentine bis zur „Rialto“ an der Sulzfluh. Am Eiger wurden gleich zwei Linien ausgewählt: „Märmelibahn“ in der Südostwand und „Deep Blue Sea“ in der Nordwand, „die schwerste Route in diesem Buch“. Die 100 Routen werden jeweils auf einer Doppelseite vorgestellt: rechts ein ganzseitiges, bestens beleuchtetes Farbfoto des Kletterzieles mit kleinen roten Pfeilen für Ein- und Ausstieg, links ein gezeichnetes Topo mit Routenverlauf und wichtigen Infos; dazu ein locker geschriebener Text und kurze Angaben zu Zustieg, Zeitbedarf etc. Prima gemacht! Damit könnte man gleich einsteigen, vorausgesetzt, man habe den siebten Schwierigkeitsgrad bzw. ein französisches 6b+ locker drauf.

Zwei kleine geografische Fehler haben sich eingeschlichen: der Ofen mit dem „Indianerpfeiler“ im Melchtal steht nicht in den Berner, sondern in den Unterwaldner Alpen, und die berühmte Route „Motörhead“ der Gebrüder Remy im Eldorado am Grimselsee liegt nicht in den Urner, sondern den Berner Alpen. Und wenn wir schon am Mäkeln sind: Die Route vom atemberaubenden Titelbild, nämlich „Unendliche Geschichte“ an der 7. Kirchlispitze im Rätikon, fehlt unter den 100 vorgestellten; wahrscheinlich ist sie die 101. Sicher aber ist: „moderne zeiten“ ist der Nachfolger von „Im extremen Fels“ – der „Pause“ im heutigen Jahrhundert.

Achim Pasold, Ralph Stör: moderne zeiten. 100 legendäre Freikletterrouten in den Alpen. Inklusive Topo-ebook. Panico Alpinverlag, Köngen 2017, Fr. 59.90. Limitierte Deluxe-Edition (777 handnummerierte Exemplare) im edlen Schuber, inklusive zwei Topofächern der 100 Routen, dem Spiel „Kletterreise durch die Alpen“ in Tisch- und Zeltversion, einem Postkartenset und einem Poster; Euro 89.80. www.panico.de