Das Multitalent Philipp Gosset

Sohn eines Engländers und einer Bernerin und in Paris zum Ingenieur ausgebildet: dass aus solcher Biografie ein Visionär und Multitalent hervorgeht, wundert nicht. Eine Schutzhütte auf dem Gipfel der Jungfrau ist da noch das schlichteste seiner unzähligen Projekte – zum Glück ist dieses ein Luftschlösschen geblieben.

18. August 2014

Gosset„Section Bern. „Der Bau einer Hütte auf dem Jungfraugipfel“ war am 23. Februar [1887] Gegenstand eines Vortrages, den Herr Ingenieur Gosset hielt. Zweck eines solchen Baues wäre, Touristen, die zu später Tageszeit erst den Gipfel erreichen, ein Nachtquartier, oder solchen, die bei der Ankunft auf demselben wenig Aussicht finden, Gelegenheit zu bieten, die Vertheilung der Wolken bequem abzuwarten. Als Standort hat Herr Gosset das kleine Felsplateau ausersehen, das bloss 10 m unterhalb des Gipfels und 90 m westlich davon, mit Front gegen Mürren, liegt, wo der Hochfirn und der Weg vom Rothalsattel zusammentreffen, und wo der Gipfel in zwei Minuten erreicht wird. – Die Hütte, ganz aus Holz, würde 12 m lang und 3 m hoch; durch ingeniös konstruierte zweistöckige Pritschen könnten im Nothfall 32 Mann darin Unterkunft finden. (…)
Der Vortrag rief einer eingehenden Diskussion, die allerdings die kühne Idee des Herrn Gosset vollauf würdigte, aber doch nach verschiedenen Seiten hin Bedenken äusserte. Die Anlage eines Proviantvorrathes fand man z. B. unthunlich, da Touristen und Führer dann gerne darauf sich verlassen, aber in die grösste Noth kämen, wenn die vorhergehenden Besucher denselben aufgezehrt hätten. Man glaubte auch, ein solcher Bau würde unkundige und schwächliche Leute verlocken, die Besteigung zu unternehmen, und dann Unglücksfälle herbeiführen, wie sie gerade letzten Sommer am Matterhorn sich ereigneten.
Einstweilen bleibt die Sache nur Projekt, da ja noch der grösste Theil des nöthigen Geldes fehlt. (…) Das Projekt ist aber so eigenartig, dass dessen ausführliche Mittheilung gewiss viele Leser interessirt.“

Das tut sie, die Mitteilung der SAC-Sektion Bern in der „Schweizer Alpen-Zeitung“, dem „Organ für die deutschen Sectionen des Schweizer Alpenclubs sowie für alle Freunde der Alpenwelt“, vom 1. April 1887. Kein Aprilscherz war aber das eigenartige – ja einzigartige – Projekt einer Gipfelhütte auf der Jungfrau von Ingenieur Gosset. Es blieb beim Projekt, leider. Aber es zeigt, was sein Verfasser war: ein Mann mit kühnen Ideen. Einer, der hoch hinauswollte. Nicht nur an der Jungfrau, sondern überhaupt. Eine Biografie, die in diesen Tagen erscheint, heisst deshalb so: „Das Multitalent Philipp Gosset“.

Philipp Charles Gosset, am 11. März 1938 in Bern als Sohn eines Engländers und einer Bernerin geboren, am 24. März 1911 in Wabern bei Bern als Bernburger gestorben, war tatsächlich einer, der auf ganz verschiedenen Gebieten Talent zeigte und entwickelte. Gosset wuchs in Bern auf und liess sich in Paris zum Ingenieur ausbilden. Zurück in der Schweiz, betätigte er sich als Quartierplaner (Bern-Kirchenfeld), Eisenbahningenieur (Simplonstrecke), Topograf (und Kartograf) im Eidgenössischen Stabsbureau, Glaziologe (Vermessung des Rhonegletschers), Vermesser von Seetiefen (Lac Léman, Murtensee und Oeschinensee), Lawinenforscher, Speläologe, Ballistiker, Hüttenplaner, Landschaftszeichner, Illustrator, Übersetzer, Vortragsredner, Leiter der vom Vater geerbten Canadischen Baumschule in Wabern. Und nicht zuletzt als Alpinist (Erstbesteiger des Klein Doldenhorns). Tatsächlich ein Multitalent. Philipp Gosset war Mitglied des Alpine Club (seit 1859) und der Sektion Bern des SAC (seit dem Gründungsjahr 1863, mit Unterbruch von 1872 bis 1882).

Am 28. Februar 1864 überlebt er das erste tödliche Lawinenunglück, das sich während einer winterlichen Hochtour ereignet. Mit dem Führer Johann Joseph Benet, dem Erstbesteiger des Weisshorns und Fasterstbesteiger des Matterhorns, wollen Gosset und sein Freund Louis Boissonnet (mit dabei sind auch drei Träger) den stolzen Haut de Cry (2969 m) im Unterwallis besteigen. Wenig unterhalb des Gipfels müssen sie ein triebschneegefülltes Couloir queren. Was dann passierte, schildert Gosset im ersten Band des „Alpine Journal“ von 1863/64; sein „Narrative of the Fatal Accident on the Haut-de-Cry“ findet später Eingang in John Tyndalls Klassiker „Hours of Exercise“, Emil Zsigmondys Standardwerk „Die Gefahren der Alpen“ sowie in das wahrscheinlich meistgelesene Bergbuch überhaupt, in Edward  Whympers „Scrambles amongst the Alps“. Ausschnitt daraus:

„Bennen [so nannten die Engländer Benet] ging weiter, hatte aber erst wenige Schritte gemacht, als er einen tiefen schneidenden Ton hörte. Das Schneefeld spaltete sich vierzehn bis fünfzehn Fuβ über uns in zwei Theile. Anfänglich war der Riβ schmal, nicht breiter als einen Zoll. Ein schreckliches Schweigen folgte, das etwa zehn Secunden dauerte und dann durch Bennen unterbrochen wurde. ‚Wir sind Alle verloren‘, sagte er leise und feierlich.“

Nicht alle, zum Glück. Doch Benet und Boissonnet konnten nur noch tot aus dem Lawinenkegel geholt werden.

Georg Germann (Hrsg.): Das Multitalent Philipp Gosset 1838-1911. Alpinist, Gletscherforscher, Ingenieur, Landschaftsgärtner, Topograf. Mit Beiträgen von Steffen Osoegawa, Quirinus Reichen, Martin Rickenbacher und Jürg Schweizer. Verlag Hier und Jetzt, Baden 2014, Fr. 49.-

Die Buchvernissage findet statt am Mittwoch, 20. August 2014, um 18.00 Uhr im Bernischen Historischen Museum am Helvetiaplatz in Bern.

Glückskinder

Glückskinder nennt man jene, die günstige Umstände auf ihre Seite nehmen. Diesmal waren wir mittendrin: Wir angelten uns die drei schönsten Bergtage dieses Sommers. Und nicht nur das.

© Annette Frommherz

Engadin Veltlin 08 2014 (16)

13. August 2014

Die Gunst des Schicksals nutzen, dachte ich, und blinzelte in die Sonne. Vor drei Tagen waren wir bei kühlem Nieselregen in Pontresina gestartet und durchs Val Roseg hinauf in die Tschiervahütte gewandert. Tags darauf hatten wir bei herrlichem Sonnenschein den Piz Morteratsch bestiegen. Engadin Veltlin 08 2014 (38)
Über die Fuorcla Boval waren wir zur Bovalhütte hinabgestiegen, wo wir nach einer gewittrigen Nacht in aller Herrgottsfrühe entlang der Moräne liefen und den Morteratschgletscher querten, hinüber zur Isla Pers und entlang der Gemsfreiheit zur Fortezza hinauf. Ein felsiger Grat empfing uns mit einer Kletterei bis zur Bellavistaterrasse, wo wir die Steigeisen wieder montierten und am langen Seil über den weich gewordenen Schnee zur Marco e Rosa Hütte liefen. Engadin Veltlin 08 2014 (50)Knietief sanken wir bei jedem zweiten Schritt ein. Ich sah die Hütte von weitem, aber die Streichholzschachtel wollte und wollte nicht näher kommen. Das Leben eines Hüttenwarts muss trist sein, ging es mir später durch den Kopf, als ich nach einem erschöpften Nachmittagsschläfchen den Wandschmuck mit den nackten Frauen begutachtete. Entweder muss der Mann hier oben Holz hacken gehen oder ein deftiges Menü kochen. Unser Italiener wählte die zweite Variante und servierte im Einweggeschirr ein herzhaftes Menü, wie es sich in Italien gehört.

Nun also, dachte ich, als wir anderntags den gleichen Weg auf hart gefrorenem Schnee zurücklegten, nun also wollen wir auf den Piz Palü. Das Wetter liess keine Ausrede zu. Die abendlichen Wolken hatten sich in Luft aufgelöst, helles Sonnenlicht fiel glänzend auf die Schneehänge, und die morgendlichen trägen Schatten liessen unsere Gedanken gemächlich fliessen.
Engadin Veltlin 08 2014 (76)Die Gunst des Schicksals musste genutzt werden. Ich freute mich auf unser Vorhaben, aber die ausgesetzte Felskletterei auf den westlichen Gipfel, den Piz Spinas, war mir mit meiner Höhenangst nicht geheuer. Mit meinem Liebsten hatte ich mich auf die Umgehung dieses Gipfels geeinigt, indem wir von der italienischen Seite her die steile Nordflanke besteigen und somit zwischen dem Piz Spinas und dem Hauptgipfel auf den Grat gelangen würden. Keine einzige Spur war im harten Schnee zu erkennen, wie wir gegen die Flanke zuliefen. Es war mir, als wären wir die ersten, die hier durchkämen. Die Stille, die uns umgab und die einem manchmal tief im Herzen sitzt, fühlte sich mit einem Male bedrohlich an. Vor uns im Schatten lag diese schroffe, eisige Wand. Mein Pendant ging voran. Beide stemmten wir unsere Steigeisen in den harten Untergrund, suchten nach festem Halt und schlugen die Pickel ein.Engadin Veltlin 08 2014 (59) Der Rucksack lag mir schwer am Rücken und schien mich nach hinten in die Tiefe zu ziehen. Die Gunst des Schicksals nutzen, dachte ich dort in der Wand, nutze die Gunst des Schicksals; es ist dir wohl gesinnt. Ich schnaufte schwer. Vielleicht war es die Höhe, wahrscheinlich war es die Angst. Bis ich oben ankam, starb ich hundert Tode. Der schmale Grat, der mich erwartete, war die Zugabe, war die nächste Prüfung, die mir auflauerte. Weshalb tust du das, fragte ich mich, aber die Antwort wich dem konzentrierten Vorwärtslaufen. Da, wo der Grat sich auflöste für einen lauschigen Platz auf dem Hauptgipfel, da konnte ich endlich meinen Puls beruhigen. Das musste sein, denn vom Hauptgipfel bis zum Ostgipfel führt ein noch schmalerer Firngrat, der mir abermals die volle Konzentration abverlangte. Langsam, Schritt für Schritt, fokussierte ich meinen Blick auf die Fussspuren vor mir.Engadin Veltlin 08 2014 (61) Als ich den Grat endlich hinter mir lassen konnte, glaubte ich meinen Bruder zu spüren, wie er mir zuwinkte, vom Himmel herab, wo er schon lange wohnt. Um uns war eine Weite und war warmes Sonnenlicht, das uns umschmeichelte. Mein Liebster gab mir mehr als nur einen Gipfelkuss. Es waren immerhin drei Gipfel und er erleichtert. Und erst jetzt konnte ich mir meine Frage beantworten. Weshalb ich das tue? Glückskinder, dachte ich nur, wir sind Glückskinder.

Hütten im Hochgebirge

Eigentlich hatte unser Rezensent versprochen, zum «Buch der Woche» stets höchstens zwei Werke zu besprechen. Übernachten und Überleben im Gebirge ist aber doch ein zu breites Thema, als dass ein einziges Werk die historischen, architektonischen, kulinarischen, alpinistischen und psychologischen Aspekte behandeln könnte – hier also ein bunter Dreiklang, gelegentlich mit Zähneklappern.

11. August 2014

Hüttenbau im Hochgebirge„An dem Ort namens La Cravatta auf einer Höhe von über 4000 Metern habe ich 1866 fünf Nächte an einem Felsvorsprung verbracht, der einige Meter hervorstand. Ich habe eine kleine Schutzhütte gezeichnet, die in Trockensteinbauweise errichtet werden soll. Letztes Jahr, 1867, wurde diese Hütte dank der Arbeit der Bergführer von Valtournanche und eines Zuschusses des Alpenclubs unter grosser Anstrengung gebaut und mit einer Tür, einem kleinen Fenster und Schaffellen als Betten sowie einigen Haushaltutensilien ausgestattet. Diese Hütten sind ungeheuer nützlich, da sie dem Bergsteiger die grosse Mühe ersparen, Decken und anderes Gewicht mit sich zu tragen, und ihm bei schlechtem Wetter Schutz bieten.“

Die Balma della Cravatta auf etwa 4130 Meter war die erste Hütte, die am Matterhorn gebaut wurde, ein Jahr vor der alten Hütte am Hörnligrat auf gut 3800 Meter. Von beiden Hütten sind nur ein paar kümmerliche Mauerreste geblieben. Für die Balma della Cravatta wurde, wie der Name „Balm“ schon verrät, eine natürliche Grotte auf dem Cravatta genannten Schneeband am Pic Tyndall (4241 m) am Liongrat des Cervino zu einer sehr einfachen Schutzhütte ausgebaut, mit Platz für fünf Alpinisten. Ein ziemlich ausgesetzter Ort, aber sicher „ungeheuer nützlich“, wenn man sich vorstellt, wie der italienische Ingenieur und Geologe Felice Giordano dort oben fast schutzlos fünf Nächte verbrachte. Den Bericht über „seine“ Hütte am Berg der Berge schickte er 1868 dem Club Alpino Italiano, zu dessen Mitbegründern er zählt. Den hier zitierten Ausschnitt findet sich Luca Gibellos Darstellung über den „Hüttenbau im Hochgebirge“, die vor drei Jahren unter dem Titel „Cantieri d’alta quota“ erstmals erschien und nun in deutscher Sprache vorliegt.

Eine verrückte Hütte, diese Balma della Cravatta, nur zwei Jahre nach der heftig umkämpften Erstbesteigung des Matterhorns fast zuoberst erbaut. Mehr Notunterkunft wie heute das Solvaybiwak (4003 m) als ein komfortabler Übernachtungsplatz für eine Besteigung, wie es die Hörnlihütte (3260 m) war. Nun wird sie neu erbaut, um dann im nächsten Jahr, wenn 150 Jahre Erstbesteigung Matterhorn gefeiert wird, eröffnet zu werden. Zur Zeit kann auf dem Hirli, 400 Meter unterhalb der Hörnlihütte, in temporär erstellten Zweierzelten übernachtet werden. Alles weitere zum sogenannten Base Camp am Matterhorn auf www.hoernlihuette.ch/basecamp.html. Eine schöne Hommage an den Matterhorn-Erstbesteiger Edward Whymper, der für seine Matterhorn-Belagerung ein Bergsteigerzelt konstruierte und dieses in seinem Beststeller „Scrambles amongst the Alps“ ausführlich im Kapitel „Neue Versuche am Matterhorn“ beschreibt.

Zurück zu den Hütten im Hochgebirge: Wer sich für ihre Baugeschichte insbesondere in den Westalpen Italiens und der Schweiz interessiert, wird im Buch von Luca Gibello viel erfahren, überzeugende und weniger gemütliche hochalpine Unterkünfte, Berggasthäuser und Biwakschachteln kennenlernen. Die mit vielen meist schwarzweissen Fotos und einigen Plänen illustrierte Publikation gliedert sich in vier Teile und gibt einen Überblick vom 1779 erbauten „Hôtel“ am Montenvers ob Chamonix bis zum 2012 eingeweihten Refuge du Goûter am Mont Blanc.

FirnHüttenarchitektur ist das eine, Hüttenarbeit aber etwas anderes. Wer nur kurzfristig ein Dach über dem Kopf benötigt, um am nächsten Morgen weiter gegen den Gipfel zu steigen, erlebt und braucht die Hütte ganz anderes als diejenigen Personen, die wochenlang in der Hütte bleiben und zu ihr und den Gästen schauen: der Hüttenwart, die Hüttenwirtin und ihre Gehilfen. Was man dabei erleben kann, schildert Nicola Reiter im Buch „Firn. Aufzeichnungen am Gletscher“. Um ihr Auskommen als freie Gestalterin aufzubessern, verbrachte Nicola Reiter einen Sommer als Saisonkraft in der Hüfihütte oben im Maderanertal in den östlichen Urner Alpen. Als es nach tagelangem Nebel bereits Anfang August schneit (schlechte Sommer gab es also schon früher!), wird der Aufenthalt im Gebirge und die Zusammenarbeit mit dem knorrigen Hüttenwart zu einer Belastungsprobe. Ihren Alltag protokollierte Nicola Reiter in Form eines literarischen Tagebuchs. Der Eintrag vom 11. August beginnt so: „Keine Gäste, noch 20 Tage. Schneefall den ganzen Tag. Nebel, nasskalt.“ Und ein paar Zeilen weiter unten: „Aufgrund der seit Wochen konstant niedrigen Temperatur ist alles gefroren, und es kommt kein Wasser mehr vom Gletscher.“ Dem erfrorenen Gebirge stellt Nicola Reiter ihre Neugier, ihr Lebenswille, ihre Jugendlichkeit – und ihr Schreiben entgegen. Letzter Satz im privaten Hüttenjournal: „Als ich weiterlaufe, spüre ich, wie mit der Bewegung die Kälte langsam weicht.“

BBF_UmschlagWer in den Bergen nur eine warme Suppe und Schutz vor schlechtem Wetter sucht, wird hier fündig: im Berg-Beizli-Führer von Richi Spillmann. 1270 Hütten, Bergrestaurants, Alp- und Bergwirtschaften, Buvettes , Métairies und Grotti sind aufgelistet. Wir wär’s mit dem Restaurant Paradies in Findeln ob Zermatt, mit Ravioli di coda di manzo und freiem Blick auf den Cervino? Felice Giordano wäre entzückt.

Luca Gibello: Hüttenbau im Hochgebirge. Ein Abriss zur Geschichte der Hüttenarchitektur in den Alpen, SAC Verlag, Bern 2014, Fr. 59.-
Nicola Reiter. Firn. Aufzeichnungen am Gletscher, Spector Books, Leipzig 2012, Fr. 34.40
Richi Spillmann: Berg-Beizli-Führer 2014/15, Spillmann Verlag, Oetwil 2014, Fr. 39.-

Alpinwandern im Freiburgischen

Wandern im Welschland, das muss einem Ostschweizer erst mal in den Sinn kommen! Zweihundert Gipfel solls im Freiburgischen geben, steile wie die Gastlosen, aber auch sanftere, mit Sendemasten oder Gipfelkreuzen bestückte, und dazu auch noch den schönsten Hügel Zentraleuropas. Dass der den Röstigraben überbrückende Wanderführer unseres Rezensenten exakt zum 1. August erschienen ist, ist gewiss kein Zufall.

7. August 2014

Cover FreiburgEinen Berg giebt’s in der Schweiz –
Von den höchsten, schönsten einer,
Fühlet ihr der Neugier Reiz –
Auf, besteigt, wie Unsereiner,
Den Moleson, den Moleson!

Die deutsche Übersetzung der Moléson-Liedes findet sich im grausam schönen Gedichtband mit dem etwas langen Titel „Helvetiens Natürschönheiten, oder das Schweizerland, mit seinen berühmtesten Bergen, Thälern, See’n, Flüssen, Wasserfällen und Heilquellen, nebst Anhang über Städte, Schlösser, Denkmale etc.“ aus dem Jahre 1856. In einer Fussnote ist zudem erklärt: „Moleson ist der Rigi der westlichen Schweiz, indem er demselben durch seine erhabene und abwechselnde Fernsicht wenig oder nichts nachsteht. Man sieht die Alpen Savoyens, den Montblanc in der Mitte, die Walliser- und Berner-Hochgebirge, den Genfer-, Neuenburger-, Bieler- und Murtner-See.“ Schöne Aussichten, nicht wahr?

Der Moléson (2002 m) ist nicht der höchste, dafür – weil am Rande stehend – der auffälligste Berg der Alpes fribourgeoises. Und der bekannteste, seit man ab dem 18. Jahrhundert die Gipfel als solche wirklich wahrzunehmen, zu bewundern und schliesslich zu besteigen begann. Im „Historischen Lexikon der Schweiz“, das nicht eben viele Gipfeleinträge aufweist, erhielt er als einziger Freiburger Gipfel neben dem Mont Vully einen eigenen Eintrag, und auch in die massgebende französische Enzyklopädie Larousse kennt ihn. Die erste Freiburger Sektion des Schweizer Alpen-Club, die am 17. September 1871 in Romont gegründet wurde, heisst nach ihm. Charles Cornaz-Vuilliet widmet ihm im Buch „En pays fribourgeois“, das als dritter Band der Reihe „La Suisse romande en zigzag“ 1892 bei der Librairie de l’Université in Fribourg erschien, alleine zwölf Seiten. Abgedruckt ist natürlich auch das Moléson-Lied, auf Deutsch und im Greyerzerdialekt. Das tönt dann so:

Din la Suisse lia ouna montagne
Dei plie hauté, dei plie ballé.
Sche vojei la curiojità
Prindé la peina dè montà
A Moléson, à Moléson!

Voilà Le Moléson! Die Nummer 1 der Freiburger Berge. Und deshalb beginnt der neue SAC-Alpinwandern/Gipfelziele-Führer „Freiburg“, der seit dem 1. August 2014 in den Läden liegt, mit dem Moléson. Und hört mit dem Mont Vully (653 m) auf, dem „schönsten Hügel Zentraleuropas“, wie die Biologin Astrid Fasel in ihrem Beitrag über die Flora schreibt. Der Führer stellt in 49 Touren alle rund 200 erwanderbaren Gipfel des Kantons Freiburg vor. Also nicht nur die Freiburger Alpen, sondern auch ein paar ihnen vorgelagerte Hügel wie den Gibloux, der wegen seines 118 Meter hohen Antennenturms fast so gut erkennbar ist wie der Moléson. Da hat es Ziele darunter, an die sich nur die Liebhaber senkrechter Grasrouten wagen sollten, beispielsweise die Gastlosenspitze (1995 m). Doch es gibt auch leicht erreichbare Gipfel wie La Berra (1719 m), die mit dem Moléson, der Kaiseregg (2185 m) und dem Vanil Noir (2389 m) als Top of Fribourg zu den Bergen gehört, die jeder Freiburger Montagnard einmal im Leben besucht haben sollte.

Das neue Freiburg-Buch beschreibt nicht nur alle Wandergipfelrouten, sondern enthält auch Beiträge zu Blumen und Steine, zu Höhlenforscher und Höhenmessung, zu Gipfelkreuze und Grenzgipfel. Und zu Fribourg culinaire. Davon war schon Alfred de Bougy begeistert, als er in Sugiez am Fuss des Mont Vully einkehrte. In „Voyage dans la Suisse française et le Chablais“ aus dem Jahre 1860 schreibt er: „Je fis halte près du pont dans une pinte où je ne trouvai, pour me réconforter, que du fromage de Gruyère, – mais il était de première qualité; – du pain noir, – mais frais et d’un goût exquis, – et un de ces vins rouges, clairets, légers, agréables et sains, qui croissent sur les pentes du Vully.“ Schöne Aussichten, nicht wahr?

Daniel Anker, Manuel Haas: Freiburg. Le Moléson bis Kaiseregg, Vanil Noir bis Mont Vully. Reihe Alpinwandern/Gipfelziele, SAC Verlag, Bern 2014, Fr. 49.-

Die Voralpenwanderung

Schlechtes Wetter gibt es nicht, heisst es, nur schlechte Kleidung. Das tröstet uns wenig über das trübe Nass hinweg. Umso mehr heisst es jetzt: Optimistisch und entschlossen unter dem Regenhut hervorschauen.

© Annette Frommherz

Niederscherli 07 2014 (16)

2. August 2014

Angesagt waren eigentlich die stolzen Bündner Berge gewesen, doch das Wetter belehrte uns eines Besseren. Wie immer hat die Natur das Sagen und liess die Pläne, unsere schönen, einmal mehr durchkreuzen. So packe ich die Siebensachen für die Bergtouren wieder aus und die wenigen Utensilien in eine Tasche und fahre ins Bernische, wo das Wetter das gleiche ist und wo meine Schwoscht vor Urzeiten sesshaft geworden ist. Das Wiedersehen alleine macht schon glücklich, trübes Wetter hin oder her. Anderntags trauen wir uns doch vors Haus, im guten Glauben daran, der Regen möge uns nicht fortschwemmen. Niederscherli 07 2014 (18)Unweit von Niederscherli ist ein Bach arg über sein Bord geflohen, hat Salatköpfe und Krautstiele und Zucchetti eines schmucken Bauerngartens mitgeschwemmt und allerlei anderes auch. Der Wanderweg ist abgesperrt. Wir machen einen gehörigen Bogen um den Bach und stürzen uns hinein in das untheatralische Abenteuer dieser voralpinen Wanderung, wie wir sie bald nennen werden. Wärmende Ortsnamen begleiten uns: Liebewil und Herzwil, wie gut das tut. Vorbei an triefenden Lindenbäumen und wuchtigen Bauernhäusern, vorüber am schwarzglänzenden Fell der Rinder, die unbeweglich dieses Wetter erdulden. Wie Vorhänge von Bindfäden löst sich der Regen vom Himmel, und die Wolken hängen so tief wie selten. Wir haben uns trotzig den Regenhosen widersetzt, sodass wir bald mit nassen Hosen vorlieb nehmen müssen. Die Luft riecht modrig und feucht wie der Keller in meiner Kindheit.

Niederscherli 07 2014 (13)Dem Getreide hat das Wetter stark zugesetzt, schon beugen sich die schwarz durchsetzten Ähren ihrem Schicksal. Wir laufen mit Schirm und Charme durch die Weiler. Kein Misthaufen dampft, kein Huhn scharrt in der schlammigen Erde. Nicht einmal ein Hofhund mag uns bellend entgegenlaufen. Wir begegnen kaum einem Menschen, nur das Auto des Pöstlers überholt uns langsam, damit die Pfützen uns nicht noch mehr zusetzen. Er winkt uns zu, und sein mitleidiger Blick begleitet uns gedanklich noch eine ganze Weile. Das Wandern ist des Müllers Lust, vor allem bei schönem Wetter. Zwei Rehe fliehen in hohen Sätzen über ein Kornfeld. Wir wandern unbeirrt weiter zum nächsten Weiler, wo das Ortsschild von Mengestorf schon Moos angesetzt hat. Meine Schwoscht kennt den Weg wie ihre Hosentasche, so dass wir im Nebel und tropfend ohne GPS zurückfinden; zurück nach Niederscherli, das mir immer so lieblich daherkommt. Schlechtes Wetter? Gibt es nicht, aber nun sehnen wir uns nach einer Tasse heissen Kaffee.

Engadiner Hotellektüre

Was gibt es Öderes als Hotelferien bei Regen. Aber da heutige Hoteliers ihre Gäste rundum umsorgen und mit allem versorgen ist auch für Regenfälle gesorgt. Zum Beispiel mit hoteleigener Literatur. Wenn dann ein Hotel auch noch unsere geniale Bloggerin Annette als Exklusivautorin engagiert, kann man nur auf noch mehr Regen hoffen. Also gleich losfahren!, empfiehlt unser Rezensent. Und sonst einfach das Buch bestellen. Adresse unten.

28. Juli 2014

Cover Waldhaus„Ah, diese Aussicht, wie auf einem Dampfer, sagt sie und schaut aus dem Fenster, und draussen der Wald grün und gross wie das Meer. Lass uns mal eine Kreuzfahrt machen, sie nimmt seine Hand.“

Und wir, die wir (noch) nicht mit Arno Camenisch im Hoteldampfer sitzen? Lass uns ins Engadin fahren, vielleicht gar in dieser Woche. Weil am 1. August in Zernez das Volksfest zu 100 Jahre Schweizerischer Nationalpark über die Bühne geht: Unterhaltung mit Musik und Strassenkunst, Festwirtschaft, Kinderprogramm, offizieller Jubiläumsakt mit Bundesrätin Doris Leuthard, Verleihung des goldenen King Albert Mountain Award an den Nationalpark, Live-Übertragung durch das Schweizer Fernsehen. Also könnten wir auch zu Hause bleiben…

Und wo logieren wir, wenn wir trotzdem eine Fahrt ins Engadin machen? Zwei Hotels drängen sich auf. Weil zu beiden neue Publikationen erschienen sind, zum Waldhaus in Sils Maria und zum Schweizerhof in St. Moritz. Das Waldhaus gehört zu den bekanntesten Hotels der Schweiz, wie eine Schloss liegt es verankert auf einem waldigen Kliff hoch über dem Silsersee und dem Dorf Sils Maria, oder auch wie ein Luxusliner. Unbeweglich und doch voll in Bewegung, nicht zuletzt dank all der berühmten Leute, die im Waldhaus logier(t)en. Oder unten im Dorf, wie einst Friedrich Nietzsche. „Wir machen uns auf den Weg. Nietzsches Lieblingsweg aus Sils-Maria gen Süden, dann Richtung Sils-Baselgia. Morgens liegt ein herrlicher Frieden über der Landschaft. Über weiche Matten führt der Weg am Ufer des Silser Sees entlang. Der Wind weht sanft auf dem Hochplateau.“ So schildert der Philosoph Wilhelm Schmid seinen fiktiven Spaziergang mit dem Berufskollegen in der klugen Geschichte „Auf einen Kaffee mit Nietzsche im Hotel Waldhaus“. Einer von 19 Texten, die Autoren und Autorinnen eigens für das Waldhaus ins Sils Maria geschrieben haben und die nun im Buch unter dem Titel „Wie groβ ist die Welt und wie still ist es hier“ versammelt sind. Am besten liest sich die Anthologie natürlich in der Hotelbibliothek, oder dann auf der Halbinsel Chasté, ganz vorne bei der Nietzsche-Inschrift. Für den Beitrag von Chasper Pult brauchen wir allerdings ein Romanisch-Wörterbuch: „E la nav va inavant.“

Cover Anna MoosSchiffsähnlich steht das Hotel Schweizerhof über dem See von St. Moritz, mitten im Zentrum, aber mit freiem Blick über das Oberengadin. In diesem schönen Haus verbringt jeweils Anna Moos ihre kurzen und langen Ferien, geniesst das Hotel in vollen Zügen, wandert und skatet durch das Hochtal, bewundert die Berge und besucht das Segantini-Museum bei Schlechtwetter (soll es auch im Engadin geben, die Wetterprognose für Zernez und den Bundesfeiertag stimmt halbwegs sonnig). Anna Moos ist die rundum sympathische Heldin von Annette Frommherz, die im Auftrag des Hotels Schweizerhof zwei handtaschen- und rucksacktaugliche Schriften über Erlebnisse und Ereignisse im Hotel und im Engadin schrieb. Beginnt man zu lesen, so möchte man gleich losfahren, um dann auf dem Hoteldeck anzukommen:

„Still schmiegt sich die Nacht an sie, als Anna auf der Dachterrasse steht und frierend den Atemwolken zusieht, wie sie in der Schwärze verschwinden. Obwohl sie nur die dunklen Umrisse des Piz Rosatsch erkennen kann, fühlt sie sich von dem mächtigen Riesen beschützt. Lange steht sie da, ohne sich zu rühren.“

Wie groβ ist die Welt und wie still ist es hier. Geschichten ums Waldhaus in Sils Maria. Herausgegeben von Familie Dietrich und Kienberger. Mit sieben Fotografien in Schwarz-Weiβ von Christian Scholz. Weissbooks, Frankfurt aM 2014, Fr. 29.90.

Annette Frommherz: Anna Moos – Sommer im Hotel Schweizerhof St. Moritz, 2012, Fr. 12.50;
Anna Moos – Winter im Hotel Schweizerhof St. Moritz, 2013, Fr. 18.-. Zu bestellen bei der Autorin, numinosum@bluewin.ch.

Alles zur King Albert I Memorial Foundation und ihrer Preisträgern von 1994 bis 2014 unter www.king-albert.ch.

Sommerwetter

Ein Blick sagt manchmal mehr als tausend Worte.
Beim Märjelensee, 26. Juli 2014.

27. Juli 2014

märjelen

Uferwege am Thunersee

Was gibt es Schöneres als Uferwege?, schreibt unser Rezensent, bekannt als Autor alpiner Wanderführer der steilen Art und Monografien der höchsten Schweizer Berge. Obs am Wetter liegt? Oder vielleicht am Alter? Am Thunersee kann man jedenfalls auch mit dem Rollator noch spazieren, mit freiem Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau.

22. Juli 2014

StrandwegDoch die Gedanken sind der Taten Korn,
Der Wunsch kann sich zu Werken wandeln:
So ward auch hier die Tat geborn,
Denn nach dem Rufe hieβ es: „Handeln!“

Drum, Sesam! – Auf! – Ihr Schranken fällt dahin!
Der Strandweg Spiez ist nicht mehr leeres Hoffen.
Dir, schöne Seestadt sei er zum Gewinn.
Der Weg ist frei, in alle Zukunft offen!

So tönen die beiden letzten Strophen aus dem vierstrophigen Gedicht „Sesam! Strandweg, tu dich auf!“, das am Samstag, 18. Juli 1914, im „Berner Wochenblatt/Oberländer Zeitung“ zu lesen war. Und 100 Jahre später in Hans Winigers Bildband über den Strandweg von Spiez nach Faulensee am Thunersee. Ein schönes Buch über einen schönen Weg, von einer Bucht zur andern. Vorbei am Hotel Belvédère, wo im Juni und Juli 1954 die deutsche Fussball-Nationalmannschaft residierte. Während Spaziergängen auf dem Strandweg soll der Trainer Sepp Herberger Gespräche mit seinen Spielern geführt haben, und dieser „Geist von Spiez“ führte schliesslich zum „Wunder von Bern“, als Deutschland im Final am 4. Juli 1954 im Wankdorf-Stadion in Bern das hochfavorisierte Ungarn mit 3:2 Toren schlug. Mit diesem Sieg war der Weg frei für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wiederaufstieg Deutschlands in die Weltgemeinschaft. Und 60 Jahre später zum erneuten Gewinn des WM-Titels im Fussball. Also fast eine direkter Weg von der Strandpromenade in Spiez zum Copacabana-Strand in Rio de Janeiro, und zum Estádio do Maracanã.

„Strandleben, welche Abwechslung bietest du, wie viel Kurzweil und Vergnügen!“ So frohlockte die in Spiez publizierte Zeitung vor 100 Jahren. „Diese Seepromenade ist in einer Breite von zwei Metern ausgeführt worden. Sie zieht sich in einer Länge von über 3000 Metern direkt dem Ufer entlang bis nach Faulensee. Zahlreiche Ruhebänke am Wege oder in Landvorsprüngen unter Schattenbäumen beweisen, daβ für den Bedarf der Erholungsuchenden, die hier promenieren, verständnisvoll gesorgt ist.“ Eine Einladung für den nächsten Sonntagsausflug? Aber sicher. Einfach die Badekleider nicht vergessen. Damit man das idyllische Schattenbädli, das am Weg liegt, allerdings richtig geniessen kann, sollte es hochsommerlich heiss sein.

KanderdurchstichWandern am und zum Thunersee lässt sich auch anderswo, ebenfalls mit passender Lektüre im Rucksack und ebenfalls auf Jubiläumsspuren. Ende Juli 1714 floss nämlich die Kander erstmals in den Thunersee und nicht wie vorher unkontrolliert und zu Überschwemmungen führend über die Thuner Allmend in die Aare. Deshalb bohrte man vor 300 Jahren durch den Strättlighügel, der die Kander vom Thunersee abhielt, einen Stollen, der später dann einstürzte, so dass die Kander nun durch eine Schlucht ihr Wasser und Geschiebe in den See entlässt. Der Kanderdurchstich war die erste grössere Gewässerkorrektion in der Schweiz. Ein handlicher Führer schildert die Geschichte dieses Eingriffs, der Probleme löste und neue schuf. Er erschien in der Reihe „Wege durch die Wasserwelt – Hydrologische Exkursionen in der Schweiz“. Dorf finden sich übrigens noch andere hochspannende Publikationen zum Thema Wasser und Mensch. Was gibt es Schöneres als Uferwege? Im Sommer – und wenn das Wasser nicht vom Himmel fällt…

Hans Winiger: 100 Jahre Strandweg Spiez – Faulensee. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2014, Fr. 29.-
Stefan Schneeberger: Kanderdurchstich – ein wasserbauliches Experiment. Reutigen – Thun. Hydrologischer Atlas der Schweiz, Führer Nr. 6.3, 2013. Herausgegeben in der Reihe „Wege durch die Wasserwelt – Hydrologische Exkursionen in der Schweiz“; Fr. 12.- Bestellen unter: www.hades.unibe.ch/de/order/EF. Oder schriftlich bei: Hydrologischer Atlas der Schweiz, Geographisches Institut der Universität Bern, Hallerstrasse 12, 3012 Bern.

Jubiläumsausstellung „300 Jahre Ableitung der Kander in den Thunersee“ im Rebbaumuseum Spiez; Mittwoch, Samstag und Sonntag 14 – 16 Uhr (bis 29.10.2014).

Eisminiberg

Kaum eine Stunde vom Klausenpass entfernt verbirgt sich Minigrönland: ein Gletschersee im Taschenformat. Darin treibend kleine Stücke aus Claridennordwand-Eis.
Im Griess, 20. Juli 2014.

21. Juli 2014

klausenpass

Matterhorn, 19. Juli 1964

Heute vor fünfzig Jahren hat mich der Tod gestreift. Getroffen hat er Anselm, in einem Eishang, wenige Meter unter mir.

19. Juli 2014

Anselm3Lange erinnerte ich mich nur ungenau an seinen Namen, ich nannte ihn Anchel – Engel. Bis ein Neffe von ihm einen Text las, den ich aufs Netz gestellt hatte, und mir schrieb. Er hiess Anselm Biffiger, Bergsteiger, Bergführer aus St. Niklaus im Mattertal.

Es ist der 19. Juli 1964. Schon früh weckt uns das Poltern, Klirren und Murmeln der Bergsteiger, die zum Matterhorn wollen. Das Wettrennen um die ersten Plätze am Hörnligrat beginnt schon im Massenlager, setzt sich fort an den Tischen, um die man dicht gedrängt und verschlafen das Frühstück in sich hineinstopft. Die ersten Seilschaften brechen auf, Lichtpunkte in der Nacht. Wir nehmen es gelassener, wollen zum Zmuttgrat, müssen uns nicht in die Karawane der Führerpartien einreihen. Vor uns eine einzige Seilschaft, der Bergführer Anselm Biffiger mit seiner Verlobten. In drei Wochen soll Hochzeit sein, haben wir in der Hütte gehört.

Schon in der Seilbahn zum Schwarzsee ist mir das Paar aufgefallen. Der kräftige, braun gebrannte Bergführer mit der schönen junge Begleiterin auf den Knien. Sie unterhalten sich französisch, aber wir verstehen: Ate de Zmutt. Ich beneide die beiden ein bisschen, wie gern wäre ich mit einer Freundin auf Berge gestiegen. Aber ich bin im Militärdienst in Bern und meine Begleiter, drei Berner, kenne ich kaum.

Bei den Felsstufen am Fuss des Eisfeldes, das auf den Gletscherbalkon unter der Nordflanke führt, überholen wir den Bergführer und seine Begleiterin. Sie haben Probleme mit einem Steigeisen, doch dann schliessen sie rasch auf. Anselm steht ein paar Meter unter mir, als es hoch über uns in den Felsen kracht. Vom Hörnligrat stürzt ein Felsbrocken auf uns zu, wohl ausgelöst von einer Seilschaft, die sich verstiegen hat, reisst eine Steinlawine mit sich. Ich stehe in einer Rinne, kralle mich an den Pickel, höre Schreie, spüre die Steine auf Schultern und Arme prasseln.

Sekunden wie Stunden, ich fühle ich mich in einer andern Welt, entrückt und schwerelos. Kein Schmerz, nichts. Fast ein Traum, ein Alptraum. Ich werde in einem Spitalbett erwachen, stelle ich mir vor, vielleicht. Sehe das Zimmer vor mir, das Bett, alles weiss, schneeweiss. Nebenan liegt meine Mutter, ich bin ihr ganz nah. Vor Jahren ist sie verstorben an einem Verkehrsunfall. Doch da liegt sie, neben mir im Weiss. Augenblicke zwischen Leben und Tod.

Eine seltsame bleischwere Stille macht sich breit. Ich schaue hinab, sehe am Fuss der Wand zwei Körper langsam, wie in Zeitlupe, durch den Schnee rutschen. Liegen bleiben. Verbunden durch das Seil. Jenseits des Tal fällt das erste Licht auf die Gipfel der Dent Blanche und des Zinalrothorns.

Blick nach oben. Mein Seilpartner hängt kopfüber im Eishang, klammert sich mit einer Hand an einen Riss, den er im Rutschen fassen konnte. Der Felsblock hat seinen Rucksack aufgerissen. Wir haben überlebt, auch unsere zwei Gefährten, die hinter Anselm eingestiegen sind.

Überlebt hat auch die junge Frau, schwer verletzt liegt sie im Schnee, wir schützen sie mit Tüchern vor der Sonne. Anselm, vom Felsblock direkt getroffen, hatte keine Chance. Warten, warten, ein strahlender Tag, gleissendes Licht. Nach sechs Stunden landet auf dem kleinen Feld, das wir gestampft haben, ein Helikopter, gesteuert vom Gletscherpiloten Hermann Geiger. Es ist nicht die erste Rettung an diesem Morgen. Zwei Jahre später verunglückt er bei einem Flug.

Gegen Abend rasen wir mit dem Motorrad das Rhonetal hinab nach Sion, mein Freund dreht auf hundertvierzig, ich klammere mich auf dem Sozius fest, ohne Helm, wie im Steinschlag. Wir sind verrückt, wir leben. Am nächsten Wochenende geht’s wieder los, Grosshorn Nordgrat, Eis und Fels, Abstieg übers gefährliche Schmadrijoch. Gleich wieder gehen, sagen wir, sonst packt dich das Grauen und du bist die längste Zeit Bergsteiger gewesen. In Sion heisst es, die junge Frau lebt, sie wird durchkommen. Gut, habt ihr sie gegen die Sonne geschützt.

Warum ich das erzähle? Weil es genau fünfzig Jahre her ist vielleicht, und mich die Bilder jener Sekunden und Stunden nie mehr losgelassen haben. Weil ich nach Jahren, durch einen Zufall, mit dem Neffen von Anselm in Kontakt kam. So erfuhr ich einiges über sein Leben.

Anselm2Anselm Biffiger war 34 Jahre alt, stammte aus St. Niklaus im Mattertal. Er war Mitglied im lokalen Bergführerverein, im Hauptberuf Mechaniker beim CERN. Mit Freunden vom Kletterclub «Amis Montagnards» kletterte er jede freie Minute an der Salève bei Genf. Ein Foto zeigt ihn in einem Überhang, in Strickleitern stehend, wie damals üblich. Ein anderes auf dem Gipfel der Aiguille Verte nach der Nordwand. Und kürzlich habe ich, seltsamerweise auf einer österreichischen Website, gelesen, dass ihm 1962 die 31. Begehung der klassischen Nordwandroute am Matterhorn glückte. Ein hervorragender Bergsteiger also, in den besten Jahren, wie man sagt, und am Beginn seines Lebens als Ehemann, als Vater vielleicht.

Anselms Verlobte lebt weiter, zwei Freunde, die damals dabei waren, besuchen sie in Genf. Irgendwann heiratet sie, ins Ausland, heisst es. An den Unfall wird sie sich kaum mehr erinnern, zu lange lag sie im Koma. Meine Freunde von damals habe ich längst aus den Augen verloren.