Grande Traversata delle Alpi

GTA – die grosse Alpentraversierung. Das klingt ein bisschen nach Hannibal, der es zwar nicht vom Monte Rosa bis zum Apennin schaffte. Eine Elefantentour ist es jedenfalls, laut den besprochenen Führer- und Bildbänden. Unser Rezensent sucht übrigens noch Begleiter für seinen Pensioniertentrip. Bitte auf der Redaktion melden! Start in fünf Jahren.

17. September 2014

Lieber Daniel
Herzlichen Dank für die Rezension der GTA-Führer in „Die Alpen“.
Da die Nachfrage nach diesen beiden Führern konstant hoch ist (ca. 1000 Exemplare werden pro Jahr pro Band verkauft), haben wir inzwischen einen Rhythmus von (alternierend) einer Neuauflage pro Jahr – auf diese Weise ist die Aktualität stets gesichert.
Ich lege Dir die 3. Aufl. des Nord-Teils bei. Die 3. Aufl. des Süd-Teils wird gerade gedruckt; ich kann Dir dann gerne ein Exemplar geben. Preis übrigens: DM/sFr. 28.-
Herzliche Grüβe
Werner

Cover Bätzing AlpenSchrieb mir am 6. März 1995 Werner Bätzing, damals noch Professor am Geographischen Institut der Universität Bern an der Hallerstrasse im Berner Länggass-Quartier. Im gleichen Jahr erhielt er einen Ruf an die Universität Erlangen-Nürnberg, an der er bis zu seiner Pensionierung im Sommer 2014 als Professor für Kulturgeographie tätig war. Diese Daten entnehme ich der Festschrift für Werner Bätzing zum 65. Geburtstag, die unter dem Titel „Leben in den Alpen. Verstädterung, Entsiedlung und neue Aufwertungen“ im Frühling 2014 im Haupt Verlag am Falkenplatz im gleichen Berner Quartier erschienen ist. So schliesst sich wieder ein Kreis, oder vielleicht besser: So führt ein Weg ans Ziel. Und der bekannteste von Bätzing ist natürlich die GTA.

Die Grande Traversata delle Alpi verläuft auf der piemontesischen Innenseite des riesigen Westalpenbogens vom Monte Rosa zum Apennin. Die grosse Durchquerung dieser italienischen Alpen führt durch Regionen, in denen wegen des starken Bevölkerungsrückgangs traditionelle Lebens- und Wirtschaftsweisen vom Aussterben bedroht sind. Angepasster (Wander-)Tourismus bremst die weitere Abwanderung; deshalb liegen die Unterkünfte meistens nicht in den Bergen, sondern in den Dörfern. Auch wurde die GTA nicht neu erstellt; sie benützt im Gegenteil Bergbauern- und Almpfade, alte Saumwege und Militärstrassen. Die GTA kann „ein Urlaubserlebnis vermitteln, das heute ziemlich selten geworden ist, nämlich die Entdeckung einer grossartigen hochalpinen Landschaft ohne Massentourismus“: So Bätzing im ersten Vorwort zu seinen GTA-Führern. Sie erschienen erstmals 1986; für die neue Ausgabe im Zürcher Rotpunktverlag im Jahre 2003 hat er sie vollständig überarbeitet. Insbesondere nahm er im Norden einen neuen Zugang aus der Schweiz zur GTA, und im Süden beschrieb er erstmals die Strecke bis ans Mittelmeer. Nufenenpass – Ventimiglia zu Fuss: was für ein Weg! Wer immer ihn ganz oder auch nur teilweise begehen will: Die beiden Bätzing-Führer gehören dazu wie gute Wanderschuhe. Man kann die GTA allerdings auch nur lesen – so spannend schreibt Bätzing über die Berge.

Cover Bildband GTAUnd man kann sie auch nur anschauen. Als erster hatte Eberhard Neubronner 1992 die GTA mit dem Bildbandführer „Der Weg. Vom Monte Rosa zum Mittelmeer“ visuell vorgeführt; die Neuauflage kam 2006 heraus. Nun liegt seit dem 7. März 2014 ein neuer, grandioser Bildband aus dem Rother Verlag vor: „Grande Traversata delle Alpi. Durch die ‚vergessenen‘ Täler des Piemont“ von Iris Kürschner und Dieter Haas. Die beiden haben auch die GTA-Rother Wanderführer verfasst. Aber wer sich so richtig in diese einmalige Weitwanderung einstimmen möchte, sollte zu diesem Bildband greifen. Ich jedenfalls mach das immer wieder. Und nach meiner Pensionierung in genau fünf Jahren starte ich an der Nufenenpassstrasse und trekke 67 Etappen, 900 Kilometer und 62‘000 Höhenmeter weit bis hinunter ans Meer. Wer kommt mit?

Iris Kürschner, Dieter Haas: Grande Traversata delle Alpi. Durch die „vergessenen“ Täler des Piemont. Rother Verlag 2014, Fr. 55.90
Tobias Chilla (Hg.): Leben in den Alpen. Verstädterung, Entsiedlung und neue Aufwertungen. Festschrift für Werner Bätzing zum 65. Geburtstag. Haupt Verlag 2014, Fr. 48.-

Berühmte Seilschaften

In unserem Land gibt es keine Könige, aber mindestens zwei «Könige der Bergführer» – den Walliser Alexander Burgener und den Berner Oberländer Melchior Anderegg, über den eben eine Biografie erschienen ist. Vom Walliser Bergführerkönig ist im ersten der besprochenen Bücher die Rede, und da aller guten Bücher drei sind, ist eines auch noch den Brüdern am Seil gewidmet – familieninterne Demokratie am Berg sozusagen.

12. September 2014

Cordées célèbresOne glorious day at the end of June, 1880, Burgener and I had finished the more important part of our day’s work (crossing the Col Tournanche), and were whiling away the time basking on a warm rock just above the level expanse of the Tiefenmatten glacier. The pipe of peace was wreathing tiny clouds and threads of smoke amongst the overhanging rocks, whilst before us towered the grandest wall the Alps can boast, the huge western face of the Matterhorn. Gradually my attention was riveted by the Col du Lion, and it was brought home to my mind, that no more difficult, circuitous, and inconvenient method of getting from Zermatt to Breuil could possibly be devised than by using this same Col as a pass. I communicated this brilliant and, as I fondly imagined, original idea to Burgener, but he did not immediately respond with the enthusiasm I had anticipated. On the contrary, he told me that many Herren and many guides had been possessed of the same desire, but on closer examination had invariably abandoned it. However, as we discussed a bottle of Bouvier, first one bit and then another of the couloir was pronounced practicable, and by the time Burgener had indulged in a final and prolonged pull at the brandy flask, to obviate any ill effects that well-shaken Bouvier might cause in the human system, he decided that, “Es geht gewiss,” provided, firstly, that we could get into the couloir at the bottom, and secondly, that we could get out of it at the top.

„Es geht gewiss“: Einer der bekannteren und (kürzeren) Sprüche in der Geschichte des Alpinismus. Ausgesprochen und aufgeschrieben von zwei der berühmtesten Alpinisten: vom Walliser Alexander Burgener, König der Bergführer, und vom Engländer Albert Frederick Mummery, Autor des Klassikers „My Climbs in the Alps and Caucaus“. Die ersten drei Kapitel schildern die erste Begehung des Zmuttgrates am Matterhorn am 3. September 1879, die erste Ersteigung des Furggengrates am gleichen Berg bis unterhalb des Gipfelkopfes am 19. Juli 1880, und eben die erste Traversierung des Colle del Leone auf der Westseite des Matterhorns am 6. Juli 1880. Dieser Übergang von Zermatt nach Breuil-Cervinia, von Mummery als der schwierigste, umständlichste und unbequemste beschrieben, war genau so und hätte den beiden mutigen, wegen des getrunkenen Bouvier vielleicht auch übermutigen Bergsteigern fast das Genick gebrochen. Sie kamen zwar ohne grössere Probleme unten hinein in das gewundene und steinschlägige Couloir, aber oben fast nicht mehr heraus. Wer mit Burgener und Mummery dort lesend mitklettert, spürt, wie gefährlich nahe das vorzeitige Ende der höchst erfolgreichen Seilschaft war.

Mit Burgener-Mummery beginnt ein neues alpinistisches Geschichtsbuch: „Insieme in vetta. Le cordate famose e le loro imprese“, nun auch auf Französisch als „Cordées célèbres“ erhältlich. Die Autorenschaft Alessandro Gogna und Alessandra Raggio hat 20 berühmte Seilschaften und ihre Meisterleistungen ausgewählt, von einst bis heute, also bis zu den immer noch aktiven Heinz Mariacher und Luisa Iovane sowie Alexander und Thomas Huber. Spannende und auch spannungsreiche Touren werden aufgerollt, glücklich und tragisch verlaufene. Von den insgesamt 42 nur mit Text und ohne Bilder vorgestellten Alpinisten sind bloss drei Frauen, und eine rein weibliche Seilschaft sucht man bzw. frau leider vergeblich. Dabei gab (und gibt) es das durchaus, zum Beispiel Alice Damesme und Miriam O’Brien, die 1929 als erste „cordée féminine“ den Grépon traversierten und 1932 das Matterhorn bestiegen.

Brüder am SeilSchon schwieriger wäre es für das Duo Katja Solderer & Clemens Kratzer gewesen, berühmte Schwestern, ja wenigstens Geschwister am Seil zu finden. So heisst denn ihr alpinistischer Porträtband „Brüder am Seil“. Anhand aktueller und historischer Beispiele berichten die Autoren in Interviews, Reportagen und Porträts über Erfolge und Misserfolge, Motivationen und gemeinsame Pläne, aber auch über den schmerzlichen Verlust eines Bruders. Folgende Brüder-Seilschaften werden vorgestellt: Hermann, Adolph und Robert Schlagintweit; Markus und Georg Kronthaler; Otto und Emil Zsigmondy; Sean und Timmy O’Neill; Andreas und Christian Bindhammer; Claude und Yves Remy; Franz und Toni Schmid; Nicolas und Olivier Favresse; Johann und Michael Innerkofler; Martin und Florian Riegler; Eneko und Iker Pou; Willy Merkl und Karl Maria Herrligkoffer; Thomas und Alexander Huber; Reinhold und Günther Messner.

AndereggUnd wenn von berühmten Seilschaften die Rede ist: Druckfrisch ist das Buch „Pionier und Gentleman der Alpen“ von Natascha Knecht. Sie schildert Leben und Erfolge des Meiringener Bergführers Melchior Anderegg, einer der ganz grossen Figuren des sogenannten Goldenen Zeitalters des Alpinismus und der Jahre danach. Lieblings- und einziger Führer von Lucy Walker; an seinem Seil besteigt sie beispielsweise Eiger, Matterhorn und Aiguille Verte als erste Frau. Auf die Frage, warum sie nicht heirate, antwortete die Pionierin des Frauenalpinismus: „Ich liebe die Berge und Melchior – aber der hat schon eine Frau!“ Mit Leslie Stephen, Autor des wegweisenden Buches „Playground of Europe“, bildete Anderegg eine der schlagkräftigsten Seilschaften, die es je gab; die Erstbesteigungen so grandioser Gipfel wie Rimpfischhorn, Alphubel, Blümlisalphorn, Monte della Disgrazia und Zinalrothorn zeugen davon. Und so wie von Burgener ein berühmter Satz überliefert ist, gibt es einen solchen auch von Anderegg. Unter einem gefährlichen Couloir sagte einer seiner Gäste: „Es geht!“. Antwort von Melchior: „Ja Herr, es geht, aber ich gehe nicht!“

Alessandro Gogna, Alessandra Raggio: Cordées célèbres. Éditions Glénat, Grenoble 2014, Fr. 33.80.

Katja Solderer, Clemens Kratzer: Brüder am Seil. Dramen, Erfolge, Geschichten. Edition Raetia, Bozen 2014, Fr. 26.20.

Natascha Knecht: Pionier und Gentleman der Alpen. Das Leben der Bergführerlegende Melchior Anderegg (1828-1914) und die Blütezeit der Erstbesteigungen in der Schweiz. Limmat Verlag, 2014, Fr. 36.-

Grosses Fest am Samstag, 13. September 2014, ab 15 Uhr auf dem Casinoplatz in Meiringen: Einweihung der durch die einheimische Künstlerin Clarissa Kessler geschaffenen Statue von Bergführer Melchior Anderegg und seinem englischen Lieblingsgast Leslie Stephen. Grussworte verschiedene Redner, unter anderem von Adolf Ogi. Buchvernissage von „Pionier und Gentleman der Alpen“. Im Kirchgemeindehaus wird ein riesiger Anderegg-Stammbaum mit über 1500 Familienangehörigen ausgestellt. Im gleichen Raum ist eine Lichtbildershow zu sehen, die den Arbeitsplatz eines Bergführers bildlich darstellt. Noch bis zum 12. Oktober 2014 im Hasli-Museum Meiringen: Sonderausstellung zum 100. Todestag von Melchior Anderegg.

Am Villigerpfeiler

Es war eine der Traumrouten meiner Generation, gefürchtet, lange nicht wiederholt. Dann ein grosser Klassiker. Heute nur noch selten begangen. Bericht von einem Tag im Glück. (Fotos Robert Steiner)

10. September 2014

Emil_Villigerpfeiler (5 von 33)Die Nacht in der Hütte war die Hölle. Kein Schlaf, immer wieder auf die Uhr geschaut, hinaus ins Mondlicht gewankt, zur Toilette, in den Seidensack gekrochen, geschwitzt, auf die Uhr geschaut, viel zu früh aufgestanden, verschwitzt und erschöpft. Das Frühstück lustlos hinutergewürgt. Und immer wieder der Gedanke: Welcher Teufel hat dich geritten, in deinem Alter nochmals so eine Tour anzupacken? Ich kenne sie ja, 1967 Jahren kletterten ich mit Hansruedi Horisberger den Villigerpfeiler, mit Holzkeilen und schlechten Haken, viele auch selbst geschlagen, 1986 dann mit Ueli Dubach im neuen Stil mit Kletterfinken, Klemmkeilen und Friends. Ich sehe die Stelle vor mir, wo ich stürzte, kopfüber im Seil hing. Ich habe Angst. Doch Robert Steiner strahlt Ruhe und Zuversicht aus. Der Freund ist halb so alt wie ich, aber unendlich erfahrener am Berg, seine aussergewöhnlichen und dramatischen Erlebnisse füllen spannende Bücher: «Selig, wer in Träumen stirbt», «Stoneman», «Allein unter Russen» (alle Panico-Verlag).
Emil_Villigerpfeiler (9 von 33)Der Himmel ist bedeckt, wir marschieren los, mit Stirnlampen. Dann glimmt erstes Licht auf im Osten, Morgenrot. Regentropfen im Gesicht. Robert pickelt Stufen über den harten Schneekegel am Fuss des Pfeilers, ich komme am Seil nach, vergesse in der Aufregung den Fotoapparat bei den Rucksäcken auf der Moräne, beim zweiten Mal den kleinen Wandrucksack, klettere also die erste Länge dreimal. Dann gehts’s los in die erste grosse Verschneidung.
Emil_Villigerpfeiler (15 von 33)Hüttenwart Hans Berger hatte uns am Abend so richtig eingeheizt: Der Villiger werde nur noch selten geklettert. Saniert vor zwanzig Jahren, nicht immer sinnvoll, schlecht gesetzte Bohrhaken hätten sich gelöst. Der berüchtigten glatte Kamin sei auch kein Klettergenuss. Er liebe die Route eigentlich nicht. Dabei schreibt er in seinem kleinen Salbit-Führer: «Die Traumkletterei im Salbitgebiet schlechthin. Galt lange Zeit als Markstein für jeden Extremkletterer. Trotz der perfekten Absicherung bleibt diese Tour auch heute noch ein schwieriges und langes Unternehmen.»
Emil_Villigerpfeiler (20 von 33)Robert führt, anstrengende Piazrisse, Platten, ein Überhang. Ich staune wie schnell und sicher er Friends und Keile legt, wie effizient er am Stand das Material übernimmt, umhängt, gleich wieder weiterklettert. Ich komme mir dabei manchmal etwas unbeholfen vor, halte mich auch schamlos an den Expressschlingen. Heute ist rotpunkt kein Thema. Schnell müssen wir sein, es ist kalt, Nebel werden von scharfem Wind die Wand hochgetrieben, lagern sich um den Gipfel. Gelegentlich ein heller Fleck am Himmel, eine fahle Sonnenscheibe, dann wieder dickes feuchtes Gewölk. Gern lasse ich Robert weiter den Vortritt, auch an der Schüsselseillänge, wo ich meinen spektakulären Sturz tat. Plattenkletterei, dann die abdrängenden Risse und der Kamin. Da hat auch mein versierter Führer etwas zu beissen, ich folge im Stil A0, wie man sagt, kann den berüchtigten Kamin dann auf seinen Rat hin in Piaztechnik klettern.
Emil_Villigerpfeiler (24 von 33)«Wie seid ihr da früher nur hochgekommen», sagt Robert einmal. Eigentlich frage ich mich das auch, erinnere mich kaum mehr an Details. Viele Holzkeile wohl, Felshaken in verschieden Formen, kurze Strickleitern. 1962, drei Jahre nach der Erstbegehung trafen wir Fritz Villiger in der Sciorahütte. Die Route, die er mit Kurt Grüter eröffnet hatte, war noch nie wiederholt worden. Von einem Stand an Holzkeilen ging das Gerücht, ein Alptraum. «Ihr seid Jung, ihr schafft das», meinte Fritz. Drei Anläufe brauchte es, bis ich einen Meter unter dem Gipfel den letzten Haken in eine Ritze treiben konnte. Es begann gerade zu regnen. Und auch jetzt sieht es danach aus. Also weiter die Risse hoch in Piaztechnik, der Fels wird seltsam sandig, feucht, die Kletterfinken rutschen dauernd ab. Eigenartig eigentlich, dieser bröselige Fels. Ob es wegen dem nasse Sommer ist oder der Tatsache, dass hier nur noch selten jemand klettert? Das ständige Rutschen macht uns beide unsicher.
Emil_Villigerpfeiler (25 von 33)Trotzdem ermutigt mich Robert, eine Seillänge vorzusteigen, links am grossen Überhang vorbei. Die Stelle sieht von unten fast unmöglich aus, gelber Fels, aus der Nähe aber einigermassen griffig. Ich spreize hoch, turne um die Kante, dann folgen Schuppen, die gut zu klettern wären, wenn nicht alles so feucht und rutschig wäre. Die Hakenabstände sind unendlich weit, so scheint mir, ich lege schlechte Friends und erreiche endlich einen Muniring. Und nun beginnt es zu regnen. Die nassen rutschigen Platten sind uns zu riskant zum Klettern, so verzichten wir auf die letzten zwei Seillängen, seilen uns ab.
Emil_Villigerpfeiler (32 von 33)Unten auf der Moräne machen wir Rast, essen und trinken, die Sonne wärmt uns und mit der Zeit verschwinden die letzten Nebelschwaden vom Gipfel. Trotzdem: ein Augenblick des Glücks, des Abschieds. Fotos und ein Selfie zur Erinnerung und ein Handyanruf nach Hause.
Emil_Villigerpfeiler (29 von 33)

Kronleuchter vor der Jungfrau

Der alpine Hoteltourismus befindet sich nach diesem Sommer wieder mal im Jammertal, wie man liest. Zu teuer, zu wenig Event, zu veraltet, zu hoher Frankenkurs ect. Ein Blick in die Geschichte von Mürren kann versöhnlich stimmen: Sonnenterrasse und das Panorama der Jungfrau kann kein Grossinvestor herbeizaubern.

9. September 2014

Kronleuchter Jungfrau„Mürren, oberhalb des Felswände des Lauterbrunnentals wie auf einem Polsterstuhl an der Sonne liegend, ist ein aristokratischer Kurort, der den spanischen Exkönig und Persönlichkeiten wie Lord Lytten, ferner Tennismeister und Eiskunstläufer zu seinen Gästen zählt. Er hat besonders im Winter viel Betrieb, die Skischule ist im Pensionspreis inbegriffen. Das Arlberg-Kandahar-Skirennen ist in den ungeraden Jahren das gröβte sportliche Ereignis. Der Zweckbau hat sich hier in Gestalt eines Hotels Edelweiβ in alpiner Landschaft angesiedelt. Arnold Lunn, der Ski-Vater und Erfinder des Slalom-Abfahrtsrennen, wohnt hier.“

So beschreibt Hans Rudolf Schmid im Reiseführer „Das Buch von der Schweiz, Nord und West. Was nicht im ‚Baedeker‘ steht“, den er zusammen mit Annemarie Schwarzenbach 1933 veröffentlichte, kurz und bündig Mürren im Berner Oberland. Einer der traditionsreichsten Höhenkurorte der Schweiz, von den Reiseschriftstellern, Malern, Fotografen und Touristen um die Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt und dann weit über Jungfrau, Mönch und Schilthorn hinaus bekannt geworden, als eben der Skilauf so richtig in Fahrt kam.

„The combined effect of Mauler champagne, moonlight and powder snow was superb“, erinnerte sich Arnold Lunn (1888-1974) im Buch „The Kandahar Story“. Es waren britische Kriegsgefangene, die im Ersten Weltkrieg in Mürren stationiert waren und in Winternächten die Mischung aus Maulersekt aus dem Val de Travers, Vollmond und Pulverschnee ausprobierten, insbesondere auf einem Hügel nördlich des Allmendhubels. Dass die Offiziere gerade in Mürren einen so exquisiten Zwangsaufenthalt verbringen mussten bzw. durften, ist dem Vater von Arnold Lunn zu verdanken. Der Tennis- und Reiseunternehmer Henry Lunn hatte 1911 Mürren für seine erste Ski Package Tour ausgesucht. Selbst fuhr er nicht Ski, aber er wusste, wie seine Landsleute die Skiferien verbringen wollten; er mietete das Palace Hotel und überzeugte die Bahngesellschaft, die Züge auch im Winter von Lauterbrunnen nach Mürren fahren zu lassen. Und so erhielt Mürren einen englischen Touch; am Schiltgrat gab es plötzlich eine „Hindenburg Line“, die Mittelstation Winteregg der Höhenbahn von der Grütschalp nach Mürren hiess auf einmal „Half-way House“, eine versteckte Talmulde oberhalb davon wurde zum „Hidden Valley“. Geblieben ist bis heute der Maulerhubel. Peter Lunn hat die Asche seines Vaters auf dessen Wunsch hin auf dem Hubel ausgestreut.

Heute berühmter als der Maulerhubel ist der Piz Gloria, wo Filmheld James Bond im Geheimdienst Ihrer Majestät Häscher und Häschen aufs Kreuz legte. Ausserhalb der Film- und Tourismusbranche kennt man diesen Gipfel auch als Schilthorn. Seine Eroberung zu Fuss, mit Ski und schliesslich mit der Seilbahn ist ein Aspekt eines üppig illustrierten, umfassend dokumentierten und rund lesbaren Bildbandes zur Tourismusgeschichte von Mürren. Herausgeber Patrick Feuz, Historiker, Bundeshaus-Korrespondent für „Tages-Anzeiger“ und „Der Bund“, designierter „Bund“-Chefredaktor sowie Autor einer Biografie des Schokoladefabrikanten Theodor Tobler, hat zusammen mit  Sarah Nowotny, Roland Flückiger-Seiler und Daniel Di Falco ein in jeder Hinsicht gewichtiges Werk geschaffen. Es zeigt exemplarisch den so verheissungsvollen wie steinigen Werdegang eines Bergbauerndorfes zu einem Kurort; zeigt, wie, Pläne, Prachtsbauten, Beziehungen entstehen und zerfallen; zeigt, wie das Bild von Mürren entstanden ist, ja, wie der Polsterstuhl gegenüber der Jungfrau selbst zu einem Bild geworden ist.

Patrick Feuz (Hrsg.): Kronleuchter vor der Jungfrau. Mürren – eine Tourismusgeschichte. Mit Beiträgen von Patrick Feuz, Roland Flückiger-Seiler, Sarah Nowotny und Daniel Di Falco. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2014, Fr. 69.-

Donnerstag, 11. September, 18.30: Lesung mit Patrick Feuz zu seinem „Kronleuchter vor der Jungfrau“, Alpines Museum der Schweiz in Bern, „BücherBerge“ im Herbst 2014. Kosten Fr. 12.–, Reservation: 031 350 04 41 oder shop@alpinesmuseum.ch.

Und wieder neigt sich ein Sommer dem Ende zu

Auch die Schafe kehren ins Tal zurück. Dass der Sommer so trüb war, stand ihnen aber nicht ins Gesicht geschrieben.
Belalp, 30. August 2014.

1. September 2014

belalp

Es wurde Zeit

Die magische Grenze liegt bei Bergsteigern bei viertausend Metern. Es gibt zwar Berge, die tiefer liegen und durchaus attraktiver sind. Aber das können sie uns noch lange versuchen klarzumachen.

© Annette Frommherz

Alphubel 08 2014 (53)

Ich war kurzatmiger als in tieferen Lagen. Unter uns lag still der Gletscher und liess sich von meiner Stirnlampe beleuchten. Fünf Uhr morgens, seit einer Stunde waren wir unterwegs Richtung Alphubel. In der kurzen Nacht hatte ich kaum ein Auge zugemacht, denn die Herren der Schöpfung hatten sich in durchdringendem Schnarchen gemessen. Aber Berghütten sind ja nicht zum Schlafen da, nur zum Übernachten.
Es wurde Zeit mit meinem ersten Viertausender. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann wehe. Ich wusste, ich würde mir selber nicht nachgeben und das Objekt der Begierde noch vor meinem runden Geburtstag besteigen. Alphubel 08 2014 (61)So hatte ich es mit mir ausgemacht. Das Wallis gibt eine anständige Auswahl an Viertausendern her, sodass uns die Wahl nicht leicht gefallen war. Wir entschieden uns für den Alphubel, von der Täschhütte her über den Südostgrat, die „Eisnase“ hinauf. Von diesem Berg aus, so wurde mir versprochen, könne das Matterhorn in seiner ganzen Pracht bestaunt werden – schönes Wetter vorausgesetzt. Die Wolken spielten ein bisschen Verstecken. Mal hüllten sie den Prachtsberg in ein weisses Röckchen, mal legten sie sich als Schleier um den Gipfel, so, als wollten sie uns necken.
Embrüff, auf Walliser Deutsch „hinauf“, geht es Tausendfünfhundert Höhenmeter bis zum Gipfel des Alphubels. Dorthin, auf 4‘207 müM, gelangten wir die letzten hundert Meter durch dichten Nebel. Alphubel 08 2014 (66)
Wir vermissten das Gipfelkreuz, obwohl ich gut und gerne auf Kreuze verzichten mag. Es liege unter unseren Füssen unter dem Schnee, sagte uns der Bergführer, der seinen Gast auf dessen siebzigsten Viertausender hinaufgeführt hatte. Ich beglückwünschte ihn zu seinem Rekord, er gratulierte mir zu meinem ersten Viertausender. Mein Glücksgefühl hielt sich in Grenzen, als ich mich in der Kälte hinsetzte und aus meiner Guttra heissen Tee trank. Irgendwie hatte ich mir mein Ziel grandioser, bemerkenswerter und herausfordernder vorgestellt.
Alphubel 08 2014 (77)Die Kälte und der Nebel liessen uns nicht lange auf dem Gipfel weilen. Als wir abstiegen, unseren Berg von der anderen Seite her umrundeten und zum Alphubeljoch gelangten, wurde uns doch noch der volle Blick aufs Matterhorn geschenkt. Diese leicht geknickte Spitze, diese mächtigen Flanken, diese steilen Grate! Einhundertneunundvierzig Jahre sind es her, seit erstmals die Besteigung des Berges gelang. Ein Einheimischer sagte uns später, das Matterhorn entfalte seine Schönheit nur auf Schweizer Seite. Von der italienischen Seite her sei ds‘ Horu, wie die Walliser es liebevoll nennen, nur ein unbedeutender Tschugge, ein Felsen. Stolz sind sie, die Walliser.Alphubel 08 2014 (127)
Als wir uns vom Alpentaxi nach Täsch bringen liessen, sog ich nochmals mit allen Sinnen die Alpenwelt ein. Meine innere Stimme sagte: In diese Gegend müssen wir mal wieder. Die vertraute Stimme neben mir sagte: «In diese Gegend müssen wir wieder mal. Hier gibt es noch viel zu tun.»

Pilatus

Pilatus, der Berg. Einmal im Leben solle man ihn bestiegen haben, oder befahren mit der Zahnradbahn, die seit 125 Jahren Gäste auf die felsigen Höhen befördert. Gelegentlich werden dort oben sogar Einheimische gesichtet. Zum Beispiel Fotografen und Autorinnen für die besprochenen Bücher.

29. August 2014

Layout 1„Die steilste Zahnradbahn der Welt, eine noch luftigere Seilbahn, schmucke Hotels und beliebte Restaurants, Wanderwege unterschiedlicher Schwierigkeit, Aussichtsterrassen und Freizeitanlagen haben den Pilatus längst zu einem der beliebtesten und vielfältigsten Ausflugsziele der Zentralschweiz gemacht – zu einem Ausflugsziel, der Besucher aus fernen Ländern ebenso anzieht wie Leute aus der näheren Umgebung. Selbst Sportkletterer, Gleitschirmflieger und Extremskifahrer können hier, vor den Toren Luzerns und hoch über dem Vierwaldstättersee, ihren Leidenschaften frönen. Wie kaum ein anderer Berg in der Schweiz bietet der Pilatus eine prächtige Kulisse für die unterschiedlichsten Formen der Naturerfahrung.“

Schreibt Marco Volken in der Einleitung zum Bildband, den er zusammen mit Caroline Fink und Peter Krebs zum 125. Jubiläum der Zahnradbahn auf den Luzerner Hausberg am Lake Lucerne im Zürcher AS Verlag geschaffen hat. Fast alle Farbfotos sind von Volken: starke, romantische, ungewöhnliche, eisenbahntechnisch genaue Fotos. Einfach so vielfältig wie der Berg selbst. Wer wie ich – es sei hiermit zugegeben – noch nie auf dem Pilatus war, kennt ihn nun ziemlich gut, auch wegen der wohlinformierten und -formulierten Texte sowie der alten Schwarzweissbilder und bunten Plakate. Gleichzeitig verwandelt dieses Buch den bisherigen Gedanken, man sollte vielleicht einmal im Leben den Pilatus besuchen, in den brennenden Wunsch, dies gleich zu tun. Und zwar beim ersten schönen Tag, für den der Wetterbericht halbwegs blauen Himmel von morgens bis abends verspricht. Wenn’s dann trotzdem zu regnen oder zu schneien beginnt, ist’s nicht weiter schlimm: Wir ziehen das Buch aus der Reisetasche und lesen und schauen. Heimatkunde im besten Sinne, auf 1632 Meter über dem Vierwaldstättermeer. Oder zuhause natürlich.

Zentralschweizer Voralpen NESportkletterer, die nun genau wissen wollen, wie schwer die Routen am Esel sind, am zweithöchsten, von der Zahnradstrecke durchbohrten Gipfel des Pilatus, finden im neuen SAC-Kletterführer „Zentralschweizer Voralpen Nordost“ von Urs Lötscher alle nötigen Infos. Im Sektor Eselei beispielsweise sind 13 Routen zu klettern, vom Sancho Paso über den Goldesel bis zu Esel reck dich! Am Matthorn, an dessen Ostfuss die rote Bahn vorbeirattert, warten Routen mit so unterschiedlichen Namen wie Ochsetuur und Eigerblick, Paradies und Schrott, Sommer in Korsika und Wettermacher.

Wie gerade Wolken aber der Landschaft zu zauberhaftem Licht verhelfen, zeigt der Fotograf Armin Grässl in seinem postkartengrossen Buch „Best of Lake Lucerne“. Darin spielt der Pilatus eine Hauptrolle – of course.

Lake LucernePilatus also. Wer nun seine Flugzeuge fliegen sehen will, wandert am letzten August- und am ersten September-Wochenende nach Payerne an die Air14. Mit dieser Veranstaltung feiert die Schweizer Flugwaffe ihr hundertjähriges Bestehen. Mit in der Luft zum Beispiel das Trainingsflugzeug P-2 der Pilatus Flugzeugwerke AG, das am 27. April 1945 erstmals am Fusse des Pilatus abhob.
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Marco Volken, Peter Krebs, Caroline Fink: Erlebnis Pilatusbahn. Die steilste Zahnradbahn der Welt. Pilatus Railway Experience. The world’s steepest cogwheel railway. AS Verlag, Zürich 2014, Fr. 58.-

Urs Lötscher: Kletterführer Zentralschweizer Voralpen Nordost. Wägital/Mythengebiet/Morschach-Muotatal/Bisistal/Rigi/Pilatus. SAC Verlag, Bern 2014, Fr. 59.-

Armin Grässl: Best of Lake Lucerne. Till Schaap Edition, Bern 2014, Fr. 25.-

Trämul im Trämel

Klettern macht jung und vielleicht werden wir dabei wieder zum Kind. Ach, das Wallis, mit all diesen Erinnerungen. Den schönen, den traurigen.

28. August 2014

Traemul_chmoserDer Himmel ist nicht so blau wie auf dem Bild (das aus dem Internet abgekupfert ist), grau ist er, obwohl von meteoschweiz blau versprochen. Aber das kennen wir ja diesen Sommer und so stören uns auch die paar Tropfen nicht, die uns ins Gesicht fallen beim Sichern. Der Fels ist so rauh, dass ein bisschen Nässe nicht stört, es ist eigentlich der schönste Fels, den man sich zum Klettern träumen kann. Walliser Gneis, rotbraun, auch schön in der Farbe. Nur ein bisschen mit Magnesia bestäubt und die wichtigen Griffe mit weissem Magnesiapunkt markiert. Eigentlich eine Unsitte, dieses Markieren, denn so klettert man fast wie in der Halle. Immer auf Farbe weiss. Manchmal hilft’s ja auch. Und die Route lohnt sich allemal, Trämul, ein Mega-Klassiker gewiss. Warum die Route im Oberwalliser Kletterführer mit u geschrieben ist, das Gebiet aber mit e, bleibt Geheimnis. Oberwalliser Lautverschiebung vielleicht? Trämel nannten wir im Zürcher Oberland einen gefällten Baumstamm, aber ob das im Wallis das gleiche bedeutet, weiss ich nicht.
Jedenfalls schaffen wir diesen Trämul im Trämel ganz locker, die Wand ist steil, die Griffe jedoch recht praktisch angeordnet und genügend gross und das kühle Wetter sorgt für guten «Grip». Blick hinüber zur steilen Kante Tschak, wo sich Jüngere ein bisschen abmühen. Ho, die schaffte ich letztes Mal on-sight!
Ich beiss mir auf die Zunge. Warum misst man sich, je älter man wird, mit immer jüngeren? Kommt es daher, dass ich nicht alt werden will, wie mir ein Freund vorwarf. Vor 20 Jahren. Oder wird man im Alter wieder zum Kind? Ich weiss noch, wie ich mir das als Kind so vorstellte und zu meinem Vater sagte: «Wenn ich gross bin, bist du dann wieder klein, gell.» Und er sagte: «Genau so ist es.» Er war ja eigentlich ein grosser Witzbold, mein lieber Vater, trotz seiner Melancholie, seiner Traurigkeit, seinem tragischen Leben und seinen unerfüllten Träumen. Wenn er doch noch ein bisschen hier sein könnte. Hier bei uns in diesem schönen Wallis, könnte er unter den Föhren im Schatten sitzen und uns ein bisschen beim Klettern zuschauen. Da fällt mir ein, wie er meine Schwester und mich nach dem Tod unserer Mutter auf eine Reise ins Wallis mitnahm. Wohl um über den Verlust hinwegzukommen, uns vom Elend abzulenken, zu zerstreuen. Psychologen gab’s damals in unserer Welt noch nicht, nichtmal das Wort kannten wir. Wir übernachteten in einem kleinen Hotel in Brig, an der Wand hing eine Figur, die hiess «d Ganter Häx». Vater zeichnete sie ab. Woran man sich alles erinnert, seltsam.
Aber nun bin ich ja schon wieder am Fels, «Frost» heisst die Route mit einem schönen nicht so schwierigen Überhang aber am Ausstieg, wenn man sich schon über ein on-sight freut, wird’s kleingriffig und kompliziert. Na ja, Klettern soll ja nicht einfach sein, drum machen wir es ja. Und schon ist dieser schöne Tag wieder vorbei, wir packen, hinunter geht’s auf Postauto. Die Jungen machen noch weiter, dafür sind sie ja jung. Aber falls mein Vater recht hatte, damals, werden wir es ja auch wieder. Wartet nur!

Das Multitalent Philipp Gosset

Sohn eines Engländers und einer Bernerin und in Paris zum Ingenieur ausgebildet: dass aus solcher Biografie ein Visionär und Multitalent hervorgeht, wundert nicht. Eine Schutzhütte auf dem Gipfel der Jungfrau ist da noch das schlichteste seiner unzähligen Projekte – zum Glück ist dieses ein Luftschlösschen geblieben.

18. August 2014

Gosset„Section Bern. „Der Bau einer Hütte auf dem Jungfraugipfel“ war am 23. Februar [1887] Gegenstand eines Vortrages, den Herr Ingenieur Gosset hielt. Zweck eines solchen Baues wäre, Touristen, die zu später Tageszeit erst den Gipfel erreichen, ein Nachtquartier, oder solchen, die bei der Ankunft auf demselben wenig Aussicht finden, Gelegenheit zu bieten, die Vertheilung der Wolken bequem abzuwarten. Als Standort hat Herr Gosset das kleine Felsplateau ausersehen, das bloss 10 m unterhalb des Gipfels und 90 m westlich davon, mit Front gegen Mürren, liegt, wo der Hochfirn und der Weg vom Rothalsattel zusammentreffen, und wo der Gipfel in zwei Minuten erreicht wird. – Die Hütte, ganz aus Holz, würde 12 m lang und 3 m hoch; durch ingeniös konstruierte zweistöckige Pritschen könnten im Nothfall 32 Mann darin Unterkunft finden. (…)
Der Vortrag rief einer eingehenden Diskussion, die allerdings die kühne Idee des Herrn Gosset vollauf würdigte, aber doch nach verschiedenen Seiten hin Bedenken äusserte. Die Anlage eines Proviantvorrathes fand man z. B. unthunlich, da Touristen und Führer dann gerne darauf sich verlassen, aber in die grösste Noth kämen, wenn die vorhergehenden Besucher denselben aufgezehrt hätten. Man glaubte auch, ein solcher Bau würde unkundige und schwächliche Leute verlocken, die Besteigung zu unternehmen, und dann Unglücksfälle herbeiführen, wie sie gerade letzten Sommer am Matterhorn sich ereigneten.
Einstweilen bleibt die Sache nur Projekt, da ja noch der grösste Theil des nöthigen Geldes fehlt. (…) Das Projekt ist aber so eigenartig, dass dessen ausführliche Mittheilung gewiss viele Leser interessirt.“

Das tut sie, die Mitteilung der SAC-Sektion Bern in der „Schweizer Alpen-Zeitung“, dem „Organ für die deutschen Sectionen des Schweizer Alpenclubs sowie für alle Freunde der Alpenwelt“, vom 1. April 1887. Kein Aprilscherz war aber das eigenartige – ja einzigartige – Projekt einer Gipfelhütte auf der Jungfrau von Ingenieur Gosset. Es blieb beim Projekt, leider. Aber es zeigt, was sein Verfasser war: ein Mann mit kühnen Ideen. Einer, der hoch hinauswollte. Nicht nur an der Jungfrau, sondern überhaupt. Eine Biografie, die in diesen Tagen erscheint, heisst deshalb so: „Das Multitalent Philipp Gosset“.

Philipp Charles Gosset, am 11. März 1938 in Bern als Sohn eines Engländers und einer Bernerin geboren, am 24. März 1911 in Wabern bei Bern als Bernburger gestorben, war tatsächlich einer, der auf ganz verschiedenen Gebieten Talent zeigte und entwickelte. Gosset wuchs in Bern auf und liess sich in Paris zum Ingenieur ausbilden. Zurück in der Schweiz, betätigte er sich als Quartierplaner (Bern-Kirchenfeld), Eisenbahningenieur (Simplonstrecke), Topograf (und Kartograf) im Eidgenössischen Stabsbureau, Glaziologe (Vermessung des Rhonegletschers), Vermesser von Seetiefen (Lac Léman, Murtensee und Oeschinensee), Lawinenforscher, Speläologe, Ballistiker, Hüttenplaner, Landschaftszeichner, Illustrator, Übersetzer, Vortragsredner, Leiter der vom Vater geerbten Canadischen Baumschule in Wabern. Und nicht zuletzt als Alpinist (Erstbesteiger des Klein Doldenhorns). Tatsächlich ein Multitalent. Philipp Gosset war Mitglied des Alpine Club (seit 1859) und der Sektion Bern des SAC (seit dem Gründungsjahr 1863, mit Unterbruch von 1872 bis 1882).

Am 28. Februar 1864 überlebt er das erste tödliche Lawinenunglück, das sich während einer winterlichen Hochtour ereignet. Mit dem Führer Johann Joseph Benet, dem Erstbesteiger des Weisshorns und Fasterstbesteiger des Matterhorns, wollen Gosset und sein Freund Louis Boissonnet (mit dabei sind auch drei Träger) den stolzen Haut de Cry (2969 m) im Unterwallis besteigen. Wenig unterhalb des Gipfels müssen sie ein triebschneegefülltes Couloir queren. Was dann passierte, schildert Gosset im ersten Band des „Alpine Journal“ von 1863/64; sein „Narrative of the Fatal Accident on the Haut-de-Cry“ findet später Eingang in John Tyndalls Klassiker „Hours of Exercise“, Emil Zsigmondys Standardwerk „Die Gefahren der Alpen“ sowie in das wahrscheinlich meistgelesene Bergbuch überhaupt, in Edward  Whympers „Scrambles amongst the Alps“. Ausschnitt daraus:

„Bennen [so nannten die Engländer Benet] ging weiter, hatte aber erst wenige Schritte gemacht, als er einen tiefen schneidenden Ton hörte. Das Schneefeld spaltete sich vierzehn bis fünfzehn Fuβ über uns in zwei Theile. Anfänglich war der Riβ schmal, nicht breiter als einen Zoll. Ein schreckliches Schweigen folgte, das etwa zehn Secunden dauerte und dann durch Bennen unterbrochen wurde. ‚Wir sind Alle verloren‘, sagte er leise und feierlich.“

Nicht alle, zum Glück. Doch Benet und Boissonnet konnten nur noch tot aus dem Lawinenkegel geholt werden.

Georg Germann (Hrsg.): Das Multitalent Philipp Gosset 1838-1911. Alpinist, Gletscherforscher, Ingenieur, Landschaftsgärtner, Topograf. Mit Beiträgen von Steffen Osoegawa, Quirinus Reichen, Martin Rickenbacher und Jürg Schweizer. Verlag Hier und Jetzt, Baden 2014, Fr. 49.-

Die Buchvernissage findet statt am Mittwoch, 20. August 2014, um 18.00 Uhr im Bernischen Historischen Museum am Helvetiaplatz in Bern.

Glückskinder

Glückskinder nennt man jene, die günstige Umstände auf ihre Seite nehmen. Diesmal waren wir mittendrin: Wir angelten uns die drei schönsten Bergtage dieses Sommers. Und nicht nur das.

© Annette Frommherz

Engadin Veltlin 08 2014 (16)

13. August 2014

Die Gunst des Schicksals nutzen, dachte ich, und blinzelte in die Sonne. Vor drei Tagen waren wir bei kühlem Nieselregen in Pontresina gestartet und durchs Val Roseg hinauf in die Tschiervahütte gewandert. Tags darauf hatten wir bei herrlichem Sonnenschein den Piz Morteratsch bestiegen. Engadin Veltlin 08 2014 (38)
Über die Fuorcla Boval waren wir zur Bovalhütte hinabgestiegen, wo wir nach einer gewittrigen Nacht in aller Herrgottsfrühe entlang der Moräne liefen und den Morteratschgletscher querten, hinüber zur Isla Pers und entlang der Gemsfreiheit zur Fortezza hinauf. Ein felsiger Grat empfing uns mit einer Kletterei bis zur Bellavistaterrasse, wo wir die Steigeisen wieder montierten und am langen Seil über den weich gewordenen Schnee zur Marco e Rosa Hütte liefen. Engadin Veltlin 08 2014 (50)Knietief sanken wir bei jedem zweiten Schritt ein. Ich sah die Hütte von weitem, aber die Streichholzschachtel wollte und wollte nicht näher kommen. Das Leben eines Hüttenwarts muss trist sein, ging es mir später durch den Kopf, als ich nach einem erschöpften Nachmittagsschläfchen den Wandschmuck mit den nackten Frauen begutachtete. Entweder muss der Mann hier oben Holz hacken gehen oder ein deftiges Menü kochen. Unser Italiener wählte die zweite Variante und servierte im Einweggeschirr ein herzhaftes Menü, wie es sich in Italien gehört.

Nun also, dachte ich, als wir anderntags den gleichen Weg auf hart gefrorenem Schnee zurücklegten, nun also wollen wir auf den Piz Palü. Das Wetter liess keine Ausrede zu. Die abendlichen Wolken hatten sich in Luft aufgelöst, helles Sonnenlicht fiel glänzend auf die Schneehänge, und die morgendlichen trägen Schatten liessen unsere Gedanken gemächlich fliessen.
Engadin Veltlin 08 2014 (76)Die Gunst des Schicksals musste genutzt werden. Ich freute mich auf unser Vorhaben, aber die ausgesetzte Felskletterei auf den westlichen Gipfel, den Piz Spinas, war mir mit meiner Höhenangst nicht geheuer. Mit meinem Liebsten hatte ich mich auf die Umgehung dieses Gipfels geeinigt, indem wir von der italienischen Seite her die steile Nordflanke besteigen und somit zwischen dem Piz Spinas und dem Hauptgipfel auf den Grat gelangen würden. Keine einzige Spur war im harten Schnee zu erkennen, wie wir gegen die Flanke zuliefen. Es war mir, als wären wir die ersten, die hier durchkämen. Die Stille, die uns umgab und die einem manchmal tief im Herzen sitzt, fühlte sich mit einem Male bedrohlich an. Vor uns im Schatten lag diese schroffe, eisige Wand. Mein Pendant ging voran. Beide stemmten wir unsere Steigeisen in den harten Untergrund, suchten nach festem Halt und schlugen die Pickel ein.Engadin Veltlin 08 2014 (59) Der Rucksack lag mir schwer am Rücken und schien mich nach hinten in die Tiefe zu ziehen. Die Gunst des Schicksals nutzen, dachte ich dort in der Wand, nutze die Gunst des Schicksals; es ist dir wohl gesinnt. Ich schnaufte schwer. Vielleicht war es die Höhe, wahrscheinlich war es die Angst. Bis ich oben ankam, starb ich hundert Tode. Der schmale Grat, der mich erwartete, war die Zugabe, war die nächste Prüfung, die mir auflauerte. Weshalb tust du das, fragte ich mich, aber die Antwort wich dem konzentrierten Vorwärtslaufen. Da, wo der Grat sich auflöste für einen lauschigen Platz auf dem Hauptgipfel, da konnte ich endlich meinen Puls beruhigen. Das musste sein, denn vom Hauptgipfel bis zum Ostgipfel führt ein noch schmalerer Firngrat, der mir abermals die volle Konzentration abverlangte. Langsam, Schritt für Schritt, fokussierte ich meinen Blick auf die Fussspuren vor mir.Engadin Veltlin 08 2014 (61) Als ich den Grat endlich hinter mir lassen konnte, glaubte ich meinen Bruder zu spüren, wie er mir zuwinkte, vom Himmel herab, wo er schon lange wohnt. Um uns war eine Weite und war warmes Sonnenlicht, das uns umschmeichelte. Mein Liebster gab mir mehr als nur einen Gipfelkuss. Es waren immerhin drei Gipfel und er erleichtert. Und erst jetzt konnte ich mir meine Frage beantworten. Weshalb ich das tue? Glückskinder, dachte ich nur, wir sind Glückskinder.