Geschichte der Landschaft in der Schweiz

Braucht Landschaft schön zu sein? Ist die Schweiz ein schönes Land? Was nehmen wir überhaupt wahr von dieser Landschaft, die sich ständig verändert, ständig neu gesehen wird, von den Jägern und Sammlern bis zu den Tunnel- und Strassenbauern.

25. April 2016

MathieuBackhausHuerlimannBuergi_LandschaftSchweiz_RZ.indd„Wer nur nach ästhetischen Kriterien über Landschaft schreibt, verkennt die Realität. Es droht eine Art Ghettobildung: Auf der einen Seite die vernachlässigten Zonen unter 1000 Meter über Meer, dort darf man alles verbetonieren. Oberhalb dieser magischen Grenze muss man alles unter eine Käseglocke tun. Das ist nicht sinnvoll.“

Sagt einer, der es wissen muss: Alpenforscher Jon Mathieu, Gründungsdirektor des Istituto di Storia delle Alpi an der Università della Svizzera italiana, Umweltgeschichtsdozent an der ETH Zürich und heute Professor an der Uni Luzern. Er wohnt an den Alpenstrasse in Burgdorf, mit Blick auf die Berge – und aufs Mittelland. Nochmals ein Ausschnitt aus dem Interview, das im Schweiz-Teil der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ am 17. März 2016 aus Anlass der Publikation seines jüngsten Werkes erschien: „Als ich das Register verfasste, war ‚Mittelland‘ der meistgenannte Begriff. Es ergibt keinen Sinn, wenn wir uns tausendmal über Johann Wolfgang von Goethe am Gotthard unterhalten. Wir wollen den Menschen nicht ihre Sehnsuchtslandschaften austreiben, aber ein bisschen ihren stereotypen Blick brechen.“

Genau das tut das Buch „Geschichte der Landschaft in der Schweiz. Von der Eiszeit bis zur Gegenwart“ (Mathieu ist einer der vier Herausgeber). Mehr noch: Das 380-seitige, sorgfältig editierte, illustrierte und mit hochspannenden Literaturhinweisen garnierte Werk bricht nicht nur den eingeschränkten Blick auf eine wie auch immer schöne Landschaft, sondern erweitert ihn grandios um ästhetische, geschichtliche, gesellschaftliche, politische, kulturelle, wirtschaftliche und ökologische Winkel. Das Team von 21 renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermittelt in diesem Sammelband einen ebenso sachkundigen wie detailreichen Überblick über Geschichte und Entwicklung der vielfältigen Landschaften der Schweiz, von den ersten Jägern und Sammlern im Gebiet der heutigen Schweiz bis zum Gotthard-Basistunnel.

Der Zustand der Schweizer Landschaft verändert sich stetig – früher durch die Macht der Natur, heute hinterlässt der Mensch selbst immer mehr seine Spuren. Doch wie genau hat sich die Landschaft in der Schweiz in den letzten 15’000 Jahren gewandelt? Diese erste historische Darstellung der Landschaft in der Schweiz behandelt Zeit und Raum in vier Teilen: Die Epoche der Waldlandschaft, Landesausbau in Mittelalter und Neuzeit, Urbanisierung – die Moderne kommt, Landschaft zwischen Agglomeration und Wildnis. Mit diesen Titeln wird gleich deutlich, dass da viel abgehandelt und erklärt wird: Wie das Land entstanden ist, wie es von den Bewohnern immer stärker umgewandelt wird, wie die Menschen die Landschaft überhaupt wahrnehmen, abbilden und verherrlichen, wie sie geschützt werden muss – und vielleicht auch nicht? Die Antworten dazu stehen im Buch. In der Einleitung fragt uns Jon Mathieu:

„Braucht Landschaft immer schön zu sein?“

Jon Mathieu, Norman Backhaus, Katja Hürlimann, Matthias Bürgi: Geschichte der Landschaft in der Schweiz. Von der Eiszeit bis zur Gegenwart. Orell Füssli Verlag, Zürich 2016, Fr. 49.90.

Am Donnerstag, 28. April 2016, um 19 Uhr in der Buchhandlung Haupt am Falkenplatz 14 in Bern: Einführung und Gespräch zum Buch „Geschichte der Landschaft in der Schweiz“, mit den Herausgebern Jon Mathieu und Matthias Bürgi; Moderation Dominik Siegrist.

Das Interview mit Jon Mathieu in der „Zeit“ vom 17. März 2016 ist hier zu lesen: www.zeit.de/2016/13/landschaft-geschichte-schweiz-jon-mathieu.

 

 

FelsenFest

Vom Fels und von blumigen Bergwiesen. Hier erzählt einmal der Webmaster selber. Einiges findet sich ja schon in diesem Blog, anderes anderswo. Doch «Es ist wie mit den Griffen: Hält man ein Buch fest in der Hand, gibt das mehr Halt als die flüchtigen Zeilen auf dem Bildschirm.»

23. April 2016

Felsenfest_Cover.indd „Als ich an Pfingsten 1959 mit der Jugendgruppe des Alpen-Clubs durchs Schaffhauser Kamin auf den Altmann kletterte, zum ersten Mal am Seil, war Alfred Graber ein bekannter Autor. Seine Wander- und Bergbücher konnte man selbst am Bahnhofskiosk kaufen, sie trugen so romantische Titel wie «Melodie der Berge» oder «Ihr Berge, strahlend unvergänglich». Da leuchtet gleich der Morgenstrahl vom Altmann auf. Mit meinen ersten bescheidenen Texten wandte ich mich in einem Brief an den verehrten Schriftsteller, der im Tessin seinen Lebensabend verbrachte. Er antwortete freundlich und mit väterlichem Rat etwa in dem Sinne: Interessant, mach weiter so, aber zu einem Buch reicht es noch lange nicht.“

Es reichte. Gut sogar. Und zu mehr als einem Buch. Im Online-Katalog der Schweizerischen Nationalbibliothek ergibt „Emil Zopfi“ 89 Treffer, „Alfred Graber“ nur 61. In den nächsten Tagen wird der „Sohn“ den „Vater“ um zwei weitere Bücher übertreffen. Mit dem alpenrosig-duftig präzisen Text im wunderschönen Bergwiesenbuch von Roland Gerth. Und mit seinem neuen Bergbuch „FelsenFest“. Ein hintergründiger Titel für 50 Kurzgeschichten vom Klettern und Bergsteigen und Schreiben darüber. Vom Leben mit den Bergen, mit dem Fels. Vom Nicht-los-lassen-Können, weder vom Griff noch vom Griffel. Fest ist der Fels, und der Fels ein Fest. Nicht immer, aber doch so oft, so intensiv, dass man ihn nicht missen, nicht loslassen möchte und kann. Auch wenn er brüchig ist, es vielleicht auch wird mit dem Alter.

Vor 57 Jahren begann Emil Zopfi mit Bergsteigen und Klettern – Schreiben hat auch immer dazugehört. „Am Samstagabend um halb sechs Uhr treffe ich mit grosser Verspätung im Bahnhof in Göschenen ein, wo mich mein Klettergefährte Hansruedi Horisberger erwartet. Nach kurzer Begrüssung streben wir mit Riesenschritten der Göscheneralp zu. Höchste Eile ist geboten, wollen wir doch noch heute den Fuss des 2. Salbitturmes erreichen.“ So begann Zopfis erster veröffentlichter Text, der 1962 in der SAC-Zeitschrift „Die Alpen“ erschein. Das Debüt als Autor.

CoverBergwiesenDie Türme Salbitschijen tauchen auch in der jüngsten Publikation wieder auf, ja beschliessen sie sogar. Mit „Villigerpfeiler: Der letzte Traum“ ist die 50. Geschichte überschrieben. So lesenswert wie die 49 vorhergehenden Geschichten ebenfalls. Und das, obwohl die meisten schon online publiziert wurden. Es ist halt wie mit den Griffen: Hält man ein Buch fest in der Hand, gibt das mehr Halt als die flüchtigen Zeilen auf dem Bildschirm. Mehr noch: Auf Papier sind die Klettergeschichten neu zusammengebunden worden, die neun Seillängen heissen nun „Sehnsucht“ und „Spuren“, „Glück“ und „Trauer“, „Melancholie“ und „Kraft“. Und bereichern sich so gegenseitig. Wie die weisse Narzisse, auch Dichter-Narzisse genannt, den Osthang der Dent de Lys in den Freiburger Alpen zum Blühen bringt.

„FelsenFest“: eine Melodie der Berge, die kräftig widerhallt. Und die wir noch lange vernehmen wollen. Natürlich auch am 23. April, dem Welttag des Buches.

Emil Zopfi: FelsenFest. Noch schöner als Fliegen – 50 Kurzgeschichten. AS Verlag, Zürich 2016, Fr. 29.90.

Roland Gerth (Fotos), Emil Zopfi (Text): Faszination Bergwiesen – Die schönsten Wiesenlandschaften der Schweiz. AS Verlag, Zürich 2016, Fr. 45.-

Buchvernissage von „FelsenFest“ am Freitag, 29. April 2016, um 18 Uhr im Bächli Bergsport, Binzmühlestrasse 80, 8050 Zürich. Anmeldung erwünscht auf www.baechli-bergsport.ch.

Der Geologe im Bergwaldfrühling

Die Frühlingstage werden mehr und wärmer. Und für mich, den kartierenden Geologen, wird es Zeit in die Bergwälder aufzubrechen und meinem Handwerk nachzugehen.

22. April 2016

GeologenkartiergerätUm diese Jahreszeit muss der Geologe in die Wälder, denn jetzt zeigt sich hier der Untergrund am offensten. Zwischen dem langsam nach oben abstreifenden, weissen Winterkleid und dem von unten nachrückenden schattengrünen Pflanzenreich ist die feste Erde zugänglich wie sonst das ganze Jahr über nicht. So quere ich mit Hammer, Stift und Kartierbrett bewaffnet, und mit langsamem, sanft belastendem Tritt über die Steilhänge, bin dabei in jedem Winkel ihrer Oberfläche auf der Spur dessen was meine, was unsere grossen Berge formt.

An den Südhängen des Seeztals, in den steilen Kalkfelswäldern und auf den dazwischen sich erstreckenden Wiesenterrassen, ist die Luft so mild dass sie von unten strömt und wie warmer Atem über die Haut streicht, einzelne trockene Blätter aufnimmt und trägt, tanzen lässt. In den noch lichten Wäldern, durch die ich streife, blühen zahlreich die frühen Blumen, die Buschwindrosen, die Leber- und Schlüsselblumen. Auf den flacheren Terrassen herrscht dagegen noch blendende Helle, weiss strahlt hier der Schnee in der Sonne. Und speist die Bäche, überall ist Wasser. Es rauscht und tobt in den Schluchten der Kalkfelswälder, und es gluckst und strömt auf den Terrassen unter dem Schnee hervor, zwischen den Blöcken der Bergsturzmassen. Und es matscht über die Stiefel auf den noch braunen, gerade vom Schnee frei gegebenen Feuchtwiesen wo das fettig leuchtende Dunkelgrün der noch kleinen Sumpfdotterblätter die gelbe Pracht ihrer Blüten erahnen lässt.

Durch die noch nicht belaubten Kronen fällt das Sonnenlicht vor einem Baumstamm auf den Boden wie eine Einladung, der ich mich nicht entziehen kann. Es ist eine Geborgenheit wie im weichsten Bett, in der ich spüre wie die Erde meinen Herzschlag wiedergibt.

Schicksal am Piz Orsalia

Küsse wie Steinschlag! Dieser historische Bergkrimi ist einfach alles: Flüchtlings-, Kriegs-, Partisanen-, Schmuggler-, Ski- und Liebesroman. Aus der literarischen Gletscherspalte gehoben vom Berner Krimi-Urgestein Paul Ott. Mordsgut also gewiss.

15. April 2016

Cover Schicksal am Piz Orsalia„Ich gehe jetzt unter dem Wandfluhhorn, Pizzo Biela heisst‘s italienisch – den Grat entlang bis zum Pizzo Orsalia und steige über die Alp Wolfsstaffel ab. Du gehst unter der Marchenspitze zur Gurinerfurka und zum Krameggpass –  deine Karte hast du doch mit? Gut! Dann steigst du über die Grossalp ab. Spätestens Schlag Zwölf sind wir beide im Kantonnement. Verstanden?“

Jawohl, Korporal Renker! Wir werden dort sein. Aber nicht in der Militärbaracke in Bosco/Gurin, dem einzigen von alters her deutschsprachigen Tessiner Dorf zuhinterst in einem Seitenast der Vallemaggia. Sondern im Hodlersaal im Alpinen Museum der Schweiz in Bern, pünktlich zur Buchvernissage Ihres wieder aufgelegten Romans „Schicksal am Piz Orsalia“ am 21. April 2016, fast pünktlich zum Unesco-Welttag des Buches zwei Tage später. Wir werden den Weg bestimmt finden, so wie Grenzwacht-Korporal Oswald Jenzer und sein Untergebener Peider Capun am Ende des Zweiten Weltkrieges die mehr oder weniger geheimen Wege an der Grenze zu Italien auch gefunden haben. Die Schmuggler sowieso.

In Kärnten aufgewachsen, verfasste der Schweizer Schriftsteller Gustav Renker (1889-1967) rund 100 Romane und zahlreiche Erzählungen, insbesondere aus der Welt der Berge und der Musik. Sein Werk über Bosco/Gurin erschien 1946, wurde gar noch ins Französische übersetzt, war aber nicht greifbar ausser in ein paar Bibliotheken. Nun erscheint der Bergroman in der Edition Mordstage, die sich der Wiederveröffentlichung verschollener Schweizer Kriminalromane widmet. Denn „Schicksal am Piz Orsalia“ ist nicht nur Flüchtlings-, Kriegs-, Partisanen-, Schmuggler- und Skiroman, sondern auch ein Krimi. Und ein Liebesroman, wo kämen wir sonst hin?

„Jenzer stiess die Türe auf – im Halbdunkel erhob sich von der Bank neben dem offenen Herd Frau Medeia von Gunten. Sie ging dem Eintretenden entgegen mit ruhigen, feierlichen Schritten wie eine Priesterin zum Opfergang.“ Und jetzt? Wir machen einen Schritt. „Er riss sie an sich und küsste sie wild auf die Lippen, Wangen, Stirne – seine Küsse prasselten wie Steinschlag auf ihr Gesicht.“

„Wer ist die geheimnisvolle Frau, die jedes Jahr einmal mit Oswald Jenzer in einer einsamen Berghütte eine Nacht verbringt?“ So fragte der alte Klappentext von „Schicksal am Piz Orsalia“. Die Leser erfahren die Antwort bei der Herli-Hütte ob Bosco/Gurin: Medeia Alphaios, von Geburt Griechin, verheiratet mit dem bürgerlichen, frommen und sehr langweiligen Berner Kaufmann Bendicht von Gunten, hatte Oswald Jenzer, damals noch Student der Architektur, zufällig auf einer Griechenlandreise kennengelernt. Aus gemeinsamem Interesse für die Antike wurde mehr. Oswald gab das Studium auf, brauchte aber auf seine Griechin nicht ganz zu verzichten. Wo er als Grenzwächter auch Dienst tat, einmal im Jahr trafen sich die beiden in einer Hütte in den Bergen. Wir lassen sie dort liegen und lesen weiter, auf dem neuen Buchrücken.

„Auf einem einsamen Gang trifft Peider Capun zwei weitere Protagonisten: den Schmuggler Silvio Casari und einen Käfersammler namens Paul Aebi. Als Kellnerin im ‚Edelweiss‘ ist Enrica angestellt, die Schwester von Silvio Casari,“ heisst es da. Dieser Käfersammler wird erschossen – was wäre ein Krimi ohne einen Toten? Er wird nicht der einzige bleiben. Die Ereignisse an der Grenze oben spitzen sich zu, aus den Schmugglern werden Fluchthelfer. „Als die SS auf jüdische Flüchtlinge schiesst, müssen die Menschen Stellung beziehen. Die Fragen nach Krieg, Flucht und dem Schicksal des Einzelnen in schweren Zeiten werden für die Schweiz in dringlicher Art gestellt. Sie sind heute wieder gültig und geben diesem Roman von Gustav Renker eine bedrückende Aktualität.“

Gustav Renker: Schicksal am Piz Orsalia. Mit der Erstveröffentlichung von autobiografischen Aufzeichnungen, dem Nachwort von Paul Ott und einer Bibliographie Gustav Renkers. Edition Mordstage, Bern 2016, Fr. 19.90.

Buchvernissage am Donnerstag, 21. April 2016, um 19 Uhr im Alpinen Museum Bern. Mit kurzer Lesung aus „Piz Orsalia“ durch Paul Ott, biographischen Ausführungen durch Beatrice Renker (Enkelin von Gustav), Präsentation der „Edition Mordstage“ durch Kurt Stadelmann und Musik vom Walliser Drummer Jonas Imfeld. Anschliessend Apéro im „Las Alps“.

 

Di Schnell

Jede Route hat ihre Geschichte, jeder Kletterer, jede Kletterin erlebt sie anders. Es sind nicht die Griffe und Tritte, die zählen. Es sind die Menschen.

9. April 2016

SAC-Jahrbuch_1988_de-23-1Gestern wieder mal geschafft. «Di Schnell» auf der Galerie ist immer eine Herausforderung – für mich. In neuen Topos ist sie wohl zu recht höher eingestuft als einst: 6c. An der Schlüsselstelle hoch oben gibt’s nichts zu mogeln. Man schafft sie oder schafft sie nicht. Kein Hängen und Hangeln hilft, der letzte Haken will erklettert sein. Und seit der zweitletzte einen halben Meter tiefer gebohrt worden ist, kann man auch schöne Flüge machen. Meine Geschichte beginnt an dieser Stelle, ein kühler Sonntag war’s, viel Volk am Werk. Freunde, Freundinnen, man trifft sie heute nur noch selten hier. Also da hing ich zum ersten Mal und schaffte die Stelle nicht. Eine Express blieb hängen, ich am Boden. Am Boden zerstört. Corinne hatte Erbarmen, kletterte die Route und rettet mein Equipment. Sie war damals gerade im Glarnerland tätig als Lateinlehrerin unserer Tochter. Eine der stärksten Kletterinnen der Szene, hatte einen schweren Kletterunfall im Donautal überlebt.

Manchmal treffe ich sie im Kraftraum, wir plaudern ein bisschen. Corinne trainiert auf dem Laufband für Marathon. Zwischendurch war sie auch mal Airobic-Meisterin. Klettern? Ja, mit ihrem Adoptivsohn in der Halle, sagt sie. Ihr Ehemann ist vor einigen Jahren verstorben, allein zieht sie die zwei adoptierten Kinder auf. Eine kleine, starke, mutige Frau. Vielleicht erwähne ich auch manchmal Die Schnelle und den geretteten Express. Oder wie wir sie einst in San Diego besuchten, nach einer Kletterreise durch die USA, und am Sandstrand vor ihrer Wohnsiedlung im Atlantik badeten,

«Sieht man dich auch wieder mal auf der Galerie?», frage ich. Vielleicht, ja. Dann geht sie nicht zum Laufband, sondern zu einer Stange, macht Aufzüge. Bevor ich gehe, lacht sie mir zu: «Ich schaff noch ein paar.»

Also dann, Wiedersehen. Wie wär’s mit Der Schnellen? Die schafft Corinne bestimmt noch.

(Foto aus dem Jahrbuch SAC 1988. Artikel von Hanspeter Sigrist und Corinne Stutz: Die Rolle der Frau im Bergsteigen und Klettern.)

Am Fünfländerblick

Auch kaltes, nasses Winterwetter hält mich selten in den vier Wänden. Draussen dann ergreifen die Erd- und Wolkenlandschaften die Sinne mit Macht.

7. April 2016

TI_20160303_zumFünfländerblick Auf der Bank am Fünfländerblick sitzend liegt tief unten der Bodensee in voller Breite. Grau ist sein Wasserspiegel wie die Wolken am weiten Himmel, die am Ottenberg, bei Konstanz und hinter dem Gehrenberg bereits herabströmend das Land verwischen. Wind kommt auf. Erkältet bin ich hergewandert und sitze nun schwach, dick eingepackt und esse etwas trockenes Brot. Meine Hände sind eiskalt. Sie fühlen sich an als hätte ich sie grade aus dem grauen, kalten Wasser vor mir gezogen. Da schaudert es mich vor seinem Anblick: Dort liegt zwischen den sanften Wellen der Landschaft eine jedes Lebenslicht löschende, alles eintauchende erfrierende, riesengrosse Masse.

Ich stehe auf und gehe auf die Bank an der anderen Seite wo mich die Kapuze besser schützt. Hier kommt der Wind von hinten. Über Baumkronen und locker hausbestandenen Hügeln bauen sich die Vorarlberger Gipfel auf, die alt bekannten Gesichter. Der Schnee reicht ihnen herab bis in die Wälder und ich sehe wärmende Erinnerungen.

Später, im Steilwald gegen Grub hinab liege ich auf einer Bank und blicke in den grauen Himmel, durchzogen von den unendlich vielen schwarzen Strichen der blätterlosen Buchenkronen, blicke wie durch eine zersprungene, von der Fassung noch gehaltene Glasscheibe, so reglos verharrt auch der dünnste Zweig. Hier ist noch nicht mal ein leises Rauschen von Wind. Man hört das Rascheln der Amseln in den Blättern und dass ein Specht irgendwo in der Nähe auf Nahrungssuche ist. Ich liege und Blicke in die Glasscheibe bis die zahllosen, von Zweigen gefassten Scherben verschwunden sind und mich Tropfen die durch die leer zurückgebliebenen Rahmen auf mein Gesicht fallen aufzustehen zwingen, Tropfen einer kalten, das Land verwischenden, überall herabfallenden Masse.

Alpine Journal & East of the Himalaya

Seit 110 Jahren gibt es den japanischen Alpenclub, seit 153 das älteste Bergsteigerjahrbuch des britischen Alpine Club. Als Gipfelsammler müsste man verzweifeln: alle wird man nie schaffen. Zum Trost zwei Werke zum Lesen, Betrachten, Staunen. Und das Englisch wiedermal auffrischen.

Cover Alpine Journal 2015“We were lucky to reach the heavenly lake called Puma Yumko (4980 m), which is now closed for foreigners. From there, a grand panorama of Kulha Kangri (7538 m) massif and the mountains ranging to south-west on the Bhutan border overwhelmingly inspired us. The north face of the world’s highest unclimbed peak, Gangkar Puensum (7570 m), was glimpsed to south.”

Lesen wir im jüngsten Band des ältesten Bergsteigerjahrbuches der Welt, das der Alpine Club, die älteste Bergsteigerverein, in London herausgibt und das seit der Erstausgabe vom März 1863 den gleichen Untertitel hat: „A record of mountain adventure and scientific observation.“ Genau das bietet uns auch Band Nummer 119 aus dem letzten Jahr. Wie immer zahlreiche Berichte über neue und interessante Bergfahrten, weniger aus den Alpen als von anderswo. Neben den wiederkehrenden Rubriken wie neue Bergliteratur, alte verstorbene Mitglieder und eine Zusammenstellung von bemerkenswerten Neutouren auf der ganzen Welt („Area Notes“) gibt es andere spannende Geschichten zu entdecken. Zum Beispiel zu „Dorothy Pilley and Women’s Mountaineering“, zu „Climbing Lectures from Whymper to Kirkpatrick“ und natürlich auch zu 150 Jahre Erstbesteigung Matterhorn; so werden die verschiedenen Sektionen mit einer historischen Abbildung des Berges der Berge eingeleitet.

Cover East of the HimalayaUnd dann wartet da noch eine schlaue Anleitung zu „Digital Expedition Planning“. Was nun alle lesen sollten, die den Puma Yumko besuchen möchten, wenn er denn wieder offen ist für ausländische Touristen. Ein eisblauer See im Tibet, etwa so gross wie der Neuenburger- und Zürichsee zusammen; von ihm sieht man grossartige Sechs- und Siebentausender, deren Namen uns kaum geläufig sind. Dem 79jährigen Tamotsu Nakamura sind sie es. Er kennt dank zahlreichen Expeditionen die Alpen des Tibets und die Berge östlich davon wie sonst niemand. Nun hat er all sein Wissen, all seine Fotos in einen grossen Band gepackt, in dem man nur staunen kann, wie viele fantastische Gipfel sich auf dieser Welt doch in den blauen Himmel erheben. Tatsächlich ist dieser auf vielen der 540 Fotos nicht verhängt, so dass die Berge gut zu erkennen sind. Zudem hat Nakamura sie teils direkt beschriftet. Mehr noch: Im Buch hat es 74 Karten, ein unverzichtbares Hilfsmittel für diejenigen, die sich in jene ferne Bergwelt aufmachen wollen. Da hat es Weiss-, Bietsch- und Matterhörner, Badiles und Jorasses gletscher- und meilenweit, nur einfach 1000 bis 3000 Meter höher, und etwas umständlicher erreichbar. Mein Lieblingsberg, mehr wegen des Namens als von der Form her, steht in den Qionglai Mountains im Mt. Siguniang Massif: Er ist 5310 Meter hoch und heisst Ding Dang.

The Alpine Journal 2015. The Journal of the Alpine Club. Volume 119. Edited by Susan Jensen & Ed Douglas. The Alpine Club, London 2015. 478 Seiten. Fr. 45.70. Erhältlich in der alpinen Buchhandlung Piz Buch & Berg in Zürich, www.pizbube.ch.

Tamotsu Nakamura: East of the Himalaya. Alps of Tibet & Beyond. Mountain Peak Maps. The Japanese Alpine Club 110th Anniversary Publication. 335 Seiten. Englisch und Japanisch. ISBN 978-4-7795-0994-0. £ 62. Zu bestellen bei: iihon-ippai@nakanishiya.co.jp.

Im extremen Fels

Alle Pause-Extrem-Touren gemacht! Das war für Kletterer einst ein Traumziel wie alle Viertausender für die Alpinen. Da seit einigen Jahren «retro» in ist, hat Panico die Gelegenheit ergriffen und die einstige Modebibel des Extremkletterns neu aufgelegt. Ein paar Griffe sind inzwischen abgebrochen, ein paar Touren ganz abgestürzt, andere noch immer heiss begehrt. Wer sie echt retro begehen will, lässt die Kletterfinken zuhause und holt sich im Brockenhaus ein Paar alte Lowas.

31. März 2016

Cover Im extremen Fels„Dieses Buch der 100 schönsten Kletterführen im extremen Fels der Alpen wurde öfters angekündigt und daher auch mit Spannung, ja mit Ungeduld erwartet. Er ist möglich, daβ es noch zu früh erscheint. Gemessen nämlich an den letzten Wellenschlägen des Aufruhrs, der die letzte oder auch vorletzte Phase in der ‚Erschlieβung der Alpen‘ begleitet hat. Mancher hektische Versuch, komme was wolle doch noch ein ‚Allerletztes im Fels‘ zu produzieren, deutet freilich auf ein absolutes Ende der Entwicklung. Was aber keineswegs bedeutet, daβ das Kreiselspiel um die letzten Wertungen schon zu Ende ist. So oder so, ich für meinen Teil bin froh, aber des Treibens müde!“

So leitete der bekannte deutsche Bergbuchautor Walter Pause (1907–1988) eines seiner vielleicht erfolgreichsten, ganz sicher jedoch gesuchtesten Bücher ein, das bis im letzten Jahr antiquarisch kaum aufzutreiben war, und wenn, dann nur zu saftigem Preis. „Im extremen Fels. 100 Kletterführen in den Alpen“, mit den schwarz-weissen Ansichtsfotos von Jürgen Winkler, erschien erstmals 1970, dann nochmals 1977 – und war seit 45 Jahren Bibel, Leitfaden, Projekt für alle Kletterer und Alpinisten, die es wirklich drauf hatten oder haben wollten. Die 100 extremen Pause-Touren musste man doch gemacht haben, oder wenigstens ein paar von ihnen. Ich konnte leider vor keine ein Gutzeichen setzen, meine Griffweite zum Abhaken waren die Genussklettereien vom „schweren Fels“; dieses Buch schenkte mir Gotte Eva am Palmsonntag 1971 zur Konfirmation.

Nun hat der Panico Alpinverlag den Klassiker von Pause/Winkler neu herausgegeben, mit Winklers messerscharfen Fotos, und mit neuem Text von Christoph Klein, deutscher Extrembergsteiger, katholischer Theologe, Filmemacher und Journalist mit Wohnsitz in der Ostschweiz. Die Übersichtstopos im gedruckten Buch wurden sanft überarbeitet; mit einem Gutscheindcode kriegt man das pdf-eBook mit detaillierten Anstiegsskizzen und weiterführenden Infos.

Da sind sie also wieder, die 100 extremen Touren in den Alpen, von der Nordwestwand des Olan durch die Nordostwand des Pizzo Badile und über den Schweizerpfeiler am Grossen Drusenturm bis zur Westkante der Schartenspitze. Acht Führen wurden gegenüber der Erstauflage ausgetauscht, weil sie wie der Bonattipfeiler am Petit Dru nicht mehr kletterbar oder wie die Nordwestverschneidung an der Cima Su Alto offenbar nicht mehr lohnend sind. Warum aber um Gottes Willen der Rädlergrat am Himmelhorn in den Allgäuer Alpen mit extrem steilen Gras und brüchigem Fels Aufnahme fand, bleibt ein Rätsel. Vielleicht aber deshalb, dass das Wunschziel von 100 gemeisterten Touren niemals in Erfüllung gehen wird. Und wenn wir schon am Kritteln statt Klettern sind: Schade, dass die meisten Vornamen der Erstbesteiger nicht ausgeschrieben sind. So verschwinden auch Kletterinnen wie Paula Wiesinger, die mit ihrem Mann Hans Steger erstmals durch die direkte Ostwand der Rosengartenspitze in den Dolomiten stieg. Ebenfalls nicht gerade charmant, dass Betty Favre, Ernest Favre und Louis-Maurice Henchoz als Erstbegeher des Salbitschijen-Westgrates unterschlagen werden.

Aber das sind Kleinigkeiten einer grossen Bergpublikation. Es ist doch einfach gut, dass das Kultbuch der Alpinkletterszene wieder da ist – greifbar für alle. Und wieder liebäugle ich mit der 480 Meter hohen Nordkante des Fuβstein in den Zillertaler Alpen, mit Schwierigkeit 5- die leichteste Route im Bildbandführer. David Lama kletterte sie in 34 Minuten, inklusive Eintrag im Wandbuch.

Christoph Klein, Jürgen Winkler: Im extremen Fels. 100 legendäre Kletterführen in den Alpen. Panico Alpinverlag, Köngen 2015, Fr. 58.60.

Die Skitour, ein Zeitloser Wert

Auch nachdem man länger nichts dergleichen unternommen hat verspricht ein Ausflug auf den zwei Brettern ins Land der Skihochtour alles was erwartungsgemäss dazugehört. All jenen denen im Alltag nur noch Zeit zum kurzen Träumen bleibt sei also aufmunternd gesagt: Fürs wieder losziehen ist es nie zu spät.

30. März 2016

Silvretta6Ein Bergtermin, drei Tage Anfang März, stand bei uns drei alten Freunden schon lange im Kalender fest. Und dann wurde sogar das Wetter gut, sehr gut: Sonne das Ganze Wochenende, Lawinengefahrenstufe zwei.

Vor der Klostertaler Hütte in der Silvretta genossen wir am Freitagnachmittag die energiegeladene Sonne des verschneiten Hochgebirges, die weiten weissen Hänge aus denen nur vereinzelt Steine schauten und den wolkenlos blaue Himmel, die Stille und die Ruhe, die kraftvolle Strahlung. Solange bis die Sonne versank und uns die Felsgrate hinter die sie schied als den Horizont dunkel beherrschende Zackenreihen ins Bewusstsein rückten, als damit und urplötzlich unter dem fernen blauen Himmel die Kälte des Weltalls aus den Schneeflächen stieg und binnen Minuten das Wasser das grade eben noch von der Dachrinne tropfte in den von uns darunter gestellten Sammeltöpfen gefror. Da flohen wir in die Hütte um einzuheizen, bekamen sie aber nicht so recht warm und fielen Stunden später als es draussen dunkel war in einen fröstelnden Schlaf.

Der nächste Tag begann vielversprechend. Die letzten Sterne verschwanden im hellen, zu allen Horizonten hin in feines Rosa übergehenden Blau des Morgenhimmels, als wir im Schatten die flachen Talhänge anzusteigen begannen. Wenig später bemerkten wir die ersten Schneefahnen am Klostertaler Egghorn und hinten am Gletscherkamm, nahmen sie aber nur wohlwollend als ein das Hochgebirge schmückendes, vom Künstler der Gemälde an die Horizonte drapiertes, dramatisierendes Randelement zur Kenntnis. Hoffnungsvoll interpretierten wir sie schliesslich noch als frühmorgendliches Phänomen das bald einschlafen würde, als uns auf einem Moränenkamm entlang gehend die Böen anfassten, leicht aber eisig. Doch diese Böen wurden mehr. Die zahlreichen Spuren von Gestern, auch die breite Aufstiegsspur der wir folgten, waren alsbald verschwunden denn die Pflugschar des Ostwindes hatte die Schneehänge zu einem weiten Acker scharfkantiger, kurz gehaltener Formen erodiert und ein neues Land geschaffen das unsere Kanten als erste durchschnitten. Die Schneefahnen die die Grate schmückten kamen bald auch in wirbelnden Hosen über die Hänge daher. Für Minuten rissen sie dann an unseren Jacken, umspülten die Beine wie das hinter der Welle ins Meer zurückströmende Wasser, und liessen nach Minuten ohne Sicht Minuten der Stille einkehren die immer auch Minuten der absurden Hoffnung waren, die soeben zurückströmende Welle sei die letzte ihrer Art gewesen. Im Windschatten unter den Felswänden des Grates war der Himmel über uns erfüllt von glitzerndem Sternennebel, leise rieselndem Sonnenschnee, lieblich, wäre er nicht hie und da durchzogen von losgerissenen Harschkrusten die wie Papierfetzen in Wirbeln weit hinauf flogen. Der Gang über den Grat, nun in der Sonne deren Energie in den rhythmisch ein- und aussetzenden Böen auf reine Helle reduziert blieb, glich einem Gang durch eine Traumwelt. Der sonst übliche Westwind hatte grosse Wechten nach Osten vorgebaut, runde und wulstige Bastionen dicht nebeneinander, zwischen denen nur enge Lücken blieben. Durch diese Löcher jagte nun der seltenere Ostwind die Schneefahnen senkrecht in die Höhe so dass ich zwischen ihnen, den anderen um Zehnermeter voran, wie durch eine Allee aus eisigen Geysiren dem Gipfel entgegen schritt. Hier angekommen sah ich vor mir nur einen Wirbel aus Schneekristallen in den ich eintrat, unwillkürlich in die Hocke ging und einem Drang folgend den Karabiner meines Hüftgurtes in das Stahlseil des Gipfelkreuzes klinkte. Auch hier waren es stets nur Minuten, Minuten die, hatte man sie durchstanden von Stille gefolgt waren in der ein friedliches Hochgebirge unter wolkenlosem Himmel weit ausgebreitet lag. Als die beiden anderen den Gipfel erreichten war ich bereits ausgekühlt und wurde ungeduldig als man mich nach Punkten des Panoramas fragte.

Später genossen wir die verbleibenden Stunden des Nachmittags vor der geschützten und besonnten Hüttenwand, plaudernd Stille und Wärme tankend, und schliesslich die Zielgerade der Sonne auf die Sonntagsspitzen genau beobachtend um rechtzeitig vor der, der Nacht um Stunden voraus eilenden Kälte in die Hütte zu gehen, zu heizen und dann tatsächlich einen wärmeren Abend, eine wärmere Nacht zu verbringen.

Silvretta12Der Sonntag war eine Bilderbuch-Skitour. Das Kratzen der Harscheisen auf der hart gefrorenen Aufstiegsspur am schattigen Morgen, der Gang durch die besonnten Hügel zum Litznersattel, der kurze Aufstieg mit den Skiern am Rucksack durch Blockgelände zum Sattelkopf, und vor Allem: kein Wind! Dann die Abfahrt über den Verhupfgletscher durch besten Schnee und weiter zum Vermuntsee. Tausend Höhenmeter über die Hänge hinab wie im Flug, Schwung um Schwung staubte der Schnee. Und was wäre das Ganze ohne die folgenden Bruchharschhänge, die zerfahrenen engen Waldgassen und den im Talschatten noch eisigen Forstweg, hinab bis ins frühlingshafte Partenen. Am Ende waren wir glücklich. Trotz zweijähriger Pause, trotz des bangen Gefühls, trotz des langsamen Schrittes und der schnellen Erschöpfung: Wir können es noch. Hinaus gehen, hinauf und hinab fahren, fliegen.

Drei Falkeneier. Eine Ostergeschichte.

Es war nicht der Osterhase, der die drei Eier in der Höhle hoch in der Kletterwand versteckte. Oggi in stereo, eine Fortsetzungsgeschichte. (Tier- und Vogelschützer bitte nicht weiterlesen!)

28. März 2016

WP_20160318_15_23_37_ProBlicke ich aus dem Fenster beim Schreiben, so sehe ich den Hochkamin der Kehrichtverbrennungsanlage im Hagenholz, Zürich Nord. Im März vor zwei Jahren lag dort ein Wanderfalke tot auf dem Dach beim Hochkamin, vergiftet. Wahrscheinlich von Brieftaubenhaltern, deren wertvollen Schützlingen der Raubvogel an die Kehle ging. Wozu sich aufregen? Tierliebe ist halt relativ.

«Tiere fressen Tiere», sagte letzthin auch unsere Bundesrätin Doris vor laufender Kamera und ihre Kugelaugen blitzten gerade genau so wie jene des Wanderfalken, dem ich vor einen Jahr ins gefiederte Antlitz starrte. Oggi in stereo, man erinnert sich vielleicht. (Doris meinte natürlich nicht Falken und Tauben, sondern Wölfe und Schafe, einerlei.)

Nun, diesen Frühling fehlte der Hinweis «birds eggs! uova di rapace!» am Einstieg, die schöne «Oggi in stereo» endlich wieder frei. Dachte ich.

«Da ist ein Vogel davon geflogen», ruft mir meine Partnerin herauf, aber ich habe jetzt andere Probleme. Die Wand ist steil, doch es geht, es geht. Klimmzug in die Höhle hoch oben. Keine Spur von Nest. Doch als ich mich ein bisschen erholt habe, fällt mein Blick auf drei Eier. Weiss und kugelrund (fast wie die Kugelaugen von Doris). In ordentlichem Dreieck hingelegt auf harten Felsgrund. Ab die Post, denke ich, weiterklettern bevor mich der Krummschnabel mit einer Taube verwechselt und in den Nacken hackt. Inzwischen trage ich Helm beim Klettern, man kann ja nie wissen.

Zwei Wochen später nochmals vor Ort. Inzwischen sind wir schon fast Freunde geworden mit dem geschützten König der Lüfte. Sein Nest kann man auch umklettern, stellen die Cracks des Teams fest, werfen dann doch einen schnellen Blick zu den Eiern, die der sorgende Vater- oder Muttervogel zwischendurch sorgfältig umbettet, so dass sie immer schön an der Sonne liegen, später dann, als es kühler wird, weiter hinten im warmen Grund. Auch Räuber können liebevoll sorgende Eltern sein. Hartnäckig ist er oder sie, scheint sich an die plumpen Kraxler gewöhnt zu haben, die sich da gelegentlich am Nest vorbeiquälen. Auch die Krähen und Elstern vor meinem Fenster fühlen sich im städtischen Getriebe offensichtlich wohl. Ein Wanderfalkenpaar nistete vor wenigen Jahren an einem Hochkamin im Zürcher Industriequartier, online beobachtet durch eine Webcam. Die laut Wikipedia «am weitesten verbreitete Vogelart der Welt» findet sich inzwischen an Hochhäusern und in Industrieanlagen, lässt sich offenbar von Menschen nicht mehr so leicht schrecken. Ein Klettergarten ist demgegenüber geradezu eine Idylle. Menschen fressen zwar auch Tiere, aber Raubvögel und ihre Eier doch eher nicht.

Was geschieht, wenn die Brut unseres Freundes, vielleicht ist es ja auch unsere Freundin, mal schlüpft, würde mich schon interessieren. Möglicherweise klebt vorher doch noch ein vogelschützender Kletterer einen Zettel unten an den Einstieg. Nächsten Frühling werden wir sehen, ob er wiederkommt, der gefiederte Räuber. Falls ihn nicht ein Taubenfreund inzwischen vergiftet hat.