Alpenorte

Mann und Frau, eingeschneit in einer Alphütte. Wie das endet, kann man sich denken. Oder im ersten der beiden vorgestellten Bücher nachlesen. Dass bei Winterferien in den Alpen das Skifahren Nebensache ist, ist bekannt. Es muss ja nicht immer in der Alphütte funken, auch andere Formen alpiner Architektur fördern den Wintergenuss. Details dazu im zweiten Buch.

31. Januar 2015

Cover Ski heilEr sah sie an und hätte sie am liebsten in seine Arme geschlossen, aber er bezwang sich.
„Darf ich fragen, wie Sie geschlafen haben?“
„Na, die Betten im Hotel Engadin Kulm sind ja etwas weicher. Ich glaube, ich fühle meine sämtlichen Knochen, aber geschlafen habe ich trotzdem vorzüglich. Es ist wohl noch fürchterlich früh, daß Sie das kostbare Petroleum wieder verbrennen.“
„Leider nein! Es ist schon fast halb zehn.“
„Dann können wir ja gleich gehen?“
„Auch das nicht. Wir sind regelrecht eingeschneit, und ich kann nicht einmal die Tür öffnen.“
„Herrgott, dann können wir wieder nicht fort?“
„Ich glaube schwerlich, denn es schneit noch immer.“
„Dann müssen wir womöglich bis zum Frühjahr hier bleiben und werden ganz verschüttet? Ja, bis dahin sind wir ja längst tot!“

Werden sie natürlich nicht sein, die Helden in „Ski-Heil! Sportroman“ von Otto von Hermsdorf (alias Otfrid von Hanstein). Das 120-seitige, westentaschengrosse Büchlein erschien als Band 16 der Lipsia-Bücher der Vogel & Vogel G.m.b.H. in Leipzig um 1920. Der Roman, eigentlich mehr eine Erzählung, schildert das halb zufällige Zusammenkommen von Erna von Schuckmann und Victor von Holten in einer tiefverschneiten Oberengadiner Alphütte. Er rettet sie aus dem Schnee – und aus den Ansprüchen eines New Yorkers. Mit einem Smartphone wie heute hätten die beiden wahrscheinlich nicht in der Hütte übernachten müssen. Für Erna & Victor wird sie immer ein besonderer Alpenort bleiben, mehr noch als das Hotel Kulm in St. Moritz.

AlpenorteAlpenorte mit besonderer Architektur stellen Claudia Miller & Hannes Bäuerle in einem gediegen gemachten Bildband vor, auf 184 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Fotos und Plänen. Von Häusern, die seit Generationen im Familienbesitz sind, über modern sanierte Chalets und zu Hotels umgebaute Ställen bis zur einsamen Hütte: So weit reicht das Portfolio der 25 vorgestellten Bauten. Zehn befinden sich in Österreich, neun im Südtirol, vier in Bayern und nur gerade zwei in der Schweiz (das Hotel Piz Tschütta in Vnà im Unterengadin und die Monte-Rosa-Hütte). In „Alpenorte – über Nacht in besonderer Architektur“ geht es aber gerade nicht nur darum – die Autoren erzählen auch von den Geschichten der Betreiber über Entstehung oder Weiterführung des Hauses und vom Leben und den Menschen in den Alpen, jedenfalls an solch vorzüglichen Orten. Wenn man in diesem Buch blättert und sich die wunderbaren Wohnzimmer, heimeligen Schlafkojen, gemütlichen Küchen und sonnigen Balkone anschaut, so möchte man gleich dorthin fahren (ist auch meistens möglich) und ein paar Tage ausspannen. Mit passender Begleitung und Lektüre. Etwas Schneefall darf auch nicht fehlen.

Claudia Miller, Hannes Bäuerle: Alpenorte – über Nacht in besonderer Architektur/Alpine Retreats – unique hotel architecture. Edition Detail, München 2014, 49 €

Davos: Skifahren und Freeride

Skifahren könnte die eben in Davos versammelten Wefpolitiker durchaus zu neuen Ideen beschwingen. Auch in der free Economy regieren bekanntlich Freerider bzw. Abzocker, im Gegensatz zu den stumpf vorgewalzte Pisten hinunter-blochernden Staatswirtschaftern. Auf die Ski also, meine Herren und Damen, statt ins Foyer zum Champagner. Die einschlägige Literatur präsentiert unser Skirezensent hier.

22. Januar 2015

Cover Skifahren Davos„Es gibt in den ganzen Alpen kein berühmteres Ski-Gebiet als das der Landschaft Davos.“

Steht als Motto über dem Führer „Ski-Touren in den Bergen um Davos“ von Hermann Frei und Henry Hoek. Nun könnte man über diese übermütige Behauptung skilängenlang diskutieren, ob nicht Chamonix, Cortina d’Ampezzo, Kitzbühel, St. Anton am Arlberg, Wengen-Grindelwald, Verbier oder Zermatt-Cervinia ebenso berühmte Ski-Gebiete sind. Sicher ist: Weltweit am meisten für Schlagzeilen und Einschaltquoten sorgt alljährlich wieder Davos im Januar. Allerdings weniger wegen des SKI, sondern wegen des WEF. Und das seit 1974.

Hier widmen wir uns aber den Brettern, die gleiten, und nicht dem Parkett, auf dem die Mächtigen der Welt ihre Auftritte hinlegen. 1902 (oder 1903) wurde der Davos English Ski Club gegründet, am 12. Februar 1903 ganz sicher der Ski-Club Davos (SCD). Und dieser publizierte nach dem 21. Januar 1906, als die Parsennhütte eingeweiht wurde, einen der ersten Skitourenführer für ein Gebiet in der Schweiz – ein Publikationsdatum fehlt in der 16-seitigen, postkartengrossen Broschüre „Ski-Fahrten in den Davoser Bergen.“ Grösser, dicker, stabiler sind die „Davoser Skitouren“ von Hermann Frei aus dem Jahre 1919, ebenfalls vom SCD herausgegeben. 1932 kam der Nachfolger von Frei und Hoek heraus. Und nun liegt ein aktuelles Werk vor: „Freeride Guide Davos Klosters“ von Christian Frei, Ruedi Berli und Roger Fischer. Ein kompakter, schenkeltaschentauglicher, clever aufgebauter und gluschtig illustrierter Führer, der die schönsten bekannten und wildtierverträglichen Tiefschneeabfahrten mit Ausgangspunkt ab einer der vielen Bergbahn- oder Skiliftstationen schwungvoll vorstellt, ganz nach Motto „kurz aufsteigen und lang abfahren“.

freeride_umschlag.inddBeim Pischahorn (2980 m) wird unter Positivem zum Beispiel gesagt: „Herrlicher Skitouren-Berg mit wunderbarer Aussicht in alle Himmelsrichtungen. Relativ oft besuchter Gipfel. Die wunderbare lange Abfahrt durchs Mattjisch Tälli ist während der ganzen Wintersaison ein Genuss.“ Unter Negativem steht zu lesen: „Setzt gut Kenntnisse in alpinen Skitouren und genügend Kondition für den Aufstieg voraus. Die Tour nur bei einwandfreier Sicht und guten Verhältnissen in Angriff nehmen. Die Abfahrt entlang der Aufstiegsroute ist nicht lohnenswert.“ Hangneigung, Exposition, Höhenmeter Aufstieg und Abfahrt sind angegeben, Routenfoto und Kartenausschnitte liegen bei. Die Texte sind auch in Englisch, was die Mitglieder des DESC freuen würde. Alles ist da, nur selber er-fahren muss man das Pischahorn noch. Und Schnee sollte es natürlich auch haben.

Und den hat es dort oben, behauptete jedenfalls der Vorvorvorfahrer des Freeride Guide: „Keine Gegend der Schweiz mit Ausnahme vielleicht des Gotthardgebietes hat regelmäβig jeden Winter eine so hohe und lange liegenbleibende Schneedecke als das Davoser Gebiet.“

Christian Frei, Ruedi Berli, Roger Fischer: Freeride Guide Davos Klosters. Verlag Freeride Guide, Grindelwald 2014, Fr. 36.- www.freerideguide.ch

Familiengeschichten

Glück und Unglück im Gebirge. Was für die meisten eine kurze und schnell vergessene Pressenotiz, beschäftigt die Angehörigen ein Leben lang. Oft sind es erst die Enkel, die sich für das Schicksal ihrer Vorfahren interessieren. Ein Glücksfall, wenn sie auf Aufzeichnungen wie die besprochenen zurückgreifen können. Glück, wenn auch oft im Unglück.

15. Januar 2015

A LA PIEUSE
MEMOIRE DE
GASTON SAPIN
DE ROSSENS
TOMBÉ LE 18 AOÛT 1945

Cover Vanil NoirEine Totentafel am Gipfelkreuz des Vanil Noir (2389 m). Ich fotografierte sie am 21. September 2010 bei der Überschreitung des höchsten Berges der Freiburger Alpen. Nicht die einzige solche Tafel. Bereits beim Aufstieg zur Cabane de Bounavaux hängt eine ganz besondere, weil sie nicht allein ein „pieuse mémoire“, ein frommes Andenken an den Verstorbenen sein will, sondern die Unfallschuld den Verunfallten zuschiebt und den Betrachtern gleichsam eine Warnung mit auf den Weg gibt: „Ballade imprudente LIONNEL + OLIVIER Le 3 juin 2001“. Oberhalb der Hütte eine ähnliche Inschrift: „Ici Xavier t’invite à la prudence, ne l’oublie pas. 14.7.1990.“ Und so geht es weiter, eine Tafel auf dem Col de la Bounavalette, eine am kettengesicherten Südflankenweg. Unter derjenigen für Gaston Sapin ist eine Tafel angeschraubt für den bedauernswerten Antoine Robert, „FOUDRAYÉ LE DIMANCHE 28 JUILLET 1946 AU SOMMET DU VANIL NOIR.“

Gut drei Wochen bevor Antoine vom Blitz erschlagen wurde, hatte man Gaston endlich gefunden, nach monatelangen Suchaktionen. Am 18. August 1945 war er nicht nach Rossens zurückgekehrt. Die Hüttenwirtin der Cabane de Bounavaux hatte sein Vorbeigehen in ihrem Journal noch notiert. Dann kein Lebenszeichen mehr. Der Vater kam, zuerst alleine, am nächsten Tag mit einer Rettungskolonne, später mit Freunden, mit Dorfbewohnern – überall suchten sie auf und rund um den Vanil Noir. Gaston Sapin blieb verschollen. Am 4. August 1946 fand man ihn, am Fuss der Nordostwand, zuhinterst im Vallon de Morteys in einer Felsspalte. „La partie du côté du froid avait encore sa peau et ses chairs, le visage enfoui contre le sol était brunâtre et émacié comme celui d’une momie.“

Als ich die Totentafel von Gaston Sapin fotografiert, war es einfach dies. Mehr nicht. Kein Blitz, keine leichtsinnige Tour. Im letzten Oktober aber erhielt ich ein hübsches, postkartengrosses Büchlein von 60 Seiten zugeschickt mit folgender Widmung: „Pour Daniel Anker, ce texte sur une montagne de mémoire, en hommage cordial, C. Reichler.“ Ich begann zu lesen. Wie der junge Mann auf den Vanil Noir steigt und weg bleibt. Wie er gesucht, gefunden, ins Tal gebracht – und wie die Bergungsaktion fotografiert wird. Wie die Mutter vor Trauer ernsthaft erkrankt, bis man ihr im Spital in Freiburg ihren ersten Enkel ins Bett legte, der um Weihnachten im gleichen Spital zur Welt gekommen war. Ein paar Tage später konnte sie gesund nach Hause gehen. „Vous aurez compris que j’étais cet enfant nouveau-né.“

Man hatte es schon auf den ersten Seiten im dichten, packenden Text gespürt, dass der Vanil-Noir-Besteiger eine ganz wichtige Rolle in Leben des Autors Claude Reichler spielte und dies immer noch tut. Er war sein Onkel. Mehr noch: Claude ersetzte sozusagen Gaston. Davon handelt das jüngste Buch des ehemaligen Professors für französische Literatur und für Kulturgeschichte an der Uni Lausanne. Von dieser schwarzen Zinne am Freiburger Horizont – und von der Macht und der Bedeutung der schwarz-weissen Fotos der Bergung, die zu Hause in einer Schachtel aufbewahrt wurden, als Reliquie. Eine Totentafel, eine Fotoschachtel, ein Buch: une montagne de mémoire.

Cover SchwarenbachEnde des letzten Jahres lag nochmals ein rucksacktaugliches Buch im Briefkasten, mit folgender Begleitkarte: „Sehr geehrter Herr Anker. Emil Zopfi hat mich gebeten, Ihnen meine Schwarenbach Erzählung zu senden. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen.“ Das hatte ich. Ruth Spälti-Aellig, seit Jahrzehnten in Glarus wohnhaft, hat ihre Kindheitserinnerungen an Schwarenbach aufgeschrieben. Von 1937 bis 1947 (und dann in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre nochmals) führten Ihre Eltern das traditionsreiche Berghotel am Gemmipass. Das wusste ich nicht. Für mich war Schwarenbach eins mit den Stollers; ich hatte mir gar nie überlegt, dass eine andere Familie dort tätig war. Nun weiss ich es: eben Werner und Martha Aellig. Wie sie zum Berghotel kamen, wie sie nach dem strengen Aufstieg von Kandersteg oben eintrafen, was für Freuden und Leiden so ein Hotelbetrieb gab, an schönen Hochsommerwochenenden genauso wie an trüben Wintertagen – und wie all dies Ruthli erlebte: Das und noch mehr lesen wir im 72-seitigen Erinnerungsbuch. Am besten täte man’s natürlich in Schwarenbach selbst, auf sonnigen, windgeschützten Bänken vor den starken Mauern. Das Restaurant ist offen, das Hotel am 17. Januar auch. Vom 24. Januar bis zum 3. Mai 2015 ist es dann durchgehend geöffnet.

Schwarenbach ist zugänglicher, weniger gefährlich als der Vanil Noir, im Winter sowieso, aber auch im Sommer. Doch an der Gemmi können ebenfalls Unfälle passieren, und die Verunfallten mussten abtransportiert werden. Machte so ein Transport in Schwarenbach Halt, hätte Ruthli im Haus drin bleiben sollen. Aber: „Meine Neugier konnte ich nicht ganz bezähmen. Liess die Plane über dem Kanadier noch den Kopf frei, bedeutete es, dass der Verunglückte noch lebte. Bei einem Toten war die Plane vollständig zugeschnürt.“

Claude Reichler: Vanil Noir. Éditions Zoé, Carouge 2014, collection mini, Fr. 6.-

Ruth Spälti-Aellig: Schwarenbach. Kindheitserinnerungen 1937-1947. Spälti Druck, Glarus 1914, Fr. 17.- Erhältlich in Schwarenbach, in der Bücher-Ecke in Kandersteg sowie in der Buchhandlung Wortreich in Glarus.

Schattenspiele

Gestern im Bisistal.
Alplen (UR), 8. Januar 2015.

9. Januar 2015

alplen

Zauberformel

Ein Blick aufs Schaltzentrum der Macht (zumindest der schweizerischen): Finsteraarhorn, Bundeshaus, Eiger, Mönch und Jungfrau, die fünf Parteien im Bundesrat.
5. Januar 2015.

bundeshaus berner alpen

Jahrbücher

Vor fünfundfünfzig Jahren las ein junger Mann ein paar alte Jahrbücher des SAC. Hingerissen von spannenden Berichten beschloss er, Bergsteiger zu werden. Die SAC-Jahrbücher sind verschwunden, andere haben überlebt, zum Glück, wie unser Rezensent berichtet.

7. Januar 2015

Cover AJ 2014„The settled conditions experienced in the principal Alpine regions during the first week of January 1914 enabled the Italian brothers Angelo and Romano Calegari, accompanied by Gaetano Scotti, to complete a successful expedition on New Year’s Day. Climbing on foot from a bivouac above the Simplon Pass the made the first winter ascent of the Fletschhorn, reaching the summit by way of the Fletschjoch and descending the same route by moonlight.”

So beginnt das Kapitel „One Hundred Years Ago“ im jüngsten Band der ältesten Bergsteiger-Zeitschrift. Seit dem März 1863 erscheint das „Alpine Journal“ des britischen Alpine Club. Volume 1 umfasst die Jahre 1863/64 und ist 448 Seiten schwer. Volume 118 steht für das Jahr 2014: 427 Seiten vollbepackt mit Infos und Fotos, Stories von heute und gestern, spannenden Touren in der ganzen Welt der Berge und Felsen. Die Rubrik „Vor hundert Jahren“ ist immer so lesenswert wie die „Area Notes“, wo wichtige Besteigungen und Begehungen des letzten Jahres aufgelistet sind, im schottischen Eis so gut wie am helvetischen Eiger. Rezensionen von Büchern machen einmal mehr deutlich, dass die Bergliteratur weiter reicht als die zehnte Auflage der „schönsten Höhenwege zwischen Mont Blanc und Matterhorn“ oder die erste Auflage von „Schneeschuhtouren für Spätaufsteher“. Frank Nugents „In Search of Peaks, Passes and Glaciers. Irish Alpine Pioneers“ dürfte so eine lesenswerte und hierzulande unbekannte Neuerscheinung sein. Immerhin setzten Iren ihre Schuhe als Erste auf die Gipfel von Eiger, Weisshorn und auch fast Matterhorn. Kurz: das AJ ist wie immer ein grossartiger Fundus von Wissens- und Lesenswertem. „A record of mountain adventure and scientific observation“ seit über 150 Jahren, wie der Untertitel lautet. Nicht verpassen: das alljährlich wiederkehrende grosse Bergabenteuer von Paul Ramsden und Mick Fowler auf einen gottverlassenen 6000er, diesmal auf den Kishtwar Kailash (6451 m). Für seine pionierhaften Leistungen am Berg erhielt Fowler, Past-President des Alpine Club, 2012 den King Albert Mountain Award, den die King Albert I. Memorial Foundation alle zwei Jahre vergibt. Eine Seite im neuen „Alpine Journal“ stellt diese Stiftung vor, und ihr Präsident Dominik Siegrist fragt sich in einem so klugen wie bedenkenswerten Text: „Who Owns the Mountains?“ Ja, wem gehören sie eigentlich, die Berge? Und können wir mit ihnen machen, was wir wollen? Oder dürfen bzw. sollten.

Titel.inddFragen über Fragen. Sie werden teilweise auch gestellt und beantwortet in einem andern Jahrbuch, das ebenfalls Ende des letztes Jahres erschien, aber im Titel das nächste hat. Das Alpenvereinsjahrbuch BERG 2015, das der Deutsche Alpenverein (DAV), der Oesterreichische Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS) gemeinsam herausgeben. Wie immer eine grosse Themenvielfalt. Der BergWelten-Schwerpunkt gilt diesmal den Zillertaler Alpen. Genau: In diesem südlichen Seitental des Inntales im Tirol warten nicht nur die Schürzenjäger auf Besucher, sondern auch grosse Gipfel wie der Ahornspitz, an dem 1840 mit dem Salzburger Domherr Peter Carl Thurwieser das Bergsteigen begann. Die Thurwieserspitze erhebt sich aber in der westlichen Ortlergruppe. Die Rubrik BergFokus wendet sich den  Auslandsbergfahrten zu, zum Beispiel den wissenschaftlich motivierten Expeditionen der Brüder Schlagintweit. In der Abteilung BergSteigen wird von Lust und Frust des Expeditionsbergsteigens in Alaska berichtet. Neue Wege in der BergKultur beschreitet der Kulturgeograf Werner Bätzing (auch er erhielt den King Albert Mountain Award) mit der Niederösterreichischen Landesausstellung 2015: Im Zentrum steht die Ötscherregion, ein Kleinod in den Nördlichen Kalkalpen. BergWissen bringt die Fakten zu aktuellen Sachthemen auf den Tisch: Wie ist es um die Gletschersituation im Himalaya und Karakorum bestellt? Wie wirken sich Bewegung und Sport neurologisch aus? Und ganz praktisch: Wie ist es um die perfekte Tourenplanung im digitalen Zeitalter bestellt?

Die Wintererstbesteiger des Fletschhorns hatten www.alpenvereinaktiv.com nicht zur Hand. Es dürfte ihnen nicht entgangen sein, dass sich das Fletschhorn von der Saaser Seite eigentlich leichter erreichen lässt als von der Simplonstrasse aus. Am Neujahr 1914 dürften sie aber einfach nur froh gewesen sein, als sie in der Abenddämmerung endlich auf dem damals noch 4001 Meter hoch gemessenen Gipfel standen: „Siamo molto stanchi, ma felici per la conquista invernale della bellissima montagna.“

The Alpine Journal 2014. Volume 118. Edited by Bernard Newman. The Alpine Club, London 2014, Fr. 45.-. Erhältlich in der alpinen Buchhandlung Piz Buch & Berg in Zürich, www.pizbube.ch.

Alpenvereinsjahrbuch BERG 2015. Herausgeber Deutscher Alpenverein (DAV), Oesterreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS); Redaktion Anette Köhler. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2014, € 18,90.

Wer den Bericht über „La prima ascensione invernale del Fletschhorn“ lesen will, findet ihn auf books.google. Und wer mehr zu den Gebrüdern Angelo und Romano Calegari – und auch zu ihrer Schwester Carla – erfahren möchte, schlägt die entsprechende Seite in „Badile – Kathedrale aus Granit“ von Marco Volken auf.

Dürrspitz

Die kleine Skitour zum Jahresbeginn wird zur Reise in die Vergangenheit. Unverhoffte Begegnungen im Jugendland.

2. Januar 2015

Foto0107Gibswil ist nicht mehr Gibswil. Hier stand ich als kleiner Bub, schaute den Dampflokomotiven zu und einmal hob mich der Heizer hinauf und ich durfte ins Feuer schauen. So stellte ich mir die Hölle vor. Heute schaue ich nach dem Aussteigen aus dem Thurbo irritiert um mich: Wo ist der Bahnübergang, über den wir früher ins freie Feld jenseits der Geleise gelangten. Zum Beispiel als Erstklässler, als wir im tiefsten Winter auf die Oberegg stapften. Hansruedi und ich auf unserer ersten «Bergtour» – der ersten von unendlich vielen. Verschwunden. Verschwunden so vieles hier, die Fabrik, die «Bündnerstube», der Schlittel- und Skihang über dem Dorf, die Kiesgrube, die Linde auf dem Böl. Dafür ein unübersichtliches Gewucher von Häusern und Häuschen. Aus dem Fabrikdorf ist ein Schlafdorf geworden, mit S-Bahn-Anschluss.
Wir schultern die Ski. Dann halt Richtung Rad und auf der Strasse zum Lehberg hoch. Die gibt’s noch. Dort oben dann auf eine Spur, ziemlich steil und zum Teil von Schneeschuhen zerstampft. So ist’s hat. Es gibt viele Arten, sich im Schnee zu tummeln und kein Recht auf die reine Spur. Früher waren wir die einzigen auf diesen Hängen, mit Vaters alten Eschenski und noch echten, abgewetzten Seehundsfellen. Der Dürrspitz war sicher meine erste Skitour. Seit Jahren habe ich ihn mir wieder vorgenommen, ist ja so nah und so lawinensicher und die Hänge sind so schön und steil. Und mit OeV gut erreichbar. Mit den Stöcken spüre ich eine Kruste auf dem tiefen Pulverschnee, der auch schon tüchtig verfahren ist. Die genussvolle Abfahrt wird es nicht werden.
Foto0108Auf einer andern Spur fellt bedächtig ein älterer Herr bergan, kennen wir uns? Ja klar, auch nach fünfzig Jahren noch. Erinnerung an wilde Skitouren mit Biwak, an grosse Klettertouren, Bockmattli, Salbitschijen, Calanques. Irgendwann ein Bruch, und irgendwie schwingt das noch immer nach, in den wenigen Sätzen, die wir tauschen. Mach’s gut, e guets Nöis, gueti Ziit.
Die Schweizerfahne auf der Oberegg ist nur noch ein Fetzen, selbst das Kreuz ist weg. Erinnerung an Noldi und die Skihütte, wo wir jeweils einkehrten, auf unseren Dürrspitztouren, Punsch tranken oder Veltliner und jassten. Offensichtlich hat niemand mehr die Verantwortung für die Fahne übernommen – irgendwann werden wohl die zahlreichen SVP-ler der Gegend eine knallige Schweizerfahne made in China aufziehen.
Am Schlusshang die nächsten Bekannten von einst: Pfadifreund Walter mit seiner Frau. Auch mit ihnen ein paar Worte gewechselt. Ein gutes Neues gewünscht. Ich denke, nun fehlt nur noch der Hansruedi K., mit dem ich wohl dutzendemale hier hochgefellt bin damals – wer steht auf dem Gipfel? Es ist, als hätten wir uns alle verabredet, wir alten Herren. Als hätte uns an diesem Neujahr eine unbestimmte Sehnsucht gepackt. Aber es ist ja doch nur ein grosser Zufall – und das Prachtswetter und der seltene Schnee.
Inzwischen haben steigende Nebel die Sicht ins Tal verschluckt – macht nichts. Das Bild von Gibswil in meinem Kopf ist ohnehin ein anderes, es ist das unvergesslich, das Jugendland. Himmel und Hölle.
Am Schluss nach eher schwieriger Abfahrt entdecke ich dann doch noch den alten Bahnübergang, der zwar keiner mehr ist, aber doch noch von einigen benutzt wird – alten Gibswilern wie ich vielleicht.

Schnee, Sonne und Stars

Wer vorn nur schwarz sieht, blickt gern zurück, sagt eine alte Weisheit. St. Moritz sieht heute vorn jedoch nur weiss: es schneit! Trotzdem darf man dank diesem «sonnigen Buch» einen Blick in die Geschichte des Wintersports werfen, der gemäss einer Legende in St. Moritz erfunden worden sei: vor 150 Jahren.

27. Dezember 2014

Cover Schnee, Sonne und Stars„Peter kam es vor, es fliege das Dorf unter ihm weg, sein Dorf, putzlebendig wie ein grosser Ameisenhaufen; die grossen Dachzacken des langgestreckten Kulmhotels reckten sich ihnen wie gierige Zähne entgegen, und der schiefe Turm, den sie umflogen, schien bedenklich zu wanken. Aus dem Palace stieg leise und sacht das goldene Saxophon und babbelte und blubberte göttlich vergnügt vom Dach aus den beiden Fliegern nach.“

Das herzerfrischende Bilderbuch „Des St. Moritzer Peterli wunderbares Skiabenteuer“ von Lü De Giacomi-Didio (Text) und Alois Carigiet (Illustrationen) erschien erstmals 1938 und vor zwanzig Jahren in einer Neuausgabe. Der Flug von Peter über das verschneite St. Moritz mit seinen Grandhotels passt perfekt zum Jahresende, wenn der Tourismushauptort des Engadins mit höchsten Tönen blubbert. Und erst recht in diesem Winter, wenn die Geburt des Wintertourismus in der Schweiz und überhaupt gefeiert wird. „Schweiz – das Winter-Original. Seit 1864“ heisst die neue Kampagne von Schweiz Tourismus.

Kulm-Hotelier Johannes Badrutt, so will es die Legende, schloss 1864 mit englischen Sommergästen eine Wette ab. Der Winter im Engadin sei voller Sonnenschein und viel angenehmer als jener in England. Um dies selbst zu erleben, lade er sie in sein Hotel ein. Sollten sie nicht zufrieden sein, übernehme er auch die Reisekosten. Die Engländer kamen zur Weihnachtszeit – und blieben bis Ostern, glücklich und braungebrannt. Die Namen dieser ersten Wintertouristen in der Schweiz kennt man leider nicht, und ob wirklich der Winter 1864/65, kann auch nicht schwarz auf weiss bestätigt werden. Dafür kennt man die ersten Wintergäste von Davos: Hugo Richter und Friedrich Unger. Am 8. Februar 1865 trafen sie mit dem Pferdeschlitten in Davos ein. Beide litten an Tuberkulose und hatten von den Beobachtungen des Davoser Landschaftsarztes Alexander Spengler gelesen, wonach diese Krankheit bei den Einheimischen nicht auftrete. Die Höhenluft musste also gesund sein.

Luft und Licht, Schnee und Sonne, dazu passende Unterkünfte: Einem Aufenthalt in den winterlichen Bergen aus gesundheitlichen, freizeitlichen oder gesellschaftlichen Gründen stand nichts mehr im Wege. Und schon bald kamen sportliche Gründe hinzu. Nur an der Sonne liegen war etwas für Kränkliche. Aber Gesunde wollen sich bewegen. In Davos entdeckte der Journalist und Historiker John Addington Symonds, der Ende der 1870er Jahre seine kranke Lunge kurierte, die Faszination des Schlittelns als Zeitvertreib. Auf der Strecke zwischen Davos und Klosters organisierte er Wettkämpfe, 1883 gründete er den Davos Toboggan Club.

Engländer importierten ihre Leidenschaft für Spiele und Wettbewerbe: Der Wintersport war geboren. Eislaufen, Eisspiele und Schlittenrennen, aus denen Skeleton- und Bobfahren entstanden, machten den Anfang. Als dann der Skilauf aus Norwegen die mitteleuropäischen Gebirge erreichte, setzte eine Entwicklung ein, welche die Bergwelt völlig umkrempeln sollte. In seinem Buch „Schnee, Sonne und Stars. Wie der Wintertourismus von St. Moritz aus die Alpen erobert hat“ schildern Michael Lütscher und seine Mitautoren die Anfänge des Wintertourismus als „Produkt der ersten Globalisierung im späten 19. Jahrhundert“. Denn die meisten Gäste der Pionierzeit reisten aus der halben Welt in die Schweizer Berge. Das grossformatige, mit tollem Bildmaterial ausgestattete Buch fördert Überraschendes zutage. Etwa, dass Les Avants oberhalb von Montreux die erste Winterstation der Romandie war. Grindelwald und das Berner Oberland, die Waadtländer Höhen, die Zentralschweiz und schliesslich das Wallis folgten. Nach und nach wurde der gesamte Alpen- und Juraraum für den Wintertourismus erschlossen. Das lässt sich nun alles nachlesen und anschauen. Da und dort wird eine Kurve nicht ganz rund gefahren, ein paar Absitzer sind auch nicht zu vermeiden. Trotzdem: Ein sonniges Buch zu 150 Jahre Winter-Tourismus.

Inzwischen hat auch Frau Holle ein Einsehen für dieses gross angelegte Wintermarketing von MySwitzerland.com gehabt und Schnee bis in die Niederungen geschickt. Was da passiert, sagte Hans Morgenthaler in „Ihr Berge. Stimmungsbilder aus einem Bergsteiger-Tagebuch“ von 1916 in zwei Wörtern: „Es schneit.“

Damit wünsche ich Euch gute Fahrt ins Neue Jahr: auf Sohlen, Kufen oder Laufflächen.

Michael Lütscher: Schnee, Sonne und Stars. Wie der Wintertourismus von St. Moritz aus die Alpen erobert hat. Verlag NZZ Libro, Zürich 2014, Fr. 88.– 

Wintersportplakate

Weine nicht, wenn kein Schnee fällt. Es gibt ja auch Abbildungen davon. In Büchern, in Ausstellungen, auf Plakaten von Künstlern wie dem hervorragenden Martin Peikert. Unser Rezensent präsentiert Ideen für schneelose Feiertage.

19. Dezember 2014

Peikert„Martin Peikert ist in erster Linie Reklamekünstler. Er ist Künstler, der in seinen Arbeiten der Reklame wie der Kunst dient. In eigenartiger Weise hält er ein Stück Gegenwartsleben fest: er schildert nicht die dunklen Abgründe, nicht die Problematik, nicht die Angst und Sorge oder das Gedrückte, sondern das Heitere, Festliche, Sonnige. Diese Seite des Lebens hat er aus Veranlagung in seinen Lehr- und Wanderjahren in sich aufgenommen, diese interessiert ihn und diese gestaltet er sicher und ansprechend. Und leuchtet von seinen Plakatwänden nicht etwas Sonne und Festlichkeit dieser Welt, auch auf jene, die ihr ferner stehen?“

So schliesst Josef Mühle seinen Beitrag über den Zuger Reklamekünstler Martin Peikert (1901-1975) im „Zuger Neujahrsblatt“ von 1932. Peikert? Einige von Euch werden den Namen kennen, vielleicht auch schon, schwungvoll geschrieben, auf einem seiner rund 130 Plakate gelesen haben. Und auf den Postkarten, die davon erhältlich sind. Zum Beispiel auf dem Poster für Grindelwald (mit der stürzenden Skifahrerin, 1930), für Wengen und die Männlichen-Bahn (mit der Badenden, 1945), für Lenzerheide-Valbella (mit der vollbusigen Golferin, 1955), für Gstaad (mit der schier senkrecht abfahrenden Schönen, 1946), für die Montreux-Oberland-Bahn (mit der schlafenden Skifahrerin auf dem Chaletdach, 1956; mit der Blondine im Fahrtwind auf dem Waggon, 1957), für Pontresina (mit dem Schlitten fahrenden Paar vor dem Piz Palü, 1950). Immer eine unverkennbare Handschrift. Immer den Grundgedanken, für den das Plakate wirbt, klar und schön und sofort verständlich umgesetzt. Reklame-Kunst vom Feinsten. Ein Plakat müsse „sozusagen ein Verführer sein“, schreibt Mühle. Bei Peikert ist das der Fall, auf seinen Plakaten, in seinen Broschüren auch, die er für Hotels und Tourismusorganisationen schuf. Wer dem Werk von Martin Peikert begegnen möchte, sollte bis Ende Februar des nächsten Jahres nach Martinach in die Mediathek Wallis reisen. Die grossartige Gesamtschau „Signé Peikert“: à ne pas manquer!

Cover Winter SportsNatürlich hat Monsieur Peikert auch seine glanzvollen Auftritte in einem der prächtigsten, gepflegtesten, grössten – und halt auch teuersten Bücher, die ich in diesem Jahr in die Hände bekam und vorstellen konnte. Zu Weihnachten darf man sich ja auch etwas gönnen. Das 215-seitige, 2810 Gramm schwere und 41 x 31 Zentimeter grosse Werk glitzert wie frisch gefallener Schnee unter strahlend blauem Himmel. Und davon könnten wir doch weiss Gott mehr als eine Handvoll brauchen. Jean-Daniel Clerc und Jean-Marc Giroud präsentieren in „Winter Sports in Vintage Poster Art“ schöne und aussergewöhnliche Plakate aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, fein dokumentiert anhand der fünf Themengebiete Aristokratie von Schnee und Eis, Ehre und Ruhm dem Wettkampf, Das goldene Zeitalter, Vorrangstellung des Ski alpin sowie Werbung und Lebensstil. Das Plakat neben dem Inhaltsverzeichnis stammt von – mais bien-sûr: von Martin Peikert. Und zeigt eine gelb gekleidete, kurzärmlige Skiläuferin auf dem Bügellift; nicht ganz alleine, denn auf ihren Schultern hockt ein schwarzes Teufelchen mit roten Skis und spielt auf der Flöte eine verführerische Melodie. Im Hintergrund unverkennbar die Diablerets. Wer möchte da nicht mitfahren. Nun, wir können wenigstens mitblättern, mit den Augen dabei sein, als die Winter noch weiss waren und die Künstler Idealvorstellungen vom Winterurlaub mit Zeichenstift und Tuschekasten in Szene setzten. Ein paar falsche, nämlich sommerliche Poster sind in die Sammlung hineingerutscht, doch wenn sich der Wettergott nicht mehr an die Jahreszeiten hält…

Afghan SkiEin farbiges, fröhliches Buch für die grüne, nasse Weihnachten. Um Kontraste geht es ebenfalls in der neuen, elften Ausstellung im Biwak-Raum des Alpinen Museums in Bern. „Good News aus Afghanistan“ handelt vom Afghan Ski Challenge, einem archaischen Skirennen ohne Liftzubringer und Piste, das seit 2011 jährlich in der wunderschönen Berglandschaft von Bamiyan, Afghanistan, ausgetragen wird. Statt Krieg, Terror und Zerstörung zeigt die Ausstellung Bilder von Spass, Begeisterung und der Hoffnung auf ein normales Leben. Eine Weihnachtsgeschichte der etwas anderen Art. Zu sehen sind unter anderem grossformatige Fotos von einheimischen Kindern und Jugendlichen, die sich mit einfachsten Mitteln Holzskis mit Flipflop-Fusshalterungen basteln, von afghanischen Frauen, die erstmals auf Skis stehen.

Bretter, die die Welt bedeuten (können). Frohe Weihnachten!

Jean-Daniel Clerc, Jean-Marc Giroud: Winter Sports in Vintage Poster Art. Snow, Luxury & Pleasure. Deutsch und Englisch. Braun Publishing, Salenstein 2014, Fr. 109.- Mit dabei ein herausnehmbares Plakat von Andermatt im Format von 48 x 74 cm.

Signé Peikert. Affiches et archives d’un graphiste. Ausstellung in der Mediathek Wallis in Martigny, Avenue de la Gare 15. Bis am 28. Februar 2015, täglich von 13 bis 18 Uhr, ausser 24., 25., 26.. und 31. Dezember sowie 1. Januar.

Good News aus Afghanistan. Das Skiwunder von Bamiyan. Biwak-Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern, 20. Dezember 2014 bis 22. März 2015. Vernissage am Freitag, 19. Dezember 2014, 18.30 Uhr.

ClimbLed – Klettern digital

Im Verdrängungswettbewerb der Kletterhallen sind neue Ideen gefragt. Eine davon ist die elektronische Steuerung des Schwierigkeitsgrades an der Kunstwand. Die Halle «Griffig» in Uster hat die Nase vorn – wir haben geschnuppert.

18. Dezember 2014

IMG_4304Hier hat meine Kletterkarriere begonnen, vor über 50 Jahren. Uster sah damals noch bescheiden aus, machte noch nicht auf Grossstadt. Vom Bahnhöfli die Bahnhofstrasse hinab und dem Fabrikkanal entlang zum Zellweger, das war mein täglicher Weg. Es gab aber damals schon eine Gruppe von wilden Kletterern, denen ich mich anschliessen durfte, so genannt Extremen, und beim Zellweger lernte ich Elektronik. Und nun gibt’s die Kletterhalle, die beides verbindet: Klettern und High-Tech. Ein grauer Klotz draussen im Niemandsland zwischen Spital, Autobahn und Sportplätzen. Eine weite helle Halle, saubere Garderoben, Café, Kinderecke, schöne Routenauswahl und an diesem Mittwochnachmittag mässig belebt.
IMG_4303Und da gibt’s nun eben ClimbLed, eine Wand mit schwarzen Griffen, die mit roten oder grünen Leuchtdioden bestückt sind. An einem Touchscreen kann die Schwierigkeit eingestellt werden, von 5c bis 7a+, und entsprechend leuchten die erlaubten Griffe auf. Es drängt sich gerade eine Gruppe der iPhone-Generation zu den zwei Routen, die elektronisch gesteuerte Kletterwand macht den Jungs und Mädels offenbar Spass. Vielleicht ist das ja die Zukunft: eine ganze Halle so bestückt, würde bestimmt Kosten sparen, das personalintensive Um- und Neuschrauben von Routen würde wegfallen. Auch müsste man nicht mehr anstehen, bis eine Route im gewünschten Grad frei ist, denn wo immer ich anpacke, die Schwierigkeit entspricht exakt meinen individuellen Möglichkeiten und Trainingswünschen. Die Testanlage – so wird ClimbLed offenbar verstanden – ist wohl nur der der erste Schritt der Automatisierung und Digitalisierung des Kunstkletterns. Zukünftig wird selbstverständlich gespeichert, wer welche Route geschafft hat – Sensoren stellen fest, wenn ich einen unerlaubten Griff berühre. Google klettert mit.
IMG_4310Mit Schrittmotorantrieb können sich zukünftig die Griffe auch drehen und so den Grad feintunen. Spätere Technologien werden auch beliebige Strukturen aus einer künstlichen Wand wachsen lassen, ich stelle mir eine Art ultraschnellen 3-D-Drucker vor. Und nicht genug: Ganze Klettergebiete oder jedenfalls Vierstern-Routen lassen sich quasi per Copy-Paste 1:1 abbilden. Heute ist Galerie angesagt, morgen Schillingsflue. Der reale Fels, so ahnen wir, wird allmählich überflüssig. Per Knopfdruck, bzw. Fingertip auf den Touchscreen, ist augenblicklich alles da, wozu real eine lange Anreise und ein mühsamer Zustieg erforderlich ist. Ein Eldorado des Klettersportes also steht in Aussicht. Vielleicht gibt’s dann doch noch ein paar Ewiggestrige, die sich ins reale «Eldorado» am Grimselsee bemühen und dabei ihren ökologischen Fussabdruck strapazieren. Aber vielleicht gibt’s dannzumal dort ja auch ein Steuerpult am Fuss der Wand und eine Reihe von Leuchtdioden bis zum Gipfel.