Zäsenberg und Emmental

Die Spuren der Vergangenheit sichten, am Zäsenberg im Berner Hochgebirge so gut und spannend wie im Emmental. Aufgeschichtete Steine und Erdhügel offenbaren Geheimnisse, wenn richtig gelesen wird.

18. Juli 2018

„Da aber diese ganze Route im Schatten liegt, so ist der Schnee überall schlecht, trocken und mehlig und läßt meist tief einsinken. Erst um 8 Uhr 30 Min. erreichen wir das Hüttchen am Zäsenberg, und hier wird endlich Frühstückspause gemacht. Ein warmer Thee belebt wieder, und über eine Stunde lassen wir’s uns wohl sein in dem Eskimo-Loch.“

Es sich wohl ergehen lassen in einem kühlen Loch – das wär’s doch bei diesen hochsommerlichen Temperaturen! Am Zäsenberg, dieser grünen Insel auf rund 1900 Metern zwischen dem Unteren Grindelwaldgletscher und den Eismeeren des Eigers und des Schreckhorns, dürfte es allerdings auch im Sommer nicht zu heiss werden. Im Winter ist es dort immer eisig kalt, und trotzdem fühlten sich der Zürcher Seidenindustrielle Carl Seelig, sein Kollege Jakob Weber-Imhoof aus Winterthur sowie die Grindwalder Bergführer Christian Jossi und Rudolf Kaufmann am 3. Januar 1890 bestens aufgehoben in der einfachen Hütte aus Trockensteinmauern, die im Sommer jeweils den Hirten diente, die dort ihre Schafe hüteten. Die Vierergruppe stapfte noch weiter zur Berglihütte, wo übernachtet wurde, bevor am andern Tag der Mönch bestiegen wurde, nun bei wirklich kühlen Bedingungen. Nochmals Carl Seelig im Bericht „Winterfahrt auf den Mönch“ aus dem „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1890: „Endlich punkt 11 Uhr ist das Gipfelplateau erreicht und ‚Hurrah Mönch‘ tönt’s, ‚dich hämm‘ mer!‘ Feierlicher Händedruck und stilvoller Schmollis bei einem Schluck Cognac, dem einzig noch tropfbar Flüssigen.“

Die Zäsenberghütte war also nur eine Zwischenstation auf der frostigen Fahrt auf den Mönch. Auch andere Alpinisten legten dort eine Pause ein, manchmal schlugen sie gar ein richtiges Lager auf, wie der Solothurner Alpenforscher Franz Josef Hugi 1828. Im neuen Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern ist ein fünfseitiger Beitrag zur Gletscheralp Zäsenberg mit ihren Resten von Alpwirtschaft und frühem Alpinismus zu finden. Eine spannende Spurensuche, die einen geradezu herausfordert, selbst einmal diese Insel in den Eismeeren zu besuchen, auch wenn die Gletscher schwinden.

Thematischer Schwerpunkt der Vernissage von „Archäologie Bern/Archéologie bernoise 2018“ im Chüechlihus in Langnau vom Ende Juni war das Referat von Jonas Glanzmann, der aktuelle Ergebnisse zur Burgen- und Verkehrslandschaft im Oberen Emmental vorstellte. In seinem Aufsatz diskutiert er neu entdeckte Burgstellen und Verkehrswege im Oberen Emmental. Von Glanzmann selbst liegen zudem zwei neue Bücher vor. Einerseits die knapp 500-seitige, A4-grosse und üppig bebilderte Publikation „Emmental. Eine Landschaft erzählt Geschichte“. Darin verknüpft der Autor schriftliche Quellen mit den Spuren der Vergangenheit in der Landschaft. „Archäologische, geographische, ortsnamenkundliche und verkehrstechnische Begebenheiten als einzelne Puzzleteilchen, ergeben zusammen ein grosses Bild davon, wie die ersten Emmentaler gelebt und die Landschaft besiedelt haben.“ Insbesondere Burgstellen und Kirchen werden eingehend untersucht und beschrieben.

Passend zu diesem Monumentalwerk erschien Glanzmanns „Das obere Emmental. Wanderungen zu Geschichte und Kultur“. Mit diesem rucksacktauglichen Führer inklusive Karte (auf der Kartenrückseite ist alles Wichtige auch noch drauf) sind wir bestens unterwegs von Zollbrück über Sankt Oswald bis Zwygarten. Die elfte der zwölf Touren, mit sechs Stunden auch die längste, führt auf dem Weg der Mönche von Trachselwald nach Trub. Mönche gibt es eben nicht nur in den Hochalpen… Das Titelbild des Führers zeigt die Berner Alpen, aufgenommen von einem der bewaldeten Emmentaler Höger: links das Finsteraarhorn, rechts die drei Fiescherhörner. Der Nordfuss des Kleinen, das ist der Zäsenberg.

Jahrbuch Archäologie Bern 2018. ISBN 978-3-9524659-5-0, Fr. 56.-

Jonas Glanzmann: Emmental. Eine Landschaft erzählt Geschichte. Landverlag, Langnau 2018, Fr. 80.- www.landverlag.ch; www.historiarum.ch

Jonas Glanzmann: Das obere Emmental. Wanderungen zu Geschichte und Kultur. Landverlag, Langnau 2018, Fr. 30.-

Matterhorn Stories

Vom 11. Juli bis 28. Oktober 2018 zeigt das Alpine Museum der Schweiz auf dem Gornergrat ob Zermatt „Matterhorn Stories. Eine Ausstellung über den grössten Bücher-Berg“. Auf der Fahrt dorthin könnten wir einen alten und doch höchst aktuellen Bergtourismusroman lesen, darin das Matterhorn selbstverständlich auch seinen Auftritt hat: „Tartarin in den Alpen.“

12. Juli 2018

«Die Schweiz, Herr Tartarin, ist gegenwärtig nur noch ein grosser vom Juni bis zum Oktober geöffneter Kursaal, ein Panorama-Casino, wohin man aus allen vier Himmelsrichtungen zu seiner Zerstreuung sich begibt, und das von einer ungeheuer reichen Compagnie mit hundert Millionen Milliarden ausgebeutet wird. Ein wahres Heidengeld hat es natürlich gebraucht, um dieses ganze Gebiet, Seen, Wälder, Berge und Wasserfälle zu pachten, sauber auszuputzen und zu schmücken, um ein ganzes Volk von Angestellten und Statisten zu besolden, und auf schwindelnder Höhe glänzende Hotels mit Gas, Telegraph, Telephon zu erbauen….

– Das ist wirklich wahr.

– Na, ob! Aber, Sie haben noch gar nichts gesehen…. Gehen Sie etwas weiter ins Land hinein, Sie finden da nicht einen Winkel, der nicht wie die Versenkungsräume des Opernhauses seine Kniffe und Maschinen-Geheimnisse hätte: Wasserfälle taghell beleuchtet, Drehkreuze am Eingang zu den Gletschern, und bis auf die höchsten Gipfel eine Menge hydraulischer oder Zahnradbahnen. Immerhin, aus Rücksicht auf die englische Kundschaft und amerikanische Kletterer, bewahrt die Compagnie einigen berühmten Alpengipfeln, wie Jungfrau, Mönch und Finsteraarhorn, ihr gefahrvolles, wildes Aussehen, obgleich da nicht mehr zu riskieren ist als anderwärts.

– Nicht möglich! Und die Spalten, mein Lieber, die schrecklichen Gletscherspalten! Wenn Sie da hineinfallen?

– Sie fallen auf Schnee, Herr Tartarin, und Sie tun sich nicht sehr weh. Unten, in der Tiefe, steht immer ein Portier, ein Jäger, irgend Jemand da, der Sie aufhebt, Sie abbürstet, schüttelt und höflichst sich erkundigt: «Haben der Herr auch Gepäck?»

– Na, na, na…. Was schwatzen Sie da, Gonzague?

– Der Unterhalt dieser Gletscherspalten ist eine der grössten Ausgaben der Compagnie.

– Mag sein, mein lieber Freund, aber wie erklären Sie sich die entsetzlichen Katastrophen? Die vom Matterhorn zum Beispiel?

– Das ist schon sechszehn Jahre her, die Compagnie existierte damals noch nicht, Herr Tartarin.

– Aber noch letztes Jahr der Unfall auf dem Wetterhorn, die beiden Führer mit den Reisenden verschüttet!

– Das gehört leider auch dazu, um die Bergsteiger anzulocken… Einen Berg, auf dem sich noch niemand fast mehr oder weniger Genick gebrochen, sehen die Engländer nicht für voll an… Das Wetterhorn verlor seit einiger Zeit an Ansehen. Nach dem kleinen Unfall, von dem alle Blätter berichteten, stiegen auch da wieder die Einnahmen.

– Und die beiden Führer?

– Befinden sich wohl und munter wie die Touristen. Man hat sie nur verschwinden lassen, auf ein halbes Jahr ins Ausland geschickt… eine kostspielige Reklame, aber die Compagnie ist reich genug, um sich das leisten zu können.»

Mon Dieu! Was für ein Gespräch über den (Berg)-Tourismus in der Schweiz zwischen dem südfranzösischen Möchtegernalpinisten Tartarin und seinem zeitweiligen Gefährten Gonzague Bompard. Nachzulesen im vierten und fünften Kapitel des humoristisch-authentischen Bergromans „Tartarin dans les Alpes“ von Alphonse Daudet, erstmals 1872 in Buchform erschienen und seither zu Recht immer wieder und in verschiedenen Sprachen aufgelegt. Matterhorn oder Wetterhorn will der Romanheld nicht besteigen, ihn lockt die Jungfrau und dann noch der Mont Blanc. Wo es zum Unglück kommt – was wäre schliesslich ein Bergroman ohne solches (und ohne Liebesgeschichte)? Nochmals Originalton Daudet: „In dem Hotel in Courmayeur, in welchem Tartarin Unterkunft fand, war von nichts anderem die Rede als von einer fürchterlichen Katastrophe auf dem Mont Blanc, die ganz und gar an das Unglück auf dem Matterhorn erinnerte. Wieder ein Alpinist, der infolge Durchschneidens des Seiles in den Abgrund gestürzt war.“

Bezeichnend, dass in einem Bergroman immer wieder auf die Katastrophe am Matterhorn bei der ersten Besteigung vom 14. Juli 1865 erinnert wird, als nur drei der sieben Erstbesteiger heil zurückfanden. Triumph und Tragödie, Sieg und Niederlage, Freund- und Feindschaft, Verrat und Verdächtigungen, Egoismus und Nationalismus, ein (vielleicht absichtlich) gerissenes Seil und eine verschwundene Leiche: Wenn das keine Geschichte hergibt, was dann? Ein gutes Dutzend der über 70 belletristischen, poetischen und dramatischen Werke, die sich mehr oder minder dem Matterhorn widmen, befassen sich eingehend mit der Erstbesteigung.

Gestern nun wurde auf dem Gornergrat oben der dritte Pop-Up-Auftritt des Alpinen Museums der Schweiz gestartet: „Matterhorn Stories. Eine Ausstellung über den grössten Bücher-Berg.“ Im zeltähnlichen Shelter – 2017 diente er als Essraum, als die Hörnlihütte umgebaut wurde – zeigt das alps eine schlüssige Auswahl aus der gipfelhohen Matterhornliteratur. Jedes der über 30 ausgestellten Bücher wird von einem kurzen Zitat (Originalsprache und Englisch) begleitet. Als Führer bei der literarischen Matterhornbesteigung dient Carl Haensels Tatsachenroman „Der Kampf ums Matterhorn“, der 300‘000-mal verkauft, einmal in einem SJW-Heft verkürzt, achtmal übersetzt und ein paar Mal verfilmt wurde.

Während der Ausstellung findet ein Kürzestgeschichten-Wettbewerb statt. Das Alpine Museum sucht die besten Matterhorn-Stories von Gornergrat-Gästen. Die Geschichten können in der Ausstellung oben geschrieben oder auch per E-Mail nachgereicht werden. Zu gewinnen gibt es jeweils einen Preis für die beste Monats-Story und zum Projektende einen Hauptpreis für zwei Personen im 3100 Kulmhotel Gornergrat. Tartarin würde nochmals staunen.

Alphonse Daudet: Tartarin in den Alpen. Die Besteigung der Jungfrau und andere Heldentaten. AS Verlag, Zürich 2011, Fr. 29.80, www.as-verlag.ch

Matterhorn Stories. Eine Ausstellung über den grössten Bücher-Berg. Auf dem Gornergrat ob Zermatt vom 11. Juli bis 28. Oktober 2018, www.alpinesmuseum.ch

Klettern Berner Oberland und Freiburg

Nur klettern ist schöner als baden. Auf geht’s: Zwei neue Kletterführer stellen die schönsten Routen am Gelmersee, Oeschinensee, Lac de Montsalvens und anderswo im südlichen Berner Oberland und im Freiburgischen vor.

7. Juli 2018

„Wahrhaftig ein luftiges Plätzchen für zwei Mann. Auf drei Seiten der gähnende Abgrund, vor uns der Gipfel steil und wirklich grifflos. Die Sache scheint uns etwas heikel, aber sie sollte doch wenigstens probiert werden. Noch 6 Meter sind zu erklimmen; eine glatte, dürre, zum Klettern sehr unangenehme Flechtenart bedeckt den Fels. Von unserem Standort aus zieht sich eine Art stumpfe Kante, immer steiler werdend, zum obersten Punkt. Nach dem ersten Drittel der Kante verflacht sich dieselbe auf eine Länge von 15 cm und mag dem Kletterer einen kleinen Ruhepunkt gewähren. Etwas Ruhe, einige Reserveatemzüge, und die Kletterei beginnt. Auf dem Bauche rutschend, mich mit Händen und Armen durch Andrücken haltend, mit den Knien und Füßen emporstemmend, gelange ich zu oben erwähnter Stelle. Wieder einige gute Atemzüge und in gleichem Stile wird weiter geklettert; die Reserveatemzüge hatten Gutes geleistet, denn ich gebe meinen letzten aus, als ich die obere Kante erfasse und mich hinaufschwinge. Mein Kamerad folgt mir rasch nach, und wir stehen beide glücklich auf dem Gipfel. Ein kleinerer Block, der sich hier befindet, wird so aufgestellt, um, von Guttannen gesehen, einen Steinmann darzustellen; die übliche Gipfelflasche wird mit unsern Namen versehen und darunter gebettet. Bleistift haben wir nicht, doch versehen einige befeuchtete Schwefelzündhölzchen im Notfalle den gleichen Dienst. Noch auf keinem Gipfel habe ich die gleiche Empfindung gehabt wie auf dieser Gneisnadel, gewaltig wirkt diese Steilheit; ein Sprung und man wäre im Gelmersee, in der Handegg, auf der Gelmeralp.“

Wahrhaftig wunderbar, wie der Berner Albert Weber hier die Erstbesteigung des Kleinen Gelmerhorns (2605 m) im östlichen Berner Oberland beschreibt. Vor allem das mit den Reserveatemzügen muss man sich merken, wenn es gilt, scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten doch zu meistern. Wobei natürlich auch die richtigen Utensilien mit von Partie sein sollten – an jenem 9. Juli 1901 hätten mit einem Bleistift die Namen der Erstbesteiger einfacher aufs Blatt Papier geschrieben werden können. Und: Weber trug Kletterschuhe, während sein Gefährte, Bergführer Alexander Tännler aus Wyler bei Innertkirchen, mangels solch spezieller Schuhe in den Socken kletterte! Noch ein Satz je zu den beiden Kletterern: Albert Weber gehörte zur Fünferseilschaft, die am 26. Juli 1903 erstmals den Hauptgipfel der Uschba (4737 m) bestieg; Tännler war bei der Skierstbesteigung des Mont Blanc am 25. Februar 1904 mit dabei. Grosse Namen also, die im Sommer 1901 das Klettern in den Granitzinnen ob dem Gelmersee einführten.

Wer das Kleine Gelmerhorn heute besteigen will, wenn möglich mit Übergang zum Grossen, oder eine der genussvollen Routen an den Gelmerspitzen kennenlernen möchte – ja, wer überhaupt kletternd im Haslital bis zur Grimsel, im Gadmer-Tal bis zum Susten, in den Engelhörnern, im Grindelwald-, Lauterbrunnen- oder Kandertal unterwegs sein möchte, dem oder der sei der neue Führer „Berner Oberland Süd“ von Martin Gerber empfohlen. 7 Regionen, 70 Klettergebiete, 1000 Routen und unzählige Seillängen: Sie sollten reichen für diesen Sommer, und sicher noch für den nächsten. Tolle Fotos (mit eingezeichneten Linien und Schwierigkeitsangaben) lassen einen träumen vom Sektor „Sommerloch“ am Räterichsbodensee und von den Routen „Im siebten Himmel“ oder „Novembersommer“ an der siebten Gelmerspitze.

Wenn aber im November das Klettern im südlichen Berner Oberland mit Gipfeln wie Doldenhorn, Eiger und Scheideggwetterhorn doch schon ziemlich winterlich sein kann, so dass Kletterfinken UND dicke Socken getragen werden müssen, gibt es westlich des westlichen Oberlandes eine grosse Region, wo oft kürzere Seillängen in Talnähe verlocken. Der 2010 erstmals aufgelegte Führer „Escalade Fribourg/Klettern Freiburg“ von Daniel und Martin Rebetez ist in einer zweiten Auflage herausgekommen, mit 227 neuen Routen, zum Beispiel im ebenfalls neuen Gebiet Châtel-sur-Montsalvens ob dem gleichnamigen See. Oder im Nagelfluh-Klettergarten bei Riffenmatt mit alleine 52 Routen, darunter „Mais tire!“, „Kuschelrock“ und „Kletterer a.D.“

Von beiden letzteren Begriffen hat indirekt auch Albert Weber im Beitrag „Zwei neue Besteigungen im Haslithal“ für das „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1902 geschrieben, nachdem er und Tännler noch in der Nacht in Guttannen aufgebrochen waren: „Im Handegghotel schläft noch alles — oh ihr Philister und Schlafmützen! kommt doch heraus zu uns, die köstliche, frische Morgenluft zu genießen, den erwachenden Tag zu sehen, mit uns euch zu stärken an fröhlicher Bergfahrt. Nein! bleibt lieber im Bette, wir können sie nicht gebrauchen, die zerbrechlichen Knochengestelle, zu unserer heutigen Besteigung.“

Martin Gerber: Kletterführer Berner Oberland Süd. SAC Verlag 2018, Fr. 59.-

Daniel et Martin Rebetez: Escalade Fribourg/Klettern Freiburg. Éditions Grimper.ch, 2018, Fr. 45.-

Silence

Einen besseren Zeitpunkt für dieses Buch als die letzten und kommenden Wochen gibt es kaum. Wenn laufend fussballerische Jubelschreie und Wehklagen ertönen, ist Stille Balsam – zum Beispiel mit diesem eindrücklichen Bildband von Caroline Fink.

27. Juni 2018

„Stille bedeutet die Freiheit, zu hören, was man hören will, und nicht, was man hören muss, weil man ihm freiwillig nicht entgehen kann.“

Schreibt der Schweizer Schriftsteller Beat Sterchi – sein bekanntestes Werk „Blösch“ spielt teilweise an einem ganz lauten Ort, nämlich im Schlachthaus – im Vorwort zu einem ganz stillen Buch. Einem, das nicht um Aufmerksamkeit schreit, nicht mit knalligem Titel verblüfft und nicht mit einem lauten Cover zum Kauf verführt. „Silence“ heisst es. Das französische und englische Wort für Stille, Ruhe, Schweigen, Geräuschlosigkeit, auch Pause (in der Musik). Mit einem Ausrufezeichen versehen, bedeutet es: „Ruhe bitte!“ Wir halten uns daran. Und nehmen das Buch von Caroline Fink, Fotografin, Autorin und Filmerin, ganz sorgfältig zur Hand.

„Stille heisst, ein Pause einlegen, um Dinge wiederzuentdecken, die uns Freude bereiten.“ Schreibt der Norweger Erling Kagge in seinem 2017 erschienen Buch „Stille. Ein Wegweiser.“ Genau hier ist diese Stille, von Caroline Fink mit der Kamera erfasst. Mit vier Seiten Text auch noch beschrieben. Aber „Silence“ ist natürlich in erster Linie ein Fotobuch. Ein visueller Wegweiser, wo Stille gehört werden kann. Mit diesen Bildern tauchen wir ein in eine stille Welt aus der halben Welt, vom Uetliberg bis zur Dune du Pyla in Frankreich, vom Klöntal bis nach Spitzbergen. Nahaufnahmen wechseln ab mit Panoramabildern. Eine Symphonie der Farben, aber nicht durcheinander, sondern in sich ruhend. Weisse Landschaften immer wieder, schön und stumm. Grüne Oasen. Himmel. Sand. Eine Geröllhalde, die wir glücklich nur anschauen. 84 ein- bis doppelseitige Fotos, die eindringlich eine Ruhe beschwören, die uns abhanden gekommen ist.

„Die Stille kann man betreten. Die Bilder in diesem Buch laden dazu ein.“ Schreibt Sterchi. So ist es. Man kann sie sehen, fühlen, vielleicht auch riechen und schmecken. Die Stille ist greifbar auf diesen Fotos, weniger mit der Hand als mit Kopf und Bauch. Es gibt Fotos, die sind wie fast monochrome Gemälde. Anders gesagt: Man möchte sie nicht nur zusammen gebunden sehen. Sondern auch einzeln und grossformatig, in einem ruhigen Raum. Doch warum nicht auch an einem lärmigen Ort. Als Kontrapunkt, Aufforderung, Erinnerung: „Silence!“

„Es begann mit Schnee. Ab und zu machte ich während Skitouren Bilder, auf denen fast nur Weiss zu sehen war“, schreibt Caroline Fink in der Einleitung. „Die Bilder entstanden absichtslos. Sie machten mir Freude. (…) Erst mit der Zeit fragte ich mich: Warum fand ich Gefallen an Bildern, die kaum etwas zeigten? Verschiedene Antworten tauchten auf: Weil ich leere Landschaften mag. Weil ich das Subtile mag. Weil es mich amüsiert, Bilder zu machen, die das Gegenteil der ‚lauten‘ Bilder im Bereich Bergsport sind.“

Caroline Fink: Silence. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 48.- www.as-verlag.ch, www.caroline-fink.ch

Tektonikarena Sardona

Die Entstehung der Alpen auf Papier, 30 x 24 x 2 cm in Ausdehnung und Dicke. Das Buch „Tektonikarena Sardona – Faszination UNESCO-Welterbe“ macht’s möglich.

22. Juni 2018

„Endlich waren wir nun wieder in Sicherheit und durften ruhig und ohne Sorge für’s Weiterkommen an die Sonne auf ein ebenes Rasenstück liegen, um den Schauplatz der heutigen Arbeit zu betrachten. Aber ich hatte so genug von Felsköpfen bekommen, dass mir schon das Aufblicken zu ihnen fast übel machte; um so gemüthlicher schlenderten wir über den Schnee hin zum Segnespass. Ein Gang durch’s Martinsloch hatte keinen Reiz mehr und unterblieb auf Elmer’s Bemerkung hin: „Äch, mer müessted wieder chlättere!“

Mehr als verständlich, diese Bemerkung von Bergführer Heinrich Elmer nach der ersten Überschreitung der Tschingelhörner mit der ersten Besteigung des Grossen Tschingelhorns (2849 m) in den Glarner Alpen, ausgeführt am 23. Juli 1867 zusammen mit seinem 16-jährigen Sohn Peter und mit Dr. med Fridolin Schläpfer aus Tägerwilen. Der Gast beschrieb im sechsten „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1869-70 die „schlimme Kletterei“ über den „schauerlich zerrissen und nackt dastehenden Tschingelkopf, der wie alle seine Kumpane aus erzfaulem, abbrökelndem, in den verschiedenen Richtungen gelagertem grauem Schiefer besteht.“ Freundliche Felsbezeichnungen sucht man im Text so vergeblich wie die Tschingelhörner-Besteiger nach festen Griffen tasten. Auf dem Hauptgipfel bauten die Elmers einen Steinmann, während der Gast aus dem fernen Thurgau einen Zettel beschrieb, der in eine ausgetrunkene Flasche gesteckt und hinter einer Steinplatte deponiert wurde: „Wer meine Stimmung auf dem so mühsam errungenen, grausigen Gipfel erfahren will, den muss ich bitten, selbst hinzugehen und den Zettel zu lesen.“ Gipfelliteratur der ganz besonderen Art. Perfekt passend zu diesen ganz besonderen Hörnern aus brüchigem Fels.

Die Tschingelhörner nämlich, einst auch „Mannen“ oder „Jungfrauen“ genannt, sind das Herz des UNESCO-Weltnaturerbes Tektonikarena Sardona. Seit 2008 ist das gebirgige Dreieck der Kantone Glarus, Graubünden und St. Gallen auf der prestigeträchtigen Liste, die in der Schweiz zwölf Stätten umfasst: neun des Weltkulturerbes (zum Beispiel die Altstadt von Bern) und drei des Weltnaturerbes (noch die Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch und der Fossilienberg Monte San Giorgio). In der Tektonikarena Sardona lässt sich die Gebirgsbildung so eindrücklich erleben wie nirgendwo sonst auf der Welt. Das wäre natürlich ein Grund, die sogenannte Glarner Hauptüberschiebung vor Ort zu besichtigen, wandernd und vielleicht auch kletternd, zum Beispiel zum Martinsloch.

Das 18 m hohe und 15 Meter breite Loch ist ein einzigartiges Ziel. Jedes Jahr zur Sonnenwende im März und September scheint die Sonne durch dieses Loch unter dem Grossen Tschingelhorn auf das Glarner Dorf Elm und beleuchtet den Kirchturm rund zweieinhalb Minuten lang. Ganz selten blickt auch der Vollmond durchs Martinsloch auf Elm hinunter. Ein solches Naturschauspiel beeindruckt noch heute die Menschen; vielleicht noch eindrücklicher ist es, wenn man selbst in diesem riesigen Felsenfenster steht. Man blickt schier senkrecht nach Elm hinunter, man spürt den Wind, der hindurch düst, man begreift die Alpenfaltung, die sich hier in der Glarner Hauptüberschiebung so klar wie sonst nirgends zeigt.

Gemütlicher ist es aber, den neuen Bildband „Tektonikarena Sardona“ von Roland Gerth, Adrian Pfiffner und ihren Mitarbeitern zu bestaunen und zu lesen. Grossartige Boden- und Luftaufnahmen, aufschlussreiche geologische Fotos und verständliche Texte machen das Buch zum unverzichtbaren Begleiter drinnen und draussen. Millionenalte Erd- und Naturgeschichte wird auf 124 Seiten wirklich greif- und erlebbar. Die erste Doppelseite zeigt natürlich die durchs Martinsloch scheinende Sonne mit den schauerlich zerrissenen Tschingelhörnern. Ihnen – und der magischen Linie des Lochsitenkalks zwischen Flysch-Gesteinen unten und Verrucano-Gesteinen oben – begegnen wir immer wieder in diesem überaus reizvollen Buch, das nicht nur die eigentliche Tektonikarena Sardona umfasst, sondern auch Tödi, Calanda und Churfirsten, Tamina- und Rheinschlucht. Und den Bergsturz von Flims. Kurz: Langweilig wird es einem mit und in diesem Stück Schweiz nicht. Oder um es mit dem „Führer für Flims und Umgebung“ zu sagen:

„Es gibt wenig Gegenden, die, wie Flims, eine solche Mannigfaltigkeit von Spaziergängen und Wanderungen umfassen, vom gemächlichen Schlendern durch wohlgepflegte Parkanlagen bis zur tagelangen Berg- und Klettertour, auf welcher der höhendurstige Mensch oder der klubistische Fanatiker sein letztes Restchen Atem auspumpen kann.“

Roland Gerth, Ruedi Homberger (Fotos); Adrian Pfiffner, Thomas Buckingham, Harry Keel (Texte): Tektonikarena Sardona – Faszination UNESCO-Welterbe. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 48.-, www.as-verlag.ch

Les nouveaux alpinistes

Es wird immer neue Alpinisten geben, die noch wildere Sachen machen als die Vorgänger. Diese Geschichte seit 1982 untersucht Claude Gardien in einem spannenden Werk, allerdings etwas frankreichlastig, wie das halt so ist.

16. Juni 2018

«En 1982, un jeune homme de 21 ans escalade une des plus grandes parois des Alpes au petit trot, seul. Il est vêtu d’un pantalon de toile blanc et d’un sweatshirt tout aussi immaculé. Pas de sac, pas de casque: un foulard noué autour de la tête qui, s’il ne le protège pas des chutes de pierres, apporte une touche finale à un look assumé, décontracté, et à la mode des ces années-là.»

So beginnt ein neues Buch zur Geschichte des neuen Alpinismus, und so begann, mit diesem 21-jährigen Kletterer in hellen Klamotten und mit einem Stirnband, eine neue Ära im Bergsteigen. Diesen Beginn jedenfalls setzt Claude Gardien, französischer Bergführer, Bergjournalist und Bergbuchautor, in seinem jüngsten Werk „Les nouveaux alpinistes“. Der junge Kletterer heisst Christoph Profit; die Route, die er am 30. Juni 1982 in gut drei Stunden free solo durchstieg, ist die „Directe américaine“ in der Westwand des Petit Dru ob Chamonix. 1100 Meter senkrechter Granit, 1962 erstmals gemacht von den US-Amerikanern Gary Hemming und Royal Robbins. Einer der ganz grossen Anstiege der Alpen. Und dann kam dieser Kerl aus dem alpenfernen Rouen, schick gekleidet, und liess den Mythos erzittern – oder neu aufleben, je nach Standpunkt. Yves Ballu, grand seigneur der französischen Alpinismushistoriker, sah in diesem Solo la „fin de l’alpinisme“, wie Gardien etwas schadenfreudig anzumerken scheint. Denn Ballu veröffentlichte 1984 das Werk „Les alpinistes“. Und nun eröffnet Gardien mit „Les nouveaux alpinistes“ eine neue Seillänge; nur verständlich, dass er seinen Vorgänger in der Bibliographie ganz einfach vergessen hat… Mais oui, c’est la vie, im Tal unten und in den Högern oben.

Claude Gardien teilt sein Buch in zwei Hauptteile. Die knappe erste Hälfte blickt zurück auf etwas jüngere Geschichte nach 1982, als Traditionen in den Abgrund geschubst wurden, als die années fun für Furore und farbige Cover sorgten, als der Alpinstil im Himalaya so richtig in Fahrt kam und als der Kandertaler Jürg von Känel das Plaisirklettern erfand: «Le succés est immédiat. (…) Le concept est vite à la mode, il s’étendra un peu partout, y compris dans les montagnes de plus haute niveau.» Der zweite Teil behandelt die „histoire en marche“, vom El Capitan über die 8000er bis zum Cerro Torre.

Längere Textabschnitte zum neuen Klettern und Bergsteigen als Breitensport vermisst man un peu dans „Les nouveaux alpinistes“. Grosse und kleine, bekannte und unbekannte Namen an den höchsten und schwierigsten Wänden und Gipfel der Welt (und natürlich auch im Mont-Blanc-Massiv, mais bien-sûr!) machen den Hauptteil des Buches aus, und da verliert man manchmal ein wenig die Übersicht. Zumal dann hinten eine Chronologie und ein Verzeichnis der Alpinisten, Gipfel und Routen fehlen (excuse-moi Claude, aber bei Yves ist das alles drin!). Trotzdem: Es ist immer wieder gut, wenn die Geschichte des Alpinismus fortgeschrieben wird, gerade auch die jüngere und die jüngste.

Und dem Fazit von Claude Gardien auf Seite 245 wird man bestimmt vorbehaltlos zustimmen, ob die Kletterer nun drei Stunden oder drei Tage für die „Directe américaine“ brauchen, ob Bergwanderer vom Schafhubel aus nur die Nordwestwand des „Grindelwald Dru“ bewundern, wie das Scheideggwetterhorn vom Erstbesteiger genannt wurde:

«Tant qu’il y aura des montagnes, des femmes et des hommes pour lever les yeux vers elles, pour les aimer, il y aura des alpinistes, qui partiront chercher la réponse des hauteurs.»

Claude Gardien: Les nouveaux alpinistes. Éditions Glénat, Grenoble 2018, € 20.- www.glenatlivres.com

Simboli della montagna

“Der Pickel ist für den Bergsteiger, was die Pistole für den Cowboy“: Eine der überraschenden Erkenntnisse aus dem so breit wie tief angelegten Buch über die Symbole des Berges. Dazu gehört auch lo chalet svizzero.

6. Juni 2018

„Manchmal war mein Vater abends mit den Vorbereitungen für seine Bergtouren beschäftigt. Er kniete auf dem Boden und schmierte seine Schuhe und diejenigen meiner Brüder mit Walfischfett ein; er glaubte, er allein könne das richtig machen. Dann war im ganzen Haus ein groβes Geklirr von Eisenzeug zu hören: er suchte die Steigeisen, die Kletterhaken, die Pickel. Wo habt ihr meinen Pickel hingeräumt? donnerte er. Lidia! Lidia! Wo habt ihr meinen Pickel hingeräumt?“

Ausschnitt aus „Mein Familien-Lexikon“ von Natalia Ginzburg, das ich 1985 meiner Frau Eva als Lektüre für eine Skitourenwoche im April (im Tessin und Puschlav) schenkte, wie der Widmung zu entnehmen ist. Selbst habe ich das Buch auch gelesen; denn in die Seite 8, wo Tochter Natalia von den Bergtouren ihres Vaters Giuseppe Levi schreibt (Mutter Lidia Tanzi blieb lieber im Ferienhaus), machte ich ganz fein ein Eselsohr. Offenbar interessierte ich mich schon damals für das Schreiben über die Berge.

Und nun halte ich ein Buch in den Händen, darin hat es mehr als ein Eselsohr. Sollte man natürlich nicht machen. Doch bei der Lektüre von spannenden neuen, aber nicht teuren Werken ist das manchmal leider die einzige Methode, ein paar Schlüsselstellen zu markieren, wenn grad kein Schreibwerkzeug zur Hand ist. Das Werk, das ich so malträtierte, stammt von Franco Brevini, Dozent an der Universität Bergamo, Mitarbeiter beim „Corriere della Sera“ und Autor von rund 30 Büchern, darunter „Alfabeto verticale“ (2015). Auf dem Cover ein Ausschnitt aus dem Gemälde „Matterhorn“ von Hans Maurus. Klar doch: Dieser Berg ist ein, wenn nicht DAS Symbol der Berge. Die fünf andern, die Brevini in seinem Buch eingehend untersucht, sind: Die Tiere der Alpen (Adler, Gämse, Steinbock und Hirsch), lo chalet svizzero, das Edelweiss, Heidi und der Pickel.

Das Buch ist mit 26 meist farbigen Abbildungen illustriert, vom berühmten Scheuchzerschen Drachen über den Salewa-Adler und die SAC-Gämse bis zur Matterhorn-Toblerone und zu einem Pornostar mit dem Übernamen „Edelweiss“. Ein breit und tief angelegtes Buch, das die Bergsymbole auch dort aufgreift, wo man sie kaum vermutet. Und seine Fundstücke und Quellen sind nicht nur italienischer Herkunft, sondern stammen aus ganz Europa und darüber hinaus. Klar begegnet man bekannten Grössen und Büchern, insbesondere beim Cervino. Aber gerade beim Schweizer Chalet lernt man Ansichten und Ecken kennen, die man so noch nie gesehen hat. Kurz: Ein Buch, das seinem Titelbildgipfel alle Ehre macht. Einziger Nachteil: Im Italienischen sollte man etwas mehr verstehen als „monte“, „cima“ oder „zio dell‘Alpe“ (Alpöhi). Diesen Satz hier am Beginn des Kapitels zum sechsten Symbol der Berge dürfte man jedoch verstehen: „La piccozza per lo scalatore è come la pistola per il cowboy.“

Franco Brevini: Simboli della montagna. Il Mulino, Bologna 2017, Reihe “Intersezioni”, N°491, € 16.-. www.mulino.it

Begegnung im Calfeisental

Als Geologe im Gebirge blicke ich oft in die hintersten Winkel der Berge und begegne dabei Vierbeinigen, gefiederten oder über den Boden schlängelnden Wesen, aber selten meinesgleichen. Und noch weniger vom anderen Geschlecht. Einmal aber doch. Eine Phantasie.

30. Mai 2018

Zu Erkundungszwecken fuhr ich ins Calfeisental. Von Vättis wanderte ich zu Fuss zum Stausee und stieg dann auf dünnem Steig nach Panära auf. Dort verbrachte ich einen kalten Mittag auf der Bank beim Alpkreuz. Ich sass auf einem schmalen, grünen Bug über der engen Taltiefe und war doch noch überragt von himmelhohen Wänden. Sie waren in Nebelwolken gehüllt, aus denen heraus, über die Felsen hinab, die Lawinen donnerten, während ich fror.

Den Abstieg nahm ich über den Bärenpfad. Schmalster Steig unter frischem Lärchengrün, steil, das Kraut am Boden nass. Bei St. Martin sass ich etwas abseits auf einem grossen Stein. Hier öffnet sich das Tal nach oben hin, weit wie eine Schale. St. Martin selbst ist ein Parkplatz, ein paar Häuser, ein Restaurant und eine Handvoll flanierender Alpengäste, die einen mehr, die anderen weniger in Outdoor-Kleidung angetan.

Als ich grade talauswärts aufbrach, kam auf einmal von seitlichem Pfad, den ich bis dahin nicht wahrgenommen hatte, eine Frau herab und mir entgegen. An ihren dunklen Stiefeln mit fester Sohle, an den nassen Gamaschen, klebten Gräserpollen, Blütenblätter und Halmfetzten, aus dem ausgeblichenen Rucksack schaute Zaundraht hervor. Ihr dunkelblondes Haar, ebenfalls nass oder vielleicht auch länger nicht gewaschen, trug sie lose gebunden und blickte mit Augen, aus denen das Licht des blauen Himmels und das Dunkel des Bergsees leuchtete. Ich warf ihr ein scheues „Grüezi!“ zu, da kam ein scheues „Hoi“ zurück, und ihr unbeirrter, gerader Schritt trug sie fort, auf die Häuser zu. Doch dreissig oder vierzig Meter weiter, vor der Ecke um die sie gleich darauf verschwand, drehte sie sich noch einmal kurz um.

Da war ich ausnahmsweise froh um meine alten Stiefel, rundgelaufen, eine ausgerissene Öse je, bequem wie Mokassins, die Sohle ein Sicherheitsrisiko. War froh um meine geflickte, vom Dreck des Regentages bis hoch hinauf verspritzte Berghose und die alte Millet-Jacke, die um den Rucksack geknotet, diesen vor dem Regen schützen soll. Den Hammer am Gürtel, die Stifttasche mit dem von der Salzsäure gefressenen Loch schräg umgehängt, gebe ich wohl ein ähnliches Bild.

Unsere Schritte sind entschieden, ruhig und gerade, nichts ist ihnen im Weg. Landstreicher sind stolz und scheu, unsere Worte leise. Du kamst unerwartet, Älplerin, wecktest Misstrauen, das immer auch Interesse ist. Ich werde dich nicht suchen, dich auch nicht wiedersehen, doch wenn sich unsere Wege noch einmal kreuzen sollten, dabei kollidieren, dann braucht es vielleicht nur leise, vielleicht auch gar keine Worte.

Bergkrimis, 2. Seillänge

Alpenkrimis stauen sich in den Gestellen wie die Autos am Gotthard und die Alpinisten am Matterhorn. Gleich sechs von ihnen stellen den Bergtourismus ins Zentrum, mit mehr oder weniger schlimmen Folgen. Denn Erschliessung und Erschiessung reimt sich verhängnisvoll.

28. Mai 2018

„Wanderhalle?“ War Cyprian im falschen Film?
„Warum soll ein beliebter Sport nicht indoor abbildbar sein?“, gab Bachlinger ungerührt zurück, „bei Ski- und Kletterhallen klappt’s ja auch. Bergwandern ohne Berg, wohnortnah, wetterunabhängig, sieben-vierundzwanzig-dreihundertsechzig Grad. Das ist Nachhaltigkeit par excellence. Bergtourismus ohne Touristen am Berg, die nur unser Kapitel, die Landschaft, abnützen.“

Ausschnitt aus dem Gespräch unter Bergtourismusexperten im Alpenkrimi „Tod im Sommerloch“ von Andi Dick. Das Sommerloch ist aber nicht nur das Gegenteil zum Winterhoch, wenn der Skitourismus so richtig brummt. Oder dies jedenfalls tat, als es noch richtig Schnee bis in die Niederungen gab. Das Sommerloch ist auch ein Loch im Gebirge, darin Menschen verschwinden können, mehr oder minder freiwillig. Denn wie immer, wenn es um grosse Geschäfte und Gefühle, um Zank und Zukunft geht, schrecken Personen nicht vor bösen Taten zurück. Schon gar nicht, wenn einer der Tourismuspromotoren provozierend in die Runde fragt: „Wollt ihr den totalen Berg?“ Ja, wollen wir das? Anders gesagt, mit den Fragen auf der Buchrückseite: „Was ist das gröβere Verbrechen? Einen Skilift sprengen? Oder ihn bauen?“ Zwischen Erschliessung und Erschiessung versteckt sich nur ein dünner Buchstabe.

Der Bergtourismus und seine ganz unterschiedlichen Folgen für Berg und Bewohner bzw. Touristen ist das vorherrschende Thema in sechs neuen Alpenkrimis. Nicht alle sind so frisch und frech, forsch und fesselnd wie „Tod im Sommerloch“. Aber unterhaltend allemal, und erhellend ebenfalls. Hier fünf Abschnitte:

Zupacken müsse man, nicht Zaudern und Zagen.
Der Alpentourismus müsse ganz neu erfunden werden. Was man heute noch hätschele und pflege, sei ein Auslaufmodell.
Das Goms müsse vorangehen, Münster an vorderster Front.
Mit grosser Kelle müsse man anrichten, von allem Anfang an. Nicht mit dem Löffelchen. Sonst habe man gegen die Konkurrenz keine Chance.
„Klotzen, nicht kleckern“, rief Z’Blatten. (…)
Das Gommer Highland Resort sei das Herzstück eines neuen Tourismusmodells. Jawohl: des Gommer Modells.
Kaspar Wolfensberger: Gommer Sommer, S. 164.

„Das Engadin soll noch attraktiver werden für italienische Skifahrer. Vielleicht hast du schon davon gehört, Claudio.“
Ich schüttle den Kopf. Nein, das habe ich nicht.
„Die Italiener sollen bereits in Plaun da Lej am Silsersee die Möglichkeit haben, mit einer Seilbahn in die Höhe zu fahren. Unterhalb des Piz Lagrev gibt es fantastische Hänge, die nur darauf warten, erschlossen zu werden. Wie findest du das?“ Vanessa nimmt einen Schluck Cognac. „Du befasst sich doch mit Tourismuskonzepten.“
„Ich bin eher für eine langsame Entwicklung.“ (…)
„Der obere Teil des Tales würde gestärkt, Maloja und Sils könnten neben St. Moritz zu einem zweiten Zentrum werden. Zum neuen Resort würde als Attraktion das Heidi-Dorf Grevasalvas gebaut. Geplant ist auf dem Berg auch ein Studienzentrum für höheres Bewusstsein.“
Daniel Badraun: Krähenyeti, S. 67.

„Bald kommen die Russen wieder, mit prall gefüllten Taschen und schönen Frauen. Dann rollt der Rubel da oben.“
Studer blickte auf. „Russen sagen Sie. Die gehen doch nach Zermatt oder Kitzbühel.“
Gwerder schüttelte den Kopf. „Haben Sie eine Ahnung. Der Adam Zogg hat Beziehungen bis in den Ural. Es gibt dort ein ambitioniertes Skigebiet, das sich noch im Aufbau befindet. Der Tross rund um den Oligarchen Juri Boskow, der das Skigebiet dort aufbaut, trifft sich zweimal im Jahr mit Zogg. (…) Zogg empfing ihn mit offenen Armen. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und streben eine Partnerschaft an. Zwei Luxus-Resorts, ein Skipass. (…) Wenn Sie eine Saisonkarte in Riggen kaufen, können Sie damit zwei Mal pro Saison in den Ural fliegen und umgekehrt.“
Ralf Weber: Gipfelblut, S. 49f.

„Investieren gegen den Stillstand! Im Arlberg-Gebiet verbinden neue Lifte, die insgesamt fünfundvierzig Millionen Euro gekostet haben, die benachbarten Orte zu einem Giga-Skigebiet. Neunundneunzig Lifte! Und in Sölden befördert eine neue Gondelbahn viertausendfünfhundert Skifahrer pro Stunde auf den Gipfel.“
„Aber das ist doch ein absolutes Horrorszenario“, sage ich und bemühe mich noch um einen gemäβigten Tonfall, auch wenn mir das zunehmend schwerfällt. „Dieser Massentourismus ist doch grauenhaft. Und verheerend für unsere Umwelt. Denk doch nur an diese armen Stadtmenschen, die hierherkommen, um in den Berge Ruhe und Erholung zu suchen, und sich stattdessen plötzlich auf einem künstlich beschneiten Ballermann wiederfinden!“
Marc Girardelli, Michaela Grünig: Mordsschnee, S. 130f.

„Salut, ça va?“
„Très bien. J’étais libre aujourd’hui, j’en ai profité. Une poudreuse d’enfer.“
„J’ai pas bougé de la cabine de contrôle de la journée… Mais, je t’ai pas vu.“
Jérôme fait signe au serveur et commenda une tournée de bières.
„J’étais à Anzeinde en peau de phoque. J’aime pas aller skier en station le week-end, trop de monde, ça fait chier de faire la queue, et de partager les pistes avec tous ces connards de citadins.“
„Et moi“, ajoute Cédric, „j’ai passé ma journée sur le parking a faire la circulation pour ces abrutis de touristes.“
Marc Voltenauer: Qui a tué Heidi? S. 37.

„Sehen Sie es nicht als Problem, dass die Gäste, die alles inklusive haben, auβerhalb ihrer Karte natürlich nicht noch was dazubuchen?“, fragte Irmi.
„Selbst wenn das so wäre – es gibt genug Betriebe, die nicht bei der CoolCard dabei sind. Deren Gäste könnten alle bei Skydreams buchen. Tun sie aber nicht. Vielleicht weil Danners Firma zu teuer war und Danner zu wenig engagiert, zu arrogant gewesen ist. Wir ziehen uns diesen Schuh nicht an. In der weiten TL…“
„Bitte wo?“, fragte Kathi dazwischen.
„TL, Touristic Landscape. Der Tourismus ist ein weites Feld, das jeder beackern kann, wenn er professionell genug ist.“
Nicola Förg: Scharfe Hunde, S. 99f.

Der Geschäftsführer der Cool GmbH ist natürlich einer, ein scharfer Hund. Wie der Z’Blatten, der Zogg. Nicht alle überleben Buchungsgefälle und Buchseiten. Ihre Angestellten ebenfalls nicht immer. Touristen ergeht es manchmal nicht besser. Denn auch ein Alpenkrimi lebt schliesslich nicht von (originellen) Tourismuskonzepten allein.

Wie aber Alpenkrimis direkt tourismusfördernd sein können, enthüllt Katharina Löffler in der literaturwissenschaftlichen Arbeit „Allgäu reloaded. Wie Regionalkrimis Räume neu erfinden“. Darin geht es auch darum, wie im Allgäu Gemeinden, Unternehmen, Tourismus- und Heimatverbände den literarischen Erfolg mit Krimitourismus an Originalschauplätzen für sich nutzbar machen. Insbesondere mit der höchst erfolgreichen Reihe um Kommissar Kluftinger des Autorenduos Volker Klüpfel und Michael Kobr. Band neun „Himmelhorn“ wurde vor ziemlich genau einem Jahr an dieser Stelle vorgestellt, Band zehn „Kluftinger“ ist vor ein paar Wochen erschienen. Der erste expliziert als „Allgäu-Krimi“ bezeichnete Roman war allerdings „Schussfahrt“ von Nicola Förg. Und diese verhängnisvolle Schussfahrt fand, so aufgestellt sind wir noch nicht, draussen statt und nicht in einer Halle. Aber wer weiss?

PS: Schön, dass Literatur immer noch den Fremdenverkehr ankurbelt, auch Jahrhunderte nach Rousseau, Schiller und Byron. Wer sich für den Tourismus von einst und heute interessiert, wird am kommenden Wochenende die Qual der Wahl haben.
1) In Bergün an der Bahnlinie Chur – St. Moritz findet das zweite Bergfahrt Festivall statt, eine überraschende und überzeugende, vielgestaltige und vieltönende Entdeckungsreise in die Welt der alpinen Kultur. Vom 1. bis 3. Juni. www.bergfahrtfestival.ch
2) In Spiez an der Bahnlinie Bern – Interlaken bzw. Bern – Brig findet die Spiezer Tagung ’18 statt, und zwar zu diesem Thema: „Die grosse Welt kommt in die Berge. Die Entstehung des Tourismus im Berner Oberland.“ Da sprechen Fachleute über Bäder und Bahnen, über Hotels und Wilderness, über Touristen und über diese ganz besondere Form der Reisenden, die Alpinisten. Ihre Berichte von Erstbesteigungen und Erstbegehungen lesen sich oft wie Krimis. 1. und 2. Juni. www.spiezertagung.ch

Daniel Badraun: Krähenyeti. Gmeiner, Messkirch 2017, € 12.-, www.gmeiner-verlag.de
Andi Dick: Tod im Sommerloch. Panico, Köngen 2017, € 13.-, www.panico.de
Nicola Förg: Scharfe Hunde. Pendo, München 2017, € 15.-, www.piper.de
Marc Girardelli, Michaela Grünig: Mordsschnee. Emons, Köln 2017, € 12.-, www.emons-verlag.de
Marc Voltenauer: Qui a tué Heidi? Slatkine, Genève 2017, € 22.-, www.slatkineetcompagnie.com
Ralf Weber: Gipfelblut. Gmeiner, Messkirch 2017, € 12.-, www.gmeiner-verlag.de
Kaspar Wolfensberger: Gommer Sommer. Bilgerverlag, Zürich 2016, Fr. 34.-, www.bilgerverlag.ch
Katharina Löffler: Allgäu reloaded. Wie Regionalkrimis Räume neu erfinden. Transcript, Bielefeld 2017, € 45.-, www.transcript-verlag.de

Der Gärtner von Santa Caterina

Überraschende Begegnung im botanischen Garten der Einsiedelei von Santa Caterina oberhalb von Rio nell’ Elba. Die letzte von zehn Wanderungen auf der Insel.

Am Weg zum Monte Serra besuchen wir die Einsiedelei Eremo di Santa Caterina, eine Kapelle aus dem 17. Jahrhundert, Gemäuer aus dem frühen Mittelalter. Doch was uns lockt, ist der botanische Garten mit den einheimischen Pflanzen der Insel, Orto dei Semplici Elbano. Eingerichtet vom Botaniker-Ehepaar Garbari/Corsi aus Pisa. Ein stiller Ort der Einkehr, meditative Aura, gepflegte Gartenanlagen zwischen Trockenmauern, eingeteilt in Bereiche mit so poetischen Namen wie «Garten der Schmetterlinge» oder «Die heiligen Pflanzen der antiken Zivilisationen». Wir vergleichen die Blumen mit jenen, die wir auf unseren Wanderungen immer wieder angetroffen und zu bestimmt versucht haben. Zistrosen, Wegwarten, Schopflavendel, Binsenginster und endlich auch Salbei, nach dem wir immer wieder vergeblich gesucht haben.

Eintritt frei, Kollekte erwünscht. Ein älterer Gärtner glättet mit dem Rechen die Kieswege, schweigend in sich gekehrt, als beachte er die wenigen Besucher nicht. (Den Ort erreicht man nur zu Fuss.) Gelegentlich pickt er mit einem speziellen Instrument Blätter auf vom Boden auf, oder auch mal einen Papierfetzen. Dieser botanische Garten zeigt sich in perfekter Ordnung, die Pflanzen sauber beschriftet. Oberhalb der Salbeibüsche unter jungen Olivenbäumen stehen Bienenkästen in der blühenden Wiese. Honig mit von Hand geschriebenen Etiketten gibt es beim Wärterhäuschen zu kaufen. Dazu ein Produkt in kleinen Fläschen mit Pipette, Propolis. Es ist ein von Bienen gesammeltes Harz, ein altes Desinfektionsmittel zur Behandlung von Wunden und natürliches Antibiotikum, wie uns der Gärtner erklärt, der inzwischen recht gesprächig geworden ist. Wir verstehen nicht alles, kaufen aber ein Fläschchen und erfahren, dass der Gärtner seit vierzig Jahren Bienen züchtet. Zuvor sei er Radprofi gewesen, auch in der Schweiz gefahren, Tour de Romandie, Tour de Suisse, Tour de France und eine Etappe des Giro d’Italia habe er gewonnen, Parma-Savona 1969. Er gibt uns seine Visitenkarte. Ballini Roberto, Allevatore di Api regine. Züchter von Bienenköniginnen.

Dass wir auf den Monte Serra wandern wollen, direkt den Hang hinauf auf den Berg, an dem sich die Einsiedelei auf halber Höhe befindet, ein Hügel in unseren Augen, passt ihm gar nicht. Vehement will er uns zurückhalten, kein Weg sei da hinauf, und es hätten sich schon viele Wanderer verirrt. Schliesslich einigen wir uns mit ihm darauf, dass wir es versuchen und, falls es nicht geht, zurückkehren werden. Auch ziehen Nebel über den Grat, verhüllen unser Wanderziel. Wir folgen dann tatsächlich zu weit dem Weg, der von unserem Berg wegführt, finden dann dank unserem GPS-Track den Aufstieg durch Gebüsch und über Schutt und Steinplatten auf den Pfad, der uns schliesslich zum Gipfel führt. Aus dem Nebel fällt leichter Regen, so dass wir gleich weiterwandern, über den Grat, dann nach kurzer Rast hinab auf einen Pass, wo schon wieder die Sonne scheint. So dass wir weiterwandern über den Monte Strega und den Monte Campanello, auf schotterigem Weg steil direkt hinauf auf dem Grat und wieder hinunter.

Es ist ein Stück der Grande Traversata Elbana GTE, ziemlich unangenehm zum Gehen im steilen Schotter und durch die Wegführung ohne Kehren der Erosion ausgesetzt. Biker kommen uns entgegen, wir treten zur Seite, grusslos holpern sie vorbei auf diesem rollenden und kollernden Untergrund und beschleunigen die Erosion noch. Wie diese Hänge aussehen in zehn oder zwanzig Jahren mögen wir uns nicht vorstellen.

Inzwischen ist der Himmel wolkenlos, die Luft heiss. Die Gelateria am schönen Hauptplatz von Rio nell’ Elba hat noch nicht auf Saisonbetrieb umgestellt, so dass wir das Glacé dann erst unten am Hafen von Rio Marina schlecken können.