Piz Caschlegla

Der Hüttengipfel der Medelserhütte, eine einsame Tour am Morgen nach einer Lesung. Grandiose Aussicht und vielleicht eine kleine Einsicht.

30. August 2015

20150829_092439Wieder mal auf einem Piz. Es muss lange her sein, seit dem letzten. Vielleicht war’s der Piz Cavardiras dort drüben überm Tal, so um 1980 herum. Die letzte Sektions-Klettertour und die einzige, die ich je leitete. Vielleicht auch die letzte von Freund Willy, der später einem Terroranschlag zum Opfer gefallen ist. Ich denke an ihn, während ich gegen den Grat hinaufsteige, manchmal stehen bleibe, in die Runde schaue, Atem schöpfe.
Gestern Abend Lesung in der gastlichen Medelserhütte, die Sonne ging über den Bergen im Westen unter, während ich las, den letzten Text konnte ich nur noch mit knapper Not entziffern. Aber ich kenne ja die Geschichten. Ein freundliches, interessiertes Publikum. Später in der Nacht dann Vollmond, ich sass noch in der Küche beim Röteli mit den Hüttenwart- und Hüttenchefpaaren und einer Angestellten.
Am Morgen keine Wolke am Himmel, da musste ich einfach los. Die Sonne brennt schon, während ich über Wiesen, Schutt und Blockhalden dem Grat folge auf diesen Piz, den Hüttengipfel, nicht ganz 3000 Meter. Zitronengelbe und schwarze Flechten auf den kristallinen Blöcken, Vorgipfel, kurzer Abstieg an Eisenklammern. Die Kette am Hauptgipfel verpasse ich, klettere direkt über eine feste Felsstufe hinauf. Ist ja leicht. Steinmänner, ein Stecken, drüben der Tödi zum Greifen nah. Das Panorama weit, Monte Rosa, Weisshorn, Finsteraarhorn mit dem kleinen Agassizhorn, dessen Namen geändert werden soll, weil der Naturforscher Louis Agassiz ein Rassist war. Eine Angelegenheit, die heftige Emotionen weckt, wie ich auch schon erfahren habe, als ich meine Meinung zum Thema in einem Blog kundtat.
20150829_083704Der einsame Aufstieg über den Blockgrat hat mich an meinen allerersten Berg erinnert. Auch ein Piz, Piz Cazarauls, 3063 m, bei der Planurahütte. Ich war 15, mit meinem Vater zur Hütte gekommen auf unserer letzten gemeinsamen Wanderung. Er musste ausruhen und so stieg ich allein über den Grat auf den Gipfel. Ich sehe ihn dort drüben neben dem Tödi, winke hinüber. Wundere mich, wie ich Ähnliches fühlte heute, allein in dieser grossartigen Berglandschaft, Ähnliches wie am Cazarauls am Anfang meines langen Bergsteigerlebens. Es gibt also Gefühle, die immer wiederkehren. Die Wiederkehr des immer Gleichen, frei nach Nietzsche. Schwer zu beschreiben, also vielleicht so: Du bist allein auf dieser Welt, allein auf dich selber gestellt gehst du deinen Weg. Das habe ich auch mal in einem Gespräch mit einem Bundesrat gehört, der als Junge einmal Geisshirt war und sagte, er fühle sich noch immer gleich wie damals allein mit den Tieren auf der Alp.
Ich schicke ein Selfie nach Hause, schreibe meinen Namen ins Gipfelbuch dieses Piz, bevor ich absteige. Dokumentiere meinen Besuch für die Nachwelt. Man weiss ja nie. Finde nun auch die Kette, neu und an Bohrhaken befestigt. Leicht geht’s nun bergab, doch mit gebührender Vorsicht. Nur nicht stolpern, hinfallen. Bin bald in der Hütte, bekomme einen Kaffee und verabschiede mich.

Säntis

Hillary Clinton war mal auf dem Säntis und falls sie die Wahlen schafft, wird man ihr sicher dort oben eine Gedenktafel widmen. Vielleicht neben jener des Wetterwartpaares Haas, das im Winter 1922 daselbst ermordet worden ist. Dass der Säntis eine bewegte Geschichte hat, ist damit schon genügend belegt. Und dass sich Wanderungen hinauf und hinab und rundum lohnen, kann der Autor dieses Leads bestätigen. Ohne Seilbanstation und Telekom-Antenne wär’s natürlich noch schöner.

27. August 2015

Zum letzten Mal, bevor ihn die Technik bezwungen,
Zum letzten Mal sei hier der Säntis besungen.
Bald ist er ein Ort und Bahnstation,
Jedem echten Bergler zum Hohn
Steht er im Kursbuch, Seite zwanzig,
Mit Anschluss an Bern, Berlin und Danzig.
Jeder kann kommen, total besoffen,
In Seidenstrümpfen: dem Salon entloffen.
A.G. wird der Säntis, es hat sein Bewenden,
Der Säntis besteht aus Dividenden.
Ich wein‘ eine Träne, ich wein‘ eine zweite,
Die einzige Hoffnung ist eine Pleite
Der Bahn. Mit Schmieröl und Kabel
Verwünschen wir sie ins Reich der Fabel!!

Cover SäntisBitter, böse, treffend, witzig, aber auch ein bisschen nostalgisch und rückwärtsgewandt, was da ein unbekannter Dichter am 22. Juli 1935 ins Fremdenbuch des Säntisgasthauses geschrieben hat, wenige Tage vor der Eröffnung der Luftseilbahn. Mit ihr begann wieder mal ein neuer Zeitabschnitt auf dem Herrscher über „das schönste Faltengebirge der Welt“, wie der Geologe und Säntispanorama-Zeichner Albert Heim den Alpstein nannte.

Der Säntis, Kulminationspunkt des vom Appenzellerland, Rheintal und Toggenburg begrenzten Gebirges, ist der nördlichste Vorposten der Schweizer Alpen, und die anbrandenden feuchten Winde aus Nordwesten bringen Regen und Schnee in rauen Mengen. Seit 1887 besteht auf dem Säntis eine Wetterbeobachtungsstation; wie einsam und gefährlich die Arbeit früher als Wetterwart war, zeigt der 1990 entstandene Film „Der Berg“ des Schweizer Regisseurs Markus Imhoof, der auf einer wahren Begebenheit, der Ermordung des Wetterwart-Ehepaares im Jahre 1922, beruht. Noch ein paar Jahreszahlen: 1935 nahm, wie erwähnt, die Seilbahn von der Schwägalp auf den Säntis den Betrieb auf, und in den 1970er und 1990er Jahren wurde der Gipfel durch millionen- und betonschwere Fernmeldeanlagen total überbaut. In ihren Gängen kann man leicht den Überblick verlieren. Nicht jedoch beim alten pyramidenförmigen Wettergebäude (2501,9 m), dem höchsten Punkt des Säntis (abgesehen vom Sendeturm). Bei guter Sicht reicht der Blick von Deutschlands höchster Spitze über die österreichische Weisskugel und den italienischen Monte Disgrazia bis zur Schweizer Jungfrau. Wenn man am Abend dort oben steht, dann kommt fast so ein Gefühl von Weite und Einsamkeit auf wie vor mehr als 100 Jahren, als in der Gipfelnähe nur eine Schutzhütte stand (1846 erbaut).

Nun ist über den Säntis eine in jeder Hinsicht grosse Monografie von Adi Kälin erschienen, die den „König der Ostschweiz“ rundum, von oben bis unten, von innen bis aussen würdigt, mit schlüssigen und stimmungsvollen Texten, Anekdoten, Zitaten, Porträts, Gedichten und Quellen. Zahlreiche historische, teils noch nie veröffentlichte Illustrationen und aktuelle Fotos von Alessandro Della Bella rücken den unübersehbaren Berg ins rechte Licht. Er hat es auch verdient.

Fast zeitgleich mit dem illustrierten Sachbuch zum Säntis ist der Bildbandführer von Sandra Papachristos Rickenbach und Roland Gerth herausgekommen, der 30 schöne Wanderungen rund um den Säntis, im Gebiet zwischen Bodensee und Sarganserland, Rheintal und Thurgau vorstellt. Da kommt Wanderlust auf, gerade im Herbst, der jetzt beginnt. Dazu die passenden Strophen aus Vier-Jahrzeiten-Gedicht „Der Säntis“ von Annette von Droste-Hülshoff, 1844 publiziert:

Cover Säntis WandernWenn ich an einem schönen Tag
Der Mittagsstunde habe acht,
Und lehne unter meinem Baum
So mitten in der Trauben Pracht:

Wenn die Zeitlose übers Tal
Den amethystnen Teppich webt,
Auf dem der letzte Schmetterling
So schillernd wie der frühste bebt:

Dann denk’ ich wenig drüber nach,
Wie’s nun verkümmert Tag für Tag,
Und kann mit halbverschloßnem Blick
Vom Lenze träumen und von Glück.

Du mit dem frischgefallnen Schnee,
Du tust mir in den Augen weh!
Willst uns den Winter schon bereiten:
Von Schlucht zu Schlucht sieht man ihn gleiten,
Und bald, bald wälzt er sich herab
Von dir, o Säntis! ödes Grab!

Adi Kälin: Säntis. Berg mit bewegter Geschichte. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2015, Fr. 69.-
Sandra Papachristos Rickenbach, Roland Gerth: Wandern rund um den Säntis. AT Verlag, Aarau 2015, Fr. 49.95
Das ganze Säntis-Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff hier: www.lwl.org/LWL/Kultur/Droste/Werk/Lyrik/Ausgabe_1844/Saentis

Julius Payer

Hoffentlich hat sich der österreichische Bergpionier, Kartograf, Nordpolforscher und Kunstmaler Julius Payer zeitlebens politisch korrekt verhalten – eine ganze Reihe von Gipfeln, Pässen, Seen und Berghütten müssten sonst – gemäss aktuellen Tendenzen – wieder umbenannt werden. Eine neue Biografie gibt über diese Frage und auch über die Taten, Touren und nicht zuletzt auch Frauen des schönen Mannes umfassend Auskunft.

24. August 2015

Cover Payer„Allen Hindernissen trotzend treibt der Forschungs- und Wissenschaftsdrang den Menschen in immer neue unbekannte Gebiete unseres Erdballs; bald wird es keinen undurchsuchten Winkel der Meere und Länder mehr geben. Unbefriedigt, nur etwas und nicht alles zu wissen, durchschifft der kühne Seefahrer die Polar-Meere, durchzieht der Reisende die brennenden Wüsten Afrika’s wie die endlosen Urwälder Amerika’s, besteigt die höchsten Gebirge, um entweder durch die Krater in die Eingeweide der Erde zu blicken oder auf Gletscher-Wanderungen der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen und aus dem Baue und der Beschaffenheit der kolossalen Erdgerüste die Art ihrer Entstehung und Bildung, überhaupt das ‚Werden‘ zu errathen. Und überall, wohin die Märtyrer der Wissenschaft die Pfade getreten, folgen die anderen nach, diesen und nicht jenen fällt der Nutzen in den Schooss.“

So überzeugt und überzeugend begann der Erstlingsaufsatz eines Mannes, der als Bergsteiger und Kartograf, Nordpolforscher und Verfasser geografischer Grundlagenwerke sowie zuletzt als Kunstmaler Grosses leisten und berühmt werden sollte. Titel des Textes: „Eine Besteigung des Gross-Glockner von Kals aus, im September 1863“; er erschien 1864 auf elf zweispaltig bedruckten Seiten inklusive einer Tafel mit fünf Ansichten und einem Übersichtskärtchen in den renommierten „Petermanns Geographische Mittheilungen“. Autor des Beitrages: Julius Payer, geboren am 2. September 1842 im nordböhmischen Kurort Teplitz-Schönau, gestorben als Dr. Julius Ritter von Payer am 29. August 1915 im slowenischen Kurort Bled. Erstbesteiger von 59 Gipfeln in den Ortler- und Adamello-Bergen, meistens begleitet vom Johann Pinggera. Zusammen mit Carl Weyprecht Leiter der Österreich-Ungarischen Nordpolexpedition von 1872 bis 1874, bei der die damals nördlichste Landmasse entdeckt wurde, die zu Ehren des österreichisch-ungarischen Kaiser Franz-Josef-Land getauft wurde.

Der Entdecker und Erstbesteiger muss sich vor dem Monarchen aber nicht verstecken. Auf der Inselgruppe in der Arktis befinden sich Payer-Gletscher und Julius-Payer-See, in der Antarktis heisst ein Teil des Wohltat-Massivs Payer-Gruppe. Und in den Ostalpen gibt es das Payerjoch (3434 m) zwischen Königsspitze und Monte Zebrù, die Payerspitze  (3396 m) und die Cima Payer (3050 m), den Passo Payer (2985 m) und die Vedretta Payer (wenn sie noch nicht abgeschmolzen ist). Im Val di Genova liegt das „Centro di Studi Glaciologi Julius Payer“, am Ortler die 1875 eingeweihte Payerhütte (3020 m), in Sulden am Fusse des Ortlers das Drei-Sterne-Hutel „Julius Payer“. Und am Stilfserjoch tragen ein Skilift und eine Piste den Namen Payer. Ein Mann von Welt(rang), wie gesagt.

Wer den Österreicher nun näher kennenlernen möchte, seine Taten und Touren, seine Stärken und Schwächen, seine Frauen sowie seine Gemälde, greift zur neuen Biografie von Frank Berger, die das abenteuerliche Leben von Julius Payer gekonnt und mit 91 klug ausgewählten Abbildungen schildert. Besonders spannend: Die Nordpolexpedition, die fast ins Wasser bzw. ins Eis gefallen wäre. Am 20. Mai 1874 verliessen die Polarfahrer ihr festsitzendes und nicht mehr flott zu kriegendes Schiff „Tegetthoff“ mit dem zu rettenden Material und Beibooten, am 20. Juni waren erst 16 Kilometer auf dem matschigen Eis zurückgelegt, am 15. August wurde das offene Meer erreicht, tags darauf kam die Küste der unbewohnten Insel Nowaja Semlja in Sicht. Den Geburtstag des Kaisers (18. August) feierte die Expedition an Land, dann musste weiter gen Süd gerudert werden. Am 24. August schliesslich wurden Julius Payer und seine Leute in der Dunenbay bei Kap Britwin von zwei kleinen russischen Schiffen gerettet.

Frank Berger: Julius Payer. Die unerforschte Welt der Berge und des Eises. Bergpionier – Polarfahrer – Historienmaler. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2015, Euro 24.95.

Die Alpen

Albrecht von Haller reloaded. Das Buch mit dem gleichen Titel wie das berühmte Alpengedicht beleuchtet Umwelt und Politik, Gesell- und Wirtschaft zwischen Mittelmeer und Wienerwald. Gereimtes und Ungereimtes aus der Gebirgswelt in zehn spannenden, wissenschaftlich fundierten Kapiteln.

19. August 2015

Cover Die Alpen„Kein unzufriedner Sinn zankt sich mit seinem Glücke,
Man ißt, man schläft, man liebt und danket dem Geschicke.“

Hört sich gut an, nicht wahr? Ein Paradies auf Erden. Genauer: in den Bergen. Denn die beiden Zeilen, Nr. 79 und 80, stammen aus dem 1732 publizierten Lehrgedicht „Die Alpen“ von Albrecht von Haller. In 49 kunstvollen, zehnzeiligen Strophen beschreibt der Berner Universalgelehrte die Schönheit der Schweizer Bergwelt und das einfache, glückliche Leben ihrer Bewohner. Begierig und sehnsuchtsvoll lasen die Städter „Die Alpen“, und machten sich auf, den Schauplatz selbst zu sehen und zu erleben. Ob sie den streit- und hungerlosen, lieblichen Ort wohl fanden in den Bergen? Vielleicht, mit den Gedichtseiten als Scheuklappen. Denn in Wirklichkeit glich das Leben in den Alpen häufig einem mühsamen Überleben, jedenfalls für die Bewohner auf der Schattenseite der Gesellschaft.

Wer mehr dazu erfahren möchte, sollte ein ganz neues Buch aufschlagen, das so heisst wie Hallers Bestseller, dessen Inhalt freilich weniger gereimt daherkommt. Dafür macht es sich einen Reim auf die ganzen Alpen, behandelt gekonnt den Raum, geht wunderbar auf die verschiedenen Kulturen ein, verbindet geschickt die gebirgige Geschichte mit derjenigen aus dem Tiefland, beleuchtet pointiert Umwelt und Politik, Gesell- und Wirtschaft zwischen Mittelmeer und Wienerwald. Ein Werk aus einem Guss, wissenschaftlich und doch gut lesbar, die Anmerkungen und Literaturhinweise fein säuberlich hinten gebündelt. Statt zehnzeilige Strophen zehn Kapitel, von den Alpen in der europäischen Geschichte über die Lebensbewältigung unten und oben, die Hydroenergie und den Tourismus bis zur Europäisierung und Ökologisierung. Der Verfasser dieser neuen „Alpen“ heisst Jon Mathieu, Geschichtsprofessor an der Universität Luzern und Forschungsrat im Schweizerischen Nationalfonds, wohnhaft in Burgdorf an der Alpenstrasse mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Er war Gründungsdirektor des Istituto di Storia delle Alpi an der Università della Svizzera italiana und hat mehrfach über die Alpen und die Berge allgemein publiziert. Für seine Forschungen wurde er mit dem King Albert I Mountain Award ausgezeichnet.

Jon Mathieus „Die Alpen. Raum – Kultur – Geschichte“ ist ein königliches Buch mit 254 Seiten und 86 starken, genau beschriebenen Abbildungen. Den farbigen Tafelteil über die Alpen in Malerei und Gebrauchskunst vom 14. zum 20. Jahrhundert sollte man sich keineswegs entgehen lassen. Nur bei der Legende zur Panoramatapete „Vues de Suisse“ der elsässischen Manufaktur Zuber von 1804 findet sich ein kleiner Klecks: Der abgebildete Berg zeigt nicht das Matterhorn, sondern das Kleine Wellhorn oberhalb des Rosenlauigletschers im Berner Oberland, an der touristisch schon ziemlich stark frequentierten Route über die Grosse Scheidegg, die auch Albrecht von Haller vielleicht begangen, sicher aber gekannt hat. Horn und Gletscher liegen seit 2001 im Unesco-Weltnaturerbe Jungfrau-Aletsch.

„Der Alpenraum verwandelte sich seit dem 20. Jahrhundert auch in eine Landschaft von Nationalparks und Schutzgebieten. Sie machen gegenwärtig schon etwa ein Viertel der Gesamtfläche aus“, schreibt der Berner Gelehrte ganz am Schluss seines jüngsten Buches. Diese Naturparkbewegung deute an, „dass die Alpen im Vergleich zum flachen Land auch in Zukunft ein abwechslungsreicher, lebenswerter und faszinierender Raum sein werden. Trotz aller historischen Narben stehen da weiterhin mehr als achtzig Viertausender, die uns von ferne zulächeln.“

Jon Mathieu: Die Alpen. Raum – Kultur – Geschichte. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 2015. Fr. 51.90.

Die Buchvernissage findet statt am Donnerstag, 20. August 2015, um 19 Uhr in der Buchhandlung Haupt am Falkenplatz 14 in der vorderen Länggasse in Bern, fast auf halbem Weg zwischen dem Hallerdenkmal auf der Grossen Schanze und der Hallerstrasse. www.haupt.ch/Events/Jon-Mathieu-Die-Alpen.html

Und: Wer die Panoramatapete mit dem falschen Matterhorn live sehen möchte, sollte sich ins Schloss Hünegg in Hilterfingen am Thunersee aufmachen. Die Sonderausstellung „Delightful Horror“ widmet sich (inklusive Haller) der Erhabenheit der Alpen und dem frühen Fremdenverkehr im Berner Oberland (bis 18. Oktober 2015); www.schlosshuenegg.ch/museum-2/sonderausstellung/

Die Kur – The Mountain Story

Wenn ein junger Autor über ein älteres Ehepaar schreibt und das auch noch in «einer fliessenden Textur von Beschreibung, Rede und Gedanken», kann man als älterer Leser nur gespannt sein auf die Lebensbeichte in den Engadiner Bergen. Wanderungen sind offenbar oft auch Wanderungen in die eigene Vergangenheit, sei’s im Engadin oder auch in der kalifornischen Wilderness wie im zweiten besprochenen Buch.

12. August 2015

Cover Die Kur„Schau di Seen, sagt sie und streckt die Arme aus, und die Berge, und die Wälder, und das Licht, und wie schön der Himmel ist. Sie lächelt und schliesst die Augen. Ja ja, sagt er, im Wald sind wir alle gleich, als ob man das noch nie gesehen hätte, das ganze Leben haben wir in den Felsen verbracht, ein Stein ist immer noch ein Stein. Und der See, wie ein toter Fisch liegt er in der Ebene. Und plötzlich ziehen Wolken auf grau wie Schiefer, und zackbum donnert’s und hagelt’s und du wirst vom Blitz getroffen, das geht dann schnell hier oben, hier sind wir auf achtzehnhundert, und wenn du Pech hast, sind die Berge zornig und schmeissen Steine gross wie Kühe auf dich runter und demolieren dir das ganze Haus und begraben dein Hab und Gut auf ewig, von wegen Frieden in den Bergen, das sagt nur, wer im Beton aufgewachsen ist. Komm jetzt, wir gehen wieder runter und suchen die Küche. Und dieser Wind, sagt sie, der macht einen ganz leicht unter der Haut.“

Schon mal gehört, diesen so ganz speziellen Sound? Diesen Stil: eine Mischung von Hoch- und Dialektdeutsch, manchmal auch versetzt mit Rätoromanisch, eine fliessende Textur von Beschreibung, Rede und Gedanken. Ihr Verfasser ist Arno Camenisch, 1978 in Tavanasa im Bündner Oberland geboren. 2009 erschien „Sez Ner“, ein hautnaher Text über einen Hirtensommer auf der Alp Stavonas (1971 m) unterhalb des Piz Sezner, vorgestellt als eines der ersten Bücher der Woche auf www.bergliteratur.ch. Nun also sein jüngstes Werk, eben herausgekommen in seinem Hausverlag Engeler.

„Die Kur“ heisst es schlicht. 92 Seiten mit 47 Episoden eines älteren Ehepaares, das dank eines Tombola-Gewinnes ein paar Tage im Fünf-Stern-Hotel „Waldhaus-Sils“ verbringen darf – oder muss. Er mit Dächlikappe, Plastiksack und Pessimismus, sie mit Offenheit, Träumen und Optimismus. Mann und Frau, verloren in einem neuen Lebensabschnitt, wenn auch nur für ein paar Tage und Nächte, zugleich sich erinnernd an das gelebte Leben, das Schritt für Schritt hervorkommt und sich vermischt mit der ungewohnten Situation in der Hotel- und Berglandschaft des Engadins. Ganz einfach ist die Sprache, ganz einfach ist es aber nicht für die Beiden dort oben. Mit „Im tiefen Wald“ ist das letzte Bild überschrieben – ob sie da rausfinden?

Cover The Mountain StoryEine Frage, die sich ebenfalls die Hauptfiguren im zweiten Buch stellen müssen, das ich in den Sommerferien gelesen haben: „The Mountain Story“ der US-amerikanischen Schriftstellerin Lori Lansens, 1962 im Staate Michigan geboren und aufgewachsen, heute in den kalifornischen Santa Monica Mountains lebend und arbeitet. Ihr viertes Buch schildert das Überleben von vier Leuten am San Jacinto Peak (3302 m) oberhalb Palm Springs in Südkalifornien. Wolf, der eigentlich an diesem grossartigen, innig geliebten Berg sein unstetes und unglückliches Dasein beenden will, trifft zufällig auf drei Frauen (Grossmutter, Mutter und Enkelin, wie sich dann herausstellt). Er will ihnen helfen, einen geheimnisvollen See zu finden. Was wegen eines Schlechtwettereinbruchs nicht gelingt, schlimmer noch, sie verfehlen den Weg, landen sozusagen im tiefen Wald, müssen Spuren suchen, nicht nur in der Wildnis, sondern ebenfalls in ihrem bisherigen Leben. Höchst spannend, wie Lori Lansens diese unterschiedliche Wegsuche vermischt. Genaugenommen ist es eine Beichte, die der Ich-Erzähler Wolf seinem Sohn Daniel schreibt. Vater-Sohn-Gespräch am Schluss des Buches:
„Will you take me there someday?“
„To the mountain. No.“ I was emphatic.
„Do you wish you never got lost?“

Eine Frage, die sich vielleicht auch das Rentnerpaar in „Die Kur“ stellte.

Arno Camenisch: Die Kur. Engeler-Verlag, Solothurn 2015, Fr. 25.-
Lori Lansens: The Mountain Story. Simon & Schuster, London 2015, Fr. 23.90

Zeit totschlagen, aber richtig!

Es gilt als gutes Zeichen, wenn ich schreibe. Gesundheitsfördernd sozusagen. Der Weg der Besserung bietet Zeit, die nun anders genutzt werden will.

© Annette Frommherz

10. August 2015

In meiner Situation kann ich nur am Rande über Berge im eigentlichen Sinne berichten, weil auf sie zu steigen mir verwehrt ist. So verkommt der Bergblog kurzfristig zur Glosse, wofür ich mich entschuldige.
Sämtliche sportliche Aktivitäten sind wegen den Rückenbeschwerden von meinem Bewegungsplan gestrichen worden. Ersatzlos. Ich bin sozusagen zum Nichtstun verurteilt.

Aussicht vom Dent des Rosses

Aussicht vom Dent des Rosses

Lies, sagt mein Sohn, lies all die angefangenen Bücher auf deinem Nachttisch, in den verstaubten Regalen, lies sie alle endlich fertig, jetzt hast du Zeit dafür. L. rät mir, keine unnötigen Anstrengungen zu unternehmen, die Moral im Keller zu holen, die solle gefälligst selber die Treppe heraufkommen. „Sie werden von Gefühlen überwältigt und können mit dem Verstand nicht mehr viel ausrichten“, meint das Horoskop. Da liegt die Kissling goldrichtig. Die Ergänzung, es sei gut möglich, dass nun eine verflossene Liebe auftauche und mich verzücke, überlese ich bewusst. Schliesslich will ich meinen Liebsten, der sich in den Bergen vergnügt, nicht unnötig beunruhigen. Auch U.s dringenden Rat, ich solle den Magenschoner nicht vergessen, beherzige ich. Das hat mir bereits der Arzt mit erhobenem Zeigefinger beigebracht. Auch weitergehende Vorkehrungen habe ich getroffen: Die Suche nach einem Tangopartner ist vorläufig auf Eis gelegt. Ich versuche mich vermehrt in Meditation, Atemtechnik und Ablenkung; das ist rückenschonender. Die zweite U. rät mir zu Yoga, was mich nicht weiter erstaunt, weil sie es unterrichtet.
Wäsche bei der Cabane de Moiry

Wäsche bei der Cabane de Moiry


Jetzt hätte ich Zeit für Weiterbildung, meint M., sich weiterzubilden sei ein must-do. In der Zeitung, welche ich für meine weitere Bildung zur Hand nehme, lese ich, Fructose als Zusatzstoff sei der schlechteste aller Süssstoffe, aber das weiss ich bereits. Ich könnte meine Englischkenntnisse verbessern, nach alternativen Fettverbrennungs-Methoden suchen, den vielen Verschwörungstheorien nachgehen, mich mit dem Lehrplan 21 auseinandersetzen, die drastischen Auswirkungen der Gletscherschmelze studieren oder mich mit der Bundesfinanzierung des Asylwesens beschäftigen. Das alles würde meinen Allgemein-Bildungsstand enorm fördern und mich ablenken von der Tatsache, dass ich Berge nur von Ferne sehen kann.
Nun fehlen für diesen Text noch die Bilder. Die sind wichtig, denn wie ich aus verlässlicher Quelle erfahren habe, schaut mindestens einer nur die Bilder an, ohne den Text zu lesen. Und für den soll auch gesorgt sein.

Altmann

Es gibt viele Schicksalsberge auf der Welt. Matterhorn, Nanga Parbat, Mount Kenya und so weiter. Für uns ist es der bescheidene Altmann, 2436 Meter über Meer. Eine Spurensuche.

9. August 2015

IMG_5483Im Alter wandert man durch die Welt und trifft allüberall auf Spuren seiner selbst – so meint man jedenfalls. Wünscht sich, dass überall dort, wo man einst durchging, eine rote Linie die Spur markieren würde, zur ewigen Erinnerung. So gibt es auch schon Menschen, die ständig mit einer Webcam auf dem Kopf herumlaufen und ihren Lebenslauf Schritt für Schritt aufzeichnen, wozu auch immer. Doch schliesslich, wir wissen es, wird am Ende alles Staub sein, so wie es in der Bibel steht und wie uns die Pluto-Sonde New Horizons vom entferntesten Planeten des Sonnensystems in Erinnerung gerufen hat.
Also bleiben wir doch in der Nähe, sitzen auf dem Altmannsattel und schauen hinüber zu dem schönen weissen Kalkberg und erinnern uns an unseren eigenen Horizont. «Pluto» war doch auch der Spitzname des Lehrlings, dem ich als Laufbub Werkzeug an die Fräsmaschine brachte und der mich dann zum Lesen und zum Klettern verführte – ihm sei ewig Dank. Inzwischen ist er in die Ewigkeit eingegangen wie schon so viele Freunde. Jedenfalls war es im Jahr 1959, Pfingsten, als ich auf dem Altmann stand, meinem ersten Kletterberg, nach dem Schaffhauserkamin. Im Jahr darauf Westgrat, später Westgrat mit der ersten Kletterfreundin, Nordwestpfeiler, dann Ost- und Westgrat als erste Solotour. Auf dem Gipfel traf ich den Bergführer Paul Etter mit einer Gästin, das war die erste Frau von Max Eiselin und sie lobte meine blauen Socken, die ich im Versand von Eiselin gekauft hatte. Ja, es waren gute Socken, nur ein bisschen zu kurz, aber das war ja nicht so wichtig damals. Dafür lobte mich Paul, der später berühmte und tragisch verunglückte Bergführer aus Walenstadt.
Also der Altmann hatte es mir schon angetan und als ich von einem Studienkollegen hörte, er sei mit seiner Schwester über den Altmann-West geklettert, da hatte es auch die Unbekannte mir angetan. Ein Mädchen, das klettert, wow! Die erste Kletterfreundin war ja schon wieder abgetaucht. So wurde der Altmann also zu einer Art Schicksalsberg und nun sitzen wir auf dem Altmannsattel und schauen hinüber zu den schönen weissen Felsen.
IMG_5470Unter uns weidet eine Herde Steinböcke, zwei Kletterer rüsten sich aus für den Grat, der uns auch wiedermal verlocken könnten, aber heute doch nicht. Heute haben wir andere Ziele, zum Beispiel einen Kaffee in der Zwinglipasshütte, die es zu unseren Urzeiten noch nicht gab. Aber wie es so ist, die Hütte ist geschlossen.
Also weiter, Chraialp, Teselalp, und dort gibt’s dann doch einen feinen Kaffee mit beliebig viel Schnaps von der Mutter der Sennerin, die aus dem Allgäu stammt.

Plan B

Oft genug befallen mich Zweifel, ob ich in der Lage bin, höhere Mächte einfach hinzunehmen. Noch bevor ich einmal mehr darüber nachdenken konnte, wurde mir Plan B vorgelegt. Ungefragt.

© Annette Frommherz

7. August 2015

Nächtens erwachte ich und hoffte, die Schwärze der Nacht möge die Schnelligkeit der Zeit nehmen, die Hast verschlingen und die Ruhe behutsam einfangen. So lag ich wach und versuchte, die Gedanken, die sich übereinander stapelten, zu sortieren.Kunkelspass Ringelspitzhütte 07 2015 (20)
Eben noch hatten wir das pompöse Sommerwetter genutzt, um mit den Bikes über den Kunkelspass auf die Ringelspitzhütte zu fahren. Ein paar Tage später kletterte ich im Val d’Anniviers mit einem Bergführer über Grate, im Blickfeld meist den Lac de Moiry und über uns die locker dahinziehenden Wolkenfetzen. Alles war so, was ein guter Sommer sein soll. Überhaupt: Mit etwas anderem hatte ich nicht gerechnet, bis wir es uns zur Ehre des Nationalfeiertages auf einem Maiensäss gemütlich machten und nach dem Feuerwerk mein Rücken, der gute, blockierte. Wallis Val d'Annivier mit Lucas 07 2015 (8)Nichts ging mehr. Zwei starke Männer legten mich vorsichtig nieder; ich kam mir vor wie ein Käfer auf dem Rücken, nur dass ich nicht strampeln konnte. Die REGA flog mich anderntags ins Spital, wo ich im vierten Stock die Aussicht über Chur hätte geniessen können. Es war mir nicht danach.
Nun, da Plan A ausser Reichweite verschoben worden ist, schlucke ich, wieder zu Hause, zu den vorgegebenen Zeiten brav Voltaren, Dafalgan, Novalgin, Sirdalud, und wie sie alle heissen, die halbe Palette der Pharmaindustrie. Ich besuche mal wieder meine Ärztin, die mich seit dem gebrochenen Daumen nicht mehr zu Gesicht bekommen hat, und lasse mich von einem Physiotherapeuten behandeln. Ich lese endlich das Buch „Sieben Jahre in Tibet“, welches mir mein Sohn längstens und wärmstens empfohlen hat, und probe den inneren Aufstand gegen die negativen Gedanken. P1190456Auf keinen Fall will ich meine dünne Haut in Selbstmitleid hinübergleiten lassen, obwohl ich dem Ganzen (noch) keine positive Seite abgewinnen kann. Immerhin habe ich die Kletter- und Tourenwoche absagen müssen; der Liebste schliesst sich übermorgen alleine der Gruppe an. Das ist hart.
Was ich daraus gelernt habe? Plan A ist nicht immer durchführbar. Es ist nützlich, einen Plan B in der Tasche zu haben. Notfalls sogar einen Plan C, falls Plan B es sich anders überlegt.

Bergfieber

Sie hiess Lucia und man sagte, die Bergsteiger seien nur in die Sciora gekommen wegen ihrer schönen Stimme, wenn sie sang. Sicher ist jedenfalls, dass die Gastlichkeit von Berghütten nicht durch die Solaranlage und das Kompostklo geschaffen wird, sondern durch den Geist der Bewartung. Und da bringen die Hüttenwartinnen doch eine ganz besondere Note ins Gebirge, wie die Porträts von Daniela Schwegler zeigen. Warum nicht mal frische Brennesselsuppe?

29. Juli 2015

Bergfieber_Titel„Ich koch gerne frische Gerichte für unsere bis zu vierzig Gäste, das ist mir wichtig, und ich habe das Gefühl, die Leute schätzen das. Und ich staune immer, mit wie wenigen Zutaten man etwas Leckeres zubereiten kann. Ich habe ja hier nicht weiβ was für eine riesige Auswahl. Aber wir machen zum Beispiel oft Brennnesselsuppe. Das ist noch lustig, quasi etwas Frisches, das du aber gar nicht rauffliegen musst – die wachsen hier ringsherum. Dann schicke ich die Hüttengirls mit Schere und Handschuhen zum Ernten in den wilden Garten hinterm Haus. Auch Spätzli mit Brennnesseln kommen häufig auf den Tisch.“

Sagt Silvia Hurschler Bieri, Seniorenpflegerin, Kinderskilehrerin, Gründerin und Geschäftsführerin von „PB made in Engelberg“, seit einem Jahr Hüttenwartin der Spannorthütte (1956 m) im Engelbergertal. Und eine der zwölf porträtierten Hüttenwartinnen im neuen Buch von Daniela Schwegler. Ihr erstes, 2013 erschienenes Buch „Traum Alp. Älplerinnen im Porträt“ ist ein Erfolgstitel, vor kurzem kam die 4. Auflage heraus. Nun eben die Hüttenwartinnen. Frauen also, die meistens noch höher oben als die Älplerinnen Beruf und Berufung gefunden habe. Wie Anne-Marie Dolivet in der Cabane Bertol (3311 m), einem Adlerhorst scheinbar verloren in den Walliser Alpen. Oder Sarah Benz in der Konkordiahütte (2850 m), umgeben von Eis und Fels und Alpinisten, aber ebenfalls vom Mann und den beiden Kindern. Ringsum faszinierende Arbeits- und Lebensplätze, auch wenn es „nur“ die Hundwiler Höhe (1309 m) im Appenzell ist, wo Marlies Schoch, die „beste Wirtin der Nation“, seit 1971 Gäste aus Nah und Fern bewirtet.

Wie schon in „Traum Alp“ gelingt es Daniela Schwegler eindrücklich, die Frauen zu porträtieren, zu beschreiben, sie vor allem selbst zu Wort kommen zu lassen, erweitert durch Wortmeldungen von Partnern und Gästen. Das Ganze perfekt ergänzt und abgerundet durch die Farbfotos von Stephan Bösch und Vanessa Püntener. Eine Lese- und Augenschmaus, und natürlich auch einer, wenn die Hüttenwartinnen ihre Gerichte auftischen. Und das sind die Hütten, wohin wir demnächst aufbrechen sollten: Bertol, Mutthorn, Konkordia, Gauli, Trift, Spannort, Cavardiras, Fridolins, Jenatsch, Cluozza, Spitzmeilen und Hundwiler Höhe. Infos zu den Hütten und ihren Zugängen, Tourentipps und thematische Extras runden die Porträts ab.

Nochmals zurück auf die Spannorthütte der Sektion Uto des Schweizer Alpen-Clubs. Eine altehrwürdige Hütte aus der Pionierzeit. Das stille Örtchen noch draussen. Auch die Hüttenwartin muss es aufsuchen: „Wenn ich in zehn Minuten nicht zurück bin, bin ich die Treppe runtergeflogen. Es stürmt ordentlich!“ Wieder zurück, gerät sie – so schreibt Daniela Schwegler – ins Schwärmen über ihr Toilettenhäuschen. Wenn man dort drin sitze und die obere Hälfte der Tür geöffnet lasse, habe man freie Sicht auf den Titlis und aufs Engelbergertal.

Auf der Hütte oben ist das Leben faszinierend anders als im Tal. Mit „Bergfieber“ sind wir ganz nah daran. Noch näher kommen wir nur mit einem Hüttenbesuch.

Daniela Schwegler: Bergfieber. Hüttenwartinnen im Porträt. Mit 180 Farbfotos von Stephan Bösch und Vanessa Püntener. Rotpunktverlag, Zürich 2015, Fr. 38.-

Die Vernissage mit der Autorin Daniela Schwegler sowie mit dem Fotografen-Duo Stephan Bösch und Vanessa Püntener findet am Donnerstag, 30. Juli, um 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz in Bern statt. Im Gespräch mit Sarah Galatioto, Präsidentin der SAC-Sektion Bern, erzählen die drei über ihre Arbeit an dem Buch, dazu führen Lesung und Fotos hinauf auf die Hütten!

Frühstück zu zweit

Dem Glück traue ich nicht immer über den Weg, aber ich begegne ihm gerne. Wie heute Morgen, als es mich im Vorbeigehen erwischte.

© Annette Frommherz

28. Juli 2015

„Morgenstund‘ hat Gold im Mund“, sagte jeweils meine Mutter, nachdem sie sich noch vor der Morgendämmerung mit dem Kaffee an den Küchentisch gesetzt hatte. Es liegt demnach in den Genen, dass mein Sohn und ich spätabends beschlossen, am nächsten Morgen mit den Hühnern aufzustehen. Er will mit dem Bike auf den Bachtel, unseren Hausberg. Ich werde ab Oberorn den kurzen Weg unter die Füsse nehmen. Treffpunkt soll um viertel vor sechs am Bachtelturm sein. Dort wollen wir frühstücken.
Der Sohnemann ist bereits unterwegs, als ich kurz vor fünf Uhr aufstehe. Noch ist es dunkel, wie ich mit dem Auto die unbeleuchtete Strasse hügelwärts fahre. In der Schwärze leuchtet der rote Punkt des Turms, und schon bald sehe ich vor mir das blinkende Licht des Bikes. Er ist schnittig unterwegs, der Sohn, und ich rufe im Vorbeifahren ein „Guten Morgen, wir sehen uns!“ aus dem Fenster.
Bald schon schreite ich mit geschultertem Rucksack den Wanderweg hinauf; vorbei an den Rindern, die mich anschauen, als käme ich vom Mars. Komme ich nicht, liebe Rinder, ich bin nur etwas früh unterwegs, erkläre ich ihnen. Es dämmert bereits. Als ich unten auf dem Strässchen meinen Sohn erblicke, schicke ich einen Jauchzer in seine Richtung. Er wird die Augen verdrehen, ich weiss es. P1190387Der Bachtel, unser Berg. Er hat eine bescheidene Höhe und nichts an ihm ist spektakulär, und doch ist er uns von besonderer Bedeutung. Während ich den Kuhfladen ausweiche, denke ich zurück an die Jahre, in denen wir oft auf diesen Hügel gestiegen waren und wir mit jedem Höhenmeter die Sorgen hinter uns lassen konnten.
Fast zeitgleich treffen wir am Fusse des Turms ein, keine andere Menschenseele weit und breit. Der Morgen gehört ganz uns. Stark bläst der Wind auf der Plattform des Turms. Wir deuten die Orte der fernen Punkte, wo nun die Lichter erloschen sind. Dunkle Wolken treiben am Himmel dahin, nur dann und wann drängt sich ein Streifen Morgenröte dazwischen. Es braucht nicht viel für das Glück, es braucht nur diesen, unseren Augenblick.