Der Wolf geht um

Der Wolf steht für Wildnis, Kanada-Romantik. Taucht er in unseren Bergen, auf so bringt er die Gemüter durcheinander. Er fasziniert, er stört. Müssen wir ihn fürchten oder er uns?

24. September 2016

160910_1Seit Herbst 2011 leben im Calandagebiet und im Taminatal Wölfe, inzwischen ein ganzes Rudel, das erste in der Schweiz seit 150 Jahren. Aus den steilen Wäldern kommen sie manchmal herab in die Dörfer und haben schon manchem Menschen bei so mancher Begegnung einen Schauer eingejagt oder Faszination bei jenen hinterlassen, die die Wildheit lieben und vielleicht in ihrer Jugend oder später einmal Jack London gelesen haben.

Seit Sommer 2015 durchstreife ich als der vom Steinfach das kaum zwei Bergkämme entfernte Spitzmeilen- und Guschagebiet. Kein breites Tal, kein Zaun aus Autobahnen, Eisenbahnen und Siedlungslichterketten trennt das Dort der Wölfe vom Hier meiner Streifzüge. Ein Netz verzweigter Bergkämme verwebt dagegen beide Gebiete zu einer Einheit, in der unter dem weiten Sternenhimmel die Nachterde schwarz und konturlos daliegt und man höchstens von einem Vorsprung aus da oder dort, ungeahnt tief unten, ein einzelnes Licht erspäht, als markiere es ein Loch in der Einsamkeit. Kein Wunder, dass eigentlich immer, wenn ich hier mit einem Hirten im Gespräch war, die Rede schnell auf den Wolf kam. Mit jenem von Schaffans, mit dem ich an einem zu Schauern neigenden, heißen Julinachmittag auf den grauen Karrenfeldern, kurzes blühendes Sommergras zwischen löchrigen, skurrilen Felsformationen, darüber sprach, oder der von Halden, bei dem ich es war, der zuerst das Wort jenes Tieres in den Mund nahm. –„Sssscht“, hieß es da schnell, „reden wir besser nicht davon, sonst hört er uns noch.“

Ende August war ich nach drei Wochen Ferien zurück auf den Hochflächen, mit Zelt und einem Kollegen Biologen, der den Pflanzen nachsteigt wie ich den Steinen. Als wir uns nach individuellem Ausschwärmen beim Prudellhüttchen wiedertrafen, um gemeinsam zu rasten, erwähnte er wie nebenbei, er habe zwei Kothaufen gesehen, die von einem Wolf stammen könnten. Das taten sie wohl tatsächlich, denn wenige Tage später erzählte man es mir:

„Einer ist auf der Alp Halden und hat inzwischen mehrere Schafe gerissen.“

Hätte ich damals leiser reden sollen?

Man sei dem Täter auf der Spur, jedenfalls weiss das Dorfgespräch schon viel, die Leute sagen, es sei bestimmt einer mit Haushund-Genen, ein Halbblut, ein Wolfsblut… Gesehen wurde er allerdings nur einmal, vom Wildhüter, beim Gamszählen und mit dem Fernrohr vom Gegenhang aus. Ich bezog in jenen Tagen auch wieder Quartier auf der Alp Halden, und abends drehte sich das Gespräch in der Stube um Krisensitzungen mit den Bauern, den Wildhütern und Leuten vom Kanton, bei denen die verschiedenen Interessen zusammentrafen. Da ist der Hirte, der wehen Herzens allmorgendlich oft nur halbgetötete Schafe und Lämmer findet, über denen die Raben und Dohlen ihre Kreise lauernd bereits enger ziehen, da ist der Staat, der den Wolf schützt und jedem Schafbesitzer für jedes gerissenen Stück angeblich mehr bezahlt als den Marktwert, und der den betroffenen Alpen leihweise Herdenschutzhunde zur Verfügung stellt, und da ist schließlich der Wolf selbst, für den sich die fast lichtlose Schwärze unter dem Sternenhimmel, in der er über ein riesiges Angebot leichter Beute stolpert, Tag für Tag wieder in ein enges Labyrinth aus Schellengeläut und überall wandernden, fahrenden, redenden, hirtenden und kartierenden Menschen verwandelt.

Auch auf der Alpe Halden haben sie jetzt zwei grosse weisse, pyrenäische Herdenschutzhunde, vor denen ich nach Versicherung durch den Hirten, sie seien harmlos, meine Angst überwunden habe, und die mich tatsächlich, nachdem ich dem älteren, ihn am Hals kraulend, erklärt hatte, ich sei Geologe, friedlich passieren liessen. Auf der Glarner Seite aber halte sich ein Schafbauer privat einige Abruzzesen, so heisst es, und ich fragte mich, während ich den Grenzkamm gegen das Wissgandstöckli entlang ging, ob die auch so harmlos oder vielleicht eher wie jene Herdenschutzhunde sind, die ich vor vielen Jahren einmal im Vercors traf? Sie traten damals gemeinsam auf und ihre Botschaft war klar: „Kommt ja keinem Schaf zu nahe!“ Damit trieben sie zu viert uns sechs in grossem Bogen um die weidende Herde herum. Vor solchen Hunden habe ich Respekt, vielleicht sogar Angst. Dem Wolf aber würde ich gerne begegnen…

…an einem grauen, kühlen Oktobermorgen unter bedecktem Himmel im leeren Gebirge. Irgendwo auf den Karrenfeldern, kurzes, braungoldenes Herbstgras zwischen skurrilen, löchrigen Felsformationen, hager ist er, gross, das Fell im Föhnsturm lodernd wie das kurze Herbstgras, und der Blick, den meinen treffend, klar, wägend, kühl und doch so, dass er eine Welle weckt, die 20160912_l1mir aus dem tiefsten Innern des Bauches bis in die Zehen und Haarwurzeln schiesst. Ein „outlaw“ er, wie ich selbst in wilden, ungestümen Jugendträumen manchmal war und vielleicht heimlich immer noch bin, überall gejagt, angstvoll und kühn und frei.

 

Alpi ribelli

Bergler waren schon immer Rebellen, so jedenfalls unser Morgarten- und Tellenmythos ect. Der italienische Autor Enrico Camanni erzählt aber auch von realen Rebellen und Rebellinnen, seien es Alpinistinnen oder auch Partisanen im 2. Weltkrieg. Ein aufwühlendes Buch, gerade in unserer Zeit

22. September 2016

cover-alpi-ribelli„Faccio sempre l’esempio della questione dei ghiacciai: è un problema enorme che ci tocca da vicino. Se vai in una libreria in Francia o in Svizzera è pieno di libri che trattano la questione, in Italia non c’è nulla. È per questo che ho scritto Alpi ribelli, perché mi piacerebbe, attraverso queste storie, che si lanciassero dei messaggi nuovi, che ci si prendesse un poco più sul serio.“

Sagt Enrico Camanni im Gespräch mit Anna Girardi über sein neues Buch, abgedruckt im September-Heft von „Montagne360“, der Zeitschrift des Club Alpino Italiano. „Alpi ribelli“ erzählt Geschichten aus den Bergen, Geschichten vom Widerstand und von Utopien. Ribelle bedeutet laut leo.org aufständisch, widerspenstig, aufsässig, meuterisch, hartnäckig, störrisch – rebellisch eben. Und mit Rebellen unterschiedlichster Herkunft und Stossrichtung bevölkert Camanni sein Buch. Von Guglielmo Tell bis zum Alphöhi. Von den Apostelbrüdern um Fra Dolcino am Fusse des Monte Rosa, die zum Kampf gegen die römische Amtskirche aufriefen, über die Partisanen, die im Zweiten Weltkrieg gegen die Faschisten und Nazis kämpften, bis zu den Leuten, die gegen den Bau des Hochgeschwindigkeitszuges im Valle di Susa protestieren. Von Tita Piaz, dem Teufel der Dolomiten, bis zu Mary Varale, der wahrscheinlich stärksten Klettererin in der Zwischenkriegszeit; unter Protest trat sie 1935 aus dem CAI aus, weil dieser Verdienstmedaillen bewusst nicht ihren Seilgefährten übergeben hatte, sondern weniger guten Bergsteigern – ein Affront. Camanni schildert auch den Fall einer anderen Frau, die sich gegen die Obrigkeit wehrte: Tina Merlin. Hätte man ihren Artikeln geglaubt, so hätte es am 9. Oktober 1963 die Katastrophe von Longarone nicht gegeben, als ein Bergsturz in den Vajont-Stausee eine riesige Flutwelle verursachte, die sich über die Staumauer ergoss und das Dorf Longarone zerstörte, wobei rund 2000 Menschen starben.

Ein aufwühlendes Buch, das Enrico Camanni da geschrieben hat. Er war Chefredaktor der „Rivista della Montagna“, Direktor von „Alp“ und „L’Alpe“. Derzeit schreibt er für die Tageszeitung „La Stampa“. Er hat zahlreiche Romane und alpinhistorische Bücher verfasst – mit besonderem Interesse für das Matterhorn, dem er mehrere Titel gewidmet hat, so „Cieli di pietra, la vera storia di Amé Gorret“. Natürlich hat dieser Abbé, Alpinist und Autor, der bei der Zweitbesteigung des Cervino am 17. Juli 1865 tatkräftig mitmachte, seinen Auftritt in „Alpi ribelli“.

Wer das rebellische Buch lesen möchte, sollte vom Italienischen mehr verstehen als Monte, Cima, Poncione, Denti, Pizzo und Pizza. Aber: Wer sich für Alpingeschichtliches interessiert, hat vom Donnerstag, 22. September, bis zum folgenden Samstag Gelegenheit, am Alpinismus-Kongress in Salvan ob Martigny teilzunehmen. Das Thema lautet: „Immer höher, schneller, forscher? Bergsteigen in den Alpen vom 19. Jahrhundert bis heute. Praxis, Emotion, Vorstellung.“ Alessandro Pastore von der Università di Verona beispielsweise hält diesen Vortrag: „Montagne, politique et environnement. Portrait de l’écrivain et alpiniste Guido Rey (1861-1935).“ Ich selbst werde die SAC-Archive und Sammlungen der Burgerbibliothek Bern, des Alpinen Museums und der Zentralbibliothek Zürich vorstellen. Darunter das erste Gipfelbuch auf der Hinteren Spillgerten in den Berner Voralpen, worin sich folgender Eintrag findet:

Besteigung 10.
Jules Martin Bern
Paul Montandon (IIes Mal)
       & Frau, Thun, S.A.C.
=  22. Spt. 1895  =  ohne Führer

auf dem gewöhnlichen Wege.
Deponierung dieses Büchleins. –
Keine Flocke Schnee am ganzen Berge.
Aussicht vom Titlis & Tödi bis Mt Blanc ganz klar.

Enrico Camanni: Alpi ribelli. Storie di montagna, resistenza e utopia. Editori Laterza, Bari 2016, € 18.-

Alpinismus-Kongress in Salvan ob Martigny vom 22. bis 24. September 2016:
Toujours plus haut, plus vite, plus engagé? Gravir les Alpes du XIXe siècle à nos jours. Pratiques, émotions, imaginaires.
Ce colloque international, organisé par la Société d’histoire de la Suisse romande en partenariat avec l’Institut des sciences du sport de l’Université de Lausanne, invite historiens, historiens de sciences, géographes, ethnologues, sociologues (etc.) à se pencher sur l’évolution de l’alpinisme sportif – en ce concentrant sur l’espace alpin.
Das ganze Programm unter www.colloque-salvan.ch

Geheimtipp Schwertfisch & Co.

Eigentlich wollte ich einen neuen Klettergarten vorstellen. Die Erschliesser fanden das aber nicht so toll, das Gebiet sei schon fast überlaufen, teilen sie mit.

19. September 2016

bildschirmfoto-2016-09-19-um-12-28-19Die Route ist steil und hart, Piaz an Schuppen, die Tritte klein und glatt. Schwertfisch. Da muss ich recht zupacken, bin schon sozusagen am Limit und das soll 6a+ sein? Mein starker Freund hat dem Alten schon gar nicht zugetraut, dass er es schafft, auch er fand’s nicht gerade leicht. So sei es nun also.
Jahrzehntelang sind wir auf diesem Strässchen in die Höhe gefahren, und nie ist uns aufgefallen, dass gerade ein paar Minuten im Wald etwas versteckt eine beeindruckende Wand aufragt, schöner Fels, Risse und ziemlich glatte Platten. Auch den Locals, die sonst alles in der Gegend abgrasten, ist sie offensichtlich nicht aufgefallen. Aber irgendwann ist ja auch Dornröschen befreit worden, und so auch diese Wand. Falls man da von Befreiung reden kann und nicht vom Gegenteil.
Etwa fünfzig Routen gibt’s schon und die fleissigen Erschliesser und Erschliesserinnen sind noch immer tätig. Nicht nur bohrend, sondern auch mit Erdarbeiten. Liebevoll angelegte Wege mit Stufen und einem Grillplatz. Pickel, Schaufeln und anderes Werkzeug lehnt in einer Nische. Eine schöne Website bietet Topos, aktuelle Infos, Bildgalerie. Da sieht man die Leute selbst bei Schnee noch an ihrem Werk arbeiten.
Ich bewundere die Kletterfreundinnen und -freunde, die so viel Zeit und Energie opfern, damit wir kommen, sehen und uns kletternd vergnügen können. Gern hätte ich ihnen in einer breiteren Öffentlichkeit auf dem Tagi-Outdoorblog ein Kränzchen gewunden, aber sie baten um Verzicht. Mund zu Mund Verbreitung genüge, es kämen eh schon fast zu viele, besetzten Routen und Parkplätze. Kann ich doch verstehen. Obwohl es ihnen wohl wie den Tessinern gehen wird, die am liebsten den ganzen Kanton geheim gehalten hätten und deren Klettergebiete nun dank diversen Kletterführern ziemlich belagert sind von Klettervolk aus dem Norden. Es ist wohl noch nie gelungen, ein schönes Klettergebiet auf Dauer geheim zu halten. Die Szene ist vernetzt, Handy zu Handy. Ob ich selber wieder herkomme, weiss ich nicht. Sehr hart bewertet fand ich alles und das deprimiert doch ein bisschen. Vielleicht ist die strenge Bewertung auch ein Trick, um den Fels vor allzuviel Ansturm zu beschützen.

Davos

Als man unbestiegene Gipfel noch Jungfrauen nannte und den «Sieg» der Erstbesteigung mit Flaschenwein begoss – Geschichten von den Bergen und Zauberbergen rund um Davos und von illustren Gästen, Sportlern und einheimischen Alpinheroen wie der «Reiss-Dynastie» finden sich in den vorgestellten Publikationen.

15. September 2016

„Hier nun sahen wir mit einem Male unsern gefährlichen Gegner, den gewaltigen cover-davoser-revue-der-gipfelFelscoloss in seiner ganzen wilderhabenen, majestätischen Schönheit, und mit Bangen dachte ich daran, wie diesem unheimlichen Gesellen beizukommen wäre. Kaum dass Devouasond den Kegel ansichtig wurde, rief er Flury zu: «Floury! c’est impossible de monter par ce côté», worauf ihm Flury lachend zur Antwort gab: «Ha, ha, ha, ce n’est rien ça». Freshfield konnte sich nicht enthalten, auszurufen: «C’est un petit Matterhorn».“

Voilà. Schon wieder ein Matterhorn. Dasjenige von Davos: Corn da Tinizung auf Romanisch, Tinzenhorn auf Deutsch, 3173 Meter hoch. Der mittlere Gipfel im Dreigestirn der Bergüner Stöcke: Piz Ela, Corn da Tinizung, Piz Mitgel. Am 7. August 1866 erstmals bestiegen worden von zwei Seilschaften, die das gleiche Ziel vor Augen hatten: der Engländer Douglas William Freshfield mit seinem Führer François Devouassoud aus Chamonix, der Schweizer Emil Hauser, Mitglied der SAC-Sektion Rätia, mit den Führern Alexander Flury und Peter Jenny aus Pontresina. Im vierten Jahrgang des „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1867-68 hielt Huber die „Ersteigung des Tinzenhorns“ fest.

Unter dem Titel „C’est un petit Matterhorn“ ist von dieser internationalen Erstbesteigung die Rede in der „Davoser Revue“, die sich in der Frühlingsausgabe 2016 den Gipfeln und den Geschichten vom Berg widmet. Schöne Geschichten, zum frühen Bergtourismus, zu pfarrherrlichen Bergfahrten (wo das Tinzenhorn in einer Karikatur nochmals herausfordernd wirkt), zur Alpinistendynastie Reiss (mit ihrem berühmtesten Spross, dem Lhotse-Erstbesteiger Ernst). Und mit einem Porträt des aus Davos stammenden Kunstmalers Conrad Jon Godly – majestätisch wirken seine schwungvollen Bergbilder.

cover-davosAber Davos hat ja nicht nur ein Matterhorn zu bieten, sondern noch viel, viel mehr. Ein von Franco Item herausgegebenes, reichhaltig illustriertes Buch widmet sich auf 336 Seiten dem Kur- und Sportort, dem Kongress- und Forschungsplatz von 1865 bis 2015. Da steht alles drin, von den ersten Gästen bis zum letzten Pokal des HCD, von der Pionierskitour Arthur Conan Doyles bis zu den Kuraufenthalten bekannter und unbekannter Künstler und Dichter. Kirchner und Thomas Mann fixierten je das Tinzenhorn, der eine mit dem Pinsel, der andere mit dem Stift. Bereits auf der siebten Seite des „Zauberberg“ sagt der lungenkranke Joachim Ziemßen zum Vetter Hans Castorp, kaum dass dieser im Ort angekommen ist: „Piz Michel und Tinzenhorn in der Lücke, du kannst sie von hier aus nicht sehen, liegen auch immer im Schnee, das ganze Jahr.“

Der wird bald fallen am Tinzenhorn. Gesellen wir uns noch rasch zu den fünf Erstbesteigern, die schon fast seine allerhöchste Spitze erreicht haben. Nochmals Originalton Emil Hauser: „Auf der vierten lagerte bereits Freshfield mit seinem Führer, mich auf die fünfte, nicht weit entfernte Spitze verweisend und in etwas gebrochenem Deutsch bemerkend: «Ich habe nur die zweithöchste Spitze in Besitz genommen, die höchste gehört Ihnen.» Noch ein kurzer Moment, und die stolze Jungfrau liegt besiegt zu unsern Füssen. Ein heller fröhlicher Jauchzer verkündet das glückliche Resultat. Mittlerweile hatte sich auch Freshfield zu uns herangezogen, und lagerten wir uns bestmöglichst. Es war nahezu halb zwölf, die Kletterpartie hatte demnach gegen 4 Stunden gedauert. Unserm Proviant wurde nun ohne Schonung zu Leibe gegangen und die dritte Flasche Wein auf das bisherige Gelingen des Unternehmens geleert.“

Davoser Revue: Der Gipfel – Geschichten vom Berg. 91. Jahrgang, Nr. 1., Frühling 2016. Fr. 11.- davoser.revue@7270.ch, www.davoser-revue.ch

Franco Item (Hrsg.): Davos – zwischen Bergzauber und Zauberberg. Kurort, Sportort, Kongress- und Forschungsplatz, 1865–2015. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2015, Fr. 58.- www.nzz-libro.ch

Sumpftouren

Saufen war einst auch bei Bergsteigern Trend – nicht nur bei Literaten und im Emmental. Die heutige hoch-abstinente und gesundbetende Generation folgt den Altalkoholikern brav auf literarischen Wandertouren, beschrieben im einschlägigen Führerwerk. Oder kontempliert in Glarner Villengärten, wie einst die betuchten Fabrikanten, während sich ihre Büezer in den Fabriken zu Tode soffen.

8. September 2016

cover-sumpftouren„Prost!“

Ein kurzes Einstiegszitat, zugegeben. Aber viel mehr muss auch nicht gesagt werden beim Anstossen. Der Hinweg ist geschafft, der Tisch war frei, der Durst ist gross, das Glas noch voll – also: „Gsundheit!“ Der erste Schluck: wunderbar. Der zweite: auch. Nach dem dritten nehmen wir das Büchlein zur Hand, das erst seit ein paar Tagen auf dem Verkaufstisch liegt: „Sumpftouren. Alkohol und Kultur im Emmental“ von Frank Gerber (Texte) und Verena Zürcher (Fotos). „Eine Art Beizenführer“ heisst das handliche Werk im zweiten Untertitel; es ist auch eine Art Wanderführer. Denn wie sollte man die Beizen aufsuchen, um dort den Durst zu löschen, ja vielleicht gar einen Schluck über den Durst zu trinken? Zu Fuss natürlich.

Und so heissen die süffigen Destinationen: Bar zum Chüele Fass in Schafhausen. Wirtschaft Kuttelbad. Gasthof Rosegg. Alpwirtschaft Niederenzi. Hornbach-Pinte in Wasen. Tannenbad in Weier. Bären hier und Bären dort. Geschichten überall. Mit dabei fast immer: der Albert alias Jeremias. Obwohl er ja nicht sonderlich Freude an seinen saufenden Landsleuten hatte. Das zeigt allein der Titel seiner 1838 erstmals publizierten Erzählung: „Wie fünf Mädchen im Branntwein jämmerlich umkommen“. Gotthelf also. Simon Gfeller. Carl Albert Loosli. E.Y. Meyer. Sie alle sind dabei auf den Gerberschen Sumpftouren im Emmental. Denn es geht eben nicht nur um den Besuch uriger Kneipen im Hogerland zwischen Burgdorf und Napf, sondern auch um Literatur aus diesem Land voller Grate und Gräben. „In der rechten Hand ein Glas, in der linken ein Truber-Buch, und vor uns die grandiose Aussicht.“ Liest sich verlockend. Wer noch einen echten Wanderführer mitnehmen möchte, dem oder der sei mein Rother Wanderführer „Emmental“ empfohlen.

Gleich noch eine Empfehlung wage ich hier abzugeben. Am Wochenende vom 10./11. September 2016 finden die europäischen Tage des Denkmals statt, diesmal unter dem Stichwort „Oasen“. Genau das ist auch doch das Kuttelbad, das Tannenbad… Selbstverständlich ebenfalls die offiziellen Oasen, die historischen Gärten in Burgdorf und der malerische Park von Schloss Landshut in Utzenstorf, um an der Emme zu bleiben. Und wenn wir schon bei Gärten sind. 2016 ist das Gartenjahr, wofür der Schweizer Heimatschutz die hübsche Broschüre „Gärten und Parks der Schweiz“ geschaffen hat. Am kommenden Sonntag beispielsweise können in Schwanden drei private Villengärten besichtigt werden, „eigentliche Perlen in den Glarner Bergen“, wie es heisst. Darauf wollen wir anstossen, mit dem Witbier „Vrenelisgärtli“ der Brauerei Adler in Schwanden.

Frank Gerber (Texte), Verena Zürcher (Fotos): Sumpftouren. Alkohol und Kultur im Emmental. Landverlag, Langnau 2016, Fr. 22.90; www.landverlag.ch

Europäische Tage des Denkmals: Oasen. 10./11. September 2016; www.hereinzspaziert.ch

Gärten und Parks der Schweiz; www.heimatschutz.ch/gartenjahr

Biografisches Wandern

Auf den Spuren meiner selbst. So wandere ich durchs Rätikon. Jeder Schritt eine Geschichte. Meine Begleiterin kennt sie alle schon – eine davon ganz hautnah.

5. September 2016

IMG_8334Bald wird es Brillen geben, die jeden Ort, an dem man einmal vorbeikam, mit einem roten Punkt zeigen. Schaut man durch diese besonderen Gläser, so ziehen sich rote Linien den Wegen entlang und über Alpweiden, durch Wälder und selbst die steilen Schutthalden hinauf und noch weiter: durch die weissen Felswände hinauf bis zum himmelhohen Horizont. So stelle ich mir das vor in einer Zukunft, in der jeder sein Leben nahtlos in den uferlosen Datenwolken speichert. Heute aber sehe ich diese Linien erst vor meinem geistigen Auge, während wir unter der endlosen Kalkfelskette des Rätikons wandern, die Daten rufe ich ab aus dem Speicher meines Gehirns, so weit sie nicht verschwunden sind. Schesaplana, Kirchlispitzen, Schweizertor, die dreigipflige Drusenfluh, die Drusentürme, Sulzfluh und Schienflue. Ein Lebensfilm rollt ab nach einem Drehbuch, das tausend Seiten füllen würde, untermalt mit dem Klangteppich der Kuhglocken von den Alpweiden und vom Klingen und Klickern der kantigen Kalksteinkiesel im Geröll. Ja, so klingt das Geröll nur im Rätikon, wird mir bewusst, und so klingen Kuhherden nur im Widerhall dieses Felsentheaters.
Ich nerve meine Begleiterin mit alten Abenteuergeschichten, sie kennt sie doch schon alle. Die wahnsinnigste Tour des Lebens, damals, keine Haken mehr und keine Holzkeile und noch drei schwere Seillängen in brüchigstem Fels vor uns und der Tag neigt sich. Am andern Morgen vor der Hütte treffen zwei Bekannte ein, steigen ein und am Abend, wir sind schon über alle Berge, schlägt der Blitz in die Wand über ihrem Biwak und eine Felsplatte löst sich, zerschmettert dem einen das Bein. Handys gab es noch nicht, nur Hilferufe, die zwei Tage später ein Hirt von der Alp hörte. Und so weiter und so weiter. Und deine Traumtour, meine Liebe, oder Alptraumtour, erinnerst du dich? Du siehst den Ausstiegsriss dort oben gegen den Grat. Als es blitzte und hagelte und du glaubtest, keinen Meter mehr höher zu kommen. Doch nun sind wir da und schauen hinauf und es sind Jahrzehnte vergangen wie der Blitz.
Wir wandern von der Schesaplana- zur Carschinahütte, unter den Kirchlispitzen kühlen wir die Füsse im kalten Wasser einer Quelle und beobachten am Schweizertor die einzige Seilschaft, die wir klettern sehen. Ich kenne die Route und du die Geschichte dazu. Einsam scheinen mir diese schroffen Kalkwände geworden, die Dolomiten der Ostschweiz. Kein so exklusives Klettereldorado mehr wie einst, dafür Wanderland. In Gruppen kommen sie uns entgegen, mit Stöcken bewehrt und funktionsbekleidet und meist von ennet der Grenze. Die Hütten sind gut besetzt und beliebt und umtriebig, fast kleine Hotels, Halbpension «aber es gibt nur einen Teller!». Ich habe mir vorgenommen, keine Heldengeschichten zu erzählen am Tisch und muss dann doch zum Besten geben, wie es damals auf der Carschina erst die kleine Bretterbude gab nebenan, die jetzt Freund Peter gehört, ein einziger Raum mit Pritschen und an Pfingsten 1962 so tief unter dem Schnee begraben, das man nur das Kamin sah.
20160901_104902Am andern Tag wandern wir noch auf die Sulzfluh, trotz dicken Wolken und Nebelballen und gelegentlichen Regentropfen – und nur dank dem Mut der Begleiterin, denn der Held wäre feige abgezogen aus seinem Heldentheater. So vergeht halt die Zeit und alles ist relativ, der Mut, das Alter und auch der Wetterbericht. Drunten im Land strahlt die Sonne.

Allein auf weiter Flur

Määhh, ich habe Hunger! Ich stehe hier alleine, vor mir der Abgrund, und ich weiss nicht wohin! Mää-hää, wo bist du, Mam?

© Annette Frommherz

Vorder Glärnisch 08 2016 (33)

3. September 2016

Sie haben mich eingekreist. Zwei Männer, ich kenne nur einen davon. Das ist der Älpler, hat Mam gesagt. Aber jetzt ist sie fort. Ich stehe vor diesem Absatz, die Steine sind rutschig, meine Beine zittern. Ich kann nicht weiter, weiter vorne ist nichts mehr. „Bliib stah, gopferteckel, susch bisch dune!“ Der Mensch, nicht der Älpler, der andere, der macht ein böses Gesicht, es ist ganz rot. Und er keucht. Wenn nur Mam jetzt da wäre, määhh! Bleib immer schön in meiner Nähe, hat sie mir beigebracht, die Hänge des Vorder Glärnisch sind steil, mäh, und das ist gefährlich, mein Kind.

Als die Sonne ganz oben am Himmel stand, haben sie 392 unserer Schafe weggetrieben. Das hat mir Mam erklärt. Ich weiss nicht, wie viele das sind, aber schon eine ganze Menge. Mam stand mit mir und den zwei weissen Schafen, die mit den schwarzen Köpfen, etwas abseits, weil da die Kräuter so fein schmeckten. Sagte Mam, ich habe ja nur getrunken. Und dann sind sie plötzlich weggesprungen, und ich hinterher. Die Geröllhalde hinunter, so schnell konnte ich gar nicht springen. Und dann waren sie weg, määhh, einfach weg! Ich habe hinterher geschrieen, aber es hat nichts genützt.

Vorder Glärnisch 08 2016 (24)Jetzt stehen diese Menschen um mich, der Älpler und der andere, und packen mich. Ich kann gar nichts tun, määhh. „Chum, nimms in Rucksack, da gahts steil abe und dä Wäg isch lang.“ Nur mein Kopf bleibt im Freien. Es schaukelt. Der Mensch riecht nach Mensch, und ein bisschen nach etwas anderem. Es schlägt schnell in mir, ich kann fast nicht atmen. Mam, wo bist du? Määhh!

Vorder Glärnisch 08 2016 (4)Wie wir endlich bei einer Hütte ankommen, sitzen da noch mehr Menschen, ganz verschiedene, und einer steht auf und nimmt mich endlich heraus. Er drückt mich an sich und streicht mir über das Fell. Immer wieder. Das tut gut. Es schlägt nicht mehr so schnell in mir. Der Mensch riecht etwas streng, aber ich darf mich auf seinem Schoss ausbreiten. Den Hund, der mich von vorne bis hinten leckt, den kenne ich, der rennt sonst immer ganz aufgeregt um uns Schafe herum. Jetzt stehen wir zusammen im Gras und sind schon fast Freunde.Vorder Glärnisch 08 2016 (28)

Jeder will mich streicheln, dabei will ich nur zu Mam. Und mä-hää, ich habe Hu-unger! „Mir müend d’Muetter go sueche.“ Der Mensch trägt mich bald über die steile Böschung hinauf, die Glöcklein klingeln immer lauter. Die braunen Schafe schauen kurz vom Grasen auf, dann fressen sie weiter. Mam ist heller, ich weiss nicht so genau, wie hell, aber sie riecht so, wie sie muss.
Määhh! Jetzt höre ich sie. Mää-hää! rufe ich ihr zu. Und nun rieche ich sie! Ich komme, Mam, ich komme, mää-hää!

Mit freundlicher Genehmigung der Menschen, des Hundes und des Lamms.

Sommermorgen in den Bergen

Wieviel doch in einen frühen Morgen und einen Vormittag passt! Eine Anreise, ein Aufstieg und eine ganze Menge Eindrücke. Und schliesslich das Gefühl, frei zu sein wie eine Vogel

2. September 2016

231012_8Meine Fahrt von St. Gallen in die Berge vergeht, während die Dämmerung zum Tag wird. Beim ersten Licht fahre ich aus der Stadt, fallend gegen Nordost, bis vor mir die Fläche des Sees auftaucht, silbrig-grau und rau unter einem fernen Hellrot am hohen Himmel. Weiter fallend nähere ich mich der Seefläche, bis sie den Blicken entschwindet, weil die Ebene erreicht ist. Bald biegt dann die Autobahn um die äussersten Rippen der Berge herum, scharf nach Süden ins Rheintal und hinein ins Gebirge. Dort drinnen im Schatten verlasse ich den Boden auf der kleinen Strasse den Grabserberg hinauf. Im Osten stehen die Gratreihen hoch über mir wie scharf gezeichnete Risse vor der Sonne, die noch nicht heraufgestiegen ist, sondern den Schatten des Hohen Freschens in den Himmel projiziert. Eine Kehre weiter oben aber ist sie da, glutrot, und die wilden unregelmässigen Zacken, die dunklen, die gerade eben noch den Horizont beherrschten, fallen nun ins fast Unsichtbare, ins Kleine hinab.

In der Morgenkühle steige ich wenig später raschen Schrittes bergauf, umgeben vom Glockengeläut der Kühe, das die Hochtäler oberhalb der Voralp schon jetzt erfüllt. Erst ganz oben an den Graten, wo jäh das Seeztal sich auftut, tief unten, mit dem See darin, dem anderen, dem taghellen, grün-blauen, mit den Spuren darauf, entlang derer die Schiffe ihn teilten, Narben die sich langsam schliessen, erst dort oben ist es wirklich still. Jetzt wo die Sonne hoch steht, höher noch als ich, setze ich behutsam Fuss vor Fuss über den Grat, berauscht vom Gefühl des Mauerlaufens, des Schreitens auf blumengesterntem Hochseil, und von der stillen Exponiertheit. Weit draussen im Luftraum, im Flug.

Nives & Romano, Claude & Yves

Der «Albert Mountain Award» (früher King Albert I Mountain Award) ist fast sowas wie der Nobel Preis des Alpinismus – jedenfalls eine noble Angelegenheit und irgendwie auch mit einem König verbunden. Diesmal kommen unter andern zwei ganz besondere Bergsteigerpaare der Spitzenklasse im Klettern wie auch im Schreiben zu Ehren.

Cover Nives Meroi„Wir beide sind alleine unterwegs, die Ersten in diesem Jahr, wir spuren den Weg im noch unberührten Schnee und kennzeichnen ihn für all diejenigen, die nach uns kommen werden.
Das Knirschen von Romanos Steigeisen gibt die Richtung an. Seine langsamen, gleichmäβigen Schritte definieren den Raum, denn im Abgrund dieser unermesslichen Dunkelheit existiert Raum nur in Form von Zeit. In dieser Insel der Leere, wo sich nichts bewegt und jedes Geräusch unbekannt ist, sind wir die einzigen Lebewesen: Unser Atem und unser Schreiten bewegen sich innerhalb der unergründlichen Zeit der Erde.“

Werden sie es diesmal schaffen? Wird das italienische Paar Nives Meroi und Romano Benet an diesem 17. Mai 2014 endlich den Gipfel des Kangchendzönga (8586 m) erreichen, den dritthöchsten Berg der Erde? Schon am 17. Mai 2012 hätten es die beiden eigentlich schaffen können, doch beim Aufstieg vom obersten Biwak nahmen sie in der Dunkelheit die falsche Route und standen fast auf dem Mittelgipfel (8482 m) des Kantsch, als sie den Irrtum bemerkten. Am 17. Mai 2009 waren Nives & Romano das erste Mal hoch oben gewesen, auf über 7500 Metern. Aber dann konnte Romano keinen Schritt mehr weiter gehen, ja, auch kaum mehr hinunter, so schlecht fühlte er sich. Elf 8000er hatten sie gemeinsam bestiegen, der Kangchendzönga wäre der zwölfte gewesen. Nives war damals ganz vorne mit dabei, als es um den Rang der ersten Frau auf allen Achttausendern ging. Doch sie entschied sich an diesem 17. Mai 2009 gegen den Weiteraufstieg alleine und somit gegen den Wettlauf: „Nein, wir steigen zusammen ab. Jetzt. Ich werde dich hier nicht warten lassen.“

So heisst auch das neue Buch von Nives Meroi: „Non ti farò aspettare. Tre volte sul Kangchendzonga, la storia di noi due raccontata da me.“ Nun liegt es in deutscher Übersetzung vor. Ein sehr starkes Buch! Es erzählt eindringlich und einfühlsam zugleich von einer Seilschaft fürs Leben, in der dünnen Luft hoch oben und in der dicken Luft ganz unten, in der Klinik – nur ein paar Schritte vom Sarg entfernt. Dass ihm Romano entgehen konnte, dass er überhaupt wieder auf Berge steigen kann, grenzt an ein (medizinisches) Wunder. Und wie Romano & Nives wieder gemeinsam unterwegs sind: Am 17. Mai 2014 meinte es der Kantsch gut mit ihnen, und am 12. Mai 2016 standen sie auf dem Makalu (8485 m), ihrem 13. Achttausender, wie immer ohne künstlichen Sauerstoff. Ein wunderbarer Erfolg für das Paar, das einen ganz eigenen Weg geht im leistungs- und medienstrapazierten 8000er-Bergsteigen. Jetzt fehlt nur noch die gefährliche Annapurna.

Cover King Albert IVorher aber erhalten Nives Meroi & Romano Benet noch eine Goldmedaille: Den Albert Mountain Award, den die schweizerische King Albert I Memorial Foundation alle zwei Jahre für massgebliche Verdienste in der Welt der Berge übergibt. Die Stiftung, die der ehemalige St. Moritzer Kurdirektor Walter Amstutz 1993 zu Ehren des belgischen Königs Albert I. (1875–1934) gegründet hat, schreibt in ihrer Begründung, dass Meroi & Benet mit ihrer „bedingungslosen gegenseitigen Loyalität exemplarisch den Begriff der Seilschaft“ versinnbildliche. Der Albert Mountain Award wird dem Paar am Samstag, 3. September 2016, auf der Diavolezza oben überreicht. Und noch ein zweites Paar erhält dann diesen goldenen Preis, neben dem deutschen Permafrostexperten Michael Krautblatter und dem slowenischen alpinen Museum: die Gebrüder Claude & Yves Remy aus dem Waadtland.

Unter Kletterern müssen die Remys nicht mehr vorgestellt werden: Mit legendärem Sinn für kletterbare Linien und nie erlahmender Leidenschaft haben die beiden seit 1970 rund 15’000 neue Seillängen eröffnet und eingerichtet, in ganz Europa, vor allem aber in der Schweiz und Griechenland. Die Gebrüder Remy seien, schreibt die King Albert I Memorial Foundation, „zu eigentlichen Wegbereitern des Felskletterns als Breitensport emporgestiegen“.

Cover Remy DreamsDas wollen wir auch, mit ihnen natürlich. In ihrem jüngsten Führer „Dreams of Switzerland“ entführen sie uns zu „schönsten Kletterrouten im Herzen der Schweiz“, wie das dreisprachige Buch im Untertitel heisst. Es stellt Mehrseillängen-Routen in den Graden 4c bis 6b an der Furka, der Grimsel, dem Susten und dem Nufenen vor. Die präzisen Topos und spektakuläres Bildmaterial garantieren beste Planung und viel Vorfreude. Wie wär’s also mit der Route „Zeichen der Freundschaft“ an der Teufelstalwand oder mit „Bellissima“ am Bergseeschijen?

Nives Meroi: Ich werde dich nicht warten lassen. Der Kangchendzönga, Romano und ich. Oder unser 15. Achttausender. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2016, Fr. 27.90

Claude & Yves Remy: Dreams of Switzerland. Susten/Grimsel/Furka/Nufenen. Eine Auswahl der schönsten Kletterrouten im Herzen der Alpen. SAC Verlag, Bern 2016, Fr. 39.-

The King Albert I Memorial Foundation. 100-seitiges Werk zur Stiftung, zum König Albert I. und zu allen 53 Preisträgern des Albert Mountain Award, 2016, Fr. 15.-. Erhältlich bei der alpinen Buchhandlung Piz Buch & Berg in Zürich, www.pizbube.ch

Rund um Zürich

Um Zürich dreht sich vieles in der Schweiz – aus Sicht der Zürcher eigentlich alles. Um Zürich kann auch wandern, nicht nur über Züri- und Üetliberg, sondern noch viel weiter. Zum Beispiel zur Claridenhütte, wie der Umschlag des besprochenen Wanderführers zeigt. Sie gehört der Zürcher Oberländer SAC-Sektion Bachtel. Alles klar!

25. August 2016

Cover Wanderatlas Zürich-Südwest„Das Land, wo die Zitronen blüh’n, ist vielen bekannt. Dafür sorgten und sorgen heute noch die Reisebüros, Autounternehmungen und auch die Bahnverwaltungen. Das Land aber, das wir meinen, ist die nähere und weitere Umgebung unseres Wohnorts, die Landschaft. Viele, die in Mailand, an der Riviera, in Paris, in Wien und an andern Orten des Auslands gut Bescheid wissen, sind alt geworden, ohne die Schönheiten und die historischen Stätten ihrer Nachbarschaft kennengelernt zu haben.“

Unter dem Titel „Kennst Du das Land…?“ startete das Vorwort des ersten Bandes der ersten richtigen Wanderführer-Reihe für die Schweiz. Zwischen 1933 und 1948 erschienen 18 Bände des „Wanderatlas der Zürcher Illustrierten“, die mit Text und Karten, worauf die nummerierten Wegverläufe eingetragen sind, Landschaft und Sehenswürdigkeiten rund um Städte der Deutschschweiz und des Tessins vorstellten. Nicht weiter erstaunlich, dass das Gebiet rund um Zürich am besten abgedeckt wurde, mit Band 1 „Zürich-Südwest“ (1933), Band 7 „Winterthur Süd“ (1935), Band 10 „Zürich Nord-West“ (1937) und Band 15 „Zürich Ost“ (1946). Und die Wanderungen von Band 3 „Luzern Ost“ (1934), Band 6 „Olten – Aarau“ (1935), Band 8 „Schaffhausen“ (1936) und Band 14 „Zugerland“ (1938) gehören doch auch fast noch zum Züribiet, nöd?

Cover Rund um ZürichNun haben die gediegenen und mit ihrem grünen Leinenumschlag schön erkennbaren Wanderführer von einst einen Nachfolger gefunden, der die Runde um Zürich vor allem Richtung Süden noch weiter ausdehnt, zum Brienzer Rothorn, zur Gafallenlücke ob Andermatt und zum Sunnenhörnli im Glarner Sernftal. Im grünen Rother Wanderführer „Rund um Zürich“ stellt der im Berner Gürbetal lebende Journalist, Buchautor und Fotograf René P. Moor 53 Touren zwischen Schaffhausen und Gotthard vor. Die Auswahl umfasst gemütliche Kulturspaziergänge, rassige Gipfel- und Passtouren, mehrtägige Hüttentreks. Zu jeder Wanderung sind natürlich alle wichtigen Informationen zusammengestellt: genaue Routenbeschreibungen, Wanderkarten mit eingetragenem Routenverlauf, Höhenprofile, Einkehr- und Übernachtungstipps, An- und Rückseite mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wer ohne digitale Hilfe den Weg nimmer findet, kann die GPS-Daten downloaden. 149 Fotos machen gluschtig, das Raus-aus-der-Stadt und Rein-ins-Land (aber eben nicht Ausland!) sofort und immer wieder umzusetzen. Denn es gibt viel zu erleben in den 390 Stunden und auf den 1000 beschriebenen Kilometern.

Möge also der jüngste Führer von René P. Moor „in den Taschen recht vieler Wanderer über Berg und Tal getragen werden, dem Benützer als treuer Führer und Weggefährte.“

PS: Von der 18 Bänden des „Wanderatlas der Zürcher Illustrierten“ fehlt mir nur noch einer: Band 4 „Basel Süd-West“ (1934).

René P. Moor: Rund um Zürich. 53 Touren zwischen Schaffhausen und Gotthard. Rother Wanderbuch, München 2016, Fr. 21.90.