Elsbeth, Vreneli, Indianer

Dem Tourismus im Berggebiet geht’s schlecht, stand dieser Tage in der NZZ. Da kommen diese vier Bücher gerade recht als Entwicklungshilfe, das Glarnerland mit Braunwald haben es ja besonders nötig. Auch wenn Klettersteigfreaks, Tourengänger, Literatur- und Sagenfreunde nicht das grosse Geld bringen (wie z.B. ein Ägypter jenseits des Urnerboden). Als Botschafter des regenreichen Tals sind sie allemal ein Segen.

8. August 2017

Noch einmal
Auf dem Sommerweg zum Alpmäuerlein, moosüberwachsen
Die Steine schräg abgerutscht
Vom Steinbrech mit Rosa bestickt
Zurückkehren
Die Sonne gleitet hinten den hohen Turm
Und auf meinen Händen der leichte Schatten schwer

Der Anfang des Gedichtes „Auf dem Sommerweg“. Geschrieben von der Glarner Schriftstellerin Elsbeth Zweifel, 1938 geboren in Diesbach fast ganz hinten im Glarnerland, einem Dorf eingeklemmt zwischen Schönau im Osten und Chnügrat im Westen. Und auf halbem Weg zwischen diesem Grat und dem Talboden die Hangterrasse Orenplatte. Dort oben erbaute und führte der Vater von Elsbeth ein Sommerhotel in den 1940er Jahren, dort oben wuchs sie auf, half bald auch schon mit im elterlichen Betrieb, bediente die Gäste, die von Braunwald her kamen oder mit der sehr luftigen Seilbahn hochschwebten. Nun erinnert sich die Autorin an diese Kindheit in den Bergen, kehrt mit Prosa und Poesie zurück ins Tal der Linth.

Das Glarnerland. Lesestoff und Lebensland zugleich. Die berühmteste Glarnerin dürfte das Vreneli sein. Jene märchenhafte Figur, die dem Vrenelisgärtli (2905 m) zum Namen verhalf. Diese Sage ist schon oft erzählt worden. Im Bilderbuch „Vrenelisgärtli und andere Glarner Sagen“ mit dem Text von Swantje Kammerecker und den Scherenschnitten von Estrellita Fauquex kommt sie ganz frisch und fein daher. Wer die Liebesgeschichte von Vreneli und Balz und den Gletscherspuk von Segnes und Sardona nicht kennt oder noch nie gelesen hat: jetzt anschauen und lesen.

Wer aber die Gipfel mit diesen Namen besuchen möchte, greift zum druckfrischen Hochtouren-Band aus dem Topoverlag. Im vierten Band dieser ausgezeichneten Führer (nach denjenigen zu den Berner, Walliser und Bündner Alpen) stellen Stefan Wullschleger, Daniel & Michel Silbernagel 62 Touren in Fels und Eis zwischen Monte Leone und Ringelspitz vor, darunter neun aus den Glarner Alpen. Vrenelisgärtli, Clariden und Tödi natürlich, aber auch den komplizierten Bifertenstock und die leichter zugänglichen Piz Sardona und Piz Segnas. Wie immer mit der gekonnten Mischung aus Text, Kurzinfos, aktuellen, genau datierten und wenig nötig angeschriebenen Fotos, Kartenausschnitten inkl. Wegverläufen sowie den eigentlichen Topos, wo die Routen gezeichnet und erläutert werden. Hilfreich und vorbildlich.

Wer sich hingegen mit dem Anschauen von Clariden und Vrenelisgärtli zufrieden gibt und dennoch nicht ganz auf Abenteuer und Adrenalin verzichten mag, begibt sich in die neuen Klettersteige im Glarnerland: in denjenigen zum Zingelstöckli hoch über dem Urnerboden (dieses vom Kuhglockengebimmel erschallte Hochtal gehört ja touristisch zu Glarus) und in den Indianersteig ob Netstal, der auf den hohen Turm des Gross Schlattkopfs führt. Beide Vie ferrate sind neu beschrieben in der vierten Auflage von „Die Klettersteige der Schweiz“, die Ende August/Anfang September erscheinen wird. Und hinter dem Chnügrat wartet ja noch der berühmte Braunwalder Klettersteig über die Eggstöcke.

Ob allerdings heute das zutrifft, was E. St., Mitglied der Sektion Glarus des Schweizerischen Frauen-Alpen-Club, in der Oktober-Ausgabe 1937 der Clubzeitschrift „Nos Montagnes“ schrieb, darf angesichts des Wetterberichts bezweifelt werden:

Doch seit me ja vum Glarnerland
Es sig es Regeloch,
Wem-me emal det ine gang,
Verregnis eim ja doch.

Nei, glaubet ihr mir alli nu,
Der Spruch isch gar nüd wahr,
Wenn’s Züri unde Nebel händ
Händ mir de hell und klar.

Nei, über üsers Ländli,
Lun-i gwüss nüt gu,
Wer mir nüd glaubt,
Der söll emal zu us gu luege chu.

Elsbeth Zweifel: Das Bündel Zeit. Erinnerungen an eine Kindheit am Berg. Limmat Verlag, Zürich 2017, Fr. 28.- www.limmatverlag.ch

Swantje Kammerecker (Text), Estrellita Fauquex (Illustrationen): Vrenelisgärtli und andere Glarner Sagen. Baeschlin Verlag, Glarus 2017, Fr. 32.80, www.baeschlinverlag.ch , www.lesestoff.ch

Urner, Glarner, Tessiner Alpen. Hochtouren Topoführer. 62 Touren in Fels und Eis zwischen Monte Leone und Ringelspitz. Mit Simplon und Binntal. Topoverlag 2017, Fr. 58.-, www.topoverlag.ch

Eugen E. Hüsler, Daniel Anker: Die Klettersteige der Schweiz. AT/SAC Verlag, Aarau/Bern 2017, Fr. 35.90, www.at-verlag.ch, www.sac-cas.ch

Bergkameraden

Ein altes Wort ist es, das diesen Buchtitel ziert. Frauen mitgemeint? Auf dem Umschlagfoto sitzt zwischen den Bergkameraden auch eine Bergkameradin. Hat sie die Autorin, Hochschulreferentin für Gleichstellung und Diversität, übersehen? Während der 150 Jahre, über die sie die sozialen Nahbeziehungen unter Bergsteiger/-innen verfolgt, sind Frauen im Alpinismus meist übersehen worden von den Kameraden.

6. August 2017

„Dies also ist der Gipfel! Ein flaches Schneedach, nicht viel länger als das eines Häuserblocks, aber doch zu groβ, als daβ wir von unserer Grube aus seine Ränder überblicken könnten. Dichter Nebel umstellt uns.
Mir ist, als ob ich zuviel Nebel eingeatmet hätte. Ich fühle mich matt, ein biβchen schattenhaft. Der Kamerad ist mir fern, und ich selber bin mir merkwürdig undeutlich.“

Gipfelgefühle auf der Aiguille Verte (4122 m), nach einer unvorhergesehenen Biwaknacht zuoberst im Whymper-Couloir. Festgehalten von Jürg Weiss im Bericht „Das Biwak an der Aiguille Verte“ aus dem Buch „Bergkameraden. Mitglieder des W.A.C. erzählen“, das Weiss und Oskar Hug gemeinsam 1939 im Orell Füssli Verlag herausgaben. Mit dabei in dem 1937 gegründeten Westalpen-Club, der eine Elite damaliger Alpinisten der Schweiz und angrenzender Länder versammelte, Emile R. Blanchet, Günter Oskar Dyhrenfurth, René Dittert und Marcel Kurz. Alle Bergsteiger, die Pickel und Feder gleichermassen gekonnt führten.

Um Berichte von Alpinisten geht es auch in der Publikation „Bergkameraden. Soziale Nahbeziehungen im alpinistischen Diskurs (1860–2010)“ von Wibke Backhaus, erschienen als Band 67 der Reihe „Geschichte und Geschlechter“ im Campus Verlag. Die Autorin, Referentin für Gleichstellung und Diversität der Hochschule Heilbronn, hat die deutschsprachige alpine Literatur dahin befragt, „wie soziale Nahbeziehungen ‚am Berg‘ verhandelt wurden“, so der Text auf der Buchrückseite. „Deutlich werden dabei vor allem die enorme Wandelbarkeit und der umkämpfte Charakter alpinistischer Entwürfe von Identität und Gemeinschaft.“ Weder „Bergkameraden“ noch „Klippen und Klüfte“ von Jürg Weiss wurden in den Korpus von 83 Bergbüchern aufgenommen, welche die Materialgrundlage der Arbeit von Backhaus bilden.

Die Beziehungen der Seilgefährten werden chronologisch untersucht: Vom manchmal ungleichen Verhältnis zwischen Bergführer und Gast zum Aufkommen des führerlosen Bergsteigens, von den Kameradschaftserzählungen des Dolomitenkrieges zu den Gemeinschaftsentwürfen der Bergliteratur der 1930er Jahre, von den Revisionen dieses Kameradschaftsideals in den 1950er Jahren bis zur gegenkulturellen Wende im Bergsport um 1980 und zur Kommerzialisierung im Expeditionsbergsteigen ab Ende der 1990er Jahre. Ganz schön spannend, welche Veränderungen die Bergkameraden da durchmachen – oder auch nicht. Und wie die Bergkameradin trotz aller Emanzipationsbestrebungen am Seil immer noch hinten her klettert. Nicht immer ganz leicht lesbar, nicht immer ganz fehlerfrei. Gerade der Kameradschafts- und Geschlechterdiskurs beim Sport- und Hallenklettern sowie beim Bouldern wäre ein paar Untersuchungen und Überlegungen wert; das Problem ist nur, dass die heutigen Kletterer kaum zur Feder greifen… Am Schluss des Buches hat Wibke Backhaus ein biografisches Verzeichnis von Bergsteigern und Alpinistinnen zusammengestellt, die in ihrem Buch eine Rolle spielen. Aber da fehlen ausgerechnet Christine de Colombel und Elisabeth Dabelstein, aus deren Werke oft zitiert wird.

Und noch eine Anmerkung sei erlaubt. Wenn die schicksalshafte Begegnung in der Eigernordwand am 22. Juli 1938 thematisiert wird, müssten neben der Schilderung aus dem nazi-gefärbten Buch „Um die Eigernordwand“ auch spätere berücksichtigt werden. Anderl Heckmair 1938: „Wir drückten uns herzlich die Hände und von diesem Moment an waren wir nur noch eine Seilschaft. ‘Wir werden jetzt zusammen gehen und passieren darf nichts!’ Ist es nicht wie eine Fügung? Zwei Münchener gingen einst mit zwei Österreichern in den Tod. Zwei Österreicher gehen jetzt mit zwei Münchenern in den Sieg.“ Ganz anders stellte der Münchner Heckmair diese Begegnung mit den Österreichern Kasparek und Harrer in „Die letzten Probleme der Alpen“ von 1949 dar: „Ich machte sie darauf aufmerksam, daß sie bei diesem Tempo wenig Chancen hätten, durchzukommen und riet ihnen zum sofortigen Rückzug. Kasparek hatte aber auch seinen Dickkopf. ‘Wir werden es schon packen, wenn wir auch etwas länger brauchen!’ meinte er. Es war eine heikle Minute, und unser Entschluß sehr schwerwiegend: Sollten wir an ihnen vorbei und weiter stürmen und sie, die Kameraden, ihrem Schicksal überlassen. Vörg, der weitaus gutmütigere von uns beiden, fand das erlösende Wort: ‚Es ist wohl das Beste, wir schließen uns zusammen und bilden eine Seilschaft!‘“ Im Buch „Mein Leben als Bergsteiger“ von 1972 ergänzte Heckmair gar: „Ich wollte keinen Streit anfangen, doch meine Einwilligung war ziemlich widerwillig.“

Wibke Backhaus: Bergkameraden. Soziale Nahbeziehungen im alpinistischen Diskurs (1860–2010). Campus Verlag, Frankfurt aM 2016, € 45.- www.campus.de

Wer sich für das Leben und Werk von Jürg Weiss interessiert, greift zu Emil Zopfis „Dichter am Berg. Alpine Literatur aus der Schweiz“ (AS Verlag 2009).

Gratturnen zwischen Gewittern

MeteoSchweiz: „Die Druckverteilung über Mitteleuropa ist ausgesprochen flach…“ …und die Prognose offenbar eine ziemliche Kaffeesatzleserei. Zu unserem Bergtermin Anfang Juli war die Druckverteilung eher tief und mit eher viel Feuchtigkeit in der Atmosphäre, was uns zu pass kam, mussten wir uns doch keine Blösse geben, wenn wir das Ziel reduzierten.

30. Juli 2017

Denn was wir in den Monaten vor dem Bergtermin hochtrabend zusammengeplant hatten, flösste uns nun auf einmal Respekt ein. Zu wenig waren wir im Hochgebirge gewesen, wussten ja kaum noch, was uns dort erwarten würde. Verunsichert waren wir daher, wie die Meteorologen, machten aber das Beste daraus, indem wir in einen Winkel der Alpen fuhren, in dem wir beide noch nie gewesen waren. So brachte uns der Zug nach Davos und der Daumen, vom Strassenrand vorbeifahrenden Autos entgegengestreckt, am Freitagabend schliesslich auf den Flüelapass. Kurz hinter der Passhöhe liessen wir uns absetzen und stiegen noch ein Stück hinauf, um ein Eck und zu einem ebenen Wiesenflecken, nahe eines kleinen Sees. Die Rucksäcke, gross und schwer, waren voll mit allem was man für fast alle Möglichkeiten einer zweieinhalbtägige Expedition braucht, bei der es darum geht, wechselhaftem Wetter das Beste abzuringen. Tatsächlich verdichteten sich die Wolken bedrohlich dunkel während wir das Zelt aufstellten und den Kocher in Betrieb nahmen. Es reichte aber gerade noch um die Tomatensosse zu erhitzen und mit der Polenta und ein paar hundert Gramm kleingeschnittenem Gruyère zu verrühren, um pünktlich zum Donnersignal mit dem Topf voll schmackhaftem Brei im Zelt verschwinden zu können. Später schoben wir Koch- und Essgeschirr unter der Vorzeltplane in die Spülmaschine hinaus und sanken von Regentrommeln und letztem sanften Donnerrollen eingelullt, in den tiefen Schlaf, wie man ihn so manches Mal im Gebirge geniesst.

Am nächsten Morgen sah es ganz gut aus: Staffeln kleiner, wenig hoher Wolken, die nur an den höheren Gipfeln hängen blieben, zogen über den Himmel, der dazwischen und darüber harmlos blau war. So packten wir das Seil und eine Auswahl Kletterzeug in den Rucksack und wanderten in der Morgenluft über das Steiglein zur Forcla Radönt. Von hier folgten wir dem Blockgrat in Richtung Piz Radönt, bis er sich schliesslich schärfte und wir uns anseilten. Die folgende Gratkletterei war verspielt, ein Genuss pur, überall möglich, überall fest, nirgends schwierig. Wir kletterten, legten Schlingen um Zacken und übersahen dabei beinahe ein oder zwei Bohrhaken, kraxelten, balancierten, jubilierten und erreichten gegen Zehn Uhr, viel zu früh, den Gipfel.

Weiter folgten wir dem Grat nach Westen hinab bis zu einem Abbruch mit solidem Eisenring an der Kante. Ob wir denn wirklich abseilen wollten, rief ich Felix zu, der sich eben eingehängt hatte? War da nicht etwas von „auch kletterbar, 2c“  in irgendeinem Buch oder Interneteintrag gestanden? Es machte doch gerade so Spass! Felix, den ich nun erreichte, lehnte sich hinaus und schaute. „Ja, stimmt, ich kletter weiter.“ Und schon verschwand er über die Kante hinab, auf der erst nur noch die Finger seiner Hände zu sehen und dann auch verschwunden waren. „Ok wenn, wenn ich nachkomme?“, rief ich, als das nachlaufende Seil meinen Fixpunkt erreichte. Es war ok und auch ich liess mich an grossen, festen Griffen und Tritten in die steile, hellrote Gneiswand hinab. Später erreichten wir über ein Band querend die Scharte vor den Radüner Köpfen und durch eine Verschneidung, über einen Grat und den östlichen, schliesslich den westlichen dieser beiden Gipfel.

Hier war es, halb zwölf, endlich soweit, dass wir uns guten Gewissens den Köstlichkeiten aus dem Essenssack zuwenden konnten. Die Wolkenstaffeln waren lichter und die Gipfel freier geworden. Die zwei anderen, die ausser uns heute den Piz Radönt überkletterten, kamen auch herauf und stiegen nach einer Pause gegen die Grialetschhütte ab. Uns aber schien der Tag noch lange und der Grat noch nicht zu ende. So folgten wir ihm weiter nach Westen, hinab in die folgende Scharte. Von dort wieder aufwärts wurden die Gratblöcke allerdings zunehmend kleiner und bald stiegen wir nur noch über einen Schuttrücken, an dessen höchstem Punkt die vierköpfige Steinmannfamilie des Radüner Rothorns zuhause ist. Wo der Wanderweg vom Pass auf das Schwarzhorn den Grat erreicht, deponierten wir die Rucksäcke mit Seil und Klettergeraffel, banden je eine Jacke um und steckten eine Gipfelschokolade in die Tasche. Die Wolken, die sich aus den morgendlichen Staffeln vereinzelt hatten, ballten sich in der Mittagswärme allmählich wieder zu quellenden Haufen und oben sassen wir erst einen kurzen Graupelschauer aus, ehe wir das Panorama genossen und dabei weitere Touren im für uns neuen Gebirgswinkel planten.

Beim Abstieg fielen ab und zu ein paar Tropfen, wie versprengte Herden, ohne Kraft, ohne Ziel. Als wir beim Zelt ankamen, war es aber länger trocken und machte den Anschein, als wolle es sich nun gründlicher sammeln. Diese Pause im Wettergeschehen genügte indessen für das Abendessen im Freien, eine Flasche Rosé auf die Tour und einen Spaziergang um den nahen See. Erst als wir im Schlafsack lagen, brach das gründlich gesammelte Gewitter los und wusch, das hörte man, die Töpfe diese Nacht noch sauberer. Auch leckte dann irgendwann unser altes, gut gedientes Zelt ein wenig.

Der andere Morgen war verhangen, auf der Zeltplane aber überwiegend still, und begann mit einer Unentschlossenheit darüber, was wir noch tun sollten. Klettern an den Klettergärten in der Umgebung des Passes? Auf das Weisshorn jenseits des Passes steigen? Mittags mussten wir den Bus nehmen. Wir machten so lange herum, dass es für das Weisshorn irgendwann zu spät war, bauten das Zelt ab und wanderten gegen die Passstrasse. Als wir ums Eck kamen blies feuchter, kühler Wind das Tal entlang und ich spürte wie kalt der Fels sein würde, wie ungelenk in all den Jacken und Pullovern das dennoch fröstelnde Klettern. Felix war schnell überzeugt. Nahe der Strasse deponierten wir erneut und stiegen schliesslich mit Rucksäcken, die so leicht waren dass sie uns empor hoben wie geräuschlose Rotoren, den jenseitigen Hang hinauf, sprangen hinter einer Kuppe katzenhaft über die grossen Blöcke eines Kares und erreichten den Südgrat des Weisshorns, dem wir bis auf den Gratgipfel 3020 m. folgten. Der Grat war ein Turnen über granitartige Stufen, an kleinen Kanten entlang, mal ein grosser Schritt, mal ein Stemmen zwischen Blöcken, dann wieder ein kräftiger Zug.

Der Wind, mal kühl, mal feucht, war im Steigen erfrischend, die Wolken zogen hoch und knapp über den Gipfeln dahin und wir blieben den ganzen Vormittag trocken. Am Nachmittag aber reisten wir im Prättigau in eine schwarze Regenwand hinein, glücklich über ein zwischen Gewittern gelungenes Wochenende, irgendwo in einem neuen Winkel der Alpen.

 

p.s. Dieses Mal war Felix der Fotograph.

 

Bergzauber, Wurzelspuk und Wolfsgeheul

Kreidolf, der Wolf mit der Kreide im Maul. Der Illustrator und Künstler, der Generationen von Kindern mit Alpenblumen in Menschengestalt begeisterte. Die Bernburger rufen uns erwachsenen Kindern den beinahe Vergessenen wieder in Erinnerung. Und unser Rezensent erinnert an das Alpine Museum in Bern, das hoffentlich nicht so bald dem Vergessen anheimfällt.

26. Juli 2017

Wir waten im Sumpf
Ohne Schuh und Strumpf,
Nass bis zum Rumpf,
pfitsch, pfatsch ist Trumpf.

Ein lautmalerischer Vers zum Wetter dieser letzten Juliwoche 2017 auf der Alpennordseite? Ein Politreim zum angeblich mächtigsten Mann der Welt? Sumpf und Rumpf jedenfalls passten bestens, und dass er manchmal ungewollt (oder auch gewollt) barfuss da steht, eigentlich ebenfalls. No, something else: Der Berner Maler, Dichter und Bilderbuchkünstler Ernst Kreidolf (1863–1956) verfasste die nassen Zeilen zum Bild „Sumpfblumen“ in seinem Buch „Alpenblumenmärchen“, das 1922 im Zürcher Rotapfel-Verlag erschien. Zusammen mit den 1916 entstandenen „Wintermärchen“ ist es das bekannteste Werk von Kreidolf. Unzählige Kinder, Eltern und Grosseltern erfreu(t)en sich an den Alpenblumen in Menschengestalt bzw. den Figuren als Blütenpflanzen. Wunderbar, wie elegant die wasserliebenden Blumen durch den Sumpf waten. Herzerwärmend, wie die Arnika verletzte Heuschrecken pflegt. Fast beängstigend, wie Eisenhut und Rittersporn als kriegerische Gestalten Seite und Szene beherrschen. Gezeichnete und gedichtete Geschichten, die man so schnell nicht vergisst.

Unter dem Titel „Bergzauber und Wurzelspuk“ widmen sich ein Buch und eine Ausstellung im Schloss Spiez dem Leben und Werk von Ernst Kreidolf. Er wurde 1863 als Sohn eines Kaufmanns in Bern geboren. Von 1879 bis 1883 absolvierte er eine Lehre als Lithograf in Konstanz. Ab 1883 besuchte er die Kunstgewerbeschule in München und ab 1889 die dortige Akademie der Bildenden Künste. Seinen Lebensunterhalt bestritt er damals mit dem Zeichnen von Verbrecherporträts für das „Münchener Fahndungsblatt“. Seit 1898 illustrierte er überwiegend Kinderbücher, für die er zum Teil auch die Texte selbst schrieb. 1918 siedelte er endgültig nach Bern über. Er liegt auf dem Berner Schosshaldenfriedhof begraben, wie Paul Klee, Karl Walser und Joseph Viktor Widmann.

Das neue, gediegen gemachte Buch ist der neunte Band der Schriftenreihe Passepartout, welche die Burgerbibliothek Bern herausgibt. Bei ihr ist der schriftliche Nachlass von Kreidolf aufbewahrt. Schöne Sachen sind da zu entdecken. Beispielsweise das Aquarell „Über dem Gewitter“, das einen Älpler zeigt, der ohne Schuhe auf einem Grasabsatz über dem Abgrund liegt, entspannt eine Pfeife rauchend. Unter das Bild setzte Kreidolf ein Zitat von Angelus Silesius:
„Wer über Berg und Tal und dem Gewölke sitzt,
Der achtet’s nicht ein Haar, wenns donnert, kracht und blitzt.“

Schön wär’s, sässe man dort oben. Aber gerade in Bern liegt man mitten im Gewitter. Jedenfalls im Alpinen Museum der Schweiz, das mit der Burgerbibliothek Bern durch die Kirchenfeldbrücke verbunden ist. Genau heute vor einer Woche gab das Bundesamt für Kultur (BAK) im Rahmen seiner neuen Museumspolitik bekannt, das Alpine Museum künftig nur noch mit 250’000 Franken pro Jahr statt wie bisher mit 1’020’000 Franken zu unterstützen: ein  Schnitt um 75 Prozent, der die Existenz des Hauses am Helvetiaplatz in Frage stellt. Ein ebenso unverständlicher wie nicht nachvollziehbarer Entscheid für ein Museum, das sich als nationale Institution mit dem sozusagen urschweizerischen Gut der Alpen klug und kritisch auseinander setzt, das die Welt der Schweizer Berge archiviert und modern aufbereitet. Und das in den letzten fünf Jahren deutlich mehr Publikum, eine landesweite Medienresonanz und international Anerkennung gefunden hat.

Das Alpine Museum der Schweiz und mit ihm zahlreiche Leute und Institutionen im In- und Ausland – wollen den Entscheid des Bundesamtes für Kultur so nicht hinnehmen. „Der BAK-Entscheid ist hoffentlich nicht das Ende, sondern ein Anfang“, schreiben Direktor Beat Hächler & das alps-Team in ihrem Newsletter. „Auf uns kommt in den nächsten Monaten viel Arbeit zu: Wir müssen auf verschiedenen Ebenen für die Zukunft unseres Hauses kämpfen, Allianzen schmieden und Mehrheiten finden. Viele alps-Fans haben uns in den letzten Tagen gefragt, was sie für uns tun können. Im Moment ist uns am besten damit gedient, wenn Sie auf unsere Situation aufmerksam machen. Wenn Sie Leserbriefe schreiben. Wenn Sie in ihrem Umfeld erzählen, dass das Alpenland Schweiz auch künftig ein Alpines Museum braucht: Ein Ort, wo die grossen Herausforderungen unserer Zeit auf innovative Art und Weise zum Thema gemacht werden.“

Und wenn Sie natürlich das Museum am Helvetiaplatz besuchen. Zum Beispiel die noch bis zum 1. Oktober 2016 laufende Ausstellung „Der Wolf ist da. Eine Menschenausstellung“. Geht es um den Wolf, gehen die Emotionen der Menschen bekanntlich hoch. Vermeintliche Stadtromantiker stehen „sturen Berglern“ in einer polarisierten Debatte um die Rückkehr des Wolfs auf Schweizer Boden gegenüber. Was machen wir mit dem Wolf? Was macht der Wolf mit uns?

Ernst Kreidolf hat vor gut 100 Jahren eine Antwort darauf gefunden. Auf seinem Exlibris zeichnete er seinen Namen als Wolf, der mit einem Stück Kreide im Maul die Erdkugel umkreist.

Burgerbibliothek Bern (Hrsg.): Ernst Kreidolf. Bergzauber und Wurzelspuk. Passepartout. Schriftenreihe des Burgerbibliothek Bern, 2017, Fr. 39.90, www.burgerbib.ch

Ernst Kreidolf: Alpenblumenmärchen. NordSüd Verlag 2016, Fr. 24.90. Die Originalausgabe erschien 1922 im Rotapfel-Verlag, Erlenbach-Zürich; auf zvab.com bereits ab € 46.50 zu finden.

Bergzauber und Wurzelspuk. Ernst Kreidolf und die Alpen. Die Ausstellung im Schloss Spiez versammelt Werke aus verschiedenen Schaffensperioden. Originaldokumente aus der Burgerbibliothek Bern ergänzen das Bild des Künstlers und seiner Alpenrezeption. Bis zum 8. Oktober 2017, www.schloss-spiez.ch. Vom 26.11.17 bis 25.2.2018 gastiert die Schau im Kunstmuseum Appenzell.

Nieder mit den Alpen!

Man fühlt sich an den Opernhauskrawall im Jahr 1980 erinnert. Doch diesmal befinden sich die Chaoten nicht auf der Strasse, sondern im Bundesamt für Kultur. Das Alpine Museum soll kaputt gespart werden.

25. Juli 2017

Damals ging es auch um Kulturpolitik. Millionen fürs Opernhaus, nix für alternative Kultur. «Nieder mit den Alpen! Freie Sicht aufs Mittelmeer», so klang der wohl bekannteste Schlachtruf aus jenen heissen Tagen.
Nun, die Bundesberner Kulturbürokraten wollen nicht gerade die Alpen schleifen, aber irgendwie haben sie die freie Sicht, bzw. den klaren Blick verloren mit dem Entscheid, den Bundesbeitrag ans Alpine Museum zu vierteln. Eine finanzielle Schmalkost, die das Kulturhaus in Sichtweite des Bundeshauses voraussichtlich zu Grunde gehen lässt. Zur musealen Dokumentation der Alpinen Kultur genügt offenbar das Freilichtmuseum Ballenberg.
Man müsste den Subventionen verteilenden Beamtinnen und Beamten ihre prächtige Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau tatsächlich wegschleifen. Brauchen die Alpen kein Museum, keine Dokumentationsstelle, kein aktuelles Ausstellungs- und Diskussionsforum, keinen Kulturplatz mit spannenden Events und aktuellen Interventionen? Zur Ressource Wasser zum Beispiel, zum Wolf in den Alpen.
Am kommenden 1. August werden sie wieder zelebriert und besungen, unsere Berge, Gipfel, Gletscher, «wenn der Alpen Firne sich röten». Réduit und Matterhorn, Gotthardbasis und Grimselsee, Wildheu und Alpkäse, Hannibal und Suworow. Die Alpen sind patent, wenn es um Festreden, Militärübungen, Skizirkus und Wasserzinsen geht. Oder als Magnet für Investitionen aus Ägypten, Katar oder China in touristische Megastrukturen. «Betet, freie Schweizer, betet.»
Eigentlich müssten jetzt die 140 000 Mitglieder des Schweizer Alpen-Clubs mit Seil und Pickel auf dem Bundesplatz für die Erhaltung des Alpinen Museums demonstrieren. Wie die Bauern oder die Walliser. Oder die Jungen damals vor dem Zürcher Opernhaus. Einfach, ohne Pflastersteine zu werfen oder Gülle zu verschütten.

Den Drachen besiegen

Am Balladrum stossen wir unverhofft auf eine Spur des Tessiner Sportkletterpioniers, Bergführers und Autors Luca Sganzini.

19. Juli 2017

Die Sonne heizt schon am Morgen die Wand im Wald unterhalb des Balladrum auf. Nur die linke Kante liegt noch im Schatten. Etwas abdrängend der Einstieg, dann um die Kante, leichter über einen Gneisrücken, ein versteinerter Drachenrücken. Wir haben ihn besiegt! «Sconfiggere il Drago» heisst die Route. Es ist der Titel des einzigen Buchs von Luca Sganzini, der jetzt 65 Jahre alt wäre – im November 1979 ist der Tessiner Jurist, Autor und Bergführer im Hohen Atlas beim Abseilen zu Tode gestürzt. Es war ein Schock für die Tessiner Kletterszene, war doch Luca einer der Pioniere, aktiv vor allem in den Denti della Vecchia bei Lugano, wo er aufgewachsen ist. Aber auch auf schwierigen Routen in den Dolomiten. Er war einer der Ersten, die systematisches Training im Klettersport einführten und darüber publizierte. Als Teilnehmer der ersten Tessiner Himalayaexpedition erreichte er am 18. Oktober 1978 den Gipfel des Pumori. Im September 1979 erhielt er das Diplom als Bergführer.
Freunde gaben nach seinem Tod zur Erinnerung das Buch «Sconfiggere il Drago» heraus (Edizioni Bernasconi. Agno 1983), eröffneten in den Denti eine schwierige Mehrseillängenroute mit diesem Namen. Die Familie unterstützte den Bau einer Schutzhütte in den Denti della Vecchia, die «Baita del Luca».
Unsere Route am Balladrum ist nicht so schwierig, aber vermutlich haben sie die Einrichter 1987 ebenfalls im Andenken an Luca so benannt.
Inzwischen scheint die Sonne auch um die Kante, zu heiss zum Klettern. Wir packen Seile, Expressen, Kletterschuhe und Gürtel in den Rucksack, los geht’s zum Kaffee.

Weiterlesen:
Den Drachen besiegen. In: Emil Zopfi: Dichter am Berg. AS Verlag, Zürich 2010

Plouf!

Die Sommerhitze hat unserem Alpinrezensenten offenbar so heftig zugesetzt, dass er für einmal Literatur für Bade- statt für Bergfreunde bespricht. Wobei: wer macht nach einer heissen Berg- oder Klettertour nicht gern einen Sprung ins kühle Nass! Plouf! So platscht es zum Beispiel am Lac Léman. Und auf geht’s, erfrischt zur nächsten Tour.

17. Juli 2017

«Quin ne connaît pas les vins de St-Saphorin? Mais, qui connaît les Bains Reymond ? Aussi poétiques que le village, en bordure du vignoble omniprésent à St-Saphorin. Les Bains Reymond, on les ‘déguste’, on les ‘savoure’.»

Stellte Gilbert Schopfer vor einem Vierteljahrhundert im Führer «64 Plages autour du Léman» fest. Der Genfer See ist mit 582,36 km2 der grösste See am Rande der Alpen – die Bains Reymond sind wahrscheinlich die kleinste Badi der Schweiz. Eine felsige Plattform, die ins Wasser hinausragt. Platz für vielleicht ein Dutzend Badegäste, wenn sie sich gut mögen. Ein Sprungbrett. Ein Kieselstrand für eine Mutter mit einem Kind. Zwei kleine Umkleidekabinen, halb im Bahndamm drin. Aber zwischen dem Ufer und den Geleisen noch ein kleiner Rebberg. Nicht ganz in Bahnhofsnähe, weil man von der Station St-Saphorin noch knapp zehn Minuten gehen muss.

Direkt bei einer Haltestelle hingegen befindet sich der Plage de Rivaz. Die Unterführung dient nämlich gleichzeitig als Zugang zum Strand. Wir können in den Badekleidern aus dem Zug und in den Léman steigen – und umgekehrt. Und dann zur Station Epesses weiterfahren, wo nochmals zwei offizielle Badeplätze auf uns warten. Richtung Montreux ein Kiesuferplätzli, Richtung Lausanne die Bains de Moratel, die grösste der drei Seebadis von Cully. Kiesig, grasig, grosszügig, mit Pinien wie am Mittelmeer. Warum denn in die Ferne schweifen? Ferienlektüre haben wir auch schon zur Hand: Den Roman «Samuel Belet» von Charles Ferdinand Ramuz: «‘Setzen Sie sich, da ist es angenehm.‘ Und wirklich, es war angenehm. Man sass im feinen Sand, er gab nach wie ein Federkissen. Vor uns war der See; an jenem Tag wehte die Bise, sie trieb die Wellen auf den See hinaus; es schienen gar keine Wellen zu sein, denn man sah nur ihre sanft ansteigende Fläche, erst weiter draussen kamen die Schaumkronen. Das Wasser war so blau, dass es schwarz schien.»

Ein zweites Buch passt ebenso gut: «Plouf! Une histoire de la baignade dans le Léman» von Lionel Gauthier. Die Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im «Musée du Léman» in Nyon zeichnet schön ausgelegt wie Badetücher (und ebenso farbig!) die Geschichte des Badens im Genfer See nach. Von einst, als baden und waschen noch am gleichen Uferabschnitt stattfand, bis heute, wo das Plaisir mit Action wie dem Flyboard aufgespritzt werden muss. Sonnige (und freilich manchmal auch trübe) Geschichte(n), Aufsehen erregende Illustrationen (und Badekleider) – das Buch bringt uns das Baden näher, im Léman und anderswo. Und macht natürlich Lust, mindestens eine der 121 offiziellen Badeplätze rund um den Leman zu entdecken. Hier schon mal ein paar Begriffe zum Badevokabular: barboter, patauger, faire trempette, boire la tasse, faire la planche, piquer une tête, nager et plonger.

Compris? Verstanden? Teilweise wenigstens. Wer lieber auf Deutsch schwimmt und taucht, hier ein kleiner Hinweis. Unter den Schweizer Outdoor-Publikationen ist ein neues Heft (nicht Hecht!) aufgetaucht: Bergwelten. Für deutsche und österreichische Leser gab es Bergwelten schon. Nun können damit auch die schweizerischen ihr Land neu entdecken. Die zweite Ausgabe vom Sommer 17 mit 150 Seiten widmet sich im Hauptthema dem Wandern am Wasser. 20 Touren führen zu Bergseen und Wasserfällen. Auf bzw. hinein geht’s! Platsch!

 

Lionel Gauthier: Plouf! Une histoire de la baignade dans le Léman. Éditions Glénat Suisse, Morges/Musée du Léman, Nyon, 2017, Fr. 22.90.

Musée du Léman & Aquarium à Nyon: Offen von Dienstag bis Sonntag, April-Oktober 10-17 Uhr, November-März 14-17 Uhr.
Die Ausstellung «Plouf! Une histoire de la baignade dans le Léman» ist noch bis zum 20 September 2018 zu sehen. www.museeduleman.ch
Und das Paléo Festival Nyon beginnt am 18. Juli 2017.

Bergwelten Schweiz ist am Kiosk erhältlich. Das Herbst-Heft wird am 14. September 2017 erscheinen. www.bergwelten.com

Balanceakt hoch über dem Tessin

Im Alter wird Gleichgewicht zum Problem. Sei es am Berg oder auf dem Parkett. Trainingstour für eine Tangotänzerin, 70 Jahre minus 1 Tag alt.

16. Juli 2017

Unser Führer hat seinen Rucksack vergessen. Auch das kommt vor im Alter – oder auch bei Jüngeren. So gibt’s auf der Cima di Sassello genau einen Viertel Salami und einen halben Apfel pro Person, das feine Tessinerbrot gibt’s dann zum Znacht. Nun ja, nach zwei Stunden Aufstieg bei mässiger Hitze genügt das auch für vier sportliche Oldies.

Nun aber folgt das Glanzstück der Tour. Die «Polenmauer», die sich über den Grat gegen die Forcarella hinzieht, einen guten Kilometer lang. Aus tonnenschweren trockenen Gneisplatten gefügt, die schwersten zuoberst, beidseits die Mauer überragend. Wo man diese Brocken hergeholt hat und wie auf die anderthalb Meter hohe Mauer hinaufbefördert, das können wir uns nur schwer vorstellen. Während wir über die Mauer balancieren, Fuss vor Fuss, denken wir an den Bau der Pyramiden oder der Chinesischen Mauer. Stellen uns ein Heer von Sklaven vor, das hier ameisengleich mit Flaschenzügen und Stemmeisen monatelang geschuftet hat, bei Hitze, Kälte, Regen und Sturm. Bewacht und angetrieben von Aufsehern.

Es waren keine Sklaven, sondern internierte polnische Soldaten. Gestrandet auf der Insel Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Sie bauten Strassen (450 Kilometer, unter anderem am Sustenpass), bauten oder renovierten Brücken, rodeten Alpen (zum Beispiel Meerenalp), leisteten auch sonst viel Nützliches. Welchem Nutzen allerdings dieses gewaltige Bauwerk gedient haben könnte, bleibt schleierhaft. Schutzzaun gegen Geissen oder Waldbrände? Zu beidem taugt sie wohl kaum. Vielleicht einfach Arbeitstherapie für Heimwehkranke Fremde, die man in die Einsamkeit der Tessiner Berge verbannt hatte. Alles wäre noch Gegenstand vertiefter Forschung.

Leider ist das spektakuläre Bauwerk da und dort schon am Zerfallen, wer es pflegt ist unklar. Es fehlt auch ein schlichtes Gedenktäfelchen. Das bombastische Gipfelkreuz auf dem Sassariente dient wohl anderem Zweck. Obwohl: die Polen waren ja mehrheitlich katholisch wie die Einheimischen. Unser Führer findet, die Tour sei eine der schönsten kleinen Wanderungen im Tessin. Ein Balanceakt über ein historisches Bauwerk. Manchmal ziehen wir es vor, neben der Mauer zu wandern, doch die meiste Strecke schaffen wir in luftiger Balance, manchmal mit den Händen stützend oder gar rückwärts, wenn es steil wird. Doch der Gleichgewichtstest ist bestanden, wir haben es geschafft. Ob hier schon mal jemand hinuntergefallen ist?

Zum Abschluss geht’s mit Ketten und über Stufen hinauf auf die Spitze des Sassariente, ein kleines Matterhorn mit weiter Aussicht übers Tessin und bis zum Monte-Rosa-Massiv. Dazu nochmals einen Viertel Salametti und einen halben Apfel. Das muss reichen für den steilen und ruppigen Abstieg bis ins nächsten Grotto.

Matterhorn Mania – der innere Berg

Noch ein Matterhornbuch? Hervé Barmasse kennt die «Gran Becca» wie kaum ein anderer, seine Autobiografie ist eines der persönlichsten, einfühlsamsten Bücher zum Berg der Berge – und weit darüber hinaus. Was der Berg auch sonst noch geboren hat, von der Badehose bis zum Parfum, versammelt eine Ausstellung in Sichtweite des berühmten Horns.

15. Juli 2017

„Das Matterhorn verführt und stösst ab, bezaubert und verzaubert. Das Matterhorn ist König. Es drückt sich aus, ohne ein Wort auszusprechen, und behütet seine Untertanen, ohne vom Thron zu steigen. Es zieht die Blicke auf sich wie die Cheops-Pyramide und sieht dich heranwachsen, ohne zu urteilen. Vielleicht deswegen schrieb der französische Bergführer Gaston Rébuffat, dass ein Mensch, der vor dem Matterhorn stehe, nie ein gewöhnlicher Mensch sei.
Ah, das Matterhorn! Die Hirten konnten es noch ignorieren, als sie vor 200 Jahren mit ihrem Vieh zu den Alpen hinauf stiegen, und die blumenübersäten Wiesen waren das Höchste, das sie bewohnen, sich vorstellen und wünschen konnten. Das Einzige, was nützlich und sinnvoll war.“

Schreibt einer, der das Matterhorn so gut kennt wie kaum einer. Der alle seine Grat erklettert hat, im Sommer und im Winter, in Seilschaft und alleine. Der zahlreiche neue Routen erschlossen hat, vor allem in der mächtigsten und höchsten seiner Wände, der Südwand. Der fast an seinem Fusse wohnt, im Ortsteil Servaz im Dorf und Tal Valtournanche. Schreibt aber auch einer, der die Berge der Welt kennt, von Pakistan bis Patagonien. Hervé Barmasse, geboren am kürzesten Tag des Jahres 1977, Spross einer Bergführerdynastie, selber Bergführer und Skilehrer. Als Jugendlicher war er ein vielversprechender Skirennfahrer, bis ein fürchterlicher Sturz alle Hoffnungen zerstörte. Ersatz, Trost und Herausforderung fand Hervé am Berg, vor allem an einem: dem Matterhorn, der „Gran Becca“, wie die Einheimischen auf der italienischen Südseite das Horn nennen.

Über sein kurvenreiches Leben hat Hervé Barmasse ein grossartiges Buch verfasst, das Alpinistinnen und Liegestuhlsportler, Leserinnen von Biografien und natürlich Liebhaber des Cervino ebenso anspricht. Vor zwei Jahren erschien es auf Italienisch: „La montagna dentro“. Nun liegt es auch auf Deutsch vor: „Der innere Berg. Zum Matterhorn und darüber hinaus.“ Die perfekte Sommerlektüre, weil der Autor über den Grat hinausblickt, sein Tun in der Vertikalen reflektiert, Abgründe verschiedener Art nicht scheut. Und weil er so einfühlsam die Tour aufs Matterhorn mit seiner Lebensgefährtin Grazia beschreibt.

Am schönsten lesen wir das Werk des mehrfach mit Preisen ausgezeichneten Hervé Barmasse auf der Fahrt nach Zermatt und weiter hinauf auf den Gornergrat. Denn dort oben eröffnete das Alpine Museum der Schweiz von Bern vor Wochenfrist seine zweite Ausstellung im grossen Aluzelt zwischen Bahnstation und Hotel. Die Ausstellung „Matterhorn Mania“ zeigt eine Auswahl kurioser und überraschender Konsumgüter aus der Schweiz und dem Ausland – von der Männerbadehose aus Italien und der Damenwäsche aus Frankreich über die Bierdose aus Kanada, die Zigarettenmarke aus Malaysia, die Rasiercreme aus den USA bis zum Gin aus Belgien und natürlich zur Schokolade aus der Schweiz. 30 Objekte sind ausgestellt, dazu gibt kurze Begleittexte, die „einen spannenden Einblick in die internationale Marketingseele“ geben, wie das ALPS schreibt. So lesen wir Folgendes von Sa’ood Mota, dem Gründer und Besitzer der Firma Beard Boys, die in Johannesburg das Kölschwasser Matterhorn herstellt: „Zermatt und das Matterhorn waren für mich schon immer ein Sehnsuchtsort. Obwohl manche Kunden vor dem Kauf noch nie vom Matterhorn gehört haben, fühlen sich die Leute vom Namen irgendwie angesprochen. Wonach das Matterhorn riecht? Das ist schwierig in Worte zu fassen. Sobald man den Duft aber riecht, weiss man, dass er den höchsten Gipfel repräsentiert.“

Edward Whymper würde dem sicher zustimmen. Am 1. Juli vor 152 Jahren erreichte er als Erster seiner Siebnerseilschaft den 4478 Meter hohen Gipfel.

Hervé Barmasse: Der innere Berg. Zum Matterhorn und darüber hinaus. AS Verlag, Zürich 2017, Fr. 39.80. www.as-verlag.ch

Matterhorn Mania. Eine Produkteschau. Pop up Ausstellung des Alpinen Museums der Schweiz im grossen Aluzelt auf dem Gornergrat ob Zermatt. 7. Juli bis 15. Oktober 2017, täglich 9 bis 18 Uhr, Eintritt frei. www.alpinesmuseum.ch

Murgtal

Der Kartier-Sommer des Geologen beginnt in der Stille des Frühlings. Hier bin ich mir so lange selbst überlassen, bis der Alpsommer die Welt herauf bringt und mit ihr die Relation, die sich zuvor in der Wildnis fast verlor, wieder zu Recht rückt.

10. Juli 2017

Im Murgtal komme ich mir bisweilen vor wie Gulliver im Reich der Riesen. Unterhalb der Felswände breiten sich Steinblöcke über den Talboden aus, zwischen denen ich wie eine Maus durch Spalten krieche oder mühsam um sie herumsteige. Sie sind wie Häuser, Hallen oder Türme, ohne Fenster und Türen, wie eine Stadt, die, von einer Flutwelle durcheinander gebracht, ihre Strassen verloren hat. Zwischen ihnen strömt oft Wasser von Bächen, die kein Bett zu haben scheinen und über die Brücken so selten sind, als bedürfe es eigentlich nur eines grossen Schrittes um hinüber zu gelangen. Für mich aber ist keiner von ihnen zu überspringen.

Fichten, Föhren und Arven, Erlen und Ebereschen, Alpenrosen und übermannshoher Farn überwuchern zu tausenden die grossdimensionierten Blöcke, wie Firn die Spalten eines Eisbruches überdeckt. Manchmal breche ich mit einem Bein durch Heidelbeergesträuch in eine überraschende Leere, aus der die Kühle verschütteter Gassen haucht. Dann bewahrt mich ein Fichtenjährling oder ein Föhrenzweig, an den ich mich rasch kralle, vor dem Spaltensturz in die Unterwelt. Das Labyrinth des grünen Eisbruches erscheint mir endlos und die Hitze darin drückend. Schweissüberströmt, pollenverklebt und voller Spinnweben, fluche ich mich hindurch und schöpfe doch Kraft aus der Wildnis.

Verstreut finden sich Alpen auf den Bachschuttkegeln der Seitentäler. Bachlaui, Mornen, Guflen. Noch ist es still auf ihren Triften. Im Mai treffe ich dort die Gämsen in Rudeln und auch einen Steinbock, einen alten Herrn mit riesengrossen Hörnern, der auf einem Buckel über mir steht, wie ein Fabelwesen, und sich dann mit einem Wiegen seines ungeheuer schweren Kopfes wortlos, gelassen abwendet um, über mir aufsteigend, langsam in die Höhe zu wachsen. Etwas weiter, liegt auf Schiefergeröll die Handschwinge eines Adlers, ein Trumm, eine einzelne Feder so lang wie mein ganzer Arm. Fast weckt sie Angst vor einem dunklen, drohenden Schattens über mir, der Maus.

So ist es Tag für Tag und ist doch von einem auf einen anderen plötzlich anders. Schon beim Herauffahren liegen Steine auf dem Strässchen und Kuhdung. Wo ich bisher hallend den leeren Hof der Alpe durchschritt, kläffen mir jetzt die Hunde nach, und wenig oberhalb kommt mir der Älpler entgegen. Ein junger Kerl in dunkelgrünen Gummistiefeln, einen dünnen, knorrigen Stumpen im Mund. Während wir aufeinander zugehen, mustern wir uns fünfzehn Schritte und zehn lange Sekunden lang. Unsere Blicke bohren förmlich, fragen: Was bist du für einer? Ein kurzer Gruss ist alles als unsere Schritte, die keiner von uns innehält, an der Mitte des Weges spiegelnd sich kreuzen und binnen Sekundenbruchteilen die Begegnung, alles Mustern, Bohren und unausgesprochene Fragen, abrupt vorüber ist. Er ist, stelle ich, Gulliver, befriedigt fest, sogar noch ein wenig kleiner als ich.

Nun ist es Sommer geworden im Murgtal. Schellengeläut hat das Wildwasserrauschen verdrängt, Rinder und Kühe weiden auf Guflen, auf Mornen, auf Bachlaui, die Bäche sind abgeschwollen und schmiegen sich in ihre Betten. Von Steinblock zu Steinblock überspringe ich sie, und das Land, wo immer es mir beliebt.